Dorf in der Neuzeit

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Das niedersächsische Dorf in der Neuzeit

Karl H. Schneider

Inhaltsverzeichnis

"Bauernbefreiung" 1800-1860

Zeitleiste "Bauernbefreiung"

1808 Aufhebung der persönlichen Unfreiheit, aber Einführung einer Ablösungsmöglichkeit für alle anderen des Werts der Abgabe für den Feudalherrn, Umrechnung in eine Geldleistung, Umwandlung in eine jährliche Rente oder Kapitalisierung (bei 4 % Zinsen durch Bezahlung des 25 fachen Jahresbetrags)
1814 Aufhebung aller westfälischen Gesetze im neuen Königreich Hannover
1830
  • Carl Bertram Stüve aus Osnabrück veröffentlicht seine Schrift: „Ueber die Lasten des Grundeigenthums und Verminderung derselben in Rücksicht auf das Königreich Hannover“.
  • In Frankreich kommt es zur Juli-Revolution; der letzte Bourbonenkönig wird abgesetzt.
  • Am 6. September wird das Braunschweiger Schloß in Brand gesetzt, der Herzog flieht.
1831 In Hannover erscheint nach Rücktritt des Ministeriums Münster ein Ablösungsgesetz
1833 Eine hannoversche Ablösungsordnung erscheint, die die genauen Regeln für die Ablösungen festhält.
1834 Das Herzogtum Braunschweig erhält eine Ablösungsordnung, außerdem erhalten die Bauern sofort günstige Kredite aus der Kasse der Herzoglichen Leihbank
1840 Im Königreich Hannover wird eine Landeskreditanstalt gegründet, die den Bauern günstige Kredite zur Verfügung stellt.
1868 Abschluß der Ablösungsgesetzgebung


In zwei Phasen wurden die herrschaftlichen oder feudalen Bindungen der Bauern aufgehoben, zunächst zwischen 1808 und 1813 während der Zeit des französisch dominierten Königreichs Westfalen, und dann nach 1830. Die erste Phase hatte keine direkten Folgen, denn erstens blieben die tatsächlich durchgeführten Befreiungen gering und zweitens wurden die Reformen nach 1814 wieder zurückgenommen. Gleichwohl waren sie nicht folgenlos, denn das ab 1808 angewandte Prinzip der Ablösung wurde nach 1830 weiter entwickelt. Das Scheitern der französischen Gesetzgebung lag nicht allein an der kurzen Dauer der Herrschaft, sondern auch daran, daß die agrarischen Verhältnisse derart komplex waren, daß einfache Lösungen kaum funktionieren konnten. Gleichzeitig legte man sich auf ein Verfahren fest, welches zwischen den direkten persönlichen Bindungen der Leibeigenschaft oder Eigenbehörigkeit, und der Grundherrschaft sowie die damit verbundene Nutzung des Landes unterschied. Erstere sollten entschädigungslos aufgehoben, für letztre die Grundherren dagegen entschädigt werden. Für die Bauern war eine derartige Unterscheidung schwer nachvollziehbar, so daß sie durchweg alle Leistungen verweigerten.

Die französische Zeit blieb Episode. Zunächst wurde nach 1814 so getan, als sei nichts geschehen, als habe es die französische Zeit nicht gegeben. Nach schlechten Ernten mit hohen Getreidepreisen in den Jahren 1816/17 sanken zu Beginn der 1820er Jahre die Getreidepreise infolge sehr günstiger Ernten extrem stark ab, so daß die bäuerlichen Betriebe mit ihrer hohen Marktquote in existentielle Nöte gerieten. Da die hannoversche Regierung 1825 zudem ein neues Grundsteuersystem einführte, zeichnete sich immer stärker ab, daß grundlegende Reformen unausweichlich waren. Gleichwohl bedurfte es politischer Veränderungen, um die Blockade vornehmlich des Adels gegen Reformen aufbrechen zu können. Die Julirevolution von 1830 in Frankreich wirkte sich schnell in Deutschland aus, sie motivierte Proteste und Eingaben der ländlichen Bevölkerung und stärkte damit den bürgerlichen Reformkräften den Rücken. Mit dem Rücktritt des alten, konservativen Ministeriums Münster wurde im Königreich Hannover der Weg frei für ein Ablösunsgesetz, welches die 1808 entwickelten Verfahrensweisen weiter entwickelte. Die Ablösungsordnung von 1833 nannte schließlich die konkreten Regeln für die Bauernbefreiung.

Die Bauern wurden zwar von feudalen Lasten befreit, aber keineswegs entschädigungslos, sondern gegen Bezahlung einer Geldrente oder einer Kapitalisierung der bisherigen Lasten. In letzterem Fall mußten sie den 25fachen Jahresbetrag des Wertes ihrer Abgaben bezahlen. Bei der Wertberechnung wurden allerdings Kosten des Grundherrn, etwa Verköstigung der Bauern während des Dienstes, mit berücksichtigt. Gleichwohl konnten sich erhebliche Belastungen ergeben, die ohne Kredithilfen kaum bezahlt werden konnten. So brachte erst die Einrichtung einer Landeskreditanstalt 1842 den Durchbruch für eine intensive Ablösungstätigkeit der Bauern. Landabtretungen waren nur in sehr geringem Umfang bei der Zehntablösung vorgesehen.

Dennoch sollte der Eindruck des Jahres 1831/33 nicht überschätzt werden. Die Ablösungen wurden keineswegs gleichförmig durchgeführt, sondern selektiv: erst die Dienste vielleicht oder die Zehnten, dann kleinere Abgaben. So zog sich das Ablösungsgeschäft dahin; Anfang der 1850er Jahre, 20 Jahre nach dem Erlass der Ablösungsordnung und elf Jahre nach der Einrichtung der Landeskreditanstalt, waren von den Bauern erst ca. 40% der Abgaben und Dienste abgelöst worden. 1865, ein Jahr vor dem Ende des Königreichs Hannover, waren es 75%.

1867, nun schon unter preußischer Herrschaft, wurde am 28. September die „Verordnung betr. die Ablösung der Reallasten, welche dem Domänenfiskus im vormaligen Königreich Hannover zustehen” erlassen. Sie erlaubte im Gegensatz zu den gesetzlichen Bestimmungen von 1831/33 jetzt auch dem Berechtigten, eine Ablösung zu beantragen (§ 2). In diesem Fall mußten die Pflichtigen statt des 25fachen Jahreswertes der betreffenden Abgabe nur den 18fachen Betrag zahlen. Konnte der Pflichtige eine Kapitalzahlung nicht vornehmen, so wurde die Abgabe in eine Jahresrente umgewandelt, die 41,5 Jahre lang bezahlt werden mußte. Nach Ablauf dieser Zeit galt die Schuld als erloschen. Damit waren die Voraussetzungen gegeben, um innerhalb von 10 Jahren die Ablösungen abzuschließen. Bauernbefreiung kennzeichnet damit 1. eine Befreiung unter erheblicher Selbstbeteiligung der Bauern, und 2. einen etwa 50jährigen Prozeß.

Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen

Zeitleiste Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen

1768 Kurhannover: Verordnung, „wie in Landes-Oeconomie-Angelegenheiten zu verfahren“, danach viele freiwillige Teilungen
1785 Markenteilungsordnung in Osnabrück
1802 Lüneburgische Gemeinheitsteilungsordnung
1822 Gemeinheits-und Markenteilungsordnung für das Fürstentum Osnabrück, 1835 auf Arenberg-Meppen, Bentheim und Vogtei Emsbüren ausgedehnt, 1838 Niedergrafschaft Lingen
1824 Teilungsordnungen für die Fürstentümer Calenberg, Grubenhagen, Göttingen und Hildesheim, Grafschaften Hoya und Diepholz
1825 Ordnung über die „Teilung der Allmenden und Verkoppelung der zerrissenen Felder für die Herzogtümer Bremen und Verden“
1834 Braunschweig: Richtlinien für Gemeinheitsteilungen und Verkoppelung in der Ablösungsordnung
1842 „Gesetz über die Zusammenlegung der Grundstücke oder die Verkoppelung“ für das Königreich Hannover
1858 Verkoppelungsgesetz für das Großherzogtum Oldenburg
1872 Verkoppelungsgesetz in Schaumburg-Lippe
1935 Reichsumlegungsordnung
1953 Flurbereinigungsgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, die vielen genossenschaftlichen Bindungen in der Land- und Feldnutzung aufzuheben. Dies betraf einerseits die vielen Rechte, die auf Gemeinweiden, Wäldern, Heiden oder Mooren lagen, andererseits solche, die auf dem Ackerland ruhten, und schließlich die Gemengelage der vielen Parzellen auf dem eigentlichen Ackerland mit ihrem Zwang zur gemeinsamen Bewirtschaftung des Landes. Die Motive für diese Bewegung waren sehr unterschiedlich.

  • Dörfliche Gruppen drängten auf eine größere Verfügungsfreiheit über das Land; dies galt etwa für marktorientierte größere Bauernbetriebe, die sich von einer individuellen Nutzung eine intensivere Bewirtschaftung und damit höhere Erträge erhofften.
  • Von Seiten des Landesherrn wurden ebenfalls solche Reformen unterstützt, weil man sich davon nicht nur eine erhöhte Produktivität erhoffte, sondern auch mehr Einwohner, die beispielsweise auf den Heiden der nordwestdeutschen Geest angesetzt wurden.
  • Agrarwissenschaftler forderten ohnehin eine umfassende Reform, weil sie die geringe Effizienz der alten Wirtschaftsweise bemängelten. Ihre Vorschläge zielten auf eine rationelle Landwirtschaft, in der das Land individuell und intensiv unter Einsatz modernster Methoden bewirtschaftet wurde.

Wichtig sind die Rahmenbedingungen dieser frühen Reformen. Sie fanden statt in einer Phase, als die Staaten versuchten, ihre Einkünfte deutlich zu steigern, und hierzu vorrangig auf eine „Peuplierung” des Landes setzten. Das ohnehin vorhandene Bevölkerungswachstum wurde dadurch weiter verstärkt, führte zu einer steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln und steigenden Agrarpreisen. Die große Hungersnot von 1771/72 im Gefolge einer europaweiten Agrarkrise führte deutlich vor Augen, daß ohne eine Erhöhung der Produktivität die angestrebten Ziele nicht zu erreichen waren.

Gleichwohl begannen die ersten Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen nur zögernd, weil keine gesetzlichen Grundlagen vorhanden waren. Erst mit der Lüneburger Gemeinheitsteilungsordnung von 1802 gelang der Durchbruch; 1824, 1842 und 1856 folgten weitere Gesetze im Königreich Hannover, vergleichbare Regelungen erfolgten auch im Herzogtum Braunschweig und im Großherzogtum Oldenburg. Schon die Daten zeigen, daß auch Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen keineswegs in kurzer Zeit abgeschlossen waren. Vielmehr zogen sie sich über das gesamte Jahrhundert hin.

Selbst für die einzelne Gemeinde konnten sich Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen über einen langen Zeitraum hinziehen. Meist wurde eine Gemeinheitsfläche von mehreren Gemeinden genutzt, so daß deren Anteile im Rahmen der sogenannten Generalteilung erst aufgeteilt werden mußten; anschließend wurden die Anteile der Gemeindemitglieder im Rahmen der Spezialteilung festgelegt. Naheliegend war angesichts des mit der Aufteilung des Landes verbundenen Aufwandes eine gleichzeitige Verkoppelung, also eine stärkere Zusammenlegung der Felder. Beides geschah auch seit den 1840er Jahren in vielen Fällen. Damit wurde eine grundsätzliche Neuaufteilung der gesamten Feldmark erreicht, die damit einen grundlegenden Wandel erfuhr. Anstelle der Differenzierung in parzelliertem Ackerland, Heide, Wald oder Moor mit teilweise integrierten privaten Kämpen, sowie einem den naturräumlichen Bedingungen angepaßtem Wegenetz, trat nun eine einheitlich aufgeteilte Feldflur, in der genossenschaftliche Elemente keine größere Rolle mehr pielte. Die neuen größeren Landstücke konnten über ein völlig neues Wegenetz erreicht werden.

Umfassende und eine ganze Region erfassende Maßnahmen konnten nicht in wenigen Jahren vollzogen werden; insbesondere dort, wo die naturräumlichen Voraussetzungen denkbar ungünstig waren, wie in den Geest- und Moorgebieten, verzögerten sich die Maßnahmen bis um die Jahrhundertwende.

Eine Einschätzung dieser Entwicklung ist nicht einfach, denn die strukturellen Veränderungen waren erheblich, jedoch zeigen andererseits Untersuchungen zum Landschaftswandel, daß die Zerstörung von Biotopen insbesondere in den Jahrzehnten nach 1945 wesentlich tiefgreifender war als im gesamten 19. Jahrhundert. Dennoch basierten diese gleichsam rezenten Wandlungen auf den Vorgaben des 19. Jahrhunderts.

Neben den ökologischen Substanzverlusten, die mit der Modernisierung einherging und den Produktivitätsfortschritt dieser Jahrzehnte begleitete, dürfen die mentalen Veränderungen nicht übersehen werden. Während in der genossenschaftlichen dörflichen Welt vor den Reformen die Kooperation im Dorf von entscheidender Bedeutung, verlor sie diese nach und nach; sicher nicht abrupt, aber doch erkennbar. Lediglich der hohe Arbeitskräftebedarf der Landwirtschaft schützte vor einer vollständigen Individualisierung, wie sie sich seit 1960 durchgesetzt hat.

Auswanderungen

Zwischen 1832 und 1886 wanderten aus dem Königreich bzw. der Provinz Hannover offiziell 183.355 Menschen nach Übersee aus, davon die meisten in die USA. Von den sechs hannoverschen Landdrosteien war davon Osnabrück am stärksten betroffen, mit 77.056 oder 42 % stellten sie den größten Teil der Amerikaauswanderer. Am anderen Ende der Skala stand das Fürstentum Hildesheim mit lediglich 11.767 Auswanderern. Betrachtet man den Verlauf der Auswanderung, so wird deutlich, daß es drei Hauptphasen gab: um die Mitte der 1840er Jahre, Mitte der 1860er Jahre und in den 1880er Jahren.

Der Höhepunkt der hannoverschen Auswanderung bildeten die 1860er Jahre. Für alle drei Phasen gibt es ökonomische Gründe entweder im Auswanderungsland oder im Zielland. Mitte der 1840er Jahre förderte eine allgemeine Mißernte die Auswanderungswilligkeit vorrangig der Unterschichten, durch den Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs 1860 gingen die Werte stark zurück, stiegen aber danach wieder schnell an, zumal in den USA mit dem Homestead-Actvon 1862 die Einwanderer 160 Acre Land (oder 256 Morgen) praktisch kostenfrei erhielten. Anfang der 1870er Jahre direkt nach der Reichsgründung gingen die Zahlen nahezu gegen Null, die „Gründerjahre“ mit ihrem ökonomischen Boom ließen viele Auswanderungswillige ihr Glück in Deutschland versuchen. Als dem Gründerboom der „Gründerkrach“ folgte, versuchten noch einmal viele ihr Glück in Übersee. Die starke Amerikaauswanderung weist mithin darauf hin, daß die Erwerbsmöglichkeiten in Niedersachsen und allgemein in Deutschland um die Jahrhundertmitte nicht günstig waren.

Auswandererzahlen im Königreich Hannover Auswan Henkel.gif

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts dominierte neben der Landwirtschaft ein breites und differenziertes dörfliches Gewerbe. Ein Großteil der ländlichen Bevölkerung konnte längst nicht mehr von der Landwirtschaft leben, sondern dank der Erwerbsmöglichkeiten als Leineweber, Dorfhandwerker oder Wanderarbeiter existieren. Wanderarbeit und Leinenweberei basierten darauf, daß es eine starke Nachfrage nach billiger Arbeit in den Niederlanden oder handgewebtem Leinen in Übersee gab. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts lockerte sich diese Basis: die Niederlande benötigten immer weniger billige deutsche Wanderarbeiter zum Heumachen oder Torfstechen. Zur gleichen Zeit standen die deutschen handgewebten Leinenwaren in Konkurrenz zur neuen, billigeren und besseren Baumwollkleidung. Zusätzlich litten die dörflichen Unterschichten an den Folgen der ersten Agrarreformen, denn sie verloren meist ihre Rechte an den Gemeinweiden, ohne bei der Spezialteilung berücksichtigt worden zu sein. Erst die späteren gesetzlichen Regelungen schufen hier eine Abhilfe.

Die Frage nach den sozialen Folgen der Agrarreformen ist lange Zeit diskutiert worden. Angesichts der Krise, in der sich die ländlichen Unterschichten um die Jahrhundertmitte befanden, war und ist es naheliegend, nach den Ursachen zu fragen. Kurzfristig verschärften die Reformen ohne Zweifel die Situation der durch den Niedergang der Leinenweberei schon betroffenen Unterschichten. Mittelfristig hatten Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen aber auch positive Auswirkungen. Zunächst allerdings gerieten die Unterschichten in eine existentielle Notlage, die sich in einer Auswanderungswelle aus Deutschland widerspiegelte. Insbesondere in den Gebieten mit größeren Anteilen von Wanderarbeitern und Leineweber verließen die Menschen zu Hunderten die Dörfer. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts änderten sich jedoch die Verhältnisse. Einerseits war der demographische Überschuß abgewandert, andererseits boten sich neue Erwerbsmöglichkeiten in der Landwirtschaft und dem Gewerbe. Die durch die Agrarreformen ermöglichte Mobilisierung des Bodens und die Neuordnung der Feldmark erwiesen sich nun teilweise als Chance, denn damit waren Beschäftigungsmöglichkeiten ebenso verbunden wie Grunderwerb für den Hausbau.

1850-1914: Industrialisierung und Landwirtschaft

Anreize

Die Industrialisierung setzte in Nordwestdeutschland erst allmählich ab 1840 ein, sie äußerte sich in der Entstehung neuer Gewerbe (Maschinenbau, Montanindustrie, Textilindustrie) und verbesserten Verkehrsverhältnissen durch den Eisenbahnbau. Die Industrialisierung wurde begleitet von sich herausbildenden regionalen und städtischen Zentren, die nicht nur Arbeitsplätze für Dorfbewohner bereitstellten, sondern wichtige Abnehmer agrarischer Produkte wurden.

Dank der Eisenbahnen gelang der kostengünstige Absatz von Getreide und Vieh zu weiter entfernt liegenden Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet und Berlin. Beispielsweise wurde im Oldenburger Münsterland, welches bis 1850 stark unter dem Niedergang der Leinenweberei und der Hollandgängerei zu leiden hatte, eine neue exportorientierte Landwirtschaft aufgebaut, die sich vor allem auf Veredelungswirtschaft (Schweinemast) stützte. Eine vergleichbare erfolgreiche Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen stellte der Übergang zum Zuckerrübenanbau in der Calenberger Börde dar. Die speziell ab den 1880er Jahren möglichen hohen Einkommen spiegeln sich bis heute in den repräsentativen „Rübenburgen“ dieser Region wider.

Individualisierung der Feldnutzung, Fruchtwechselwirtschaft, neue Feldfrüchte (Kartoffeln, Rüben), verbesserte Viehzucht und Viehmast, moderne Ackerwirtschaft und besserer Dünger, ab den 1880er Jahren Kunstdünger, bewirkten eine erhebliche Steigerung der Erträge. Dank der steigenden Nachfrage durch städtische Verbraucher wurden die Produkte zu relativ hohen Preisen abgesetzt. Die Zeit zwischen 1850 und 1900 gehört damit zu den goldenen Jahrzehnten der deutschen und niedersächsischen Landwirtschaft.

Getreidepreise in Hannover

Diese erfolgreichen Jahre spiegeln sich in vielen Dörfern wider. Nun konnten die Bauern ihre Betriebe um- oder gar neu bauen, wie im Gebiet der Calenberger Börde. Nur dort, wo erst wenige Jahrzehnte zuvor aufwendige Bausubstanz entstanden war, wie im Osnabrücker Artland, kam es nicht zu einer umfassenden Neubautätigkeit.

Auch für die „kleinen Leute“ boten sich neue Möglichkeiten, die sich in zahlreichen Neubauten insbesondere am Rande des Dorfes an den neu entstandenen Feldwegen niederschlugen. Die „kleinen Leute“ blieben wichtig für das Dorf. Viele von ihnen arbeiteten nach und nach im Hauptberuf außerhalb der Landwirtschaft, behielten aber ein Stück, das von den Bauern bewirtschaftet wurde. Als Gegenleistung waren Arbeitsdienste auf den Bauernhöfen zu erbringen. Es gab also weiterhin wechselseitige Arbeitsbeziehungen zwischen den Dorfbewohnern. Als dritte Gruppe konnten sich die Kleinbauern noch behaupten, da sie bei den gestiegenen Erträgen und vergleichsweise hohen Preisen genug Einnahmen auch aus Betriebsgrößen von 10 ha erhielten. So ist es nicht verwunderlich, daß der Anteil der kleinen Betriebe mit weniger als 20 ha Land schon 1885 44 % der Gesamtbetriebszahlen ausmachte. Bis Mitte der 1920er Jahre nahmen alle Betriebsgrößengruppen noch weiter zu.

Auch wenn der Begriff Industrialisierung etwas anderes suggeriert: Mechanisierung, und damit Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen, fand vor 1900 nur ansatzweise statt. Lediglich Großbetriebe konnten sich die neuen Maschinen, etwa Lokomobile, leisten. Für die meisten Arbeitsabläufe wurden weiterhin Menschen in großer Zahl benötigt. Zwar wanderten insbesondere Landarbeiter und Gesinde in größerer Zahl aus dem Land ab, da die Einkommen hier im Vergleich zur Industrie zu niedrig waren, aber dies geschah nicht in einem Ausmaß, welches eine schnelle und umfassende Mechanisierung erzwang.

Landwirtschaft blieb in dieser Phase trotz vieler Modernisierungen personalaufwendig. Die Abwanderung von Arbeitskräften in die Industrie wurde teilweise durch saisonale Wanderarbeiter kompensiert, deutliche Mechanisierungsfortschritte gab es erst seit der Jahrhundertwende (Dreschmaschine, Drillmaschinen, Zentrifugen). Insofern waren die Befürchtungen einiger Zeitgenossen, daß durch die Individualisierung der Feldnutzung die Auflösung der Dorfgemeinschaft eintreten würde, übertrieben. Allerdings wurden die alten Geselligkeitsformen durch neue ersetzt, wobei das bürgerliche Vereinswesen für dörfliche Zwecke umgestaltet bzw. angepaßt wurde. Zugleich veränderte sich die soziale Zusammensetzung der Dörfer, die breite gewerbliche Schicht der vorindustriellen Phase, also insbesondere die Leineweber, verschwand häufig, Dörfer wurden damit „bäuerlicher”. Allerdings fanden in einigen Teilen Nordwestdeutschland dörfliche Unterschichten neue Erwerbsmöglichkeiten, etwa in der Korbmacherei oder in der Zieglerarbeit. Damit schuf die Industrialisierung neue Erwerbsmöglichkeiten. Dies galt erst recht in der Nähe der Großstädte oder ländlicher Industriereviere wie im Schaumburgischen, bei Barsinghausen oder der Ilseder Hütte. Gleichwohl blieb der Bezug zur Landwirtschaft bestehen, denn auch die Arbeiter bewirtschafteten – häufig mit Hilfe der Bauern, den sog. Pflugbauern – ein wenig Land. Als Gegenleistung hatten sie, bzw. ihre Frauen, bei den Bauern zu arbeiten. Damit war speziell für die mittleren Betriebe das Arbeitskräfteproblem weitgehend gelöst.

Das alles änderte nichts daran, daß der schnelle Bevölkerungsanstieg der Industrialisierung an den Dörfern weitgehend vorbeiging. Nur in einigen Arbeiterdörfern gab es zwischen 1850 und 1914 ein starkes Wachstum, in Regionen ohne gewerbliche Impulse blieb das Wachstum stark begrenzt, so daß allein deshalb das dörfliche Leben einen ruhigen Eindruck machte. Das darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, daß wichtige Modernisierungen stattfanden; neben den erwähnten Hausbauten zählten dazu innerhäusliche Modernisierungen, Neubau von Schulen, Einrichtung von Postämtern, Errichtung von Kolonialwarenläden. Damit änderte sich das Erscheinungsbild vieler Dörfer innerhalb einer Generation. Dank eines Neubaubooms bei Kleinbahnen, der nach dem Erlaß des preußischen Kleinbahngesetzes von 1892 einsetzte, erhielten nun viele ländliche Siedlungen einen günstigen und vergleichsweise schnellen Anschluß an die städtische Welt.

Eine weitere Folge der Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft war eine erhebliche Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Zwischen 1800 und 1900 ging insbesondere der Anteil der extensiv genutzten Flächen und des sog. Ödlandes drastisch – wenngleich nicht in gleichem Maße wie nach 1950 – zurück.

Die Vergrößerung der landwirtschaftlich genutzten Fläche bedeutete in erster Linie eine Zunahme des Ackerlandes: durch Aufteilung der Gemeinheiten, durch Kultivierung von Ödland und durch Nutzung des bisherigen Brachlandes. Der Zuwachs war speziell in den Geestgebieten hoch, in den Bördegebieten dagegen deutlich niedriger. Außerdem setzte eine intensive Grünlandwirtschaft ein, ermöglicht durch Bewässerung bzw. Trockenlegung von Wiesen. In Niedersachsen läßt sich eine erkennbare Zunahme des Waldes verzeichnen, der erst nach den Reformen, insbesondere den Gemeinheitsteilungen, eine systematische Pflege erfuhr; in den nordöstlichen Gebieten Niedersachsens fanden in großem Stil Aufforstungen statt. Insbesondere diese Tatsache verweist darauf, daß die Landschaft Niedersachsens um 1800 keineswegs eine naturnahe war, sondern unter menschlichen Eingriffen teilweise erheblich zu leiden hatte. Bodenerosionen, je regelrechte Devastierungen gab es in den Heide- und Geestgebieten Norddeutschlands. Hier hatte etwa de Plaggenhieb zu einem regelrechten Raubbau an der Landschaft geführt.

Eine der großen Aufgaben und Herausforderungen der Landwirtschaft des 19. Jahrhunderts bildete die Versorgung einer schnell wachsenden Bevölkerung. Daß dies nicht nur gelang, sondern die Qualität der Ernährung erheblich gesteigert werden konnte, gehört zu den großen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Gegenüber der vorindustriellen Phase bedeutete dies das Ausbleiben der bis dahin üblichen periodischen Hungerkrisen. Die letzte große Hungerkrise in Europa endete 1845, danach gab es zwar noch einzelne Mißernten, aber keine Massenkrise. Gleichzeitig verbesserte sich die Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln wie Obst, Gemüse und Fleisch.

Dies gelang durch den Anbau neuer Früchte für die menschliche und tierische Ernährung und durch Ertragssteigerungen. Unter den neuen Früchten sind die Kartoffel und die Zuckerrübe besonders hervorzuheben. Zwar war die Kartoffel schon wesentlich länger bekannt, aber erst im 19. Jahrhundert erfolgte deren allgemeine Einführung sowohl für die menschliche als auch tierische Ernährung (etwa als Schweinefutter). Im 19. Jahrhundert begann zudem der Siegeszug der Zuckerrübe. Dank einer Erhöhung des Zuckergehalts und besseren Produktionsmethoden konnte seit den 1860er Jahren die Produktion erheblich ausgedehnt werden. Wurden 1860/61 erst 126.000 t produziert, so waren es 1910/11 fast 2,6 Mill. t, so daß Deutschland zu einem der wichtigsten Zuckerexportländer wurde. Der Zuckerrübenanbau war allerdings auf einzelne Regionen Deutschlands begrenzt, zu denen die Calenberger Börde gehörte. Hier war außerdem die Fruchtfolge so angelegt, daß sie mit der Viehzucht optimal harmonierte; die Abfälle konnten direkt als Viehfutter weiterverwertet werden.

Ohnehin bedeutete die Ausdehnung der Viehzucht einen erheblichen Fortschritt gegenüber der vorindustriellen Phase, denn sie ermöglichte eine hochwertige Eiweißversorgung der Bevölkerung. Dabei gab es erhebliche Verschiebungen: innerhalb eines Jahrhunderts wurde die zuvor so bedeutsame und die Viehzucht zumindest hinsichtlich der Größenverhältnisse dominierende Schafhaltung bedeutungslos, stagnierte die Rindviehzucht und expandierte die Schweinehaltung und Schweinemast. Da zudem sich die Schlachtgewichte bzw. die Milchleistung erhöhten, konnten die tierischen Produkte zur Versorgung der Menschen innerhalb der ersten 80 Jahre des Jahrhunderts verdreifacht werden, während im gleichen Zeitraum die Bevölkerung sich verdoppelte. Diese bedeutete, daß innerhalb eines Jahrhunderts der Fleischverbrauch pro Kopf der Bevölkerung von 17 auf 52 kg anstieg.

Die Verbesserung der Produktivität bezog auch das neue Ausbildungssystem der Landwirtschaftsschulen mit ein. Schon früh war an der Universität Göttingen eine systematische landwirtschaftliche Ausbildung eingeführt worden, im 19. Jahrhundert entstanden dann landwirtschaftliche Schulen überall im Land, wie in Hildesheim, Ebstorf oder Quakenbrück. Hinzu kamen Winterschulen und für die Mädchen landwirtschaftliche Haushaltungsschulen in nahezu allen Regionen des Landes.

Die Probleme beginnen

Bis etwa um die Jahrhundertwende war die Situation der Landwirtschaft relativ günstig; danach, teilweise schon zuvor, verschlechterte sie sich nach und nach. Diese Verschlechterung lag vorrangig daran, daß die deutsche Landwirtschaft sich plötzlich Konkurrenten gegenüber sah. Seit den 1870er Jahren wurde eine weitere Seite der Industrialisierung sichtbar: die immer stärkere Verbindung von internationalen Märkten. Wichtige Impulse gingen dabei von den USA aus. Dort konnten nach dem Ende der Sezessionskriege die Anbauflächen für Getreide erheblich ausgedehnt werden. Mit dem schon während des Krieges erlassenen Home-Stead-Act von 1862 wurden auch deutsche Einwanderer in den Mittleren Westen geholt. Da es aber an ausreichenden Arbeitskräften für die riesigen Flächen in den USA fehlte, gab es schon früh eine im Vergleich zu Deutschland viel stärkere Tendenz zur Mechanisierung, was wiederum zu einer erhöhten Produktivität führte. Für die steigenden Produktionsmengen gab es in den USA bald keinen ausreichenden Mark mehr. Mit dem Ausbau eines nationalen Eisenbahnnetzes in den USA und dem Aufkommen der atlantischen Dampfschiffahrt wurden außerdem die Frachtkosten drastisch gesenkt. Nun drängte amerikanisches, bald aber auch russisches oder indisches Getreide auf den europäischen Markt.

Hierauf war die deutsche Landwirtschaft kaum vorbereitet. Obwohl es seit den 1880er Jahren eine erkennbare Abwanderung in die Städte gab, reagierten darauf weder die ostelbischen noch die westelbischen Betriebe mit einer höheren Rationalisierung und Mechanisierung. Für viele der kleinen und mittleren westlichen Betriebe war eine solche allerdings auch kaum denkbar, denn für die vorrangig mit familieneigenen Kräften arbeitenden Betriebe fehlten die finanziellen Voraussetzungen. Erst unter dem massiven Druck der Abwanderung vieler Landarbeiter setzte um die Jahrhundertwende eine stärkere Mechanisierung auf den Gütern ein.

Statt auf eine gezielte Modernisierung setzte insbesondere die ostelbische Landwirtschaft auf eine Veränderung der politischen Rahmenbedingungen: durch erhöhte Einfuhrzölle und eine grundlegende Agitation gegen eine industrialisierte Gesellschaft sollten die eigenen Positionen gefestigt werden. Damit hatte die Agitation eine weitreichende Folge für die weitere Entwicklung der deutschen Gesellschaft. Die ländliche Gesellschaft wurde zum Gegenmodell zur scheinbar schlechteren urbanen und industriellen Gesellschaft gesehen; die vielen Vorteile, die sie von letzterer hatte, wurden hingegen verneint und geleugnet. Statt dessen wurden immer wieder negative Konsequenzen angeprangert: neben den hohen Preisen für Getreide speziell die Abwanderung der Landarbeiter in die Städte.