Dekolonisation in Afrika. Eine Zeitenwende

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  • Autor: Helmut Bley
  • Erstveröffentlichung: Laurence Marfaing und Brigitte Reinwald eds: Afrikanische Beziehungen, Netzwerke und Räume. Studien zur Afrikanischen Geschichte 28. Münster: Lit, 2001. 375-90.


Inhaltsverzeichnis

I
Zeitenwenden[1]

Die Frage nach Zeitenwenden zielt auf langfristig wirkenden grundlegenden Strukturwandel innerhalb mehrerer bzw. bedeutender Gesellschaften einer Zivilisation, einer Region oder einer sonstigen als historisch relevantes Konstrukt geltenden Einheit und, seit von einem den Globus umspannenden Weltsystem gesprochen werden kann, auch auf Einschnitte von weltweiter Relevanz. Dabei ergeben sich etliche Probleme. Bei der Analyse großer Epochenscheiden in der europäischen Geschichte hat es sich als zunehmend notwendig erwiesen, bei aller Beachtung der Diskontinuitäten, welche die Wende prägen, die Kontinuitäten nicht zu vergessen. Im Grunde ist an die Stelle der Betrachtung von Zeitenwenden die Analyse von Übergangs- oder Krisenperioden getreten. Dennoch haben Großereignisse bei der Betrachtung von Zeitenwenden ihre Bedeutung behalten, sei es als Katalysatoren, welche angelegten Tendenzen zum offenen Durchbruch verhalfen – wie Krisen ja generell als Entwicklungsbeschleuniger gelten können -, oder aber weil politische oder ökonomische Innovationen größeren Ausmaßes Langzeitwirkungen zu entfalten begannen. Zeitenwenden verändern sich je nach der Zeitdimension, in der sie gedacht und erfahren wurden und je nachdem, welche Ebenen des historischen Prozesses in die Betrachtung einbezogen werden – darunter im engeren Sinne solche, die dem politischen System zugeordnet werden können. Hierzu gehören Revolutionen in den Machtverhältnissen zwischen Großmächten oder politisch-gesellschaftliche Systembrüche. Sie sind deutlich zu unterscheiden von Veränderungen grundlegender „Produktionsweisen“, auch wenn sie mit letzteren in Zusammenhang stehen. Aus diesem Grunde ist es sicher zweckmäßig, bei der Behandlung des Themas fundamentale oder „große“ Zeitenwenden von bedeutenden historischen Einschnitten, hervorgerufen durch gravierende Veränderungen in einem oder mehreren wichtigen Sektoren des gesellschaftlichen, politischen oder ökonomischen Systems einer Zivilisation, bzw. einer aufeinander bezogenen Gruppe von Gesellschaften zu unterscheiden.

Die Betrachtung von Zeitenwenden für Gesellschaften oder Zivilisationen seit der Verdichtung der Weltgeschichte zu einem immer stärker verflochtenen Weltsystem – und dies gilt im Besonderen für das 20. Jahrhundert – steht dann unter dem spannungsvollen Wechselspiel von Zeitwenden, die ihre Ursachen und ihren Schwerpunkt zunächst im Zentrum des Weltsystems haben, aber ihre direkten und indirekten Wirkungen auf die übrigen Arenen der Welt entfalten, ohne dass dabei das Eigengewicht der inneren Dynamiken dieser Gesellschaften vernachlässigt werden darf. Wesentlich wird sein, diese „Fern“-Wirkungen in den Diskurs über die Zeitenwenden der übrigen Arenen – hier Afrika – einzubringen, ohne allerdings deren Dominanz überzubewerten.

Die – aus Anlass der Jahrtausendwende verdichtete – Debatte über Zeitenwenden ist auch Nachhall auf die politische Wende nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Welt bzw. vielleicht auch Antizipation der epochalen Bedeutung der EDV-Revolution und deren Auswirkungen auf Produktionssysteme und Kommunikation. Sie hat damit auch eine subjektive Seite. Zum Prüfstein dafür, ob die Dekolonisation in Afrika eine Zeitenwende war, wird in diesem Zusammenhang nicht zuletzt die Frage nach dem Bewusstsein der davon Betroffenen. Für die großen Zeitenwenden in Europa lässt sich mit dieser Erfahrungsdimension argumentieren, insofern am Ende des 15. Jahrhunderts, in der Kritik an den Anden Regime im 18. Jahrhundert, in der Kulturkritik und im künstlerischen Aufbruch in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg das Bewusstsein vom Bevorstehen einer Zeitenwende jeweils weit verbreitet war.


II
Periodisierungen der afrikanischen Geschichte seit 1750

Gibt es große Epochenscheiden in der neueren afrikanischen Geschichte und, falls ja, folgen diese einem internen Rhythmus, oder sind sie vielmehr durch den Gang der europäischen Expansion und deren Begrenzung durch die Dekolonisation bestimmt? Zur Klärung dieses Fragenkomplexes argumentiere ich im folgenden aus zwei Perspektiven, der Urteilskraft von Historikern mit universalistischer Perspektive zum einen, und der betroffenen Gesellschaften und ihrer Diskurse zum anderen.

Beim Versuch, Afrika in den Kontext von Zeitenwenden einzuordnen, erweisen sich die Perspektivität der Betrachtung und die Beachtung unterschiedlicher Analyseebenen umso wichtiger, als wir es mit einem vielgestaltigen Kontinent zu tun haben. Will man entscheiden, ob die Dekolonisation Ausdruck einer großen Zeitenwende, oder doch nur ein auf das politische System begrenztes Großereignis war, muß man den langzeitlichen Rahmen der afrikanischen Geschichte im Blick behalten. Nur so lässt sich prüfen, ob Elemente grundlegenden Strukturwandels bereits in der späten vorkolonialen Periode angelegt waren, und welches Gewicht demzufolge dem Kolonialismus beigemessen werden kann. Im Grunde muss also danach gefragt werden, wie die innere Dynamik Afrikas ins Verhältnis zu setzen ist zu den Herausforderungen der von Europa ausgehenden Moderne und dem Druck des Weltsystems. Zumindest im Falle Westafrikas lassen sich diesbezüglich zwei Stadien feststellen. Zunächst die Periode intensivierter europäischer Präsenz im 19. Jahrhundert, die – nach der Herausbildung des atlantischen Systems – durch die Bedeutung des Sklavenhandels und die damit eng verknüpfte Abschwächung der transsaharischen Beziehungen geprägt war, und im Gefolge der französischen Interessenpolitik in Nordafrika und Senegal in eine protokoloniale Phase einmündete. Davon abzugrenzen ist die Durchsetzung der formellen Kolonialherrschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts, welche einen historischen Einschnitt bedeutete. Inwiefern diese Binnendifferenzierung für die Beurteilung der Dekolonisation relevant ist, wird im Folgenden noch gezeigt.

Hinter diesem vom Weltsystem mitgeprägten Vordergrund der neueren afrikanischen Geschichte vollzog sich nun aber die eigendynamisch geprägte Entwicklung afrikanischer Gesellschaften auf der Grundlage ihrer agrarischen Produktionsweise und ihrer dadurch geprägten politischen Verfasstheit. Im Zeitraum zwischen etwa 1750 und 1890 befanden sich diese Gesellschaften in einer jener großen Übergangsperioden, welche die Qualität einer „großen“ Zeitenwende besitzen.[2] Meine These ist hier, dass afrikanische Gesellschaften in dieser durch interne und externe Entwicklungen bestimmten Periode keinesfalls durch externe Einflüsse überwältigt worden sind, oder mehr noch: dass die innere Dynamik den Ausschlag gab. Historisch gesprochen, wirkte sich der Westafrika prägende Sklavenhandel vorrangig auf die Veränderungen der Binnenstrukturen aus, zum transsaharischen Handelssystem trat das atlantische Handelssystem hinzu. Bereits in Gang befindliche Staatsbildungsprozesse verdichteten sich, und die Reform des Islam in Westafrika entwickelte ihre Eigendynamik, aus der um die Wende zum 19. Jahrhundert eine der größten Reichsbildungen im heutigen Nigeria resultierte. Ebenfalls im frühen 19. Jahrhundert formierten sich erste moderne Handelseliten in Westafrika, deren wirtschaftliche und persönliche Profile nicht mehr ausschließlich vom Sklavenhandel geprägt waren sondern in zunehmenden Maße vom beginnenden „legitimen“ und späteren Kolonialwarenhandel sowie vom Einfluss der Abolitionsbewegung, der Schule und christlichen Mission.

Innerhalb dieser langzeitlichen Entwicklung markiert die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eingeleitete koloniale Eroberung afrikanischer Staaten und Gesellschaftsformationen mit Ausnahme Äthiopiens zweifellos einen Einschnitt. Stationen des Siegeszuges des europäischen Kolonialismus in Westafrika waren die französische „Durchdringung“ Senegals und des „Sudan“, die Gründung Sierra Leones und Liberias in den 1840er Jahren und die 1903 abgeschlossene Eroberung des Sultanats von Sokoto durch die Briten. Dieser Einschnitt wurde in abgewandelter Form auch für das südliche Afrika relevant, insofern die auf Diamanten- und Goldfunde gegründete „Mineral- Revolution“ Fragen nach Macht und Kontrolle über Land und Arbeitskräfte neu aufwarf.

Über diese wirtschaftlichen und politischen – durch die entscheidenden Niederlagen afrikanischer Staaten und Gesellschaften gegenüber den kolonialen Invasoren seit den 1870er Jahren beschleunigten – Prozesse hinaus ist die gesamte, hier betrachtete Periode aber vor allem durch den Strukturwandel in der agrarischen Produktion geprägt. In diesem Zusammenhang kommt insbesondere der Erweiterung der Ernährungsbasis in Ackerbaugesellschaften eine wichtige Rolle zu: Die während des 18. und 19. Jahrhunderts beschleunigte Rezeption der lateinamerikanischen Nutzpflanzen Mais und Maniok und des asiatischen Reises schuf die Voraussetzungen für eine Überschusswirtschaft, welche wiederum zur Grundlage für die Ausweitung des Fernhandels, die Ernährung von Sklaven, Verwaltungs- und Militärpersonal der neu gegründeten Staaten sowie für ein allgemeines Bevölkerungswachstum wurde. Auch für den Viehzuchtkomplex, vor allem im östlichen und südlichen Afrika, ließe sich ähnlich argumentieren.

In der Periode massiven Sklavenhandels und Sklaverei zwischen 1750 und 1850[3] kam es verstärkt zu einer Transformation der Institution von Unfreiheit in den afrikanischen Gesellschaften und zur Entwicklung so genannter sekundärer Staaten in Westafrika. Der verdichtete Anschluss an den Welthandel über den Atlantik und den Indischen Ozean und das Ende der Hegemonie des Transsaharahandels in derselben Periode verstärkte diesen Prozess.

Auch in Ost- und Zentralafrika lässt sich die Tendenz zu verstärkter Staatsbildung beobachten, allerdings mit einem Jahrhundert Verspätung und ohne dass diesen Proto-Staaten, im Gegensatz zu den „älteren“ Staatswesen wie Uganda, Äthiopien und Sansibar, Zeit zur Konsolidierung geblieben wäre. Der Anschluss an die Weltmärkte verstärkte sich erheblich, seitdem 1820 Großkarawanen ausgehend von Sansibar, finanziert durch indisches Kapital und gesichert durch die omanische See- und Landherrschaft, den Sklaven- und Kolonialwarenhandel in das Innere Ostund Zentralafrikas trugen, wobei sich schließlich die Handelssysteme des Südwestens von Angola mit denen des Ostens im Zwischen-Seen Gebiet trafen und eine Reihe von Proto-Staaten um den Karawanenhandel herum entstanden.

Die Behinderungen im transatlantischen Sklavenhandel lösten Systemkrisen in West- und Ostafrika aus. Indessen lassen sich die internen Machtverschiebungen – etwa in Nigeria nach der Auflösung des Oyo- Reiches, der Etablierung des Kalifats von Sokoto, den Reichsgründungen um Städte wie Ibadan oder der Entstehung befestigter und bewaffneter Handelshäuser im Nigerdelta – auf endogene Entwicklungsdynamismen zurückführen, wenn auch europäische Konsuln, Händler und Missionare als Machtfaktoren Einfluss darauf genommen haben. Kennzeichnend für diese Entwicklung ist die Ausweitung der Handlungsfelder: Bei allem Fortbestand autonomer, zumeist dörflich organisierter Produktions- und Lebensweisen haben Handelsnetzwerke, Fluchtbewegungen sowie die generelle Suche nach sozialem, militärischem und religiösem Schutz die Herausbildung von „großen“ Ethnien begünstigt, ein Prozess, der in West- und Ostafrika ähnlich und relativ zeitgleich ablief.

Strittig ist, welche Rolle hierbei schon die Experimente mit den Weltreligionen spielten – so am Hofe von Uganda, bei den Xhosa und Oorlam in Südafrika oder in den Städten Nigerias, wo der Einfluss christlicher Ex- Sklaven wuchs.

Es handelte sich um eine außerordentlich dynamische Entwicklung, in der Binnen- und Weltmärkte, interne Ressourcen und die Umstellung vom Sklaven – auf den „legitimen“ Handel sich die Waage hielten, und im Rahmen derer sich die europäische Präsenz auf militärische bzw. proto-koloniale Stützpunkte begrenzte – wie z.B. die französische in Senegambien, die britische in Westafrika (Lagos 1861) und in den Häfen Südafrikas. Für die These, dass wir es im Zeitraum von etwa 1750 bis 1890 mit einer Zeitenwende im Sinne einer krisenhaften Übergangsperiode zu tun haben, sprechen zahlreiche tiefgreifende Veränderungen wie die Verdichtung großflächiger Handelssysteme, die Militarisierung von Gesellschaften, der Wandel von Siedlungsstrukturen,4 die Verwendung von – ehedem für den transatlantischen Handel bestimmten – Sklaven in der Agrarproduktion und die wirtschaftliche und politische Erschließung neuer Gebiete im Zuge der „Jagd“ nach Elfenbein.

Diese Periode ist darüber hinaus durch große politische Umwälzungen charakterisiert, welche großräumige Auswirkungen zeitigten. So kam es z.B. in Nordnigeria im Zuge der durch die islamischen Staatsgründungen ausgelösten Fluchtbewegungen zu Neugründungen von Stadtstaaten, mit der Tendenz zur Staats- bzw. Reichsbildung. Auch das Mfecane im südlichen Afrika erfasste wichtige Gesellschaften auch Zentralafrikas und strahlte bis ins heutige Tansania aus. In Ostafrika wurde im Zuge der Reorganisation Sansibars unter der Herrschaft der omanischen Busaidi-Dynastie das Karawanensystem auf eine neue materielle Grundlage gestellt, so dass es weite Räume im östlichen Afrika erreichte und die Verbindung zu älteren Binnenstaaten wie Uganda herstellte. Auch der sich in Äthiopien unter dem Eindruck der Adelskriege dynamisierende Prozess erneuter Reichsbildung wäre in dieses Bild zu integrieren.

Diese endogene Dynamik wurde durch externe Einwirkungen beschleunigt – die britischen Interventionen zur Abolition, die militärischen Expeditionen insbesondere Frankreichs, verstärkte Missionsaktivitäten sowie die Expansion vom Kap nach Norden. Man kann argumentieren, dass diese Verhältnisse bis weit in die Kolonialperiode hineinreichten und erst dann ein Strukturwandel mit Tiefenwirkung einsetzte, als sich – nach dem Ende der kolonialwirtschaftlichen Experimentalphase – in den 1920er Jahren der „entwickelte Kolonialismus“ entfaltete.

Aber trotz dieser wichtigen Kontinuitäten ist von einer epochalen Wirkung der europäischen Intervention, die zur Aufteilung Afrikas führte, auszugehen. Sie liegt darin begründet, dass afrikanischen Gesellschaften das moderne Territorialstaats-Prinzip übergestülpt wurde. Da sich Dekolonisation im Rahmen dieses vom Kolonialismus importierten Territorialstaats abspielte, ist auf dieses Thema noch detaillierter einzugehen. Im Vorwege dazu zwei Anmerkungen. Völkerrechtlich gesehen, wurde der von Europäern importierte Territorialstaat zwar sofort Realität, auch wenn im Nachhinein ausgehandelte Grenzverschiebungen durchaus vorkamen, aber auch der Kolonialismus hat diese Hülle zunächst nicht ausfüllen können. Selbst die militärische Kontrolle erschöpfte sich zumeist in gewaltsamen Eingriffen in die Herrschaftsstruktur und hatte eher terroristische Züge, man denke nur an militärische und paramilitärische Strafexpeditionen, welche belegen, dass die „Politik der verbrannten Erde“ durchaus noch lange als Mittel zur Herrschaft eingesetzt worden ist. Bis in die späten 1920er Jahre hinein hatte moderne Staatlichkeit – etwa in Gestalt eines Steuersystems und infrastruktureller Bildungs- und Dienstleistungseinrichtungen – die Mehrheit der ländlichen Gebiete noch nicht erreicht. Erst ab dieser Periode des entwickelten Kolonialismus, die bis in die späten 1950er Jahre reicht, kamen durch das Krisenmanagement während der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs neue Instrumente der Staatsintervention zum Tragen – etwa in Gestalt der Marketing Boards oder der Förderung politischer Partizipation in diversen Verwaltungsorganen des Kolonialstaates.

So gut wie keine vorkoloniale Gesellschaft – mit Ausnahme nomadischer Gruppen vielleicht – wurde durch diesen Territorialstaat zerrissen, handelte es sich, insbesondere im Falle vorkolonialer afrikanischer Staaten, doch vielmehr darum, sie als zumeist indirekt verwaltete Regionen in die Kolonie zu integrieren. Dies sei betont, um gegen die Legende zu argumentieren, die künstlichen Grenzen kolonialen Zuschnitts hätten afrikanische Gesellschaften fragmentiert, und darin liege die Hauptursache für der Schwäche der post-kolonialen afrikanischen Staaten.

Wir haben es in Afrika also mit einem vom Kolonialismus beschleunigten und durch ihn umgelenkten Prozess der Staatsbildung zu tun. Dieser beruht zwar auf dem modernen Territorialstaatsprinzip, ging aber anders als in Europa gerade nicht von der Fiktion homogener Staatsvölker aus. Nun erfanden zwar die Franzosen den évolué als citoyen, aber lediglich als Wahlberechtigten einer kleinen Bildungsschicht in den wenigen Städten. Das britische System der indirect rule steigerte die Pluralität von Ethnizitäten, geriet aber in Widerspruch zum Homogenitätsprinzip des modernen Territorialstaates, als seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die neue educated eilte als unvermeidbarer Faktor der politischen Reform und kontrollierter Dekolonisation gefördert wurde; diese positionierte sich ihrerseits häufig gegen das ebenfalls durch die Territorialisierung von Lokalpolitik veränderte System der traditional rulers oder ging multiple Allianzen ein.

Mit seiner modernen durch die Institutionen des europäischen Staates des 19. Jahrhunderts geprägten Struktur, die allerdings kolonialistisch beschränkt blieb, unterschied sich der koloniale Staat in Afrika grundlegend von den Staatsformen der Anciens Régimes vormoderner europäischer Reiche und Staaten, welche für ihre agrarwirtschaftlich verfassten – weitgehend autonomen – Gesellschaften und deren entsprechende soziale und ethnische Vielfalt politische Formen geschaffen hatten – Tributsysteme, Ämter- und Titelhäufung in der Hand großer Familien, komplizierte Erbfolgen und eine Vielzahl religiöser Institutionen.

Mit dieser Staatsbildung kolonialen Zuschnitts wurde Afrika abrupt und fremdbestimmt in einen welthistorischen Prozeß eingebunden, ohne dass Chancen zu eigenständigen Reformlosungen bestanden hätten, wie sie in vielen Gesellschaften der Welt unter dem Eindruck der europäischen Hegemonie im 19 und 20. Jahrhundert entwickelt worden waren vom Ägypten Muhammad Ali's bis zur Mejireform in Japan. Andererseits erwies sich dieser moderne Staat für die Teilhabe am modernen Weltsystem unvermeidlich, auch wenn dieser Prozess einen Umweg über den kolonialen Staat genommen hat und offensichtlich ist dass diese Staatsform in den wenigsten Fällen die Grundbedürfnisse erheblicher Teile der Bevölkerung befriedigt hat, und dass in deren Alltag die Staatsfeme prägend blieb.

Durch die europäische Kolonialherrschaft wurde afrikanische Staatsbildung an ihrer Weiterentwicklung gehindert und der Handlungsspielraum der alten Eliten auf Regionalpolitik verengt. Darüber hinaus erwuchs ihnen mit der modernen, in den kolonialen Einrichtungen ausgebildeten Elite eine Konkurrenz, wenngleich sich faktisch – durch die für die „Söhne der Chefs“ geschaffenen höheren Bildungsanstalten – enge Querverbindungen zwischen alten und neuen Eliten entwickelten. Staatsbildung wurde nunmehr von den Hauptstädten her oktroyiert, wo nicht mehr um die Macht gerungen werden konnte, weil sie für längere Zeit unangreifbar bei der Kolonialmacht lag.

Hinsichtlich der Periodisierung ist allerdings zu bedenken, dass der Zeitraum, innerhalb dessen der europäische Kolonialismus die Rahmenbedingungen dieser Staatsbildung diktierte, nicht länger andauerte als ein Menschenleben. Wer 1890 zehn Jahre alt war, erlebte 1960, das Jahr, in dem die meisten afrikanischen Staaten ihre Souveränität erlangten, als Achtzigjähriger. Von der politischen und schulischen Sozialisation her betrachtet, lassen sich für die Kolonialzeit zwei Generationen ausmachen, deren erste die historischen Niederlagen um die Jahrhundertwende erlebte, und deren zweite im Zeitraum zwischen 1910 und 1930 die kolonialen Bildungseinrichtungen durchlief.

Ein weiteres Spezifikum ist die Ungleichzeitigkeit im Hinblick auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Optionen. Die am Modell nationalstaatlicher Entwicklung ausgerichtete afrikanische Dekolonisation vollzog sich zu einem Zeitpunkt, wo sich die Weltwirtschaft in einer Kombination aus industrialisierten Weltmächten und international operieren den Unternehmen zu einem global vernetzten System entwickelte, innerhalb dessen kleine Agrarstaaten kaum mehr Chancen auf nachholende Entwicklung hatten bzw. diese sich höchstens auf Bergbau-Enklaven unter internationaler Kontrolle beschränkte. Dieser Prozess wurde seit 1890 in mehreren Schüben vorangetrieben, so unter anderem nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1938 und unmittelbar nach 1945, als Briten und Franzosen jeweils Konzepte einer kolonialen Entwicklungspolitik zur Anwendung brachten, um die Folgen des crash bzw. kriegswirtschaftlich bedingte Engpässe und Devisennot zu bewältigen. Diese vor allem durch die Präsenz multinationaler Firmen geförderte Entwicklung sollte langfristig die Möglichkeiten kleiner agrarisch orientierter Staaten, nationalökonomisch konsistent zu handeln, entscheidend einschränken.

Wenn ich mich nun der engeren Frage dieses Beitrages zuwende, ob Kolonialismus und/oder Dekolonisation Einschnitte von der Qualität einer Zeitenwende, oder gar zwei Zeitenwenden innerhalb eines Lebensalters darstellten – so verweist dies entweder auf eine ungeheure Beschleunigung historischer Prozesse oder bedeutet einen inflatorischen Gebrauch des Begriffes. Nicht zuletzt stehen wir bezüglich Europas ja auch vor der Frage, ob vor dem Hintergrund der kapitalistischen Weltentwicklung und der daraus folgenden Industrialisierung 1917 und 1989 als Eckdaten für zwei Zeitenwenden zu gelten haben, oder ob der Spätkapitalismus von 1890 bis heute lediglich eine Periode darstellt.

Bezüglich Afrikas ist zu beachten, dass Einflüsse aus der ersten Periode der Zeitenwende zwischen 1750 und 1890 auch in die Periode von Kolonialismus und Dekolonisation hineinreichten und sie mitprägten. Dies zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Verbreitung von Nutzpflanzen, welche wiederum zur Vorbedingung für die Entwicklung der „Kolonialwaren“-Produktion wurde, sei es in kleinbäuerlichen oder Plantagenbetrieben. Dabei erweist sich sowohl die Ausreifung der Exportökonomie in den 1920er Jahren wie auch ihre krisenhafte Entwicklung infolge des crash von 1929 von ebenso großer Bedeutung wie der Kriegs- und Nachkriegsboom zwischen 1939 und 1953.

Zu beachten sind hier auch die seit Ende des transatlantischen Sklavenhandels um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert neu auftretenden Formen unfreier Arbeit bzw. die von afrikanischen chiefs oder europäischen Großfirmen organisierte Arbeitsmigration. Auch hier gab es Kontinuitäten. Strukturelle Unfreiheit und die Dominanz von Patronage Klientelbeziehungen prägten (und prägen bis heute) neben der Marginalisierung bäuerlicher Bevölkerungsgruppen den Zustand vieler afrikanischer Gesellschaften. Zugleich jedoch erweiterten sich durch Wanderarbeit die Möglichkeiten der jungen Generation, sich von der Abhängigkeit gegenüber ihren Vätern und chiefs zu lösen, was Heiraten und Verfügung über Land betraf – auch um den Preis städtischer Marginalisierung. In diesem Sinne kommt der Arbeitsmigration also durchaus emanzipatorisches Potenzial zu, auch wenn die Härten dieses Prozesses häufig unterschätzt bzw. zu einer „Volkskultur“ der Marginalisierten überhöht werden.

Hinsichtlich des von der Forschung am stärksten wahrgenommenen Phänomens der historischen Weiterentwicklung einer Vielzahl von Gruppen zu „Großethnien“ mit starker Binnendifferenzierung ist umstritten, ob Proto- Ethnien als ein Ergebnis der Krisenphase zwischen 1750 und 1890 einzuschätzen sind und der Kolonialismus somit lediglich als Verstärker wirkte, oder ob vielmehr tribalistische Konstrukte, welche in der kolonialen Lokalpolitik zur praktischen Anwendung kamen, diesen Prozess determinierten. Zumindest lässt sich hier sagen, dass die Praxis der indirekten Herrschaft zwischen 1923 und 1951 als Beschleuniger gewirkt hat, insofern ein kolonialer Flächenstaat mit ethnisch definierten Distrikten und/oder Missionsgebieten entstand, in welchen u. a. durch Bibelübersetzungen und Schulen die Vereinheitlichung von Sprachen vorangetrieben wurde. Es besteht auch kein Zweifel darüber – und die wissenschaftliche Diskussion darüber, ob der Kolonialismus Stämme und/oder Ethnien erfunden habe, verweist darauf –, dass Kolonialinstanzen durch Formen „indirekter Herrschaft“ versucht haben, den Prozess der Transformation vorkolonialer politischer Systeme zu beeinflussen.

Was die Verbreitung des Christentums betrifft, so erfolgte sie parallel zur Etablierung kolonialer Herrschaft und erfasste schließlich, nach kläglichen Anfängen bis in die 1920er Jahre, etwa 30% der afrikanischen Bevölkerungen. Demgegenüber hatte der reformierte Islam, der z.B. innerhalb der Führungsschichten im Sahel seit Jahrhunderten etabliert gewesen war, die dortige bäuerliche Welt seit Mitte des 18. Jahrhunderts erreicht. Mit Ausnahme Südafrikas lässt sich also erst seit den 1920er Jahren von einer „Geschichtsmächtigkeit“ des Christentums sprechen, welche jedoch, wie insbesondere die von den afrikanischen Bevölkerungen praktizierte enge Verschränkung überkommener Glaubensvorstellungen und Heilungsmethoden mit den „Lehren“ von Missionsschule und -krankenhaus verdeutlicht, nicht absolut zu setzen ist, sondern immer auch die Frage nach Kontinuitäten und innerer Autonomie nach sich zieht. Die These von der „Hybridität“ dieser kulturellen Entwicklung, welche versucht, diesen Prozess mit der Eingriffstiefe des Kolonialismus zu begründen, verfehlt aber ihren Gegenstand, weil sie einen essentiellen Kulturbegriff zugrunde legt und vergleichbare Prozesse in der Entwicklung europäischer Gesellschaften außer Acht lässt, welche somit wiederum dem letztlich negativ wertenden Diktum nicht unterworfen werden.

Nichtsdestoweniger führt dies durchaus zur Frage, ob die Periodisierung afrikanischer Geschichte daran gemessen werden kann, ob und wann der Übergang in „die Moderne“ begann, einer Moderne allerdings, welche nicht auf bestimmte Formen der europäischen Aufklärung reduziert gedacht werden sollte. Hier geht es vielmehr um die Moderne als Projekt, um die Modalitäten des Anschlusses an das moderne Weltsystem und an die Konfrontation ländlicher Gesellschaften mit der industriellen und urbanen Welt und deren kognitiven Strukturen. Die Frage ist nun, ob diese Entwicklung bereits in der Periode seit 1750 begann, oder ob es dazu erst des Gewaltschlages des Kolonialismus bedurft hat, der zudem geprägt war durch den Widerspruch von Modernitätsversprechen, moderner Institutionenbildung und antimodernen kulturkonservativen Konzepten. Oder nimmt dieser Prozess gar erst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts mit der Entstehung moderner Bildungseliten seinen Ausgang?

Im Lichte der hier angestellten Betrachtung von Kontinuitäten nahem wir uns nun der Frage, worin denn für Afrika eigentlich der tiefgreifendere Einschnitt im 20. Jahrhundert liegt. Waren es die Erfahrungen der strategischen Niederlagen alter Führungsschichten und die Unterwerfung der bäuerlichen Welt unter die Kolonialwirtschaft, oder sollte man dies alles lediglich als ein Zwischenspiel betrachten – eine Ansicht, die etwa in den 1960er Jahren verbreitet war –, weil ja nur 70 Jahre später die politische Unabhängigkeit bereits (wieder) gewonnen war? Oder muss man argumentieren, dass spätestens im 18. Jahrhundert eine Geschichte der ökonomisch-sozialen Marginalisierung und Unterentwicklung ihren Ausgang nahm, welche dann im kolonialen Staat und seinem postkolonialen Nachfolger auch ihren gesellschaftlichen Ausdruck fand? Dann lautete die Kernfrage für das gesamte 20. Jahrhundert: Die Transformation so großer dezentral verfasster Agrargesellschaften wie die afrikanischen in Richtung auf moderne Staatsstrukturen und beschleunigte Urbanisierung folgt keinem erkennbaren und erreichbaren Ziel der nachholenden Entwicklung, und diese Ambivalenz von Modernisierung und Unterentwicklung entzieht sich vorerst einer Periodisierung, weil noch unabgeschlossen und vom Ende her unübersichtlich. Die aus der europäischen Geschichte abgeleitete Verbindung von moderner Staatsentwicklung und kapitalistisch-industrieller Entwicklung und ihre Übertragung auf Afrika in Gestalt des Kolonialstaates und seines Erben, des postkolonialen Staates, macht deutlich – gerade auch mit Blick auf die damit verbundenen normativen Setzungen –, dass die Durchsetzung des Territorialstaatsprinzips als Hülle durchaus epochale Ausstrahlung bekommen hat, zumindest insofern, als der Einschnitt von 1890 langfristige Entwicklungen prägte, auch wenn viele Dimensionen vorkolonialer gesellschaftlicher Realität fortwirkten.

Terence Ranger (1996) weist der Kolonialperiode insofern eine Schlüsselrolle zu, als er – ausgehend von den gewaltsamen Veränderungen in der ländlichen Herrschaftsstruktur und den verheerenden Wirkungen von Massenseuchen, Hungersnöten und Bevölkerungsbewegungen, auf die auch schon Kjekshus (1977/1996) hingewiesen hat –, davon spricht, Afrika sei einer fundamentalen sozialen Revolution unterworfen worden. Er zieht dazu Vansinas Argument heran, zur Eroberung (Zentral)Afrikas seien vierzig Jahre benötigt worden, „vierzig Jahre, in denen die äquatoriale Tradition zerstört wurde“, Afrika durch eine gewaltsame apokalyptische Eroberung hindurchgegangen sei, eine Kombination von Krieg, Zerstörung durch Feuer, Krankheit und Hunger den offenen afrikanischen Widerstand um 1920 gebrochen habe, unter Verlust der Hälfte der Bevölkerung (ebd.).

Trotz dieser Dimension und ihrer Fortsetzung im postkolonialen Afrika, so Ranger weiter, sei das Modernisierungskonzept in Afrika lebendig und kraftvoll geblieben. Und er rät dazu, mit den Methoden, die an den Krisenphänomenen des Postkolonialismus entwickelt worden seien, auch die Periode des Kolonialismus zu analysieren. Zwischen beiden Perioden beständen tiefe Kontinuitäten. Auf der Grundlage dieser Aussagen, die sich – nach meiner Einschätzung zu Recht – von der Mode der Analyse des Staatszerfalls und der Hybridität intellektueller und religiöser Bewegungen in Afrika abgrenzen und die historische Verantwortung für die Krise des postkolonialen Afrika dem Versagen der Eliten zuschreiben, ließe sich auch ein Gegenbild zum stabilen Kolonialismus zeichnen. In der Konsequenz bedeutete dies, auch die koloniale und postkoloniale Periode in die „große Zeitenwende“ einzubeziehen, – etwa im Sinne von Einschnitten oder Unterperioden – und somit den gesamten Zeitraum zwischen 1750 und der Gegenwart als eine zwar strukturierte, aber kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der das Weltsystem immer stärker prägenden Moderne zu bezeichnen. Angesichts der historischen Tiefendimension dieses Prozesses wäre Ungeduld hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten des Kontinents eine völlig unangemessene Haltung. Dieses Bild einer vor allem am ländlichen Afrika orientierten Kontinuität bekommt indes Risse, sobald man Phänomene wie die unvermeidliche Territorialstaatsentwicklung, die demographische Revolution mit Bevölkerungsmehrheiten von Kindern und Jugendlichen oder die tendenziell 50% der afrikanischen Bevölkerungen erfassende Massenurbanisierung in den Blick nimmt.

Auf diesen Zusammenhang hat schon Coquery-Vidrovitch (1976) mit ihrer Einschätzung verwiesen, die moderne Form der ausufernden Metropolen sei auch als Ergebnis ökonomischer Marginalisierung zu betrachten, welche ihren Anfang in der Weltwirtschaftskrise von 1929 genommen habe. Und Donal B. Cruise O'Brien unterstreicht am Beispiel Westafrikas, dass darin die Zukunft bestimmenden Tendenzen zu suchen seien (in Werbner & Ranger 1996). Sein Argument, zumindest die akademische Jugend setze auf die Beschäftigung durch den Staat und halte am Anstalts- und Versorgungsstaat fest, stützt Rangers These vom Potenzial des Modernisierungswillens, sofern man sich von einer engen Definition des Staates als einem idealtypischen Konstrukt aus Souveränität, Gewaltmonopol und Homogenität löst (von Trotha 2000).


III
Dekolonisation aus der Perspektive der Akteure

Lässt sich unter solchen Umständen die Dekolonisation in Afrika als Epochenscheide deuten? Nachdem nun, wie oben gezeigt, die großen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Prozesse eher Kontinuitäten anzeigen, werde ich mich diesem Thema aus der Perspektive bzw. der Bewusstseinslage afrikanischer Akteure nahem. Vorausgesetzt werden kann dabei, dass alle Bevölkerungsschichten – alte Eliten, moderne Bildungseliten, Bauern, Landarbeiter und städtische Unterschichten – den Zeitraum zwischen 1870 und etwa 1970 als ausserordentlich ambivalent erfahren haben. Perioden der Hoffnung auf Teilhabe sowohl am versprochenen Zivilisationsprozess als auch an der liberalen Exportwirtschaft wechselten ab mit Enttäuschungen über die Beschränkungen des sozialen Aufstiegs, die Verweigerung einer eigenständigen Teilhabe an der Weltwirtschaft, mit Erfahrungen politischer Demütigung und Repression sowie dramatischer Marginalisierungsprozesse auf dem Lande und in den Städten.

So eindrucksvoll das von Vansina gezeichnete – und von Ranger zur fundamentalen sozialen und politischen Revolution gesteigerte – Bild der Apokalypse ist, so wird dadurch doch der ambivalente Charakter der kolonialen Situation zu sehr in den Hintergrund gedrängt. Dessen ungeachtet bietet es einen Analyserahmen, welcher nicht nur die Vergleichbarkeit von Prozessen im kolonialen und postkolonialen Zusammenhang ermöglicht, sondern nach meiner Einschätzung auch auf die Krisenperiode seit 1750 und die proto-koloniale Phase anwendbar ist.

Vor diesem Hintergrund lassen sich für die Kolonialzeit drei Perioden erkennen. Infolge des gesteigerten Rassismus und Imperialismus wurde ab 1890 insbesondere im anglophonen Afrika eine Periode liberaler Konzepte abgelöst. Nach der massiven Inanspruchnahme afrikanischer Soldaten, aber auch ziviler Arbeitskräfte, für die Kriegswirtschaft wuchs nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, verstärkt durch das Versprechen seitens der USA zur Selbstbestimmung der Völker, die Hoffnung auf die Ablösung des rassistischimperialistischen Zeitalters. In diesem Zusammenhang wurde der Garveyismus als Black-Consciousness Bewegung rezipiert. Ein gegenläufiger Prozess setzte mit den Wirtschaftskrisen von 1920-1922 und 1929-1938 ein, welche afrikanische Händler und Bauern sowie die neuen städtischen Massen an den Rand des Ruins trieben.

Mit einiger Sicherheit kann man davon ausgehen, dass auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise von 1929-1938 eine Reartikulation der Forderungen nach lokaler Mitverwaltung hin zu nationaler Unabhängigkeit einsetzte – so in Nigeria, einem der größten und wichtigsten Staaten in Afrika. Dass der Völkerbund die italienische Eroberung Äthiopiens, des einzigen unabhängigen afrikanischen Staats und Mitglieds im Völkerbund, tolerierte, radikalisierte die Intelligenz. In den 1940er Jahren fanden, zunächst in Ghana, dann in Südafrika, Gandhis Konzepte große Beachtung, erreichte der Kampf des Freien Frankreich unter De Gaulle gegen Vichy auch die französischen Kolonien. Weitgehende Selbstverwaltung war lauthin das Versprechen des Jahres 1944, eingeleitet durch eine von der britischen Politik nach 1938 vollzogenen Kehrtwende, welche dann 1945 durch den Labour-Sieg festgeschrieben wurde. Die Zukunft schien nun doch den modernen Eliten zu gehören, welche zunächst in die regionale Selbstverwaltung eingebunden wurden und sich ethnisierten. Mit Blick auf diese sich abzeichnenden Optionen sprechen manche Autoren deshalb von „geplanter Dekolonisation“. Mit Ausnahme der Siedlungskolonien von Algerien bis Simbabwe fiel der Kampf um die Unabhängigkeit relativ leicht – getragen auf einer Welle expandierender – eher auf bäuerliche Produktion denn auf Plantagen gestützter – Exportwirtschaften; ein Aufschwung, der durch den Zweiten Weltkrieg und den Exportboom während des Koreakrieges 1950-53 gespeist wurde und hohe Erwartungen hinsichtlich der Chancen auf nachholende Entwicklung weckte und unter anderem dadurch erleichtert wurde, dass internationale Großkonzeme große Handlungsspielräume in schwachen Staaten erhielten.

Kann man die Glücksmomente eines Nkrumah, Senghor, Nyerere, Kaunda und Kenyatta im Augenblick der Unabhängigkeit und deren Hoffnungen, mit der politischen auch die ökonomische Freiheit zu erringen, zur Epochenscheide stilisieren – so wie wir etwa den Moment des Mauerfalls?

Auch hier bestimmen Ambivalenzen das Bild. Aus heutiger Sicht – und in einer Phase, in der für viele afrikanische Staaten die Rede vom Staatszerfall geht und dabei sowohl geflissentlich übersehen wird, dass es durchaus stabile Staaten gibt als auch dass in Zentralafrika endemisch Krieg herrscht – lässt sich sehr wohl davon sprechen, dass um innere Staatsbildung gerungen wird. Nirgends – selbst im Falle Eritreas nicht, dessen Unabhängigkeit sich an den Grenzen der ehemaligen italienischen Kolonie orientiert – kommt es zu einer Infragestellung der kolonialen Grenzen. Der Kampf um die innere Struktur der Staaten im Afrika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist inso- fern wieder ein offener Prozess, als er nicht mehr durch ferne Kolonialmetropolen direkt dirigiert wird. Natürlich lassen sich unzählige Interventionen in Gestalt von Entwicklungs-, Not- und Flüchtlingshilfe auf der einen, Aktivitäten von Sicherheitsfirmen, internationalen Aufkäufern von Rohstoffen und Rüstungsfirmen auf der anderen Seite feststellen. Aber dennoch sind diese Prozesse noch unabgeschlossen, ihr Ausgang ungewiss, und die Erringung der formellen Unabhängigkeit spielt dabei historisch eine ebenso große Rolle wie die Schaffung von Kolonialstaaten um 1880/1890. Dies gilt auch dann, wenn, was sehr wahrscheinlich ist, für die meisten afrikanischen Staaten eine erfolgreiche nachholende Entwicklung nach dem Modell der industrialisierten Wohlfahrtsstaaten äußerst fraglich bleibt. In diesem Zusammenhang sei nochmals betont, dass entgegen der verbreiteten These des umfassenden Staatszerfalls, – in der eine langfristige Zukunftsprognose angelegt wird, welche sich weitgehend an dem Weberschen Staatsmodell der europäischen Moderne orientiert –, der umfassende Urbanisierungsprozess und die Abhängigkeit von Enklaven industriell organisierter Arbeit einschließlich des modernen Dienstleistungssektors Staatlichkeit, und das bedeutet auch den Anstaltscharakter und zentrale Institutionen des Staates, fordern und fördern.

So gesehen überwiegen auch hier Kontinuitäten. Ohnehin wird häufig übersehen, dass Dekolonisation auch aus der Situation der Unregierbarkeit der späten Kolonien entstand, ein Zusammenhang, der dem Beobachter für das Ende der Apartheid offensichtlicher scheint als für die Krise der 1950er Jahre. Fragt man also nach dem durch die Dekolonisation gesetzten Einschnitt, so lässt sich an eben diesem Punkt ansetzen: Die Überwindung von Unregierbarkeit und die Wiederherstellung afrikanischer Würde waren das Projekt, dessen Hoffnungen angesichts der fortgesetzt wirkenden Tendenzen der Unregierbarkeit schließlich enttäuscht worden sind. Insofern kann man also durchaus von der subjektiven Erwartung einer Zeitenwende ausgehen.

Kann die Dekolonisation indes als Zeitenwende gelten, wenn sich doch bereits im Vollzug dieses Prozesses die Enttäuschung über ihr Potenzial so massiv manifestierte? Die Dekolonisation in Kongo z.B. entgleiste nicht zuletzt durch massive amerikanische und belgische Intervention in einen Bürgerkrieg und mündete – nach der Ermordung Lumumbas und dem Tod des UN-Generalsekretärs bei einem Flugzeugunglück – in eine Militärdiktatur. Oder betrachten wir Ghana, dessen Kakaowirtschaft unter dem Eindruck der weltweiten Rezession 1966/67 in die Krise geriet, in deren Kontext das Regime Nkrumahs zur Diktatur wurde, was die Welle der Militärputsche in Afrika einleitete. Ebenfalls 1967 verlor Nyerere das Vertrauen in die Investitionsbereitschaft des Westens. Er wandte sich vom Weltbank orientierten Modemisierungsmodell ab und wagte den zehn Jahre später ökonomisch gescheiterten, aber politisch und sozial relativ stabilen ü/awoa-Sozialismus. 1966 brach in Nigeria die Staatskrise und in deren Gefolge 1967 der Sezessionskrieg in Biafra aus, welche wiederum am Ausgang einer Welle von Militärdiktaturen im volkreichsten Staat Afrikas standen. In diesem Zeitraum erschienen die ersten einer Reihe von Veröffentlichungen mit Titeln wie Fähe Start in Africa (Dumont 1962).

Darüber sollte allerdings nicht vergessen werden, dass sich die unabhängigen Staaten des östlichen und südlichen Afrika im selben Zeitraum – angesichts der einseitigen Unabhängigkeitserklärung seitens der Siedlerregierung Rhodesiens (Simbabwe) 1967, der Unabhängigkeitskriege in Mosambik und Angola sowie der bewaffneten Aktionen des ANC in Südafrika und der SWAPO in Namibia – entschlossen, die Dekolonisation im südlichen Afrika zu fördern, eine afrikanische Erfolgsgeschichte, die 1994 ihren Abschluss fand.

Die Instabilität der afrikanischen unabhängigen Regime lässt sich auf eine Vielzahl interner und externer Gründe zurückführen. Fragt man nun danach, wie die Dekolonisation von innen, also von der bäuerlichen Welt, und damit von etwa 85% der afrikanischen Bevölkerungen, wahrgenommen wurde, so ist zunächst zweifellos davon auszugehen, dass Dekolonisation auch deshalb relativ schnell und kampflos errungen werden konnte, weil die von den modernen Eliten – oft in Kooperation mit Vertretern der traditionalen Eliten, welche ja bevorzugt am modernen Bildungssystem teilgenommen hatten –, getragenen Nationalbewegungen auf die sozialen und ökonomischen Interessen der Bauern, insbesondere der Genossenschaftsbauern eingegangen waren. Deren Kooperationswille wurde aber enttäuscht, indem in der Folge den Bauern die Kosten der ehrgeizigen Industrialisierungspläne aufgebürdet wurden. D.h. Exporteinnahmen wurden zur Finanzierung der Industrialisierung genutzt, der Lohndruck der städtischen Beschäftigten berücksichtigt und deshalb über Steuerlasten, niedrige Agrarpreise und andere Formen der Abschöpfung die bäuerlichen Einkommen geplündert und die ländliche Infrastrukturentwicklung vernachlässigt. Von daher erklärt sich die wachsende Gleichgültigkeit und Verweigerungshaltung der bäuerlichen Bevölkerungen gegenüber dem Staat, wenn nicht gar ihre Bereitschaft, effektiven Widerstand zu leisten, umsomehr als ihnen Arrangements mit den lokalen Patronen aufgezwungen wurden oder sie der Plünderung durch Regierungstruppen und War Lords ausgeliefert waren. Ließe sich also mit Blick auf den Dienstleistungssektor davon sprechen, dass der Staat zur Fiktion wurde, so durchaus nicht aus der Sicht der Bauern – insbesondere in Kriegsgebieten –, denen der Staat in seinen gewalttätigen Dimensionen durchaus präsent war.

Auch wenn sich ein durch Schule, Militär und Staatsparteien sowie durch die Medien gefördertes Nationalgefühl durchaus entwickelt hat, so sind die Grundlinien der Politik nur in den wenigsten Fällen davon geprägt. Auf der anderen Seite scheinen sich bäuerliche Logik und Überlebensstrategien eher in Distanz zu modemer Staatsgewalt zu entwickeln, oder wie sich am Beispiel von Praktiken und Strategien zeigt, mit denen versucht wird, der Zwangsrekrutierung von Soldaten oder der Steuereintreibung zu entgehen bzw. durch Schwarzmarkt.

Parallel dazu basierte jedoch die neue in Afrika entwickelte Historiographie – vor allem in Ibadan (Nigeria) und Dar es Salaam (Tansania) auf Konzepten einer nationalistischen Geschichtsschreibung, welche die afrikanische Initiative in der späten vorkolonialen Periode und in der frühen Kolonialzeit als eine Geschichte der Reformversuche oder des Widerstands fasste und somit – in Herauslösung aus der eurozentrierten Kolonialgeschichte – ein afrozentriertes Geschichtsbild der Bildungselite schuf. Hier deutet sich sicherlich ein neues Epochenbewusstsein an – wobei allerdings Ideen, dass der Kolonialismus nur ein Zwischenspiel gewesen sei, sich wiederum mit Kontinuitäten, hier den afrikanischen, verbinden.

Demgegenüber teilten die Schriftsteller aus dem anglophonen Bereich, deren Werke in der Heinemann Writers Series veröffentlicht wurden, eher den Pessimismus, wie er z.B. im ambivalenten Titel der Freiheit mit gesenktem Kopf (1967) des Kenianers Ngugi Wa Thiong'o zum Ausdruck kommt. Aber auch aus der Perspektive der Literatur lässt sich schwerlich mit einer tiefen, durch die Dekolonisation gesetzten Zäsur argumentieren, thematisiert sie doch in erheblichem Maße den Konflikt zwischen Tradition und Moderne und die Entfremdung der neuen Eliten – sei es in Gestalt der Wabenzi (diejenigen, die Mercedes Benz fahren), oder derjenigen, die sich – wie in Ousmane Sembènes Film Xala – bei allem Potenz-Gehabe nicht einmal mehr durch geeignete traditionelle Medizin aus ihrer Impotenz befreien können.

Angesichts der wichtigen Sammlung modemer afrikanischer Malerei, die Gunter Peús bis ca. 1972 in Hamburg zusammengetragen hat, bestätigt sich einerseits der Eindruck, dass die Wabenzi, der Machtmissbrauch der Mächtigen, der Krieg in Biafra und im Kongo im Vordergrund stehen, kommt aber andererseits doch eine unübersehbare eigene „Handschrift“ in der Malerei zum Ausdruck, welche einen neuen Zeitabschnitt markiert.

Ein interessanter Prüfstein für unsere Überlegungen ist weiterhin, wie die vergleichsweise späte Dekolonisation im südlichen Afrika wahrgenommen und thematisiert wurde. Auch hier lassen sich Ambivalenzen feststellen. Flora Veit-Wild geht in ihrer 1992 erschienenen Sozialgeschichte der Literatur Simbabwes Teachers, Preachers, Non-Believers drei Generationen von Schriftstellern nach und zeigt, dass die Generation der 1970er bereits vor Erringung der Unabhängigkeit desillusioniert war, von ihr also keinen wirklichen Neuanfang erwartete. Etwas anders gelagerte, aber nicht grundlegend andere Erfahrungen machte ich selbst als Wahlbeobachter der Europäischen Union in Südafrika 1994, wo ich den Machtübergang über viele Wochen verfolgen, das große Freiheitsfest und das Gefühl eines grundlegenden Neubeginns unmittelbar miterleben konnte, wobei auch hier bei Vielen, gerade auch der jungen, erfolglosen Generation, die Desillusionierung auf dem Fuße folgte.

Während der Verfassungskompromiss von 1978/80 in Simbabwe ohnehin z.B. in der Landfrage Stoff für Enttäuschung bot – welche die Literatur gleichsam vorweg nahm –, stand die Dekolonisation in Südafrika und Namibia ganz im Zeichen einer weltpolitischen Wende nach dem Zerfall der real-sozialistischen Sphäre, so dass Selbstbefreiung und die Annahme der von den westlichen Großmächten gestellten Konditionen der Garantie von Privateigentum, Marktwirtschaft und Mehrparteien-Demokratie Hand in Hand gingen. In anderen Ländern, so in Benin, Togo, Kamerun, Sambia und Malawi, löste die Unzufriedenheit mit den afrikanischen Despoten zum einen, verschärfte wirtschaftliche und politische Auflagen von Weltbank und Internationalem Währungsfond sowie der Geberstaaten zum anderen, eine Welle von – erfolgreichen oder misslungenen – Demokratisierungsversuchen aus, die nach Ansicht vieler afrikanischer Intellektueller durch das Beispiel der gewaltfrei zum Ziel gekommenen Demokratiebewegungen in Osteuropa gefördert wurden. Dass dies parallel zur Dekolonisation in Namibia und Südafrika ablief, verweist – ebenso wie die aus Regimekrisen entstandenen und auch international nicht mehr unter Kontrolle zu bekommenden Bürgerkriege – darauf, dass eine enge Korrelation zwischen afrikanischer und weltgeschichtlicher Entwicklung besteht, und dies sowohl in geopolitischer als auch ökonomischer Hinsicht. Ungeachtet der weltwirtschaftlichen Marginalisierung Afrikas hat die Internationalisierung hier durch vielfältige Formen der Interventionen zugenommen.

Intellektuell wird dies verarbeitet in der Kritik an den vom Westen/Norden geprägten Spielregeln des Weltmarktes und an den afrikanischen Eliten, so z.B. im Pamphlet von Axelle Kabou (1991) oder bei Mahmood Mamdani (1996), der in seiner Analyse die internen Herrschaftsstrukturen Afrikas in den Vordergrund rückt, dabei aber gleichzeitig die Tiefenwirkung des Spätkolonialismus betont. Den hier geführten Diskursen ist gemeinsam, dass sie von der staatlichen Unabhängigkeit als einem irreversiblen Einschnitt ausgehen und dann die Frage nach der Verantwortung der postkolonialen Eliten stellen, in deren Zusammenhang sie gleichzeitig die Debatte über die internationalen Bedingungen afrikanischer Unterentwicklung oder besser: Abhängigkeit fortführen.

Bei alledem ist der Bezugsrahmen, innerhalb dessen sich Verflechtungen Afrikas mit weltweiten Entwicklungen nachweisen lassen, weiter zu spannen, als es eine auf koloniale Beziehungen alleine rekurrierende Diskussion tut. So wird die Kritik an den Eliten auch gespeist vom Erfolg der südostasiatischen – und ebenfalls kolonial geprägten – Staaten im Industrialisierungsprozess. Der Prozess der Demokratisierung ist insofern auch als „inneres Gewächs“ zu betrachten, als in ihm auch die Erfahrungen einer letztlich wirkungslos gebliebenen Entwicklungshilfe und die Auflagen des Nordens hinsichtlich Strukturanpassung und good governance verarbeitet wurden. Auf der anderen Seite sind afrikanische Diskurse auch Weltdiskurse, wie sich im Anteil der internationalen Frauenbewegung an der Diskussion um die Lage afrikanischer Frauen gezeigt hat. Im intellektuellen Zusammenhang ist von einer generellen Interdependenz auszugehen: Ein großer Teil afrikanischer Intellektueller hat angesichts von Diktatur und Not zumindest zeitweilig in der westlichen Diaspora gelebt und geschrieben, die wichtigsten afrikanischen, von afrikanischen Journalisten verfassten Wochenschriften erscheinen in London und Paris, die Universitäten der USA und Kanadas haben sich mit der Etablierung der Black Studies für afrikanische Wissenschaftlerinnen geöffnet und führen somit eine im Dekolonisationszusammenhang gegründete Tradition fort, durch die sich mit der Ausbildung von Hochschullehrerinnen und der Gründung afrikanischer Universitäten enge Verbindungen mit den intellektuellen Strömungen in Europa und den Vereinigten Staaten entwickelten.

Demgegenüber bleiben die Verbindungen zu Indien, Japan und China allerdings sehr schwach, sieht man vom Einfluss der Ideen Gandhis in den 1950er Jahren und einer Affinität zum Mao-Kult in den späten 1960er Jahren ab. Dies überrascht umsomehr, als gerade Indien im Rahmen der Blockfreienbewegung und innerhalb der UNO sich für die Dekolonisation Afrikas stark engagiert hat. Also doch ein Beleg für die Zentrierung kulturellen und ökonomischen Interesses auf Europa und die Vereinigten Staaten, vor deren Hintergrund z.B. auch die führende Rolle japanischer Entwicklungspolitik in Afrika kaum registriert wurde?

Wie im Gang der Argumentation deutlich wurde, ist die Antwort darauf, ob die Dekolonisation in Afrika als Zeitenwende gelten kann, eng mit Prämissen und Perspektiven der Betrachtung verknüpft. Genauer gesagt: Vom Blickpunkt des Einstiegs in die Moderne erscheint die Zäsur im 19. Jahrhundert. Nimmt man die sozialen und ökonomischen Entwicklungen der longue durée in den Blick, so lässt sich eine dramatische Kette von Krisen und Aufbrüchen seit 1750 erkennen. Betrachtet man trotz aller Interdependenzen und Abhängigkeiten die Schaffung des modernen Flächenstaates als entscheidend, dann lässt sich eine von 1890 bis in die Gegenwart reichende Periode abgrenzen. Setzt man wiederum an der Ausbildung „großer“ Ethnien und ihrer politischen Mobilisierbarkeit an, so ist diese Entwicklung auf das frühe 19. Jahrhundert zu datieren. Nehmen wir nun aber die politische Dekolonisation – auch unter Formen der Despotie und des Machtmissbrauchs – als wichtigen Schritt zur Wiederherstellung von Würde nach Überwindung von Rassismus und direkter Fremdherrschaft, dann war sie ein Einschnitt, dessen Langzeitwirkung sich erst zu entfalten beginnt.


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