Einführung in die niedersächsische Agrargeschichte

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Karl H. Schneider

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Inhaltsverzeichnis

Die niedersächsische Agrargesellschaft vor 200 Jahren

Als der große Transformationsprozess im 18. Jahrhundert zunächst fast unmerklich einsetzte, dann sich immer stärker beschleunigte, endete eine Gesellschaftsform, die etwa 1000 Jahre Bestand gehabt hatte, mit anderen Worten: seit Menschen Gedenken. Aus der Perspektive der Zeitgenossen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts hatte es keine andere Gesellschaftsform gegeben; bei allen Veränderungen, bei Kriegen und Krisen, bei Katastrophen oder anderen tief greifenden Wandlungen, wie den Städtegründungen oder der Ostkolonisation ebenso wie bei den Kreuzzügen oder der Entdeckung Amerikas, es blieb bei diesen Grundstrukturen. Sie wurden ergänzt, verändert und erweitert, blieben aber dennoch bestehen. Für die Menschen auf dem Lande hieß das vor allem zweierlei:

Es gab keine Freiheit von Herrschaft, praktisch alle einfachen Menschen auf dem Lande waren bei allen Unterschieden einem oder mehreren Herren unterworfen, sie konnten nicht frei über ihren Grundbesitz verfügen oder teilweise sogar nicht einmal über sich selbst oder ihre Kinder, sie konnten ihre Höfe nicht so bewirtschaften wie sie es gern gesehen hätten, sondern so wie der Herr es wollte, und sie waren zu vielerlei Abgaben verpflichtet. Allerdings gab es große Unterschiede in der Ausformung dieser Herrschaftsform, nicht nur zwischen weit entfernt liegenden Regionen, sondern auch zwischen einzelnen Dörfern, teilweise sogar innerhalb eines einzelnen Dorfes.

Zugleich waren die Dorfbewohner aber auch in ihre Dorfgemeinschaft eingebunden, auch hier waren sie gleichsam „unfrei“, sie waren nicht nur an viele Gebräuche und Sitten gebunden, sondern konnten nur im Einvernehmen mit ihren Mitmenschen ihr Land bewirtschaften und ihren Lebensunterhalt sichern.

Für die Menschen auf dem Lande waren beide Beschränkungen ihrer individuellen Handlungsmöglichkeiten selbstverständlich, sie hatten das Leben ihrer Vorfahren und ihr eigenes Leben von Kindheit an geprägt, sie waren eng verbunden mit den kulturellen Gebräuchen und prägten das alltägliche Verhalten. Speziell die sozialen Beziehungen im Dorf waren über feine Systeme geregelt, an die sich jede Person im Dorf zu halten hatte. Die Dorfgemeinschaft wachte über die Einhalt der dörflichen Regeln und Normen mit großer Genauigkeit. Dagegen war die Abhängigkeit von den Herren keineswegs unumstritten, vielmehr konnte die jüngere Forschung zum bäuerlichen Widerstand zeigen, dass die Utopie einer von Herrschaft freien Gesellschaft in den ländlichen Gebieten spätestens seit dem Mittelalter immer gegenwärtig war. Sie starb auch nicht mit der brutalen Niederwerfung des deutschen Bauernkrieges, der einzigen überregionalen Erhebung der deutschen Bauern (bzw. des Gemeinen Mannes). Allerdings änderten sich nach 1525 die Widerstandsformen erheblich, denn besonders die Landesherren waren darum bemüht, eine erneute Eskalation des Widerstandes zu vermeiden. Die Lösung war die „Verrechtlichung sozialer Konflikte“ (Schulze), also die Nutzung von gerichtlichen Auseinandersetzungen seitens der Bauern. Dieser Weg wurde, das wissen wir aus vielen Untersuchungen bis zum Ende der alten Feudalordnung auch reichlich genutzt.

Es gab also durchaus Widerstand der Bauern, dennoch waren auch die Herren in dieses System eingebunden. Zwar hatten sie mehr Handlungsmöglichkeiten, aber auch von ihnen wurde ein bestimmtes Verhalten erwartet, auch sie hatten Aufgaben zu übernehmen für ihre „Hintersassen“, sie besonders hatten dafür zu sorgen, dass die gesellschaftliche Ordnung funktionierte. „Schutz und Schirm“ hatten sie entsprechend der mittelalterlichen Ordnung zu übernehmen. Das mag zwar wie Propaganda aussehen, war es aber nicht unbedingt. Besonders in Notfällen, bei Bränden oder Kriegen, mussten die Grundherren schon aus eigenem Interesse daran interessiert sein, dass ihre Bauern wieder produzieren konnten, denn sonst gab es keine Abgaben. Zwar wurde feudale Herrschaft immer von den Bauern in Frage gestellt, aber so lange die Grundherren ihren Ordnungsaufgaben nach kamen, konnten sie damit rechnen, dass ihre Herrschaft bestehen bleiben würde. Das Ende des Feudalsystems war auch mit einem zunehmenden Verlust an Autorität verbunden.

Feudale Ordnung und Marktbeziehungen

Die feudale Ordnung war ein komplexes, immer gefährdetes System von Regeln und Handlungsanweisungen, das immer wieder neu definiert werden musste, und dennoch in seinen Grundregeln über Jahrhunderte bestehen blieb. Ein Bauern des Jahres 1000, der plötzlich 700 Jahre später wieder in ein Dorf gekommen wäre, hätte sicherlich vieles vorgefunden, was ihm fremd war, und dennoch wäre es ihm vermutlich gelungen, sich nach einiger Zeit einzugewöhnen, denn bei allen Veränderungen hatten sich die Grundprinzipien dörflicher Existenz und agrarischer Produktion nicht verändert. Wäre er aber 200 Jahre später, also im Jahre 2000, in ein Dorf gekommen, so hätte er kaum die Chance gehabt, sich in dieser so fremden Welt zu orientieren. Hierzu trug auch bei, dass die Produktionsweisen der Landwirtschaft zwischen 1000 und 1800/1850 trotz vieler Veränderungen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufwies. Dabei war die vorindustrielle Landwirtschaft in manchen Punkten „moderner“ als viele heute annehmen. Das ist allein daran ablesbar, dass sie Konjunkturen und Krisen unterworfen war. Spätestens seit dem späten Mittelalter gab es einen europäischen Markt für Nahrungsmittel. Auf städtischen Märkten wurde das Getreide angeboten, die Preise reagierten sensibel auf Änderungen beim Angebot oder der Nachfrage. Für die Produzenten, also die Bauern und die Grundherren, hing von hohen Preisen häufig die ökonomische Existenz ab. Hohe Preise allerdings gab es nur dann, wenn die Ernten schlecht ausfielen. „Gute“ Jahre für die Bauern und Grundherren waren demnach umgekehrt schlechte Jahre für alle einfachen Lohnbezieher oder Dorfbewohner, die nur wenig oder kein Ackerland hatten. Im Verlauf der frühen Neuzeit entwickelten sich sogar überregionale Marktbeziehungen, über die etwa Getreide vom Ostseeraum in die weiter entwickelten Regionen des westlichen Europa transportiert wurden. Allerdings war dieser Transport teuer, besonders der über Land, wozu nicht nur die begrenzten Transportmöglichkeiten, sondern auch die hohen Zölle beitrugen.

Mögen die überregionalen Marktbeziehungen modern anmuten, so waren die Produktionsbedingungen dies weit weniger. Die Leistungsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft konnte zwar dank der Einführung der Dreifelderwirtschaft und anderer Verbesserungen erheblich gesteigert werden, sie blieb aber gleichwohl auf einem niedrigen Niveau. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts konnte in guten Lagen die Ernte bis zum 8fachen der Aussaat betragen, allerdings war jedes Jahr die Ernte substantiell gefährdet, denn schlechtes Wetter, Hagel, späte Fröste oder Ungezieferbefall konnten die gesamte Ernte eines Feldes zerstören. Deshalb entwickelte sich eine Form der Landbewirtschaftung, die sich von unserer heutigen wesentlich unterschied: sie versuchte, das Risiko eines Totalverlustes zu vermeiden, auf Kosten besonders hoher Ernten. So bestand die Ernte aus vielen Teilernten, die sich nicht nur auf viele Felder verteilten, sondern sich auch aus unterschiedlichen Produkten zusammen setzte. Eines der zentralen Probleme dieser Landwirtschaft war der unzureichende Dünger, denn es gab praktisch nur Naturdünger, dazu Mergel. Da aber auch die Grünlanderträge gering waren, konnten nur wenig Vieh im Stall gehalten werden, was zur Folge hatte, dass auch der notwendige Viehdung gering war. Die vorhandene Bodenqualität war deshalb von großer Bedeutung. Ein Blick etwa auf die niedersächsischen Bodenverhältnisse offenbart, dass es nur wenige Regionen gab, die Böden mit einer hohen Fruchtbarkeit hatten, es waren diese im wesentlichen die zwischen Osnabrück, Hannover, Hildesheim und Braunschweig (sowie Magdeburg) sich erstreckenden Börden. Dagegen war die Geest nährstoffarm, hier dominierten Heiden, Weiden und großflächige Moore noch bis in das 19. Jahrhundert hin. So waren die Ernteerträge bescheiden und konnten in Jahren ungünstiger Witterungen schnell dramatisch sinken, wie etwa zwischen 1771 und 1773, als ganz Mitteleuropa von einer Hungersnot erfasst wurde. Mangel und Hunger prägten damit die Alltagserfahrung nahezu aller Menschen der vorindustriellen Gesellschaft, die Nahrung der meisten Menschen, auch der Landbewohner, war fleischarm und bestand meist aus Breien oder Eintöpfen.

Zwischen uns heute und der alten Agrargesellschaft befindet sich also ein breiter Graben. Aber beide Gesellschaften, unsere heutige und die alte, sind über einen Prozess der Veränderung miteinander verbunden. In diesem Prozess wurden wichtige Grundlagen für die heutige Gesellschaft gelegt, Grundlagen, die heute dazu führen, dass die europäische Landwirtschaft ohne massive Subventionen nicht überleben kann, dass sie höchst anfällig für Störungen jeder Art ist, und dass gleichzeitig die agrarischen Ökonomien anderer Länder auf dieser Erde sich nicht mehr entwickeln können, weil sie dem Wettbewerb mit der subventionierten europäischen und amerikanischen Landwirtschaft nicht mehr standhalten können. Gleichzeitig gerät die Landwirtschaft in den entwickelten westlichen Ländern immer mehr an ihre Grenzen, damit ist aber auch das Modell einer intensiven, auf möglichst hohe Erträge fixierten Landwirtschaft immer mehr in Frage gestellt – und wird dennoch ungehemmt weiter ausgebaut. Allerdings sind die Verbindungen zwischen diesen beiden Phasen lang und keineswegs einheitlich, spielen doch gerade die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte eine nicht unwichtige Rolle.

Die Reformen

Es gibt also eine Reihe von Gründen, sich dem Ende der alten Agrargesellschaft und dem Übergang zu einer neuen zuzuwenden. Einer besteht darin, dass die Modernisierung der Landwirtschaft, oder die „Bauernbefreiung“, in engem Zusammenhang mit der Industrialisierung stand. Zwar wird häufig darüber gestritten, was eher da war: die leistungsfähigere Landwirtschaft oder die Industrialisierung, aber wenn man genau hinsieht, dann stand am Anfang erst die modernisierte Landwirtschaft und danach die Industrialisierung. Beide lagen zwar nur Nuancen auseinander und waren in ihren Anfängen eng miteinander verbunden, aber ohne die Bereitstellung von Arbeitskräften für die Industrie, die aus den Überschüssen der Landwirtschaft ernährt wurden, wäre der Industrialisierungsansatz im Keim erstickt. Es war die höhere Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft, die von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung war. Denn kennzeichnend für die sich seit dem 18. Jahrhundert in England, dann ab dem 19. Jahrhundert auf dem Kontinent entwickelnde Industriegesellschaft waren nicht nur die vielen notwendigen und zu ernährenden Arbeiter, sondern eine insgesamt arbeitsteiligere Gesellschaft als die alte und das hieß: mehr Personal für Verwaltung, für Bildung, für Wissenschaft, also alles Bereiche, die sich nicht mehr selbst ernähren konnten. Industrialisierung hieß nicht nur der Übergang zur Fabrikarbeit, sondern zu einer wesentlich arbeitsteiligeren Gesellschaft als es sie in der vorindustriellen Gesellschaft gab.

Wenn wir also verstehen wollen, weshalb es zur Industrialisierung in Europa kam, müssen wir den agrarischen Sektor besonders aufmerksam betrachten. Wenn aber die Steigerung der agrarischen Produktion von zentraler Bedeutung für die Entstehung einer komplexen, arbeitsteiligen Industriegesellschaft war, lohnt es sich besonders, sich den Anfängen dieser neuen agrarischen Produktionsweise zuzuwenden. Schließlich bildete sie die Voraussetzung für einen materiellen Wohlstand, wie er bislang in der Geschichte der Menschheit einzigartig war.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund: Ein Blick auf ökologische Probleme der Gegenwart zeigt, dass auch komplexe Gesellschaften an natürliche Grundlagen gebunden sind. Um es ganz einfach zu formulieren: Gesellschaften, denen es nicht gelingt, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sicher zu stellen, werden über kurz oder lang scheitern. Zwar lässt sich das Problem nicht erst heute dadurch relativieren, dass Nahrungsmittel importiert werden, jedoch setzt dies entsprechende Produzenten andernorts voraus. Was aber, wenn denen auch die Grundlagen für eine Überschußproduktion fehlen? Was etwa, wenn die großen Produzenten dieser Erde wie die USA und Kanada, die massiven Raubbau an ihren ökologischen Grundlagen betreiben, eines Tages nicht mehr die Kornkammern dieser Erde sein werden? Was wir heute zu leicht verdrängen, ist die große Herausforderung, hinreichende Nahrungsmittelmengen zu produzieren und zu verteilen. Die Hoffnung, durch massiven Einsatz von Forschung und Chemie das Problem jederzeit lösen zu können, blendet aus, dass auch heute noch agrarische Produktion an natürliche Grundlagen gebunden ist, die sich nicht einfach aus dem Labor erzeugen lassen.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, weshalb es überhaupt zu den Veränderungen im 18. Jahrhundert kam. Eine einfache Antwort ist kaum möglich, zumal die Entwicklungen sich in den einzelnen europäischen Gesellschaften je nach deren allgemeiner ökonomischer und gesellschaftlicher Struktur verschieden darstellten. Besonders in der englischen und niederländischen Gesellschaft gab es schon seit dem 17. Jahrhundert eine derartige Dynamik, dass die vorhandene ländliche Gesellschaftsordnung nach und grundlegend verändert wurde. In Deutschland dagegen lagen die Dinge etwas anders. Hier dürfte ein wichtiger Grund gewesen sein, dass das alte System immer mehr an seine Grenzen gelangte und zu kollabieren drohte. Zwar ist in den letzten Jahren nachgewiesen worden, dass die alten Systeme der Landbewirtschaftung mit ihren genossenschaftlichen, nicht auf Gewinnmaximierung, sondern auf Risikominimierung angelegten Elementen keineswegs so schlecht waren, wie die Propagandisten der neuen Ordnung seinerzeit den Menschen weismachen wollten. Dennoch funktionierten die alten Systeme immer weniger, gab es auch eine schwindende Bereitschaft, die periodisch wiederkehrenden Hungersnöte zu akzeptieren. Die Gesellschaft des alten Europa hatte sich seit dem 17. Jahrhundert so drastisch geändert, dass neue Produktionsformen gefunden werden mussten, sollte die Gesellschaft weiter funktionieren.

Dabei stellte das Bevölkerungsproblem eine zentrale Herausforderung dar: die nach damaligen Verhältnissen schnell wachsende Bevölkerung drohte an einen Punkt zu gelangen, an dem sie nicht mehr ernährt werden konnte. Wollte man dem begegnen, mussten die vorhandenen Landbewirtschaftungsformen systematisch verändert werden. Dabei zielten die Reformer keineswegs auf eine industrielle Gesellschaft, sondern sie dachten an eine reformierte, modernisierte Agrargesellschaft, d.h. eine Gesellschaftsordnung, die sich zwar hinsichtlich einiger Merkmale (wie Freiheit des Einzelnen, allgemeine Einführung eines bürgerlichen Eigentumbegriffs) verändern sollte, aber gleichwohl eine agrarische, keine industrielle Basis behalten sollte. Die Utopie einer Industrigesellschaft bestand um 1800 bei nur wenigen (auch bei denen, die sich die Verhältnisse in England genauer ansahen, wo die Industrialisierung schon deutliche Konturen annahm).

Die Landwirtschaft Ende des 18. Jahrhunderts stand vor großen Herausforderungen. Die Ernährung der ständig steigenden Bevölkerung war mit den gegebenen Mitteln augenscheinlich immer weniger zu schaffen. (Wenngleich hierbei zu berücksichtigen ist, dass es sich bei den Hungersnöten auch um Verteilungsprobleme handelte.) Die Klagen über devastierte Flächen nahmen zu. Und auch wenn davon auszugehen ist, dass die Kläger häufig andere Vorstellungen von einer „schönen Landschaft“ hatten als wir heute, so deuten diese Klagen doch darauf hin, dass die Übernutzung der vorhandenen Flächen zunahm. Das zeigt auch ein ganz anderes Indiz: die Konflikte um Landnutzung verschärften sich offenkundig im 18. Jahrhundert, ganz besonders dort wo die Nutzungsrechte nicht eindeutig geklärt waren, bei den Gemeinheiten.

Für eine Untersuchung dieser komplexen Entwicklungen bietet sich das Gebiet des heutigen Niedersachsen besonders gut an. Niedersachsen gehörte innerhalb Deutschlands zu den agrarischen Gebieten, die gleichsam in der Mitte zwischen den beiden Agrarsystemen Europas lagen: einem grundherrlich geprägten, mit freien Bauern im Westen und einem gutsherrschaftlichen mit unfreien Bauern und hohen Arbeitsleistungen im Osten. In den niedersächsischen Gebieten gab es teilweise noch bis in das 19. Jahrhundert hinein persönliche Abhängigkeit in Form der sog. Eigenbehörigkeit und außerdem hatten auch hier die Bauern zuweilen viele Tage im Jahr Arbeitsleistungen für ihre Grundherren zu leisten. Aber das erreichte niemals das Maß der Abhängigkeit, wie wir sie für die östlichen Gebiete Deutschlands oder Europas kennen. Dem entsprach ein recht günstiges Besitzrecht, das auch als Meierrecht bezeichnet wird. Es sicherte den Bauern ein lebenslanges und an die direkten Nachkommen vererbbares Nutzungsrecht zu, das sie vor Willkür der Grundherren schützte. Es gab auch keine geschlossenen Gutsbezirke, sondern die Bauern der einzelnen Grundherren lagen in den Dörfern in Gemengelage. Da zudem der Landesherr auch der größte Grundherr war, gab es konkurrierende Rechte an den Bauern, die von letzteren genutzt werden konnten, um die Eingriffe der Grundherren begrenzt zu halten.

Für eine Untersuchung der frühen Reformen zur Veränderung der vorhandenen agrarischen Verhältnisse eignet sich Niedersachsen auch deshalb, weil das größte Territorium, Kurhannover, über die Personalunion mit England verbunden war und sich deshalb auch enge Kontakte mit der dortigen, damals vorbildlichen modernen Landwirtschaft ergaben. Insofern ist es auch kein Wunder, wenn einer der wichtigsten deutschen Agrarwissenschaftler des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, Albrecht Daniel Thaer, aus dem kurhannoverschen Celle stammte. Auch in nördlicher Richtung nahm Niedersachsen eine Mittlerstellung ein, denn in den dänischen Gebieten Norddeutschlands gab es schon im 18. Jahrhundert sehr moderne Agrarreformen. Das alles führte dazu, dass Niedersachsen vergleichsweise frühe und konsequente Agrarreformen aufzuweisen hatte, die zunächst die Aufhebung der traditionellen dörflichen Wirtschaftsform änderten und erst danach die Abhängigkeit von den vielen Grundherren zum Ziel hatten. Es waren in Niedersachsen nicht die scheinbar umwerfenden, radikalen Veränderungen wie in preußischen Gebieten (die in Wirklichkeit keineswegs radikal waren, änderten sie doch an der Vorrangstellung der Gutsherren nur wenig), aber dennoch führten sie zu einer umfassenden Modernisierung der Landwirtschaft, die teilweise über die preußischen Reformen noch hinaus gingen und die süddeutschen Reformen weit übertrafen. In einigen Bereichen vollzogen die süddeutschen Staaten norddeutsche Reformen, die dort Ende des 19. Jahrhunderts schon abgeschlossen waren, erst mit einer Verzögerung von mehreren Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Wenn Anfang des 21. Jahrhunderts die niedersächsische Landwirtschaft zur modernsten und ertragreichsten in Deutschland gehört, dann liegt dies auch an den konsequent durchgeführten Reformen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts.

Literaturliste

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