Großregionen Afrikas oder Die Grenzen des Autochtonen

Aus LernWerkstatt Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche


Generalisierte Aussagen über Afrika sind Legion. Diese Tendenz zur Verallgemeinerung ist keineswegs nur auf kolonialistische Klischees zurückzuführen, sondern bestimmte auch kolonialkritische und modernisierungstheoretische Ansätze mit. Eine der Reaktionen darauf ist, Innenwelten und Wahrnehmung relativ kleiner Gemeinschaften oder auch Individuen zu betrachten, ihre Wahrnehmung zum Ausgangspunkt zu nehmen - auch dann, wenn die Integration überregionaler Phänomene in diese autochthone Weltsicht konstatiert werden soll. David Cohen und Atieno Odhiambo haben dies für Siaya veranschaulicht, indem sie in der Raumwahrnehmung und Symbolwelt West-Kenyas auch die Phänomene der postkolonialen Moderne erkannten. Ebenso beobachteten die Comaroffs eine extrem selbstisolierende Weltsicht bei botswanischen Wanderarbeitern, obwohl gerade diese in ihrer beruflichen Existenz durch den überregionalen Wanderarbeitskontext geprägt waren. Heike Behrend konnte nachweisen, daß die "Holy Spirit Mobile Force" in Nord-Uganda 1986 zwar eine Reinigung von Kriegsfolgen nach den Regeln des internen Acholi-Diskurses anstrebte, daß sie zugleich aber trotz dieses engen Gruppenbezuges auch die Befreiung Südafrikas und Europas als Programmpunkt zur Reinigung der Welt insgesamt aufgenommen hatte.

In diesem Beitrag wird argumentiert, daß es trotz dieser unleugbaren Konzentration afrikanischer ländlicher Gesellschaften auf ihr lokales Umfeld (die Geschichte der Urbanität würde wahrscheinlich bereits andere Akzente setzen) einen allgemeinen historiographischen Konsens gibt, daß sich über Jahrtausende klar identifizierbare historische Großregionen, wenn auch mit überlappenden Grenzräumen, erkennen lassen. Dennoch soll vermieden werden, jene überzeugenden Einsichten in die gesellschaftsprägende Kraft autochthoner Provinzialität zur Verteidigung des Eigenen gegen jenen Blick von oben/außen auszuspielen, der Großregionen zu behandeln vermag, die über die Perzeption der Mehrheit hinaus reichen. Das Nachdenken über die mögliche historische Individualität von Großregionen und ihren historischen Wandel stellt die Weltsicht kleiner Gemeinschaften und ihre Kraft zur Selbstbehauptung auch unter überregionalen Einflüssen nicht in Frage. Sogar in stark strukturierten Reichen und Staaten vormoderner Gesellschaften operieren Gemeinschaften mit hoher interner Kohäsion, deren Widerständigkeit gerade in der Verleugnung der kulturellen Impulse der Zentrale liegen kann. Der hohe Grad der Autonomie ländlicher Gesellschaften ist eine Grundgegebenheit der Vormoderne. Zu fragen ist jedoch, ob Afrikas Gesellschaften Autonomie in besonderer Weise kultivieren konnten. (Karte: Westafrika 1000-1600)

Ein erster Hinweis für die Überwindung dieser Paradoxie findet sich bei Jan Vansina: "Die Fähigkeit, sich der Zentralisierung zu widersetzen und dennoch die notwendige Kohäsion zwischen einer Myriade autonomer Einheiten aufrechtzuerhalten, ist der innovativste Beitrag der westlichen Bantu zur Institutionengeschichte der Welt." Vansina verbindet damit, wenn auch bezogen auf einen (allerdings sehr alten) kulturellen Zusammenhang von "West-Bantu", das Konzept einer Großregion - des Regenwaldes in Äquatorialafrika - mit jener Vielfalt von Autonomie. Im folgenden soll darüber hinausgehend argumentiert werden, daß auf der Suche nach Strukturprinzipien der afrikanischen historischen Großregionen nachdrücklich für die vorkoloniale Zeit der Blick auf die Fülle von Einflüssen, Querverbindungen, Grenzüberschreitungen und Weite des Aktionsfeldes gelenkt werden soll, der jene Autonomie afrikanischer Gesellschaften mitbestimmte, ohne daß in jedem Falle das frühneuzeitliche, von der europäischen Expansion geprägte Weltsystem Pate gestanden hat, wie dies Strukturierungsversuche konstatieren, die der regionsübergreifenden Prägung durch indirekte handelskapitalistische Aktivitäten eine zentrale Bedeutung zuschreiben.

Ich möchte zunächst die Großregionen in einer Weise rekonstruieren, wie sie sich aus der Sicht eines mit universal nachvollziehbaren Kategorien arbeitenden Allgemein-Historikers ergeben, d.h. den "objektiven" Bestand eines spezifischen historischen Zusammenhanges konstatieren, ohne zunächst die Frage zu beantworten, wer denn ein Bewußtsein von Großregion hätte haben können. Dies könnte sich, wenn überhaupt, ohnehin nur auf strategische Minderheiten beschränken. Auch das Bewußtsein Karl V., daß in seinem Weltreich die Sonne nicht unterging, wurde mit Sicherheit nur an seinem Hofe und bei den mit seinem Reichsgedanken rivalisierenden Dynastien reflektiert - trotz der Myriaden Formen autochthoner gesellschaftlicher Perzeption von Welt, die dieses Weltreich nicht oder nur sehr indirekt in die lokale Perspektive übernahmen.

Der Begriff Großregion im Kontext dieses Beitrages ist ein historischer Begriff, d.h. er umschreibt ein historisches Feld, in dem ökonomische und soziale Interaktionen eine besondere Dichte erreicht haben und in einer Weise strukturiert sind, daß sich historische Individualität konstatieren läßt. Offensichtlich sind Großregionen in gewissen Bereichen miteinander vernetzt, so daß es grenzüberschreitende Beziehungen gibt. Dies wird gelegentlich auch zu Definitionsproblemen führen, weil Überlappungen, historische Verschiebungen etc. festzustellen sein werden. Aber dies macht vielleicht den Reiz der Analyse aus, daß hier ein flexibles, für die historische Betrachtung geeignetes Instrument bereitliegt. Dennoch sind überhistorische Phänomene nicht zu vernachlässigen, denn die Produktionsbedingungen und damit auch die ökologischen Grundbedingungen können nicht unberücksichtigt bleiben, obwohl keinerlei geographischer Determinismus beabsichtigt ist. (Karte: Äquatorial- und Ostafrika 1500-1875)

Ich vernachlässige hier solche Prägungen, die erst durch die modernen politischen Systeme entstanden sind. Mein Interesse liegt vielmehr bei jenen Prozessen, die "spontan" erfolgten, d.h. großregionale Kontexte erzeugten, ohne daß sie von Reichs- und Kolonialgründern explizit durchgeplant worden wären. Einzuschränken ist diese Perspektive allerdings insofern als sich bei zwei neueren regionalen Verflechtungen - der Atlantikküste seit Vorherrschen des Sklavenhandels und dem Südlichen Afrika seit Beginn der europäischen Expansion am Kap - die Wirkungen der modernen Weltsystem-Verflechtung, wie vermittelt auch immer, nicht ausklammem lassen.

Die Großregionen, wie sie auch in den einschlägigen Standardwerken zur afrikanischen Geschichte dominieren, sind (neben den Regionen nördlich der Sahara, dem Maghreb und Ägypten / Sudan, die hier nur in ihrer Beziehung zu den Großregionen südlich der Sahara behandelt werden sollen):

1. Westafrika reicht vom Senegal bis nach Kamerun und zum Tschad; Mauretanien bildet die Verbindung zum Maghreb.
2. Ostafrika erstreckt sich von der Küste Somalias bis nach Mocambique und umfaßt die Hinterländer Tanzania, Kenia und das Zwischenseen-Gebiet von Uganda und Rwanda / Burundi.
3. Für Zentralafrika hat sich die Konvention ergeben, neben Zaire und Zambia auch Angola mit einzubeziehen; und im Kontext vorkolonialer Geschichte, d.h. vor Ankunft der Ndebele, läßt sich auch Zimbabwe hinzurechnen.
4. Das Südliche Afrika der vorkolonialen Periode umfaßt die heutige Republik Südafrika, Namibia, Botswana, Lesotho und Zwaziland. Doch werden auch zumindest das südliche Mocambique und Zimbabwe einbezogen sowie zumindest der Süden Angolas.
5. Nordostafrika umfaßt in diesen Darstellungen in der Regel Äthiopien und Eritrea, ebenfalls Somalia und zumindest den Südsudan.

Die Doppelnennungen weisen bereits darauf hin, daß - ohne genauere Periodisierung und Festlegung von Kriterien - die konventionell vorgenommenen Zuordnungen Eindeutigkeit vermissen lassen. Dies kann am Gegenwartsbezug des Regionen-Konzeptes liegen, auch an Wissenschaftstraditionen, oder auf Vernetzungen hinweisen. Die Frage ist, ob angesichts einer relativ stabilen Wissenschaftstradition, die von diesen fünf Großregionen ausgeht, auch Kriterien auffindbar sind, die es ermöglichen, dieser konventionellen Gliederung einen historischen Kontext zuzuordnen oder aber gegebenenfalls die Konvention zu ändern.


Inhaltsverzeichnis

Agrargeschichtliche Voraussetzungen

Ich gehe davon aus, daß die Dynamik afrikanischer Gesellschaften - wie anderer vormoderner Gesellschaften auch - vor allem durch die historischen Schübe in der Agrarentwicklung geprägt ist. Sie haben zu großräumiger Differenzierung geführt. Die gesteigerte Produktion und Produktivität hatte vielfältige soziale und politische Folgen, insbesondere war mit ihnen eine demographische Dynamik verbunden.

Diese historischen Schübe wurden sowohl durch Wellen der Nutzpflanzenrezeption begünstigt als auch durch die besondere Geschichte der Entwicklung des afrikanischen Großvieh-Komplexes.


I. Der Nutzpflanzenbereich

1. Die erste Welle wurde durch die Umzüchtung der vorderasiatischen bzw. ägyptischen Getreidesorten wie Hirse und Gerste für tropische Zwecke ausgelöst. Zu ihr parallel lief möglicherweise die Entwicklung verschiedener Wildpflanzen-Nutzungssysteme der äthiopischen Hochländer und der westafrikanischen Waldgebiete, wobei im Übergang von Sammeltätigkeiten Wurzelpflanzen und die Ensete (Vorform der Banane) gepflegt wurden. Damit wurden u.a. die Voraussetzungen für die Rezeption von den später eingeführten Nutzpflanzen Yamwurzel und Banane geschaffen. Diese Prozesse begannen einschließlich der Anfänge der Getreidezüchtung in Äthiopien vermutlich ab 5000 v.u.Z und in Westafrika vermutlich um 2000 v.u.Z. zumindest im inneren Niger-Delta und im l. Jahrtausend v.u.Z. im südlichen Afrika.

2. Die zweite Welle wurde durch die Übernahme der südasiatischen Nutzpflanzen ausgelöst, insbesondere der Banane, der Kokospalme, des nassen Reis' sowie eines ergiebigeren Typus der Yamwurzel. Dies war - so die wahrscheinlichste Erklärung - Folge der indonesischen Besiedelung Madagaskars vor 2000 Jahren, die eine Ausbreitung der Nutzpflanzen entlang der ostafrikanischen Küste nach sich zog. Ähnlich wahrscheinlich ist jedoch auch, daß die Agrarentwicklung, die sich im Umfeld der islamischen Expansion auf der arabischen Halbinsel vollzog, auch die Gegenküsten und das äthiopische Hochland erreichte. In der Folge dieses Prozesses kam es dann, aus welcher Richtung auch immer (und vielleicht sogar von zwei Richtungen her), in Ostafrika seit etwa 1000 zu jener enormen Erweiterung der Produktionsmöglichkeiten, die dann auch Westafrika erreichte, wo einheimische Reis- und Yamsorten bereits gezüchtet waren und dementsprechend Erfahrungen zur schnellen Rezeption bereitlagen.

3. Die dritte Welle ergab sich aus der Übernahme der lateinamerikanischen Nutzpflanzen als Folge portugiesischer Seefahrten zwischen Brasilien und Afrika und der portugiesischen Kolonisationstätigkeit im 16. Jahrhundert auf beiden Seiten des Südatlantiks. Entscheidend war insbesondere die Verbreitung von Cassava und Mais. Beide Pflanzen breiteten sich in Ost-, West- und Zentralafrika vor allem seit dem 18. Jahrhundert mit hoher Geschwindigkeit aus.


II. Der Großvieh-Komplex

In der Geschichte der afrikanischen Viehhaltung, die ja häufig stereotyp reinen (Großvieh)-Hirtengruppen zugeschrieben wird, gibt es so gut wie keine Kenntnis über die Einführung von Kleinvieh (Schafe, Ziegen und Hühner). Sie waren nach archäologischen Funden aber weit verbreitet; insofern war eine gemischte Agrarökonomie die Regel. Im übrigen haben, wie neuere Forschungen ergaben, auch Großviehhirten-Gruppen oft regelhaft Getreideanbau betrieben. Sammeln und Jagen gehörte nicht nur in Krisenzeiten zu den normalen Produktionstätigkeiten von Bauern und Hirten. (Karte: Madagaskar, Zentral- und Südafrika 1800-1875) Diese die Autonomie solcher Produzentengruppen fördernden Aktivitäten stehen jedoch weniger im Vordergrund meines Interesses. Wesentlich für die Ausdifferenzierung der Großregionen, soweit es die Seite der Agrarproduktion betrifft, waren die Bereithaltung ertragreicher Sorten, die eine Chance zur Überschußproduktion boten, und die Erschließung neuer ökologischer Räume. In diesem Zusammenhang - gerade auch wegen der Akkumulationschancen - kam dem Großvieh eine besondere Rolle zu.

Verursacht wahrscheinlich durch die Austrocknung der Sahara seit 8000 v. u. Z., blieben in Afrika Großviehzüchter und Getreidebauern stärker voneinander getrennt als in anderen Gesellschaften, in denen Mischkulturen vorherrschten. Dies hing möglicherweise auch mit den kulturellen Dimensionen von Großviehhaltung im Niltal zusammen, in das sich ein Teil der saharischen Hirten zurückzog. Dort beeinflußten sakrale Elemente der Viehzucht die relative Trennung von Großvieh zur Fleischnutzung zugunsten der überwiegenden Nutzung von Milch und Blut. Entscheidend war aber, daß die Tradition des Nomaden- und Halbnomadentums auf die Anpassung an die ariden Zonen zurückging und im tropischen Afrika Vieh- und Getreidegebiete auch dadurch getrennt wurden, daß die Verbreitungszonen der Tsetsefliege und wohl auch anderer, noch nicht gut erforschter Viehkrankheiten die verschiedenen Areale der Nutzung trennten.

Dennoch haben Viehzüchter und Ackerbauern auch dort, wo sich klare Nutzungsabgrenzungen ergaben, immer miteinander in Beziehungen gestanden: durch Austausch, durch Einräumung von Weiderechten auf abgeernteten Feldern oder der Brache, um Düngung zu erreichen, und durch die besonderen Chancen viehzüchtender Gruppen, aufgrund ihrer hohen Mobilität Herrschaft über Bauern durchzusetzen.

Diese agrarische Entwicklung führte - mit großen Zeit Verschiebungen für die unterschiedlichen Regionen, deren Datierung leider noch weitgehend ungelöst ist - zu einer erheblichen Ausdifferenzierung der Produktionsbedingungen.

Die Verbreitung der südostasiatischen Nutzpflanzen, insbesondere der Banane, machte wald- und wasserreiche Hochländer zusätzlich zu der klassischen Savannenwirtschaft zu Zonen besonderer Produktivität. Den Waldzonen stand die Yamwurzel, den Küstenzonen die Kokospalme zur Verfügung. Die Vieh- und Getreideanbau-Komplexe kamen zunächst im Sahelbereich, dann im gesamten nordöstlichen, östlichen und südlichen Afrika in engere Austauschbeziehungen. Diese Neuerungen, die etwa 1300-1500 auch das südliche Afrika erreichten (obwohl auch dort nach neueren Forschungen bereits seit 100 n.u.Z. agrarische Mischsysteme nachgewiesen sind), erweiterten die agrarwirtschaftlichen Zonen von regionaler und überregionaler strategischer Bedeutung.

Von hier aus ließen sich Spekulationen über die Chancen zur Bevölkerungsverdichtung und die machtpolitische Bedeutung der Kontrolle strategischer Agrarzonen anstellen, die in eine Diskussion über die Entstehung von Herrschaftskernen einmündet, wie dies in der Literatur geschehen ist. Ich setze diesen Zusammenhang (mit der von Vansina gemachten Einschränkung) voraus, weil ohne derartige Herrschaftskerne und ohne die von ihnen ausgehenden Vernetzungen großregionale Kontexte schwer vorstellbar sind. Eine ähnlich zentrale Bedeutung konnte, wie Curtin unter Betonung der Handels- und Austauschbeziehungen argumentiert, die Handels-Diaspora erhalten, der es gelang, gestützt auf eine heimische Basis auch in der Fremde Handlungsfähigkeit und relative Sicherheit zu erlangen.

Bestandteil der Agrarproduktionsgeschichte und ihres Wandels ist die lokal unterschiedliche Verfügbarkeit mineralischer Ressourcen, also die Verfügbarkeit der Eisen- und Kupfertechnologie für die Bodenhacke, von Werkzeugen, Waffen und Schmuck, von Salz und von Ton-Lagern für Keramik. Es sind dies Güter, die in gehöriger Konzentration die Herausbildung strategischer Kernzonen gefördert haben. Ähnliches ermöglichten Transportbegünstigungen, z.B. die Kontrolle von schiffbaren Flußabschnitten und Fährstellen. Dies alles konnte gute Voraussetzungen für regionale Vernetzung im Umkreis von häufig bis zu 200 km schaffen. Dies stellte zugleich die Vorbedingung für die großräumliche Vernetzung dar, ist aber offensichtlich allein nicht hinreichend gewesen, um Großregionen zu definieren.


Voraussetzungen und Kriterien der Großregionen

Gestützt auf meine Bemerkungen zur Vernetzung von Agrarproduktionszonen von strategischer Ergiebig- und Kombinierbarkeit, zu den Chancen einer Herausbildung von Herrschafts- und Zentralisierungszentren und den erweiterten Vernetzungsmöglichkeiten, die die Handels-Diaspora anzubieten vermag, sollen diese Überlegungen jetzt auf die Großregionen übertragen werden.

Dies wird zunächst mit einem recht schematischen Raster versucht. Für eine differenzierte Beschreibung der Großregionen ist in diesem Beitrag kein Raum.

Großregionen entstanden aus der Kombination wichtiger Faktoren, die Agrardynamik und Herrschaftssysteme prägen:

a) die Kombination der Hauptstapelfrucht mit ergänzenden Produkten;
b) die Verflechtung von ökologischen Großzonen miteinander, also die Verbindung von
* semiarider Zone und Savanne, Wald und Küste;
* Hochländern mit Regenwald, Savannen, semiariden Zonen und Küste;
* Savannenlandschaft unterschiedlicher Höhen (z. B. Highveld-Lowveld, Riftvalley, Hochplateaus und Küste); (dazu kommen ergänzend die großen Flußsysteme, interne Deltas und große Seensysteme);
c) die Einbindung der Metallurgie in die politische Ökonomie mit entsprechen den Chancen für Zentralisierung überregionalen Handel, z.B. mit Gold und Kupfer;
d) die Verbindung zur außerafrikanischen Welt oder ihr Fehlen.

Dem Faktor der Verbindung zur außerafrikanischen Welt wird - trotz relativer Isolation großer Teile Afrikas, was die direkte und dichte Kommunikation mit der außerafrikanischen Welt betrifft - eine erhebliche Bedeutung zugemessen. Erst durch ihn wird die Vernetzung von internen Regionen mittlerer Reichweite zur Großregion gestiftet. Dennoch kommt auch den übrigen Faktoren, insbesondere der Verflechtung unterschiedlicher ökologischer Zonen, großes Gewicht zu. Im übrigen scheinen, was bislang noch zu wenig wirklich in die Analysen einbezogen wurde, großräumige und einheitliche klimatische Veränderungen eine vergleichbare Komponente zur historischen Individualität einer Region beigetragen zu haben, vermittelt u.a. durch den Zwang zu analogen Anpassungsleistungen und weiträumigen Migrationen. Neuere Forschungen deuten an, daß dies nicht nur für das Konzept von Sutton über die alte "aquatic civilization" in Westafrika gilt, sondern auch auch für den Strukturwandel und die Einheitlichkeit des südlichen Afrika (Hall) und natürlich für die Langzeitfolgen der Sahara-Austrocknung.

Es gibt drei große "Küsten", durch deren "Häfen" die Verbindung zur außerafrikanischen Welt hergestellt wurde:

  • die Küste des Indischen Ozeans; dessen Handelssystem der Großregion des östlichen Afrika - zunächst einem breiten Küstenstreifen von Mogadishu bis Sofala in Mocambique, aber wohl auch Madagaskar und den Komoren - ihr historisches Gepräge gab;
  • die Sahara-"Südküste" - der Sahel; von wo nach Einführung des Kamels die transsaharischen Verbindung zu Nordafrika und zum Sudan hergestellt wurde;
  • die historisch erst im 16. Jahrhundert relevant gewordene Atlantik-Küste, die dem westlichen Afrika eine zweite Dimension gab, ohne daß bis ins frühe 19. Jahrhundert die alte (transsaharische) Beziehung wesentlich an Bedeutung verloren hätte.


Daneben gab es zumindest bis ins 18. und frühe 19. Jahrhundert einen Großbereich ohne Küsten Verbindungen: Zentralafrika wurde durch großräumige interne Austauschbeziehungen, die ohne eine auch nur indirekte Weltverbindung auskamen, gekennzeichnet.

Man wird feststellen müssen, daß sich diese Großregion vor allem im 19. Jahrhundert teils auflöste, teils in ihrer Struktur veränderte, indem sich die Sklaverei-Systeme und die Sklavenjagd von der Küste Angolas und Zaires auf die Hinterlandregionen ausweiteten und zugleich die ostafrikanischen Karawanen vom indischen Ozean mit dem atlantischen Handel zu konkurrieren begannen. Nach Experimenten mit Beziehungen zum Sudan öffnete Uganda sich dem ostafrikanischen Handelssystem. Darüber hinaus wurden Teile Zambias und des Zwischenseengebietes von den Fernwirkungen der politischen Revolution im südlichen Afrika am Anfang des 19. Jahrhunderts erfaßt. Es wäre zu diskutieren, ob derartige Umorientierungen nicht auch charakteristische Wirkungen für den Kontext dieser Teilregionen hatten, und ob in diesem Sinne historische Kontinuität für die Großregion Zentralafrika besteht. Das Standardwerk von Birmingham und Martin zur Geschichte Zentralafrikas jedenfalls geht von einer Kontinuität aus, wobei der internationale Kontext gewaltsam durch drei "Frontier"-Zonen durchgesetzt wurde.

Die Sonderrolle Nordost-Afrikas läßt sich, trotz teilweiser Zugehörigkeit des Gebiets zum System des Indischen Ozeans, ohne die zusätzliche Küste des Roten Meeres und des Golfes von Aden, mit seiner Kommunikation zur arabisch-islamischen Welt und der Isolation der Hochländer Äthiopiens, insbesondere seit Abwehr der muslimischen Expansion, schwer deuten.

Die Entwicklung im Südlichen Afrika wird unleugbar seit der europäischen Gründung von Kapstadt im 17. Jahrhundert durch die von dort ausgehende Expansion und Dynamik an der Frontier mitbestimmt und im frühen 19. Jahrhundert durch sie dominiert. Dennoch verweist die bereits erwähnte Periodisierung von Hall auf regionale Charakteristika, die durch Agrarstruktur, Ausweitung des Großvieh-Komplexes und (interne) Handelsvernetzung bestimmt wurden und bereits vor Beginn der europäischen Besetzung des Kaps der Guten Hoffnung bestanden.

Die stetige Expansion von Bauern und Hirten im Zuge der Bantu-Migration von Norden nach Süden und ihre Berührungen mit dem ostafrikanischen und zentralafrikanischen Systemen seit etwa 1000 - zeitgleich mit der zweiten von Hall identifizierten Periode - verstärkte diese interne agrarische Dimension.

Diese Komplikationen legen es nahe, die Charakterisierung der Großregionen von der alleinigen Beachtung der Beziehungen zur außerafrikanischen Welt zu lösen und weitere Faktoren in Betracht zu ziehen.

Ich möchte mich aus Platzgründen dabei auf spezifische Unterschiede der Regionen beschränken.

Das historische Charakteristikum Westafrikas besteht offenkundig in der Vernetzung der ökologisch unterschiedlichen Agrar- und Ökologiezonen untereinander, sowie in der Kombination der transsaharischen Verbindung mit jener auch binnenwirtschaftlich so relevanten Ost-West-Achse. Diese Vernetzung wurde durch ein enges System von Städten, Stadtstaaten und Staatsbildungen gestützt; in einem System von sich überlappenden Herrschaftskreisen entstand hier bei den strategischen Eliten auch ein regionales Bewußtsein. Der atlantische Sklavenhandel hat dieses System zum Atlantik hin erweitert, durch die Verbreitung von Sklaverei auch verändert, doch wurde die Schwerpunktbildung zugunsten der Orientierung an den Sahelrand bis ins 20. Jahrhundert nicht aufgelöst. Zu beobachten ist, daß trotz der politischen Vernetzung keine überregionale kulturelle und sprachliche Einheit entstanden ist, obwohl Verkehrssprachen und große protoethnische Entwicklungen zu beachten sind.

Das Kennzeichen der großen, durch den internen Austausch der Ressourcen charakterisierten Region Zentralafrika ist, daß der Enklavencharakter der Zonen intensiver Nutzung und auch politischer Organisation ausgeprägt war. Die erwähnte späte Beeinflussung der "Peripherien" Zentralafrikas durch die portugiesische Offensive in Angola, die Dynamik des Südlichen Afrika auch schon vor dem frühen 19. Jahrhundert und die spätere Vernetzung mit dem zanzibarischen Handelssystem und der damit verbundenen intensivierten Proto-Staatsbildung ließ mangelnde Stabilität zu einem kennzeichnenden Charakteristikum dieser Region werden.

Es läßt sich diskutieren, ob Ostafrika im Sinne der angestellten Überlegungen überhaupt eine Großregion ist, denn eine Durchdringung und Beeinflussung der Hinterländer von der Küste aus oder eine Orientierung dieser Hinterländer zur Küste hin fand vor dem frühen 19. Jahrhundert offenkundig nicht statt. Die Kultur der Swahili-Küstenstädte allerdings hat eine mit der Welt des Indischen Ozeans verflochtene Einheit geschaffen, die kulturell weit über das hinausgeht, was sich in anderen Regionen finden läßt. Sie ist, folgt man Allen, allerdings trotz der Einflüsse vor allem arabischer muslimischer Dissidenten auf die Stadtkultur bis in Sprache und Architektur auch durch die Verflechtung mit den Agrargesellschaften der Küstenzone geprägt, deren Produkte für Nahrung und Handel sie ebenso brauchten wie die Menschen zur Klientelbildung und Arbeit. In dem Sinne war es auch keine Kolonialkultur. Die Hinterländer lassen sich teilweise Nordost-Afrika (der somalische und nordost-kenyanische Raum), die übrigen Zonen Zentralafrika und dem Südlichen Afrika zuordnen.

Die Literatur hat es durch ihre Kritik an älteren Versionen der Bantu-Wanderung erschwert, dieses Phänomen - das zusammen mit der Ausbreitung des Großvieh-Komplexes durch die Niloten letztlich mit der Sahara-Austrocknung verbunden zu sein scheint - für die Diskussion der Großregions-Bildung zu gewichten. Das gemeinsame "Bantu-Erbe", das ja dem gesamten süd-zentral- und ostafrikanischen Bereich gemeinsame sprachliche Wurzeln, eine Verwandtschaft im Bereich der kulturellen Symbole und eine aufeinander bezogene Chronologie in der Geschichte der Verflechtung von Getreidewirtschaft und Viehkomplex und den Beziehungen zu Jägern und Sammlern gibt, bietet sich für die Konstituierung von Großregionen geradezu an. Das symbolische räumliche Arrangement des Kraals mit der Positionierung von Hausherrn, dem Rang der Frauen und dem gesicherten Platz für das Vieh (wohl am stärksten in der Anlage von Groß-Zimbabwe symbolisiert, vergleichbar aber auch bei den Nguni und Herero) unterstreicht diese Einheitlichkeit.

Dies führte im südlichen Afrika nicht in gleicher Intensität, wie dies in Zentralafrika geschah, zur Staatenbildung vor Ende des 18. Jahrhunderts, von dem Ausnahmefall Zimbabwe und benachbarter kleinerer Einheiten abgesehen. Zimbabwe kontrollierte die Goldfelder und stand im Kontakt zur Küste des Indischen Ozeans und seit dem 15. Jahrhundert zu den portugiesischen Herren in Mocambique.

Für das übrige südliche Afrika wird man als Besonderheit feststellen können, daß die Kombination von Getreide und Viehwirtschaft unter Ausnutzung der Höhenunterschiede der High- und Lowveld zwar auch ökologisch unterschiedliche Zonen verband, dies aber nicht in der Vielfältigkeit Westafrikas. So durchlässig auch die Kalahari-Wüstensteppe war, ein bedeutender Verkehrsraum war sie nicht. Wichtig ist, daß diese relativ homogene agrarische Welt sich ohne deutliche politische Konzentrationsprozesse in jener Vielzahl von autonomen Einheiten vollzogen hat, trotz oder wegen so weitgehender sprachlicher und kultureller Ähnlichkeiten. Es ist in der Forschung umstritten, ob die dramatische Beschleunigung von Staatsbildungsprozessen expansiver und defensiver Art seit Ende des 18. Jahrhunderts aus Bevölkerungswachstum, ökologischer Krise oder den Handelsmöglichkeiten mit Vieh nach Mocambique oder generell durch die Frontierexpansion der weißen Siedler und durch den beginnenden Sklavenhandel ausgelöst wurde. Vieles spricht dafür, nicht einen Faktor dominieren zu lassen. Aber mit Sicherheit erhält das gesamte südliche Afrika seine spezifische Prägung, seit die atlantische Enklave Kapstadt ihren Einflußbereich insbesondere über die internen Handelswege und die Eröffnung der Küstenschiffahrt im Indischen Ozean und den entsprechenden Migrationsbewegungen auf die gesamte Region ausdehnt und damit auch Staatsbildungsprozesse in dieser Region beschleunigt.

Wie im südlichen Afrika verdichten sich die beschriebenen großregionalen Kontexte mit Sicherheit seit dem 18. und insbesondere dem frühen 19. Jahrhundert. Die ozeanischen Küsten gewinnen an Bedeutung. Aber - und dies ist ein wichtiger Aspekt der These - die Rückdatierung der Entstehungsbedingungen der heutigen Großregionen tief in die vorkoloniale Periode verweist auf lange Kontinuitäten der afrikanischen Agrargesellschaften auch in ihrer überregionalen Dimension. Man wird sogar sagen müssen, daß die koloniale Staatsbildung diese weite auch ökonomische Vernetzung eher eingeengt und abgeschnitten hat.

Bei aller Betonung der agrargeschichtlichen Spezifika dieser Regionen und ihrer so unterschiedlichen politischen Ausprägungen läßt sich argumentieren, daß viel stärker als üblicherweise für Afrika angenommen. Außenbeziehungen für die Art der großregionalen Vernetzung von erheblicher Bedeutung waren.



zurück zur Afrikanischen Geschichte