Grenzen und Staat. Die Bedeutung der kolonialen Grenzziehung für das heutige Afrika

Aus LernWerkstatt Geschichte
Version vom 20. September 2006, 12:23 Uhr von Felix Schürmann (Diskussion | Beiträge)

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Ich habe das Thema „Grenzen und Staat“ genannt, weil ich davon ausgehe, daß für Afrika das gleiche gilt wie sonst auch: Grenzen sind nicht zu denken ohne zumindest den Entwurf oder die Funktion eines Territorialstaates, der ausreichend starke Institutionen hat, um innerhalb seiner Grenzen das Gewaltmonopol auszuüben und Finanzhoheit und Interventionsmacht zu besitzen.

Grenzen sind an politische Autorität gebunden, die sie ausfüllen können. Insofern sind sie so wichtig wie die Autorität selbst und damit historisch an die Entwicklung dieser Autorität gebunden.

Die Autorität muß Interessen haben und überregional ausgerichtete Macht organisieren können. Ferner muß sie das Machtzentrum mit den Zentren wichtiger materieller Ressourcen und den spirituellen Einrichtungen verbinden. Es versteht sich, daß je agrarischer und auf Rohstoffe zentrierter ein solches Gebilde ist, die Peripherisierung auch großer Gebiete möglich wird. Dies kann so weit gehen, daß das Gebilde auf ein Netz von Enklaven reduziert wird.

Der koloniale Staat war im großen und ganzen ein derartiges Gebilde. Er war insofern stabil, als seine Grenzen von Großmächten garantiert waren. Selbst Besitzwechsel änderten an dieser Struktur wenig, wie die Kapkolonie zeigt, die zwischen 1799 und 1806 dreimal den Besitzer wechselte.

Im Weltsystem des späten 19. und 20. Jahrhunderts konnten unter völkerrechtlichen, handels- und währungspolitischen Aspekten nur noch Staaten – ob abhängig oder nicht – teilnehmen. Selbst im Binnenverhältnis von Kolonie und Metropolland waren sie eher Staaten minderen Rechts als 'besondere Provinzen'.


Inhaltsverzeichnis

Arretierung des Staatsbildungsprozesses

Das Besondere am kolonialen Status in Afrika war, daß zwischen 1888 und 1950, also 65 Jahre lang, in der Kolonie kein interner – auch kein mit militärischen Mitteln geführter – Kampf möglich war, weder um das Machtzentrum noch im Interesse einer Sezession, Er ist auch nicht von afrikanischer Opposition gedacht worden. Die Arretierung des Politischen und seine Reduzierung auf meist regionale Subsysteme mit stark traditionaler und lokaler Dimension sind das Kennzeichen. Hinzu kam, daß seit Gründung des Völkerbundes mit dem Prinzip der Kriegsächtung der Status quo der Grenzen nicht nur in Afrika verfestigt wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich dies im UN-System. Annexionen durch Großmächte fanden statt (Abessinien, Mandschurei, Polen, Baltikum). Diese Arretierung des Status quo ist in der Periode von Staatsbildungsprozessen ein welthistorisches Unikum. Ob diese Ungleichzeitigkeit zwischen der Stabilität des Internationalen Staatensystems und der internen Dynamik der Gesellschaftssysteme im 21. Jahrhundert aufgegeben werden sollte oder kann, bezweifle ich, jedenfalls solange wir es mit schwachen Staaten gemessen an der realen Ausfüllung der Staatsfunktionen zu tun haben.

Sind vorkoloniale afrikanische Staaten auf dem Wege zu umfassenden Staatensystemen gewesen, als die Kolonialmächte ihre Interessenszonen durch Grenzlinien in dem Hinterland der Küstenzonen festlegten? Welcher Prozeß ist durch die Aufteilung arretiert worden?

Ganz gleich, wie alt staatliche Traditionen in afrikanischen Gesellschaften sind, dürfte es zunächst schwerfallen, politische Systeme zu finden, deren Grenzen, Einflußzonen, Tributbeziehungen und Dynastien nicht an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert unter dem Druck der historischen Verhältnisse grundlegend verändert wurden. Sie alle wandelten sich unter dem Druck der Schwankungen des Sklavenhandels, des Fernhandels im allgemeinen, der politischen Explosion im südlichen Afrika, für das als Symbol Shaka steht, der Erneuerung des Islams in Westafrika, der Reichsbildung Äthiopiens, des Mahdismus im Sudan, des Sansibar-Reiches in Ostafrika und der Expansion des Baganda-Staates nördlich des Victoria-Sees.

Keines dieser Systeme, keiner dieser Staaten ist im übrigen vom Kolonialismus zerrissen worden. Sie sind mit wenigen Ausnahmen (z.B. Sansibar), auch nach strategischen Niederlagen am Ende des 19. Jahrhunderts, Teile größerer Kolonien geworden. Nur selten verloren sie Randprovinzen an Nachbarkolonien.

Die Geschichte dieser Staatlichkeit und ihrer Inkorporation in einen neuen Flächenstaat scheint von viel tiefergreifender Bedeutung für die Punktionsfähigkeit der postkolonialen Staaten Afrikas zu sein, als willkürlich gezogene Grenzen. Dies zeigt sich in der Bedeutung der Erben des nordnigerianischen Sultanats für die Machtverteilung in Nigeria, In der Baganda-Hegemonie für Uganda oder in der Tradition des mahdistischen Staates im Sudan im Umgang mit seiner Peripherie nicht nur des Südens, sondern auch des Westens (u.a. Dafür). Das gleiche gilt für die Manipulation des staatlich-monarchischen Selbstverständnisses der Zulu in Südafrika, für die erfolgreichen Defensivstrategien der Führungsschichten Botswanas, Lesothos und Swasilands oder auch für die Konstruktion des burischen Nationalismus zur Bestimmung der Machtverhältnisse in Südafrika.


Vorkoloniale Staatsbildungen

Wie die Reiche der vormodernen Welt waren sämtliche vorkolonialen Staaten – je nach Definition – generell Mehr-Völker-Gebilde oder im kleinen ethnische Koalitionen, sicher mit meist hegemonialer Struktur. Diese Staaten oder politischen Koalitionen waren höchst flexibel in Umfang und Art der Inkorporation von anderen politischen Einheiten, zum Beispiel durch Tributbeziehungen, Übernahme von monarchischer Spitze, Regiment durch Königsboten, strategische Heiraten oder die Respektierung religiöser Kulte. Sezessionen in Zeiten politischer Schwäche waren möglich und häufig.

Man kann zugespitzt behaupten, daß diese vorkolonialen Staatsbildungsprozesse des späten 18. und 19. Jahrhunderts viele Gruppen zwangen, von losen Clan-Föderationen und einem oft schwach ausgebildeten politischen Häuptlings- oder Adelswesen zu politisch zentralisierteren, wenn auch oft kleinen Einheiten überzugehen. Die Ausbildung des 'Chiefdoms' in seiner modernen Form ist also ein relativ neues Phänomen. Vor dem Hintergrund „Liberation“ 1989 bestimmter vager kultureller Gemeinsamkeiten bilden sich politische Identitäten aus. Ethnische Identität definiert sich real danach, wessen Chief man zugeordnet ist. Diese Zuordnungen können sich schnell wandeln. Insofern glaube ich nicht, daß die kolonialen Grenzen diese politischen Einheiten zerrissen haben. Im Manika-Land Simbabwes oder Mosambiks zum Beispiel weiß man, welchem Chief oder welchem Regulo die politische Loyalität gehört, auch wenn die grenzüberschreitende Migration von Arbeitern oder Flüchtlingen häufig ist oder jemand für Landversprechen das Chiefdom wechselt.

Der koloniale Staat hat bis zum Zweiten Weltkrieg nicht die Durchsetzungskraft gehabt, diese Verhältnisse groß zu ändern. Grenzüberschreitender Handel, Arbeitsmigration, grenzüberschreitende Weidewirtschaft sowie Fluchtbewegungen vor Hunger waren möglich und üblich. Selbst der Aufstieg in die koloniale Bildungselite war grenzüberschreitend möglich. Die Grenzen der Mobilität wurden nicht durch Sperren im kleinen –Grenzverkehr erreicht. Vielmehr waren sie zum einen auf den kommerziellen Warenstrom und damit auf das Auto konzentriert, zum zweiten zeigten sie sich bei Wahlen, wenn für die koloniale Selbstverwaltung die Klientel organisiert werden mußte. Entsprechend relevant wurden für künftige Bildungs- und politische Eliten die Sprachgrenzen zwischen englisch, französisch und portugiesisch und zwischen den Bildungssystemen sowie der politischen Zivilisation in London, Paris oder Lissabon bzw. den USA.

"Liberation", 1989.


Kampf um die Staatsmacht — nicht um Grenzen

In der Frage nach den Ursachen regionaler Disparitäten, der Polarisierung zwischen marginalisierten und weltmarktnahen Regionen und der Ausbildung einer Metropole haben in der Periode des entwickelten Kolonialismus, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, die Grenzen allerdings erheblich an Bedeutung gewonnen. Der Kampf um die Ressourcen der Zentrale, die Handhabung des Landrechts, die Investitionen in die Infrastruktur und die Ausbildung der politischen Klientelsysteme bereits im Kampf um die Unabhängigkeit — das alles findet innerhalb der Grenzen statt, und diese werden von der nationalen Elite verteidigt und zementiert. Die reale und vermeintliche Vernachlässigung von Regionen führt aber eher zum Zugriff auf die Metropole als zur Sezession.

Die Revitalisierung von politischer Ethnizität, die Betonung monarchischer Traditionen nach drei Jahrzehnten enttäuschenden Staatsverfalls sind nicht Antworten auf alte Grenzprobleme, sondern auf die Schwäche des Staates und die ungerechten Akkumulationsprozesse. Man kann zu diesem Punkt die Probe aufs Exempel machen: Die starken Staaten Afrikas kennen kein Grenzproblem. Weder Südafrika oder Simbabwe noch Tansania oder Kenia, ebensowenig Nigeria, sind durch Sezessionen bedroht. Die Union mit Sansibar ist ein postkoloniales Konstrukt und mag sich überleben. Die somalische Irredenta in Nordkenia hat nur begrenzte Kraft in einer marginalen Region. Selbst die ethnisch offene Grenze von Namibia zum zur Zeit schwachen Staat Angola wird eher informell offene Grenzregionen produzieren. Ob mit Durchlässigkeit bewußt experimentiert wird oder derartige Experimente aus bürokratisch-nationalistischem Unvermögen scheitern sollten, die Stärke der Institutionen in Namibia wird das Aufwerfen der Grenzfrage verhindern.

Diese Argumente werden nicht dadurch aufgehoben, daß wir immer wieder mit grenzüberschreitenden Interventionen konfrontiert werden und ein Teil dieser Interventionen sich auf politische und ethnische Kooperation stützen kann. Sowohl Befreiungsbewegungen als auch 'War-Lords' benötigen sichere Rückzugsräume und können grenzüberschreitend operieren. Das gleiche galt für Destabilisierungsstrategien etwa Südafrikas. Wir kennen die grundsätzlich grenzüberschreitende Wirkung der Militarisierung von Flüchtlings- und Nothilfe. Dies alles charakterisiert schwache Staaten, deren Randprovinzen nutzbar sind. In ähnlicher Weise durchlässig können die Grenzen für den Schmuggel im großen Stil werden. Dies gilt in gewisser Weise sogar für Siedlungsfragen. Wir wissen aus der Flüchtlingsforschung, daß für ca. 80 Prozent der Langzeitflüchtlinge Landnutzung möglich wird, die auf die nächste Generation übergeht, jedenfalls solange eine formelle Registrierung des Landes und damit die Bindung an die Staatsbürgerschaft nicht durchgesetzt werden kann. Landfragen sind dann eher interne Machtfragen im Kontext von Migrationsbewegungen. Dies ist zum Beispiel in den Grenzbereichen zwischen Tansania und Ruanda oder dem Sudan und Eritrea der Fall. Die Staaten reagieren teilweise darauf, indem sie versuchen, diese Dynamik durch Aufbewahrungsstrategien der Flüchtlinge in Lagern zu kontrollieren. Aber auch derartige Tendenzen unterstreichen eher die Bedeutung der Grenze.


Europäische Erfahrungen

Einige Erinnerungen an das Verhältnis von Staat und Grenzen in Mittel- und Osteuropa machen den Unterschied in der Ausgangslage im 20. Jahrhundert deutlich. Führende Historiker und Theoretiker, die sich mit der Entstehung des europäischen Nationalstaates seit der Frühen Neuzeit beschäftigen, sehen einen engen Zusammenhang zwischen Staatsbildung, Konsolidierung, Territorialität und Krieg. Sie betonen die Bedeutung des Krieges sowohl für die Frage der Territorialität des Flächenstaates gegenüber der Vielzahl überlagernder Herrschaftsansprüche in quasi autonomen kleinen Gebieten mit klaren Grenzen, als auch für die Entwicklung der staatlichen Institutionen im Innern: Bürokratie, stehende Heere, kriegsbezogene Manufakturen und Steuersysteme. Dabei sind wiederholt neue politisch-soziale Identitäten entstanden, politische Einheiten untergegangen, durch politische Homogenisierung, Ethnien, Völker, Nationen marginalisiert worden. Aus Alemannen wurden Schweizer und Badener. Schlesier lebten während der letzten zweihundert Jahre in der polnischen Adelsrepublik, in der österreichischen Vielvölkermonarchie, in Preußen, Polen und Deutschland und als Flüchtlinge in der Bundesrepublik. Es lassen sich historische Zeitpunkte analysieren, wo eine dieser politischen Identitäten durch Assimilation oder Minderheitenstatus oder eine interne regionale Identität Bestand erhielt.


Grenzen werden bestehen bleiben

Es ist anzunehmen, daß wegen der internationalen Dependenz das gegenwärtige internationale System interventionsbereit bleibt und Kriege geächtet werden, auch wenn sie tatsächlich lokalisiert stattfinden. Deshalb werden Grenzen schwer zu verändern sein und Staatsbildungskriege wie in Europa sich kaum wiederholen oder unter internationaler Interventionsdrohung stehen. In Afrika besteht außerdem wenig Anlaß, mit Revitalisierungen älterer Staatsgebilde zu rechnen, wie es nach Auflösung der Immerhin formal stark föderativen Union der Sowjetrepubliken für die Ukraine, die baltischen Staaten und die mittelasiatischen Republiken möglich war oder wie sich in Jugoslawien nach 70 Jahren die älteren Staatsgebilde Kroatien und Slowenien herauslösten, auch wenn daraus ein Krieg entstand. Insofern sind die Kolonialgrenzen in Afrika im großen und ganzen zu den historisch relevanten Grenzen geworden.

Selbstverständlich gibt und gab es auch in Afrika wie in den übrigen Weltregionen politisch-historische Konstellationen, in denen neue politische Identität entsteht und die die Suche nach einem eigenen politischen System forcieren. Die Entwicklung in Eritrea und seine Ablösung aus dem Groß-Äthiopischen Reich war ein solcher Fall. Die Auflösung Nigerias in Großregionen Ist historisch möglich, Alleingänge mineral- und ölreicher Enklaven sind nicht auszuschließen. Historisch-traditionalistische Begründungen werden solche Prozesse begleiten. Sie werden auch die vorkoloniale Geschichte in Anspruch nehmen. Dabei werden kultur- und sozioökonomische Konstellationen mitschwingen, wie bei den katholischen Ländern Kroatien und Slowenien, die in den Gegensatz zu Serbien gerieten, oder im Fall der Deutsch-Österreicher, die 1919 nach Deutschland wollten. All dies ist möglich, hat aber nichts mit der Legendenbildung über eine angeblich überhistorisch wirkende afrikanische ethnische Identität zu tun und noch weniger mit der Willkür kolonialer Grenzen. Diese haben sicher Entwicklungen umgelenkt, arretiert, neue regionale Identitäten produziert und Verlierer im Kolonialismus verursacht. Ein Grundübel sehe ich jedoch nicht in der Grenzziehung, sondern in den Entwicklungsprozessen des kolonialen und postkolonialen Staates.



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