Unerledigte deutsche Kolonialgeschichte

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  • Autor: Helmut Bley
  • Erstveröffentlichung: Entwicklungspolitische Korrespondenz ed. Deutscher Kolonialismus. Ein Lesebuch zur Kolonialgeschichte. Eds. E. Launer & W. Ustorf. 2nd ed. EPK-Drucksache 1. Hamburg 1991: 11-15.
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Unerledigte deutsche Kolonialgeschichte: was kann das heute heißen? Als in den sechziger Jahren offizielle Entwicklungspolitik begann und damit auf die weltweiten Dekolonisationsprozesse und Kämpfe reagiert wurde, ging deutsche Politik von der Annahme aus, daß sie in diese neue Ära unbelastet hineingehen könne.

Erleichtert ließ sich feststellen, daß das Deutsche Reich seine Kolonien bereits 1919 verloren hatte. Es musste eigentlich ein besonders günstiger Ausgangspunkt für Beziehungen zu den neuen unabhängigen Mächten in der Dritten Welt – insbesondere in Afrika – vorhanden sein.

Diese Annahme erwies sich unter vielerlei Aspekten als irrelevant. Einmal behaupteten die alten Kolonialmächte ihren informellen Einfluß über etablierte Außenhandelsbeziehungen, vor allem aber auch durch die kulturellen Verbindungen zur neuen Elite in Afrika, nicht selten sogar über direkte Militär- und Budgethilfe so stark, daß es eine Gleichung – „unbelastete“ koloniale Vergangenheit schaffe gute Beziehungen – nicht gab. Wenn die Bundesrepublik in den sechziger Jahren eine wachsende Rolle in Afrika spielte, dann aus zwei Gründen: wegen der steigenden Wirtschaftskraft und wegen des afrikanischen Interesses, Gegengewichte gegen die Weltmächte zu schaffen, also Beziehungen zu Mächten mittlerer Bedeutung wie Kanada, Jugoslawien, Schweden und auch Bundesrepublik zu fördern.

Dieser Bonus der Bundesrepublik, daß sie eine Macht sein könnte, die weniger Einfluß nehmen würde als die alten Kolonialmächte oder als die beiden Supermächte im Ost-West-Konflikt, wurde alsbald aus vier Gründen verspielt.


  • Über die Anwendung der Hallstein-Doktrin trug insbesondere die Bundesrepublik die Ostwest-Kontlikte auch nach Afrika.
  • Durch das enge Bündnis mit den USA und Frankreich geriet bei allem Bemühen um Neutralität die Bundesrepublik als Mitglied der NATO in das Kreuzfeuer der internationalen Kritik zunächst am Algerienkrieg, am Vietnamkrieg und dann an den portugiesischen Kolonialkriegen in Guinea-Bissau, Angola und Moçambique.
  • Durch den intensiven Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit Südafrika und dem damaligen Rhodesien und ihre starke Absicherung durch politische, militärische und kulturpolitische Zusammenarbeit und zugleich
  • mit Aufkommen der internationalen Kritik am Weltwirtschaftssystem geriet die zweitgrößte Außenhandelsnation ohnehin in das Zentrum der Kritik.


Der mit diesen Entwicklungen verbundene Imperialismusvorwurf aus der Dritten Welt erreichte das vorherrschende politische Bewußtsein in der Bundesrepublik aus mehreren Gründen nicht. Die Verstärkung des Imperialismusvorwurfs durch die Wissenschaft und Propaganda der DDR und in den späten sechziger Jahren durch die oft neomarxistisch argumentierende studentische Protestbewegung hat die als kommunistisch plakatierte Kritik an den Einflußwegen deutscher Politik in der Dritten Welt mit interner Systemkritik an der Bundesrepublik selbst verschmolzen. Das Selbstverständnis der Bundesrepublik bis weit in die sozialliberale Koalition hinein, daß der Imperialismusvorwurf ungerecht sei und der deutsche Staat, nicht zuletzt durch die Friedenspolitik in Richtung Osten, sich grundsätzlich von den Hypotheken der Vergangenheit in der inneren wie der äußeren Politik gelöst habe, ließ jedes Denken in Kontinuitäten als feindselig erscheinen. Die Abwehrhaltung gegen jeglichen Imperialismusvorwurf, der eben Elemente der Kontinuität zur Gegenwart beinhaltete, klammerte die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – auch mit der kolonialen – aus. Dies schien insofern lange als unwesentlich, als sich die Beziehungen zu den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika tatsächlich ohne jegliche Verbindung zu dieser Vergangenheit gestalten ließen. Länder wie Togo und Kamerun lagen ohnehin nur am Rande des ökonomischen Interesses. Seit jeher waren Länder wie Nigeria oder Ghana ökonomisch für Deutschland in Westafrika von wesentlich größerer Bedeutung. Die Beziehungen zu Tanzania / Tanganyika entwickelten sich im Pro und Kontra zum entwicklungspolitischen Experiment der Regierung Nyerere. Als Mittelmacht nach der Unabhängigkeit sogar zu Militärhilfe eingeladen, verhinderte die Bundesrepublik einen Neubeginn durch ihr Insistieren auf der Hallstein-Doktrin. Die deutsche Entwicklungs- und Militärhilfe wurde demonstrativ 1967 durch Tanzania abgebrochen, bis unter der entwicklungspolitischen Offensive von Eppler ein Neuanfang gelang. Die Kolonialzeit war kein Thema.

Es gab allerdings eine bedeutsame Ausnahme: Namibia. Mit dem Konflikt um das südliche Afrika generell ging das Interesse an Aufrechterhaltung und Ausbau der ökonomisch-strategischen Interessen im gesamten Bereich von Angola bis Zimbabwe einher mit starken Sentiments hinsichtlich der Verteidigung der Präsenz der weißen Siedlerbevölkerung. Sowohl mit Blick auf Namibia und seine heute ca. 30 000 deutschsprachigen Siedler und die ca. 120 000 deutschsprachigen Siedler in der Republik Südafrika belebte sich das Bewußtsein von Kontinuität zur Kolonialzeit. Es ist deshalb kein Wunder, daß aus beiden Elementen – dem Unwillen gegen jede Form der Auseinandersetzung mit einem imperialistischen Erbe und der akuten spontanen Parteinahme mit den weißen Minderheiten im südlichen Afrika, insbesondere in Namibia – eine apologetische, verklärende Beschäftigung mit der Kolonialzeit durch die Medien hervorgeht Dies geschah – sofern es um Betrachtung der Deutschen in Südafrika geht – in direkter Verbindung mit der Kolonialzeit. Aber auch dieses Argument läßt sich nicht überdehnen; in dem Umfang, in dem sich der afrikanische Widerstand in Südafrika zur Systemkrise ausbreitete und die Unabhängigkeit Namibias unabweisbar wurde, stellte sich ein außenpolitischer Realitätssinn ein, zumal Wirtschaftsinteressen nicht zu Schaden kamen. Bei der Vorbereitung auf die Unabhängigkeit Namibias (März 1990) war die unerledigte deutsche Kolonialgeschichte präsent. Sowohl die politische Führung in Namibia als auch die Weltmeinung erwarten einen besonderen deutschen Beitrag, der auch versprochen wurde, aber sich unter dem Druck der deutschen Einheit reduzieren wird.


Die Verdrängung unserer gewalttätigen Traditionen

Viel einflußreicher aber schlägt sich unerledigte Kolonialgeschichte im öffentlichen Bild Afrikas nieder. Seit der Niederlage Portugals in Angola und Moçambique – noch stärker wohl unter dem Eindruck der Unruhen in Soweto im Sommer 1976 – ist die Vorstellung vom bevorstehenden Ende der weißen Minderheitsherrschaft im südlichen Afrika weit verbreitet. Koloniales defensives Denken zugunsten der Verteidigung der weißen Positionen verdrängt deshalb Vergangenheit und Realität der weißen Herrschaft im südlichen Afrika und orientiert sich an einem Horrorbild von der Zukunft eines afrikanisch regierten südlichen Afrika. Hierzu tragen der Terrorismusvorwurf gegen die Befreiungsbewegungen und der Vorwurf der Regierungsunfähigkeit afrikanischer Regierungen bei – illustriert am Terrorregime Amins in Uganda, am Bürgerkrieg in Angola oder an den Auseinandersetzungen in Kongo/Zaire im Jahre 1961 oder auch schlichtweg an der Tatsache, daß Militärregime in Afrika verbreitet, sind. In dieser Art Denken gibt es einen konsequent angewandten doppelten Maßstab: Während lateinamerikanische Militärdiktaturen ebenso als Ordnungsfaktoren gelten wie etwa das Regime in Südkorea, sind parallele Entwicklungen in Afrika Ausdruck der afrikanischen Minderwertigkeit. Dies hat zwei Gründe: Systeme, die sich dem westlichen Interesse an intensivem Güteraustausch zu westlichen Bedingungen anschließen, erfahren die grundsätzliche Sympathie, die systemkonformem Verhalten zuteil wird; dies sei hier nicht erörtert. Ebenso wichtig ist aber in dieser Politik des doppelten Maßstabs, daß diese starke Identifizierung mit als systemkonform betrachtetem Verhalten den unerschütterlichen Glauben bestärkt, daß die eigene Gesellschaft und ihre Vorläufer nicht systematisch versagen oder, ethisch gesprochen, böse sein können.

Die deutsche Kolonialgeschichte ist deshalb auch unerledigt, weil sie die Erinnerung daran wecken kann, dass die industrielle Gesellschaft in Deutschland an der imperialistischen Gewalt Europas über die außereuropäische Welt mitbeteiligt war und in dieser Gesellschaft gewalttätige Traditionen vorhanden sind, die sich nicht auf den „Dämon“ Hitler reduzieren lassen, sondern die sich in sozusagen „normalen“ Zeiten, im Grunde in der „guten alten Zeit“ vollzogen. Deutsche Kolonialgeschichte gehört in den Zusammenhang des Kaiserreiches. Während die offenkundige Gewalttätigkeit des Hitlerreiches als eine Sonderentwicklung betrachtet werden konnte, die angeblich nichts oder nur wenig mit der sonstigen deutschen Geschichte zu tun hatte, wurde als äußerst alarmierend in der deutschen Publizistik empfunden, daß die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg dein Kaiserreich zugeschrieben wurde, wie dies für den Zweiten Weltkrieg dem Hitlersystem galt. Als der Erste Weltkrieg aus dem Expansionismus des Kaiserreiches abgeleitet wurde, wie dies wichtige Teile der deutschen Geschichtswissenschaft aufgrund des Quellenstudiums der Regierungsakten herausgearbeitet haben, und dieses ungeliebte Ergebnis alsbald wieder vergessen wurde, geriet auch die gleichzeitig aufgearbeitete Kolonialgeschichte des deutschen Kaiserreiches in ähnlich bequeme Vergessenheit. In der Abwehr gegen den Schuldvorwurf der alliierten Siegermächte von 1919 sowohl am Ausbruch des Weltkrieges als auch am Vorwurf besonderer Mißwirtschaft in den deutschen Kolonien hatte sich ohnehin eine Tradition nationalistischer Abwehr von selbstkritischer Analyse der Geschichte des Kaiserreiches eingestellt und daran angepaßte Geschichtslegenden auch in der Wissenschaft gewoben.

In der Tat kann Beschäftigung mit der deutschen Kolonialgeschichte und ihren Voraussetzungen im Kaiserreich in besonderer Weise an Schwachpunkte deutscher politischer Kultur rühren, an die besondere Schwierigkeit, auf Krisenlagen rational und demokratisch und nicht hysterisch und autoritär zu reagieren. Die deutsche Kolonialpolitik ist aus einer Krisenlage heraus entwickelt worden – aus der Angst, daß die deutsche Industrialisierung ab 1874 durch die Verwicklung in die Große Depression 1874-1896 in eine Sackgasse geraten könnte, in der das ökonomische System und mit ihm die Gesellschaftsstruktur gefährdet werden könnten. Eines der Aushilfsmittel – übrigens ökonomisch gesehen ein unnützes – war, Export- und Rohstoffsicherung durch die Kolonialpolitik zu betreiben und zumindest für die weitere Zukunft Reserveräume zu schaffen. Daß die deutsche Kolonialpolitik unter anderem aus Gründen der internationalen Rivalitäten nicht soweit kam und kein großafrikanisches Kolonialreich entstand, verändert nicht die Gesamttendenz, ein mittelafrikanisches Reich von Ostafrika einschließlich Ugandas bis zu den portugiesischen Kolonien und Katanga, bei günstiger Konstellation mit einem befreundeten burischen Südafrika, zu schaffen. Gerade der Widerspruch zwischen dem erträumten und angestrebten „Platz an der Sonne“ und den Realitäten eines von der internationalen Konstellation blockierten großen Kolonialreiches hat dann auch in Zeiten der Hochkonjunktur und des außenwirtschaftlichen Wachstums seit der Jahrhundertwende den Kolonien im öffentlichen Bewußtsein und insbesondere in der Propaganda der Parteien, Verbände und Ministerien, die sich mit der internationalen Konstellation Deutschlands nicht abfinden wollten, eine über jede ökonomische Bedeutung hinausgehende propagandistische Rolle verschafft. Diese Propaganda des Expansionismus und der Kolonialpolitik, die die internationale Krise um die Krügerdepesche während des britischen Angriffs auf Johannesburg 1896, die erste Marokkokrise 1905, den Reichstagswahlkampf – die so genannten „Hottentottenwahlen“ – 1906, die Daily Telegraph Affäre um die Rechte des Kaisers 1908 und die zweite Marokkokrise 1911, also die Mehrzahl der Vorkriegskrisen, beeinflußte, erhielt auch dadurch ihr besonderes Gewicht, weil sich so die großen Bündnisse zwischen Großlandwirtschaft und Schwerindustrie, überhaupt die Sammlung der konservativen und nationalliberalen Kräfte gegen eine Demokratisierung des Kaiserreiches als Ergebnis der Industrialisierung besser zusammenschmieden ließen.

Kolonialpolitik, auch als Hilfsinstrument für die Flottenpolitik und als Anlaß für Forderungen an die übrigen europäischen Großmächte, trug zur Einigungsformel im Kaiserreich bei, sollte Krisen- und Zukunftsängste mildem helfen und die Mittelschichten der Städte – nach Möglichkeit auch die Arbeiterschaft – mit den Zuständen des Kaiserreiches versöhnen.

Die koloniale Praxis selbst ist aus Krisenlagen während der gesamten 30-jährigen Herrschaft in den afrikanischen Kolonien nicht hinausgekommen. Sie teilte das Schicksal europäischer Kolonialpolitik generell, daß trotz allen Überlegenheitsbewußtseins der Kolonialherren und der tatsächlichen militärisch-ökonomischen Dominanz Kolonialpolitik nicht ohne jahrzehntelange gewaltsame Eroberung gegen die afrikanischen alten Führungsschichten möglich war. Die Erfahrung der Widerstandsfähigkeit afrikanischer Völker hatte eine rücksichtslose koloniale Gewalt hervorgerufen, die nun, bei Kolonialeroberungen an der Wende des 20. Jahrhunderts, sich vor aller Öffentlichkeit vollzog. Die großen Kolonialkriege, nur zehn bis zwölf Jahre nachdem die militärische Eroberung abgeschlossen schien – insbesondere der Herero- und Nama-Krieg 1904-1907 und der Maji-Maji-Aufstand in Ostafrika, deren Gesamtkosten höher waren als das Flottenprogramm –‚ haben in der Siedlerwirtschaft und beim Militär einen Sicherheitskomplex geschaffen, der rücksichtsloseste Methoden des Einsatzes von Gegenterror, der Verweigerung auch nur der Grundlagen von Selbstbestimmung und Lebensmöglichkeiten immer wieder erzeugt hat.

Es gehört zu den verschütteten Traditionen im öffentlichen Bewußtsein heute, daß diese Katastrophen der Kolonialpolitik von der Mehrheit der Zeitgenossen durchaus als solche verstanden wurden und eine Tradition von Reformbereitschaft und Kritik der Kolonialpolitik ausgelöst hatten, die von der Sozialdemokratie stets grundsätzlich geführt wurde, vom linken Flügel des katholischen Zentrums sich auf Reformbestrebungen der Missionsgesellschaften stützte und bei linksliberalen Parlamentariern unter den Aspekten der ökonomischen Rationalität, in Grenzen auch im Interesse allgemeiner Rechtsnormen, aufgenommen wurde. Diese Reformtradition, so zeitgebunden und unzureichend sie gewesen war und so wenig wirklichen Einfluß auf den Kolonialalltag sie auch meist hatte, ist in den Jahren 1905-1909 zeitweilig von den Parteien getragen worden, die später die große Weimarer Koalition bildeten. Ihr Exponent war der junge Erzberger – und es ist kein historischer Zufall, daß die Hetzkampagne gegen Erzberger nach 1919, die seine Ermordung vorbereitete, zunächst von seinen alten Gegnern in der Kolonialpolitik ausging und so der Unterzeichner des Waffenstillstands und Urheber der Kolonialkritik als der „Schuldige“ an „ Kriegsschuldlüge“ und „ Kolonialschuldlüge“ der Alliierten und zugleich als Exponent des demokratischen Systems Weimar vernichtet wurde. So wurde eine Tradition politischer Selbstkritik und demokratischer Weiterentwicklung zugunsten der Verdeckung der Züge der Gewalttätigkeit in der deutschen Gesellschaft, zugunsten der „nationalen“ Verharmlosung von Gewalt und der Bereitschaft, Menschen, die dem eigenen Herrschaftswillen im Wege standen, rücksichtslos auszuschalten, auch im Bereich der Kolonialpolitik verschüttet. Noch 1965 erhielt ein Journalist, der die Koloniallegende im Fernsehen angriff, Morddrohungen; wer im Ausland auf Parallelen zwischen dem Völkermord an den Hereros und den Juden und Polen hinwies, bekam es mit Zensurabsichten des Auswärtigen Amtes zu tun.

Auch in gesellschaftlichen Bereichen, die der Reformtradition zuzurechnen waren, etwa dem für die Kolonien so wichtigen Missionswesen, hat sich die Entscheidung zum Aufarbeiten der kolonialen Vergangenheit schwer und spät angelassen. Ähnlich wie das Stuttgarter Schuldbekenntnis für das Ausmaß an Duldung der Greuel des Hitlerreiches keine aktive kirchliche Tradition nach 1945 begründet hat, hat der lange Weg der Missionskirche vom Helfer bei der Errichtung des Kolonialreiches über das Selbstverständnis eines milderen patriarchalischen Herren über die „eingeborenen“ Gemeindemitglieder zur zögernden und späten Anerkenntnis der unabhängigen afrikanischen Kirchen praktisch wenig und späten Einfluß auf die großen Kirchen gehabt. Einer der wichtigsten Gründe hierfür war sicher, daß sich Kolonialherrschaft auch durch die Missionskirchen selbst vollzogen hatte. Die Annehmlichkeit der hierarchischen weißen Kontrolle über die Gemeinden und die Hinnahme der kolonialen Gewaltverhältnisse im Interesse eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Staat und Kirche schwächte jede Bereitschaft zum Bruch mit der kolonialen Realität und damit mit dem Staat entscheidend ab. Weil der afrikanische Unabhängigkeitswille sich zunächst in der Kirchenfrage vorbereitete, solange politische Organisation und politisches Bewußtsein noch wenig entwickelt waren, haben die Missionskirchen und durch sie vermittelt die Kirchen selbst über ein Jahrzehnt eher mit der Aufarbeitung dieses kolonialen Erbes begonnen als die politische Öffentlichkeit unter dem Eindruck der Unabhängigkeit.

Durch die Präsenz der Mission über die 1918 beendete Kolonialzeit hinaus war sie ohnehin mit den realen Verhältnissen enger verbunden als der Staat, der ja noch sowohl in der Weimarer Republik als unter Hitler an der Rückgewinnung der afrikanischen Kolonien arbeitete und dafür die Legende weiter wob.

Insgesamt gilt aber für sämtliche gesellschaftlichen Gruppierungen, sofern nicht die sozialdemokratischen oder sozialistischen Traditionen des Antikolonialismus fortlebten, daß das Bild von der Tradition der Gewalttätigkeit verschüttet blieb, das sich mühsam genug hinsichtlich Osteuropas politisch aufarbeiten ließ. Dies muß auch im Verhältnis zur Dritten Welt geleistet werden. Die von der Veränderung der Bewußtseinslagen und den Machtverhältnissen in der Drittes Welt unmittelbar betroffenen Erben der Kolonialzeit, so auch die weißen und deutschsprachige Minderheiten im südlichen Afrika, sind von der Verschüttung der Tradition der Kritik am Gewaltverhältnis besonders betroffen. Die koloniale Situation hat einen Sicherheitskomplex geschaffen, der einmal Blindheit gegenüber der eigenen Gewalttätigkeit produziert, zum anderen Selbstgerechtigkeit schafft, die eine sowohl humane als auch politische Einstellung auf die afrikanische Gegenreaktion erschwert und Realitätsverlust schafft.

Es wäre aber ein Fehler anzunehmen, daß diese Verknüpfung von Selbstgerechtigkeit und Sicherheitskomplex nur ein Problem der unmittelbar im kolonialen Gewaltverhältnis Stehenden ist. Ein Sicherheitskomplex und die damit verbundene Selbstgerechtigkeit entstehen auch aus den Risiken, die der Nord-Süd-Konflikt schafft. Da er in den Zusammenhang der Weltgeschichte der europäischen Expansion und des damit begründeten Gewaltverhältnisses gehört, ist die Einsicht in die Geschichte dieses Konflikts und damit auch die Einsicht in die unerledigte Kolonialgeschichte ein Mittel, um die Anwendung eines doppelten Maßstabes in der Beurteilung der gesellschaftlichen Realitäten der Welt aufzugeben. Nur so läßt sich auch die große Lücke schließen, die zwischen den Sachzwängen internationaler Politik in Richtung auf die Dritte Welt und dem öffentlichen Bewußtsein klafft. Sicherheitskomplex und Selbstgerechtigkeit schaffen jene gefährlichen Solidaritäten, die Konflikte eher verschärfen und verlängern. Kritische Aufdeckung der eigenen Vergangenheit; in diesem Fall des kolonialen Gewaltverhältnisses, vermag Interessenausgleich frei von Angst und Selbstgerechtigkeit zu erleichtern.



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