Mfecane

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Inhaltsverzeichnis

Das Thema "Mfecane"

Vom Ende des 18. Jahrhunderts an kam es zu erheblichen demographischen und soziopolitischen Veränderungen unter den afrikanischen Gesellschaften im Zentrum und im Osten des südlichen Afrika. Große Wanderungsbewegungen, vereinzelte Raubzüge und regelrechte Schlachten fanden in der Zeit bis zum Ende der 1830er Jahre statt. Die letzten Auswirkungen erstrecken sich zeitlich bis in die 1870er Jahre und räumlich bis ins heutige Tansania. Gesellschaften, die aus diesen Umwälzungen hervorgingen, bildeten bis Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts Zentren antikolonialen Widerstandes.

Diese Vorgänge wurden unter dem Begriff „Mfecane“ zusammengefaßt. Der Begriff stammt aus der Xhosa-Sprache und könnte entweder soviel wie Zerstörung oder aber auch Ausgehungertsein bedeuten. Dazu kommen noch eine Reihe weiterer Auslegungen, die häufig von den Unterschieden der historiographischen Standpunkte geprägt sind.

Während der „Mfecane“-Zeit kam es im Rahmen von Staatenbildungsprozessen zu einer Zentralisierung der Macht unter den Bantu-Völkern des südlichen Afrika. Es bildeten sich eine Reihe größerer Reiche durch den Zusammenschluss zahlreicher unterschiedlicher Gruppen unter einem mächtigen, meist männlichen Herrscher. Zu den großen Reichen gehörten z.B. der Staat der Zulu, der Ndebele oder das Königreich von Lesotho. In dieser Zeit wurden die Grundlagen für bis heute existierende afrikanische Staaten wie Lesotho gelegt.

Ausgehend von einigen Nguni-Völkern änderten sich in dieser Zeit bei zahlreichen Völkerschaften die Organisation der Militärmacht, teilweise auch die Waffentechnik und die Form der Kriegführung. Mit der Ausbreitung der Gewalt breiteten sich zwangsweise auch diese Neuerungen aus. Auseinandersetzungen wurden radikaler als bisher geführt. Wenn es dabei früher um Bestandssicherung ging, dann war das Ziel nun die Expansion.

Eine wesentliche Änderung war die Abschaffung der Initiationsriten zum Ende des 18. Jahrhunderts. Diesen Ritualen mussten sich junge Männer und Frauen unterwerfen, um in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Sie sind der ursprünglichen Kommunion oder Konfirmation in den christlichen Religionen vergleichbar. In der bis dahin üblichen Praxis war die männliche Initiation mit der Beschneidung und dem oft monatelangen Ausschluss aus der Gemeinschaft verbunden, wodurch zeitweise eine große Anzahl junger Männer nicht für den Kriegsdienst zur Verfügung stand. Stattdessen wurden nun die Männer und manchmal auch die Frauen einer Altersklasse in Regimentern zusammengefaßt. Im Gegensatz zu vorher wurden so auch stehende Militäreinheiten gebildet, die eine expansive Kriegführung erst ermöglichten und gleichzeitig die Defensivkräfte stärkten. Diese Altersklassenregimenter bildeten außerdem eine Möglichkeit zur Integration von Menschen aus besiegten Gruppen, was wesentlich zur Bildung multiethnischer Einheiten beitrug. Die Bildung von Altersklassenregimentern hängt eng mit einer Veränderung der politischen Struktur zusammen, denn sie wurden den Haushalten der Ehefrauen des Herrschers zugeteilt, von deren Viehbestand sie versorgt wurden. Auf diese Weise wurde die Militärmacht besonders eng an den Herrscher gebunden. Im Zulustaat diente zwangsweise die gesamte jüngere, unverheiratete Bevölkerung ständig in den Regimentern. Daraus erwuchs dort ein zusätzlicher Expansionsdruck.

Zu der großen räumlichen und zeitlichen Ausdehnung der „Mfecane“ kam es dadurch, dass Gruppen, die vor einer Aggression flüchteten, wiederum auf andere Gruppen stießen, die nun durch ihren Angriff in Bewegung gesetzt wurden. So kam es zu einem domino-artigen Phänomen. Eine Voraussetzung dafür war die grundsätzlich höhere Mobilität indigener afrikanischer Gesellschaften gegenüber europäischen Gesellschaften.

Im afrikanischen Verständnis ist der Begriff der Heimat nicht an das Land gebunden, das man bearbeitet und auf dem man sein Vieh weidet, sondern an die menschliche Lebensgemeinschaft. Dies gilt besonders für die Dorfgemeinschaft. So konnte es zur Wanderung ganzer Staaten kommen.

Während dieses Ausbreitungsphänomens wurden immer wieder einzelne Ethnien aufgespalten und durch Integration der Einzelteile in größere Gesellschaften neue multiethnische Zusammenhänge gebildet. Die damals entstandenen Mischkulturen prägen das Bild Südafrikas bis in die Gegenwart. Der Zusammenhalt der neuen Gesellschaften wurde häufig durch die Annahme einer gemeinsamen Abstammung der einzelnen Gruppen von einem herausragenden männlichen Urahn gestärkt. Diese fiktiven Verwandschaftsverhältnisse sind ein besonderes Kennzeichen afrikanischer Ethnien.


Die Ursachen der "Mfecane" - Die Entwicklung der Historiographie

In den letzten Jahren ist die bisherige Darstellung der Ursachen und des Verlaufs der „Mfecane“ in die wissenschaftliche Diskussion geraten. Dies führte schließlich zu einer Neubewertung. Es ist deutlich geworden, wie sehr die Geschichtsschreibung von den politischen Verhältnissen beeinflusst wird.

Unter dem burischen Apartheidsregime wurde die Geschichte der Völkerwanderung im frühen 19. Jahrhundert aus der Perspektive der weißen Siedler geschrieben, die daran teilnahmen. Die „Mfecane“ ging in der Erzählung des Großen Treks, des burischen Nationalmythos, unter. Die Behauptung, durch die „Mfecane“ seien ganze Landstriche entvölkert worden, diente der Legitimation der weißen Landnahme. Der Gewaltaspekt der „Mfecane“ wurde in dieser Hinsicht von den Apartheidsförderern übertrieben dargestellt und in deren Argumentation, man könnte die Schwarzen nicht sich selbst überlassen, eingebaut.

In den sechziger Jahren griff die afrikanische nationalistische Geschichtsschreibung das Thema auf. Sie sah die „Mfecane“ als ein Beispiel für afrikanische Eigeninitiative gegenüber der bis dahin den Afrikanern angedichteten Passivität und Geschichtslosigkeit. Unter diesen Voraussetzungen wurde die Expansion des Zulu-Staates, aufgrund der Politik seines Begründers und Führers Shaka, als zentrale Ursache der Umwälzungen beschrieben. M. Buthelezi, das Oberhaupt der Inkatha-Freiheits-Partei, die sich als heutige Nachfolgerin des Zulu-Staates sieht, benutzte die Person des heldenhaften Shaka für parteiliche Zwecke und den eigenen Persönlichkeitskult. Shakas Rolle wurde mythisch verklärt und er wurde von Afrikanern als Held, von Europäern als blutrünstiger Tyrann angesehen.

Die aktuelle Geschichtsschreibung versucht, die bisherige Schwarzweiß-Malerei durch die Kombination verschiedener Erklärungsansätze zu ersetzen.

So nimmt man heute an, dass eine komplexe Interaktion von ökologischen Faktoren, lokalen ökonomischen und politischen Bedingungen sowie dem von Europäern und Mischlingsgesellschaften ausgeübten Druck zu dem „Mfecane“-Phänomen führte.

Eine wesentliche Bedingung für die Machtkonzentration, die schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte, war die Kontrolle der politischen Führer über den Fernhandel. Handelsgut war zunächst hauptsächlich Elfenbein. Dieser Handel versetzte Einzelne in die Lage, ihren Einflussbereich auszudehnen. Gleichzeitig verstärkte er das soziale Gefälle innerhalb der Gesellschaften.

Zu den ökologischen Faktoren zählt die relative Knappheit an geeignetem Land für Ackerbau und Viehzucht: Trockenperioden bargen immer die Gefahr von Hungersnöten. Zwei größere Dürreerscheinungen mit der Folge des Nahrungsmangels sind für die Zeit von 1794 bis 1802 sowie von 1817 bis 1831 belegt (siehe Karte 2). Der resultierende Wettkampf um fruchtbares Land gehört zu den Ursachen der Gewalt. Die Trockenheitserscheinungen trugen darüber hinaus zu dem politischen Konzentrationsprozess bei, denn für sozial Schwächere bot die Unterwerfung unter einen Mächtigen Schutz vor Gewalt und Hunger. Nur eine größere Gesellschaft konnte auch eine ausgedehntere Landfläche kontrollieren.

Die Europäer beeinflussten das Geschehen auf unterschiedliche Weise:

Die Siedler aus der Kapkolonie drangen seit den 1770er Jahren nach Norden auf das „Highveld“ und nach Osten entlang der Küste vor. Zugleich statteten die Europäer im Norden die Griqua und Kora mit Feuerwaffen und Pferden aus. Diese gemischten Gesellschaften unternahmen Raubzüge in die Region nördlich des Oranje, von denen sie Sklaven und Vieh mitbrachten. Beides verkauften sie an die Siedler. Einen Höhepunkt erreichten die Raubzüge der Griqua und Kora in den Jahren zwischen 1820 und 1840. Bei ihrem Vordringen nach Osten stießen die weißen Siedler auf die Xhosa, gegen die sie seit 1779 immer wieder Krieg führten.

Der Sklavenhandel über die Delagoa Bucht nahm erst nach 1823 bedeutende Ausmaße an, während die Konflikte in dieser Region bereits um 1817 ausbrachen. Die europäischen Sklavenhändler förderten jedoch die Auseinandersetzungen, um weiterhin von einem großen Angebot an Kriegsgefangenen als billige Ware zu profitieren. Damit trugen sie zu der Kontinuität der Gewalt bei.

Die weißen Siedler waren aus den gleichen Gründen auf Wanderschaft wie die Afrikaner. Die regelmäßig auftretenden Dürreperioden banden auch sie in den Wettstreit um fruchtbares Acker und Weideland ein.

Damit waren Europäer sowohl eine der Ursachen, als auch Teil der „Mfecane“.


Die "heiligen" Kühe

Die Rolle des Rindviehs im Leben vieler Völker des südlichen Afrika wird durch die Position der Vieh-Einfriedung, des Kraals, im Zentrum des Dorfes symbolisiert. Die Hütten sind jeweils im Halbkreis um die Einzäunung gruppiert.

Siedlung der Ndebele.

Fleisch und Milch des Viehs waren auch in der Zeit der Völkerwanderungen neben Produkten des Ackerbaus die Hauptnahrungsmittel. Schlachtung und Opferung des Viehs war das wesentliche Mittel, um mit den verstorbenen Ahnen Kontakt aufzunehmen und deren Unterstützung zu gewinnen. Darüber hinaus stellte das Vieh einen Angelpunkt des sozialen Lebens dar. So dienten die Rinder anstelle von Geld als Mittel zur Anhäufung von Reichtum und u.a. als Tauschmittel. Um heiraten zu können, mussten die Männer eine Anzahl von Rindern als Brautpreis entrichten.

Der Viehbesitz eines Haushaltes war das sichtbare Produkt zurückliegender Arbeit und der Schlüssel zu künftiger Produktion und Reproduktion.

Auch die politische Macht wurde vom Umfang des Viehbesitzes bestimmt, denn durch das Verleihen und Verschenken von Rindern konnte man Loyalitäten schaffen und seine soziale Stellung erhöhen. Somit trug das Vieh in seiner Eigenschaft als bewegliches Eigentum nicht nur zu der räumlichen, sondern auch zu der sozialen Mobilität der Gesellschaft bei.

Aufgrund dieser Menge an praktischen Bedeutungen ist es nicht verwunderlich, dass die Rinder im Denken und Handeln der Menschen zusätzlich einen idealisierten Wert, einen Wert an sich, gewannen. Sie wurden nicht religiös verehrt – waren keine heiligen Kühe –, aber die Menschen unternahmen für den Viehbesitz große Anstrengungen, die über seinen praktischen Nutzwert hinausgingen.


Lineages (Abstammungslinien) und Clans

Jede Afrikanerin und jeder Afrikaner gehört zu einer Lineage, einer Gruppe von Menschen, die ihre Abstammung auf einen bestimmten Urahn zurückführen.

Darüber hinaus gehöre jeder zu einem Clan, einer Gruppe von Lineages lockerer Verbindung, die durch den gemeinsamen Clan-Namen und bestimmte Clan-Lobgesänge ihren Glauben an die Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren ausgedrückt sehen.

Die Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer Lineage folgen strengen Regeln, die sich am Verwandschaftsgrad und an der Art der verwandschaftlichen Beziehung ausrichten. In diesem System stehen im allgemeinen die Älteren über den Jüngeren und im Fall der patrilinearen Gesellschaften des südlichen Afrika die Männer über den Frauen.

Verpflichtungen gegenüber Clan-Verwandten sind nicht so klar bestimmt wie gegenüber Mitgliedern der Lineage. Aber innerhalb des Clans sind Hilfe und Gastfreundschaft von besonderer Bedeutung.


Wer war Shaka Zulu?

Zeitgenössische Darstellung von Shaka Zulu (1836).

Im südlichen Afrika kommt den ältesten Männern dominanter Lineages meist eine besondere beratende Stellung beim politischen Oberhaupt eines Clans, dem Chief, zu (siehe Königsrat, „chief ’s council“ u.Ä.). Manchmal gibt es einen bestimmten alten Mann, der als Haupt der ältesten Lineage des Clans angesehen wird. Dieser kann unter außergewöhnlichen Umständen als Ratgeber fungieren oder den Vorfahren des Clans ein Opfer anbieten.

Abgesehen vom hier Genannten haben die Clans meist jedoch keine ausgeprägte Körperschaftsidentität („corporate identity“). Die Bande der Nachbarschaft sind dagegen bedeutend stärker. Aufgrund der Regel der Exogamie (Heirat außerhalb des eigenen sozialen Verbandes) gehören immer auch Mitglieder anderer Lineages zu den Nachbarn.

Shaka wurde ca. 1790 als jüngerer Sohn des Zulu-Fürsten Senzangakhona geboren. Zu dieser Zeit konkurrierten die Völker der Mthethwa und der Ndwandwe um die Vorherrschaft in der nördlichen Nguni - Region. Mit Hilfe des Oberhaupts der Mthethwa wird Shaka zum Führer der Zulu. Als dieser im Kampf den Ndwandwe unterlag und getötet wurde, sprang Shaka in die Lücke und dehnte seine Herrschaft aus. Damit begann der Aufstieg des Zulu-Staates, der zahlreiche kleinere Gruppen unter seiner Vorherrschaft vereinte und schließlich die Region dominierte. 1828 wurde Shaka im Zuge einer Intrige ermordet.

Obwohl Shaka ein autokratischer Führer mit herausragenden Talenten war, war er ebenso ein Produkt der weitreichenden sozialen und politischen Umwälzungen seiner Zeit.


Zwei Quellen zur "Mfecane"

Unter den schriftlichen Quellen der „Mfecane“- Zeit bieten sich die Aufzeichnungen zweier Männer an, die zusammen den Transvaal bereisten:

Robert Moffat (1795-1883) war ein Missionar der London Missionary Society (LMS), der durch seine Arbeit unter dem Volk der Thlaping in der Missionsstation Kuruman bekannt wurde. Als ein fähiger Linguist war Moffat dafür verantwortlich, dass Tswana die erste geschriebene südafrikanische Sprache wurde.

Kuruman war vielleicht die erfolgreichste Missionsstation der LMS. Es wurde eine Basis für weitergehende Missionierungstätigkeit und die weitere Erkundung des Landesinneren, die u.a. von Moffats Schwiegersohn David Livingstone durchgeführt wurde.

Moffat selbst unternahm zwischen 1829 und 1860 fünf Reisen, bei denen er eine Beziehung zu Mzilikazi, dem Oberhaupt der Ndebele, aufbaute. Über diese Reisen berichtete Moffat ausführlich in tagebuchartig verfaßten Briefen an seine Ehefrau Mary. Er schrieb auch an seinen Bruder Richard und die Direktoren der LMS sowie auf seiner letzten Reise an den Gouverneur des Kaps. Einen Teil seiner Erfahrungen faßte Moffat in seinem Buch „Missionary Labours and Scenes in Southern Africa“ (London, 1842) zusammen.

Auf seiner zweiten Reise (Mai-Juli 1835) begleitete Moffat den Militärarzt und späteren Generaldirektor der Medizinischen Abteilung der Britischen Armee Dr. Andrew Smith. Dieser sollte im Auftrag einer wissenschaftlichen Gesellschaft das Landesinnere bis hoch zum 20. Breitengrad südlich des Äquators erforschen. Dabei vermittelte Moffat gegenüber Mzilikazi, denn der Wanderstaat der Ndebele beherrschte zu dieser Zeit die Region nördlich des Vaal.

Smith verfasste ein Expeditionstagebuch, das später unter dem Titel „Andrew Smith’s Journal of His Expedition into the Interior of South Africa“ veröffentlicht wurde. Die parallelen Aufzeichnungen von Moffat und Smith laden zu einem Vergleich ein, der anhand mancher Widersprüchlichkeiten auf Irrtümer und Unsicherheiten der Europäer über die von ihnen beschriebenen Afrikaner hinweist. Smith bezeichnet beispielsweise die Leute von Mzilikazi als Zulu, während Moffat sie „Matabele“ (= Ndebele) nennt. Sehr unterschiedlich sind auch die Aussagen, welche die beiden über die Art der Herrschaft Mzilikazis machen. Moffat meint dazu:

„Seine Regierung war so weit ich sehen konnte die Essenz des Despotismus. Die Angehörigen seines Volkes sowie deren Besitz waren das Eigentum des Monarchen. Sein Wort war Gesetz und er brauchte nur den Finger zu heben oder die Stirn zu runzeln, und seine größten Adligen zitterten in seiner Gegenwart. Niemand schien ein eigenes Urteil zu haben; niemand traute sich, eine vom Souverän gehauchte Meinung zu leugnen. Wenn irgendjemand sich seiner Person nähern durfte, dann kam er gekrochen indem er seine Lobesnamen murmelte.“ (R. Moffat, S. 542-543)

Ein ganz anderes, differenzierteres Bild von Mzilikazis Regierungsform vermitteln die Bemerkungen Smith’s:

„Das Ausgesetztsein der „chiefs“ gegenüber der Möglichkeit, von ihren Untertanen verlassen zu werden, ist die Ursache für deren (= der Untertanen; d. Übers.) prinzipielle Privilegien.“ W.F. Lye (Hrsg.), Andrew Smith’s Journal of His Expedition into the Interior of South Africa, Kapstadt 1975, S.65)

Ein Beispiel für ein solches Privileg liefert Smith später:

„In den weniger wichtigen Liedern der Zulu (= Ndebele; d. Übers.) werden ungestraft Feststellungen gemacht und Gefühle ausgedrückt, die nicht direkt dem König zu Gehör gebracht werden konnten, ohne die sich beschwerenden Parteien, welche meist diese Lieder komponierten, in Schwierigkeiten und Gefahr zu bringen.“ (W.F. Lye, S.238)

Im Bericht von Smith findet sich eine Passage, welche die Ausbreitung der Gewalt während der „Mfecane“ anschaulich macht:

„In einigen der Lieder, welche die Ndebele sangen, während sie Mzilikazi aufwarteten, deuteten sie häufig gleichzeitig mit einem Ausdruck von Verachtung mit ihren Speeren nach Süden und wir vermuteten, dass diese Passagen sich auf Barend oder John Bloom (= zwei Führer d. Griqua, d. Übers.) bezogen, die in dieser Richtung lebten und prominente Rollen in ihren Erzählungen einnahmen. Auf unsere Fragen stellte sich jedoch heraus, dass dies nicht der Fall war. Gemeint waren die Xhosa, von denen sie befürchteten, dass sie von den Weißen aus ihrem Land verjagt würden, und dass sie dann möglicherweise die Zulu (= Ndebele; d. Übers.) angreifen könnten, um deren Rinder zu stehlen, aber wenn sie dies tuen würden, sollte diese Darstellung anzeigen, dass die Speere von Mzilikazis Krieger bereit wären, sich ihnen in den Weg zu stellen .“ (W.F. Lye, S.238)


Zwei Karten zur "Mfecane"

Karte 1 zeigt eine Rekonstruktion der Unruhen der 20er und 30er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die „Mfecane“ wird als eine heftige Auswärtsbewegung der Völkerschaften aus dem nördlichen nguni-sprachigen Kernland dargestellt. Dies spiegelt die Sichtweise der afrikanischen nationalistischen Geschichtsschreibung wieder. Dementsprechend wird hier als Ursache eine politische Explosion angenommen, die aus örtlicher Trockenheit und externen Handelsverbindungen resultieren soll. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich dabei auf die Entwicklung des Zulu-Staates.

Karte 1


Karte 2 zeigt im Gegensatz zu Karte 1 eine Summe von Ursachen der „Mfecane“, wobei auch die Rollen der Europäer und der Mischlingsgesellschaften berücksichtigt werden. Dieses Bild ergibt sich aus der neuen Geschichtsschreibung.

Karte 2


Glossar

Bantu - Sprachfamilie, die hunderte unterschiedlicher Sprachen im subsaharischen Afrika einschließt. In der Mitte des 17. Jahrhunderts lebten in Südafrika zwischen ein und zwei Millionen Bantu-Sprecher, die den größten Teil des fruchtbaren Landes in Anspruch nahmen.

Man unterscheidet in Südafrika vier Hauptgruppen von Bantu-Sprechern: Die Nguni lebten in der östlichen Küstenregion zwischen dem Indischen Ozean und den Drakensbergen, die Sotho-Tswana auf der Hochebene im Landesinneren westlich der Drakensberge, die Venda und Thonga im äußersten Norden und Nordosten des Landes.

Buthelezi - Mangosuthu Gatsha B. (geb. 1928). Zulu Politiker mit Abstammung vom letzten unabhängigen Zulu-König. 1972 wurde B. Chefminister von Kwazulu/Natal. 1975 rief er die Zulu-Organisation Inkatha ins Leben, die 1990 zur Inkatha-Freiheits-Partei (IFP) wurde. Im sogenannten Inkatha-Skandal 1991 kam zu Tage, dass die IFP im Geheimen von der Apartheidsregierung und konservativen Quellen in der BRD unterstützt wurde.

Griqua - Hirten hauptsächlich gemischter Khoikhoi und weißer Abstammung, die das Kap Ende des 18. Jahrhunderts verließen. Die Griqua waren beritten und besaßen Feuerwaffen, wodurch sie Anfang des 19. Jahrhunderts eine Vormachtstellung in der mittleren Oranje-Region errangen.

Highveld - Hochland westlich der Drakensberge.

Khoikhoi - Halbnomadisches Hirtenvolk, das seit 500 n.Chr. vornehmlich an den Küsten des Kaps, entlang des Oranje und in großen Teilen des heutigen Namibia verbreitet war.

Kora - Khoikhoi-Hirten, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts nördlich und südlich des Mittellaufs des Oranje siedelten. Durch den Handel mit der Kapprovinz waren sie mit Pferden und Feuerwaffen ausgestattet.

Kraal - (Portugiesisch-Afrikaans) Ursprünglich die Bezeichnung für das von einer Dornenhecke umgebene Viehgehege im Zentrum eines afrikanischen Dorfes. Von Europäern als Bezeichnung für das Dorf selbst gebraucht.

Ndebele - Mitte der 1820er Jahre durch Mzilikazi (ca. 1795-1868) gegründet, wuchs der Ndebele-Staat bis Anfang der 1830er zu einem mächtigen zentralisierten Gemeinwesen mit ca. 80.000 überwiegend sotho-sprachigen Untertanen, der sich über einen großen Teil des heutigen Transvaal erstreckte. Zunächst wanderte der Ndebele-Staat in westlicher Richtung, um dem Konflikt mit den Zulu zu entgehen. Als Reaktion auf die Raubzüge der Griqua und das Vordringen burischer Siedler wich das Königreich um 1838 in Richtung Norden über den Limpopo hinweg in das heutige Zimbabwe aus.

Xhosa - Gruppe von Nguni-Völkern im östlichen Kap und dem Transkei. In der Zeit zwischen 1779 und 1852 wehrten sich die Xhosa in sieben Kriegen gegen das schrittweise Vordringen der Europäer aus der Kapprovinz.

Hier aufgeführte ethnische Namen wie z.B. Kora, Xhosa oder Sotho meinen im Unterschied zu den ausdrücklich als Staaten bezeichneten Ethnien wie z.B. die Ndebele zunächst nur eine Gruppe mit einer gemeinsamen Sprache. Das heißt, hinter diesen Bezeichnungen können sich sowohl mehrere Gemeinschaften, als auch verschiedene politische Organisationsformen verbergen.


Literatur

Eine Übersicht über die historiographische Debatte bietet der Sammelband von Carolyn Anne Hamilton (Hrsg.), The Mfecane Aftermath: Reconstructive Debates in Southern African History, Johannesburg u. Pietermaritzburg, 1995.

Der darin enthaltene Aufsatz von Elizabeth A. Eldredge, Sources of Conflict in Southern Africa, c. 1800 - 1830: The Mfecane Reconsidered klärt insbesondere die Rolle der Sklaverei sowie der klimatischen Bedingungen.

Der ebenso enthaltene Aufsatz von Carolyn Hamilton, The Character and Objekts of Shaka: A Reconsideration of the Making of Shaka as „Mfecane“ Motor erhellt die tatsächliche Bedeutung von Shaka Zulu.

Die oben behandelten Quellen R. Moffat: Missionary Labours and Scenes. South Africa, London 1842 und W.F. Lye (Hrsg.): Andrew Smith’s Journal of His Expedition into the Interior of South Africa, London 1975 sind nur zwei Beispiele aus der großen Menge von Darstellungen europäischer Zeitzeugen.

Afrikanische Quellen liegen als Sammlungen von mündlicher Geschichtsüberlieferung und Zeitzeugenaussagen vor.


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