Einführung in die Agrargeschichte

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Karl H. Schneider

Anmerkungen zur Agrargeschichtsforschung in Deutschland


Die vorindustrielle Gesellschaft war in erster Linie eine agrarische, und zwar über den engeren Kontext hinaus, den wir heute einen agrarischen nennen würden: auch die städtische Gesellschaft war nicht nur in hohem Maße vom ländlichen Umland abhängig (das wiederum ihr gegenüber in rechtlichen und ökonomischen Abhängigkeiten stand). Insofern bedeutet eine Auseinandersetzung mit der Agrargeschichte eine mit zentralen Aspekten vorindustrieller europäischer Gesellschaft.

Der Text soll eine Einführung bieten, d.h. es soll ein inhaltlicher Überblick vermittelt, Quellen interpretiert und an Einzelfällen Forschungsdiskurse vorgestellt werden. Vollständigkeit wird dabei nicht angestrebt. Räumlich werden wir uns auf den deutschsprachigen Raum beschränken, wenngleich Blicke vorrangig in das westeuropäische Ausland einbezogen sind.

Die deutsche Agrargeschichtsschreibung hat - analog zu den Entwicklungen in anderen Bereichen - in den letzten Jahren eine Reihe von neuen Impulsen erfahren, die u.a. auch eng mit den Aktivitäten und Publikationen des Arbeitskreises für Agrargeschichte verbunden sind. Dabei hat die Agrargeschichtsforschung in Deutschland eine lange, bis in das 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition [1]. Sie war aber bis weit in das 20. Jahrhundert in erster Linie auf die Agrarverfassung konzentriert, erst in zweiter Linie auf soziale und ökonomische Aspekte. Allerdings war zumindest im 19. Jahrhundert die Agrargeschichte eine Disziplin, die gegenwartsorientiert arbeitete.

Ein gutes Beispiel dafür ist die klassische Studie von Georg Friedrich Knapp über die Bauernbefreiung in den älteren Theilen Preußens.[2] Knapps Ausgangspunkt waren die sozialen Prozessen am Ende des 19. Jahrhunderts; sein Thema die preußische Agrargesellschaft im 18. und frühen 19. Jahrhundert, als sie eine entscheidende Veränderung mit der sog. Bauernbefreiung erlebte. Der von Knapp geprägte Begriff war ein kritischer, denn er Knapp benutzte ihn als Kritik an einer zu liberalen, die Interessen der ökonomisch, sozial und politisch starken Adelsschicht stützende, die der ökonomisch, sozial und politisch schwachen bäuerlichen Bevölkerung schwächende Politik. Die Lösung der Feudalfrage durch die Abgabe von Land bedeutete für Knapp den Einstieg in einer landlose Landarbeiterklasse.

Zwar wurde diese These schon wenige Jahre nach der Publikation der Arbeit (1887) teilweise revidiert, aber Knapps Ansatz, in der Reformphase einen entscheidenden Bruch der Entwicklung zu sehen, wirkte sich stellenweise bis heute aus. So initiierte er eine Reihe von regionalen Untersuchung zum gleichen Thema, die aber zum Teil sehr abweichende Ergebnisse produzierten. Werner Wittich meinte etwa für Hannover feststellen zu können, dass dort keineswegs die Agrarreformen einen radikalen Bruch mit den feudalen Verhältnissen darstellten. So konzentrierte er sich auf mittelalterliche und frühneuzeitliche Vorgänge, während das 19. Jahrhundert eher kursorisch behandelt wurde.[3]

Eine Konsequenz aus diesem Befund war, dass lange Zeit die nichtpreußischen Verhältnisse, da vermeintlich unspektakulär, nur zweitrangig untersucht wurden. Dies änderte sich erst nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, als mit der weg weisenden Studie von Wolfgang von Hippel die baden-württembergische Bauernbefreiung behandelt wurde.[4] Inzwischen sind nicht nur nichtpreußische Gebiete stärker untersucht worden, sondern auch andere Aspekte der Agrarreformen wie die Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen.[5]

Die von Knapp vorgelegte Konzeption barg aber noch eine zweite Schwerpunktsetzung, die bis heute weitgehend akzeptiert wird: das Ende der alten Agrargesellschaft um 1850. Lange Zeit konzentrierten sich agrarhistorische Arbeiten nahezu vollständig auf diesen Zeitpunkt. Agrargeschichte war demnach vorrangig eine des Mittelalters, der frühen Neuzeit und der Agrarreformen, während die Agrargeschichte der industrialisierten Gesellschaft nach 1850 und im 20. Jahrhundert ausgeblendet blieben. Das hat sich zwar inzwischen etwas geändert, ist aber immer noch zu beobachten. [6]

In den letzten Jahren zeichnet sich allerdings auch hierbei eine Wende ab. Zum einen wird die Agrargeschichte des 19. Jahrhunderts mittlerweile nicht mehr unter dem Aspekt der Agrarreformen und mit der engen zeitlichen Begrenzung auf die Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben (siehe etwa die Studien von Friedeburg, Ländliche Gesellschaft oder von Kopsidis, Marktintegration). Dann hat sich die Forschung etwa bei der Erforschung der Adelsgeschichte[7] verstärkt speziell der Erforschung des Kaiserreichs und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zugewandt. Und schließlich hat sich mit dem Ende der DDR ein neues Forschungsfeld, die Untersuchung der agrarischen Verhältnisse in der DDR, aufgetan.

Neben dieser eher zeitlichen Gliederung ist erkennbar, dass die neuere Agrargeschichte sich weit von der älteren Forschungstradition mit ihrer Konzentration auf Fragen der Agrarverfassung entfernt hat. Allerdings sind auch andere Forschungsansätzen eher schwächer geworden, wenngleich sie nicht vollständig beendet sind. Das gilt etwa für die Erforschung von Konjunkturen, die unter Wilhelm Abel besonders voran getrieben wurde. Angesichts verbesserter technischer und analytischer Möglichkeiten ist es allerdings bedauerlich, dass dieser Aspekt in den letzten Jahren kaum noch beachtet wird. Das gilt auch für die zeitweise intensiv betriebene Untersuchung bäuerlicher Abgaben und Dienste. Angesichts unserer inzwischen wesentlich verbesserten Möglichkeit zur Analyse von Herrschaftspraxis und ebenfalls neuen technischen Angeboten (EDV war in den 1960er und 1970er Jahren, als diese Untersuchungen meist durchgeführt wurden, noch nicht eingesetzt) ist dies eigentlich bedauerlich.

Dafür haben sich neue Schwerpunkte herausgebildet wie zur Gemeindebildung (Kommunalismusforschung), zur Kommunikation, zu den Agrarreformen oder den Stadt-Land-Beziehungen. Sie sind verbunden mit räumlicher Schwerpunktbildung. In einem eigenen Schwerpunktprogramm wurden in den 1990er Jahren vor allem Herrschaftsformen und Herrschaftspraxis in Ostdeutschland untersucht. [8]

Belege

  1. Rösener, Werner, Einführung in die Agrargeschichte. Darmstadt 1997, S. 3-16
  2. Knapp, Georg Friedrich, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens T. 1: Überblick der Entwicklung. Leipzig 1887.
  3. Wittich, Werner, Die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland. Leipzig 1896.
  4. Hippel, Wolfgang von, Die Bauernbefreiung im Königreich Württemberg. 2 Bde. (Forschungen zur deutschen Sozialgeschichte) Boppard am Rhein 1977.
  5. Etwa Brakensiek, Stefan, Agrarreform und ländliche Gesellschaft. Die Privatisierung der Marken in Nordwestdeutschland 1750-1850. (Forschungen zur Regionalgeschichte 1) Paderborn 1991.
  6. So blendet die weitgehend aktuelle Einführung von Rösener, Einführung die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts weitgehend aus; die Überblicksdarstellung von Trossbach, Werner, Peter Blickle, Agrargeschichte: Positionen und Perspektiven. (Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte) Stuttgart 1998 ist allerdings auch eher frühneuzeitlich orientiert).
  7. Etwa Reif, Heinz, Ostelbische Agrargesellschaft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik: Agrarkrise - junkerliche Interessenpolitik - Modernisierungsstrategien. Berlin 1994; Heß, Klaus, Junker und bürgerliche Großgrundbesitzer im Kaiserreich: landwirtschaftlicher Großbetrieb, Großgrundbesitz und Familienfideikommiß in Preußen (1867/71 - 1914). (Historische Forschungen 16) Stuttgart 1990.
  8. Als neueste Publikationen: Klußmann, Jan, Leibeigenschaft: bäuerliche Unfreiheit in der frühen Neuzeit. (Potsdamer Studien zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft 3) Köln [u.a.] 2003; Kaak, Heinrich, Martina Schattkowsky, Herrschaft: Machtentfaltung über adligen und fürstlichen Grundbesitz in der Frühen Neuzeit.(Potsdamer Studien zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft 4) Köln [u.a.] 2003.

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