MG MHB 0109

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Merridale, Catherine: Die Rote Armee 1939-1945 (Frankfurt 2008)


Fundstellen und Daten

Das Werk bei Amazon.

Beginn der Rezension: 04.01.2009

Angepeilter Endtermin: 25.01.2009

Realisierter Endtermin: 28.01.2009



Grund für die Auswahl

Es ist erstaunlich, wie eindringlich man sich mit einem Thema beschäftigen kann, ohne zu merken, dass man nur einen Bruchteil eines größeren Themas bearbeitet. So ist es bspw. bei der Beschäftigung mit der Wehrmacht. Stammt man aus dem deutschen Sprachraum und interessiert sich für Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts, so kommt man an dieser Organisation nicht vorbei. Sie ist dominant im historischen Diskurs, umstritten, facettenreich, multiperspektivisch untersucht. Man greift zu einem Buch nach dem anderen zu dieser Armee und vollzieht die teils heftigen Auseinandersetzungen um diese Armee nach - und vergisst dabei nur allzu leicht, dass dieser Armee ja andere Armeen gegenüberstanden, über die es genausoviel zu wissen gilt. Wenn man dann noch sein aus dem ersten Schritt gesammeltes Wissen über die Feldzüge der Wehrmacht reflektiert und sich der besonderen Rolle, welche die Ostfront in der Geschichte der Wehrmacht spielte, bewusst ist, so muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen: Man muss sich mit der Roten Armee beschäftigen! Dringend! Kaum ein Zweig der Geschichtswissenschaft ist so automatisch transnational angelegt wie die Militärgeschichte - und dann betrachtet man nur eine Seite? Das geht nicht. Cathrine Merridales Werk kommt dem geneigten Einsteiger in dieser Hinsicht entgegen: Günstig, aktuell, mit modernen Perspektiven und (auf den ersten Blick) ohne ideologischen Stallgeruch. 474 Seiten mit ein paar Dutzend, in den Text eingefügten Fotos kosten 9,95€.

Erste Eindrücke

Das Buch ist in seiner Taschenbuchausgabe eine attraktives Produkt. Handlich, gute Aufmachung, sauber gesetzt - so ermüdet das Lesen nicht. Catherine Merridale ist als britische Autorin der landestypischen Todsünde der Endnoten verfallen, ein umständliches und entnervendes Belegverfahren, dass so manchen prüfenden Blick verhindert, weil man nicht zum hundertsten Mal im Lesefluss blättern will - aber diese Tradition kennt der geneigte Leser angelsächsischer Literatur ja nur zu gut. Die Bibliographie wirklich zu beurteilen fällt mir schwer. Die osteuropäische Geschichte ist für viele mittel- und westeuropäische HistorikerInnen ein Buch mit mindestens vier Siegeln, und ich gestehe offen ein: Auch ich gehöre zu ihnen. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit Merridale die Standardwerke oder die Giftschrankinhalte der osteuropäischen Geschichte nutzt. Wenn man sich aber die westliche militärhistorische Literatur betrachtet, so hat sie eine sehr vernünftige (Bartov, Lynn), manchmal vielleicht etwas angestaubte (Shils/Janowitz) Auswahl getroffen. Angesichts Ihrer akademischen Biograophie und ihrem Hang zur Arbeit mit Primärquellen scheint es auch für HistorikerInnen, die auf dem osteuropäischen Auge blind sind, vertretbar, hier solides Handwerk anzunehmen. Sollte ich mich diesbezüglich irren, so biete ich um Korrektur durch die Fachkollegen.

Leseimpressionen

Es ist eine Binsenweisheit, dass die deutsche akademische Kultur ausgezeichnet belegt, aber nur mäßig begabt ist, wenn es um das Schreiben geht, während die Elfenbeintürme an Albions Gestaden es anders herum halten. Merridales Buch ist auch in der Übersetzung flüssig und angenehm zu lesen. Gleich zu Beginn ihres Buches führt Sie geschickt vom heutigen Russland über den Heldenkult der Sowjetunion zurück zu dessen Grundlagen im Krieg - und darüber hinaus zu den Wurzeln der Armee jenes Krieges, die in Zarenzeit und Revolution liegen. Ihre Perspektive ist dabei, wie der Titel "Iwans Krieg" andeutet, die "Militärgeschichte von unten". Stabsoffiziere und Politik kommen nur vor, wenn sie direkt in das Leben der einfachen Soldaten und unteren Offiziere eingreifen. Diese Perspektive füllt sie erfolgreich mit Leben - ideen- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte verschmelzen (meist mühelos) mit Alltags- und Militärgeschichte, so dass sich ein sattes erfahrungsgeschichtliches Panorama entwickelt.

Vieles wird gerade vor dem Hintergrund des Bekannten um so interessanter: Es ist ein Allgemeinplatz, dass die meisten Wehrmachtssoldaten die russische Steppe und ihre Dörfer als unzivilisierten Raum empfanden. Um so logischer erscheint es, dass die durchschnittlichen Rotarmisten exakt die umgekehrte Erfahrung machten: Aus dieser kargen Umgebung kommend, eröffnete die Armee ihnen völlig neue soziale Räume und Handlungsmöglichkeiten und (im späteren Verlauf des Krieges) eine Welt der Beute. Das begann schon im Frieden, in dem die Rote Armee lange Zeit eine Möglichkeit darstellte bitterster Armut zu entfliehen - zwar waren die Versorgungsumstände immer noch hanebüchen miserabel, aber zumindest waren sie auf unterstem Niveau stabil und damit berechenbar.

Spannend skizziert ist auch die ideologische Prägung der Soldaten dieser Armee. Während die Veteranen der Revolutionszeit, die 1941 noch einmal eingezogen wurden, sich noch daran erinnerten, wie sie weiland mit ihren Offizieren noch jeden Befehl als unverbindlichen Vorschlag diskutierten und einer langen Kultur der Gewalt, der Not und des Krieges entstammten, waren ihre Söhne, die die Masse der Roten Armee 1941-1945 bildeten, ganz anders aufgestellt. Nach über 20 Jahren der Abschottung des Regimes und der ideologischen Indoktrination, hatte die Politik ihre Haltung nachhaltig geprägt: Roter Heroismus, im Wert bewiesen durch eine unausgesetzte Kette von Siegen und Erfolgen des Systems, ergab, bei aller Skepsis und alltäglichen Ironie, ein erstaunlich festes ideologisches Fundament - wenn auch mit den daraus resultierenden Begrenzungen der Gedankenwelt. ("Zwanzig Jahre des prozigen kommunistischen Jargons hatten die sowjetischen Patrioten mit einem massiven Arsenal an hölzernen Phrasen ausgestattet. Die jüngere Generation kannte gar keine andere Sprache.")

Gerade diese Eingriffe der Politik in das Militär machen aber auch erst die Niederlagen gegen Finnland und (anfangs) gegen Deutschland verständlich. Die allgegenwärtige Anwesenheit der Politruks und politischen Kommissare, der unausgesetzte politische Unterricht, die Überhöhung der korrekten politischen Gesinnung - all dies sollte materielle Mängel kompensieren und verschlimmerte doch nur die Lage, weil die politische Bildung auch noch wertvolle Ausbildungszeit kostete. Die Armee, die 1940 und 1941 antrat, war politisch bestens gebildet, aber bis an die Grenze der Lächerlichkeit miserabel ausgerüstet und auf den unteren Ebenen schlecht ausgebildet. Auf den oberen Ebenen wirkten die politischen Eingriffe anders, aber komplementär: Durch die Säuberungen ab 1937 hatte eine regelrechte Angst vor Verantwortung das gesamte Offizierskorps erfasst hatte - eine absurde Situation. Die Mängel auf allen Ebenen machten das militärische Scheitern der Roten Armee geradezu unausweichlich.

Der immer wieder und in vielen verschiedenen Zusammenhängen betonte Einfluss der kommunistischen Ideologie bzw. deren allgegenwärtige Propaganda gleitet dabei jedoch nicht in anti-kommunistische Tiraden Merridales ab, wie in manchen Anazon-Rezensionen zu lesen ist. Viel mehr stellt sie nur deutlich heraus, wie sehr durch die Errichtung und den Ausbau eines zutiefst politisch aktiven Systems die dadurch herbeigeführten, tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaft auf die innere Organisation des Militärs durchschlagen und diese zum Zerreißen gespannt wird - und an einigen Stellen über diesen Punkt hinaus.

Ein zentrales handwerkliches Problem ist, dass Merridale zugunsten der Lesbarkeit verschiedene Ebenen zu sehr verschwimmen lässt. So dienen die konkreten Erlebnisse einiger ausgewählter Einzelpersonen zur Unterstreichung angeführter allgemeiner Entwicklungen. Ein an sich sehr guter Ansatz, der aber durch zu häufiges Springen zwischen den beiden Ebenen oftmals störend wirkt und darüber hinaus manches mal in der konkreten Umsetzung schwächelt. Denn man fragt sich nach der dauernden Betonung der internen Differenzierung der Roten Armee, inwieweit die Erlebnisse einer Person aussagekräftig sein können. Verwandt ist das Problem, dass Merridale oftmals mit Zahlen und Fakten arbeitet, ohne Vergleichsgrößen anzuführen. So ist es sicher interessant, dass in einer Kaserne aufgrund mangelhafter Ernährung 157 Soldaten an Cholera erkrankten – allerdings wird nichts über die Größe der Kaserne gesagt. Ist dort ein Bataillon mit 1000 Soldaten untergebracht oder eine Division mit 13000? Das wäre für die richtige Einordnung der eigentlichen Zahl sehr wichtig.

Sehr kompakt und dadurch beeindruckend beschreibt Merridale den Wandel der Armee Ende 1942. Unausweichlich gemacht durch eine anhaltende Katastrophe ungeahnten Ausmaßes und unterstützt von einem signifikanten Generationenwechsel auf allen Ebenen, nahm das Regime die Welle beim Kamm und unterzog die Armee einem radikalen inneren Wandel, der zu einer deutlichen Steigerung ihres Kampfwertes führte und der in der knappen Formel „Weniger Politik, mehr Militärhandwerk“ subsummiert werden kann. Dieser verblüffend drastische Wechsel sollte durch die Vertreter der „War and Society“-Schulen aller Länder dringend genauer unter die Lupe genommen und in Vergleiche zu bereits bekannten Fällen gestellt werden!

Interessant ist die Einordnung Stalingrads aus Sicht der Roten Armee. Während sich besonders die deutsche Fachwissenschaft allerorten darum bemüht, die historische Bedeutung der Schlacht als Wendepunkt des Verlaufes des Zweiten Weltkrieges zu relativieren und als nur eine Schlacht von vielen in Zusammenhänge des perpetuierten, industrialisierten Krieges einzuordnen, so erweitert die zeitgenössisch-sowjetische Sicht diese Perspektive um einen wichtige Facette. Hier wurde Stalingrad schon lange vor der eigentlichen Schlacht als „letzte Chance“, als „Alles oder nichts“-Situation empfunden. Die vollkommen darniederliegende Moral der Roten Armee, die sich grad erst zaghaft erholte, hätte durch eine Niederlage in Stalingrad durchaus endgültig gebrochen werden können, so schließt Merridale aus den Quellen. Dies wiederum relativiert die (primär deutsche) Sichtweise, dass der Krieg eigentlich schon 1941 vor Moskau, wenn nicht gar 1940 über England verloren worden sei, weil hier der materielle Unterschied der beiden Lager perpetuiert wurde und unausweichlich auf eine Niederlage des Deutschen Reiches hinführte. Merridale verneint dies nicht, gibt aber zu bedenken, dass der moralische Faktor Ende 1942 so extrem zu Ungunsten der Sowjets stand, dass er durch eine sowjetische Niederlage in Stalingrad die langfristig-materiellen Aspekte hätte überwiegen können. Allerdings wird Merridales Bewertung Stalingrads durch eine deutlich veraltete Interpretation der Operation Zitadelle („ein […] Ansturm, der den ganzen Krieg hätte entscheiden sollen.“) etwas entzaubert und dabei en passent auch saftige sachliche Fehler produziert („eine neuartige automatische Waffe, die Ferdinand“) - oder sind es Übersetzungsfehler?

Dennoch ist diese Perspektivverschiebung für den westlich orientierten Historiker prinzipiell eine lehrreiche Erfahrung: Die bedrückende Aneinanderreihung von Schilderungen der sowjetischen Erfahrungen während der ersten zwei Kriegsjahre ist sehr beeindruckend und vermittelt ein deutliches Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins, das weite Teile der Bevölkerung erfasst haben muss.

Der Weg von Operation Bagration, dem eigentlichen Initiativewechsel der Ostfront, bis nach Ostpreußen erscheint seltsam kurz - wobei die verwendeten Seitenzahlen durchaus im selben Verhältnis zu den verstrichenen Jahren stehen wie im Rest des Buches davor. Vielleicht kommt einem hier wieder die eigene, eingeschliffene westeuropäische Perspektive in die Quere - das "lange Leiden an der Ostfront" hat einen sich ziehenden, langwierigen Charakter, während der russische Vormarsch immer dynamischer und schneller wird und somit einen gänzlich anderen Charakter hat.

Die Exzesse im Bereich sexueller Gewalt auf dem Gebiet des Deutschen Reiches sind eines der am schwierigsten zu erklärenden Themen der Zeitgeschichte. Auch Merridale gelingt letztlich keine schlüssige Gesamtdarstellung der Kausalitäten - aber das mag ob des Themas auch nicht wirklich zu überraschen. Sie bietet aber ein Panoptikum von Aspekten und Teilerklärungen, welche die Kausalitäten hinter den Exzessen zumindest in Ansätzen erklären.

Große erzählerische Kraft entfaltet Merridale noch einmal im Kapitel über das Kriegsende, die Rückkehr der Veteranen in ihre Familien. Hier schafft sie es, den Leser fast bis in die bäuerliche Kate des typischen Iwans - mit all der Sprachlosigkeit, und Entfremdung, die in diesen Situationen auftritt. Die auf die Rückkehr folgenden und durch sie ausgelösten komplexen politischen und sozialen Prozesse in der Sowjetgesellschaft sind für den Laien der osteuropäischen Geschichte ebenso überraschend wie bedrückend - wer hätte geahnt, das die enteigneten sog. Kulaken ihren Hass auf das Sowjetsystem und sein Dekulakisierung an staatlich sanktioniert an Kriegsheimkehrern ausleben konnten, die in unzähligen, riesigen Gefangenelagern zusammengepfercht wurden - weil diese sich des "Verrates" schuldig gemacht hatten in Gefangenschaft geraten zu sein. Folgerichtig schließt das Buch dann auch mit einem kurzen Kapitel über die offizielle Gedenkkultur der Sowjetunion ab, die konsequent und erfolgreich die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg monopolisiert, beschitten und auf Linie gebracht hat.

Abschließende Kritik

Merridales Buch hat sicher viele Schwächen. Es ist ein globaler Blick auf eine riesige Armee und die dazugehörige Gesellschaft. Dieses Objekt wird noch dazu mit vielen Instrumenten und Perspektiven angegangen. So entsteht manches mal das Gefühl einer Oberflächlichkeit, einer Gehetztheit. Aber das ist eine verzeihliche Sünde. Denn dieses Buch war nötig. Eine gut lesbare Gesamtdarstellung der Roten Armee musste überhaupt erstmal geschrieben werden, und bei solch einem Projekt sind die genannten Schwächen systemimmant und damit lässlich.

Merridales großes Verdienst ist es, den Leser pro Kapitel mindestens einmal mit offenem Mund zurückzulassen - zumindest den Leser, der in osteuropäischer Geschichte nicht besonders vorgebildet ist. So überraschend, so verblüffend sind manche Zusammenhänge zwischen Politik und Armee, zwischen Stalinismus und Iwans, dass man am Ende des Buches das Gefühl hat, wirklich etwas grundlegend Neues gelernt zu haben. Und das können nicht viele Bücher von sich behaupten.

Anmerkung

Diese Kritik ist in gekürzter Form auch bei Amazon eingestellt worden. Sie können dort die Kommentarfunktion nutzen, um Ihre Meinung zu diesem Text oder zum Buch zu artikulieren, sofern sie über ein Amazon-Nutzerkonto verfügen.



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