Hildesheim im Nationalsozialismus - Aspekte der Stadtgeschichte

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Eine Online-Ausstellung des Historischen Seminars der Universität Hannover in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Hildesheim unter der Leitung von Dr. Hans-Dieter Schmid und Studenten aus dem Jahre 2002.

Autoren:

Jana Bretschneider, Tobias Deterding, Christiane Ernst, Annette Fulda, Jessica Huter, Max Lichte, Christiane Marx, Markus Panhorst, Dennis Parl, Barbara Pinl, Marco Pukrop, Hans-Dieter Schmid

Themen:

Inhaltsverzeichnis


Machtübernahme und Nazifizierung

Bürgermeister Heinrich Schmidt: Ein "alter Kämpfer" kommt an die Macht

Heinrich Schmidt war derjenige unter den "alten Kämpfern" der NSDAP, der nach der Machtübernahme für kurze Zeit den größten Einfluss in Hildesheim ausübte. Gleichzeitig war die kurze Karriere des Landtagsabgeordneten, Bürgervorstehers, Polizeidezernenten und Bürgermeisters von Beginn an von Problemen und Auseinandersetzungen geprägt.


Vom Parteiredner ...

Bis 1928 war Schmidt kaufmännischer Angestellter, danach nur noch für die NSDAP tätig, der er seit Mitte der zwanziger Jahre angehörte. Sein Einkommen bezog er dabei aus Rednerhonoraren. 1928 zog Schmidt nach Hameln, wo er als Bezirksleiter bzw. Kreisleiter der NSDAP tätig war. Zu dieser Zeit scheint es bereits zu Problemen mit anderen Parteimitgliedern gekommen zu sein, die später behaupteten, er sei im Laufe der Zeit immer mehr dem Alkohol verfallen.

1931 wurde Schmidt zum NSDAP-Bezirksleiter in den Kreisen Hildesheim-Stadt und Marienburg ernannt. In diesen beiden Kreisen war bisher der Hauptmann a.D. Robert Steinmeyer Kreisleiter gewesen. Zwischen 1931 und 1933 entstanden erste Konflikte Schmidts mit Steinmeyer und Heinrich Brunke, dem Propagandaleiter des Bezirks. Als sie sich beim Untersuchungs- und Schlichtungsausschuss der NSDAP über das Fehlverhalten ihres Vorgesetzten, u.a. über seine Trunkenheitsexzesse, beschwerten, sorgte Schmidt dafür, dass seine Gegner aus der Partei ausgeschlossen wurden.


... zum Staatskommissar

Am 12.März 1933 wurden Heinrich Schmidt und der Steuerinspektor Emil Privat als Vertreter der NSDAP in das Bürgervorsteher-Kollegium gewählt. Noch vor der konstituierenden Sitzung erreichten Schmidt und Privat durch Drohungen mit der SA, dass sich sechs besoldete Magistratsmitglieder, darunter Bürger- meister Gerbaulet, bis auf weiteres beurlauben ließen.


Schmidt übernimmt die Macht in der Stadt

Während der konstituierenden Sitzung des Bürgervorsteher-Kollegiums am 3. April hatte sich eine große Menschenmenge vor dem Rathaus versammelt. Als der SPD-Bürgervorsteher Weise das Rathaus betreten wollte, wurde er von SS-Leuten geschlagen. Schmidt, der die Sitzung leitete, kommentierte seine Beschwerde lediglich mit einer höhnischen Bemerkung. Auf Vorschlag Emil Privats wurde die Wahl des KPD-Vertreters für ungültig erklärt. Im weiteren Verlauf der Sitzung verließen die Vertreter der Sozialdemokraten den Sitzungssaal, weil Schmidt wegen ihrer angeblichen "Agitationsanträge" keine Wortmeldungen von ihrer Seite mehr zugelassen hatte. Da der bisherige Bürgermeister und Polizeidezernent Gerbaulet beurlaubt war, wurde Schmidt am 31.März 1933 zunächst kommissarisch als dessen Nachfolger eingesetzt, schließlich am 24.August vom Bürgervorsteherkollegium für 12 Jahre gewählt. Schmidt war also auch für das Verhalten der Polizei verantwortlich, als am 4.April 1933 SS- und SA-Leute das Gewerkschaftshaus besetzten und Mitglieder des Reichsbanners verprügelten.

Im Mai 1933 befand sich kein Mitglied des alten Magistrats mehr im Amt, mit Ausnahme des Oberbürgermeisters Ernst Ehrlicher - und selbst dessen Position war vor dem Machtstreben Schmidts nicht mehr sicher. Der teilte nämlich um diese Zeit der Presse mit, dass über Ehrlicher noch entschieden werden müsse, ob sein weiterer Verbleib im Amt "für die nationalsozialistische Bewegung tragbar" sei oder nicht.


Der Brunke-Prozess

Nach dem Amtsantritt Schmidts als kommissarischer Bürgermeister begann Heinrich Brunke mit Unterstützung Steinmeyers, sich bei verschiedenen Stellen über Heinrich Schmidt zu beschweren. Im Juli 1933 wurde Brunke aufgrund einer Anzeige Schmidts wegen übler Nachrede festgenommen und eine Woche in Schutzhaft genommen. Gleichzeitig erschien ein Artikel im Hildesheimer Beobachter, der Brunke als Verleumder hinstellte und augenscheinlich von Schmidt lanciert war. Schmidt empfahl außerdem gegenüber Regierungspräsident Muhs die Einlieferung Brunkes ins KZ, wegen dessen angeblicher "staatsfeindlicher Gesinnung." Im Prozess vom 29.Januar 1934 wurde Brunke wegen Beleidigung zu 6 Monaten Haft und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre verurteilt. Die Artikel im Hildesheimer Beobachter und der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung widmeten sich am nächsten Tag ausführlich der Verurteilung des "Querulanten".


Der Murke-Prozess

Im Prozeß gegen den Architekten Karl Murke und andere wegen Verleumdung Bürgermeister Ehrlichers trat Schmidt als Nebenkläger auf. Der Grund dafür war eine angebliche Aussage Murkes und seines Verteidigers, Brunke werde nach Abschluss seines Verfahrens Strafanzeige gegen Schmidt wegen Verletzung der Eidespflicht in vier Fällen stellen. Schmidt erstattete daraufhin Anzeige gegen sie. Im Laufe des Prozesses beschuldigten die Angeklagten Dr. Guido Hoffman und Paul Laue, die anscheinend mit Brunke und Steinmeyer in Verbindung standen, Schmidt vor allem der Korruption und des Amtsmissbrauchs. Außerdem habe er des öfteren in Lokalen randaliert und Gäste beleidigt.

Die wegen Beleidigung Schmidts Angeklagten wurden im September 1935 entweder freigesprochen oder nur zu geringen Bewährungsstrafen verurteilt, weil das Gericht viele der Anschuldigungen als begründet ansah. So hieß es abschließend, die "Behauptungen, Schmidt zeige sich als völlig haltloser Mensch, der seine Machtstellung zu seinem persönlichen Vorteil missbraucht und zu Übergriffen neigt, sind durch die Beweisaufnahme erwiesen."


Parteiausschluss und Entlassung

Nach Ende des Murke-Prozesses beantragte Schmidt ein Dienststrafverfahren gegen sich selbst, um die Anschuldigungen gegen ihn zu entkräften. Schon während des Prozesses hatte aber Kurt Schmalz, Gauleiterstellvertreter im Gau Süd-Hannover-Braunschweig, Schmidt "auf höhere Anweisung" aus der Partei ausgeschlossen. Die Verhandlung im Dienststrafverfahren fand vom 29. Juni bis 1. Juli 1936 statt. Wegen der schon im Murke-Prozess aufgezählten Delikte hieß es im Urteilsspruch, Schmidt habe die Pflichten seines Amtes verletzt und das Ansehen seines Amtes geschädigt. Er sollte daher aus sämtlichen Ämtern umgehend entlassen werden.

Trotz seines Protestes wurde Schmidt am 31. August 1936 entlassen. Daraufhin verließ er Hildesheim. Eine Rolle hat er nicht mehr gespielt. Nach Kriegsende wurde er nur wegen der Aktion gegen das Gewerkschaftshaus 1933 als deren Drahtzieher angeklagt.

Bürgermeister Heinrich Schmidt ist ein Beispiel für einen "alten Kämpfer" der NSDAP, der wegen seines Einsatzes und seiner führenden Rolle in der örtlichen Partei 1933 eine zentrale Machtposition erreichen konnte. Er kam jedoch mit der neuen Verantwortung und Machtfülle nicht zurecht. Seine Inkompetenz und Unfähigkeit, sich von den gewohnten Methoden innerhalb der SA zu lösen, führten nicht einmal drei Jahre nach dem Amtsantritt zu seinem spektakulären Sturz.


Bildokumente



Auf dem Weg zur Gleichschaltung: Die "Säuberung" des öffentlichen Dienstes in Hildesheim

Um die nationalsozialistischen Regierungen im Reich und in den Ländern zu sichern, wurden bereits kurz nach der Machtübernahme Maßnahmen ergriffen, die darauf abzielten, den öffentlichen Dienst im Sinne der neuen nationalsozialistischen Ideologie auszurichten. Neben den Entlassungen auf der Grundlage des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 sorgten vor allem das Übergehen von regimekritischen Beamten bei anstehenden Beförderungen sowie die Bevorzugung der so genannten "alten Kämpfer" bei Stellenbesetzungen für die Gleichschaltung des Verwaltungsapparates.

Ein Beispiel für die Versuche der NSDAP-Gauleitung, durch direkte Intervention verdiente "Parteigenossen" in einflussreiche Positionen in der öffentlichen Verwaltung zu bringen, zeigt das nebenstehende Schreiben des Gauleiter-Stellvertreters Schmalz an den Hildesheimer Regierungspräsidenten Dr. Muhs. In diesem Fall hielt selbst der nationalsozialistische Regierungspräsident - wie der Vermerk auf dem Schreiben zeigt - den Empfohlenen "nicht für geeignet". Mangelnde Eignung verhinderte aber bei weitem nicht immer eine Berufung in wichtige Positionen. Das beste Beipiel dafür in Hildesheim ist die Berufung des "alten Kämpfers" Heinrich Schmidt zum Bürgermeister.

Wichtigste Grundlage für die Gleichschaltung der öffentlichen Verwaltungen war das am 7. April 1933 erlassene "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das auch für Angestellte und Arbeiter des öffentlichen Dienstes galt. Es zielte darauf ab, Bedienstete der staatlichen und kommunalen Verwaltungen, die dem neuen Regime nicht passten, aus dem Dienst zu entlassen - in erster Linie Juden (§ 3 "Arierparagraph") und Sozialdemokraten (§ 4). Da der § 4 des Gesetzes - wie in NS-Gesetzen häufig - bewusst unscharf formuliert war ("Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten"), konnte er auch auf Mitglieder anderer Parteien angewandt werden.


Der Fall Wilhelm Gerbaulet

Wilhelm Gerbaulet, geboren 1888 in Paderborn, war seit 1926 in Hildesheim als Bürgermeister, Stadtsyndikus und Polizeidezernent tätig. Gerbaulet war Volljurist und seit 1911 im öffentlichen Dienst. Im Krieg hatte er als Leutnant den rechten Arm verloren, war also schwerkriegsbeschädigt. Obwohl er seit 1919 Mitglied des katholischen Zentrums war, war er in seine Ämter in Hildesheim einstimmig, also auch mit den Stimmen der Deutschnationalen und der Deutschvölkischen, gewählt worden.

Vor allem sein Amt als Polizeidezernent machte ihn 1933 zum Ziel der Angriffe der Hildesheimer Nationalsozialisten. Man warf ihm vor, willkürlich Veranstaltungen der NSDAP aufgelöst oder behindert zu haben. Außerdem sollte er durch seine Personalpolitik Mitglieder des Zentrums und der SPD bei Einstellungen systematisch bevorzugt haben. Besonders der NSDAP-Kreisleiter und Staatskommissar Heinrich Schmidt tat sich durch seine kompromisslose Haltung gegenüber Gerbaulet hervor. Durch seine Drohungen erreichte er, dass sich Gerbaulet am 26. März 1933 vorläufig beurlauben ließ. Das Beamtengesetz bot dann die Möglichkeit, Gerbaulet endgültig los zu werden.

Im August 1933 beantragte der Hildesheimer Magistrat, Gerbaulet in den Ruhestand zu versetzen, was zur "Vereinfachung der Verwaltung" nach § 6 des Gesetzes möglich war und bedeutet hätte, dass Gerbaulet wenigstens seine Pension erhalten geblieben wäre. Die Gauleitung bestand in ihrer Stellungnahme aber auf einer Entlassung nach § 4, da die "Empörung" bei den "alten Parteigenossen" und die "Erbitterung" bei SA und SS sein weiteres Verbleiben in Hildesheim unmöglich machten. Der Regierungspräsident, der seine Fachkompetenz und seine Verdienste als schwerkriegsbeschädigter Frontkämpfer hervorhob, versuchte vergeblich, ihm eine gleichwertige Stelle zu verschaffen. Schließlich wurde Gerbaulet am 12. März 1934 in den Ruhestand versetzt und kehrte in seine Heimatstadt Paderborn zurück. Seine Stelle, die nach dem Gesetz eigentlich nicht mehr hätte besetzt werden dürfen, übernahm sein Intimfeind Heinrich Schmidt.


Der Fall Georg Gastreich

Der Fall Georg Gastreich ist ein Beispiel für die vielen kleinen Leute, die von dem Gesetz betroffen waren. Gastreich wurde am 22. September 1933 als Hausmeister der Stadtbücherei fristlos entlassen, weil er von 1922 bis 1933 Mitglied der SPD gewesen war. Außerdem hatte er bis zu seinem Dienstantritt bei der Stadtbücherei 1925 kurze Zeit die Funktion eines Unterkassierers gehabt und dem Reichsbanner angehört.

Gastreich erhob Einspruch gegen seine Entlassung, unter anderem weil er vermutete, dass er mit einem anderen SPD-Mitglied verwechselt würde. Aber auch seine Versicherung, dass er gewillt sei, künftig "jederzeit für den nationalen Staat einzutreten", half ihm nichts: Die Gauleitung sprach sich gegen die Rücknahme der Entlassung aus, und in diesem Fall waren der Regierungspräsident und das Innenministerium der gleichen Meinung. Die Kündigung blieb bestehen. Auch seine Stelle war inzwischen schon wieder mit einem "alten Kämpfer" besetzt worden.


Bilanz der "Säuberung"

Eine detaillierte Aufschlüsselung der Beamten, Angestellten und Arbeiter der Stadtverwaltung, die auf Grund des Berufsbeamtengesetzes entlassen worden sind, wie sie etwa für die Stadtverwaltung Hannover vorliegt, ist für Hildesheim wegen der fehlenden Akten nicht möglich. Sicher ist, dass alle sieben besoldeten Magistratsmitglieder von 1933 entlassen oder in den Ruhestand versetzt wurden. Weitere fünf Beamte wurden entlassen, elf wegen "nationaler Unzuverlässigkeit" in andere Positionen versetzt. Nach einer Aufstellung des Regierungspräsidenten wurden bis Ende Juni 1935 im gesamten Regierungsbezirk Hildesheim insgesamt 420 "alte Kämpfer" in der Kommunalverwaltung untergebracht.

Allgemein bleibt festzuhalten, dass vor allem die leitenden Kommunalbeamten und die Arbeiter in den öffentlichen Betrieben von den Entlassungen auf der Grundlage des Berufsbeamtengesetzes betroffen waren, während das mittlere Beamtentum weitgehend verschont blieb und sich in der Folgezeit den neuen Gegebenheiten anpasste. In Hildesheim wird dieser allgemeine Befund - soweit die Quellen dazu Auskunft geben - im wesentlichen bestätigt. Auch dass die "Säuberung" dabei vor der Verwaltungsspitze, dem Oberbürgermeister Ehrlicher, Halt machte, ist so ungewöhnlich nicht, ist doch das gleiche Verhalten im benachbarten Hannover und einer ganzen Reihe weiterer Städte in Niedersachsen zu beobachten.


Bild- und Schriftdokumente



Die Rache der Sieger: Der Überfall auf das Gewerkschaftshaus am 4. April 1933

Der Terror beginnt

Zu den ersten Opfern gewalttätiger Maßnahmen der Nationalsozialisten gehörten neben Kommunisten auch Gewerkschaften und Mitglieder des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, der 1924 unter Führung der SPD gegründeten Republikschutz-organisation. Die unmittelbar nach den Reichstagsbrand erlassene "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" schuf durch die Einschränkung wesentlicher Grundrechte der Weimarer Republik die Grundlage u.a. für Bespitzelung und willkürliche Hausdurchsuchungen. Während der reichsweiten Aktionen von Anfang März bis Anfang Mai 1933 gab es von Stadt zu Stadt teilweise große Unterschiede im Hinblick auf Organisation, Dauer und Brutalität der Vorgehensweise.


Durchsuchungen und Festnahmen

Das Gewerkschaftshaus in Hildesheim wurde dreimal besetzt. Die erste Durchsuchung durch SA und Stahlhelm am 13. März 1933 verlief noch vergleichsweise "friedlich", da die Polizei Gewalttätigkeiten seitens dieser Gruppen verhinderte. Heinrich Hillebrandt, der damalige Vorsitzende der Hildesheimer Ortsgruppe des Reichsbanners, wurde für zwei Tage inhaftiert.

Reichbannermitglieder waren auch Opfer der Gewalttaten während der zweiten Besetzung Anfang April. Am 2. Mai 1933 wurden schließlich die bisherigen Gewerkschaftsfunktionäre, darunter auch Heinrich Hillebrandt, verhaftet und Fahnen und sonstiges Gewerkschaftseigentum beschlagahmt. An die Stelle der Gewerkschaften trat nun reichsweit die Deutsche Arbeitsfront.


4. April 1933: Überfall auf Reichsbannermitglieder

Der zweite dieser Vorfälle, der sich am Abend des 4. April 1933 abspielte, ist durch ein extrem gewaltsames Vorgehen der Täter gekennzeichnet. Die genauen Umstände wurden erst nach Kriegsende bekannt, als Heinrich Hillebrandt einen ehemaligen SS-Mann wegen Mordes anzeigte. Eines der Opfer war seinen schweren Verletzungen erlegen. Unter den weiteren Beschuldigten befand sich auch der damalige Bürgermeister Heinrich Schmidt, der für die Aktion verantwortlich war.


Der Anlass: Fahndung nach Hans Pasch

Am 4. April 1933 fahndeten zwei Goslarer SA-Leute in Hildesheim nach dem untergetauchten Redakteur der sozialdemokratischen Harzer Volkszeitung, Hans Pasch. Man vermutete, dass Pasch bei Mitarbeitern des Hildesheimer Volksblattes Unterschlupf gefunden haben könnte. Nach ergebnisloser Suche in der Redaktion des Volksblattes holten sich die beiden SA-Männer Unterstützung durch Bürgermeister Schmidt. Der glaubte, dass zwei Redakteure des Hildesheimer Volksblattes, Erich Bruschke und Moltke Nordström, etwas über den Aufenthalt Paschs wissen könnten. Beide befanden sich an diesem Abend im Gewerkschaftshaus.

Dort tagte zu dieser Zeit der Vorstand des Reichbanners, etwa 50 Personen. Gegen 21 Uhr erschien Schmidt in Begleitung der SA-Männer und erklärte die Versammlung für beendet. Heinrich Hillebrandt, der die Versammlung leitete, konnte Schmidt dazu überreden, diese Anordnung zurückzunehmen. Schmidt bestand jedoch darauf, dass Polizeibeamte zur Überwachung der Veranstaltung im Saal blieben und keiner der Anwesenden den Raum verlassen durfte. Außerdem holte er Erich Bruschke und Moltke Nordström aus der Versammlung. Sie könnten nach einem kurzen Verhör auf dem Polizeirevier später wieder ins Gewerkschaftshaus zurückzukehren.


Der Ablauf der Aktion

Nachdem die Versammlung für einige Zeit ohne weitere Störungen verlaufen war, kehrte Schmidt schließlich in Begleitung von sechs Polizeibeamten zurück, jedoch ohne die Redakteure. Der Hälfte der Teilnehmer wurde erlaubt, nach Haus zu gehen. Danach entfernten sich Schmidt und die Polizeibeamten wieder. Zu dieser Zeit wimmelte es bereits im Gewerkschaftshaus von Mitgliedern der SA und SS. Auch die Straßen rund um das Haus wurden von ihnen abgesperrt.

Schließlich zwangen die SS-Leute die Teilnehmer, in einer Reihe Aufstellung zu nehmen. Es sollten zunächst "anständige Leute", z.B. Kriegsveteranen, aussortiert werden. Der SS-Mann Max Dorn holte die Übrigen einzeln heraus und ließ sie von den anderen SS-Leuten verprügeln.

Drei der Betroffenen wollen gesehen haben, dass Heinrich Schmidt in einem Hauseingang auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Aktion beobachtete und die Täter zusätzlich anfeuerte. Er betrat den Saal erst wieder, als dort nur noch Heinrich Hillebrandt schwer verletzt auf dem Boden lag. Sämtliche Opfer waren so übel zugerichtet, dass sie noch wochenlang pflegebedürftig waren.


Die Verhöre der Redakteure

Vor der Prügelaktion, noch während der Versammlung, wurden die Redakteure Bruschke und Nordström auf dem Polizeirevier verhört. Während dieser Verhöre wurden sie schwer misshandelt. Als Folge erlitt Moltke Nordström einen Nervenzusammenbruch, der eine permanenten halbseitige Lähmung nach sich zog. Nach den Verhören, die trotz der Gewaltanwendung erfolglos blieben, verbrachten die Redakteure schwer verletzt die Nacht in ihren Zellen und wurden erst am nächsten Morgen entlassen.


Der Nachkriegsprozess

Der Prozess gegen die Beteiligten an diesen Ausschreitungen fand im Oktober 1947 in Hildesheim statt. Von den insgesamt zwölf Angeklagten räumten lediglich zwei eine Mitschuld ein, und nur der SS-Mann Max Dorn gab zu, in großem Umfang an den Gewalttätigkeiten beteiligt gewesen zu sein. Heinrich Schmidt behauptete, er habe nur mit den SA-Leuten kooperiert, um die Versammlungsteilnehmer zu schützen. Von den 12 Angeklagten wurden 11 verurteilt. Das Strafmaß für die SS-Männer lag zwischen neun Monaten und vier Jahren Zuchthaus. Schmidt bekam als Verantwortlicher sechs Jahre Zuchthaus, Dorn als einer der Haupttäter vier Jahre und sechs Monate Zuchthaus. Die Revisions- und Wiederaufnahmeanträge, die noch bis 1952 eingereicht wurden, wurden allesamt abgelehnt.


Bilddokumente



Schauspiel unterm Hakenkreuz: Die "Städtische Bühne" 1933-1945

Klassiker und Weltpremieren

Bis in die 20er Jahre wurden in Hildesheim besonders Klassiker und Operetten gepflegt, aber auch Lustspiele und Schwänke hatten ihren Platz. Neben Gastspielen von Stars in Hildesheimer Eigenproduktionen, erfreuten sich die Konzerte des eigenen Orchesters großer Beliebtheit. Der Theaterbetrieb war bis 1933 dadurch charakterisiert, daß das Theater mit zahlreichen Uraufführungen aufwarten konnte und das Publikum beständig nach neuen dramatischen Stücken - auch weniger bekannter Autoren - verlangte, deren Stücke nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von den Bühnen verbannt wurden. Darunter Brecht, Hasenclever, Schnitzler, Shaw, Sternheim, Strindberg, Wedekind, Werfel, Tolstoj, Zuckmayer und Wilde.


Nationalsozialistische Personalpolitik

Im Mai 1933 zog der preußische Ministerpräsident und Innenminister Hermann Göring die Entscheidungsgewalt über das Personal aller gemeindlichen Theater an sich: Die Regierungspräsidenten hatten ihm sofort über die Theaterleitung mitsamt einer Stellungnahme des NSDAP-Gauleiters zu berichten und sämtliche Vertragsentwürfe vorzulegen. Wenig später entschieden die Regierungspräsidenten gemeinsam mit den jeweiligen Theaterintendanten über die Genehmigung der Verträge mit dem einfachen Personal. Vor Ort bestand die größte Veränderung zunächst in Namensänderungen: Das "Stadttheater" hieß nun "Städtische Bühne Hildesheim"; der Direktor wurde zum "Intendanten".

1934 wurden mit dem Theatergesetz alle Theater dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) unter der Leitung von Joseph Goebbels unterstellt, das dabei eine überaus weitreichende Verfügungsgewalt - von der Genehmigung der Verträge bis zur Spielplangestaltung - eingeräumt bekam. Theaterveranstalter und alle Beschäftigten hatten der neugegründeten Reichstheaterkammer (RTK), deren Weisungen bindend waren, anzugehören. Vorsitzender der örtlichen Stelle der RTK war im allgemeinen der Intendant des gemeindlichen Theaters, was diesem weiteren Entscheidungsspielraum gab. So auch in Hildesheim. Hinsichtlich der einfachen Schauspieler wurde die Unterbringung erwerbsloser "wertvolle[r], um die nationalsozialistische Erhebung verdiente[r] Künstler" an den Bühnen angemahnt.


Skandal um die "Dreigroschenoper"

Am 9. Februar 1933 hatte Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" Premiere im Stadttheater. Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung (HAZ) sprach von "salonbolschewistischen Sumpfblasen" sowie einem "Mangel an Kunst und an Geschmack, mit dem das alles zusammengebraut" sei. Die heftige Kritik in der Presse führte dazu, dass der Intendant William Büller das Stück am Tag der nächsten Aufführung in der HAZ verteidigte - wobei die Redaktion allerdings ausdrücklich darauf hinwies, dass dies nicht der Meinung der HAZ entspreche.

Bei dieser zweiten Aufführung kam es zum Eklat: Nationalsozialistische Besucher, darunter auch NSDAP-Kreisleiter Bähre, störten die Vorstellung mit Pfiffen, Rufen, faulen Eiern und anderen Wurfgeschossen. Obwohl Büller unter Zustimmung des Großteils der Besucher von der Bühne verkündete, dass die Vorstellung auf jeden Fall zu Ende geführt würde und er weitere Störer entfernen lassen müsste, wiederholten sich die Szenen bei Wiederbeginn. Die Polizei entfernte daraufhin die Störer. Nun wurden in der HAZ die Störungen scharf verurteilt und positive Aspekte des Stücks hervorgehoben. Es wurde trotzdem abgesetzt.

Wie konnte im Februar 1933 noch eine Brecht-Premiere stattfinden, die Anlass zu derartigen Tumulten gab? Erklären lässt sich dies nur mit der besonderen politischen Situation in Hildesheim: Die NSDAP hatte die Macht noch nicht an sich gerissen - dies geschah erst nach der Märzwahl - und agierte noch wie in der Weimarer Republik mit Schlägertrupps und Radau.


Zwischen Opportunismus und Individualismus

Im April 1933 bekannte sich das Theater dann offiziell zu den neuen Machthabern: Im Rahmen einer Feierstunde zu "Führers Geburtstag" kam am 21. April Hanns Johsts "Schlageter" zur Aufführung, eine Abrechnung mit der Weimarer Republik verbunden mit einer Hommage an Adolf Hitler. Ab der Spielzeit 1935/36 musste der Spielplan dem Propagandaministerium zur Genehmigung vorgelegt werden. Dieses bat in einem Fall von der Aufführung abzusehen, hatte jedoch in der Regel nichts an den Spielplanentwürfen auszusetzen. Kein Wunder: Neben den Klassikern, die z.T. anders interpretiert wurden, inszenierte man nun zunehmend Stücke der maßgeblichen Autoren des "Dritten Reiches" oder von dessen Wegbereitern. Dabei handelte es sich häufig um weitgehend harmlose Komödien, Lustspiele und Schwänke, aber typische NS-Dramatik und antisemitische Kampfstücke waren ebenfalls vertreten. Es gab jedoch auch Stücke zu sehen, die der Genehmigung bedurften oder sich kurze Zeit später auf dem Index befanden, so dass das Stadttheater also durchaus zeituntypische Stücke aufführte. Außerhalb des Spielplans fanden ein ganze Reihe von Feierstunden zu NS-Gedenktagen, geschlossene Veranstaltungen für NS-Organisationen oder Dienstverpflichtete aus kriegswichtigen Betrieben und Benefizveranstaltungen fürs Winterhilfswerk oder kinderreiche Mütter statt.


Kriegsauswirkungen

Insbesondere die im Kriegsverlauf immer stärker werdenden Luftangriffe der Alliierten wirkten sich auf den Theaterbetrieb aus. Als Reaktion auf Anfragen hinsichtlich einer möglichen Schließung von Theatern wurde 1940 vom zuständigen Höheren SS- und Polizeiführer festgelegt, dass alle Bühnen den Betrieb fortsetzen könnten. Allerdings waren die Vorstellungen zeitlich so zu legen, "daß das Publikum und die Bühnenschaffenden auf jeden Fall vor dem zu erwartenden Fliegeralarm zu Hause sein können". Proben durften nicht vor 13.00 Uhr beginnen, waren nach Möglichkeit aber ohnehin einzuschränken und "Neueinstudierungen [...] auf spätere Zeit zu verschieben".

Ausfälle und Abbrüche ließen sich natürlich nicht vermeiden. Auch die Lage an der Front beeinträchtigte die Theater: Nach dem Fall von Stalingrad ordnete Goebbels die Schließung sämtlicher Theater und Unterhaltungsstätten für die Dauer von drei Tagen an. Im August 1944 wurden schließlich alle deutschen Bühnen entgültig geschlossen und die Beschäftigten entweder zur Wehrmacht eingezogen oder in kriegswichtigen Betrieben eingesetzt.

Kurz vor Kriegsende traf es dann auch das Gebäude des Stadttheaters: Am 23. Februar 1945 wurde es von einer Fliegerbombe zwar nur leicht beschädigt, brannte jedoch einen knappen Monat später mit allem Inventar nach einem schweren Treffer vollständig aus.


Bild- und Schriftdokumente



Sozialpolitik im "Wohlverhaltensstaat": Das Beispiel der Stiftungen

Stiftungen in Hildesheim

Vor 1914 gab es in Deutschland ein prosperierendes Stiftungswesen. Bei den Stiftern, zu denen vorwiegend, aber nicht nur, wohlhabende Bürger zählten, war ein gewisses Maß an Vertrauen in die politische und finanzpolitische Stabilität des Staates vorausgesetzt. Dieses erwies sich allerdings schon bald als nicht gerechtfertigt, denn durch Kriegsanleihen 1917 und die Hyperinflation von 1923 wurden die Stiftungsvermögen zum überwiegenden Teil vernichtet.

Auch in Hildesheim gab es einen "Boom" der Stiftungsgründungen im Kaiserreich. Viele Stiftungen hatten aber eine längere Tradition: die zahlreichen Hospitäler gingen schon auf mittelalterliche Stiftungen zurück und der Name des Bürgermeisters Arneken oder des Handelsherrn Roland blieben durch ihre Stiftungen in der Stadt im Gedächtnis. Einer Erhebung aus dem Jahr 1901 zufolge gab es in der Stadt Hildesheim 103 Stiftungen für soziale Zwecke. Dazu kamen die Stiftungen mit kultureller Zweckbindung. Unter den sozialen Stiftungen waren 14 jüdische Stiftungen. Das zeigt ein überdurchschnittliches Engagement der jüdischen Stifter in Hildesheim, denn der Anteil der jüdischen Bürger in der Stadt betrug 1900 nur 1,4 %. Erfassung und Zusammenlegung der Stiftungen.

In den Jahren 1937 bis 1940 wurden in Hildesheim die Mehrzahl der Stiftungen zu größeren Einheiten zusammengefasst. Die Fortführung als Einzelstiftungen war aufgrund der stark verminderten Vermögen nicht mehr zweckmäßig. Erklärtes Ziel war es, den Willen der Stifter zu wahren und Verwaltungsarbeit zu vereinfachen. So entstanden beispielsweise eine "Vereinigte Kinderstiftung", die "Stiftung für das Krankenhaus", die "Stiftung für das Roemer-Museum" und eine später in "Allgemeine Wohlfahrtsstiftung" umbenannte "Allgemeine Armenstiftung".


Einbindung in die NS-Wohlfahrtspflege

Die "völkische" Ideologie des Nationalsozialismus kam auch in der Wohlfahrtspflege zum Tragen. Die größte und bekannteste Wohlfahrtseinrichtung war die NS-Volkswohlfahrt (NSV). Die Arbeit der NSV war von rasse- und erbbiologischen Selektionskriterien bestimmt. Die NSV profitierte von Geldern, die im Winterhilfswerk (WHW) gesammelt wurden. Das Winterhilfswerk gewann Sympathien quer durch die Bevölkerung. Das Spendenaufkommen des nicht parteipolitisch gebundenen Winterhilfswerks war gigantisch. Die Hildesheimischen Stiftungen wurden seit 1937 bis Kriegsende regelmäßig aufgefordert, dem WHW Beiträge aus ihren Erträgen zukommen zu lassen.

Die Stiftungsvorstände antworteten häufig in dem Sinne, dass sie nichts oder nur geringste Summen spenden könnten, weil ihre Erträge sehr gering oder sie durch den Willen der Stifter in der Verwendung der Mittel an festgelegte Zwecke gebunden seien. Statt bürgerlicher Philanthropie mit ihren individuellen Patronage-Klientel-Beziehungen setzten die Nationalsozialisten auf öffentlich sichtbare und erlebbare Wohlfahrtspflege der "arischen Volksgemeinschaft".


Überprüfung von "Rasse" und Gesinnung

Die Überprüfung der steuerprivilegierenden Gemeinnützigkeit hatte eine Neufassung der Satzungen der Hospitäler zur Folge, bei der die Aufnahme von Juden ausgeschlossen wurde. In einigen Fällen wurde bei der Verleihung von Stiftsstellen Auskunft darüber eingeholt, ob die Bewerberinnen sich durch ihre Einstellung zum nationalsozialistischen Staat dieser Unterstützung würdig erwiesen hätten.


Jüdische Stiftungen

Jüdische Stiftungen in Hildesheim trugen oft die Namen von Bankiers-Familien wie Meyerhof, Dux, Leeser oder von Fabrikanten wie Fraenkel. Auch unter den jüdischen Stiftungen gab es traditionsreiche Stiftungen wie die Isaak-Meyerhof-Stiftung, die seit 1824 rechtsfähig war und den Charakter einer Familienstiftung hatte. Den Vorsitz der Stiftung hatte der Landesrabbiner, ein Kuratorium befand über die Verwendung der Mittel.

Im Rahmen der Zusammenlegungen der Stiftungen zu größeren Einheiten ab 1937 wurden die jüdischen Stiftungen von Oberbürgermeister Ehrlicher nicht gesondert behandelt, sondern dem jeweiligen Stiftungszweck entsprechend zugeordnet. Ein Erlass des Reichsinnenministers vom 8. Mai 1939 regelte im Einzelnen, wie mit den jüdischen Stiftungen zu verfahren sei.


Die "Arisierung" der Isaak-Meyerhof-Stiftung

Die Isaak-Meyerhof-Stiftung gehörte zu den Stiftungen, die zunächst bestehen blieben. Nach einer Aufstellung von 1938 verfügte sie neben einem Stiftungskapital von etwa 25.000 RM über Grundstücke und Häuser in der Bahnhofstraße 14 und Vionvillestraße 6, deren Wert auf 24.900 RM bzw. 16.600 RM geschätzt wurde. Sie wurde am 20. November 1939 in die neu gegründete "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" eingegliedert, eine Zwangsorganisation aller jüdischen Organisationen unter der Aufsicht des Reichssicherheitshauptamts. Die "Reichsvereinigung" trat nach außen, etwa bei Kaufverträgen oder den sog. Heimeinkaufsverträgen für Theresienstadt, als jüdische Organisation auf, wodurch sie in solchen Fällen den eigentlichen Tatbestand der Enteignung verschleiern half. Sie diente damit dem rassenideologisch legitimierten Ziel der wirtschaftlichen und finanziellen Ausplünderung der jüdischen Bürger Deutschlands, das neben Vertreibung, Deportation und Massenermordung ein wesentliches Ziel der nationalsozialistischen Judenpolitik war. Spätestens mit der Auflösung der Reichsvereinigung im Juli 1943 und dem Übergang ihres Vermögens auf das Reich waren damit auch die jüdischen Stiftungen "arisiert".

Durch ein Nachkriegsverfahren lässt sich das Schicksal des Hauses in der Bahnhofstraße 14 genauer rekonstruieren. Es diente im Krieg zunächst als sog. Judenhaus, d.h. als Zwangswohnstätte für Hildeseheimer Juden. Die Bewohner wurden jedoch Ende März 1943 nach Theresienstadt deportiert. Noch bevor die Reichsvereinigung Haus und Grundstück im Mai 1943 an die NS-Volkswohlfahrt verkaufte, hatte der Gauleiter zwei Wohnungen an Beamte für Wohnzwecke freigegeben und deren Renovierung auf Kosten der Reichsvereinigung angeordnet. Ob der Kaufpreis von 30.000 RM je überwiesen wurde, konnte nach dem Krieg nicht mehr ermittelt werden. Das Haus wurde am 22. März 1945 bei einem Bombenangriff total zerstört.


Bild- und Schriftdokumente



Oberbürgermeister Dr. Werner Krause - Ein Nationalsozialist verweigert sich

Ein nationalsozialistischer Oberbürgermeister

Am 6. Januar 1938 wurde Dr. Werner Krause in einer öffentlichen Sitzung des Gemeinderats von dem hannoverschen Oberpräsidenten und Stabschef der SA Viktor Lutze als Oberbürgermeister der Stadt Hildesheim vereidigt. Der Rechtsanwalt aus Hannover war schon vom 1. Mai 1937 bis zum 1. Januar 1938 Bürgermeister in Hildesheim gewesen. Als Oberbürgermeister trat er die Nachfolge des nationalliberalen Dr. Ernst Ehrlicher an, den die Nationalsozialisten bis zu seiner Pensionierung im Amt belassen hatten, obwohl er nie der NSDAP beigetreten war.


Die schnelle politische Karriere

Krause hatte sich bereits während seiner Studienzeit in Göttingen für den nationalsozialistischen "Arbeiter- und Mittelstandsverein" engagiert. Im Anschluss an sein Studium zog Krause nach Celle und später nach Hannover, wo er sich als Rechtsanwalt niederließ. In Hannover trat Krause am 1. Juni 1930 - als Dreißigjähriger - der NSDAP bei, arbeite in der nationalsozialistischen Kommunalpolitik mit und unterstützte die Partei auch juristisch. Im März 1933 wurde er in Hannover in das Bürgervorsteherkollegium gewählt, im April 1933 zum ehrenamtlichen Senator. Für den Posten des Bürgermeisters in Hildesheim wurde Krause unter 84 Bewerbern ausgewählt.

Bereits zu diesem Zeitpunkt im Jahre 1937 war seine weitere Laufbahn geplant: Er sollte mit dem Amt des Bürgermeisters auch die Geschäfte des Polizeidezernenten übernehmen und nach der Pensionierung Ehrlichers das Amt des Oberbürgermeisters ausüben. Krause war in Hildesheim eine "Doppelrolle" zugedacht: Zum einen sollte er als gestandener Jurist, dem Bürgermeisteramt nach dem Debakel mit dem Bürgermeister Heinrich Schmidt wieder Ansehen verschaffen. Zum anderen galt Krause als engagierter Nationalsozialist, der nach dem Ausscheiden Ehrlichers endlich auch dieses Amt für die NSDAP besetzen und von ihm aus die Nazifizierung der Stadtverwaltung vollenden sollte. Mit diesen Erwartungen wurde Krause zum Bürgermeister der Stadt Hildesheim berufen, und trat am 1. Mai 1937 sein Amt an.


Krause verweigert sich den Plänen der Partei

Die Hoffnung der Partei und die Befürchtung einiger Hildesheimer Bürger, mit Krause übernehme ein strammer und linientreuer Parteifunktionär die Führung in der Stadt, bewahrheitete sich jedoch nicht. Im Gegenteil: Nach dem Krieg wurde Krause von mehreren Seiten bestätigt, dass er sich in seinem Amt den Anforderungen der Partei verweigert habe. Nach dem Krieg berichtete zum Beispiel der Intendant des Hildesheimer Stadttheaters, William Büller, über Krauses Verhalten als Oberbürgermeister: Bereits 1933 hätte Büller auf den Wunsch der NSDAP aus seinem Amt entlassen werden sollen. Damals hatte sich noch Oberbürgermeister Ehrlicher für ihn eingesetzt. 1938 wurde ein weiterer Versuch unternommen, Büller aus seiner Position zu entfernen. Die Gestapo durchsuchte Büllers Büro und Wohnung, um belastendes Material aus dessen Freimaurerzeit zu finden. Krause aber habe die gefundenen "Beweise" nicht anerkannt. Darüber hinaus bemerkte Büller: "Auch in anderen Fällen hat sich Herr Dr. Krause meinetwegen in Gegensatz zur Kreisleitung gestellt, was fraglos mit mancherlei empfindlichen Unannehmlichkeiten für ihn verbunden war."

Mit seiner Amtsführung geriet Krause bald in die Kritik der NSDAP. Er führte sein Amt häufig anders, als es besonders der Regierungspräsident und SS-Oberführer Dr. Binding erwartete. Binding wollte den Oberbürgermeister und die Verwaltung für Parteizwecke funktionalisieren und vertrat die Auffassung, dass Krause den Wünschen und Forderungen der Partei unbedingt nachkommen müsse. Krause aber weigerte sich, uneingeschränkt mit der Partei zusammenzuarbeiten und scheute auch nicht davor zurück, sich öffentlich gegen die Anweisungen der NSDAP zu stellen. Diese Haltung führte unvermeidbar zu einer Verschärfung des Konflikts mit der Partei und dem Regierungspräsidenten.


Intrigen gegen Krause

Anfang 1943 forderte Binding den Oberbürgermeister Krause auf, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Er warf Krause und dessen Ehefrau vor allem mangelndes politisches Engagement vor. und erklärte, dass die Partei das Vertrauen in den Oberbürgermeister verloren habe. Krause aber wollte seinen Posten nicht kampflos aufgeben. Er glaubte sich in Sicherheit, weil es keine rechtliche Möglichkeiten gab, ihn zu entlassen und sich auch keine sachlichen Fehler und Nachlässigkeiten in seiner Amtsführung finden ließen. Aber Bindings Möglichkeiten erschöpften sich nicht in Rechtsmitteln und Gesprächen.

Krause glaubte die Angelegenheit sei bereits vergesse, als Binding begann, Krauses Ehefrau zu schikanieren. Mitte Juli 1943 sollte sie als Fließbandarbeiterin in eine Fabrik versetzt werden. Auf den Einspruch des Oberbürgermeisters reagierte weder das zuständige Landesarbeitsamt noch die Partei. Binding vermutete die Frau Krauses, sicherlich nicht ganz zu Unrecht, hinter dem wenig parteikonformen Verhalten ihres Mannes. Zum Unwillen Bindings nämlich hielt sie sich von jedem parteipolitischen Engagement vollkommen fern, war weder Mitglied der Partei, noch der NS-Frauenschaft.


Die Beurlaubung

Schließlich fand sich ein vergleichsweise nichtiger Anlass, Krause doch noch zu beurlauben. Als Krause Ende Juli 1943 auf einer Dienstreise war, warf man ihm vor, dass er wegen der Gefahr von Luftangriffen als Luftschutzleiter die Stadt nicht hätte verlassen dürfen. Noch während seiner Abwesenheit wurde ihm am 29. Juli 1943 die Führung der Dienstgeschäfte des Oberbürgermeisters untersagt. Nominell aber blieb Krause weiter im Amt. Seine Amtsgeschäfte übernahm Bürgermeister Georg Schrader, Parteimitglied seit 1930 und Mitglied der SS, der sich ganz nach Bindings Vorstellungen in den Dienst der Partei stellte. Entlassen wurde Krause aber erst im Juni 1945 durch die Alliierte Militärregierung, die seinen Amtsvorgänger Ernst Ehrlicher wieder als Oberbürgermeister einsetzte. Krause praktizierte nach dem Krieg wieder als Rechtsanwalt und versuchte - vergeblich - seine Wiedereinstellung zu erreichen.

Krause wurde als linientreuer Parteibürokrat noch Hildesheim geholt, dessen lange Parteizugehörigkeit eine engere Zusammenarbeit der Stadtverwaltung mit den Parteiorganen und eine weitere Nazifizierung der Verwaltung versprach. Der neue Bürgermeister und spätere Oberbürgermeister enttäuschte diese Erwartungen aber: Im Umgang mit der Verwaltung, den Räten und vor allem mit den Bürgern führte er den Stil seines Amtsvorgängers Ehrlicher weiter. Zudem zeigte er weder die politische Aktivität noch das parteikonforme Auftreten, das vom ihm erwartete wurde. Forderungen der Partei, die seiner Auffassung der Amtführung widersprachen, verweigerte er sich. Während aber Ehrlicher noch bis zum Ende seiner regulären Amtszeit im Amt blieb, wurde Krause in der sich verschärfenden Kriegssituation nach Stalingrad beurlaubt und zur Militärverwaltung abgeschoben.


Bild- und Schriftdokumente



Terror und Verfolgung

Terror gegen "Volksschädlinge" - Hildesheimer Angeklagte vor dem Sondergericht

Die Errichtung der Sondergerichte

Kurz nach dem Reichstagsbrand, im März 1933, wurden im gesamten Deutschen Reich "Sondergerichte" errichtet. So auch das "Sondergericht für den Oberlandesgerichtsbezirk Celle beim Landgericht Hannover". Zu seinem Einzugsbereich gehörte der Landgerichtsbezirk Hildesheim. Obwohl zunächst zur Ausschaltung politischer Gegner während der Anfangsphase des nationalsozialistischen Regimes gedacht, bestanden die Sondergerichte bis Kriegsende weiter. Sie wurden zur steten Bedrohung für jedes regimekritische Verhalten, denn mit Kriegsbeginn fielen auch alle Vergehen gegen die neu erlassenen "Kriegsstrafgesetze" in ihre Zuständigkeit.Die Gegenstände der Sondergerichts-Prozesse reichten nun von Diebstahl bis Betrug und Unterschlagung. Damit waren die Sondergerichte zum Haupt-Strafgericht des NS-Staates geworden. Zwischen 1939 und 1945 wurden insgesamt 10.000 Menschen von Sondergerichten zum Tode verurteilt. In Hannover gab es 210 überlieferte Todesurteile. Ein Teil davon auch gegen Bürger Hildesheims.


Die wichtigsten Kriegsstrafgesetze

Das am häufigsten angewandte Kriegsstrafgesetz war die "Volksschädlings-verordnung". Sie war sehr allgemein formuliert und bot den Richtern der Sondergerichte die gesetzliche Grundlage für Strafverschärfung und Todesurteile. Weitere Kriegsstrafgesetze waren die "Rundfunkverordnung" (Abhören von "Feindsendern", z.B. das deutsche Programm der BBC in London), die "Wehrkraft-schutzverordnung" (Umgang mit Kriegsgefangenen) und die "Polen- und Judenstrafrechtsverordnung" (Sonderstrafrecht für polnische und jüdische Angeklagte).

Für den ländlich geprägten Einzugsbereich des Sondergerichts Hannover war in erster Linie die "Kriegswirtschaftsverordnung" vom 4.9.1939 von Bedeutung. Sie stellte das Beiseiteschaffen von "Rohstoffen und Erzeugnissen, die zum lebenswichtigen Bedarf der Bevölkerung" gehörten, unter Strafe. Deshalb fielen nun Diebstahl, Delikte in Zusammenhang mit Bezugsscheinen wie Lebensmit-tel- oder Kleidermarken und Schwarzschlachtung unter die Kriegswirtschaftsverordnung. Allein 21 Schwarzschlachtungs-Prozesse gegen Personen aus Hildesheim und dem Umland sind in Hannover überliefert.


"Kriegsschädliches Verhalten": Schwarzschlachtung

Seit 1935 mussten Schlachtungen von Nutztieren beim Ernährungsamt angemeldet werden. Wer dies nicht tat, konnte seit dem 4.9.1939 aufgrund der "Kriegswirtschaftsverordnung" vor einem Sondergericht wegen Schwarzschlachtung angeklagt werden. Angesichts der schwierigen Versorgungslage während des Krieges waren Schwarzschlachtungen an der Tagesordnung. Landwirte und Hausschlachter taten Verwandten und Freunden oft einen Gefallen, indem sie heimlich eine Kuh oder ein Schwein für sie schlachteten. Was zunächst als "Kavaliersdelikt" abgetan wurde, konnte nun schwerwiegende Folgen haben, wie im Falle des Schlachtermeisters Wilhelm O.


Der Prozess gegen Wilhelm O.

Der Schlachtermeister Wilhelm O. aus Hildesheim hatte im Dezember 1942 und im Februar 1943 zwei Landwirten bei nicht genehmigten Schlachtungen geholfen. Wenige Monate später wurde er der Schwarzschlachtung angeklagt und im August 1943 vom Sondergericht Hannover zur Mindeststrafe von einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Wilhelm O. war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt und schwer krank. Seine Frau Emma schickte daher ein Gnadengesuch für ihren Mann an den Oberstaatsanwalt beim Sondergericht Hannover. Wilhelm O. sollte doch wenigstens das Weihnachtsfest 1943 zuhause erleben dürfen. Doch das Gnadengesuch wurde abgelehnt, da Wilhelm O. angeblich noch nicht genug Reue gezeigt habe. Am 11.2.1944 starb er im Anstaltslazarett des Zuchthauses Hameln.


"Erschleichen von Bezugsscheinen"

Auch der unrechtmäßige Besitz der individuell zugewiesenen Lebensmittel-, Kleider- und Tabak-Marken stand seit September 1939 unter Strafe. Diese sogenannten Bezugsscheindelikte geschahen oft in Zusammenhang mit falschen Angaben, die Bombengeschädigte vor dem "Kriegssachschädenamt" machten. Hier erhielten sie Bezugsscheine und Geld für den beim Fliegerangriff erlittenen Schaden. Gaben sie dabei einen höheren Verlustwert an, als er ihnen tatsächlich entstanden war, bekamen sie eine zu hohe Unterstützung, nach Ansicht der Sonderrichter ein "kriegsschädliches Verhalten", für das eine hohe Zuchthausstrafe oder sogar die Todesstrafe angemessen war. Nach heutiger Rechtsprechung würde es sich hier eher um Betrug handeln, der mit einer Geld- oder Gefängnisstrafe geahndet würde.


Der Prozess gegen Helene B.

Sondergericht Abb. 3 Bombenpass von Helene B., mit dem sie sich nach einem Luftangriff als Totalfliegergeschädigte ausgab. (Foto: Nieders. Hauptstaatsarchiv Hannover) Sondergericht Abb. 4

Im Mai 1944 wurde die Garderobenfrau Helene B. von ihrem Ehemann Karl bei der Kriminalpolizei angezeigt. Er gab zu Protokoll, dass sie vor dem Kriegssachschäden-amt falsche Angaben gemacht und unrechtmäßig Bezugsscheine und Geld erhalten habe. Helene B. wurde daraufhin verhört und festgenommen. Sie gab an, dass sie im Oktober 1943 in ihrer alten Wohnung in Hannover ausgebombt worden sei. Daher habe sie sich dort einen Bombenpass als Totalfliegergeschädigte ausstellen lassen. Doch schon vor dem Angriff hatte sie einige Dinge nach Hildesheim gebracht, weshalb sie nicht mehr als Totalfliegergeschädigte gelten konnte. So bekam sie letztendlich aufgrund des falsch ausgestellten Bombenpasses und einer Schadensaufstellung vom Hildesheimer Kriegs-sachschädenamt mehr Bezugsscheine und Geld, als ihr nach damaliger Rechtslage zustanden.

Da Helene B. ihren Mann beschuldigte, ihr bei der falschen Schadensaufstellung für das Kriegssachschädenamt geholfen zu haben, wurden schließlich beide am 17. Juli 1944 vom Sondergericht Hannover als "Volksschädlinge" zu einem Jahr und sechs Monaten (Helene B.) und einem Jahr und zwei Monaten Zuchthaus (Karl B.) verurteilt.


Als "Volksschädling" zum Tode verurteilt

Auf Grundlage der "Volksschädlingsverordnung" fällten die Sonderrichter zahlreiche Todesurteile. Die Bezeichnung der Angeklagten als "Volksschädlinge" ist ein Beispiel für die zynische Wortwahl der Nationalsozialisten, wenn es darum ging, die "Volksgemeinschaft" von unliebsamen Mitgliedern zu "säubern". Die Sonderrichter verurteilten einen Tätertypus, nicht die Tat an sich.

Im Mai 1944 kam es zum Sondergerichtsprozess gegen Franz Kolar und vier weitere Aushilfsarbeiter bei der Güterabfertigung am Hildesheimer Hauptbahnhof. Sie wurden beschuldigt, in 58 Fällen Beförderungsgut gestohlen zu haben. Dabei handelte es sich überwiegend um Käse, Zigaretten und Bekleidung. In der Urteilsbegründung hieß es: "Nach gesundem Volksempfinden sind die Angeklagten daher als Volksschädlinge anzusprechen und verdienen die besonders schwere Strafe [...]." Franz Kolar wurde sogar als "Kriegsschieber übelster Sorte" bezeichnet, für den nur die Todesstrafe in Betracht käme. Nach heutigem Rechtsempfinden eine vollkommen unverhältnismäßig hohe Bestrafung.

Doch solche Verurteilungen waren keine Seltenheit. Vor allem ausländische Angeklagte erhielten die Todesstrafe, wie ein Plakat der Reichsbahn zeigt. Auch die Zeitungen berichteten immer wieder über diese Prozesse. Zur Abschreckung von Eisenbahndieben hängte die Reichsbahndirektion solche Flugblätter auf Bahnhöfen aus. Unter den zum Tode Verurteilten findet sich auch der Name von Franz Kolar aus Hildesheim.


Der Prozess gegen Fritz Utermöhlen

Am 19.11.1941 standen der Maurer Fritz Utermöhlen und vier weitere Angeklagte aus Hildesheim vor dem Sondergericht Hannover. Der Hauptangeklagte Utermöhlen hatte laut Urteilsbegründung "zu 27 verschiedenen Malen nachts von den Bahnsteigen der Bahnhöfe in Hannover und Hildesheim insgesamt 21 Reisekoffer und 17 Eilgutsendungen" gestohlen. Den Inhalt der Koffer habe er unter anderem an die vier Mitangeklagten verkauft oder verschenkt. Da Utermöhlen schon achtmal wegen Diebstahls vorbestraft war, erkannte das Sondergericht Hannover auf "Rückfalldiebstahl". Die Richter sahen in Utermöhlen einen "gefährlichen Gewohnheitsverbrecher". Sie nannten ihn eine "Gefahr" und "Belastung für die Volksgemeinschaft". Am 7. Februar 1942 wurde Utermöhlen hingerichtet. Die Mitangeklagten erhielten Gefängnis- und Zuchthausstrafen.


Bild- und Schriftdokumente



Der Staat im Wohnzimmer: Denunziationen in Hildesheim

"Privatleute haben wir nicht mehr. Die Zeit, wo jeder tun und lassen konnte, was er wollte, ist vorbei." Robert Ley (1938)


Das Ende der Privatsphäre

Wie kein anderer Staat zielte der NS-Staat darauf, bis in das intimste Privatleben seiner Bürger hinein Einfluss zu nehmen. Der Nationalsozialismus forderte Linientreue in allen Bereichen des Lebens und verfügte mit der Gestapo und den verschiedenen Parteiorganisationen über eine Vielzahl von Instrumenten, um diese durchzusetzen. Gleichzeitig waren diese Organisationen aber angewiesen auf Denunzianten, die bereit waren, die Privatsphäre von Mitmenschen dem staatlichen Zugriff zu öffnen. Auch für die Stadt Hildesheim sind die verschiedensten Fälle solcher Denunziationen belegbar, die tiefe Einblicke in den Alltag und das gesellschaftliche Klima des Dritten Reichs zulassen.


"Hetzerei einer Halbjüdin": Der Fall Reinhilde M.

Nachdem ihre jüdische Mutter im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war, sah sich Reinhilde M. gezwungen, die Räume ihrer Mutter in der gemeinsamen Wohnung unterzuvermieten. Jüdische Bekannte empfahlen ihr Ruth Kühn und Ursula Kogel. Beide zogen im August 1942 bei der jungen Frau ein, wo sich die drei Frauen die Küchenbenutzung teilten. Reinhilde M. klagte beiden das Leid, das ihrer Familie zugefügt worden war und äußerte sich in Gesprächen im August und September 1942 abfällig über das NS-Regime im Allgemeinen und über Hitler und Kreisleiter Vetter im Besonderen.

Schon bald herrschte zwischen Reinhilde M. und Ursula Kogel ein gespanntes Verhältnis wegen wiederholter Streitigkeiten bei der Küchennutzung. Ursula Kogel zeigte daraufhin ihre Widersacherin wegen ihrer regimekritischen Äußerungen an. Reinhilde M. wurde am 11. November 1942 von der Gestapo festgenommen. Am 12. März 1943 wurde sie vom Sondergericht Hannover wegen ihrer Äußerungen gemäß § 2 des Heimtückegesetzes und § 185 StGB (Beleidigung des Kreisleiters Vetter) zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Das Gericht stellte in seiner Urteilsbegründung fest, dass Frau M. "durch die Aussagen der beiden Zeuginnen in vollem Umfang überführt" worden sei. Die sich über sechs Wochen erstreckende "Hetzerei einer Halbjüdin" gegenüber der "Kriegerfrau" Kogel sei nicht mehr als spontan zu bezeichnen und hart zu bestrafen. Immerhin wurde der Angeklagten strafmildernd attestiert, dass sie nicht vorbestraft und nach Auskunft des Arbeitgebers tüchtig und zuverlässig sei. Ferner sei sie "durch die Evakuierung ihrer Mutter, von der sie dann keine Nachricht mehr erhielt", in eine "seelische Verwirrung" geraten.

Reinhilde M. verbrachte ihre Haft im Gerichtsgefängnis Hannover, nach eigener Aussage mit der ständigen Angst, wie ihre Mutter in ein KZ gebracht zu werden. Am 21. Februar 1945 wurde sie vorzeitig entlassen. Schon während der Untersuchungshaft hatten Ruth Kühn und Ursula Kogel die Abwesenheit ihrer Vermieterin genutzt, um deren Schränke aufzubrechen und große Teile ihres Eigentums zu stehlen, wofür im Sommer 1943 Ruth Kühn zu acht Monaten und Ursula Kogel zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurden.


Der Denunziationsprozess nach dem Krieg

Am 6. Dezember 1948 erstattete Reinhilde M. erneut Anzeige gegen Ruth Kühn und Ursula Kogel, nunmehr verheiratete Schönauer. Beide gaben die Anzeige offen zu und legten dabei kein sehr ausgeprägtes Unrechtsempfinden an den Tag. Sie hätten ja schließlich nicht gelogen und nur wahrheitsgemäße Äußerungen Reinhilde M.s weitergegeben. Schönauer machte deutlich, dass sie keinesfalls aus nationalsozialistischer Überzeugung, sondern aus einer rein persönlichen Abneigung gehandelt habe. Eine frühere Nachbarin unterstrich dies: Frau Schönauer habe zu ihr gesagt, dass "sie der M. eins auswischen werden, damit die M. auch da hinkommen werde wo ihre Mutter hingekommen ist".

Schließlich wurden am 9. Dezember 1949 Ruth Kühn zu neun Monaten und Ursula Schönauer vom Landgericht Hildesheim zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit nach Kontrollratsgesetz Nr. 10. In der Urteilsbegründung wird festgestellt, dass beide offensichtlich um die Folgen ihrer Anzeige Bescheid gewußt hätten, wie die Aussage der Nachbarin belege. Dennoch: Ruth Kühn und Ursula Schönauer mussten ihre Strafe nie antreten. Sie wurde ihnen aufgrund des Straffreiheitsgesetzes vom 31.12.1949 erlassen.

"Ich sah keinen Grund, mit meiner Meinung zurückzuhalten": Die Beweggründe von Denunzianten

Ruth Kühn und Ursula Kogel bzw. Schönauer sind nicht die einzigen Hildesheimer, die die NS-Gesetzgebung als Waffe in privaten Fehden einsetzten. So nutzte etwa eine Untermieterin diese Chance, indem sie ihren Hauswirt nach diversen Streitigkeiten bei der Gestapo anzeigte, der daraufhin wegen belastender politischer Aussagen zwei Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern verbringen musste. Ein Mitglied der Zeugen Jehovas (damalige Bezeichnung: "Bibelforscher") wurde 1936 auf Grund der Aussage ihres Ehemannes ins KZ gebracht. Bei der Untersuchung des Falles 1948 gab der lapidar zu Protokoll: "Ich sah keinen Grund, mit meiner Meinung zurückzuhalten, da ich mit der Zugehörigkeit meiner Frau zur Bibelforscher-Vereinigung nicht einverstanden war und die Gestapo wohl außerdem schon wußte, daß meine Frau der genannten Vereinigung angehörte." Seine ehemalige Frau sah das anders: Sie vermutete in seiner Aussage einen willkommenen Scheidungsgrund. Anders konnte sich auch eine andere Hildesheimerin die Denunziation ihres Mannes gegen ihren Vater nicht erklären, der von seinem Schwiegersohn wegen des Hörens ausländischer Sender angezeigt wurde. In bemerkenswerter Akribie hatte dieser sogar eine genaue Skizze der Wohnung und der darin befindlichen Rundfunkgeräte gezeichnet. Bevor seinem Schwiegervater der Prozess gemacht werden konnte, kam dieser allerdings beim Bombenangriff auf Hildesheim ums Leben.


"Heimtücke": Die Rechtsgrundlage für viele Denunziationen

Wichtigste Grundlage für die Bestrafung regimekritischer Äußerungen war das "Heimtückegesetz" vom 20.12.1934. Danach wurde mit Gefängnis bestraft, wer "öffentlich gehässige, hetzerische oder von niedriger Gesinnung zeugende Äußerungen" tätigte, die geeignet waren, "das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben". Verschärft wurde diese Strafandrohung noch dadurch, dass nicht nur öffentliche, sondern auch in privatem Rahmen gemachte Aussagen unter Strafe gestellt wurden, "wenn der Täter damit rechnen muß, daß die Äußerung in die Öffentlichkeit dringen würde". Das Gesetz setzte dabei ganz auf die Bereitschaft der Bevölkerung zur Denunziation, da die personell ohnehin schlecht ausgestattete Gestapo sonst kaum in der Lage gewesen wäre, regimekritische Äußerungen oder ähnliche Vergehen zu verfolgen. Der Staat hob somit jegliche Privatsphäre auf, man war zu ständiger Selbstzensur gezwungen. Vernachlässigte man diese, lieferte man sich gänzlich dem Wohlwollen seiner Gesprächspartner oder Zuhörer aus.

Dennoch existierte von seiten des Staates keinerlei "Anzeigepflicht", wenngleich der vorauseilende Gehorsam vieler Denunzianten diesen Eindruck erwecken könnte. So zeigte eine Hildesheimerin im Jahr 1938 ihren Untermieter bei der Gestapo an, da dieser ihr gegenüber in einem Gespräch unter vier Augen abfällige Äußerungen über Hitler und Mussolini getan hatte. Im Prozess um ihre Anzeige nach dem Krieg gab sie zu Protokoll, aus reinem Selbstschutz gehandelt zu haben: "Da ich fürchtete, daß ich durch sein Benehmen Unannehmlichkeiten bekommen könnte, bin ich zur Gestapo gegangen". Obwohl nicht ersichtlich ist, wie seine Bemerkungen außer durch die Anzeigeerstatterin selbst an die Öffentlichkeit hätten kommen sollten und deren Motiv somit äußerst fragwürdig erscheint, wurden die Ermittlungen in diesem Fall eingestellt.


"Denunziantentum böser und mißgünstiger Nachbarn": Denunziation ja, Denunzianten nein

Der Umgang des NS-Staates mit den Denunziationen erscheint paradox: So sehr der Staat auch auf freiwillige Denunziationen angewiesen war, so unbeliebt war der Denunziant. Ein gutes Beispiel hierfür liefert in Hildesheim der Fall der Luise Timpe, die von Zeugen als notorische Anzeigeerstatterin beschrieben wird und die schließlich sogar deswegen inhaftiert wurde. Zum Teil versuchte der Staat selbst, die von ihm ausgelöste Denunziationsflut wieder einzudämmen. Sogar der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, forderte 1941, sich von den "Niederungen des Lebens, insbesondere vom Denunziantentum böser und mißgünstiger Nachbarn" zu lösen, da der Staat "den Einflüsterungen von Denunzianten nicht gerne" folge.


Schriftdokumente



SS inszeniert spontanen Volkszorn: Die "Reichskristallnacht" in Hildesheim

Der Beginn des Pogroms

Seit Anfang 1938 zeichnete sich eine Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenpolitik ab. Nach der gesellschaftlichen Ausgrenzung seit 1933 und der rechtlichen Diskriminierung durch die Nürnberger Gesetze von 1935 wurde nun die völlige Ausschaltung der Juden aus der deutschen Wirtschaft zum neuen Ziel der Nationalsozialisten. Es gab Anzeichen dafür, dass man dabei auch vor dem Einsatz von Gewalt, selbst vor einem "echten und dramatischen Pogrom großen Ausmaßes", nicht zurückschrecken würde. Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 musste auf das westliche Ausland kaum noch Rücksicht genommen werden, und es bedurfte daher wohl nur noch eines konkreten Anlasses, um eine neue Welle von Gewalt auszulösen.


Die Synagoge brennt

Diesen Anlass bot dann das Attentat des siebzehnjährigen Herschel Grünspan auf den deutschen Legationssekretär vom Rath in Paris am 7. November 1938. Als vom Rath zwei Tage später seinen Schussverletzungen erlag, gab dies den Ausschlag zum Beginn des Pogroms, der von Goebbels von München aus zentral ausgelöst wurde.

Am Abend 9. November fand an der Bismarck-Säule auf dem Galgenberg, wie überall im Reich, eine Gedenkfeier der SS statt, bei der - gegen Mitternacht - parallel zur Vereidigung der SS-Anwärter in München, die mit Lautsprechern übertragen wurde, die Hildesheimer SS-Anwärter vereidigt wurden. Dabei waren die Spitzen der NSDAP aus Stadt und Landkreis anwesend. Die Leitung hatte Sturmbannführer Emil Frels, der Führer des Hildesheimer SS-Sturmbanns.

Während der Feier wurde Frels informiert, dass er dringend die Dienststelle des SS-Abschnitts Hannover anrufen solle. Als er nach der Feier dort anrief, erhielt er vom Führer des SS-Abschnitts, SS-Oberführer Kurt Benson, die Weisung, die Synagoge zu zerstören. Zuvor hatte Benson jedoch erst fragen müssen, ob es in Hildesheim überhaupt eine Synagoge gäbe - ein Zeichen für den improvisierten Charakter der ganzen Aktion.


Die Brandstiftung in der Synagoge

Auf Anordnung von Frels waren die Hildesheimer Teilnehmer der Feier geschlossen zum Altdeutschen Haus an der Ecke Jacobi- und Osterstraße und zur Gaststätte Hasse in der Marktstraße marschiert. Nach ihrem Eintreffen fand in einem Nebenraum des Altdeutschen Hauses unter der Leitung von Frels eine interne Besprechung der SS-Führer statt. Dabei wurden Einzelheiten der geplanten Brandlegung der Synagoge erörtert. Nach der Besprechung bestimmte Frels seinen Adjutanten Zander, ein Kommando von 10-15 SS-Männern zusammenzustellen, die Benzinkanister heranholen und die Synagoge in Brand setzen sollten. Sie rückten offenbar sofort ab. Dem übrigen SS-Sturm gab Frels Anweisungen, wie die Zufahrtsstraßen zur Synagoge abzusperen seien. Schließlich bestellte er den Leiter der Städtischen Feuerwehr, Oberbrandmeister Marhauer, in die Gaststätte und teilte ihm mit, dass in dieser Nacht die Synagoge brennen würde. Wenn die Feuerwehr alarmiert werde, dürfe sie nur die angrenzenden Häuser schützen, die Brandbekämpfung der Synagoge habe zu unterbleiben.

Erst nach etwa einstündigem Aufenthalt in der Gaststätte ließ Frels den SS-Sturm antreten und geschlossen zum Lappenberg marschieren. Als sie dort ankamen, brannte die Synagoge bereits. Sie sperrten sofort die Zufahrtsstraßen ab, so dass auch der von Oberbrandmeister Marhauer nach eigenen Angaben sofort alarmierte Löschzug nicht bis zur Synagoge vordringen konnte und der Schutz der angrenzenden Häuser nicht möglich war. Das bedeutete eine erhebliche Gefährdung der Anwohner, denn die Fachwerkhäuser in unmittelbarer Nähe der Synagoge konnten durch Funkenflug sehr schnell in Brand geraten. Als die Feuerwehr schließlich zum Brandherd durchdrang, war die Synagoge nicht mehr zu retten.


Plünderungen jüdischer Geschäfte

Nachdem die Synagoge niedergebrannt, aber nicht völlig zerstört war, rückten die SS-Angehörigen wieder ab, begaben sich aber nur zum Teil nach Hause. Noch in der Brandnacht zogen einzelne Trupps SS-Männer durch die Straßen von Hildesheim und zertrümmerten die Schaufenster jüdischer Geschäfte und Banken. Am Morgen des 10. Novembers begann dann eine systematische Plünderung der jüdischen Geschäfte. Nach Aussage eines Beteiligten, der am Tag nach dem Brand gegen 5.30 Uhr aus seiner Wohnung geholt worden war, wurden die Trupps, sechs bis acht SS-Männer, zu einzelnen jüdischen Geschäften dirigiert, die sie ausplünderten. Die gestohlenen Waren wurden zum SS-Heim in der Wallstraße und zur NS-Volkswohlfahrt gebracht. Die Polizei hatte strikten Befehl, nicht einzugreifen.


Die Verhaftungsaktion

In der Nacht vom 9. auf den 10. November hatte Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, in einem geheimen "Blitzfernschreiben" an alle Gestapostellen befohlen, "so viele Juden - insbesondere wohlhabende - festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden" könnten. Festzunehmen seien "zunächst nur gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters". Wegen "schnellster Unterbringung der Juden in den Lagern" sei unverzüglich mit dem "zuständigen" KZ Verbindung aufzunehmen.

Die Hildesheimer Juden, die am Morgen des 10. November von den SS-Leuten und Gestapobeamten aus ihren Wohnungen geholt worden waren, wurden zunächst in das Polizeigefängnis im "Hermann-Göring-Haus" an der Ecke Bahnhofsallee/ Kaiserstraße (damals Straße der SA/Adolf-Hitler-Straße) gebracht. Gegen Mittag wurden sie auf dem Hof des Gefängnisses in Reih und Glied aufgestellt. Dabei kam es offenbar auch zu Misshandlungen. Erst am Nachmittag erhielt Polizeimeister Ballauf vom Polizeikommandanten, Major der Schutzpolizei Schmitz, den Befehl, die Juden in das Gerichtsgefängnis zu überführen. Vor dem Abmarsch gab SS-Oberscharführer Zander die Anweisung, die Juden nicht auf direktem Weg, sondern auf Umwegen durch die ganze Innenstadt zum Godehardigefängnis zu führen. Als Ballauf die verhafteten Juden auf dem Gefängnishof zu Gesicht bekam, befahl er ihnen, die Hosenträger abzuknöpfen und die Schuhriemen zu lösen, angeblich um Fluchtversuchen von vornherein zu begegnen. Die Begleitmannschaft von 6-8 Polizeibeamten ließ er die Pistolen laden und entsichern.

Während einige der Verhafteten im Godehardigefängnis in Haft blieben, wurden die meisten in der Nacht zum 11. November im offenen Lastwagen nach Hannover gebracht und von dort zusammen mit den hannoverschen Juden in einem Sonderzug nach Buchenwald überführt. Soweit im KZ Buchenwald nachweisbar, wurden alle Hildesheimer zwischen dem 25. November und dem 8. Dezember wieder entlassen. Alle mussten wohl vor der Entlassung die übliche schriftliche Verpflichtung zur Auswanderung abgeben.


"Spontaner Volkszorn"?

Die Ausschreitungen in der "Reichskristallnacht" in Hildesheim waren weder spontan, noch Ausdruck des "Volkszorns". Sie waren vielmehr eine von außen angeordnete Aktion des örtlichen SS-Sturms. Unterstützt wurde er dabei von der Hildesheimer Gestapo und der Schutzpolizei. Von einer spontanen Beteiligung der Hildesheimer Bevölkerung an dem Pogrom findet sich in den Quellen keine Spur.


Bild- und Schriftdokumente



Mit der Straßenbahn ins KZ: Die Deportation der Hildesheimer Juden

Die nationalsozialistische "Judenpolitik"

Nach dem 30. Januar 1933 lebten in Hildesheim ca. 500 jüdische Bürger, von denen bis September 1939 etwa 400 Personen auswanderten bzw. abgeschoben wurden. Die verbliebenen Personen wurden im Verlauf der nationalsozialistischen Zwangsmaßnahmen gegen die Juden in den Osten deportiert. Die antisemitische Politik der Nationalsozialisten bestand in einer Vielzahl von Maßnahmen, die eine allgemeine Entrechtung der Juden auf allen Lebensgebieten bewirkten und schließlich bis zur Vernichtung ihrer physischen Existenz reichten. Über Boykottaufrufe gegen jüdische Geschäfte, Berufsverbote, die "Rassegesetze", die Aktionen der "Reichskristallnacht" sowie weitere Schikanen und Bedrohungen mit dem Ziel der Vertreibung reichte die Palette der Aktionen bis hin zum Höhepunkt, den Deportationen in die Zwangsarbeiter- und Vernichtungslager im Osten.

Richtlinien zur Durchführung der Transporte wurden vom Reichssicherheitshauptamt an die verschie-denen beteiligten Dienstellen weitergegeben. Dazu gehörten unter anderem die regionalen Regierungs-behörden, die Kommunen, die Finanzbehörden, die Reichsbahn und verschiedene Polizeibehörden. Die eigentliche Abwicklung der Deportationen lag in den Händen der Gestapo-Dienststellen vor Ort. Aus dem Bereich Hannover wurden bis zum Februar 1945 insgesamt acht Transporte durchgeführt, von dreien waren nachweislich Juden aus Hildesheim betroffen. Die meisten jüdischen Bürger der Stadt Hildesheim wurden mit dem Transport vom März 1942 deportiert.

Die Transportliste enthält die Namen von 61 Personen - 23 Männern, 32 Frauen und 6 Kindern - mit Hildesheimer Adressen. Die häufige Nennung bestimmter Häuser, wie Lappenberg 21 und Teichstr. 27, beide Gebäude der jüdischen Gemeinde, zeigt, dass die Juden bereits in sog. "Judenhäuser" umgesiedelt worden waren, wo sie in beengten Verhältnissen ghettoähnlich zusammenleben mussten. So konnte man sie leichter überwachen und Zwangsmaßnahmen gegen sie ohne großes Aufsehen durchführen.


Der Transport vom März 1942

Ein Schreiben der Gestapoleitstelle Hannover vom 19. März 1942 mit Anweisungen an alle beteiligten Dienststellen gibt Aufschluss über den genauen Ablauf der Deportation. Der Transport wurde auf den 31.3.1942 festgelegt. Der Zug "Da 6" sollte an diesem Tag in Gelsenkirchen eingesetzt werden, mit 400 Juden aus Münster um 18.15 Uhr in Hannover, Bahnhof Fischerhof (heute Bahnhof Hannover-Linden) eintreffen, dort ca. 500 Personen aufnehmen und dann nach Braunschweig weiterfahren. Dort sollten weitere 116 Juden zusteigen und alle schließlich nach Trawniki bei Lublin in das besetzte Polen trans-portiert werden.

Als Sammelstelle aller für den Transport ausgewählten Juden aus den Regierungs-bezirken Hannover und Hildesheim wurde die Israelitische Gartenbauschule Ahlem bestimmt. Die Überführung der Hildesheimer Juden mit Sonderwagen der Straßen-bahnlinie 11 nach Hannover wurde auf Freitag, den 27. März 1942 festgelegt. Die Bewachung und Begleitung des Transportes von über 1000 Personen bis zum Zielort war die Aufgabe der hannoverschen Schutzpolizei.


Die Einziehung jüdischen Vermögens

Die Betroffenen wurden durch die Gestapo ca. vier bis sieben Tage vor der Deportation benachrichtigt. Sie erhielten Informationen über den genauen Ablauf und mussten eine Vermögenserklärung ausfüllen. Jeder "abzuschiebende" Jude durfte ein bis zu 50 Kilo schweres Gepäckstück mitnehmen, dazu vollständige Bekleidung, Bettzeug, Verpflegung für drei Tage sowie ein Essgeschirr. Jeder sollte sein beweg-liches Eigentum wie Bargeld, Wertpapiere, Sparkassenbücher und Schmuck bei sich tragen. Dies wurde ihm bei der Durchsuchung des Gepäcks und der Leibesvisitation in Ahlem abgenommen. Sonstiges Vermögen wurde beschlagnahmt und eingezogen. Gemäß einer Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom November 1941 fiel nämlich das Vermögen eines Juden, der seinen "gewöhnlichen Aufenthalt" im Ausland nahm, an die Finanzbehörden des Deutschen Reiches.


Mit der Straßenbahn ins Konzentrationslager

Sammelstelle für die Hildesheimer Juden war eine alte Reithalle der Gendarmerieschule an der Stelle der heutigen Gebäude des Amts- und Landgerichts in der Kaiserstraße. Von hier ging es zu Fuß zum Güterbahnhof, von dort mit Sonderwagen der Straßenbahn nach Hannover.

Als Helfer bei dieser Deportation wurden Juden eingesetzt, die in sog. "Mischehen" mit christlichen Partnern lebten und deshalb zunächst von der Deportation verschont blieben. Nach kurzem Aufenthalt im Sammellager Ahlem ging der Transport dann am 31. März vom Bahnhof Fischerhof (Hannover-Linden) auf die Fahrt nach Osten. Der Zug kam mit fünf bis sechs Stunden Verspätung in Hannover an und fuhr erst gegen Mitternacht weiter. Statt nach Trawniki ging es in einer etwa 30stündigen Fahrt nach Warschau. Von dort schrieben einige der Deportierten an die jüdische Gemeinde in Hildesheim und berichteten über das Geschehene. Keiner der deportierten jüdischen Bürger Hildesheims dieses Transports hat überlebt.


Der Transport vom Juli 1942

Bei einem zweiten Transport aus Hildesheim mit ähnlichem Ablauf wurden die Deportierten im Juli 1942 nach Theresienstadt gebracht. Von diesem Transport waren die jüdischen Bürger über 68 Jahre und jüdische Kriegsbeschädigte aus dem Ersten Weltkrieg betroffen. Den alten Leuten wurde in Aussicht gestellt, sie könnten sich in das jüdische Altersheim in Theresienstadt einkaufen, allerdings müssten sie dafür vorher Geld einzahlen. Auf diese Weise wurde ihnen schon vor der Deportation ein großer Teil ihres Vermögens abgenommen.

Dieser Transport, der Hildesheim am 21. Juli 1942 verließ, umfasste 51 Personen - 17 Männer und 34 Frauen. Die meistgenannte Adresse war diesmal Friesenstr.3/4, das frühere Haus des Textilwarenhänd-lers Albert Stern, der selbst unter den Deportierten war. Auch bei diesem Transport fuhr die Mehrzahl der Betroffenen zunächst mit der Straßenbahn nach Hannover-Ah-lem. Gehbehinderte und gebrechliche Personen wurden in einem Möbelwagen gefahren. Am 23. fuhr der Zug von Hannover nachTheresienstadt ab. Damit waren die mei-sten Juden aus Hildesheim verschwunden. Übrig blieben diejenigen, die in sog. Mischehen mit einem nichtjüdischen Partner lebten und die sog. jüdischen Mischlinge mit einem nichtjüdischen Elternteil.


Die Deportation vom Februar 1945

Mit dem letzten Transport über Hannover, am 25. Februar 1945, wurden auch die in "Mischehen" leben-den Juden nach Theresienstadt deportiert. Unter ihnen gab es vier Personen mit Hildesheimer Adressen. Der späte Zeitpunkt dieser Deportation rettete den Betroffenen das Leben. Am 8. Mai 1945 wurde das Lager Theresienstadt von der sowjetischen Armee befreit.

Über Reaktionen auf die Judendeportationen in Hildesheim gibt es keine Hinweise. Auch in den Tages-zeitungen "Hildesheimer Allgemeine Zeitung" und "Hildesheimer Beobachter" wurde nichts darüber be-richtet. Wie in so vielen deutschen Städten, in denen seit Jahrhunderten Juden lebten, wurden sie auch in Hildesheim ohne Protest vertrieben und ermordet. Die Täter standen deswegen nie vor einem Gericht.


Bild- und Schriftdokumente



Von Hildesheim nach Auschwitz: Die Deportation der Sinti aus Hildesheim im März 1943

Sinti in Hildesheim

Hildesheim spielt in der Geschichte der Sinti in Deutschland eine wichtige Rolle: Der älteste Beleg für das Auftauchen der Zigeuner in Deutschland ist eine Weinamtsrechnung aus Hildesheim aus dem Jahr 1407. Wir wissen aber nicht, seit wann Sinti ständig in Hildesheim gewohnt haben. Wir wissen überhaupt so gut wie nichts über die Geschichte der Sinti in Hildesheim. Zur Zeit der "Festsetzung" 1939 lebten wohl nur zwei Sinti-Familien - Franz und Braun - in der Stadt, und zwar zunächst auf einem Stellplatz an der Drispenstedter Straße, ab 1940 oder 1941 in Drispenstedt. Vater Julius Franz war schon 1938 verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht worden. Die beiden ältesten Töchter mussten daher schon mit 14 Jahren arbeiten gehen, um die Familie zu ernähren.


Die Verhaftungsaktion am 1. März 1943

Am 1. März 1943 wurden im Regierungsbezirk Hildesheim schlagartig 57 Sinti von der Kriminalpolizei verhaftet: 20 in Hildesheim, 14 in Göttingen, 8 in Holzminden, 15 im Kreis Peine. Die Verhaftungen wurden in der Wohnung oder am Arbeitsplatz durchgeführt. Die beiden Schwestern Franz zum Beispiel - damals junge Mädchen von 19 bzw. 15 Jahren - wurden auf ihrer Arbeitsstelle, den Wetzell Gummiwerken auf dem Moritzberg, verhaftet. Der älteste der Verhafteten aus dem Regierungsbezirk Hildesheim war 71 Jahre alt, die jüngste ein Mädchen von noch nicht einmal zwei Jahren - beide haben das Jahresende in Auschwitz nicht mehr erlebt. Insgesamt befanden sich unter den 57 Verhafteten 33 Kinder unter 14 Jahren und 5 Jugendliche unter 18 Jahren, d.h. zwei Drittel der Deportierten waren minderjährig.


"Zigeunerfamilienlager" Auschwitz

Grundlage der reichsweiten Verhaftungsaktion war ein Erlass Himmlers und ein Schnellbrief Heydrichs vom 29. Januar 1943. Danach sollten die Zigeuner "familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz" eingeliefert werden. Die Hildesheimer Sinti wurden mit dem Bus zum Bahnhof nach Braunschweig gebracht und von dort in einem Personenwagen der 3. Klasse, der an einen planmäßigen Zug angehängt wurde, nach Auschwitz transportiert. Da sie mitten in der Nacht ankamen, mussten sie den Rest der Nacht stehend verbringen. Erst am nächsten Morgen marschierten sie in das Lager Birkenau zum Block B II e, dem "Zigeunerfamilienlager".

Die katastrophalen Zustände in dem bald völlig überfüllten Lager führten zu Seuchen und Mangelkrankheiten, denen auch viele der Eingelieferten aus Hildesheim zum Opfer fielen. So sind mindestens 28 der 57 Hildesheimer Sinti, also die Hälfte, vor der Auflösung des Lagers gestorben, fast alle in den ersten Monaten. Besonders hoch war die Sterblichkeit unter den Kindern und den Älteren. Von den anderen sind wohl die meisten bei der Auflösung des Lagers am 2. August 1944 in den Gaskammern von Birkenau ermordet worden. Von der Familie Franz überlebten nur die beiden ältesten Töchter, weil sie vor der Auflösung des Lagers zur Zwangsarbeit in Außenlager transportiert worden waren.


Die Ausplünderung

Erst nach der Deportation der Sinti trat die Gestapo in Aktion. Sie organisierte die "Verwertung", d.h. die Einziehung und den Verkauf aller Vermögenswerte der Deportierten zugunsten des Reiches. Dazu benutze man ein durch mehrere Erlasse geregeltes Verfahren, wie man es ähnlich schon bei der Deportation der Juden angewandt hatte. Zunächst wurde der Regierungspräsident aufgefordert, eine "Sammeleinziehungsverfügung" zu erlassen, die öffentlich bekannt gemacht werden musste. Dies geschah dadurch, dass der Hildesheimer Regierungsvizepräsident die Einziehungsverfügung mit allen 57 Namen am 10. Mai im Deutschen Reichsanzeiger veröffentlichen ließ. Die "endgültige Verwertung" lag bei der Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten, die ihrerseits die Finanzämter in Göttingen, Hildesheim, Holzminden und Peine beauftragte, die eingezogenen Vermögenswerte zu übernehmen und - wie es wörtlich hieß - "wie Judensachen zu behandeln". In der Regel hieß das, dass sie im Auftrag des Finanzamts öffentlich versteigert wurden.

Bei der ganzen Aktion waren eine Vielzahl von Institutionen beteiligt: Kriminalpolizei und Gestapo, Stadtverwaltungen und Landratsämter, Regierungspräsidium, Oberfinanzpräsident, Finanzämter und öffentliche Versteigerer. Alle beteiligten sich offenbar ohne Bedenken und mit bürokratischem Eifer an diesem hochgradig arbeitsteilig organisierten Prozess der Ausplünderung ihrer Mitbürger.


Ein Bischof reagiert

Die Deportation der Sinti blieb in Hildesheim nicht ganz unbemerkt: Am 6. März 1943 - also wenige Tage nach der großen Deportation - schrieb der Hildesheimer Bischof Godehard Machens an den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, den Breslauer Kardinal Bertram, dass in den "letzten Tagen an vier Stellen meiner Diözese - es können mehr sein - katholische Zigeunerkinder aus Heimen oder Pflegestellen" durch die Polizei abgeholt worden seien. Man befürchte sehr, dass ihr Leben in Gefahr sei. "Beklommenen Herzens" frage er sich, was man tun könne, "um unsere Glaubensbrüder zu schützen und zugleich vor unseren Gläubigen deutlich genug herauszustellen, daß wir weit von solchen Maßnahmen abrücken, die nicht nur Gottes- und Menschenrechte missachten, sondern das moralische Bewusstsein im Volke untergraben und Deutschlands Namen schänden."


Aufgrund dieses Briefes wurde am 19. August 1943 von der Fuldaer Bischofs-konferenz ein Hirtenwort über die 10 Gebote beschlossen, in dessen Entwurf sogar von "Mord" die Rede war. In Hildesheim ist dieser Hirtenbrief in zwei Teilen am 19. und 26. September 1943 von den Kanzeln der katholischen Kirchen "laut und deutlich" verlesen worden, sicher ohne darauf hinzuweisen, dass der eigentliche Anlass für dieses Wort der Protest ihres Bischofs gegen die Deportation der Hildesheimer Sinti war.


Wiedersehen in Hildesheim

Nur zwei Mitglieder der Familie Franz trafen sich nach dem Krieg in Hildesheim wieder: Vater Julius Franz und die zweitälteste Tochter Waltraud. Sie blieben hier, nicht zuletzt, weil sie zunächst noch auf die Rückkehr der Mutter hofften. Dass es die älteste Tochter nach Holland verschlagen hatte, erfuhren sie erst nach einem Jahr. Beide wohnten bis zu ihrem Tod in Hildesheim. Die ältere der Schwestern, Lily van Angeren-Franz, blieb in den Niederlanden.


Bild - und Schriftdokumente



Zwangsarbeit in Hildesheim: "Man wird behandelt wie die Schweine"

Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland

Der Arbeitseinsatz von ausländischen Arbeitskräften wurde von einem Interessen-gegensatz innerhalb des nationalsozialistischen Machtapparates bestimmt: Den kriegswirtschaftlichen Rüstungsnotwendigkeiten durch den erheblichen Arbeits-kräftemangel standen rasseideologische Prinzipien gegenüber. In der Praxis wurde zwar im Grunde dem rüstungspolitischen Primat entsprochen und in großer Zahl ausländische Menschen in das Reich verschleppt, doch wurden sie hier einem streng nach rassistischen Gesichtspunkten differenzierenden System unterworfen. Es wurde je nach Volkszugehörigkeit und rassischer Wertschätzung bezahlt, verpflegt, unter-gebracht, bestraft. Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkriegs ca. 10-12 Millionen Menschen aus den von Deutschland okkupierten Gebieten verschleppt und im Reich zur Arbeit gezwungen. Gegen Ende des Krieges waren rund 30% aller Beschäftigten im Deutschen Reich Ausländer.


Zwangsarbeiter in Hildesheim

Der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte im Arbeitsamtbezirk Hildesheim (die Kreise Hildesheim, Peine und Marienburg) war mit 32,8% im Mai 1944 höher als im Reichsdurchschnitt. Es kann insgesamt von etwa 10.000 Zwangsarbeitern in der Stadt Hildesheim, von etwa 20.000 mit dem heutigen Landkreis ausgegangen werden. Der Arbeitseinsatz stellte für die Ausländer in Hildesheim eine dramatische Verschärfung der Lebenssituation dar: schwere Arbeit, schlechte, unzureichende Verpflegung, wenig oder gar kein Lohn, Gefangenschaft waren in den "rassisch" differenzierten, unterschiedlichen Ausprägungen die Regel. Darüber hinaus bedrohte oft unzureichender Schutz vor Bombenangriffen oder Willkür von Justiz, Polizei und SS das Leben der Zwangsarbeiter. In Hildesheim arbeiteten unter divergierenden Umständen alle drei Gruppen des nationalsozialistischen Zwangsarbeitersystems: zivile ausländische Arbeitskräfte, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.


Die "Zivilarbeiter"

Die größte Gruppe der Hildesheimer Zwangsarbeiter stellten die sog. Zivilarbeiter, also ausländische Zivilisten, die meist auf massiven Druck der deutschen Besatzungsbehörden in das Deutsche Reichsgebiet gebracht worden waren. Insgesamt war der Arbeitseinsatz der ausländischen "Zivilarbeiter" und das System ihrer Unterbringung auf das gesamte Stadtgebiet und den Landkreis Hildesheim ausgedehnt: Er fand in den größeren, rüstungsrelevanten Betrieben wie in den sog. Trillke-Werken, den Vereinigten Deutschen Metallwerken (VDM), Senking, Ahlborn und in vielen kleineren Firmen statt. Die Hildesheimer Zwangsarbeiter waren nach Nationen und Geschlechtern getrennt in Barackenlagern Hildesheimer Firmen, im Gemeinschaftslager der DAF, in umfunktionierten Schulen oder Gaststätten oder auch - vor allem in landwirtschaftlichen Betrieben - privat untergebracht.

Die Praxis des Hildesheimer Ausländereinsatzes war von schlimmen Zuständen geprägt, unter denen die "Zivilarbeiter" zu arbeiten und leben hatten: "Ich gehe lieber ins Gefängnis als nach Hildesheim arbeiten, man wird behandelt wie ein Schwein und das Essen ist zu schlecht für die Schweine.", so ein holländi-scher Zwangsarbeiter. Unter noch schlechteren Bedingungen als die "Westarbeiter" hatten die Italienischen Militärinternierten, die Polen und die "Ostarbeiter" aus der Sowjetunion zu leiden.


Die Kriegsgefangenen

Die Verwaltung des Arbeitseinsatzes der Kriegsgefangenen lag in den Händen der Wehrmacht. Den Hildesheimer Betrieben wurden die benötigten Arbeitskräfte aus dem Stammlager XI B Fallingbostel zugeteilt und für die Überwachung war das Landesschützen-Bataillon 461 zuständig. Die Kriegsgefan-genen wurden in größere, national getrennte Kommandos gruppiert und meist am Arbeitsplatz in Gefangenenlagern untergebracht. Immerhin fast jede zehnte Stelle in der Hildesheimer Kriegswirtschaft wurde 1944 von einem Kriegsgefangenen besetzt.

Die Lebensumstände der Kriegsgefangenen und die Zustände in den Lagern waren zumeist äußerst beklagenswert. Der zuständige Inspekteur der Lager beschrieb die Situation als schlimm und gefährlich: "Sofortiges Handeln ist dringend erforderlich, um ein Sterben, wie wir es bei den Russen hatten, zu vermeiden". Unzureichende Ernährung bei harter Arbeit, fehlende Kleidung und brutale Behandlung durch die Lagerbewachung führten zu katastrophalen Missständen.


KZ-Häftlinge

Die zahlenmäßig kleinste Gruppe der Hildesheimer Zwangsarbeiter stellte ein etwa 500 Häftlinge starkes KZ-Außenkommando, das Anfang März 1945 nach Hildesheim gebracht wurde. Die jüdischen Häftlinge, die zum größten Teil aus Ungarn stammten, sollten die Aufräumarbeiten am stark zerstörten Hildesheimer Güterbahnhof durchführen.

Für die Bewachung der Häftlinge bei ihrem mitten durch die Hildesheimer Innenstadt führenden Weg zum Arbeitsplatz und bei der Arbeit vor Ort war der Hildesheimer Volkssturm zuständig, dessen Angehörige sich durch große Gewalttätigkeit gegenüber den jüdischen Häftlingen auszeichneten.

Die Kombination aus schwerer körperlicher Arbeit, unzureichender Verpflegung und dauernder Misshandlung führte zu zahlreichen Todesfällen unter den Gefangenen. Nachdem die Stadthalle bei dem großen Luftangriff am 22. März 1945 vollkommen zerstört worden war, wodurch auch viele der KZ-Häftlinge getötet worden waren, wurde dieses Hildesheimer KZ-Außenlager aufgelöst. Die Überlebenden etwa 200-250 Juden wurden nach Bergen-Belsen gebracht, wo sie drei Wochen später von britischen Truppen befreit wurden.


Die Gestapo-Massaker an Zwangsarbeitern

Die letzte Kriegsphase der bevorstehenden Niederlage insbesondere nach den verheerenden Bombenangriffen am 22.März 1945 brachte auch für die Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in Hildesheim noch einmal eine dramatische Verschlechterung ihrer Lage. Die chaotischen Zustände bedrohten sie auf gleich mehrere Weise: der Verpflegungsmangel traf zuerst die ausländischen Arbeiter, die Einweisungen in die Arbeitserziehungs- und Konzentrationslager stiegen drastisch an und es lauerte die Gefahr, Opfer von mutwilligen Gestapo-Exekutionen zu werden. Blick auf den zerstörten Marktplatz. Hier fand am 26. März 1945 eine öffentliche Massenexekution statt. Die Hildesheimer Gestapo erhängte allein an diesem Tag mindestens 30 italienische Militärinternierte und eine unbekannte Zahl Zwangsarbeiter anderer Nationen als angebliche Plünderer. Sie waren im Rahmen einer großen Razzia aufgegriffen worden und ihre Schuld war keinesfalls erwiesen.

Zwischen dem 26. März und dem 6. April 1945 führte die Hildesheimer Gestapo insgesamt vier Massenexekutionen an ausländischen Zwangsarbeitern durch: Die erste Hinrichtungswelle fand nach einer großen Razzia nach Plünderern am 26. März 1945 statt. In den folgenden Tagen fanden drei weitere große Exekutionen an ausländischen Zwangsarbeitern im Polizei-Ersatzgefängnis auf dem Zentralfriedhof statt. Über die letzte Massenhinrichtung am 5. oder 6. April gibt es nähere Informationen: Danach wurden etwa 80 Italiener, Polen, Belgier und Franzosen, die als angeblich überführte Plünderer zunächst in der ehemaligen jüdischen Leichenhalle untergebracht worden waren, im Polizei-Ersatzgefängnis erhängt. Insgesamt sind nach dem 22. März 1945 auf dem Zentralfriedhof 208 Leichen in einem Massengrab verscharrt worden, wohl alle Opfer der Mordexzesse der Hildesheimer Gestapo.


Die Befreiung

Im Jahre 1943 war Shukov nach Hildesheim gekommen und lebte hier im Lager "Lademühlenfeld", dem mit einer Belegungsstärke von 3.000 Arbeitern größten Zwangsarbeiterlager der Stadt. Er berichtete über den Einmarsch der Alliierten am 7. April 1945: "Alle [Zwangsarbeiter und Kriegsgefan-genen] grüßten begeistert die Befreier und jeder machte sich auf den Weg nach seinem Heimatort."

Zum Verhalten der deutschen Bevölkerung bemerkte Shukov: "In den ersten Tagen der alliierten Besatzung versteckten sich die Spießbürger in den Kellern und Wohnungen [...] Wer weiß, wie sich die Besatzer und die Zwangsarbeiter, die gestrigen Häftlinge aus den Lagern und die ehemaligen Kriegsgefangenen verhalten."


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