Dorf Thesen Neuzeit

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Inhaltsverzeichnis

Thesen zur Geschichte des Dorfes in der Neuzeit

mit Tipps für die Dorfplanung

KH Schneider, 1994

Bilder vom historischen Dorf prägen unsere Wahrnehmung und die aktuellen Leitbilder von Dorfentwicklung. Für eine Bestandsaufnahme kommt daher der genauen Erfassung der historischen Realität eine entscheidende Rolle zu. Das betrifft nicht allein planungsrelevante Fragen (wie z.B. die Entwicklung von Siedlung und Flur), sondern die grundsätzliche Bewertung dörflicher Lebenswelten.

Bei einer Betrachtung historischer Zustände ist immer eine perspektivische Verzerrung zu berücksichtigen: Die Vergangenheit erscheint uns aus heutiger Sicht geordnet, verständlich und sicher. Diese Wahrnehmung besaßen die Menschen früherer Epochen natürlich nicht. Für einen Dorfbewohner des Jahres 1755 war nicht der Siebenjähriger Krieg vorhersehbar, für seinen Sohn kam die große Mißernte von 1772 völlig unvorbereitet und dessen Enkel fiel vielleicht in Rußland 40 Jahre später. In krassem Gegensatz zum heutigen Wissen war die Zukunft für frühere Generationen von einer absoluten Ungewißheit bestimmt: hohe Sterblichkeit, die Gefahr von Ernteausfällen und Kriegen ließen kaum eine langfristige Planung zu.

Dorfgeschichte vor der Industrialisierung war keineswegs statisch, sondern weist wichtige Phasen auf.

  • Eine vorindustrielle Phase, die um 1000 einsetzte, bzw. seitdem auf der Basis schriftlicher Quellen hinreichend erforscht ist.
  • Eine industrielle Phase, die mit der Industrialisierung in Deutschland um 1850 einsetzte, und

eine spätindustrielle Phase seit den 70er Jahren.

Die vorindustrielle Zeit

In der vorindustriellen Phase waren Dörfer von Abhängigkeiten unterschiedlicher Art geprägt: Die Abhängigkeit von den naturräumlichen Verhältnisse beeinflußte die Wahl des Siedlungsortes und die Art der Nutzung der Feldmark (Ackerbau, Viehzucht, Weinanbau etc.); Siedeln und Wirtschaften war nur in bestimmten Naturräumen möglich, eine Manipulierung dieser Naturräume durch Wasserbaumaßnahmen oder Düngung gab es nicht oder nur in begrenztem Umfang.

Noch weniger war das Wetter zu beeinflussen; wechselnde Witterungsverhältnisse hatten direkte und nicht zu korrigierende Auswirkungen auf die Höhe der Erträge, damit auf Wohlstand oder Armut, ja Hunger und Tod. Schließlich war das Dorf kein herrschaftsfreier Bereich, sondern vielfältigen äußeren Einflüssen unterworfen, zunächst grundherrschaftlichen Gewalten (Kirche, Adel), dann, seit dem späten Mittelalter verstärkt staatlichen (landesherrlichen). Dörfliche Autonomie war zwar ein Ideal mancher Dorfbewohner, in der gesellschaftlichen Realität gab es sie nicht.

Diese Abhängigkeiten bewirkten eine starke Begrenzung der Lebens- und Existenzmöglichkeiten im Dorf: Wohlhabenheit gab es nur bei kleinen Bevölkerungsgruppen, die Masse lebte in Armut oder am Rande der Armut. Schlechte Ernten konnten sogar die Existenz in Frage stellen. Herrschaftliche Gewalten förderten eine Mentalität der Passivität. Gleichwohl war das vorindustrielle Dorf kein statischer Bereich, sondern dynamischen Entwicklungen, Krisen und Konjunkturen unterworfen.

Wichtige Entwicklungsphasen waren das Hochmittelalter mit einem drastischen Bevölkerungszuwachs und einem weitreichenden Siedlungsausbau, weitere Phasen mit einem schnellen Bevölkerungszuwachs und daraus resultierenden betriebswirtschaftlichen Modernisierungen und sozialen Strukturveränderungen waren das 16. Jahrhundert sowie das 18. und 19. Jahrhundert. Phasen des Bevölkerungsrückgangs oder der Stagnation waren das Spätmittelalter (Pest, Agrarkrise) und das 17. Jahrhundert (30jähriger Krieg).

In einer Übergangsphase zwischen vorindustrieller und industrieller Gesellschaft um 1850 kam es zu verstärkten Verarmungstendenzen, die zu einer, regional differenzierten, Auswanderungswelle vor allem nach Nordamerika führte.

Dorf und Industrialisierung

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert schuf neue Rahmenbedingungen für dörfliche Entwicklungen, sie vergrößerte dabei die Unterschiede zwischen den Dörfern. Wichtige Rahmenbedingungen des 19. Jahrhunderts war die Bauernbefreiung mit der Aufhebung herrschaftlicher Abhängigkeiten und den wirtschaftlichen Reformmaßnahmen (Aufhebung der genossenschaftlichen Nutzungen, Zusammenlegung der Felder), die Entstehung neuer, expandierender Absatzmärkte und die allmähliche Nutzung technischer (Maschinen) und chemischer (Düngung) Hilfsmittel. Dadurch konnte die Produktivität der Landwirtschaft erheblich erhöht und gleichzeitig die Ertragslage verbessert werden.

Im Einzugsbereich der Großstädte verschwanden viele Dörfer durch Eingemeindung, bzw. entwickelten sich, wie im Ruhrgebiet, selbst zu Städten. In Gebieten mit günstigen agrarischen Voraussetzungen führte die Industrialisierung dank der Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu einem wachsenden landwirtschaftlichen Wohlstand; der Landwirtschaft vor- und nachgelagertes Gewerbe (Molkereien, Handel, etc.) förderte die Infrastruktur der Dörfer und sicherte der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung ebenfalls eine gute Erwerbsgrundlage. In sogenannten peripheren Gebieten konnte hingegen die Entwicklung stagnieren. Hier bestanden weiterhin karge Lebensbedingungen; sie bewirkten eine starke Abwanderung, da nur relativ wenige Einwohner im Dorf eine Existenz finden konnten.

Mit Ausnahme der zu Städten gewachsenen, bzw. der eingemeindeten Dörfer bildete die Landwirtschaft weiterhin ein wesentliches Element der dörflichen Lebensverhältnisse und Sozialbeziehungen. Die starke Differenzierung dörflicher Entwicklungen in dieser Phase spiegelt sich bis heute in der Gestalt und den Bauten wider. Damit prägt diese Entwicklungsphase in hohem Maße unsere Vorstellung vom Dorf. Elemente dieses Dorfbildes sind ein auch nach außen dokumentierter bäuerlicher Wohlstand, der sich in vielen Neubauten der Reichsgründungszeit widerspiegelt, ein stark differenziertes ländlich-dörfliches Gewerbe, eine gemeindliche Infrastruktur mit eigener Gemeindeverwaltung (die es bis ca. 1800 in dieser Form nicht gab) und einer Schule.

Dieses Dorfbild hat deshalb eine prägende Kraft, weil es durch persönliche Wahrnehmungen am besten bekannt ist, während der Zugang zum vorindustriellen Dorf nur über eine "akademische" Aneigung der Vergangenheit möglich ist. Nach 1960 setzte im Rahmen des sog. Strukturwandels der Rückzug der Landwirtschaft aus dem dörflichen Leben ein, seit den 70er Jahren verbunden mit einer Ausdünnung der dörflichen Infrastruktur und dem Verlust gemeindlicher Autonomie.

Gravierend hat sich der Rückzug der Landwirtschaft ausgewirkt, da nicht nur die Zahl der Haupterwerbsbetriebe reduziert wurde, sondern vor allem die Kleinbetriebe verschwunden sind, deren Existenz früher die Sozialbeziehungen im Dorf bestimmt hat. Damit hat sich das Dorf von der landwirtschaftlichen Siedlung zum Wohnort entwickelt, dessen Qualität unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen nicht von der naturräumlichen Ausstattung mit Wasser, Acker- und Weideland bestimmt ist, sondern von der Nähe und Erreichbarkeit zentraler Orte.

Aus der Betrachtung der Vergangenheit von Dörfern lassen sich folgende Schlußfolgerungen ziehen: Dorfgeschichte ist auch vor der Industrialisierung von dynamischen Entwicklungen geprägt gewesen, ohne daß dabei die landwirtschaftliche Grundlage verändert wurde. Herrschaft und Abhängigkeit waren Erfahrungen, die die Dorfbevölkerung verinnerlicht hat und die teilweise bis heute, wenngleich nur unbewußt, ihr Verhalten beeinflussen.

Eine grundlegende Veränderung brachte die Industrialisierung: sie bot die Basis, auf der sich eine differenzierte dörfliche Betriebs- und Gewerbestruktur entwickeln konnte. Wohlstand erreichte erst in dieser Phase weitere dörfliche Bevölkerungskreise.

Der Wandel des Dorfes zum Wohnort und die damit verbundene, scheinbare, Emanzipation von naturräumlichen Rahmenbedingungen, haben zu einem Verhalten geführt, welches in längerer Perspektive mehr als fragwürdig erscheinen muß. Hierzu zählt speziell der Verbrauch von guten Ackerböden zu Bauland, bz×ÝÝfür Gewerbegebiete und deren Erschließung.

Konsequenzen für die Dorfplanung

Grundsätzlich gab und gibt es eine enge Wechselbeziehung zwischen innerdörflichen Entwicklungen und gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dorfplanung muß in jedem Fall diesen allgemeinen Hintergrund berücksichtigen, insbesondere auch dessen Folgen für die Wahrnehmung der Dorfbewohner, sie hat gleichzeitig die spezifischen Verhältnisse angemessen zu erfassen und zu analysieren. Jedes Dorf hat seine eigene Geschichte mit besonderen Siedlungs- und Sozialverhältnissen.

Eine Dorfplanung sollte deshalb die jeweiligen spezifischen Verhältnisse sorgfältig zu erfassen versuchen und zu schnelle Verallgemeinerungen vermeiden; gleichzeitig besteht die Notwendigkeit zu einem standardisierten Verfahren, welches den Zeitaufwand begrenzt hält. Vorrangig sollten deshalb Daten zu folgenden Bereichen erhoben werden: Siedlungsgeschichte, Bevölkerungsentwicklung und Sozialstruktur, sowie die territoriale Zuordnung und die verkehrsgeographische Lage.

Die Siedlungsgeschichte hat die genaue Siedlungslage und deren Einordnung in die naturräumlichen Verhältnisse zum Thema: aus welchen Gründen wurde hier die Siedlung angelegt, wie liegen die Höfe zum Acker- und Grünland, wo stehen die älteren und wo die jüngeren Hof- und Hausstellen? Welche Phasen der Siedlungsentwicklung hat es gegeben, wann fanden sie statt, zu welchen Konsequenzen führten sie?

Die Bevölkerungsentwicklung gibt Auskunft zu Phasen schnellen, gebremsten oder rückläufigen Bevölkerungzuwachses (und steht damit im Zusammenhang mit der Siedlungsgeschichte); sinnvoll ist immer der Vergleich mit benachbarten Ortschaften, da so Besonderheiten besser erkannt werden können. Die Untersuchung der Sozialstruktur hat sich dem Verhältnis bäuerlicher, kleinbäuerlicher und unterbäuerlicher Bevölkerung zu widmen, wobei nichtlandwirtschaftliche Berufe nicht unbeachtet bleiben dürfen. Gerade die hierarchischen Strukturen innerhalb des Dorfes prägen bis heute die sozialen Beziehungen, sie sind Fremden (auch Zugezogenen) oft nicht bekannt oder nicht verständlich.

Die Untersuchung der verkehrsgeographischen Lage ermöglicht eine Einordnung des Ortes in einen größeren Raum und schützt damit vor einer zu engen, auf das einzelne Dorf bezogenen Betrachtungsweise. Berücksichtigt werden muß ebenfalls die territoriale Zuordnung des Ortes, wobei Grenzlagen (und damit häufiger wechselnde Herrschaftsverältnisse) genauere Beachtung verdienen.

Quellen zur Dorfgeschichte finden sich an sehr unterschiedlichen Orten. Im Rahmen einer Dorfentwicklungsplanung sollte ein möglichst rationeller Weg gesucht werden; auf folgende Literatur bzw. Quellen gilt es vorrangig zu achten:

Dorfchroniken, Beiträge zur Siedlungs- und Bevölkerungs-, sowie zur Territorialgeschichte der jeweiligen Region (etwa über die Kreisbeschreibungen der 50er Jahre); wertvolle Hilfe kann dabei in den zuständigen staatlichen oder kommunalen Archiven (sofern sie hauptamtlich betreut werden), sowie von erfahrenen Historikern (auch Heimatforschern) gegeben werden.

Historische Landkarten, besonders des 18. und 19. Jahrhunderts, und topographische Karten ermöglichen eine relativ leichte Untersuchung der Flur und der Siedlungslage seit dem 18. Jahrhundert; Flurkarten bieten Informationen zur Entwicklung der Siedlung, der Hof- und Hausstellen sowie der Gemarkung. Grundlegende, für ein Territorium erstellte Karten (meist Vorläufer der späteren topographischen Karten) sind teilweise als Nachdruck über den Buchhandel erhältlich. Weitere unveröffentlichte Karten gibt es in den zuständigen Katasterämtern und Archiven.

Wertvolle Informationen zu Bevölkerungsentwicklung, Sozial- und Betriebsstruktur bieten seit dem 16. Jahrhundert die sogenannten registerförmigen Quellen, das waren im weitesten Sinn Steuerlisten, die u.a. Informationen zu den Hausbesitzern (Namen, Alter, Familie), deren Hof und Land, sowie ihren Abgaben an Grund- und Landesherren enthalten. Hinzuweisen ist hier auch auf die seit der Jahrhundertwende teilweise vorliegenden Adreßbücher.

Wichtig, aber nicht unproblematisch sind die mündlichen Überlieferungen. Sie sollten immer kritisch gewertet werden (was grundsätzlich allen Quellen gilt), ein Gewährsmann allein reicht in keinem Fall aus, Aussagen sollten untereinander verglichen und möglichst anhand schriftlicher Überlieferung kontrolliert werden. Grundsätzlich sollte im Rahmen einer Dorfplanung aber keine "Ortsgeschichte" geschrieben werden (zumindest nicht vom Planer), sondern das Ziel muß sein, Grundlinien der Entwicklung des Ortes zu erfassen und ihre Bedeutung für die gegenwärtige Planung festzuhalten.

Literatur

Eine umfassende Literaturliste kann hier nicht gegeben werden. Hinzuweisen ist besonders auf folgende Darstellungen, die weitere Hilfen enthalten.

Walter Achilles: Landwirtschaft in der frühen Neuzeit. München 1991.

Martin Born: Die Entwicklung der deutschen Agrarlandschaft. Darmstadt 1974.

Grundlagen der Dorfentwicklung. Studieneinheit 1 zu Fernstudium Dorfentwicklung. (Deutsches Institut für Fernstudien, Tübingen 1988). Darin u.a. die Beiträge von Hauptmeyer, Kaschuba und Grees.

Heide Wunder: Die bäuerliche Gemeinde in Deutschland. Göttingen 1986.