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DiNardo, R.L.: Germany's Panzer Arm in World War II (Westport 1997)

Fundstellen und Daten

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Grund für die Auswahl

Die Bücher zur Panzertruppe der deutschen Wehrmacht sind Legion. Ärgerlicherweise sind es zum überwältigenden Teil heroisierende Kriegergeschichten, fetischistische Photobände und glorifizierende Verherrlichungsliteratur vom äußeren rechten Rand des politischen Spektrums. Solide fachwissenschaftliche Untersuchungen fehlen hingegen bisher so gut wie ganz. Exakt diese Situation benennt DiNardo als Impulsgeber und inhaltliche Leitlinie für sein Werk. Ein treffend identifiziertes Desiderat und Grund genug, das Buch zu lesen.

Erste Eindrücke

Das Buch ist in der "Stackpole Military History Series" verlegt - erst einmal ein schlechtes Zeichen. Denn dieser Verlag verlegt ansonsten EXAKT die Art Literatur, von der sich DiNardo distanzieren will. Ebenfalls gebremst wird der Enthusiasmus durch die Tatsache, dass der Autor aus den Reihen des Militärs kommt und als Professor am U.S. Marine Coprs Command and Staff College wirkt. Das ist zwar nichts automatisch schlechtes, senkt aber die Chancen deutlich, es mit modernen Perspektiven und progressiven Methoden zu tun zu bekommen.

Gut 200 Seiten, davon einige wenige Fotoseiten und diverse Tabellen werden ergänzt durch handwerklich saubere Belegarbeit und eine auf den ersten Blick solide Bibliographie. Auf geht's.

Leseimpressionen

Der Eindruck, der den Leser beim ersten Einstieg unweigerlich überkommt, ist, dass DiNardo sich eine ganze Menge vorgenommen hat. Das Buch will möglichst umfassend alle denkbaren Aspekte der deutschen Panzertruppe 1939-1945 anreißen - und das auf ca. 200 Seiten. Dieser Ersteindruck schlägt nach den ersten 85 Seiten in vorsichtige Skepsis um. Während es DiNardo bzgl. der Wehrmacht im Bereich "Equipment and Economy" (S.1-40) noch gelingt, die zentralen Probleme des Feldes völlig richtig weitab von technischen Panzerdaten auf dem Feld der Rüstungsindustrie und Politik zu suchen, zu finden und prägnant darzustellen, so wird das Buch im Kapitel "Personnel Policies and the Panzer Arm" (41-54) schon deutlich schwachbrüstiger: Hier wird schon weniger prägnant und originell argumentiert, vielmehr geht das Buch in Allgemeinplätze über, die so auch andernorts leicht gefunden werden können. Dies wird besonders deutlich, wenn der Blick des Autors zunehmend die (Waffen-)SS mit ins Bild rückt. Dies tut der Autor völlig zu recht, ist auf diesem Feld aber bei weitem nicht so souverän im Umgang mit Literatur und Quellen, wie er dies bei der Wehrmacht ist. Das unkommentierte Zitieren bspw. von Schulze-Kossens und Hausser ist da ein Zeichen schwachen Handwerks.

Auch das dritte Kapitel "Military Training" (S.55-84) lässt den Leser unbefriedigt zurück - auch hier nur ein Zusammenschrieb von Allgemeinplätzen über die (vornehmlich Friedens-)Ausbildung der Panzertruppe, der nicht an die anregende Zielsicherheit des ersten Kapitels anknüpfen kann.

Im Kapitel "Doctrine: Correcting the Myths" (S.85-103) findet DiNardo zu alter Stärke zurück; man merkt, dass der Autor sich hier wieder auf vertrauterem Terrain bewegt. Pointiert entwickelt DiNardo den Gedanken, dass die deutsche Panzerdoktrin nicht revolutionär oder gar gänzlich ohne Vorläufer war, sondern dass es sich im Kern um überhaupt nichts anderes handelte als die Umsetzung der Ideen, die bereits im Ersten Weltkrieg entwickelt wurden und die wiederum noch ältere Wurzeln hatten. Ein vollkommen richtige Analyse, prägnant präsentiert,die am Ende ganz richtig mit Zirkelschlüssen zum Gedanken der Vernichtungsschlacht, Moltke und Clausewitz endet - Namen, die hier endlich mal vernünftig eingebracht werden und nicht wie so oft sonst in US-amerikanischen Publikationen als sinnlose intellektuelle Feigenblätter. Ebenso betont der Autor zu Recht, dass Guderian seine Rolle in der Nachkriegszeit erfolgreich übertrieben hat und stellt heraus, dass die Panzerwaffe auch im Deutschen Reich nicht einen, sondern viele Väter hat. Dabei schießt er dann etwas über das Ziel hinaus, wenn er die Bremser und Negierer im Offizierskorps der Wehrmacht als deutliche Minderheit darstellt. Da hat Frieser, dessen Buch DiNardo nachweislich gelesen hat, uns schon weiter gebracht, aber das ist wirklich kein Beinbruch: Das Kapitel ist ein guter Teil der Arbeit.

Das nächste Kapitel hält dieses Niveau nicht ganz, ist aber immer noch sehr interessant: In "German Divisional Organization" (S.105-132) vertritt DiNardo die Idee, dass die Erklärung der Erfolge und Misserfolge einer Armee entscheidend von ihren Organisationsstrukturen abhängt und bietet daher einen Überblick über die verschiedenen Formen der Panzerdivisionen (1935, 1938, 1940, 1944, eine theoretische Form 1945). Er erklärt dabei überzeugend die verschiedenen push und pull Faktoren, welche die Wehrmacht zu ihren Entscheidungen bewegte, und betont ganz richtig, dass trotz immer eindrucksvollerer Namen (Panzerkorps, Panzerarmeen) die Panzertruppe organisatorisch zumeist ein System von Improvisationen, Aushilfen, Verschiebungen und Reduktionen war. Zwar hat dieses Prinzip auch Vorteile erzeugt (Kampfgruppen als problemorientiert maßgeschneiderte Formationen), aber DiNardo lässt deutlich werden, wie seltsam innerlich leer, weit verstreut und aus der Not geboren die Verbände mit dem eindrucksvollen Namen "Panzerdivision" eigentlich waren.


Abschließende Kritik

Das Buch erfüllt nicht die selbstgestellten Erwartungen, sondern bleibt ein Zusammentragen von diversen Aspekten aus der Standardliteratur, versetzt mit einigen Quellen aus den US-amerikanischen Nationalarchiven. Es ist aber dennoch ein nützlicher Einstieg in das das Thema und bietet einen guten Startpunkt für eigene Recherchen.

Außerdem hat der Autor den Mut, die zusammengetragenen Aspekte in seinem Fazit (S.133-138) zu einem für amerikanische Verhältnisse sehr mutigen und insgesamt sehr richtigen Ergebnis zu bündeln, das sich in folgender Aussage subsummieren lässt:


"In terms of a broad conclusion one can reach, it is that the German Army of World War II was more attuned to the nineteenth century than to the twentieth. [...] Given the fact that the German Army of the twentieth century derived somuch form the nineteenth century, one can say that the panzer arm was the most modern element of what was in many ways a pre-modern army."


Wer das über die Wehrmacht begreift, hat das wesentliche Merkmal dieser Armee verstanden und kann sich selbst gegen die Flut von Mythen, Glorifizierungen und Halbwahrheiten wappnen, denen er begegnen wird. DiNardos Buch bietet trotz genannter Schwächen eine kompakte Hinführung zu dieser zentralen Erkenntnis und ist daher (gerade ob des moderaten Preises) dringend zu empfehlen.

Anmerkung

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