Auswirkungen der Kolonialherrschaft auf politische Systeme in Afrika

Aus LernWerkstatt Geschichte
Version vom 20. September 2006, 12:17 Uhr von Felix Schürmann (Diskussion | Beiträge)

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  • Autor: Helmut Bley
  • Erstveröffentlichung: Historische Identität und Entwicklungspolitik. Zur Rolle der Geschichtswissenschaft in der Politikberatung. Loccumer Protokolle 11/81. Loccum 1981, 92-117.


Die Tagung steht unter dem Thema „Historische Identität und Entwicklungspolitik“. Wenn in diesem Zusammenhang nach dem Einfluß der Kolonialherrschaft gefragt wird, dann vermute ich ein doppeltes Interesse:

1. wie weit hat Kolonialherrschaft historische Identität zerstört,
2. ob und wieviel an offener und verdeckter Kontinuität in der heutigen Politik in Afrika hat mit aus der vorkolonialen Periode herleitbaren Strukturen und Bewußtseinslagen zu tun.

Die erste Frage wird viel öfter von Afrikanern selbst gestellt, die zweite regelmäßig in Europa und den USA vor dem Hintergrund, daß Entwicklungspolitik und postkoloniale Wirtschaftspolitik nicht recht greifen, so daß sich die Vermutung einstellt, ob nicht – uns unverständliche – verdeckte Kontinuitäten eine große Rolle spielten. Vom Verständnis des realen Mischungsverhältnisses, um in der Sprache der aufgeklärten Modernisierungstheorie zu sprechen, zwischen traditioneller Herrschaft in Afrika und dem Aufstieg und der Präsenz der modernen Eliten wird Einsicht in die Hintergründe der politischen Dynamik erwartet. Es ist dies eine ältere Fragestellung. Das Kolonialsystem der Zwischenkriegszeit hatte sich bereits damit auseinanderzusetzen, weil man einerseits die moderne Elitenbildung im Interesse der Wirtschafts- und Budgetpolitik zu fördern hatte, andererseits aber zur Behinderung der modernen Nationalbewegung auf die Stabilisierung der sogenannten traditionellen Eliten setzte.

Ich persönlich bin skeptisch, ob diese Suche nach Kontinuitäten zwischen „traditioneller“ Herrschaft und „moderner“ Herrschaft für die gegenwärtige politische Analyse sehr praktisch werden wird. Sie konzentriert sich auf Kontinuitäten bei den Herrschaftseliten und tendiert dazu, die allgemeinen Rahmenbedingungen zu vernachlässigen – insbesondere die Einflüsse, die die bäuerliche Welt bestimmen, die von der Tatsache ausgehen, daß moderne Flächenstaaten gegründet wurden und daß die Dynamik der Weltmarktentwicklungen von starker, Unterschiede einebnender Bedeutung ist. Die Unterscheidung nach traditioneller und moderner Elite verkennt außerdem, daß bereits die „moderne“ Elite ihrerseits auf eine hundertjährige Geschichte zurückblickt und ebensolange, oft darüber hinaus die sogenannte traditionelle Elite ebenfalls zu reagieren hatte. Die in diesen mehr als drei Generationen enthaltenen Erfahrungen, Gruppenbildungen, regionale Akzentuierung und Verarbeitung der kolonialen und postkolonialen Herausforderungen sind für die Beeinflussung des gegenwärtigen Politikverlaufs von wesentlich größerer Bedeutung als Kontinuitäten zur vorkolonialen Situation.


Inhaltsverzeichnis

Kolonialherrschaft setzt neue Rahmenbedingungen

Als Afrika im sogenannten Scramble for Africa unter die europäischen Großmächte aufgeteilt wurde, gab es keine gravierenden europäischen Interessen in Afrika – bis auf drei Ausnahmen:

  • Es bestand das Interesse an Ägypten zur Kontrolle des Suezkanals, zur Mitbeteiligung am ägyptischen Modernisierungsversuch und zur Beeinflussung des weiteren Schicksals des Osmanischen Reiches.
  • Es entstand das starke britische Interesse, die Gold- und Diamantengebiete in Südafrika unter Kontrolle zu halten und die Bildung einer selbständigen Hegemonialmacht im südlichen Afrika zu unterbinden.
  • Die französischen Interessen an der „Siedlungskolonie“ Algerien zielten auf jenes afrikanische Land, das unmittelbares Nachbargebiet einer europäischen Großmacht war.

Daß es keine gravierenden Interessen an Afrika gab, hat mit dazu beigetragen, daß sich die Großmächte auf der Berliner Westafrika-Konferenz 1884/85 über ihre Interessenzonen in Afrika verständigen konnten. Der Kompromiß, der gefunden wurde, teilte Nordafrika in eine britische und eine französische Interessenzone auf. Die umstrittenen Gebiete vom Kongobecken bis nach Tanganyika wurden als Freihandelszone konzipiert. Großbritannien wurde freie Hand in Südafrika gelassen. Mit diesen Kompromissen waren Bündnisfragen in Europa verbunden – während der Berliner Konferenz war die französisch-deutsche Kolonialkonstellation vorherrschend, Ende der neunziger Jahre wurde der britisch-französische Interessensausgleich bestimmend. Lassen sich bei den genannten drei Beispielen zusätzlich zu den aktuellen Firmen- und Siedlerinteressen gesamtstaatliche strategische Aspekte festmachen, so ist wichtig, daß in weiten Teilen Afrikas Interessen einzelner Firmen und Missionsgesellschaften konstitutiv waren. Es waren sozusagen fragmentierte und damit auch regionalisierte europäische Interessen, die wirkten. Damit wurde auch afrikanische Kolonialpolitik außerordentlich stark regionalisiert. Über diese Tatsache darf nicht hinwegtäuschen, daß sich einzelnes Firmen- und Missionsinteresse zur Durchsetzung in Afrika tatsächliches und vermeintliches Gesamtinteresse zunutze machen konnte.

Aus dieser Kombination von regionalisiertem Einzelinteresse mit Gesamtinteressen der Kolonialmächte sind die wesentlichen Impulse für die Kolonialpolitik in Afrika zu erklären.

Was waren nun allgemeine Interessen an Afrika damals? Es lassen sich drei Hauptaspekte hervorheben: Das Einzelinteresse von Firmen, Siedlergruppen und Missionsgesellschaften konnte sich verallgemeinern, weil in der großen Weltwirtschaftskrise von 1874-1896, die eine Überproduktionskrise war, sich Hoffnungen auf große wirtschaftliche Zukunftsräume entwickelten. Dieses waren aber sehr abstrakte Hoffnungen, insbesondere als sich herausstellte, daß weder Gold noch sonstige wichtige Mineralien griffbereit lagen (die Ausnahme war Südafrika), und es den Firmen gelang, dem Staat die Kosten für die Sicherheits- und Eroberungsmaßnahmen und die Infrastrukturmaßnahmen zuzuschieben.

Mit dieser ziemlich vagen Zukunftshoffnung verband sich ebenfalls unter dem Eindruck der lang anhaltenden Krise die Kalkulation, daß sich mit einer aus Expansion und Kolonialpolitik zusammengesetzten Traumwelt propagandistisch verhindern ließe, daß sich der von der Großindustrie bedrohte Mittelstand einschließlich der Handwerker mit der rasant anwachsenden Arbeiterbewegung zu einer demokratischen Opposition zusammenschließen könnte. Es war Ablenkungspolitik, abgestützt durch überhöhte an Realitäten orientierte Erwartungen. Der dafür verwendete Fachbegriff ist: Sozialimperialismus. Afrika hat diese Erwartungen nie erfüllt. Es blieb ökonomisch ziemlich unwichtig, aber das innenpolitische Interesse am Kolonialismus hat ausgereicht, daß sich die kolonialpolitische Lobby vor 1914 den nötigen Rückhalt verschaffen konnte, um die nötige gesamtstaatliche Unterstützung für die Eroberungsmaßnahmen und die Infrastruktur durchzusetzen. Weil – jedenfalls vor 1914 – Großraumideen (das Deutsche Reich bereitete sich im Ersten Weltkrieg z.B. auf ein Mittelafrikakonzept vor) keine Bedeutung erhielten und nur Einzelinteressen wirkten, hat auch die staatliche Kolonialpolitik ein sehr auf die einzelne Kolonie spezialisiertes Gepräge erhalten. Selbstverständlich gab es zentrale Anweisungen der Kolonialverwaltungen, gab es so etwas wie einen Korps d'esprit der Kolonialbeamten, die ja auch laufend versetzt wurden, aber weil auch der jeweilige Gouverneur wegen des fehlenden übergeordneten Interesses zunächst einmal seine Kolonie mit einem möglichst geringen Budgetdefizit zu verwalten hatte, dominierten pragmatische Zielsetzungen.

Die Regionalisierung setzte sich sogar innerhalb der einzelnen Territorien durch. Die vorkolonialen Handelsbeziehungen wurden ausgeweitet. Die Geschichte der einzelnen Kolonien wurde sehr stark dadurch geprägt, ob Handelsinteressen zum Aufkauf tropischer Agrarprodukte überwogen, ob die tropische Landwirtschaft durch europäische Großplantagen geprägt wurde oder wie in Algerien, in Kenya und weiten Teilen des südlichen Afrika sich Siedlerinteressen durchsetzten. Aber auch die Voraussetzungen auf afrikanischer Seite waren prägend für den Charakter der jeweiligen Kolonie, je nachdem ob starke afrikanische politische Strukturen die Überwindung von Widerstand erschwerten oder weitreichende Zersplitterung dies erleichterte.

Einzelinteressen der Kolonialeuropäer, gouvernementale Fall-zu-Fall-Behandlung haben mit dazu geführt, daß die einzelnen Kolonien eine historische Individualität erhielten, die auch den in Kolonialkriegen besiegten afrikanischen historischen Kräften einen nicht zu unterschätzenden Spielraum von Widerstand und viele Varianten von Anpassung öffnete.

Selbstverständlich hatten diese Kolonialgründungen, auch wenn sie für die Volkswirtschaft der Kolonialmacht oder gar für die Weltwirtschaft marginal blieben, wichtige ökonomische Konsequenzen. Was für die Kolonialmacht unwichtig blieb, konnte ja für die betroffene Bevölkerung in den Kolonien existenzentscheidend werden. Die Kolonialherrschaft vertiefte den Weltmarktanschluß dieser Regionen. Dabei nahmen die auf Afrika spezialisierten internationalen Firmen die Initiative. Dort wo vorkolonialer Handel mit dem Weltmarkt von afrikanischen Mittelsmännern organisiert war, setzte sich die kapitalkräftige, durch überlegene Waffengewalt der Kolonialverwaltung begünstigte europäische Firma durch. Auch wenn es kaum ein Gebiet gab, in dem nicht mehrere internationale Firmen aktiv waren (z.B. war der deutsche Handel mit Britisch- Westafrika wichtiger als der mit den eigenen Kolonien; rivalisierten um das Kupfer in Katanga mehrere Konzerne), führte die so konsequente Begünstigung der Firmen mit Sitz in der jeweiligen Kolonialmetropole doch zu einer überwiegenden Orientierung auf das Mutterland.

Dieser Trend ist im Laufe der Kolonialzeit durch drei Großereignisse verstärkt worden. Der Erste Weltkrieg erzwang bei den Westmächten eine Mobilisierung der Reserven auch der Kolonien. In der Zwischenkriegszeit beförderte insbesondere die Weltwirtschaftskrise Konzepte von Großraumideen im Interesse der Devisenpolitik, der Ausweitung der Absatzmärkte und devisensparender Rohstoffe. Der Zweite Weltkrieg hat diese Tendenz vertieft. Dies gilt insbesondere für die französischen Kolonien Afrikas, die ja eine Machtbasis für DeGaulle waren. Für Großbritannien war Afrika Reservebasis für den Abessinienkrieg, den Aufbau der zweiten Front in Nordafrika und die Unterstützung der Burmafront. Afrika wurde, insbesondere nachdem Südostasien von den japanischen Truppen überrannt worden war, einzige sichere unabhängige Ressourcenquelle für England und Frankreich. Überall fanden Versuche statt, administrativ Großregionen zu schaffen (so Französisch-Westafrika, Britisch-Westafrika, Verstärkung der älteren siedlerorientierten Integrationsversuche zu einer Ostafrikanischen Gemeinschaft in der Zentralafrikanischen Förderation). Aus allem ist nichts geworden. Die einzelstaatlichen Interessen wurden geprägt durch regionalisierte Orientierung auf den Weltmarkt und durch einen regionalisierten afrikanischen Nationalismus.

Die Budgetinteressen der Gouverneure, die Exportinteressen der Einzelfirmen, die Eisenbahn- und Straßenführungen waren auf den Direktkontakt mit der Kolonialmacht ausgerichtet.

In Ostafrika hätte die Integration der drei Länder Kenya, Uganda, Tanganyika bedeutet, daß sich die weißen Siedler Kenyas politisch durchgesetzt hätten und der Entwicklungsvorsprung Kenyas ausgebaut worden wäre. Die Gouverneure von Tanganyika und Uganda haben den Widerstand der afrikanischen Bauernvölker die-ser Territorien vorhergesehen und Territorialpolitik betrieben. Das Völkerbunds- und UN-Mandat über Tanganyika haben diese Politik gestützt. Auch die zentralafrikanische Föderation hat die Vorherrschaft der weißen Minderheit Südrhodesiens (Zimbabwe) zementieren wollen und ist am Widerstand der afrikanischen Nationalismen in Zambia und Malawi gescheitert. Eine Ausweitung des südafrikanischen Konzepts von Siedler- und Rassenherrschaft wurde so verhindert.

In Französisch-Westafrika haben afrikanische Politiker seit ca. 1950 gesehen, daß sie für ihre Unabhängigkeitsstrategie im eigenen Lande eine sicherere Machtbasis hatten als in Einheitsgebilden. Die französische Afrikapolitik nach dem Zweiten Weltkrieg hat dies dann schließlich begünstigt, weil ein kolonialwirtschaftlicher Großraum zwar erstrebenswert, eine unabhängige afrikanische Großraumbildung indessen bedrohlich erschien. Der Einfluß ließ sich in einer Reihe kleinerer Staaten sicherer wahren.

Es gibt indessen einen weiteren äußerst wichtigen außerafrikanischen Grund, warum aus den von den Kolonialpropagandisten erträumten Großraumkolonien nichts wurde – nichts werden mußte: Seit der Zwischenkriegszeit hatte die Entwicklung der großen multinationalen Konzerne auch im Rahmen der afrikanischen Kolonialwirtschaft einen solchen kolonieübergreifenden Einfluß gewonnen, daß die Fragen der Staatsgrenzen von nachgeordneter Bedeutung wurden. Spätestens seit dem Ersten Weltkrieg wurden die letztlich mittelständischen europäischen Handelskompanien von Branchenriesen verdrängt oder aufgekauft. Die bekanntesten Fälle in Westafrika sind Unilever und Cadbury. Die Ausweitung der südafrikanischen Anglo- American-Corporation nach Süd- und Nordrhodesien, Brook Bonds im Tee- und Kaffeegeschäft Ostafrikas sowie die internationalen Minenkonsortien in Angola, Zaire, Firestone in Liberia gehörten dazu. Ähnliches vollzog sich im Bankensektor. Der Kapitalexport für die Anfänge von Verarbeitungs- und Konsumgüterindustrie begünstigte die Ausweitung der Großbanken, wie Barclays, Standard Bank und Societé Lyon. Diese Weltfirmen konnten und können unabhängig von politischen Großräumen operieren. Es besteht zweifellos ein Zusammenhang zwischen diesem internationalen Konzentrationsprozeß und der Dekolonisation, insbesondere, weil er der Offensive der amerikanischen Großfirmen zugute kam.

Was waren nun die Auswirkungen dieser regionalisierten Kolonialpolitik auf afrikanische Politik? Diese neuen kolonialen Territorialstaaten hatten aus der Perspektive afrikanischer Politik mehrere bemerkenswerte Charakteristika:

Budget- und Landfriedenspolitik der Gouverneure (die zunächst häufig militärische Eroberung bedeutete) sowie die Interessenlage der europäischen Residenten grenzten diese Territorien gegen die Nachbargebiete ab. Abgesehen von indirekter, oft verdeckter Arbeiterrekrutierung entstanden abgeschlossene Wirtschaftsund Politikräume. Den neuen Mittelpunkt von Politik bildete die Kolonialverwaltung auf zentraler und Distriktebene.

Im Konfliktfall und in Wahrnehmung neuer wirtschaftlicher Interessen war gesicherter und erfolgreicher Zugang zu dieser Kolonialverwaltung auch ein wichtiges Instrument innerafrikanischer Politik. Zweierlei hatte sich grundlegend verändert:

Die räumliche Skala von Politik hatte sich enorm ausgeweitet. Der Kolonialstaat umfaßte in der Regel einen wesentlich größeren Bereich, als auch die größeren afrikanischen Staatenbildungen des 18. und 19. Jahrhunderts behaupten konnten. Kolonialherrschaft bedeutete einen enormen Sprung hinsichtlich zumindest äußerer Integration. Außerdem war das Herrschaftszentrum aufgrund seiner militärischen und ökonomischen Absicherung durch die Kolonialmacht stabil in dem Sinne, daß nach Errichtung der Kolonialherrschaft keine rivalisierenden Machtzentren mit Aussicht auf Erfolg mehr entstehen konnten, d.h. die Integrations- und Staatenbildungsprozesse, die in Afrika unzweifelhaft vor der Kolonialzeit intensiv in Gange waren, wurden blockiert. Bei diesem älteren System konnte eine Konkurrenz, die die bäuerlichen Ressourcen besser organisieren konnte als das Nachbarvolk oder sich die Möglichkeiten des Fernhandels erfolgreicher zunutze machte oder militärische Neuerungen einbrachte, die Machtverhältnisse erheblich verändern. Mit der Kolonialherrschaft wurde das Politikzentrum von außen, von der Metropole und damit vorerst unangreifbar stabilisiert.

Alle innerafrikanische Dynamik mußte sich auf dieses neue Zentrum richten oder sich von ihm im Hinterland abzukapseln versuchen. Rückwärtige Verbindungen wurden irrelevant. War z. B. im 18. und 19. Jahrhundert Politik um den Viktoriasee herum mit Beziehungen zum Sudan und nach Zanzibar in einem Mehr-Mächte-System möglich, so hörte dies schlagartig mit der Kolonialeroberung auf, wenn es auch noch gewisse Kontinuitäten in den Handelsströmen gab. Dieses Einstellen auf das neue Zentrum ist afrikanischer Politik erst sehr allmählich gelungen. Man wird für jede Kolonie markieren müssen, wann es afrikanischer Politik gelingt, das gesamte Territorium zumindest in Koalitionen von Gruppen so zu erfassen, daß von einer umfassenden Nationalbewegung gesprochen werden kann.

Diese kolonialen Territorialstaaten waren nun selbst in großen Flächenstaaten wie Nigeria durch die Existenz der politischen Einheiten, die aus dem verstärkten afrikanischen Staatenbildungsprozeß des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgegangen waren, mitbestimmt. Insbesondere in der Anfangszeit der Kolonialherrschaft waren Kompromisse mit diesen afrikanischen Staaten und ihrer Führungselite auch nach militärischen Niederlagen dieser Staaten notwendig. Sie wurden in die administrative Struktur des neuen Staates eingebaut, aus der eigentlichen Kolonialdurchdringung zeitweise ausgeklammert, wenn es darum ging, größere Kriege zu vermeiden, oder aber Kolonialpolitik versuchte vor allem bei häufigen Thronfolgeproblemen durch Parteinahme Einfluß zu nehmen. Das heißt, innerhalb dieses neuen kolonialen Staates blieben diese historischen afrikanischen Staaten existent, zumindest im dynastischen Bewußtsein. Nicht selten blieben es Staaten im Staate, ob nun im Zuge der Durchdringung der Kolonie diese alten Staaten an den Rand des Systems gerieten, etwa weil sie im Hinterland lagen, wie so viele Staaten Westafrikas, die im Hinterland der sklavenexportierenden Küstengebiete lagen, oder aber, weil sie erst spät ökonomisch relevant wurden, wie der Norden Nigerias. Sie waren in diesen Übergangszeiten immer noch politische und ökonomische Großreiche, die auch noch unter der Kolonialherrschaft verdeckt regionale Hegemonialpolitik zu treiben versuchten oder aber politisch und ökonomisch so aus einer Hegemonialposition gestoßen waren, daß Revision dieses Zustandes von vornherein Ziel der Führungsschichten blieb. Dies konnte zu wiederholten Rebellionen in der Kolonialzeit führen, langfristig aber im Dekolonisationsprozeß durchschlagen, wenn solche ehemals staatlich organisierten Regionen feste Stimmblöcke bildeten.

Diese Kontinuitätsprobleme hatten Auswirkungen auf die Wucht der Veränderung, die die Kolonialherrschaft mit sich brachte. Zunächst sei weiter die administrative Seite behandelt. Auch hierüber sei in einem hohen Allgemeinheitsgrad berichtet, der davon absieht, daß es in der Kolonialgeschichtsschreibung lange Zeit als wesentlich galt, unterschiedliche Administrationssysteme der verschiedenen Kolonialmächte deutlich voneinander abzugrenzen. Die Bedeutung dieser Unterschiede ist in jüngster Zeit wesentlich relativiert worden, weil der kolonialpolitische Pragmatismus Systemgrenzen verwischt. Allerdings ist unverkennbar, daß sich langfristig typische bürokratische Verfahrensweisen des britischen oder französischen Systems vererbten, vor allem aber Kontinuitäten in der kulturellen Orientierung und beim Aufbau des Bildungswesens wichtig wurden. Die koloniale Administration stand vor der Aufgabe, ihre Kontrolle mit einem Minimum an Aufwand durchzusetzen. Dies erzwang die Budget- und Kapitalarmut. Sie hatte dennoch ein Minimum an Legitimität zu erreichen. Dabei waren wichtige Varianten in ein System zu integrieren. Die Gouverneure mußten in den großen, nach Hunderttausenden, wenn nicht nach Millionen Menschen zählenden afrikanischen Staaten Einfluß nehmen. Dabei sollte die Kontinuität der Institutionen gewahrt werden. Widerstand veranlaßte die Kolonialadministration aber dazu, diese Machtzentren militärisch zu besiegen. Da wurde aufgeteilt, Könige wurden hingerichtet oder verbannt, Rivalen gestürzt oder die Systeme durch gefügige Ersatzleute diszipliniert. Landund Viehabtretungen im großen Stil erschütterten die ökonomischen Grundlagen, öffentliches Land unter Kontrolle des Adels wurde zu großem Privateigentum, Tributeinnahmen wurden zur kolonialen Steuer, Regierungssubsidien erhielten den Charakter von Gehältern. In diesen Auseinandersetzungen vertiefte sich die Erfahrung von Niederlage und bereitete sich der Wille zur Restauration vor. Zur Rationalisierung von Verwaltung und klaren bürokratischen Hierarchien griff auf der entgegengesetzten Skala der politischen Systeme in Afrika – bei den sogenannten staatenlosen Völkern – die Kolonialadministration wesentlich tiefer ein. In diesen staatenlosen Gesellschaften – fast ein Drittel der afrikanischen Völker zählte dazu – bestanden nur lose, für die Europäer kaum erkennbare Zusammenhänge, die durch Clanföderationen, gemeinsame religiöse Systeme und sprachliche Nähe stabilisiert wurden. Hier suchte die Kolonialverwaltung Ansprechpartner, die ihre Zielsetzungen durchsetzen halfen. Bei sehr kleinräumigen Gruppierungen kam das Interesse hinzu, kolonialpolitisch nützliche Größenordnungen zu schaffen. Dort wurden exponiertere Clanführer plötzlich administrativ aufgewertet, Usurpatoren mit guten Beziehungen zur Kolonialmacht gefördert. Häufig wurden nach Kriterien der damaligen Ethnologie Einheiten, „Stämme“ genannt, serienweise erfunden.

Ein Schicksal war allen afrikanischen Gewalten gemeinsam: sowohl alte Führungsschichten wie neu eingesetzte oder aufgewertete mußten neue, von der Kolonialverwaltung zugeschriebene Funktionen erfüllen.

Weit über ihre von der afrikanischen Gesellschaft tolerierte oder akzeptierte Autorität hinaus mußten sie an der Arbeiterrekrutierung mitwirken, Landabtretungen organisieren, Steuern eintreiben, europäische Handelsmonopole und zumindest Kompromisse mit den christlichen Weltreligionen zulassen. Alle diese afrikanischen Gewalten mußten ihre Einflüsse überdehnen, Dinge tun, die nicht üblich waren. Sie waren letztlich durch die Kolonialarmee abgesichert. Wer sich verweigerte, konnte abgesetzt werden, Rivalen boten überdies Gelegenheit zu Machtgewinn.

Dieser Einbau der alten – und neu geschaffenen – afrikanischen Gewalten in den neuen kolonialen Staat hatte zwei wesentliche Konsequenzen, die für die Beurteilung von Politik in Afrika heute grundlegend sind und fast regelmäßig fehlinterpretiert werden:

1. Die so veränderte und abhängige afrikanische Führungsschicht wird im Interesse des kolonialen Staates und der Kolonialwirtschaft zu einer bürokratischen Instanz, die mit Zwang in die Produktionsverhältnisse der afrikanischen Bauern eingreift. Das Verhältnis von Bauer und Staat entsteht und wird straff hierarchisiert. Wie präsent der Staat bei dieser Häuptlingsschicht ist, läßt sich z.B. an der Entwicklung in Tanganyika zeigen, wo sowohl in der deutschen wie in der britischen Kolonialperiode mehr als die Hälfte der Häuptlinge gewaltsam ausgetauscht werden mußte. Nach Abzug der deutschen Truppen und vor der Ankunft der Briten während des Ersten Weltkrieges haben die afrikanischen Völker am Viktoriasee sämtliche so eingesetzten Autoritäten schlicht verjagt.
2. Die alten politischen Systeme waren in der vorkolonialen Zeit flexibel. In den Macht- und Hegemonialkämpfen, aber auch gestützt durch weitreichende Handelsnetze oder/und religiöse Systeme wurden andere afrikanische Gruppen und Völker in die Herrschaftssysteme integriert. Die Kolonialherrschaft schrieb Einflussbereiche fest. Der koloniale Landfrieden blockierte Herrschaftsbildung, wenn sie nicht den neuen Umweg über erfolgreiche Teilhabe an der Kolonialwirtschaft ging. Aus offenen politischen Systemen, die neue Gruppen – auch gewaltsam – integrierten, wurden festgeschriebene, mitunter isolierte konservative Stammeskönige. Bei den sogenannten staatenlosen Völkern wurden solche Abgrenzungen vom kolonialen Staat mit Nachdruck organisiert. Das, was in Europa mit Vorliebe als Charakteristikum Afrikas hervorgehoben wird – Tribalismus –, ist zu einem sehr wichtigen Teil eine Verhärtung ethnischer Abgrenzung und ein ausgesprochenes Kind des Kolonialismus. Es war sowohl koloniales Herrschaftsinteresse, Abgrenzungen zu fördern, als auch nachvollziehbare Reaktion, vor der Wucht der destabilisierenden Wirkung des Kolonialismus und in der Niederlage zunächst selbst Rückzug und Abgrenzung zu praktizieren, Ethnizität wurde so verstärkt. Die nationale Identität der hochorganisierten Völker wurde durch die Inkorporation in den kolonialen Staat auf eine Stammesidentität reduziert. In John Iliffes Buch Modern Tanzanians heißt ein wichtiges Kapitel The creation of tribes.

Die Kolonialherrschaft hat nicht nur Integration innerhalb der alten afrikanischen Systeme behindert, sie ist selbstverständlich auch ein eigenes System mit Integrationswirkung geworden. Wichtige Gruppen konnten sich, nach einer Übergangszeit, in der noch auf die lokalen afrikanischen Gewalten Rücksicht genommen werden mußte, im kolonialen Staate verselbständigen und auf das neue administrative Machtzentrum ausrichten. Der koloniale Staat begünstigte Minderheiten, die sich nicht in die afrikanischen Systeme integrieren mußten. Selbstverständlich war die koloniale Bürokratie eine Kaste für sich. Auch wenn politische und ökonomische Spannungen entstanden, konnte selbst in Kolonien, in der der europäische Siedler- und Kaufleute- Sektor sehr klein blieb, diese europäische Minderheit ohne Zwang zur Integration ein privilegiertes Sonderleben führen. In allen afrikanischen Kolonien entstand de facto Rassentrennung. Eine Minderheitsgruppe für sich wurden die Missionsstationen in den Kolonien und die mit ihr verbundene afrikanische Klientel, die sich deutlich jedenfalls in den Anfängen von den alten Gewalten absetzte. Am auffälligsten sind die am Klein- und Zwischenhandel beteiligten Zwischenschichten, die der koloniale Staat förderte: die Inder, Libanesen, Griechen, Brasilianer oder Afroportugiesen. Sie lehnten sich nicht mehr, wie dies in den alten Herrschaftssystemen üblich war, in den von den Königen geschaffenen gesonderten Stadtteilen der alten Städte an die alten Herrschaftsbereiche an, sondern grenzten sich von den Afrikanern ab. Schutzmacht wurde die Kolonialmacht. Die gesonderten Viertel wurden Bestandteil der nach Rassen getrennten kolonialen Stadt.

Man kann diese Tendenz zur Abgrenzung, zur Nichtintegration und zum Rassismus als Wirkung des Kolonialismus besonders stark erkennen, wenn man dies mit der Anpassungsfähigkeit dieser Gruppen in der vorkolonialen Periode und in der Anfangszeit der Kolonialherrschaft vergleicht, in der noch nicht alle machtpolitischen Entscheidungen zugunsten der Kolonialmacht gefallen waren. In dieser Zwischenperiode hatten Missionsgesellschaften Politik bei Hofe zu machen, trugen zum Aufbau einer bürokratischen Struktur, ja eines diplomatischen Dienstes bei und wurden so auch von den afrikanischen Herrschern benutzt. Afroportugiesische Plantagenbesitzer haben sich afrikanischer Clanorganisation angenähert. Es war der ausgebaute koloniale Staat, der mit der Verschiebung der Machtverhältnisse die Integration blockierte und isolierte, langfristig gefährdete Minderheiten schuf.

Bevor im folgenden die ökonomischen Aspekte behandelt werden, sollte eine Gegenüberstellung angestellt werden, die sich aus der Betonung der Integrationskraft alter afrikanischer Systeme und dem Einschnittcharakter der Kolonialzeit ergibt:

Was ist von der These zu halten, daß ein auf großflächige Integration angelegter afrikanischer Staatsbildungsprozeß, der im 18. und 19. Jahrhundert erneut beschleunigt wurde, durch die Aufteilung gewaltsam unterbrochen worden sei.

Unzweifelhaft hatte sich in einer Reihe von afrikanischen Regionen der Staatsbildungsprozeß erneuert und beschleunigt. Es ist möglich, daß wachsende Bevölkerungskonzentration, damit verbunden die stetige Verbreitung verbesserter Nutzpflanzen – darunter der Mais – vielerorts eine kritische Masse erreicht hatte, die neue politische Organisationen erforderte.

Außerdem trifft zu, daß zusätzlich zu diesem säkularen Trend wie auch im Mittelalter Afrikas militärische, religiöse und politische Innovationen verbesserte Ressourcenkopplung ermöglichten, die größere politische Einheiten begünstigten. Es ist aber zu bezweifeln, ob die Veränderungen in der Landwirtschaft revolutionär genug waren, Landverknappung eine Dichte erreicht hatte, daß wirklich die Ressourcen für umfassende Integrationsprozesse vorhanden waren. Außerdem begünstigten sowohl der Sklavenhandel des 17. und 18. Jahrhunderts als auch der Produktenhandel im 19. Jahrhundert zwar die Staatsbildung, führten aber auch zu Konkurrenzverhältnissen und zur Zersplitterung, weil von vielen Punkten der Küste aus der Weltmarkt unabhängige Zugänge eröffnete. Die afrikanischen Systeme waren damit von Anfang an der Instabilität der Weltmarktbeziehungen ausgesetzt, eine Konsolidierung war auch vor der Aufteilung Afrikas durch die Vielfalt der informellen ökonomischen Durchdringung sehr erschwert.


Besonderheiten des ökonomischen Entwicklungsprozesses

Die Kolonialwirtschaft war ein Sonderfall des Anschlusses von außereuropäischen Regionen an den Weltmarkt. In vielen Fällen ist der Weltmarktanschluß älter als die Kolonialherrschaft. Dies gilt selbstverständlich in großem Umfang für den vorkolonialen Sklavenhandel mit Westafrika und im 19. Jahrhundert für den Handel mit gesammelten und auch bereits angebauten Agrarprodukten, vorrangig Palmöl und Gummi, Rohstoffe für die beginnende Industrialisierung (z.B. als Schmierfette für Seife). Ähnliches gilt mit Verspätung für Ostafrika, wo neben dem Sklavenhandel die Gewürznelkenproduktion auf Zanzibar einsetzte und – wie auch im südlichen Afrika – der Handel mit Jagdprodukten – Elfenbein, Straußenfedern, Felle – hinzukam. Auch die weißen Siedlungskolonien waren auf den Weltmarkt ausgerichtet. Neben der Verproviantierung der das Kap umfahrenden Schiffe exportierte das Kapland Weizen und Wein. Im 19. Jahrhundert verdrängte der Schafwollexport den Weinexport. Ähnliches gilt für Algerien mit seinem Wein- und Weizenexport vornehmlich nach Frankreich. Später kamen die Zucker- und Baumwollplantagen in Natal, Angola, Ägypten und Sudan hinzu.

Was wurde nun an Besonderheiten durch die Kolonialherrschaft und Kolonialwirtschaft diesen mit dem Weltmarkt verbundenen Beziehungen hinzugefügt?

In der Anfangsphase der Kolonialherrschaft bestimmte zunächst der Raubbau – an Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, Hölzern – das Geschehen. Parallel dazu liefen die Experimente, geeignete Produkte auf Plantagen oder für die afrikanischen Bauern zu entwickeln. Diese Periode war, da schnelle Gewinne nicht in Sicht waren, durch Unterkapitalisierung der europäischen Firmen geprägt. Unterkapitalisierung und Raubbau haben Konsequenzen. Es entwickelte sich die Tendenz, durch Raubbau ohne Reinvestitionen ökonomische Wüsten zu schaffen. Da sich in Europa Booms und Depressionen abwechselten, außerdem Geschmacksrichtungen und Bedürfnisse veränderten, wechselten auch die Prioritäten der gewünschten Produkte. Überwogen zunächst neben dem Sklavenhandel Luxuswaren wie Elfenbein, Straußenfedern und Gold, folgten ihnen die pflanzlichen Fette und das Gummi. Es entstand eine regional sehr ungleichmäßige Entwicklung. Gebiete gerieten in das Scheinwerferlicht des Weltmarktes und nach Ausplünderung wieder an den Rand des Geschehens. Diese Raubbau- und Experimentierphase endete erst, als sich die Hauptexportkulturen, oft als Monokulturen auf Plantagen oder als Bauernproduktion, wirklich etabliert hatten. Dies war im Großen und Ganzen erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Fall.

Raubbau und Unterkapitalisierung sowie Experimentierphasen begünstigten Gewaltanwendung bei der Durchsetzung der wirtschaftlichen Erschließung. Das erste und ergiebigste Angriffsziel war, den afrikanischen Fernhändlern und den diese kontrollierenden aristokratischen Familien und Herrschern die Kontrolle über die Handelsrouten zu entreißen. Dies führte an vielen Stellen zu militärischem Widerstand. Wenn dieser militärische Widerstand die Firmen finanziell überforderte, riefen sie erfolgreich nach dem Staat und seinem Militär.

Der Transport der Waren, der Bau der Wege und der Aufbau von Plantagen sowie von Großbetrieben der Siedler erforderte einen enormen Arbeitskräftebedarf. Da sich die afrikanischen Bauernproduzenten auf eigene Nahrungsmittelproduktion zurückziehen konnten, oft sogar billiger als die Kolonialeuropäer für den Weltmarkt oder die Städte produzierten, so in Natal, der Transkei, in Tanzania, Ghana und Nigeria oder in Dahomey, mußte die Kolonialadministration unter ständigem Druck der Kolonial-Lobby in Europa und in den Kolonien die Zufuhr von Arbeitskräften mit Zwangsmaßnahmen, oft mit Gewalt sichern. Je nach Sicherheitslage und Einfluß der Plantagenbesitzer, Siedler, der Minenbesitzer und der auf Trägerkolonnen angewiesenen Handelsfirmen übte die Kolonialadministration Druck auf die einheimische politische Führung aus, Leute zur Verfügung zu stellen, wurden Steuern erhoben, um die Bauern in die Geldwirtschaft zu zwingen, fanden Zwangsrekrutierungen für den Wegebau statt und wurde vor allem, wo immer möglich, durch Festlegung von Kronländereien, als „Strafe“ für Rebellion, durch Begünstigung der Verschuldung Landenteignung und Landverknappung erzeugt.

Insbesondere im Umfeld der Minengebiete im südlichen und in Zentralafrika sowie im Umfeld der Plantagenregionen in Ost- und Zentralafrika entstand aus diesen gewaltsamen Anfängen von saisonaler Wanderarbeit ein sich selbst regulierendes, aber stets mit staatlicher Gewalt abgesichertes System. Arbeiterrekrutierung in großem Umfang hatte wichtige Konsequenzen: Die Kolonien zerfielen in Rekrutierungs- und Beschäftigungsgebiete. Der moderne Agrarexportsektor (Cash-crop-sector) wurde zu einer Zone relativer ökonomischer Entwicklung – wenn auch oft mit sehr einseitiger Ausrichtung.

In den Rekrutierungsgebieten entwickelten sich aus drei Gründen drastische Unterentwicklungseffekte. Sie blieben außerhalb der cash-crop-Produktion. Es entstand kein Zusatzeinkommen, Reinvestitionen in die Landwirtschaft blieben aus, und die Infrastruktur wurde vernachlässigt. Auch der Ausbau des Bildungswesens konzentrierte sich auf die cash-crop-Gebiete.

Insbesondere wenn über zehn Prozent der Bevölkerung in die Wanderarbeit einbezogen wurden – d.h. oft über 25 Prozent der aktivsten männlichen Jahrgänge aus diesen Gebieten abgezogen waren -, wurde die Innovationsfähigkeit dieser Gebiete nachhaltig und über Generationen geschwächt. Außerdem ließ häufig die Nahrungsmittelproduktion für den Markt nach, weil Arbeitskraft und Arbeitszeit zu einseitig auf die cash-crop-Produktion ausgerichtet waren. Im Endausbau eines solchen Systems, mit dessen Krise wir es gegenwärtig zu tun haben, wurden dann ehemalige Nahrungsüberschußgebiete Nahrungsmittelimporteure. Die Vernachlässigung und Verarmung ganzer Regionen behinderte den binnenwirtschaftlichen Austausch und verstärkt die Außenabhängigkeit.

Die neuere Kolonialgeschichtsschreibung stellt für wichtige afrikanische Regionen mit Bezug auf diesen Zusammenhang fest, daß durch die Störungen der frühen Kolonialzeit mit ihrem Raubbau und Gewaltanteil in den neunziger Jahren eine ökologische Krise größeren Stils zumindest begünstigt wurde. Viehseuchen verbreiteten sich, der Tsetsefliegengürtel weitete sich aus, es kam vorübergehend zu Bevölkerungsrückgang. Markanteste – auch ökologische – Krisenherde, insbesondere wenn Bodenüberlastung hinzukommt, sind dementsprechend die Hinterländer der Bergbauzentren im südlichen Afrika. Dort wo Siedler- und Plantageninteressen vorherrschten – so in Kenya, Algerien, Südafrika, Rhodesien -, wurden die Versuche afrikanischer Bauern, sich am Export für den Weltmarkt zu beteiligen, mit Gewalt blockiert, verbunden mit Landenteignung und ökonomischer Diskriminierung (Kreditwesen, Infrastruktur).


Kolonialherrschaft und Absicherung des Vorsprungs für europäische Firmen

Das Übergewicht der europäischen Ex- und Importhändler auch im internationalen Transportsystem sowie die einflußreiche Position der Plantagen- und Siedlerlobby bekam eine große historische Bedeutung dadurch, daß die Experimentierphase der europäischen tropischen Landwirtschaft und ihres Vermarktungssystems politisch und militärisch sowie durch eine Vielzahl ökonomischer Vergünstigungen abgesichert wurde. So konnten sich viele Kolonialfirmen Monopole sichern, Konzentrationsprozesse organisieren und Rezessionen mit geringem Kapitalaufwand überleben, die das Aufkommen einer insbesondere in Westafrika, aber auch in Zanzibar und Mombasa vorhandenen afrikanischen Händler- und Produzentenschicht schwer behinderte. Als dann im Verlaufe des Ersten Weltkrieges und in den zwanziger Jahren die großen multinationalen Firmen in dieses System eindrangen, waren die damals verspätet entstehende afrikanische Händlerschicht und das enstehende kommerzielle Bauerntum sowie afrikanische Transportfirmen zu schwach, um diesem strukturellen Vorsprung kräftige, quasi nationalwirtschaftliche Lösungen entgegenzusetzen. Das soll nicht heißen, daß die multinationalen Konzerne wegen der Kolonialherrschaft entstanden sind – ihre Wurzeln liegen im Industrialisierungsprozeß in Europa und insbesondere in den USA. Aber daß sie sich in zunächst marginalen tropischen Agrargebieten direkt etablieren konnten – im Schutze der Kolonialherrschaft –, begründet die besondere Schwäche der afrikanischen kommerziellen Eliten.


Politische Folgen der regionalen Unterentwicklung

Die Zweiteilung in cash-crop-Gebiete bzw. Minenenklaven einerseits und in Hinterländer – zum Teil reservatähnliche Armengebiete mit besonders empfindlicher ökologischer Balance – andererseits, bedeutet für die Integrationsfähigkeit der neuen postkolonialen Staaten eine erhebliche Belastung für den sozialen und nicht selten auch für den inneren Frieden. Erschwerend kommt hinzu, daß die sozialen Gegensätze sich als Gebietsgegensätze darstellen und deshalb auch die Gegensätze zwischen einzelnen afrikanischen Völkern oder Volksgruppen steigern. Im Rahmen der ungleichmäßigen kolonialwirtschaftlichen Entwicklung und belastet durch die kolonialpolitischen Eingriffe in das ältere politische afrikanische System entwickelt sich in den Vielvölkerstaaten oder Vielvölkergesellschaftan Afrikas ein regionaler entwicklungspolitischer Gegensatz. Diesen regionalen Entwicklungs-Vorsprung zu verteidigen oder einzuholen, bedeutet für postkoloniale afrikanische Innenpolitik, um die Zentrale zu kämpfen. Der Kampf um die zentrale politische Macht enthält deshalb stark regionalistische Züge. Was heute häufig in Europa als tribalistische Zersplitterung afrikanischer Innenpolitik verstanden wird, ist – so borniert lokalpolitisch es oft praktiziert werden mag – Regionalpolitik, und diese Regionalpolitik ist auf das Zentrum ausgerichtet. Hinzu kommt, daß für jedermann in Afrika – auch für die städtischen Eliten – die letzte Quelle sozialer Sicherheit in Abwesenheit zentraler sozialer Sicherheitssysteme und gesicherter Vermögensbildung aus industrialisiertem Produktivkapital der Rückgriff auf die Nutzungsrechte an Land und Clanbeziehungen in der Heimatregion ist. Diese Regionalisierung von Politik im neuzeitlichen Staat ist indessen keine afrikanische Spezialität. Die Geschichte des europäischen frühneuzeitlichen Staates ist maßgeblich aus der Spannung hervorgewachsen, daß feudale Teilgewalten regionale Autonomie verteidigten und zugleich oft zulasten anderer Teilgewalten sich als neue Staatselite im Zentrum der Macht etablieren konnten. In einer Vielzahl von Kriegen, Heiratsallianzen und Veränderungen der Rechtslage unter Ausnutzung ökonomischer und militärischer Machtmittel hat sich die europäische Staatenwelt bis ins 19. Jahrhundert hinein entwickelt. Das Besondere am Kolonialismus ist, daß diese Integration fast ohne Mitbeteiligung der afrikanischen Führungsschicht von außen herangetragen wurde und offene Integrationsformen blockiert wurden. Die Region blieb um so mehr die eigentliche Szene afrikanischer Innenpolitik.

Wie hat sich nun der Kolonialismus auf die Strategien afrikanischer Eliten ausgewirkt? Die alten politischen Gewalten, aber auch die vom Kolonialismus erfundenen eingesetzten abhängigen Häuptlinge und ihre Berater gerieten in eine Existenzkrise, als sie, durch Kollaboration mit der Kolonialmacht belastet, von einer neuen Schicht mit schließlich antikolonialer Spitze bedrängt wurden. Die Angestellten der Firmen und Kolonialadministration, Lehrer, Kleinhändler, Vorstände der Bauerngenossenschaften und Gewerkschaftler waren in ganz anderem Umfang auf die Zentrale, das gesamtstaatliche System ausgerichtet und durch bildungspolitische Vorsprünge und ökonomische und administrative Erfahrungen vorbereitet. Zweifellos gehört auch ein gut Teil der Häuptlingsschaft hinzu, die oft, begünstigt durch die Kolonialregierungen, besonderen Zugang zu den Bildungseinrichtungen hatten und auch an der Kolonialwirtschaft partizipieren konnten. In diesen Funktionen wurden sie Bestandteil der modernen Elite, aber in ihrer Häuptlingsfunktion verloren sie durch übergroße Nähe zur Kolonialherrschaft und autokratische Abgrenzung gegenüber den Mitbestimmungsansprüchen der neuen Elite doch meist die politische Zukunft. Die Beschränkung auf die regionale Basis trug dazu bei.

Wie reagierte nun die neue Mittelklasse auf den kolonialen Staat? Politik konzentrierte sich von vornherein auf das neue Zentrum. Zunächst ging es um die Bekämpfung der beruflichen Diskriminierung vor allem der Regierungsangestellten. Sie fühlten sich als Elite und wurden aus der Elite der Kolonialeuropäer ausgeschlossen. Der Kampf um die Diskriminierung und um die Position im Zentrum der Kolonie konnte sich als Nationalismus formulieren – nicht selten zunächst über den Umweg eines panafrikanischen Nationalismus. Dieser Nationalismus stand dabei nicht im Widerspruch zur regionalen Identität. Denn zugleich verlangte das Zusammenleben in den neuen städtischen Konglomeraten, die landsmannschaftlichen Beziehungen auszubauen. Die so offenkundige künstliche Konstruktion der Kolonie wurde trotz allem Regionalismus in Richtung auf einen Quasi-Nationalstaat vorangetrieben.

Dieser Anspruch der neuen afrikanischen Elite wurde durch den Verlauf der Kolonialgeschichte stark abgestützt. Der koloniale Staat kam aus der Legitimitätskrise in der gesamten Periode nicht heraus. Die überlange Raubbau- und Experimentierphase erneuerte ständig das Bewußtsein von Gewalt und Fremdherrschaft. Die systematische Diskriminierung der Eliten und der einheimischen Produzenten verstärkte dieses Bewußtsein. Eine fast ununterbrochene Krisenwelle seit dem Ersten Weltkrieg mit den Krisenphänomenen der Kriegswirtschaft und verstärkter Staatsintervention im Interesse der Kriegsanstrengungen der Alliierten, einer schweren Nachkriegsphase 1920/22, nach wenigen Jahren der Erholung die große Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1938 und die erneuten Belastungen des Zweiten Weltkrieges haben bei allem Wachstum der cash-crop-Produktion und der Minen Enttäuschung über die Folgen des Kolonialismus hervorgebracht. Diese Enttäuschung wurde durch zwei Phänomene verschärft: Die ständigen – nur zu oft erfolglosen – administrativ durchgesetzten Agrarexperimente, Marktregulierungen, Arbeitskräfterekrutierungen haben die Bauernschaft am Sinn staatlicher Intervention zweifeln lassen – ein Erbe, das bis heute nachwirkt. Die kommerziellen Eliten, die sich eine ökonomische Zukunft durch Teilhabe am Wachstum versprochen hatten, sahen sich durch die Übermacht der Konzentrationsprozesse um ihre Zukunft betrogen, die administrative Elite sah sich durch die restriktive Beschäftigungspolitik in Krisen- und Kriegszeiten verunsichert. Auch das internationale Umfeld trug zu dieser Legitimationskrise der alten Kolonialmächte bei. Zwei Weltkriege hatten die internationale Position und den Nimbus in Afrika geschwächt. Die Fernwirkung der russischen Revolution, der Indischen Entwicklung, die Kompromisse Großbritanniens mit den weißen Dominions, die Kompromisse des exilierten DeGaulle mit dem frankophonen Afrika außerhalb des Vichy-Einflusses und die antikoloniale Propaganda der USA trugen zur Ideologiebildung und zur Formulierung von ökonomischen und konstitutionellen Forderungen bei.

Schließlich bedurfte die Stagnation der bäuerlichen Produktivität einer breiteren Mobilisierung. Kolonialpolitiker – vor allem die Planer der britischen Nachkriegspolitik seit ca. 1940 – konnten hier durchaus eine Funktion in der neuen Nationalbewegung sehen. Das Interesse der USA an freiem Zugang zu den Märkten und das Vertrauen auf die strukturelle Überlegenheit der Weltwirtschaft, den Kapitalexport und das Know-how der Weltfirmen erleichterte die Rückzugsbereitschaft der Kolonialmächte, als Widerstandsbewegungen mit den Mitteln des Aufstandes, des Massenstreiks, des Boykotts und der Massenmobilisierung der neuen Elite Machtmittel an die Hand gab, den Dekolonisationsprozeß zu beschleunigen.

Diese Mittelklasse überschätzte ihre Möglichkeiten. Sie war fixiert auf die Rolle der europäischen kolonialen Elite im kolonialen Staat, wollte diese verdrängen und unterschätzte, daß die tatsächliche Macht und Elite in den Metropolen saß, sie im Weltmaßstab Mittelklasse blieben. Es gelang nicht, über das Produktions- und Wachstumsniveau der Kolonialzeit hinauszukommen. Dementsprechend setzte sich nach kurzfristigem Enthusiasmus der postkolonialen Periode das Alltagserlebnis der großen Masse der afrikanischen Kleinbauern fort. Ihr aus generationenlanger Erfahrung gesetztes Wirtschaftsziel war es, ein sicheres Auskommen – nämlich eine garantierte Ernte – zu erzielen und mehr als bisher an den sozialen Dienstleistungen teilzuhaben. Der Kolonialismus hatte für sie, wenn sie nicht direkt durch Landverluste und Rekrutierung in die Wanderarbeit bedroht waren, ständig wechselnde Versuche mit neuen Pflanzen, Anbaumethoden, neuem Landrecht, Marktordnungen und Steuerleistungen sowie Verpflichtungen zu kommunaler Arbeit und Träger- und Militärdienst bedeutet. Neuerungen waren oft mit verdeckter und auch manifester Gewalt verknüpft. Abwehr durch passiven Widerstand, Schweigen, Weglaufen waren Hauptantworten. Aber die von diesen Bauern gestellten Landarbeiter, das Steueraufkommen, selbst kleine cash-crop-Ernten, die Mitwirkung am kommunalen Wegebau finanzierten zum großen Teil administrative Tätigkeiten und Investitionen im Zentrum der Kolonie. Lediglich ein vergrößertes Fertigwarenangebot, das aber nicht selten zu Lasten des traditionellen Handwerks auf dem Lande ging, und erste Teilhabe am Missions-, Schul- und Gesundheitswesen kamen in Ansätzen auch den Kleinbauern zugute, einschließlich einer landesweiten Mobilität durch das entstehende Verkehrsnetz von Bussen und Lastwagen.

Dieser Abfluß der kleinbäuerlichen Produkte in das städtische Zentrum lief selbstverständlich in der postkolonialen Phase weiter. Viele unabhängige Regierungen sahen sich gezwungen, an die administrativen Methoden der Kolonialherrschaft anzuknüpfen. Die Kette der agrarwirtschaftlichen Experimente und Konzepte setzte sich fort. Auch partizipatorische Neuerungen, die etwa von Kadern der Einheitsparteien auf das Land getragen wurden, waren durch das historische Erbe der Kolonialzeit, die Lösungen von oben bevorzugte und das bürokratische System vererbt hatte, belastet. Schwankende Weltmarktpreise, Abschöpfung der Agrargewinne durch ein bürokratisches Vermarktungssystem zugunsten der Staatskasse, Korrumpierung des Genossenschaftswesens zugunsten der führenden Großbauern, Verteuerung der Investitionsmittel wie Pflüge, Düngemittel, erzeugten ein Produktionsklima, das wiederum zu administrativen Maßnahmen bis hin zu Zwangsanbau, Ausweitung von Staatsfirmen und ähnlich belasteten Maßnahmen führte. Neuere Forschungen betonen, daß sich dementsprechend die Masse der Kleinbauern erneut auf defensive Strategien zurückzieht. Die negative Devisenbilanz vieler Staaten beschleunigt dieses Verhalten, weil auch ein preislich erschwingliches Warenangebot die Kleinbauern immer weniger erreicht. Wichtige Elemente der Legitimationskrise der Kolonialherren übertragen sich dementsprechend in wachsendem Umfang auf diese neue Mittelklasse in Afrika.

Aus diesen Aussagen läßt sich im übrigen eine These ableiten, die gegen eine kolonialgeschichtliche Legende gerichtet ist, nämlich die Kontrastierung einer entwicklungsorientierten effektiven Kolonialadministration gegenüber der postkolonialen Leistung. Zunächst einmal stellt die Kolonialperiode einen äußerst heterogenen Zeitabschnitt dar, in dem praktisch jedes Jahrzehnt unter anderen Vorzeichen dargestellt werden kann. Politisch-administrativ stand das Niederkämpfen des primären Widerstandes bis 1890, nicht selten bis in den Ersten Weltkrieg im Vordergrund, Raubbau und Experimentierphasen bestimmten das ökonomische Geschehen. Selbst die Entwicklung der Infrastruktur war ohne starke Subsidien und militärstrategische Aspekte alles andere als eine ökonomisch rentable Unternehmung. Die Geschichte der Ineffizienz des unterkapitalisierten Kolonialbahnwesens ist hierfür sehr lehrreich. Diskontinuitäten in der Periode der Wirtschaftskrisen sind in ihren administrativen und ökonomischen Wirkungen mit heutigen Krisenlagen vergleichbar. Das Konzept der Investitionspolitik durch Auslandskredite ist in der Kolonialzeit entstanden, nicht in der nachkolonialen Periode. Diese Aspekte des Kolonialsystems sind durch das Wirtschaftswachstum der Kolonialgebiete nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den frühen fünfziger Jahren verdrängt worden. Wahrscheinlich stellten die fünfziger Jahre eine einmalig günstige Konstellation dar. Die Exportwirtschaften waren aus ihrem Experimentier- und Ausbaustudium herausgewachsen und stießen auf den Nachkriegsboom der Rekonstruktionsphase in Europa, die durch den Rohstoffboom in der Folge des Koreakrieges verstärkt wurde. Dieser Boom milderte all jene Phänomene, die sich in der Weltwirtschaftskrise bereits angedeutet hatten – Überdehnung des administrativen Systems, starke Ausweitung der Verstädterung, wachsende Staatsintervention in Vermarktung und Produktion zugunsten der Staatskasse, ansteigender demographischer Druck. Aber die Belastung der Kleinbauernschaft durch die Ausweitung des modernen Sektors setzte sich in Wirklichkeit fort. In einer neuen Krisenkonstellation – wie sie sich seit den siebziger Jahren durchsetzt – war der quantitative Sprung, der sowohl in der Bevölkerungsentwicklung, im Ausbau der Infrastruktur, in den sozialen Diensten einschließlich des Bildungswesens erreicht war, mit der Kolonialzeit nicht mehr zu vergleichen. Der Problemdruck hat dementsprechend erheblich zugenommen, so daß der Vergleich mit der Kolonialzeit kaum noch zulässig ist.



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