Schriftenreihe

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Warum Fußnoten?

KH Schneider

„In den Geisteswissenschaften entsprechen sie in etwa dem, was für den Naturwissenschaftler die Datenbelege sind: Sie sind die empirischen Stützen für die Geschichte, die einer erzählt, und für die Argumente, die er vorträgt. Ohne sie kann man historische Thesen zwar preisen oder ablehnen, aber verifizieren oder widerlegen kann man sie nicht.“ Grafton, Anthony, Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote. (dtv 30668) München 1998, S. 7.

Es gehört zu den besonderen Herausforderungen für Studierende, Fußnoten zu setzen. Vor allem, so ihr Einwand und Frage: Weshalb eigentlich das ganze und wann und wie? Darauf gibt es zwar schon viele Antworten, eigentlich in jeder Einführung in das Geschichts­studium, aber dennoch sollen hier noch einmal einige Antworten gegeben werden. Zunächst: Geschichte ist eine Wissenschaft Was heißt das? Das heißt, dass in der Geschichtswissenschaft keine „Wahrheiten“ entdeckt werden, die irgendwo in der Vergangenheit „versteckt“ sind, sondern dass Historiker aufgrund der vorhandenen Quellen versuchen, vergangene Zustände zu rekonstruieren. Da die Vergangenheit als Ganzes per se nicht rekonstruierbar ist, bilden schon die untersuchten Aspekte eine Auswahl, die auch von außerwissenschaftlichen Faktoren abhängig sein können, etwa aktuellen Fragestellungen, Vorlieben der Bearbeiter, kulturellen Präferenzen etc. Damit ist schon ein gewisses Maß an Subjektivität eingebunden.1 Die jeweiligen Themen können darüber hinaus aber mit sehr unterschiedlichen Methoden bearbeitet werden, und die Ergebnisse können ebenfalls unterschiedlich interpretiert werden. So können etwa Kirchenbücher, in denen die Namen von Getauften, Heiratenden oder Beerdigten samt der entsprechenden Termine, möglicher Verwandter oder weiterer Informationen (wie Gründe für den Tod) angegeben sind, etwa individuell untersucht werden. Durch Rekonstruktion ganzer Familien können Antworten auf Fragen wie die Familiengröße, Zahl der Kinder gefunden werden. Durch eine serielle Auswertung können langfristige Entwicklungen bei Geburten- oder Sterbezahlen ermittelt und diese weiteren Faktoren zugeordnet werden.2 Schon dies Beispiel verweist auf einen anderen Faktor: Solche komplexen Daten wie Kirchenbücher können nur exemplarisch untersucht werden, für das gesamte Gebiet des alten Deutschen Reiches vor 1806 ist das mit unseren Möglichkeiten schlichtweg unmöglich. So bleibt es bei exemplarischen Untersuchungen. Aber wie sollen die dabei gefundenen Ergebnisse interpretiert werden? Sind sie für andere Regionen auch übertragbar? Und wenn, bzw. wenn nein, warum? Hat der Bearbeiter des exemplarischen Quellenmaterials auch sorgfältig gearbeitet? Hat er vielleicht Fehler gemacht, kann man seine Interpretationen so übernehmen oder gibt es andere, genau so sinnvolle? Diese Überlegungen zeigen schon: Da wir bei der Analyse gesellschaftlicher Wirklichkeit immer nur Teilaspekte komplett erfassen können, sind wir auf die Nutzung theoretischer Modelle angewiesen, die uns plausible, nachvollziehbare Erklärung für die jeweiligen Befunde liefern. Diese Modelle sind aber eben nur solche, d.h. sie bieten zwar plausible Erklärungen an, können aber auch in Frage gestellt oder durch andere ersetzt werden. Daraus ergibt sich ein wichtiges Postulat wissenschaftlichen Arbeitens: die Überprüfbarkeit. Gerade angesichts der Tatsache, dass alle Erkenntnis nur vorläufigen, hypothetischen Charakter hat und mit anderen Erkenntnissen konkurrieren kann, ergibt sich die Notwendigkeit, jede wichtige Aussage zu belegen, damit andere Wissenschaftler3 die getroffenen Aussagen überprüfen können. Die Notwendigkeit zur Überprüfung ergibt sich auch daraus, dass zwar die Interpretation der Quellen eine zentrale Aufgabe wissenschaftlicher Arbeit ist, doch angesichts der begrenzten Nutzung von Quellen es genauso wichtig ist, sich mit den Forschungsergebnissen anderer Autoren, die zum gleichen oder ähnlichen Themen, etwa in anderen Regionen, gearbeitet haben, auseinander zu setzen. Das setzt aber auch eine Überprüfbarkeit der jeweiligen Informationen voraus. Wie soll ich denn wissen, ob die getroffenen Feststellungen eines anderen Kollegen richtig bzw. zutreffend sind, wenn ich nicht klären kann, woher er sie genommen hat, d.h. welche Quellen oder „Sekundärliteratur“ benutzt wurde. Dazu muss ich etwa nicht nur wissen, in welchem Archiv er gearbeitet hat, sondern mit welchen Akten und welchen Schriftstücken in den Akten. Bei der Literatur muss ich nicht nur wissen, dass er beispielsweise Hans-Ulrich Wehlers Deutsche Gesellschaftsgeschichte4 benutzt hat, sondern auf welchen Seiten die übernommenen Aussagen stehen, damit ich etwa überprüfen kann, ob das Zitat sinngemäß verwendet wurde (und ob es überhaupt dort steht). Auch kann ich prüfen, ob es sich vielleicht sogar um ein Plagiat handelt, also Wehlers Text komplett übernommen wurde.5 Fehlen also genaue Angaben, die neben allen relevanten bibliographischen Angaben auch die genaue Fundstelle der benutzten Information enthalten, ist eine Überprüfung der Angaben praktisch nicht mehr möglich (der zitierte Band von Wehler umfasst ohne Abkürzungsverzeichnis und Index 1147 Seiten!). Geschichtswissenschaft ist immer auch Debatte über Vergangenheit, diese kann aber nur dann geführt werden, wenn alle Beteiligten über die hinreichenden Informationen verfügen, auf welcher Grundlage die anderen ihre Positionen entwickelt haben. Dabei sind auch Details entscheidend. Zwar werden die meisten Studierenden keine Wissenschaftler werden, was sie aber lernen, ist erstens, wie Wissenschaft funktioniert, zweitens Genauigkeit auch im Detail und drittens die Vorgaben des jeweiligen „Arbeitsplatzes“ ernst zu nehmen. Faktor zwei und drei sind in jedem Fall Dinge, die an jeder anderen Arbeitsstelle Voraussetzung sind für eine erfolgreiche Arbeit. Was sind Fußnoten? Fußnoten sollen belegen, woher der Autor seine Informationen bezogen hat. Daneben bieten sie ihm die Gelegenheit, Kommentare oder Ergänzungen zum Text oder den zitierten Autoren abzugeben.6 Letzteres kann dazu führen, dass ein Autor gleichsam einen zweiten Text in die Fußnoten verlegt, indem jede Aussage im Text noch einmal kritisch ergänzt und kommentiert, ausführlich die vorhandene Literatur zum Thema erläutert wird. Es können also komplexe Texte entstehen. Auch wenn hier dem kurzen, knappen Verweis der Vorzug gegeben werden soll, bleibt doch auch Verständnis dafür, umfangreiche Apparate zu erstellen. Hinter einer langen wissenschaftlichen Arbeit verbirgt sich meist langes und intensives Arbeiten, kritische Auseinandersetzung mit Quellen und Informationen der Literatur. Wissenschaft ist auch eine Herausforderung an die Genauigkeit, sie verlangt Detailliebe und fördert das Bedürfnis nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Gegenstand: das alles spiegelt sich auch in dem Bestreben mancher Gelehrter wider, in den Fußnoten all das unterzubringen, was im normalen Text keinen Platz mehr hat: Erläuterungen zu den getroffenen Aussagen; Hinweise auf weitere Quellen; Begründung, weshalb bei abweichenden Quellen oder Angaben in der Literatur die gewählte Fassung genommen wurde; Kritik an anderen Autoren, die in dem betroffenen Punkt zu einer anderen, abweichenden Aussage gekommen sind, usw. Fußnoten können also über das Belegen getroffener Aussagen noch weitere Funktionen haben, allerdings ist erstere von entscheidender Bedeutung. Auf sie sollten Hausarbeiten am Historischen Seminar sich beschränken, wenngleich die erweiterten Funktionen durchaus von Interesse sind. Wie werden Fußnoten erstellt? Diese Frage lässt sich nur in mehreren Schritten beantworten. Zunächst: die bibliographischen Angaben. Wissenschaften brauchen Konventionen, und deshalb gibt es auch bei der Klärung der Frage, wie für die Belege notwendigen Angaben aussehen sollen, entsprechende Regeln. Damit das aber für den Anfänger nicht zu leicht wird, hat jede Wissenschaft, oft noch die Wissenschaft einer jeden Nation, ihre eigenen Regeln. Nehmen wir wieder das Beispiel Wehler. Wenn Sie in Hannover Geschichte studieren, sollte folgende Form auf keinen Widerspruch stoßen: Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1919. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949. (Deutsche Gesellschaftsgeschichte 4) München 2003. Würden Sie im MLA (Modern Language Association Style) denselben Titel angeben, dann sähe das wie folgt aus: Wehler, Hans-Ulrich. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen ‚Deutschen Doppelrevolution‘. Deutsche Gesellschaftsgeschichte / Hans-Ulrich Wehler. Vol. 2. München: Beck, 1989. Hier ließen sich noch viele weitere Zitierregeln aufführen mit jeweils unterschiedlichen Ergebnissen. Selbst innerhalb des Faches eines Landes kann es Abweichungen geben, gerade bei Historikern, die sich nicht auf internationale oder nationale Zitierregeln festgelegt haben. Zwar wird bislang keine Verlagsangabe gemacht, aber ansonsten gibt es eine Reihe von Abweichungen. D.h., im Zweifelsfalle muss immer nachgefragt und geklärt werden, wie zitiert werden soll. Wer übrigens ein kommerzielles Bibliographierprogramm wie Endnote oder Bibliographix benutzt, kann schon vorhandene Zitierregeln nutzen oder neue selbst erstellen! Neben den kompletten bibliographischen Angaben spielen aber auch die Folgezitate eine wichtige Rolle. Früher wurde bei den Historiker das erste Mal der komplette Titel zitiert, dann nur der Autor und der Zusatz „a.a.O.“ (am angegebenen Ort), also Wehler, a.a.O., S. 75. In der Praxis ist dies Verfahren aber problematisch, da bei vielen Fußnoten erst gesucht werden muss, wo sich der betreffende Ort befindet. Bei Aufsätzen wird meist ab der zweiten Zitierung auf die Fußnotennummer der ersten Zitierung verwiesen, also etwa: Wehler, wie Anm. 23. Einfacher ist ein Kurzverweis: Wehler, Gesellschaftsgeschichte 1914-1919, S. 75. Das setzt allerdings ein alphabetisches Literaturverzeichnis voraus, das eine eindeutige Zuordnung enthält. Übrigens entbehren die Beispielverweise auf Wehler nicht einer gewissen Ironie, denn in keinem Handbuch findet der Leser einen derart unbenutzbaren Apparat wie bei Wehlers deutscher Gesellschaftsgeschichte. Wann werden Fußnoten erstellt? Aus dem Vorangegangenen sollte es schon deutlich geworden sein: Immer dann, wenn Informationen verwendet werden, die nicht vom Verfasser selbst stammen, müssen die Aussagen durch eine Fußnote belegt werden.7 Das gilt auch für sinngemäße Übernahmen. Wörtliche Zitate sind zudem durch Anführungsstriche zu kennzeichnen. Es gilt allerdings zu differenzieren: allgemeine Informationen, wie etwa „Dreißigjähriger Krieg“ brauchen dann nicht weiter belegt zu werden, wenn es sich nur um den Hinweis auf dies allgemein bekannte Ereignis handelt. Werden aber weitergehende Aussagen getroffen, wie ein Hinweis auf die Gründe, dann ist schon ein Beleg angebracht. Das verweist auf die Frage, welche Literatur sich für welche Arten von Belegen eignet. Dazu ein paar Hinweise: Nachschlagewerke wie Enzyklopädien (Brockhaus) oder Online-Lexika (wikiepedia) eignen sich vielleicht für die eigene Vorbereitung auf das Thema, nicht aber für ein Zitieren in wissenschaftlichen Arbeiten (und damit auch nicht für Aufsätze ). Verweise auf Kontext wie zur allgemeinen Vorgeschichte der Revolution von 1831 sollten Handbücher oder Überblicksdarstellungen nutzen. Verweise auf konkrete Aspekte sollten entweder Handbücher oder spezielle Monographien oder Aufsätze benutzen. Hinweise auf Personen oder sachliche Einzelheiten (wie Begriffe) sollten spezielle Nachschlagewerke wie biographische Werke (ADB) nutzen. Es ist demnach nicht sinnvoll, aus einer Detailstudie etwa über die kurhessischen Verhältnisse auf allgemeine Informationen zur Geschichte des Vormärz zu verweisen, hier wäre der Verweis auf ein Handbuch wesentlich besser. Andererseits kann eine Darstellung der hessischen Verhältnisse im Vormärz zwar auch auf allgemeine Handbuchliteratur verweisen, besser wäre aber entweder die Nutzung eines Handbuchs zur hessischen Geschichte oder eine Monographie zur Geschichte Hessens in dieser Phase. Die geschriebenen Texte sollten die Informationen aus der Literatur sinngemäß wieder geben, aber nicht mehr, d.h. nicht den Sprachstil direkt wiedergeben, da es sich dann um Plagiate handelt. Schlimmer noch sind direkt, wörtlich übernommene Textpassagen, die nicht als solche kenntlich gemacht sind. Sie bewegen sich also immer zwischen zwei Polen: einerseits fremde Positionen nicht sinnentstellend wiedergeben, andererseits sie sprachlich nicht zu imitieren. Das gelingt am besten, wenn bei der Erfassung der Literatur möglichst nur Zusammenfassungen, vielleicht nur stichwortartig, notiert werden. Dadurch wird verhindert, dass beim späteren Schreiben der Text sich zu eng am Original orientiert und außerdem wird man beim Schreiben gezwungen, sich darüber klar zu werden, worin die zentralen Aussagen des gelesenen Autors oder seine Argumente bestehen. Werden während der Recherche schon Zettel angelegt, bzw. in einer Datenbank neue Datensätze, in denen nur kurze Zitate, sondern eine eigene Zusammenfassung geschrieben wird, besteht später kaum noch die Gefahr zu großer sprachlicher Nähe zum Original. Diese Technik muss durch Üben erlernt werden, fangen Sie also schon früh an und gehen vielleicht zunächst etwas schwerere Wege. Auf der folgenden Seite soll Ihnen exemplarisch gezeigt werden, wie ein solches Exzerpt aussehen kann. Wichtig: Lösen Sie sich schon beim Exzerpieren vom Text, kontrollieren Sie aber immer wieder auf den Sinngehalt. Das Beispiel auf der folgenden Seite soll die Verfahrensweise etwas erläutern: Das Exzerpt ist bewusst kurz gehalten, zentrale Aussagen sind als Zitat übernommen worden, zum Schluss befindet sich ein Kurzbeleg, der für die Verwendung in der eigenen Darstellung genommen werden kann. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass nicht zu textnah geschrieben, gleichzeitig zentrale Aussagen des Textes wieder gegeben sind und außerdem ist der Inhalt der Fußnote auch vorgegeben. Übrigens: beim Einfügen der Fußnote nutzen Sie bitte immer die automatische Funktion Ihrer Textverarbeitung, setzen Sie die Fußnote an das Ende des betreffenen Satzes, hinter den Punkt ohne weiteres Leerzeichen, verwenden Sie keine Endnoten, die am Ende des Textes stehen, da diese für den Lesenden einen erhöhten Aufwand bedeuten, führen Sie in Ihrem Literaturverzeichnis nur die Titel auf, auf die auch in der Fußnote verwiesen wurde.

Oben: das Original.8 Unten: ein Exzerpt:

Der Beleg: „Das Problem der schrumpfenden Städte besteht u.a. darin, dass sich starke Segregationstendenzen zeigen. Stadtpolitik darf sich hier nicht auf die wachsenden Stadtteile konzentrieren.“9

Eine pdf-Version findet sich hier: [1]