Probleme afrikanischer Staatenbildung im 19. Jahrhundert

Aus LernWerkstatt Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche
  • Autor: Helmut Bley
  • Erstveröffentlichung: Christmann, Helmut ed. Kolonisation und Dekolonisation. Referate des internationalen Kolonialgeschichtlichen Symposiums ‘89 an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Gmünder Hochschulreihe 8). Schwäbisch Gmünd 1989: VIII-XXV.
  • Diesen Artikel als pdf-Datei herunterladen (231KB)


Es mag Sie überraschen, daß Ihnen zur Einleitung einer Tagung über den Kolonialismus ein Vortrag über Grundprobleme der afrikanischen Staatsbildung im 19. Jahrhundert angeboten wird. In der Tat stammen die Überlegungen, die ich Ihnen hier präsentieren möchte, ursprünglich nicht aus einem kolonialgeschichtlichen Kontext, also etwa aus der Frage, auf welche Konstellation denn die Europäer stießen, als sie seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts zu formellen Kolonialgründungen in Afrika südlich der Sahara übergingen. Mir ging es vielmehr darum, für eine Konzeptionalisierung afrikanischer Geschichte einige leitende Kriterien zu entwickeln, mit denen sich Dynamik und Entwicklungstrends der afrikanischen Gesellschaften erklären und beschreiben lassen. Da es darum ging, möglichst gut dokumentierte Fälle zu erhalten, ergab sich eine Beschränkung auf die letzten 150 Jahre vor der europäischen Kolonialexpansion, weil die Geschichte Afrikas bis ins 18. Jahrhundert noch stärker unter nahezu spekulativen Annahmen zu leiden hat, als es selbst für diese späte Periode noch der Fall ist.

Ich stieß in der jüngeren Literatur über die unterschiedlichsten Gesellschaften und Systeme auf einen – man kann wohl sagen – revolutionären Entwurf afrikanischer Geschichte. Er besagt, daß die starre Vorstellung eines Afrikas der tribalen Gesellschaften eine unhistorische, im Grunde rassistisch-kolonialistische Konstruktion sei, die, um das Fachwort zu verwenden, Ethnizität als Organisationsprinzip afrikanischer Gesellschaften übertreibe. Ethnien im heutigen Sinne – etwa die Yoruba in Nigeria, die Nyakyusa in Tanzania, die Xhosa in Südafrika – seien Konstrukte, Ergebnisse von Kolonialpolitik. Die Welt, die die Anthropologen von Afrikas Organisationsprinzipien gezeichnet hätten, jenes strenge System von kinship- und lineage-Regeln, sei von sehr geringer Bedeutung im sozialen Alltag gewesen, jedenfalls weitgehend Fiktion bzw. Herrschaftsideologie der führenden Familien. Zugespitzt formuliert, seien Formen freiwilliger Assoziation, d. h. Geheimgesellschaften, Gilden, Stadtteilchefs, Freundschafts- und nachbarschaftliche Beziehungen, wichtiger als Abstammungszusammenhänge gewesen. Nun leugnet natürlich niemand, daß sich die afrikanische Tradition in der Sprache von Abstammungs- bzw. Verwandtschaftsbeziehungen ausdrückte. Aber die historische Realität hat sich weit weniger an ihnen orientiert. Außerdem läßt sich in vielen afrikanischen Gesellschaften zumindest bei den führenden Familien beobachten, daß das zur lineage gezählte Gefolge an Sklaven, Schuldknechten, Konkubinen, kurz die Fremden, eine auch zahlenmäßig große Rolle spielten, ganz zu schweigen von Heiratsallianzen, Blutsbrüderschaften und ähnlichen Methoden zur Erweiterung des Handlungsspielraums von Verwandtschaftssystemen. Die Kunst, Fremde in das Gesellschaftssystem zu integrieren, sei die wichtigste Voraussetzung für Machterweiterung, Entwicklung der Produktivkräfte und schließlich Basis für Staatsbildung gewesen. Die empirischen Erkenntnisse, die in diese Richtung weisen, sind eindrucksvoll.

Zugleich erleben wir in der sozialwissenschaftlichen Diskussion über das postkoloniale Afrika, daß der ethnische Faktor insbesondere von den afrikanischen Intellektuellen in ihrer Enttäuschung über die Krise der afrikanischen Nations- und Staatsbildung immer stärker betont wird.


Inhaltsverzeichnis

Ein Widerspruch?

Meine Ausgangsfrage ist: Wenn es denn so ist, daß das afrikanische Sozialsystem, trotz seiner Betonung des Idioms der Verwandtschaft eine besondere Kompetenz für die Integration des Fremden gehabt und sich den Umständen durch Uminterpretation der Regeln im Interesse von Herrschaftslegitimation etc. außerordentlich stark angepaßt hat, wenn die Fähigkeit, flexibel zu sein und Fremde zu integrieren, so ausgeprägt war, warum finden wir dann in der Geschichte der afrikanischen Staatsbildung so enorme Probleme, dauerhafte Institutionen, Bürokratien, Ämter, stehende Heere etc. über längere Zeit zu entwickeln und zu behaupten? Was sagt es aus, daß die Sprache der Verwandtschaft vorherrschend bleibt, was sagt es aus, daß in der Realität so viele Fremde in die lineages aufgenommen wurden?

Um dieser Frage nachzugehen sollen drei miteinander verschränkte Thesen erörtert und an drei Beispielen illustriert werden:


These 1: Die Behinderung von Institutionsbildung hat etwas mit der relativ großen Autonomie afrikanischer Agrarproduzenten zu tun und mit einer enormen sozialen Phantasie, miteinander konkurrierende kleinräumige Netze von lineage-Strukturen und Assoziationen flexibel nach Lage der Umstände zu nutzen, zu wechseln und neu zu interpretieren, was Institutionalisierung durch Herrschaft erheblich erschwert.
These 2: Die afrikanischen Produzenten sind zugleich in ihrer ökonomischen, ökologischen und sozialen Existenz außerordentlich verletzlich.
These 3 (die in diesem Text stark in den Vordergrund rücken wird): Zur Verstetigung von Institutionen und für die Entwicklung stabiler Staatsstrukturen bedarf es Kontinuität; die Periode, die uns hier interessiert, die Zeit von ca. 1750 bis 1890 bot diese Kontinuität nicht, sie war vielmehr eine Periode, die destruktiv war und für die Konsolidierung von Institutionen kaum Zeit gab.


Einige kurze Bemerkungen zu den Thesen 1 und 2: Es gibt Gründe für die These, daß in Afrika eine strukturell besonders ausgeprägte Verletzlichkeit der Agrarproduzenten bestand. Es ließe sich hinweisen auf die besonders geringe Produktivität auf Grund der verfügbaren Nutzpflanzen sowie auf die klimatischen und ökologischen Risiken. Insbesondere aber bestanden Probleme bei der Kontrolle von Arbeitskräften in einem Kontinent, wo Land im Übermaß vorhanden war und damit Ausweichen und Autonomie der Produzenten große Chancen hatten.

Diese Autonomie hatte aber einen Preis. Sie stand unter einem besonderen Existenzrisiko, so daß die gesamte Lebensstrategie auf das Überleben in Krisen konzentriert werden mußte. Wenn die tötende Hungerkrise nur einmal in der Generation auftrat, eine Seuche nur in großen Abständen viele einzelne Überlebende isoliert ließ, oder Männer, Kinder und insbesondere Frauen durch andere Umstände, vor allem durch frühzeitige Verwitwung, Verwaisung, durch Seuchen, Krieg und Versklavung, durch Schuldknechtschaft in Notfällen, aus der Sicherheit der lineage herausfielen, dann war das die eigentliche Katastrophe.

Einerseits erzwang die Krisenstrategie ein Festhalten an der Referenzgruppe, die einen im Notfall unterstützte – Verwandtschaft, auch fiktive Verwandtschaft, selbst die Zugehörigkeit als Haussklave zur lineage, schuf gewisse Garantien.

Andererseits wird deutlich, daß es in diesen Agrargesellschaften viele Gelegenheiten gibt, aus dieser Sicherheit herauszufallen, vereinzelt zu werden, daß Schutz in einer neuen Gruppe gesucht werden muß bzw. man in der Katastrophe der Vereinzelung der Unterwerfung und Inkorporierung in eine fremde lineage ausgeliefert ist.

Das heißt aber auch, daß Zeiten, in der einzelne und Kleingruppen aus ihren Gesellschaften herausgedrängt wurden, besondere Chancen für Gefolgebildung boten, was das Überschreiten von klassischen lineage- Grenzen bedeuten konnte, kurz, daß Chancen zur Staatsbildung auf der Grundlage neuer Integrationsmechanismen entstanden, denn Überleben war prinzipiell nur Mitgliedern der Community möglich, nicht Individuen oder Kernfamilien.

Das 18. und 19. Jahrhundert hat nun für Afrika in praktisch allen Regionen in außerordentlich starkem Umfang Verwundbarkeiten gesteigert, Menschen isoliert und den Zwang, neue gesellschaftliche Wege zu finden, enorm gesteigert.

Die Periode zwischen ca. 1750 und 1860 ist durch vielfältigste Staatsgründungs- und Staatsausweitungsprozesse geprägt. Man kann geradezu von einer Kette politischer Revolutionen sprechen, zum Beispiel von der politischen Dimension der islamischen Revolution im Westsudan von Senegambien bis Kamerun zwischen 1750 und 1860, von den Yoruba-Kriegen in Nigeria als ihrer indirekten Folge. Ein anderer Fall ist die Mfecane im südlichen Afrika von ca. 1818 bis 1838, mit Ausstrahlungen weit nach Tanzania und Zambia. Auch die Entwicklung der Großkarawanen unter dem Einfluß von Zanzibar seit ca. 1830 führt in Ostafrika zu Staatsbildungen mit Kriegsfolgen von Kenya bis nach Zaire. Dieser Prozeß verknüpfte sich mit entsprechenden Karawanensystemen Angolas zu einem außerordentlich destruktiven System. Sämtliche Prozesse waren mit erheblicher Ausweitung von Gewaltanwendung verbunden und vermischten sich seit der Jahrhundertmitte mit der wachsenden europäischen Intervention. Frankreich wurde in Senegambien seit den vierziger Jahren militärisch aktiv, ebenso England in Nigeria. Die südafrikanischen Händler und Konquistadoren expandierten intensiv seit den zwanziger Jahren. Europäische Intervention in das zanzibarische Handelssystem erfolgte seit den dreißiger Jahren – sie war auch Folge der Antisklavereibewegung und der Umschichtung des Sklavenhandels seit dem Aufstieg Brasiliens als Hauptabnehmer für Sklaven während und nach den Napoleonischen Kriegen. Seit ca. 1750 in Westafrika, spätestens seit 1815 im südlichen und östlichen Afrikas entstand ein verstärktes Sicherheitsproblem für die Menschen in Afrika südlich der Sahara. Diese Periode ging in die frühe Kolonialzeit und deren gewaltsame Übergriffe über, bis nach strategischen Niederlagen der meisten Völker und trotz – allerdings regional begrenzter – militärischer Aufstände gegen die Maßnahmen der Kolonialherrschaft ich die pax colonialis durchsetzte, auch wenn Formen des Widerstandes unterhalb der Schwelle des Krieges und der bewaffneten Aktion verbreitet blieben. Es entstand so etwas wie Landfrieden. Man kann das konkret an der Siedlungsweise sehen: Entstanden am Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitet befestigte Dörfer, nahm im 20. Jahrhundert die Streusiedlung (natürlich parallel zur Urbanisierung) wieder zu. Was sind hierfür die Hauptgründe?

Die Jahre 1750 bis 1860 waren die Boomjahre des Sklavenhandels. Mehr als 80 Prozent der versklavten Menschen wurden in dieser Periode gehandelt – d.h. im wesentlichen nach Aufkommen der Diskussion um die Abschaffung des Sklavenhandels mit den Schlüsseldaten 1807 und 1833. Die Intervention der britischen Flotte (1840) gegen den westafrikanischen Sklavenhandel verschärfte außerdem zu-nächst das Problem: In Westafrika kam es zur Intensivierung und Institutionalisierung von Sklaverei für die innerafrikanische Produktion und für die ersten Exportprodukte. Es folgte die Verlagerung der Sklaverei nach Angola, Moçambique und Tanza- nia. Ein Nebenprodukt war die aggressive Suche nach alternativen Arbeitskräften in Südafrika, nicht nur durch die Vortrekker, sondern auch durch die kommerzialisierte Agrarwirtschaft der Kapkolonie. In derselben Weise ist in jüngster Zeit durch Julian Cobbing auch die zunächst nur aus innerafrikanischen Gründen erklärte Mfecane, die Kriegswirren um den Aufstieg des Zulureiches, interpretiert worden.[1]

Diese destruktive Tendenz im 19. Jahrhundert trug maßgeblich zur Diskontinuität und Instabilität von Staaten bei. Damit verschärfte sich das Sicherheitsproblem für die Menschen erheblich. Die Gründe hierfür lagen in einer Reihe miteinander verbundener Phänomene:


1. Beide Handelsgüter, Sklaven wie Elfenbein, waren instabile Ressourcen: sowohl Rekrutierungsgebiete wie Märkte und Häfen für Sklaven verlagerten sich, Jagdgebiete der Elefanten erschöpften sich – und damit verschoben sich auch Interessen- und Einflußzonen.

2. Im südlichen und östlichen Afrika, wahrscheinlich aber auch am Sahelrand, kam es zur Ausweitung der überregionalen Vermarktung von Vieh. Dies führte insbesondere im südlichen und östlichen Afrika zu systematischen Jagden auf Vieh durch afrikanische und europäische Gruppen.

3. Neue militarisierte Großgruppen wurden zum Instrument der Aneignung von Sklaven, Elfenbein und Vieh:

  • die bewaffnete Großkarawane von bis zu 600 bis 1000 Personen (kennzeichnend für Ostafrika und Teile Zentralafrikas);
  • das „Kommando“, bis zu Hunderten zählende, oft berittene und mit Gewehren bewaffnete Gruppen mit starker ethnischer Heterogenität, einschließlich weißer Beteiligung. Ihren Schwerpunkt bildete das südliche und östliche Afrika, jedenfalls dann, wenn man eine Abgrenzung zum Brigantentum vornimmt;
  • die Regimentsverfassung der Nguni und ihrer Nachahmer im südlichen Afrika;
  • die bewaffnete Kanuflotte auf dem Niger, der Lagune von Lagos und auf dem Victoria-See;
  • die älteren Kavallerieheere des Westsudan, die weit in den Süden vordrangen;
  • die entsprechenden Organisationsformen der kolonialen „Entdecker“ und „Pioniere“. Sie nutzten ebenfalls die bewaffnete Karawane und das berittene Kommando, statt des Kanus die mit Maschinengewehren bewaffnete Dampfbarkasse auch bei scheinbar friedlichen Expeditionen, und fügten bei militärischen Konflikten und „Strafexpeditionen“ die Taktik der verbrannten Erde hinzu.


Diese Großgruppen waren sozusagen mobile Armeen, die sich aus dem Lande ernährten. Sie trugen durch die Weiträumigkeit ihrer Bewegungen neue Seuchen für Menschen und Vieh in jene Teile Afrikas, die noch nicht virologisch und bakteriologisch an die Welt angeschlossen waren. Das heißt, Masern, Lungenseuche, Rinderpest und wahrscheinlich auch die weniger beachtete Tuberkulose wurden zu den großen Tötern dieser Periode. Durch die Aufgabe der Streusiedlung verbreitete sich der Busch, und damit weiteten sich die Tsetsefliegengebiete und damit die Schlafkrankheit endemisch aus.

Auch die gesteigerte Aggressivität im Austragen der Konflikte, so beim Übergang vom begrenzten Interclan- Krieg zu Vernichtungsstrategien, erklärt sich aus der Instabilität des Systems. Durch Rückgang der Elefantenherden und durch die Wechselfälle der Konjunkturen für Sklaverei und Antisklavereipolitik gerieten jene politischen Einheiten, die die Karawanen und Kommandos organisierten, in Existenzkrisen. Die eskalierenden Konflikte bedrohten um so stärker Gesellschaften, die der Militärrevolution nichts entgegenzusetzen hatten und deshalb ihre weniger konzentrierten und organisierten Systeme kaum behaupten konnten.

In der aktuellen Debatte über die Rolle von Ethnizität in der afrikanischen Geschichte und Gegenwart werden diese Zusammenhänge verstärkt aufgegriffen. Ich kann das in diesem Zusammenhang nicht vertiefen, möchte jedoch auf Robert Papsteins Analyse zur Zambesi-Region seit 1830 verweisen.[2]

Er schreibt die Geschichte des ethnischen Bewußtseins als Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Aus dem Partikularismus der frühen lineages habe sich zur Wahrnehmung eines vergrößerten sozialen Feldes im späten 18. und im 19. Jahr-hundert eine erweiterte Identität gebildet, in der sich Loyalitäten nun auf der Basis ähnlicher Sprachen und Kulturen bildeten und sich mit den primären sozialen und ökonomischen Bindungen an lineages und Clans verknüpften.

Was sich nun so dramatisch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geändert habe, sei, so Papstein, daß ein ehemals langsam sich entwickelndes ethnisches Selbstbewußtsein in eine neue härtere tribale Struktur transformiert wurde. Zu den wichtigsten frühen Gründen für diese Transformation habe die Furcht gehört, die durch den Sklavenhandel verursacht worden sei. Sie habe bewirkt, daß sich Menschen aus kleinen, auf lineages basierenden Dörfern in große befestigte Orte zurückgezogen hätten und so stärker als früher durch mächtige Chiefs kontrolliert wurden. Der Nachdruck auf ethnische Identität war ein Element des Schutzes gegen die Versklavung, denn Versklavung eines Mitgliedes des Gefolges eines Chiefs durch Fremde gefährdete die Basis seiner neuen Autorität und Legitimität, Schutz zu gewähren. Der frühe Kolonialismus hat diese Tendenzen verändert. Papstein argumentiert, daß die Entwicklung schwacher Protostaaten durch die koloniale Expansion auf dieser erweiterten ethnischen Basis abgewürgt wurde; zugleich sei diese Ethnizität durch koloniale Herrschaftstechniken verschärft worden. Ranger und Iliffe haben ebenfalls diskutiert, daß „Stämme“ im Interesse der kolonialen Verwaltung entpolitisiert und als „unpolitische“ Einheiten geradezu erfunden wurden und daß afrikanische Machteliten sich gleichzeitig aus Mangel an politischer Mitbestimmung im Zentrum der Macht auf einen regionalen Ethnozentrismus zurückzogen.[3]

Diese Zusammenhänge von verstärkter Verwundbarkeit, Gefolgebildung, Staatsbildung einerseits und der Wirkung der Diskontinuitäten, die die Entfaltung einer neuen afrikanischen Gesellschaftsstruktur behinderten, andererseits sollen an drei Beispielen erläutert werden:

  • an der Entstehung eines Staates in den Usambarabergen Tanzanias seit dem 18. Jahrhundert,
  • an der Destabilisierung und Reintegration dreier Dörfer in Ostzaire und
  • am Schicksal einer Frau an der Grenze zwischen Zambia und Tanzania.


Die Entstehung eines Staates in den Usambarabergen

Die Shambaa[4] sind ein Bergvolk im Norden Tanzanias. Anders als in den Steppengebieten mit unregelmäßigem Regenfall boten die Bergländer vielseitige landwirtschaftliche Produktionsmöglichkeiten. Hauptpflanze war die Banane, die in den Bergländern, in die sie, aus Südasien stammend, ca. 1500 eingeführt worden war, unterstützt durch ein Bewässerungssystem abgeleiteter Bergbäche außerordentlich gut gedieh. Ihre Blätter boten Grünfutter für das Vieh, das teilweise in Stallfütterung gehalten wurde, so daß auch Dung konzentriert anfiel. Baum- und Bananenstaudenbestand waren weit genug gestreut, so daß ergänzende Gemüsepflanzen und Getreide, insbesondere die seit ca. dem 18. Jahrhundert aus Lateinamerika übernommene eiweißhaltige Bohne und der Mais, angebaut werden konnten. Dieser Schub in der Nahrungsmittelproduktion ist zweifellos einer der langfristig angelegten strukturellen Gründe, daß die materiellen Voraussetzungen für eine Überschußproduktion und damit auch Staatsbildungschancen wuchsen. Wenn auch die Bodenverhältnisse verschieden waren, Hochebenen durchaus weniger Ertrag bringen oder Landschaften im Regenschatten liegen konnten, so daß landwirtschaftlich strategische Zonen sich als Herrschaftskern anboten, so waren doch die Möglichkeiten zur Herrschaftsbildung bis ins 19. Jahrhundert sehr begrenzt. Die lineages der verschiedenen Täler und Hügelgruppen konnten durchaus autonom wirtschaften und den Austausch wichtiger Handwerksgüter und des Salzes ohne Zentralisierung von Herrschaft organisieren. Offensichtlich kamen beim Staatsgründungsprozeß der Shambaa äußere Anlässe hinzu: Er ergab sich aus der Expansion der Masai, eines mobilen Hirtenvolkes in den Ebenen Nordtanzanias und Kenyas, das, durch ein System der Altersgruppen militärisch hoch organisiert, sich die Überschüsse der Bauern am Fuß der Berge aneignete und im Wechsel der Jahreszeiten die Berghänge als Reserveweiden in Anspruch nahm. Diese Bedrohung verstärkte die Tendenz, daß die Besiedlung der Berge und Hochebenen aus Sicherheitsgründen vorangetrieben wurde und sich zugleich ein Bevölkerungsdruck abzeichnete. Zugleich entstanden in den unteren Hanglagen größere befestigte Orte, die vor den Überfällen der Masai schützen sollten. Dies bildete verstärkte Ansätze zur Herrschaftskonzentration. Denn die Gruppen, die sich aus den gefährdeten Tieflagen in die Berge zurückzogen, waren kampferfahren, organisierter und mußten ihre Landansprüche in den Bergen gegenüber den Altsiedlern oft mit Gewalt durchsetzen. Diese Entwicklung trug die allgemeine Unsicherheit der Ebenen in die Berge. Aus der Ebene einwandernde Klans, die Kilindi, nutzten diese Situation zur Herrschaftsbildung. Sie hatten die Abwehr gegen die Masai organisiert und vermittelten zwischen den aus der Ebene flüchtenden Neu- und den Altsiedlern. Als Beleg für diese Vermittlerrolle läßt sich ein Element der Rechtsprechung deuten: Es konnte nur verurteilt werden, wer ein Geständnis ablegte. Lediglich der König der Kilindi-Dynastie konnte ohne Geständnisse aburteilen, d.h. über das Selbstverständnis und Rechtsgefühl der unterschiedlichen Rechtstraditionen und Interessen entscheiden. Kennzeichnend dafür, daß die Kilindi zwei Bevölkerungsgruppen einten, war es, daß sie die Vorschriften für den Ahnenkult beider Bevölkerungsteile beachteten. Die Bergbauern erhielten eine Reihe von Ämtern, die Hauptorte allerdings wurden von den Söhnen des Königs als Statthalter besetzt.

Die zentrale Stellung als Gerichtsherr kam auch für Gefolgebildung und den Aufbau der Streitkraft zur Geltung. Die Rechtspraxis der Könige spiegelt die Krisenlage und das Sicherheitsproblem im weiten Umfeld des Shambaakönigreiches wider: Neben Vieh auch Menschen als Kompensationszahlung an den Hof zu geben, wurde Bestandteil der Strafen, sozusagen als Gerichtsgebühr. Noch deutlicher wird diese Praxis daran, daß Menschen, die der Hexerei beschuldigt wurden, die Auflage erhielten, am Hofe zu leben – das heißt, die in Krisenzeiten Ausgegrenzten fanden Schutz beim König. Daß dieser so offensichtlich in der Lage war, diese Hexen zu kontrollieren, steigerte seine rituelle Macht. Auch wer des Diebstahls überführt wurde, wurde verurteilt, am Hofe des Königs zu leben, für ihn zu produzieren und Kriegsdienst zu leisten. Auch dieses um sich greifende Diebeswesen deutet auf Krisenlagen jener Zeit. Schließlich schlossen sich entlaufene Sklaven, die sich aus der Küstenzone Tanzanias in die Berge geflüchtet und teilweise Dörfer gegründet hatten, dem Schutz des Königs an oder gingen an den Hof. Hinzu kamen offensichtlich landlose, an ihre lineage-Ältesten verschuldete oder sonstwie zu Außenseitern gewordene Menschen. Sie galten als „Sklaven“, d.h. sie waren lineage- los, mußten sich der Königs-lineage als Gefolge anschließen, führten aber eine selbständige Bauernwirtschaft. Der in den Bergen liegende Königssitz Vhuga wurde so zu einem neuen Zentrum mit hoher ritueller Anziehungskraft.

Allerdings kam es nicht zu einer Konsolidierung – auch dieses Königreich war ein Ergebnis einer umfassenden sozialen Krise – Hexen, Diebe, entlaufene Sklaven und vor den Kämpfen in der Ebene Flüchtende deuten darauf hin.

Eine grundlegend neue Lage entstand, als die Großkarawanen von Tanga am Bergmassiv vorbei nach Norden zogen. Die Kampfkraft der Masai wurde teils gebrochen, teils zogen sie sich wegen einer internen Krise zurück. Die Ebene bzw. die unteren Hänge gerieten in das Zentrum des Geschehens. Vergeblich versuchten die Könige, die Handelskontakte auf den isolierten Hof in Vugha zu lenken. Sie betrieben überregionale Außenpolitik, beeinflußten die Besetzung von Führungspositionen im Hafen von Tanga und entlang des Pangani-Tales, das als Durchzugsroute durch die Berge diente. Man beschäftigte bei Hofe einen Swahili- Schreiber und versuchte mit all diesen Maßnahmen insbesondere den Textil- und Gewehrhandel auf den Hof zu konzentrieren. Indessen, abgelegen von der Handelsroute, ließ sich eine solche Monopol-Politik nicht durchsetzen. Der Ort Mazinde am Fuß der Berge, regiert von einem der Söhne als Statthalter, wurde zum informellen Zentrum des Reiches. In Vugha war das rituelle Zentrum, in Mazinde, wie gesagt wurde, „waren die Gewehre“. Im Grunde drehte sich sogar die Siedlungstendenz um, weil in der Nähe der Route Nahrungsmittel für die Versorgung der Karawanen angebaut wurden. Bei der Nachfolgeregelung nach dem Tode des Königs Kimeri übernahm der älteste Bruder des Königs Mazinde. Er forderte die Autorität des Enkels, der Nachfolger in Vugha geworden war, heraus, indem er das zentrale Recht des Königs, die Sicherheit für Flüchtlinge in Vugha zu garantieren, in Frage stellte. Sofern es sich um seine Leute handelte, forderte er diese zurück. An diesem zentralen Punkt der Gefolgebildung brach der Krieg zwischen beiden Dynastiezweigen aus. Zwar gewann der Herr von Mazinde, Teile der Besiegten setzten indessen den Krieg fort, der sich mit der chaotischen Anfangszeit der deutschen Besetzung Ostafrikas in den achtziger Jahren überlagerte. Zunächst wurde er zu Sklavenjagden genutzt, dann erreichten die Auswirkungen des Krieges der Küstenbevölkerung Tanzanias gegen die deutsche Besatzung Ende der achtziger Jahre Usambara. Deutsche Karawanen wurden geplündert, so daß, um die Karawanenroute zu sichern, 1890 in Mazinde eine deutsche Militärstation errichtet wurde, die der König hinnahm, weil er sich militärisch unterlegen fühlte. 1895, beim Tode des Königs in Vugha, nahmen die deutschen Offiziere ihre Chance wahr. Sie konfiszierten die Waffen des verstorbenen Königs, und als dessen Nachfolger einen Nichtadligen hinrichten ließ, weil dieser Ehebruch mit einer der Frauen des Königs vollzogen hatte, klagten die deutschen Offiziere den König wegen Mordes an und hängten ihn in Anwesenheit des Kilindi- Adels. Der Nachfolger war König von Deutschlands Gnaden. Seine Hauptaufgabe war, Arbeiter für die deutschen Plantagen in den Usambarabergen zu rekrutieren. Im Juli 1896 hörte ein Missionar eine Frau aus Vugha sagen: „Wo einst ein Löwe saß, ist nun ein Schwein.“ In den Schlußworten von Feierman wird der Umfang der Katastrophe deutlich, er schrieb:

„1899 traf Usambara eine schreckliche Hungersnot. Die Menschen aßen Baumwurzeln und Bananenstrunke und Hunderte wurden Christen, um ihren Magen zu füllen. 1898 brannte die eine Hälfte von Vugha ab, 1902 die andere. Die Stadt hatte auch in der Vergangenheit oft gebrannt und war immer wieder aufgebaut worden, aber nach 1902 nicht mehr. Die Stadt verschwand. Die Shambaa fühlten sich am Ende des Jahrhunderts als ein geschlagenes Volk“.


Ein Dorf im östlichen Zaire in der Krise: Lupupa Ngye[5]

Bei seinem Versuch, die Weltvorstellungen der Menschen des Dorfes Lupupa Ngye in Ostzaire in den 1960er Jahren zu rekonstruieren, sah sich der Anthropologe Alan Merriam mit der mehr als dreißigjährigen Krise Ostzaires konfrontiert. Er stellte fest, daß Dorf und politische und soziale Struktur sehr neu waren. Die Erinnerungen an die Anfänge der führenden Familie und die Amtsträger des Dorfes gingen nicht weiter als bis 1892 bzw. 1906 zurück, als das Dorf gegründet wurde. Selbst in den Schöpfungsgeschichten, obwohl sie theoretisch weit über 1892 zurückverwiesen, kam die Zeit vor der Krise nicht vor. Das Dorf teilte die Erfahrungen des Volkes der Basongy, von denen viele teils vernichtet, teils vertrieben worden waren. Nicht nur die größeren sozialen Zusammenhänge der lineage-Systeme 5 Alan P. Merriam, An African World. The Basongye Village of Lupupa Ngye, Bloomington 1974. waren zerrissen worden, sondern auch einzelne Familien wurden zerstreut und hatten isoliert Zuflucht in Waldsiedlungen gefunden. Erst zwischen 1900 und 1920 begannen sich die zerstreuten und verängstigten Menschen neu zu organisieren. Die Konsolidierung einer neuen Gesellschaft, selbstverständlich mit Rückerinnerungen und Anknüpfungen an die Gründungszeit um 1900, fand ab 1920 statt und war nach Merriams Urteil auch in den sechziger Jahren noch nicht beendet. Das, was er als „Basongye-Gesellschaft“ vorgefunden hatte, war damit Ergebnis einer relativ neuen Entwicklung.

Die ersten europäischen Reisenden, unter ihnen der spätere deutsche Reichskommissar in Ostafrika Wissmann, schilderten 1886 die Basongye Dörfer als groß, in dichtbesiedelten Gebieten liegend, mit bewässerten Feldern sich bis zu 15-17 km erstreckend. Nur acht Jahre später reiste Cameron durch verwüstete und entleerte Dörfer. Chaltin schrieb 1897, das Land, früher fruchtbar, wohlhabend und bevölkerungsreich, böte das Bild einer riesigen Leere. Die gesamte Region sei ruiniert und verlassen, viele Menschen suchten Schutz in der Tiefe der Wälder, sie wären zu Nomaden- und Brigantentum gezwungen, um nicht zu verhungern. Der Reisende Laurent schilderte 1895 die alten Plantagen der Basongye als von der Baumsavanne überwachsen. Dementsprechend verbreitete sich die Tsetsefliege. 1900 wurden die ersten Fälle von Schlafkrankheit für das Gebiet gemeldet. Le Marinel berichtete 1888, daß viele an den Masern und an Unterernährung starben und den Hungernden Akte von Kannibalismus nachgesagt würden.

Wissmann wußte 1891 von Versuchen der Dorfleute, ihre Felder aus dem Schutz ihrer Waldverstecke heraus zu bearbeiten. Sie mußten aber immer wieder hinnehmen, daß die Ernten geplündert und die Männer bei der Verteidigung ihrer Felder fielen oder versklavt wurden. Auch er berichtete über tödliche Masernseuchen und Hungersnöte. Nach den Sklavenkriegen und den belgisch-arabischen Kämpfen blieb die Unsicherheit zumindest ein weiteres Jahrzehnt bestehen, nun durch Brigantenbanden geprägt.

Das Dorf Ngye lag in einem umkämpften Gebiet. Eine der ersten Schlachten fand nur wenige Meilen vom Ort entfernt statt, und Karawanen müssen direkt durchgezogen sein. Alte Leute berichteten von den Schrecken der Überfälle, zeigten ihre markierten Ohren, mit denen ihr Sklavenstatus und ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Eigentümer gekennzeichnet worden war. Die Chronologie der Leute in Ngye orientiert sich an der Erinnerung an Ngongo Lutete, einen besonders grausamen Sklavenjäger, „ the worst man in the world“. Aber die Erinnerung an die genaue Lage der alten Wohnorte und an die genealogischen Zusammenhänge der führenden Familien sind „vergessen“, d.h. offen sichtlich verdrängt, weil sie die Rekonstruktion der sozialen Ordnung des Dorfes nach dem Desaster mit neuem Dorf und neuen führenden lineages stören würde. In der Schöpfungsgeschichte der Bala, Leuten aus vier Dörfern, zu denen Ngye gehörte und die die meisten Dorfältesten stellten, mag das zentrale Ereignis auf die Katastrophe hinweisen:

Als der Schöpfer Mulope Kamusenge erklärte: „Ich habe die Leute geschaffen. Ich habe alles geschaffen“, erhielt er die Nachricht von einem Mann, der behauptete, er habe dennoch etwas vergessen. Mulope ließ ihn suchen und zu sich bringen: „Bist Du die Person, die mir geantwortet hat, ich hätte etwas vergessen?“ „Ja.“ „Was habe ich vergessen?“ „Du hat vergessen uns zu erklären, warum wir sterben müssen.“ „Ja ihr müßt sterben, weil ihr sonst keine Kinder bekommen könnt. Wenn ihr sterbt, kommt ihr als Kinder auf die Welt zurück.“

Die Gründungsgeschichte des Dorfes selbst beginnt mit der Niederlage Ngongos 1892 und der Flucht Yakalalas aus dessen Sklavenarmee. Er fand einige Leute, die er kannte. Sie hatten ihre Dörfer verlassen und waren in den Wald geflohen. Die Leute lebten noch verstreut. Einer der Dorfältesten berichtete, die Idee, alle Leute in einem Dorf zu konzentrieren, sei den Europäern abgesehen und auf einer Versammlung der lineage-Ältesten durch Mulenda von Bena Yewusha vorgeschlagen worden. Als Gründungszeit sind die Jahre kurz nach 1900 am wahrscheinlichsten. Eine andere Erklärung war, daß Yankamba, 1911 gestorben, der wirkliche Organisator des ersten zentralen Dorfes und erster Chief war. Er hätte die Leute als Schutz gegen Leoparden in einem Dorf zusammengezogen. Eine der von den Dorfleuten in Ngye benutzte Deutung der Herkunft des Dorfnamens ist Leopard, weil sie die Mentalität von Leopar- den hätten. Andere meinten, man habe den Wald verlassen müssen, weil sich die Schlafkrankheit ausbreitete, eine Aussage, die sich mit den Verbreitungsdaten der Krankheit deckt.

Sämtliche Deutungen behandeln die Krise: sich sammeln am Ende der Kriegszeit, die Furcht vor den Leoparden, denen man sich ähnlich fühlt, also die Reaktion auf Brigantentum und Hexenängste, dann das Ausweichen vor der Schlafkrankheit und schließlich die Behauptung, man habe die Siedlungsform der Europäer nachgeahmt. Letzteres ist eine Fortsetzung der Verdrängungsmechanismen, da man vor der Katastrophe – allerdings in anderer Gruppenidentität – schon in großen Siedlungen gelebt hatte. Alle Gründungsgeschichten, die von Angehörigen verschiedener lineages überliefert wurden, nennen im wesentlichen den gleichen Personenkreis, der um 1900 ca. 20 bis 30 Jahre alt war und als Gründer der vorherrschenden lineages der Gegenwart gilt. Das heißt, die offizielle Geschichte der Bala begann mit dem Wiederaufbau. Die nun führenden Familien waren allein erwähnenswert, nicht die Familien vor der Krisenzeit. Relevant war die Traditionsbildung der neuen Führungsschicht. Dabei war der Prozeß der Konsolidierung schwierig und langwierig.

Auseinandersetzungen um Frauen und um die Herrschaftsansprüche einzelner lineage-Chiefs führten nach dieser Tradition zur Abwanderung von lineages und Gründung weiterer Dörfer, darunter auch Ngye um das Jahr 1906. Erst 1959/68 wurde durch erneute Entscheidungen zur Um- und Rücksiedlung, schließlich zu den Wohnsitzen vor der Krise, die Spaltung der Dörfer überwunden. Über einen neuen Wohnsitz wurde verhandelt, weil offensichtlich das Glück den alten Dorfplatz verlassen hatte. Angeblich häuften sich unerklärliche Todesfälle, Frauen bekamen weniger Kinder als üblich, viele Menschen hatten schlechte Träume. Außerdem waren die gepflanzten Bäume so gewachsen, daß der Schatten das Land „kalt“ machte, d.h., die Savanne dem Wald zu ähnlich wurde. Die Überl egungen des Jahres 1959 zogen sich bis 1960 unmittelbar vor der Unabhängigkeit hin. Als deren Ergebnis wurde befürchtet, daß die alten Kriegszeiten wiederkommen und die benachbarten Baluba angreifen könnten. Das geschah zwar nicht, aber alle drei Dörfer siedelten 1964 an einen gemeinsamen Ort, nur wenig vom alten entfernt, bis dann nach Konflikten mit dem neuen Staat, die zur Absetzung des Chiefs führte, der alte Dorfplatz auf der Hügelkuppe wieder besetzt wurde.

Die Geschichte dieses Dorfes macht deutlich, wie sich tief die Krise des 19. Jahrhunderts ausgewirkt hat und das historische Bewußtsein prägte. Es ist überdies eines der vielen Beispiele dafür, mit welcher Vorsicht Genealogien und Kinship-Systeme betrachtet werden müssen. Die historische Fiktion eines Anfangs, der die Geschichte vor der Krise ausblendete, diente dem inneren Frieden und der Konsolidierung der führenden Familien. Der politische und soziale Diskurs mit den Begriffen des lineage-Konzeptes ist stets auch Teil des Kampfes um ideologische Vorherrschaft und, bei allem Realitätsbezug zu tatsächlichen verwandtschaftlichen Beziehungen, auch manipulierte Fiktion.

Es paßt in dieses Bild der Flexibilität des lineage-Konzeptes, daß ergänzende soziale Institutionen entstanden. In den Dörfern der Bala war das Konzept der formalisierten Freundschaft ein Grundprinzip. Es ist kein Zufall, daß es gerade in dieser Zeit der Rekonstruktion und Konsolidierung dieser kleinen Gesellschaft ausgeprägt zur Geltung kam. Aber derartige Freundschafts-Systeme finden sich bei vielen Völkern, die durch Wanderungen, Vertreibungen und Abspaltungsprozesse auf Hilfe, von Fremden angewiesen waren. Gerade Siedlungsgründungen benötigen mehr Hilfe als mit dem Organisationsmuster des lineage-Konzeptes geleistet werden konnte. Es verwundert deshalb nicht, daß Merriam betont, daß formalisierte Freundschaften zwischen Männern, Männern und Frauen und Frauen untereinander ein Grundthema der Kultur dieser Menschen war. Wesentlich war die gegenseitige Unterstützung. Sie war außerhalb des Dorfes wichtiger als im Dorf. Schutz auf Reisen und auf der Flucht stand im Vordergrund. Merriam geht deshalb davon aus, daß die Institution der formalisierten Freundschaft auf die Zeit der Krise an der Jahrhundertwende zurückgeht.

Wie deutlich das System der formalisierten Freundschaften vom lineage-Konzept abgegrenzt war, läßt sich daran ermessen, daß Ehepartner zusätzlich formelle Freunde werden konnten. Freundschaftsbeziehung zwischen Männern und Frauen außerhalb der Ehe wurden als Bruder-Schwester-Beziehung gedeutet, Geschlechtsverkehr war sanktioniert. Männer hatten um die dreißig Freunde, Frauen um die zwanzig. Diese Freundschaften erstreckten sich auch gerade auf Leute aus benachbarten Dörfern. Allerdings kam der „beste Freund“ au s der eigenen Altersgruppe des Heimatdorfes. Der Austausch von Geschenken begründete diese Freundschaften. Formen der Ablehnung eines Freundschaftsangebotes waren ebenfalls standardisiert. Auflösung erfolgte vor allem in dem Fall des Ehebruchs mit der Frau des Freundes. Aber auch die formelle Freundschaft orientierte sich an den Regeln, die das lineage-Konzept ausmachten, oder wie ein Mann aus Ngye formulierte:

„Freunde sind wichtig. Ein Freund hilft dir in der Not. Er ist wie ein Kinsman oder ein Ersatz für die Kinsmen. Man behält einen Freund, solange man kann, wie die Ehefrau. Wenn der Freund stirbt, nimmt man seine Kinder, wenn keine Verwandten da sind, und sie werden Teil deiner Familie.“

Das Netz der Freundschaften war für die Konsolidierung der von der Krise zerstreuten Menschen wichtig. Die Beschlüsse, die Dörfer wieder zusammenzulegen, waren ohne Vertrautheit mit den Freunden aus den verschiedensten lineages kaum denkbar, die politische Kooperation wurde wesentlich erleichtert.

Im Kontext der Geschichte dieser Region im 19. Jahrhundert mag sowohl die Verbreitung dieser Institution wie das bemerkenswerte „Vergessen“ der älteren lineage-Genealogien und schließlich die lange Zeitdauer des Konsolidierungsprozesses die Tiefe der Krise verstehen helfen.

Zur Weiterentwicklung der Basongye Gesellschaft in Richtung auf einen vorkolonialen Staat bestand historisch keine Zeit. Die Großsiedlungen mit großen bewässerten Reisfeldern hatten in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwar einen Ansatz geboten. Sie entstanden in der Hochkonjunktur des überregionalen Handels zwischen Angola, Zambia, Tanzania und Zaire, waren der Punkt, an denen sich die Karawanenrouten von Atlantik und Indischem Ozean trafen. Neue Nutzpflanzen und Agrartechniken sowie das große befestigte Dorf bildeten die Voraussetzung. Aber diese Entwicklung wurde durch die militante Wendung abgebrochen, die Sklavenhandel und Elfenbeinhandel im letzten Drittel des Jahrhunderts nahmen. Die Kriege zwischen den verschiedenen Warlords und schließlich deren Kämpfe mit den belgischen Kolonialtruppen, die zunächst von Warlords kaum zu unterscheiden waren, ermöglichten wegen der destruktiven Aspekte des Handels und des endemischen Krieges keine Konsolidierung. Am ehesten läßt sich das noch für den Herrschaftsbereich des Sklavenhändlers und Karawanenfürsten Tippu Tip im Grenzbereich zwischen Zaire und Tanzania sagen, der derartige hochentwickelte, dichtbesiedelte Reisanbaugebiete vor durchziehenden Karawanen und Sklavenraub schützte, um so seine Karawanen ausrüsten zu können. Die Konsolidierung der Gesellschaften der geflüchteten und versklavten Menschen vollzog sich dann in Formen, die der koloniale Staat vorschrieb – in einer sehr regional und auf die Dörfer bezogenen neuen ethnischen Identität. Aber auch zu der bedurfte es, wie dieser Fall zeigt, achtzig Jahre, um durch fiktive lineage-Genealogien und durch die Institution der formalisierten Freundschaft stabile neue Strukturen zu schaffen.


Frauen in Gefahr

Ich möchte meine Beispiele, die Strategien der Existenzsicherung in extrem unsicheren Zeiten mit Problemen der Diskontinuität in der gesellschaftlichen Entwicklung verknüpfen, mit der Lebensgeschichte einer Frau beenden.

Diese Frau lebte im Grenzgebiet zwischen Ost- und Zentralafrika. Ihr Schicksal wurde von Nyamwesi- und Swahili-Sklavenhändlern und Elfenbeinjägern bestimmt, aber auch von Überfällen und Expansion der Bemba aus dem heutigen Zambia. Sie teilte damit die besonderen Härten, die das 19. Jahrhundert für eine Großregion Afrikas brachte, die auf den ersten Blick am weitesten von den Einflüssen der Küsten entfernt schien. Für unsere Vorstellung von den destruktiven Folgen, die der Sklaven- und Elfenbeinhandel und der frühe Kolonialismus hatten, ist gerade der Blick in das für die damaligen europäischen Reisenden „dunkelste Afrika“, nämlich Zentral-Afrika, besonders aufschlußreich.

Seit Mitte des Jahrhunderts kam auch der Korridor zwischen den Seen, der Tanzania mit Zambia verbindet, in Kontakt mit dem System des Indischen Ozeans. Elfenbein, Kühe, Gewehre und auch Frauen wurden durch intensivierten Handel zu fast standardisierten Tauschgütern. Darüber hinaus hing das individuelle Schicksal von Menschen, insbesondere von jungen Frauen, von den unmittelbaren Umständen ab, ob ihre Gruppe in die Kämpfe um die Zentralisierung von Herrschaft geriet, ob man nahe den Haupthandelsrouten lebte oder in wenig zugänglichen Regionen. Marcia Wright ist den Lebensläufen von Frauen Südtanzanias nachgegangen, die dadurch überliefert sind, daß deutsche Missionarinnen der Mährischen Brüdergemeine sie gesammelt haben. Geht man einigen dieser Lebenläufe nach, so wird das ganze Ausmaß der Unsicherheit deutlich, die die Turbulenzen des 19. Jahrhunderts mit sich brachten. Marcia Wright[6], deren Schilderung der Lebensläufe hier weitgehend gefolgt wird, weist insbesondere darauf hin, daß die Schicksale sich nicht einfach nach dem abstrakten Status der Personen beurteilen lassen. Frei oder Sklave zu sein, gefangen zu werden oder von Hungersnot bedroht in die Abhängigkeit von Fremden zu geraten, das alles hing von den konkreten Umständen ab. Es konnte Prinzessinnen ebenso treffen wie Bauernmädchen. Wer in die Turbulenzen gerissen wurde, für den gab es keine Sicherheit und kein Minimum von Kontinuität des Lebens. Entscheidend war, Schutz zu finden, den nur eine lineage und für Frauen darüber hinaus ein Mann als juristisch verantwortlicher Beschützer bieten konnte. Krieg und Versklavung und damit verbundene Zerstörung der Dörfer und das Auseinanderreißen der Familien aber führte in besonderem Maße zum Verlust dieses Schutzes durch die lineage und die von ihr kontrollierten Männer, und das in einer Zeit, in der die Unruhe im Lande und die Hungerkrise der achtziger und neunziger Jahre das Schutzbedürfnis für viele Menschen steigerte.

Auch Meli suchte diese Sicherheit in ihrem „traditionellen“ Dorf, wo sie für Organisation und Durchführung des Ackerbaus zuständig sein würde, für die Aufzucht der Kinder und die Versorgung des Hausherren. Noch in ihrer Lebensbeichte vor den Missionsschwestern akzeptierte sie diese Normen, obwohl die Lebensumstände sie weit von der erwarteten Normalität und Sicherheit weggetrieben hatten.

Meli wurde im Grenzgebiet zu den Bemba geboren, das diese kürzlich unterworfen hatten. Melis Eltern gehörten in matrilinearer Linie einem Häuptlings-Clan an, in den führende Bemba nach der Eroberung eingeheiratet hatten und den sie an der Regierung beteiligten. Melis Vater geriet aber in Konflikt mit der Bemba- Führung, weil er sich weigerte, in einem Fall angeblichen Ehebruchs die Kompensation zu leisten, d.h. in diesem Fall eine neue Frau zur Verfügung zu stellen.

In dem daraus folgenden Krieg wurde Meli während eines Bemba-Überfalls mit anderen Frauen und Mädchen verschleppt. Ihnen gelang es zwar, zunächst zu fliehen – sie wurden aber wieder eingefangen. Bei einem zweiten Fluchtversuch wurden die kleinen Mädchen von den Frauen zurückgelassen und von den Bemba über mehrere Haushalte verteilt.

Als Meli aus Unachtsamkeit eine Hütte in Flammen setzte und Verbrennungen erlitt, sorgte sich die Gastfamilie, daß ihr Tod Komplikationen nach sich ziehen würde, da sie einer Chief-Familie entstammte. Damit war sie für die Familien nicht integrierbar, so daß diese an ihr das Interesse verloren. Dementsprechend wurde sie an eine Gruppe Elefantenjäger verkauft. Solange sie in der Region war, konnte sie über Dorfleute Kontakt zur Familie ihres Vaters halten und war nicht total anonymisiert. Als sie hörte, daß ihr Vater gestorben war, änderte sie ihr Verhalten und versuchte, Anschluß an die Familie eines Elefantenjägers zu finden. Sie erhielt einen Swahili-Namen, und ihre Nase wurde nach Swahili-Art markiert. Aber sie wurde kränklich und damit eine „schlechte Investition“, wie sie es b ezeichnete, so daß sie an einen Nyamwesi-Händler gegen Elfenbein verkauft wurde. Da sie krank blieb und ihr neuer Herr vermeiden wollte, daß sie ihm unter den Händen starb, wurde sie, nun inzwischen fast wertlos, gegen etwas Tuch weiter verkauft. Erneut erhielt sie einen anderen Namen. Nun zog sie mit einer Karawane, die von Nyamwesi und Arabern gemeinsam geführt wurde. Diese geriet in Konflikt mit britischen Grenztruppen, die die illegale Sklavenkarawane angriffen. Die verwirrten Kinder wurden von Kolonialbeamten in Obhut genommen, jene Kinder, die sich ihrer Dörfer erinnerten, wurden an ihre Familien zurückgegeben, die Waisenkinder Missionaren überlassen. Auf der Missionsstation traf Meli, die inzwischen zehn war, Leute, die ihr bekannt vorkamen. Sie wurde nach ihrem Namen gefragt und von entfernten Verwandten erkannt, die ihre Geschwister holten und sie so identifizierten. Die Missionare machten Schwierigkeiten und verlangten Kompensationszahlungen in Vieh von der Delegation der drei männlichen Verwandten Melis. Dies wurde verweigert und Meli blieb auf der Station, allerdings mit dem Recht, die Verwandten zu sehen und als Erwachsene zu ihnen zurückzukehren. De facto praktizierte die Mission die landesübliche Praxis der Kompensation, nun natürlich im Interesse der christlichen Erziehung bzw. um überhaupt Missionszöglinge zu haben. Allerdings ließ die Familie einen Bruder auf der Station, um den Anspruch aufrecht zu erhalten. Da er sich aber auf die Agrarmethoden des Graslandes nicht umstellen konnte, in dem die Missions-Station lag, zog er sich zurück und Meli verlor die Rükendeckung ihrer lineage. Sie begann sich nun in die Missionsgesellschaft zu integrieren. An der Jahrhundertwende fand sie als Bräutigam einen Missionshandwerker. Die Mission arrangierte anstelle der Familie den Brautpreis und zog das junge Paar in das Ritual der christlichen Eheschließung, mit der Missionsschwester in der Rolle als Mutter. Noch im Bericht über ihr Leben stellte Meli ihre Beziehung zu den weißen Patronen der Mission mit dem Vokabular der kinship-Beziehungen dar. Da die Ehe ohne Zustimmung des lineage- Chiefs geschlossen worden war, wurde diese Rolle der Mission durch einen Onkel der mütterlichen Linie ihres Mannes angefochten, der vorübergehend Chief der lineage war. Die Situation wurde durch eine Wiederholung der Heiratszeremonie gerettet. Ddurch wurde sowohl der Status der Mission als auch Melis lineage und damit ihr Status gegenüber der Familie ihres Mannes abgesichert. Allerdings geriet ihr Mann als Missionshandwerker und Christ ins Zwielicht von Missionszugehörigkeit und seiner Zugehörigkeit zur lineage. In einer großen Geste vertiefte die Mission die Integration dieser künftigen christlichen Familie in die Missionsgemeinde, indem sie dem Mann den Brautpreis verzinst zurückzahlte und damit den Wohlstand der Familie begründete. Meli ließ sich 1910 taufen, sie zog mit ihrem Mann viel herum, der Viehhandel betrieb und im Kolonialdienst arbeitete.

Als sie 1919 Witwe wurde, entstand der Konflikt zwischen der lineage ihres Mannes und der Mission erneut. Sie akzeptierte nach wie vor das Prinzip des afrikanischen Familienrechtes, daß sie im Erbfall die Frau eines anderen Familienmitgliedes wurde, aber sie verlangte dies in Monogamie. Sie setzte sich mit dieser Forderung durch. Der Erbe verstieß, angezogen von ihrem Wohlstand, seine erste Frau und übernahm Hof und Herde. Als er nach Melis Ansicht durch zu viele Verpflichtungen gegenüber seiner lineage das Vermögen verschleuderte, trennte sie sich von ihm, heiratete einen anderen Verwandten ihres Mannes, der sie aber über die Tatsache täuschte, daß er bereits eine Frau hatte. Sie nahm dies schließlich hin, führte ein relativ selbständiges Leben unter anderem als Hebamme, bis sie sich im Alter auf ihre nun eigentliche soziale Basis, die Missionsstation, zurückzog und als Sozialarbeiterin und respektierte Ältere ihr Leben beschloß, letzteres bereits in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Das 19. Jahrhundert der großen Karawanen, der Machtkämpfe und des Sklavenhandels, aber auch der Hungersnöte durch Dürren und Krieg, auch den kolonialen Krieg der verbrannten Erde hat sicherlich unmittelbarere Lebensbedrohungen und brutalere Erniedrigungen zur Folge gehabt. Ungezählte Lebensläufe dürften ähnlich wie die der Frauen – in abgeschwächter Form – auch für Männer verlaufen sein. Viele Lebensstationen, eine enorme Mobilität und sehr entwürdigende Formen der Abhängigkeit haben ungeheure Anpassungsleistungen und Überlebensstrategien erfordert.

Der Hintergrund dieser Erfahrungen wird zu beachten sein, wenn die Auswirkungen der Kolonialherrschaft auf die Lebens- und Sicherheitsperspektive vieler Menschen betrachtet werden. Auch Europäer waren Kriegsherren, Warlords, Eroberer. Sie setzten mit direkten und indirekten Mitteln Arbeits- und Zwangsarbeitsverhältnisse durch, insofern schufen sie mächtigere und in den Auswirkungen neue Varianten von Herrschaft und Abhängigkeit. Außerordentlich schwer zu beurteilen ist, wann diese Herrschaft systematischer, berechenbarer und insofern sicherer wurde. Sehr viele Experimente in der Agrarwirtschaft scheiterten oder waren ausbeuterisch. Die Interventionen in die politische Organisation der afrikanischen Gesellschaften, die die Legitimität der alten Gewalten zerstörte, müssen als Willkür gedeutet worden sein.

Insbesondere die Zwangsarbeit oder unter Druck durchgesetzte Arbeitsleistungen wurden als Fortsetzung von Sklaverei verstanden und wirkten besonders erniedrigend, wenn sie Freie trafen. Aber der moderne koloniale Flächenstaat schuf eben mit Bürokratie und Urbanität sowie der militärischen Überlegenheit nach einer Übergangsperiode von ca. 30 Jahren auch berechenbarere Sicherheit. Die Landschaft veränderte sich. Die befestigten Dörfer verschwanden, die Straße wurde wieder Anziehungspunkt, auch wenn dort der Steuereintreiber näher war. In großen Konfliktfällen waren Stadt, Mission und entsprechende Arbeitsmöglichkeiten, aber auch der Beginn kapitalistischen Kleinhandels und ständiger Lohnarbeit Ausweichmöglichkeiten, die totale Abhängigkeiten wie die im 19. Jahrhundert in eher strukturelle Abhängigkeit ohne abrupte und totale Gefährdungen umwandelten. Auch hierbei gibt es Ausnahmen. Gebiete, die zu strukturellen Hungergebieten wurden, oder die systematische Entrechtung, wie sie etwa in Südafrika die landlosen Wanderarbeiter traf, boten materielle, soziale und psychische Gefährdungen, die den Gefahren des 19. Jahrhunderts bei aller Verschiedenheit in ihrer Unerträglichkeit nahe kamen. Individuelle Verschuldung, Absinken in die unterbäuerliche Schicht, städtisches Vagantentum, für Frauen die Gefährdungen durch städtische Prostitution setzten derartige Gefährdungen in urbanem kapitalistischem Umfeld fort.

Unter dem Aspekt der Staatsbildungschancen im 19. Jahrhundert bleibt im Vordergrund die geringe Chance zur Konsolidierung, die unentwickelte agrarische Basis ebenso wie die destruktive Basis der Fernhandelssysteme. Staatsentwicklung hatte ihren Anknüpfungspunkt an dem enorm gesteigerten Existenzrisiko des ein-zelnen und der durch die Kette der Krisen und Kriege Vereinzelten. Bis sich nach Aufbrechen gesicherter Dorf- und Lebenszusammenhänge alternative Institutionen, gestützt auf die Schwächung der lineage-Systeme, konsolidieren konnten, war die koloniale Intervention vollzogen. Was blieb, war, wie es Papstein formuliert, die Vergrößerung der gesellschaftlichen Räume. Lineage-Identität erweiterte sich zur Ethnizität; die Identität aus Urbanität, städtischer Profession und neuer Religiosität kam hinzu. Da aber auch der koloniale Staat die zentrale Sicherheit nicht gewährleisten konnte oder den gesellschaftlichen Aufstieg nur Minderheiten ermöglichte, das gesamte System der sozialen Sicherheit letztlich beim lineage-System und daran angelehnten Freundschaftssystem verblieb, blieb auch der koloniale und nachkoloniale Staat, von unten betrachtet, weit mehr leere Hülse, als man annehmen möchte, wenn man die Bedingungen von Existenzsicherung in vor- und halbkapitalistischen agrarischen Gesellschaften aus der Sicht des modernen kapitalistischen Industriestaates verkennt.


Endnoten

  1. Julian Cobbing, The Mfecane as Alibi: Thoughts on Dithakong and Mbolompo. In: Journal of African History, 29 (1989), S. 487-519.
  2. Robert Papstein, From ethnic identity to tribalism: The upper Zambesi Region of Zambia, 1830-1981. In: Leroy Vail, The Creation of Tribalism in Southern Africa, London 1989, S. 372-394.
  3. Terence Ranger, Kolonialismus in Ost- und Zentralafrika. Von der traditionellen zur traditionalen Gesellschaft. In: Jan-Heeren Grevemeyer, Traditionale Gesellschaften und europäischer Kolonialismus, Frankfurt/M. 1981, S. 16-46; John Iliffe, A modern History of Tanganyika, Cambridge 1978, Kapitel 10: The creation of Tribes.
  4. Steven Feierman, The Shambaa. In: Andrew Roberts (Hg.), Tanzania before 1900, Nairobi 1968, S. 1-16; ders., The Shambaa Kingdom, Wisconsin 1974.
  5. Alan P. Merriam, An African World. The Basongye Village of Lupupa Ngye, Bloomington 1974.
  6. Marcia Wright, Women in Peril: A commentary on the life stories of captives in nineteenth-century East-Central Africa. In: African Social Research, 20 (1975) 12, S. 800-819.



zurück zur Afrikanischen Geschichte