Volksaufklärung

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Die Wirksamkeit schriftlicher Publikationen in der Volksaufklärung


Von Nils Fehlhaber (Hausarbeit, Oktober 2008)


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Aber ich dächte doch, es sey gut, wenn der Bauersmann zuweilen ein Buch läse, woraus er lernte, wie und auf welche Art er diese und jene Wirtschaftssachen aufs beste einrichten, und wie er sich und anderen in gewissen Nothfällen des Lebens helfen könne.[1]

Diese Worte legte Rudolph Zacharias Becker in seinem 1788 erschienenen Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute einem aufklärerisch orientierten Adligen in den Mund. "Wissensvermittlung durch schriftliche Publikationen" - mit dieser Ansicht ließ er ihn gleichzeitig die methodische Grundlage für eine Phase innerhalb der Aufklärung formulieren: Die sogenannte Volksaufklärung. In jener praktischen Reform- und Erziehungsbewegung, die etwa Mitte des 18. Jahrhunderts entstand und deren Einfluss bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts reichte, waren schriftliche Veröffentlichungen die vorwiegend genutzten Medien für die Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts. Vorbild hierfür war die Aufklärungsbewegung, in der Bücher und Zeitschriften zu den bedeutsamsten Medien für die Diskussion oder den Gedankenaustausch zwischen Beteiligten avancierten. Mit der Entwicklung der Volksaufklärung, deren Charakteristika noch näher zu erläutern sein werden, boten sich jedoch den Aufklärern gänzlich andere Vorraussetzungen. Die Zielgruppe war nunmehr die ländliche und städtische Unterschicht, deren soziales und ökonomisches Umfeld sowie die mentale Grundverfassung eine vollständig andere war, als die derjenigen Menschen, welche im Vorfeld an der Aufklärung partizipierten: gebildete Schichten aus Adel und Bürgertum. In der nachfolgenden Ausarbeitung soll versucht werden, auf die Frage nach der Wirksamkeit schriftlicher Publikationen im Rahmen der Volksaufklärung eine Antwort zu finden. Dabei wird es notwendig sein, auf die wichtigsten Faktoren einzugehen, die das bäuerliche Leseverhalten beeinflussten. Welchen Stellenwert hatte die schriftliche Publikation im bäuerlichen Leben, wie stand es um die Alphabetisierung und wie wirkte das soziale und ökonomische Umfeld auf die Lesemotivation? Im letzten Teil der Ausarbeitung soll darauf hin anhand eines Beispiels untersucht werden, ob es den Volksaufklärern gelang, diese Vorraussetzungen zu berücksichtigen und wirksame Volksaufklärungsschriften zu erarbeiten.

Die Ausgangslage für die Volksaufklärung

Ungefähr im Zeitraum der 1740er und 1750er Jahre weiteten sich geistige Strömung und gesellschaftliche Bewegung der Aufklärung auf neue Bereiche aus. Die Inhalte, die bis dato für die Aufklärung der Gebildeten maßgeblich waren, sollten nun an sämtliche Teile der Bevölkerung weitergegeben werden[2], also auch an die ländlichen und städtischen Unterschichten. Die an dieser Entwicklung beteiligten Personen führten zu diesem Zwecke eine "systematische Durchforstung aller gesellschaftlicher Bereiche nach Möglichkeiten zur Verbesserung"[3] durch. Insbesondere der Bauer trat dabei ins Blickfeld der Aufklärer, die in ihm den Ausgangspunkt für Verbesserungen und Reformen sahen[4], was insofern nachvollziehbar ist, als dass die Landbevölkerung der damaligen Zeit den weitaus größten Teil der Bevölkerung ausmachte. Wollte man also das Ideal einer Gesellschaft verwirklichen, die frei von "Denkhindernissen" wie zum Beispiel Vorurteilen, Aberglauben oder Fanatismus ist und handelt, so war diese Ausweitung auf die damalig größte Bevölkerungsschicht unumgänglich. Der "edelste Menschenschlag" sollte in diesem Zusammenhang aus seinem unverschuldeten Elend befreit werden und vom Rande ins Zentrum des gesellschaftlichen Interesses gerückt werden.[5] Das "Volk" und speziell der Bauer wurde, anders als in früheren Zeiten, mit großer Sympathie und Anteilnahme betrachtet, wenngleich auch - insbesondere in der späteren Volksaufklärung - durchaus von oben herab.[6] Darüber hinaus ist insbesondere der Wandel des Wissensverständnisses für diese Phase der Aufklärung bedeutsam: Man war geneigt, Öffentlichkeit herzustellen, statt ,Geheimwissen' anzuhäufen[7] und somit die Fortschritte, die man in der Naturforschung gemacht hatte und noch machen würde, der ganzen Gesellschaft zugänglich zu machen um dadurch dem utopischen Ziel des Allgemeinwohls Schritt für Schritt näher zu kommen. Dabei bot der Bereich der Landwirtschaft das ideale Anwendungsgebiet für naturwissenschaftliche Neuentdeckungen. Hier war es möglich, sowohl deren Anwendbarkeit, als auch Nutzen zu demonstrieren. Die "Popularisierung aufklärerischen Denkens und Handels"[8] war der Grundgedanke, welcher die Akteure der Volksaufklärung in ihrem Agieren bestimmte. Eine sehr konzentrierte Zusammenfassung für die Zielsetzungen liefert Reinhart Siegert. Die Volksaufklärung sei laut ihm der

Versuch, die kollektive Mentalität[...] zu verändern, sie aus der schützenden, aber lähmenden Einbindung in kollektive und als selbstverständlich empfundene Vorstellungsweisen herauszureißen, sie für Einflüsse außerhalb ihres Kommunikationssystems zugänglich zu machen, sie dazu zu bringen, sich auf ihr individuelles Urteil zu verlassen und allem auch noch so Vertrauten mit der kritischen Frage zu begegnen, ob sich daran nichts verbessern ließe - mit anderen Worten: sie aufzuklären.[9]

Alles in allem kann man sagen, dass durch die angestrebte Mentalitätsveränderung der Aufklärer, also die zunehmende Konzentration auf den Bereich der Landwirtschaft, der Grundstein für die Volksaufklärung gelegt war, welche sich durch das gesamte 18. Jahrhundert hindurch intensivierte, ausbreitete, aber auch weiterentwickelte.

Die schriftlichen Medien waren das meistgenutzte Instrument der Aufklärer, um die neu gewonnenen Motivationen umzusetzen, also dem ,gemeinen Mann' Neuerungen und Reformen näherzubringen. Wie schon in der Einleitung angekündigt, ist es nunmehr notwendig, die Ausgangslage zu untersuchen, mit der sich die Verfasser aufklärerischer Schriften konfrontiert sahen und in dessen Rahmen sie sich bewegen und agieren konnten. Es soll dabei ergründet werden, wie es mit dem bäuerlichen Lektürerepertoire bestellt war und vor allem, wie diese Rezipienten auf ,Eingriffe', also Veränderungen in diesem Gefüge, reagierten.

Die bäuerliche Lektüre lässt sich in drei Abschnitte einteilen. Zum Ersten war die religiöse Literatur ein wichtiger Bestandteil des Haushalts. In einer Zeit, in der Religiosität und regelmäßiger Kirchgang in der Gesellschaft und insbesondere auf dem Lande weit verbreitet waren und der Katechismus schon im Schulunterricht eine wichtige Rolle spielte, kann zweifelsfrei von einer großen Bedeutung dieser Art von Lektüre für den Bauern und seine Familie gesprochen werden. Reinhart Siegert weist darauf hin, dass ein solcher "Minimal-Buchbesitz" in protestantischen Haushalten sogar einen Pflichtbestand darstellte. Dazu gehörten "vielerorts die Bibel (oder zumindest das Neue Testament), der Katechismus, ein Gesangbuch samt Gebetbuch sowie eine Hauspostille".[10] Dem Pfarrer sei dabei die Aufgabe zugekommen, diese Bestände bei Hausvisitationen auf Vollständigkeit und regelmäßige Rezeption hin zu überprüfen. Dies ergebe sich aus Visitationsprotokollen, Teilungsinventaren nach Todesfällen und literarischen Zeugnissen.[11] Aus diesen Nachweisen lässt sich eine tiefe Verankerung religiöser Texte in der ländlichen Gesellschaft ablesen. In katholischen Haushalten wird es sich um diese Grundbestände höchstwahrscheinlich nicht sonderlich anders verhalten haben, so dass man hier von einer relativ einheitlichen Tendenz sprechen kann.

Ein zweiter Teil der in der bäuerlichen Bevölkerung üblichen Lesestoffe sind kleinere Druckschriften, die beispielsweise wunderbare Geschichten, Armesünder- oder Liebeslieder, Zauberhistorien oder Traumdeutungen enthielten.[12] Wenngleich diese Volksbücher, die teilweise kuriose, abergläubische und in jedem Fall unaufklärerische Inhalte enthielten, den Aufklärern als unbedingt beseitigungswürdig erschienen sein mögen, hatten sie dennoch einen großen Einfluss auf die Gestaltung späterer Aufklärungsschriften. Auf eine solche Wiederverwendung und Transformation alter Publikationsformen, was gewissermaßen als Grundstock für die Bemühungen der Volksaufklärer gelten kann, soll im vierten Kapitel dieser Ausarbeitung genauer eingegangen werden.

Doch schon in der dritten bei Bauern üblichen Literaturgattung, dem Kalender, ist eine solche Benutzung des gewohnten Formats bei gleichzeitiger Veränderung in aufklärerischer Hinsicht erkennbar. Laut Jan Knopf gehörte der Kalender zum "festen Bestandteil des Lesestoffs der sozialen Unterschichten"[13]. Ohne auf den detaillierten Aufbau des Kalenders und seine regionalen und zeitlich bedingten Eigenheiten einzugehen, sollen an dieser Stelle einige grundlegende Charakteristika beleuchtet werden.

Das primäre Ziel des Kalenders war die konkrete Lebenshilfe für den Rezipienten. "Angaben zur vermutlichen Witterung, Wetter- und Bauernregeln sowie praktische Ratschläge für den Alltag"[14] standen neben Aderlasstafeln, die Auskunft darüber gaben, bei welchem Mondstand der Aderlass günstig sei.[15] An dieser Stelle lassen sich bereits deutlich die teilweise stark irrationalen und abergläubisch geprägten Inhalte erkennen, welche sich an vielen weiteren Stellen offenbaren und lange Zeit für den Kalender charakteristisch waren. So wird am ptolemäischen Weltbild festgehalten, bei dem die Erde das Zentrum des Universums bildet, oder eine an der Bibel orientierte Zeitrechnung betrieben, wobei Ereignisse wie die Erschaffung der Welt oder die Sintflut rückwirkend genau datiert sind.[16] In den Practica mischen sich "empirisch-meteorologische, astronomische sowie astrologische Aussagen bzw. Spekulationen"[17] und ergeben ein Sammelsurium an empirischen und spekulativen Aussagen zur bäuerlichen Lebenswelt. Zudem sei noch auf die "Kuriositäten" hingewiesen, von denen berichtet wird und die als historisch beglaubigt dargestellt werden. Hierin finden sich Berichte von "Ungeheuern aus aller Welt [...], ungewöhnlichen Naturerscheinungen und sonstigen Kuriosa"[18]. Alles in allem bewertet Knopf die Verwendung dieser Inhalte als "Vermischung von heimatlich-'volkstümlicher' Gebundenheit und inhaltlich (medial) vermittelter exotisch-kurioser 'Welterfahrung'" und damit als "charakteristisch für die erzählenden Inhalte der Kalender im 18. Jahrhundert"[19].

Folgendes ist über die Bedeutung des Kalenders für aufklärerische Bemühungen festzuhalten: Dieser war schon lange Zeit vor Beginn der Aufklärung ein Instrument praktischer Lebenshilfe für die untersten Bevölkerungsschichten.[20] Die relativ seltene Überlieferung von Kalenderexemplaren deutet Knopf als Indikator für eine erfolgreiche Rezeption der Exemplare, sodass diese nicht länger aufbewahrt werden mussten[21] und folglich ohne Skrupel entsorgt wurden. Diese Verhaltensweise stellt insofern eine Besonderheit dar, als dass im Normalfall Bücher meist über mehrere Generationen weitervererbt wurden. Verbunden mit der weiten Verbreitung[22] der Kalender ergibt sich somit das Bild von einem Medium, welches über eine starke Verwurzelung in der ländlichen Unterschicht verfügte und einen festen Bestandteil der bäuerlichen Lektüre darstellte, der über Generationen zum traditionell gebräuchlichen Konsumgegenstand geworden war.

Für die Volksaufklärer war der Kalender in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen standen die erwähnten Kuriosa und abergläubischen Inhalte der Forderung nach "Klarheit des Verstandes" und "Klarheit des Geistes"[23] diametral entgegen und zum anderen bot die beschriebene Verankerung des Kalenders in der Bevölkerung die Möglichkeit, dieses Medium für die eigenen Interessen zu nutzen und aufklärerische Inhalte effektiv an den Adressaten zu bringen. Die begrenzte Gültigkeit des Kalenders und die damit verbundene regelmäßige Neuanschaffung stellten - ähnlich wie bei einer periodisch erscheinenden Zeitung - ebenfalls eine gute Möglichkeit dar, Neuerungen zu publizieren. Die religiöse Literatur stellte sowohl aufgrund ihrer inhaltlichen Beschaffenheit als auch wegen der sehr seltenen Erneuerung ein wenig adäquates Trägermedien für Innovationen dar. Inwieweit nun versucht wurde, das Medium Kalender zu nutzen und ob diese Experimente von Erfolg oder Misserfolg betroffen waren, soll im nächsten Abschnitt ergründet werden.

Ein erster Vorschlag für die Verbesserung der Kalender findet sich in den Leipziger Sammlungen aus den Jahren 1745/46, wo es heißt, man müsse die "alten Saalbadereyen und Fratzen der Planeten=Leserey und Geburts=Zeichen der Knäbigen und Mägdchen" entfernen und vielmehr Inhalte integrieren, die den Leser vor "Schaden, Nachtheil, Irrthum, Aberglauben, Thorheit und Bosheit" bewahren und zudem die Förderung von "Policey und Wirthschaft" bewirken.[24] Analog zu diesen Ansichten begann man ab der Mitte des 18. Jahrhunderts gezielt Veränderungen durchzuführen. So wurde mancherorts die Aderlasstafel ersatzlos gestrichen, die astrologischen Daten mitsamt den daraus geschlossenen Folgerungen infrage gestellt und die Practica auf einige wenige Bauernregeln reduziert.[25] "Die Tendenz ist, auf spröde Weise zu belehren und praktisch-nützliche Informationen zu geben; der Kalender soll zwar am Alltag der kleinen Leute ausgerichtet bleiben, nun aber als nützliches Hausbuch 'vernünftige' Zwecke erfüllen."[26] Jene Alltagsorientierung, die Grundlage für weite Verbreitung und allgemeine Akzeptanz des Kalenders in der Bevölkerung war, sollte somit ausdrücklich beibehalten werden. Die Strategie der Aufklärer ist darin eindeutig erkennbar: Beibehaltung der äußeren Struktur bei gleichzeitig deutlicher Neuausrichtung des Inhalts. Doch das Vorhaben schlug insofern fehl, als dass die Absatzzahlen teilweise drastisch zurückgingen[27], die Reformkalender und damit das dahinterstehende Konzept (zumindest in der ersten Phase) abgelehnt wurden. Reinhard Wittmann resümiert, dass dieser Fehlversuch stellvertretend für ähnliche misslungene Versuche gelten könne, den Bauern gegen seinen Willen vom traditionellen Lesestoff abzubringen.[28] Diese Einschätzung erscheint aufgrund der implizierten Ausnahmslosigkeit zwar etwas undifferenziert und ist daher kritisch zu hinterfragen[29], doch wird darin auf einen wichtigen Faktor für die Volksaufklärung verwiesen: Den Willen des Bauern. Es wird im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung noch näher zu untersuchen sein, welche Rolle die Motivation des aufzuklärenden Subjekts, in diesem Falle die ländliche Unterschicht, für die Wirksamkeit aufklärerischer Schriften spielte.

Man kann somit festhalten, dass den Intentionen und Plänen der Aufklärer ein festes Lektüreverhalten, eine sehr begrenzte Mediennutzung und vor allem genau definierte Erwartungen an das rezipierte Medium entgegenstanden. Allgemeiner gesagt bestand der bäuerliche Lesehorizont aus Erbauung (Bibel), Lebenshilfe (Kalender) und Unterhaltung (Volksbücher)[30]. Die Schwierigkeiten, die dieses Kontinuum mit sich brachte, zeigen sich an den empfindlichen Reaktionen, welche durch Veränderungen ausgelöst wurden und sich in den Auflageveränderungen niederschlugen. Trotz des Misserfolgs in der Neugestaltung des Kalenders kann man jedoch auch festhalten, dass durchaus Ansatzpunkte für die wirksame Integration aufklärerischer Publikationen in das bäuerliche Lektürerepertoire - insbesondere bezüglich der Volksbücher und Kalender - vorhanden waren.

Schaut man sich einige frühe Öußerungen von Aufklärern an, so kann man den Eindruck gewinnen, dass die beschriebenen Voraussetzungen kaum berücksichtigt wurden. So fordert George Heinrich Zincke 1731 in seinem Allgemeinen Oeconomischen Lexicon, dass ökonomische Publikationen von "allen Arten von Wirthen und sonderlich ungelehrten und gemeinen Leuthen" selbstverständlich zu lesen seien.[31] Im folgenden Kapitel soll nun untersucht werden, auf welche weiteren Vorraussetzungen die Schriften der Volksaufklärer stießen und ob eine solche Bewertung des bäuerlichen Leseverhaltens realitätsgetreu genannt werden kann.

Die schriftliche Publikation im dörflichen Kommunikationssystem

Nach Untersuchung der medialen Rahmenbedingung des bäuerlichen Haushalts, in der sich die Aufklärer mit ihren Schriften bewegen konnten, sollen nun weitere Faktoren untersucht werden, die für die Wirksamkeit schriftlicher Publikationen von Bedeutung waren. Die Betrachtungsobjekte werden nunmehr die komplexen innerdörflichen Zusammenhänge und Vorraussetzungen sein, die einen Einfluss sowohl auf die Rezeption, als auch auf die Verbreitung aufklärerischen Schrifttums hatten. Aus heutiger Sicht ist die Frage nach der Alphabetisierung maßgeblich für den Erfolg schriftlicher Publikationen, aber auch sekundäre Vermittlungswege und ein damit verbundenes komplexes Kommunikationssystem spielen für die Verbreitung und Rezeption eine wichtige Rolle. Als letzter Punkt soll die bäuerliche Lesemotivation genauer unter die Lupe genommen werden.

Ziel dabei ist es, auf Grundlage der analysierten Faktoren einen besseren Eindruck von den Möglichkeiten und Schwierigkeiten zu erhalten, welche die Wirksamkeit aufklärerischen Schrifttums beeinflussten.

Die Rolle der Alphabetisierung

Die am Ende des vorherigen Kapitels dokumentierte Äußerung, die Adressaten müssten die ökonomische Literatur ganz selbstverständlich lesen und im nächsten Schritt zur konstruktiven Anwendung schreiten, lässt einige Zweifel hinsichtlich der korrekten Einschätzung der frühen Volksaufklärer aufkommen. Es stellt sich die Frage, wie es eigentlich um die Alphabetisierung der Landbevölkerung im 18. Jahrhundert bestellt war und ob die Menschen überhaupt theoretisch in der Lage waren, den Anforderungen und Vorstellungen der Aufklärer nachzukommen.

Auf den ersten Blick erscheint es einleuchtend, dass nur der lesende Bauer auch Aufklärungsobjekt, und somit Zielgruppe aufklärerischer Schriften, sein kann. Wie bereits erwähnt, war die schriftliche Publikation das wichtigste Instrument bei der Verbreitung von Neuerungen. In der Forschungsliteratur wird immer wieder betont, dass genaue Aussagen über den Alphabetisierungsgrad in der Landbevölkerung nach wie vor sehr schwierig seien. Als Richtlinie für die Beurteilung des Alphabetisierungsgrades wird häufig auf Rudolf Schendas Schätzung von 1970 zurückgegriffen, wonach "in Mitteleuropa um 1770: 15 %, um 1800: 25 %, um 1830: 40 % [...] der Bevölkerung über sechs Jahren als potentielle Leser in Frage kommen."[32] Doch bilden diese Zahlen wirklich ein nützliches Instrument, um Rückschlüsse auf die Verbreitung und Wirksamkeit von Lesestoffen zu ziehen? Ernst Hinrichs weist darauf hin, dass Schenda den Leser über die Definition "Mitteleuropa" im Unklaren lasse und sich zudem mit dem Versuch, Alphabetisierungswerte für einen derart großen Raum zu geben, stark übernehme.[33] Die Größe des Raumes, für den Schenda seine Schätzungen abgibt, sei darüber hinaus auch deswegen ungeeignet, weil weit aussagekräftigere Angaben über Staaten oder Regionen ausgeblendet würden.[34] Es erscheint somit wesentlich angebrachter, regionale Studien durchzuführen, um stärker differenzieren zu können. Besonders in Nordwestdeutschland lassen sich einige dieser regionalen Untersuchungen nachweisen, die an dieser Stelle exemplarisch Erwähnung finden sollen. Wilhelm Nordens Aussagen zur oldenburgischen Küstenmarsch Butjadingen zeigen, dass Mitte des 18. Jahrhunderts, also zum Ende seines Untersuchungszeitraums, von einer nahezu vollständigen Alphabetisierung gesprochen werden kann.[35] Zu ebenfalls hohen Werten kommt auch Ernst Hinrichs bei seiner Untersuchung von zwölf oldenburgischen Kirchspielen[36] oder Karl-Heinz Ziessow, dessen Untersuchung des Artländer Kirchspiels Menslage[37] allerdings bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Auch in anderen Regionen, zum Beispiel für die Residenzstadt Koblenz und ihr Umland, sind ähnlich hohe Werte nachgewiesen worden. Diese exemplarischen Beispiele können zwar keinesfalls als allgemeingültig gelten, ergeben jedoch durch die hohen Werte ein wesentlich anderes Bild, als die von Schenda für 1770 angegebenen 15 % Alphabetisierungsquote.

Man kann also festhalten, dass die oben festgestellte Selbstverständlichkeit, mit der die frühen Volksaufklärer das Leseverhalten der Bauern betrachteten, vielleicht mancherorts gerechtfertig war, da zumindest vom Grade der Alphabetisierung her die Bauern durchaus in der Lage waren, Schriften zu lesen. Die Schlussfolgerung jedoch, dass eine hohe Alphabetisierungsquote und damit eine hohe Lesefähigkeit gleichbedeutend mit einem aktiven Leseverhalten ist, muss deutlich eingeschränkt werden, denn nicht jeder der lesen konnte, las auch. So stellt Reinhart Siegert fest, dass die Alphabetisierung in Bezug auf die Volksaufklärung nur nebenbei ein Thema gewesen sei, da man Ende des 18. Jahrhunderts von weit verbreiteten Lesekenntnissen ausgehen könne und darüber hinaus die Lesemotivation wesentlich bedeutsamer sei als die Lesefähigkeit.[38] Diese Erkenntnis lässt sich sehr gut mit der im vorherigen Kapitel betrachtete Auflageveränderung in Verbindung setzen, welche den Kalender ereilte, als dieser mit aufklärerischen Inhalten neu konzipiert wurde. Wollte man also aus Sicht der Volksaufklärer mit seinen Publikationen die gewünschte Wirkung erzielen, so war es unumgänglich, diese Vorraussetzung in die Überlegungen einzubeziehen und nicht einfach auf eine selbstverständliche Lektüre der Bauern zu vertrauen. Wie sich die Aufklärer schließlich diese Erkenntnis zueigen machten und die Lesemotivation aktiv in ihre Bemühungen einbezogen, soll im vierten Kapitel näher untersucht werden.

Vermittlungswege im Dorf

Über die Betrachtung von individuellen Lesefähigkeiten hinaus ist es interessant zu untersuchen, welche Rolle die innerdörflichen Kommunikationssysteme für die Wirksamkeit der Aufklärungsliteratur spielten.

Charakteristisch für die dörfliche Lebenswelt des 18. Jahrhunderts war ein stark indirekt ausgerichtetes Lektüresystem, welches im Kontrast zur individuellen Lektüre stand, die in der städtischen Oberschicht, also dem Träger der frühen Aufklärung, wesentlich weiter verbreitet war. Der Kalender ist ein gutes Beispiel für diese Art der Kommunikation, da dieser ein Medium darstellt, welches von "wenigen gelesen, aber vielen vorgelesen wird"[39], damit also meist nicht direkt von einem Rezipienten aufgenommen wurde, sondern erst über den Umweg über zwei oder mehr Kommunikationsinstanzen. Jan Knopf führt dazu aus, dass ein solcher Vermittlungsprozess häufig durch den Hausvater oder andere lesekundige Personen des Haushalts geschah. Zudem hätten die Kalender einen festen Platz in den Wirtshäusern gehabt, die vielfach nur aufgrund des Verlesens eines Kalenders aufgesucht worden seien.[40] Die Auffassung, dass die publizierten Medien direkt nach dem Kauf und dem darauf folgenden Lesevorgang ihre vorgesehene Wirkung entfalteten und reformorientiertes Handeln bewirkten, muss aufgrund dieser Erkenntnis relativiert werden. Dies wird nur bei einer Minderheit der Leser der Fall gewesen sein, sodass zumindest von einer Zeitverzögerung ausgegangen werden muss, welche beim kommunikativen Umweg über die Vorleseinstanz entstand. Darüber hinaus wird es bei diesem Prozess auch qualitative Einschränkungen gegeben haben. Siegert erwähnt in diesem Zusammenhang mit Verweis auf Zeitzeugen "unbeholfenes, nicht sinngemäßes Lesen [welches] für die Mithörenden kaum verständlich war"[41]. Verbunden mit dem statischen und überalterten Buchbestand sei aus diesem Lektürevorgang keine emanzipatorische oder innovative Qualität erwachsen.[42]

Man kann allgemein festhalten, dass die Volkskultur der damaligen Zeit eine weitgehend oral geprägte Kultur war. Knopf führt aus, dass dabei viele Kommunikationssituationen denkbar seien: geselliges Vorlesen, die sonntägliche Predigt, Gespräche am Stammtisch oder in der Spinnstube, Kontakte zwischen Kindern und Eltern oder innerhalb der Dorfgemeinschaft bzw. Unterhaltungen auf Märkten[43]. Man erkennt darin, dass offensichtlich das gesprochene Wort einen wesentlich höheren Stellenwert im Informationsverhalten des Bauern spielte, als das geschriebene. Auch Otto Ulbricht stellt in seiner Untersuchung über die Diffusion von Neuerungen aus der englischen Landwirtschaft in die kurhannoverschen Gebiete eine derartige Verzweigung der Informationsübertragung fest. Zwischen der Lektüre und der Übernahme liegen laut ihm mehrere Schritte, also die Kontaktaufnahme zu Personen des persönlichen Umfeldes, Abwägung und schließlich Entscheidung über eine Handlung. Verschiedene Kommunikationskanäle wie Ausgangsmedium und interpersonale Kommunikation wirken somit auf den individuellen Entscheidungsprozess ein und determinieren ihn.[44] Ulbricht fasst seine Erkenntnisse so zusammen, dass die Zahl der Personen, die nur auf interpersonalem Wege von den Neuerungen erfahren konnte, viel größer gewesen sei, als die Zahl der direkten Vermittlungen, was einer Verlangsamung des Informationsflusses gleichkomme.[45]

Einen anderen Ansatz verfolgt Gunter Mahlerwein, der die Beziehung von ökonomischen und kommunikationstheoretischen Faktoren untersucht. Laut ihm sei für das 18. Jahrhundert ein kulturelles und ökonomisches Auseinanderdriften der Dorfbevölkerung bei gleichzeitig starkem Anwachsen unterbäuerlicher Schichten mit eigener Kommunikationskultur zu verzeichnen.[46] Diesem Vorgang stehe zudem die Formierung einer ländlichen Elite gegenüber, die sich untereinander organisierte und rationell wirtschaftete.[47] Das Ergebnis dieser Fluktuationen in der Dorfbevölkerung sei letztendlich eine sinkende Akzeptanz der wenigen elitären Bauern gegenüber anderen dörflichen Schichten als gleichwertige Kommunikationspartner gewesen.[48] Daraus resultiere schlussendlich der Verlust innerdörflicher Kommunikationsmöglichkeiten.[49] Wenngleich dieser Ansatz wohl nicht pauschal für alle Dörfer Gültigkeit beanspruchen kann, so wird daraus doch deutlich, dass die bäuerliche Bevölkerung keineswegs als homogene Einheit betrachtet werden kann. Der Verfasser aufklärerischer Schriften konnte nicht darauf zählen, mit seinen Publikationen alle Schichten des Dorfes unmittelbar zu erreichen, sondern musste gerade für die unterbäuerlichen Schichten auf andere Rahmenbedingungen Rücksicht nehmen, als dass dies bei der ländlichen Elite der Fall war. Mahlerweins Überlegungen weisen auf eine tendenzielle Undurchlässigkeit der dörflichen Gemeinschaft für Informationen hin.

Der Aufklärer musste also damit rechnen, dass die propagierten Neuerungen durch die ländlichen Vermittlungswege in ihrer Wirkung stark beeinträchtigt wurden. Ein vorwiegend oral geprägtes Kommunikationsverhalten wirkte nicht nur zeitlich verzögernd, da die Inhalte meist durch Vorlesen oder Mundpropaganda verbreitet wurden, sondern auch qualitativ abwertend. Wenn man zudem noch den Faktor der Lesemotivation mit berücksichtigt, so ergeben sich hinsichtlich der Wirksamkeit schriftlicher Medien für die Verbreitung von Reformen oder Neuerungen starke Zweifel. Allein das Publizieren von Schriften war noch lange kein Garant für die erfolgreiche und originalgetreue Rezeption und vor allem das Erreichen der bäuerlichen Unterschichten. Im letzten Teil dieses Kapitels sollen abschließend die konkreten Lesemotivationen der Bauern unter die Lupe genommen werden.

Die Frage nach der Lesemotivation

Will man die Motivation des Bauern untersuchen, sich ein Buch anzuschaffen, dieses konstruktiv zu lesen und sich die darin postulierten Inhalte zueigen zu machen, so stößt man bereits am Anfang der Betrachtung auf ein Grundproblem. "Unmittelbare mündliche und schriftliche Öußerungen der ländlichen Bevölkerung des 18. Jahrhunderts über ihre Lektüre sind nicht aufzufinden"[50] oder nur in einigen wenigen Ausnahmebeispielen nachweisbar. Somit müssen Aussagen, die zu diesem Thema getätigt werden, immer unter Vorbehalt geschehen und können nicht als allgemeingültig angesehen werden.

Reinhard Wittmann schreibt, dass das Lesen von Büchern innerhalb der bäuerlichen Bevölkerung eher als negatives Attribut gegolten habe. Eine solche Beschäftigung wurde als Zeitvertreib der Oberschicht oder als tendenziell bürgerliche Verhaltensweise angesehen, welche in starkem Kontrast zum ländlichen Leben mit seinen Anforderungen stand.[51] Für die bäuerliche Oberschicht hingegen sind immer wieder Versuche nachweisbar, die bürgerliche Lebenswelt nachzuahmen, also zum Beispiel bei der Gestaltung der Häuser (Außen- und Innenausstattung) oder auch indem man das bürgerliche Bildungsinteresse nachempfand. Das darin deutlich werdende kulturelle Auseinanderdriften der dörflichen Bevölkerungsgruppen lässt sich gut mit den Überlegungen Gunter Mahlerweins in Verbindung bringen, die im letzten Kapitel beschrieben wurden. Die von ihm beobachtete soziale und kulturelle Heterogenisierung der Dorfbevölkerung, die als Folgeerscheinung einen Verlust der innerdörflichen Kommunikation nach sich zog, kann auch als Grundlage für eine zunehmende mentale Entfremdung gesehen werden. Der Eindruck von einer wachsenden Ungleichheit bewirkte möglicherweise auch eine bewusste Abgrenzung in den Verhaltensweisen, so dass eine Ablehnung des "bürgerlichen" Lesens nicht allzu unwahrscheinlich erscheint.

Zusätzlich zu diesen bewussten Verhaltensweisen kamen weitere Faktoren, die die Lesemöglichkeiten der bäuerlichen Bevölkerung zusätzlich einschränkten. Allein die ökonomische Situation innerhalb des Dorfes führte keinesfalls zu einem erhöhten Interesse an Literatur: Armut, eine große Zahl an Kleinstellen und eine hohe Arbeitsbelastung[52] sind in diesem Zusammenhang Gründe, welche die Motivation und vor allem die Rahmenbedingungen zum konzentrierten Lesen aufklärerischer Literatur negativ beeinflussten.

Aber auch die Aufklärungsliteratur an sich stieß in der ersten Phase auf wenig Interesse bei der Zielgruppe. Wittmann führt dies auf eine grundsätzliche Ablehnung des Bauern gegen das Theoretisieren und damit die Hinterfragung althergebrachter Verhaltensweisen zurück. Das Signal, welches am deutlichsten eine abgeneigte Haltung hervorgebracht habe, sei jedoch die Tendenz der frühen Aufklärer gewesen, dem Bauern die Mündigkeit in seiner ureigensten Domäne abzusprechen: Dem Ackerbau und der Viehhaltung.[53] Allein die Tatsache, dass die Mehrzahl der Aufklärer nicht dem bäuerlichen Milieu entstammte, sondern sich aus gelehrten Teilen der städtischen Bevölkerung rekrutierte, muss für weitere Skepsis gesorgt haben. Zusätzlich zu dieser inneren Aufmachung der Aufklärungsliteratur wird auch häufig auf die Bedeutung der äußeren Gestaltung hingewiesen. Holger Böning verweist auf Aussagen von Volksaufklärern, die bei der Frage, welche Druckerzeugnisse am besten für die dörfliche Bevölkerung geeignet seien, zu der Erkenntnis gelangten, dass das Buch auf den ,gemeinen Mann' oft einschüchternd gewirkt habe damit wenig brauchbar gewesen sei.[54] So hieß es Anfang der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts über den Landmann:

Wir wollen ein halb Dutzend Mord= und Brandgeschichten, die er einzeln gewiß nicht verschmähet, zusammen binden lassen. Ich wette alles, er rührt sie nicht an, und das ohne allen Zweifel, weil sie jetzt ein wichtiges Ansehen für ihn haben. Es ist ein Buch, noch dicker als der Catechismus, der dem armen Hans vordem so manche Träne kostete. Ursache genug, daß unsern ländlichen Freunde dafür schaudert.[55]

Im Zitat wird das "wichtige" Aussehen des Buches angesprochen, welches den Bauern davon abhalte, diejenige Literatur zu konsumieren, die er sonst nicht "verschmähet" und die in Form von Volksliteratur ein fester Bestandteil seiner Lektüre war (vgl. Kapitel 2).[56] Auch wenn die im Zitat zutage tretende Meinung als recht polemisch erscheint, so wird doch deutlich, dass sich offensichtlich die bäuerliche Lesemotivation recht komplex gestaltete. Es bestanden scheinbar große Schwierigkeiten, die Schriften sowohl äußerlich, als auch innerlich so zu gestalten, dass sie den bäuerlichen Leser nicht verschreckten, sondern ihn zur Lektüre anzuregen.

Man kann als Fazit dieses Kapitels festhalten, dass die Aufklärer sich mit einem kompliziertes Geflecht aus Kommunikationsformen innerhalb der ländlichen Bevölkerung und einem Leseverhalten, welches stark an Motivationen und sozialen- bzw. wirtschaftlichen Rahmenbedingungen orientiert war, konfrontiert sahen. Eine Selbstverständlichkeit, mit dem anfangs davon ausgegangen wurde, dass die Bauern die ihnen zugedachte Literatur lesen würden, erscheint vor diesem Hintergrund als wenig realistisch. Hinsichtlich der Wirksamkeit schriftlicher Publikationen kann man sagen, dass es entweder günstige Umstände brauchte (z.B. eine lesekundige Person als Ausgangspunkt des Kommunikations- bzw. Verbreitungsablaufs) oder die direkte Einflussnahme einzelner Personen (Vermittlung durch den Pfarrer/Amtmann) um den Neuerungen zum wirksamen Durchbruch und zur Anwendung zu verhelfen. Eine durch die Umgestaltung von Schriften erzeugte Lesemotivation musste das Ziel verfolgen, den einzelnen Bauern zum Lesen zu animieren und damit die komplexen Verbindungen und Kommunikationsnetze in ihrer Bedeutung einzuschränken. Nur so war es möglich, die Wirksamkeit der Schriften zu erhöhen und den darin publizierten Neuerungen zum Durchbruch zu verhelfen.

Der notwendige Strategiewandel, der aus diesen Einsichten erwuchs, manifestierte sich in der stärkeren Ausrichtung der Schriften auf den Bauern und dessen Lesegewohnheiten bzw. -vorlieben. Inwieweit sich dieser Mentalitätswandel auf die publizierte Literatur auswirkte und in welcher Weise äußere und innere Form verändert wurden, soll im nächsten Kapitel untersucht werden.

Die Ausrichtung der Volksaufklärung auf den Bauern

Wie auch in den vorangegangenen Kapiteln anhand einiger Beispiele gezeigt werden konnte, war die Geschichte der Volksaufklärung auch eine Geschichte eines langen Lernprozesses. Dies gilt nicht nur für die "Objekte" der Aufklärung, also in diesem Falle die ländliche Bevölkerung, sondern auch für die Initiatoren derselben. Bei ihnen waren es vor allem Erfahrungen von Misserfolgen, die Umdenken und veränderte Strategien bezüglich der Verbreitung aufklärerischer Gedanken erzeugten. In dieser Ausarbeitung war schon die Rede von den Aufklärungskalendern, die auf wenig Gegeninteresse stießen, und der verfehlten Auffassung von dem Bauern, der die an ihn gerichtete Literatur ganz selbstverständlich lesen müsse.

In der Forschung wird nahezu einhellig Rudolph Zacharias Beckers Noth- und Hülfsbüchlein als die zentrale Schrift bewertet, in der sich die Resultate eines Mentalitätswandels der Aufklärer am deutlichsten zeigen. Deren Betrachtung soll jedoch erst an zweiter Stelle dieses letzten Kapitels stehen, da es vordem ratsam erscheint, einen Blick auf den vorherigen Entwicklungsprozess und die darin deutlich werdenden Angleichungsprozesse zu werfen.

Angleichung der Literatur an bäuerliches Leseverhalten

Gegen Ende der 1750er Jahre erschienen kleine ökonomische Schriften und Ratgeber als geeignetstes Mittel, um Neuerungen und Reformen wirksam in der bäuerlichen Bevölkerung bekannt zu machen. Die Veränderungen im Vergleich zu der Literatur, die eher auf die gebildete Oberschicht in Stadt und Land ausgerichtet war, bestanden weitestgehend aus Beschränkungen in Format, Umfang und Preis der Publikationen.[57] Dies trug in gewisser Weise der bäuerlichen Scheu vor allzu umfangreichen Büchern Rechnung und bezog auch ihre finanziellen Möglichkeiten mit ein, dennoch war keinerlei Unterhaltungswert und Rücksichtnahme auf Lesebedürfnisse oder -gewohnheiten Teil der Veränderungen.[58] Die Aufklärer gingen schlicht davon aus, dass durch äußere Angleichung der Medien in Format oder Preis die Bauern zu Rezeption angeregt werden könnten. Man kann daher behaupten, dass hierin noch ein stark utopisches Bild vom Landmann zum Ausdruck kommt, dem nur die ökonomischen Hürden beseitigt werden müssten, um ihn zum Lesen zu bewegen. Ein pädagogisch ausgerichteter Ansatz ist hier noch nicht erkennbar.

Etwa gegen Ende der 1760er Jahre musste man daraufhin einsehen, dass die vorgenommenen Önderungen nicht den erwarteten Anklang unter den Bauern fanden und diese laut Holger Böning "ganz andere Sorgen [hatten] [...], als sich von den sie so unverhofft bestürmenden Gebildeten zur Veränderung ihrer Gewohnheiten bewegen zu lassen"[59]. In der Folge setzte ein Prozess ein, der schrittweise zur Pädagogisierung und Didaktisierung der Volksaufklärung führte: Man wurde gewahr, dass die Schriften für den ,gemeinen Mann' anders gestaltet werden müssten. Ein Nebenprodukt dieses Sinneswandels ist jedoch auch die Tatsache, dass sich das Verhältnis von Aufklärer und Bauer grundlegend veränderte. Das pädagogische Gefälle, welches sich etablierte, entsprang der Erkenntnis, dass die bloße Herstellung von Öffentlichkeit nicht ausreiche, um den Bauern zum Lesen zu bringen.[60] Die Wertschätzung, die man dem Bauern entgegenbrachte, blieb zwar unverändert, dennoch schien das Prinzip einer ungeteilten Aufklärung gescheitert.

In der ersten Hälfte der 1770er Jahre bildeten sich unterhaltsame Volksschriften heraus, die das für die deutsche Volksaufklärung typische Konzept in sich bargen: Die Verzahnung von ökonomischer, religiöser, sittlicher und politischer Erziehung.[61] Den Volksaufklärern erscheint es jetzt als eindeutig,

daß in demjenigen, was für uns würklich ausnehmend plan abgefasst zu seyn scheinet dennoch Stellen vorkommen werden, die sich auf andere Kenntnisse beziehen, die man nicht bey einem Manne voraussetzen darf, der seit seinen Confirmations=Jahren, vielleicht wenig gedrucktes, ausser dem Gesangbuche und Calender gesehen hat.[62]

Folge einer solchen Erkenntnis war die Etablierung einer "verhältnismäßigen" Aufklärung, die didaktische Überlegungen und eine gezielt auf Bauern ausgerichtete Literatur einbezog. Christian Kohlfeldt resümiert, dass eine "Verbesserung der Wirtschaftssituation nur durch individuelle Aufklärung der einzelnen Stände mit Hilfe individueller pädagogischer Konzepte und einer angepassten Kommunikation"[63] möglich sei.

Als Beispiel für eine Umsetzung dieser neuen Überzeugung soll im folgenden Unterkapitel das bereits erwähnte Noth- und Hülfsbüchlein Objekt der Betrachtung sein. Obgleich es viele für diese Phase der Volksaufklärung charakteristische Züge trägt, und darüber hinaus in einem beispielhaften Umfang verbreitet war, kann es dennoch nicht stellvertretend für andere literarische Ausprägungen dieser Zeit genommen werden. Die Untersuchung soll deshalb auch nur den Zweck verfolgen, die beobachteten Mentalitätsveränderungen auf Seiten der Aufklärer zu erläutern und mit Beispielen zu untermauern.

Das Noth- und Hülfsbüchlein als zentrale Schrift der Volksaufklärung

Im Jahre 1784 kündigte Rudolph Zacharias Becker in der von ihm herausgegebenen Deutschen Zeitung für die Jugend das Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute[64] an, welches 1788 erschien. Reinhart Siegert verweist auf den so wörtlich "sensationellen Erfolg" und auf den großen Bekanntheitsgrad[65], den das Buch mit einer Gesamtauflage von mindestens 400 000 Exemplaren erreichte.[66] Dem kam zudem die Tatsache zustatten, dass Auszüge aus dem Buch in den bei Bauern altbekannten Medien, wie Kalendern, Lese- oder Erbauungsbüchern, publiziert wurden und so die Inhalte auf direkten als auch indirekten Wegen der ländlichen Bevölkerung bekannt wurden. Die ersten 150 000 Exemplare waren ohne Verfasserkennung ausgestattet[67], und so ließ sich höchstens aus dem Anagramm, welches im Titelblatt des Noth- und Hülfsbüchleins eingearbeitet ist, ein Verweis auf die Identität des Autors erkennen. Dort heißt es im Bezug auf diesen "[...] durch einen dem lieben Bauernstande Redlich Zugethanen Bürger"[68]. In dieser Auslassung drückt sich sowohl der Versuch aus, dem Buch den zielgerichtet aufklärerischen und damit ,gebildeten' Anschein zu nehmen, als auch der Versuch, dem Werk eine gewisse Beliebigkeit des Urhebers zu geben. Eine solche Aussparung des Urhebernamens ist auch bei den Kalendern zu beobachten, so dass hier ein weiteres Beispiel dafür vorliegt, bei dem eine Facette der bäuerlichen Lektüregrundlage aufgegriffen und wieder verwendet wurde.

Der Aufbau des Buches teilt sich in eine episch gestaltete Rahmenhandlung, die ca. 40 % des Umfangs einnimmt, und dem eigentlichen Noth- und Hülfsbüchlein mit Ratschlägen zur Verbesserung des bäuerlichen Alltags. So wird zum Beispiel darauf eingegangen, "Was bey dem Brodbacken zu beobachten ist"[69] oder "Vom Heyrathen"[70] berichtet und Ratschläge dazu gegeben. Der epische Teil, der mit dem Titel "Freuden=und=Trauer=Geschichte des Dorfs Mildheim" versehen ist, stellt "die zum Lesen motivierende Verpackung"[71] dar, die sehr an die Gestaltung von Volksbüchern angelehnt ist und versucht, durch Erzählungen aus der bäuerlichen Lebenswelt dem Buch den Anschein einer rein aufklärerischen Schrift zu nehmen. Allgemein gesagt geht es darin um die Geschichte des fiktiven Dorfes Mildheim, in welchem das Noth- und Hülfsbüchlein auftaucht und von den Bewohnern rezipiert wird. Die direkte Ausrichtung auf den Bauern lässt sich gut in einer Aussage Rudolph Zacharias Beckers erkennen:

Ich wollte für Menschen arbeiten, die des Lesens ungewohnt und darunter viele sind, denen es saurer ankommt, als das Dreschen. Das Buch muss also eine äußere Form haben, welche die Neugierde dieser Classe von Lesern errege könnte, und der erste Versuch, darin zu lesen, musste sie reitzen, weiter fort zu fahren. Daher der rothe Titel, die Holzschnitte, der epopöenmäßige Anfang des Buches mit dem schauderhaften Beyspiel einer Frau, die im Grabe erwacht und ein Kind zur Welt bringt, und die mannichfaltigen Abänderungen der Einkleidung.[72]

Im Zitat wird die äußere Einkleidung als Leseanreiz angesprochen. Dies lässt sich gut mit der abschreckenden Wirkung in Verbindung bringen, die Bücher sehr häufig auf die Bauern ausübten, und die im dritten Kapitel dieser Ausarbeitung bereits betrachtet wurde. Zur inneren Gestaltung von Leseanreizen sind sicher noch die Reime zu zählen, die den Holzschnitten jeweils beigefügt wurden und die ebenfalls eine sehr volkstümliche Art und Weise darstellen, dem Leser Ratschläge und Lehren näher zu bringen. Darüber hinaus wird auch die gezielte Darstellung einer Schauergeschichte angesprochen, für deren Verwendung in der bäuerlichen Lektüre eine lange Tradition zu verzeichnen ist, man denke nur an die Kuriositäten, die Teil des Kalenders waren oder die Klage des Aufklärers, die im vorherigen Kapitel dokumentiert wurde und in der "Mord- und Brandgeschichten" angesprochen wurden. Der pädagogisch intendierte Unterschied liegt vielmehr darin, dass im vorliegenden Beispiel eine "unerhörte Begebenheit" die Entwicklung von Verbesserungswillen nach sich zieht. Eine totgeglaubte Frau erwacht im Grabe, bringt ihr Kind zur Welt und wird schließlich unter sehr emotionalen Reaktionen entdeckt. Die Bewohner reagieren auf das Ereignis, indem sie in Erfahrung bringen, wie sich solche Vorkommnisse in Zukunft vermeiden ließen. Antworten auf diese Frage bringt da gerade das im Dorf aufgetauchte Noth- und Hülfsbüchlein, welches unter großer Anteilnahme der Mildheimer vom Pfarrer verlesen wird. An diesem Auszug aus der Rahmenhandlung wird deutlich, dass Becker eindringlich das Interesse der bäuerlichen Bevölkerung an Verbesserungen in den Blickpunkt des Lesers rückt. Damit ist auch eine wesentliche Zielsetzung des Buches dargestellt, nämlich den Bauern zu Eigeninitiativen und zur eigenständigen Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten zu bewegen. Es kann hier also von einer erweiterten Grundkonzeption des Buches gesprochen werden, das nicht nur darauf aus ist, dem Bauern Ratschläge zu geben, sondern vielmehr eine Mentalitätsveränderung zu bewirken. Becker hat in einem weiteren Selbstzeugnis eine solche Intention erwähnt:

[...] die Bekanntschaft mit dem Buche sollte den unserm Geschlecht eigenen Verbesserungstrieb bey dem Landmanne in Bewegung setzen. [...] Aus diesen Gründen wählte ich zum Gegenstand dieses Buches die Geschichte eines [...] Dorfes, Mildheim genannt, welches durch die Anwendung des Grundsatzes, daß der Mensch immer besser werden, und alles besser machen muß, den höchsten Gipfel der Glückseligkeit des Landlebens erreicht.[73]

Neben dieser offensichtlich eingeflochtenen Grundintention sei noch auf ein weiteres Beispiel hingewiesen, bei dem die Zielgruppe für das Buch direkt berücksichtigt wurde. Die Predigt, die der Pfarrer bei der Abreise des jungen Herren von Mildheim hält, ist ein gutes Beispiel dafür, wie die religiöse Prägung der Landbevölkerung - die vor allem auch im Lektürerepertoire deutlich wurde - in das Buch einbezogen wurde. Darin sind konkrete aufklärerische bzw. reformerische Gedanken durch die Bibel legitimiert und mit einer Grundlage versehen. Es heißt dort:

Gott hat aber die Erde recht besonders dazu eingerichtet, daß wir Menschen auf derselben auf solche Art herrschen und alle Dinge, die wir unternehmen, immer mehr verbessern, und daß wir eben dadurch selbst immer verständiger, geschickter und liebreicher, und dem schönen Bilde, das Er uns zur Nachfolge vorgestellt hat, ähnlicher werden können. Ihr wisst es alle selbst, meine Freunde! Ein wüster Boden bringt wenig gutes Gras hervor. Das wilde Obst ist sauer. Der Acker muss gut bestellt werden [...][74]

Die Argumentationskette reicht hier von der Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott über die Verpflichtung zu Verbesserungen bis zur Nennung konkreter Anwendungsgebiete.

Alles in Allem kann das Noth- und Hülfsbüchlein als ein Versuch Beckers gewertet werden, die Vorlage des bäuerlichen Volksbuches aufzugreifen und zu nutzen. Der bäuerliche Leser sollte durch die Rahmenhandlung und die Erzählungen vom Dorf Mildheim zum Lesen bewegt werden, während ihm durch die äußere Aufmachung die Scheu vor der Publikation genommen wurde. Becker hat versucht, die Grundintention, also die Erziehung des Bauern zu selbständiger Durchführung von Verbesserungen und zur Suche nach solchen, nicht durch schlichte Aufforderung zu bewirken, sondern durch pädagogische Verbindung mit dem Bauern wohlbekannten Erzählmustern oder religiösen Untermauerungen. Dem Argument, dass der Bauer durch dieses "Lockangebot" und die Behandlung als pädagogisches Objekt gewissermaßen manipuliert wurde, steht das Konzept Beckers entgegen, ihn zur angesprochenen Selbständigkeit zu erziehen. Der große Erfolg und die weite Verbreitung des Buches sind Belege für den erfolgreichen Wandel der Aufklärermentalität und eine damit verbundene wirksamere Publikation von Aufklärungsliteratur.

Fazit

Für die vorliegende Ausarbeitung wurde als Ausgangspunkt die Frage nach der Wirksamkeit schriftlicher Publikationen in der Volksaufklärung formuliert. Dabei sollten sowohl diejenigen Faktoren Objekte der Betrachtung sein, welche das bäuerliche Leseverhalten determinierten, als auch die Versuche der Aufklärer, diese Vorraussetzungen in ihre Bemühungen einzubeziehen.

Die Ausgangslage, welche zu Beginn der Volksaufklärung vorlag, konnte dabei keinesfalls als vorteilhaft für eine wirkungsvolle Ausbreitung von Aufklärungsliteratur und den darin enthaltenen Anregungen gelten. Statisches Lektürerepertoire (religiöse Literatur/Kalender/Volksbuch), eine begrenzte Mediennutzung und genaue Erwartungen an das konsumierte Medium bildeten ein Milieu, in dem die Auffassung einiger Aufklärer, die Bauern müssten die ihnen zugedachte Literatur ganz selbstverständlich lesen, wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Es konnte im weiteren Verlauf der Ausarbeitung gezeigt werden, dass die Frage nach der Alphabetisierung nur am Rande eine Rolle für die Fragestellung spielt und vielmehr die Motivation der Bauern ausschlaggebend war. Hier waren es nicht nur inhaltliche Vorbehalte, welche den Griff des Bauern zum aufklärerisch orientierten Buch verhinderten, sondern auch ein komplexes Geflecht aus Ablehnung gegen das übermäßige Theoretisieren, Traditionalismus, Scheu vor der "gelehrten" Aufmachung und der bewussten Abgrenzung innerhalb der dörflichen Bevölkerung. Zudem konnten die vielschichtigen dorfimmanenten Kommunikationszusammenhänge beleuchtet werden, die den Gehalt einer Information sowohl in zeitlicher als auch qualitativer Hinsicht negativ beeinflussten. Es boten sich den Volksaufklärern somit sehr anspruchsvolle Grundvoraussetzungen, wobei man sich anfangs schwer tat, diese adäquat zu berücksichtigen. Erste Versuche, das von Bauern genutzte Medienangebot für die eigenen Zwecke zu nutzen, scheiterten ebenso wie Bestrebungen, nur durch Veränderung von Format, Preis und Umfang Leseanreize zu bewirken. Erst durch eine gezielt pädagogisch ausgerichtete Art der Volksaufklärung, die sich der bäuerlichen Lesegewohnheiten und -vorlieben annahm und sie bei der Gestaltung der Aufklärungsliteratur berücksichtigte, konnten erstmals Werke geschaffen werden, denen eine weite Verbreitung und ein hoher Rezeptionsgrad zueigen war.

Schaut man sich das in dieser Ausarbeitung gezeichnete Gesamtbild an, so wird klar, dass es nicht nur die Bauern waren, die in der Volksaufklärung einen Bildungsprozess erlebten. Auch den eigentlichen Initiatoren wurde eine umfassende Mentalitätsveränderung abverlangt, die sie von einem offensichtlich wenig profilierten Bild ,des Bauern' zu einer wesentlich verständigeren und differenzierteren Bewertung der bäuerlichen Natur führte. Erst durch diesen Wandel wurde es letztendlich möglich, die Wirksamkeit aufklärerischen Schriftguts auf die ländliche Bevölkerung nicht vollständig zu aktivieren, aber zumindest den Grundstein für weitere Entwicklungen zu legen.

Somit wurde dann auch die Forderung nach dem Bauern, der zuweilen ein Buch lesen müsse um seine Wirtschaft zu verbessern und auf Notfälle des Lebens reagieren zu können, der Realität ein Stück näher gebracht. Der Verfasser jener Aussage, die in an den Beginn dieser Ausarbeitung gestellt wurde, hat sicherlich mit seiner Arbeit maßgeblich zu einer solchen Entwicklung beigetragen.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

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Sekundärliteratur

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Belege

  1. Rudolph Zacharias Becker: Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute. Nachdruck der Erstausgabe von 1788. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Reinhart Siegert. Dortmund 1980, S. 48.
  2. Vgl. Holger Böning: Volksaufklärung. In: Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. Hrsg. v. Werner Schneiders. München 1995, S. 435.
  3. Ders.: Die Genese der Volksaufklärung und ihre Entwicklung bis 1780. In: Holger Böning und Reinhart Siegert: Volksaufklärung. Biobibliographisches Handbuch zur Popularisierung aufklärerischen Denkens im deutschen Sprachraum von den Anfängen bis 1850. Band 1. Stuttgart-Bad Cannstatt 1990, S. XX.
  4. Vgl. ebd., S. 23.
  5. Vgl. Werner Trossbach: Bauern 1648-1806. München 1993 (= Enzyklopädie deutscher Geschichte 19), S. 44.
  6. Vgl. Reinhart Siegert: Volk/Gemeiner Mann/Pöbel. In: Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. Hrsg. v. Werner Schneiders. München 1995, S. 434.
  7. Vgl. Böning 1990: S. XXII.
  8. Böning 1995: S. 434.
  9. Reinhart Siegert: Zum Stellenwert der Alphabetisierung in der deutschen Volksaufklärung. In: Lesen und Schreiben im 17. und 18. Jahrhundert. Hrsg. v. Paul Goetsch. Tübingen 1994, S. 111.
  10. Reinhart Siegert: Medien der Volksaufklärung. In: Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland 1700-1800. Hrsg. v. Ernst Fischer, Wilhelm Haefs und York-Gothart Mix. München 1999, S. 376.
  11. Vgl. ebd.
  12. Vgl. Böning 1990: S. XXXIII.
  13. Jan Knopf: Kalender. In: Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland 1700-1800. Hrsg. v. Ernst Fischer, Wilhelm Haefs und York-Gothart Mix. München 1999, S. 122.
  14. Ebd., S. 123.
  15. Vgl. ebd., S. 124.
  16. Vgl. ebd., S. 123 f.
  17. Ebd., S. 124.
  18. Ebd., S. 127.
  19. Ebd.
  20. Vgl. Böning 1990: S. XXXIII.
  21. Vgl. Knopf 1999: S. 135.
  22. Jan Knopf spricht von mutmaßlich über 200 Kalendern mit einer jährlichen Gesamtauflage von zwei bis drei Millionen Exemplaren. Knopf 1999: S. 129.
  23. Werner Schneiders: Einleitung. Das Zeitalter der Aufklärung. In: Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. Hrsg. v. Werner Schneiders. München 1995, S. 10.
  24. Zit. nach Böning 1990: S. XL.
  25. Vgl. Knopf 1999: S. 132 f.
  26. Ebd., S. 133.
  27. Vgl. ebd.
  28. Vgl. Reinhart Wittmann: Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert. Beiträge zum literarischen Leben 1750-1880. Tübingen 1982 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 6), S. 33.
  29. An dieser Stelle sei auf die generelle Tendenz bei Wittmann hingewiesen, der Volksaufklärung eine "Manipulation" der Bauern zu unterstellen und die Aufklärer zu bezichtigen, der ländlichen Bevölkerung die Mündigkeit abzusprechen.
  30. Vgl. ebd.
  31. Heinrich Georg Zincke: Allgemeines Oeconomisches Lexikon. Leipzig 1731, Sp. 3341. Zit. nach Christian Kohlfeldt: Die gemeinnützig-ökonomische Aufklärung als Wegbereiterin für die Volksaufklärung. In: Volksaufklärung. Eine praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts. Hrsg. v. Holger Böning, Hanno Schmitt und Reinhart Siegert. Bremen 2007 (= Presse und Geschichte - Neue Beiträge 27), S. 136 f.
  32. Rudolf Schenda: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910. Frankfurt/M. 1970 (= Studien zur Philosophie und Literatur des neunzehnten Jahrhunderts 5), S. 444 f.
  33. Vgl. Ernst Hinrichs: Zur Erforschung der Alphabetisierung in Nordwestdeutschland in der Frühen Neuzeit. In: Das Volk im Visier der Aufklärung. Studien zur Popularisierung der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert. Hrsg. v. Anne Conrad, Arno Herzig und Franklin Kopitzsch. Hamburg 1998 (= Veröffentlichungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte 1), S. 37.
  34. Vgl. ebd.
  35. Wilhelm Norden: Die Alphabetisierung in der oldenburgischen Küstenmarsch. In: Ernst Hinrichs und Wilhelm Norden: Regionalgeschichte - Probleme und Beispiele. Hildesheim 1980, S. 103-164.
  36. Vgl. Hinrichs 1998: S. 48.
  37. Karl-Heinz Ziessow: Ländliche Lesekultur im 18. und 19. Jahrhundert. Das Kirchspiel Menslage und seine Lesegesellschaften 1790-1840. 2 Teile. Cloppenburg 1988. Teil 1, S. 50 ff.
  38. Vgl. Siegert 1994: S. 124.
  39. Knopf 1999: S. 130.
  40. Vgl. ebd.
  41. Siegert 1999: S. 378.
  42. Vgl. ebd.
  43. Vgl. Knopf 1999: S. 375 f.
  44. Vgl. Otto Ulbricht: Englische Landwirtschaft in Kurhannover in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ansätze zu historischer Diffusionsforschung. Berlin 1980 (= Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 32), S. 73.
  45. Vgl. ebd., S. 77.
  46. Vgl. Gunter Mahlerwein: Wandlungen dörflicher Kommunikation im späten 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Kommunikation in der ländlicher Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne. Hrsg. v. Werner Rösener. Göttingen 2000 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 156), S. 348.
  47. Vgl. ebd., S. 353.
  48. Vgl. ebd., S. 354.
  49. Vgl. ebd., S. 364.
  50. Wittmann 1982: S. 3.
  51. Vgl. ebd., S. 30.
  52. Vgl. ebd., S. 24.
  53. Vgl. ebd., S. 30.
  54. Vgl. Böning 1990: S. XLII.
  55. Gedanken von den Würkungen ökonomischer Schriften auf den Landmann. In: Erfurthisches Intelligenz-Blatt vom Jahre 1772. Bd. 4. Erfurt 1772, S. 429. Zit. nach Böning 1990: S. XLII.
  56. Man beachte zudem die Bezeichnung des Bauern als "ländlicher Freund", was deutlich für dessen positivere Bewertung in der Gesellschaft spricht. Dem "Landmann" wird sein Verhalten nicht zum Vorwurf gemacht oder auf einen tief verwurzelten Traditionalismus zurückgeführt sondern in einem pädagogisch anmutenden Tonfall auf die Erfahrungen mit dem Katechismus bezogen.
  57. Vgl. Böning 1990: S. XXXVI.
  58. Vgl. ebd., S. XXXVII.
  59. Ebd.
  60. Vgl. ebd., S. XXXVIII.
  61. Vgl. ebd., S. XXXIX.
  62. Gedanken von den Würckungen ökonomischer Schriften auf den Landmann. In: Erfurthisches Intelligenz-Blatt vom Jahre 1772. Bd. 4. Erfurt 1772, S. 209. Zit. nach Böning 1990: S. XXXIX.
  63. Kohlfeldt 2007: S. 138.
  64. Im folgenden Noth- und Hülfsbüchlein.
  65. Vgl. Reinhart Siegert: Rudolph Zacharias Becker - Der "Erfinder der Publizität" und sein Einsatz für die Volksaufklärung. In: Volksaufklärung. Eine praktische Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts. Hrsg. v. Holger Böning, Hanno Schmitt und Reinhart Siegert. Bremen 2007 (= Presse und Geschichte - Neue Beiträge 27), S. 145.
  66. Vgl. Siegert 1999: S. 382.
  67. Vgl. Siegert 2007: S. 252.
  68. Becker 1980: S. 61. Hervorhebungen von mir, N. F.
  69. Ebd., S. 65.
  70. Ebd., S. 188.
  71. Reinhart Siegert: Nachwort. In: Rudolph Zacharias Becker: Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute. Nachdruck der Erstausgabe von 1788. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Reinhart Siegert. Dortmund 1980, S. 473.
  72. Reichsanzeiger, Jg. 1799, Bd. 2. Zit. nach Reinhart Siegert: Nachwort. In: Becker 1980: S. 461-480, hier S. 471 f.
  73. Rudolph Zacharias Becker: Ankündigung des zweyten Theils des Noth- und Hülfsbüchleins und eines damit verbundenen Volks-Lieder-Buches. In: Reichsanzeiger, Jg. 1798, Bd. 1, Sp. 645-666, hier Sp. 649-651. Zit. nach Becker 1980: S. 461-480, hier S. 470 f.
  74. Becker 1980: S. 51.