Dorf in der Neuzeit

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Das niedersächsische Dorf in der Neuzeit

Karl H. Schneider

Bauernbefreiung und Auswanderung: 1800-1860

Zeitleiste "Bauernbefreiung"
1808 Aufhebung der persönlichen Unfreiheit, aber Einführung einer Ablösungsmöglichkeit für alle anderen des Werts der Abgabe für den Feudalherrn, Umrechnung in eine Geldleistung, Umwandlung in eine jährliche Rente oder Kapitalisierung (bei 4 % Zinsen durch Bezahlung des 25 fachen Jahresbetrags)
1814 Aufhebung aller westfälischen Gesetze im neuen Königreich Hannover
1830
  • Carl Bertram Stüve aus Osnabrück veröffentlicht seine Schrift: „Ueber die Lasten des Grundeigenthums und Verminderung derselben in Rücksicht auf das Königreich Hannover“.
  • In Frankreich kommt es zur Juli-Revolution; der letzte Bourbonenkönig wird abgesetzt.
  • Am 6. September wird das Braunschweiger Schloß in Brand gesetzt, der Herzog flieht.
1831 In Hannover erscheint nach Rücktritt des Ministeriums Münster ein Ablösungsgesetz
1833 Eine hannoversche Ablösungsordnung erscheint, die die genauen Regeln für die Ablösungen festhält.
1834 Das Herzogtum Braunschweig erhält eine Ablösungsordnung, außerdem erhalten die Bauern sofort günstige Kredite aus der Kasse der Herzoglichen Leihbank
1840 Im Königreich Hannover wird eine Landeskreditanstalt gegründet, die den Bauern günstige Kredite zur Verfügung stellt.
1868 Abschluß der Ablösungsgesetzgebung


In zwei Phasen wurden die herrschaftlichen oder feudalen Bindungen der Bauern aufgehoben, zunächst zwischen 1808 und 1813 während der Zeit des französisch dominierten Königreichs Westfalen, und dann nach 1830. Die erste Phase hatte keine direkten Folgen, denn erstens blieben die tatsächlich durchgeführten Befreiungen gering und zweitens wurden die Reformen nach 1814 wieder zurückgenommen. Gleichwohl waren sie nicht folgenlos, denn das ab 1808 angewandte Prinzip der Ablösung wurde nach 1830 weiter entwickelt. Das Scheitern der französischen Gesetzgebung lag nicht allein an der kurzen Dauer der Herrschaft, sondern auch daran, daß die agrarischen Verhältnisse derart komplex waren, daß einfache Lösungen kaum funktionieren konnten. Gleichzeitig legte man sich auf ein Verfahren fest, welches zwischen den direkten persönlichen Bindungen der Leibeigenschaft oder Eigenbehörigkeit, und der Grundherrschaft sowie die damit verbundene Nutzung des Landes unterschied. Erstere sollten entschädigungslos aufgehoben, für letztre die Grundherren dagegen entschädigt werden. Für die Bauern war eine derartige Unterscheidung schwer nachvollziehbar, so daß sie durchweg alle Leistungen verweigerten.

Die französische Zeit blieb Episode. Zunächst wurde nach 1814 so getan, als sei nichts geschehen, als habe es die französische Zeit nicht gegeben. Nach schlechten Ernten mit hohen Getreidepreisen in den Jahren 1816/17 sanken zu Beginn der 1820er Jahre die Getreidepreise infolge sehr günstiger Ernten extrem stark ab, so daß die bäuerlichen Betriebe mit ihrer hohen Marktquote in existentielle Nöte gerieten. Da die hannoversche Regierung 1825 zudem ein neues Grundsteuersystem einführte, zeichnete sich immer stärker ab, daß grundlegende Reformen unausweichlich waren. Gleichwohl bedurfte es politischer Veränderungen, um die Blockade vornehmlich des Adels gegen Reformen aufbrechen zu können. Die Julirevolution von 1830 in Frankreich wirkte sich schnell in Deutschland aus, sie motivierte Proteste und Eingaben der ländlichen Bevölkerung und stärkte damit den bürgerlichen Reformkräften den Rücken. Mit dem Rücktritt des alten, konservativen Ministeriums Münster wurde im Königreich Hannover der Weg frei für ein Ablösunsgesetz, welches die 1808 entwickelten Verfahrensweisen weiter entwickelte. Die Ablösungsordnung von 1833 nannte schließlich die konkreten Regeln für die Bauernbefreiung.

Die Bauern wurden zwar von feudalen Lasten befreit, aber keineswegs entschädigungslos, sondern gegen Bezahlung einer Geldrente oder einer Kapitalisierung der bisherigen Lasten. In letzterem Fall mußten sie den 25fachen Jahresbetrag des Wertes ihrer Abgaben bezahlen. Bei der Wertberechnung wurden allerdings Kosten des Grundherrn, etwa Verköstigung der Bauern während des Dienstes, mit berücksichtigt. Gleichwohl konnten sich erhebliche Belastungen ergeben, die ohne Kredithilfen kaum bezahlt werden konnten. So brachte erst die Einrichtung einer Landeskreditanstalt 1842 den Durchbruch für eine intensive Ablösungstätigkeit der Bauern. Landabtretungen waren nur in sehr geringem Umfang bei der Zehntablösung vorgesehen.

Dennoch sollte der Eindruck des Jahres 1831/33 nicht überschätzt werden. Die Ablösungen wurden keineswegs gleichförmig durchgeführt, sondern selektiv: erst die Dienste vielleicht oder die Zehnten, dann kleinere Abgaben. So zog sich das Ablösungsgeschäft dahin; Anfang der 1850er Jahre, 20 Jahre nach dem Erlass der Ablösungsordnung und elf Jahre nach der Einrichtung der Landeskreditanstalt, waren von den Bauern erst ca. 40% der Abgaben und Dienste abgelöst worden. 1865, ein Jahr vor dem Ende des Königreichs Hannover, waren es 75%.

1867, nun schon unter preußischer Herrschaft, wurde am 28. September die „Verordnung betr. die Ablösung der Reallasten, welche dem Domänenfiskus im vormaligen Königreich Hannover zustehen” erlassen. Sie erlaubte im Gegensatz zu den gesetzlichen Bestimmungen von 1831/33 jetzt auch dem Berechtigten, eine Ablösung zu beantragen (§ 2). In diesem Fall mußten die Pflichtigen statt des 25fachen Jahreswertes der betreffenden Abgabe nur den 18fachen Betrag zahlen. Konnte der Pflichtige eine Kapitalzahlung nicht vornehmen, so wurde die Abgabe in eine Jahresrente umgewandelt, die 41,5 Jahre lang bezahlt werden mußte. Nach Ablauf dieser Zeit galt die Schuld als erloschen. Damit waren die Voraussetzungen gegeben, um innerhalb von 10 Jahren die Ablösungen abzuschließen. Bauernbefreiung kennzeichnet damit 1. eine Befreiung unter erheblicher Selbstbeteiligung der Bauern, und 2. einen etwa 50jährigen Prozeß.

Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen