Wandel Dorf

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Der Wandel des Dorfes

Karl H. Schneider, Hannover 2002

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein Dorf?

Was ein Dorf sei, wird den meisten Dorfbewohnern selbstverständlich erscheinen, nahezu jedermann hat eine Vorstellung vom Dorf, eine Vorstellung, die ebenso das Ergebnis eigener Erfahrung wie allgemeiner Wertvorstellungen ist. Die Vorstellung vom „Dorf” enthält Elemente wie Bauernhof, die Dominanz der Landwirtschaft, eine enge Beziehung zwischen Siedlung und Landschaft, enge soziale Beziehungen. Zugleich variieren diese Vorstellungen aber, da jeder Mensch eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen hat, die sein Bild vom Dorf beeinflussen. Besonders deutlich tritt diese spezielle Wahrnehmung zu Tage, wenn Dorfbewohner unterschiedlicher Regionen Niedersachsens ihre eigenen Dörfer mit fremden vergleichen. Dann fällt schnell auf, daß ein Dorf in den Geestgebieten des Nordwestens völlig anders aussieht als eines im südniedersächsischen Berg- und Hügelland oder in den reichen Bördegebieten zwischen Braunschweig, Hildesheim und Hannover.

Die Unterschiede sind schon auf den ersten Blick zu erkennen: Hier die weiträumigen, aus modernen Höfen und Häusern bestehenden Siedlungen etwa des Emslandes, dort die eng beieinander liegenden Höfe und Häuser des Berg- und Hügellandes, wo der Anteil der älteren Höfe größer ist. Die Lage der Höfe und Häuser und das Alter der Gebäude weist darauf hin, daß in den verschiedenen niedersächsischen Landschaften zu unterschiedlichen Zeiten Entscheidendes sich änderte, aber auch, daß Dorf und Naturraum eine enge Symbiose eingehen können.

Angesichts der Tatsache, daß die Menschen der vorindustriellen Zeit kaum Möglichkeiten hatten, diese Faktoren zu beeinflussen, ist es nicht erstaunlich, daß die Siedlungsdichte und die Erscheinungsform unserer Dörfer sehr unterschiedlich sind. Wo der Boden vorwiegend sandig oder anmoorig war, konnten nur wenige Menschen leben, spielte der Ackerbau keine große Rolle und dominierte die Viehwirtschaft auf großen Grünflächen. Dagegen konnte in Gebieten mit guten Böden der Ackerbau intensiv betrieben werden, was wiederum eine Voraussetzung für eine zahlreiche Bevölkerung war, die sich sowohl in relativ großen Dörfern und einer hohen Siedlungsdichte niederschlug. Da der gute Ackerboden in den Bördegebieten möglichst nur für den Ackerbau genutzt werden sollte, standen die Häuser in den Dörfern dicht gedrängt. Anders sah es in den Geestdörfern aus, wo genügend Fläche zur Verfügung stand und deshalb die Höfe weit auseinander standen. Hier hielten sich auch lange Einzel- und Doppelhöfe, so daß die Landschaft offener und weiter wirkt.

Das heutige Erscheinungsbild der Dörfer ist das Ergebnis eines im einzelnen sehr komplizierten Wechselspiels zwischen Naturraum und menschlichem Verhalten, das in den einzelnen historischen Epochen unterschiedliche Folgen hatte. Betrachtet man heutige Dörfer, so zeigen sich die Folgen des Wechselspiels zwischen den einzelnen Faktoren wie einzelne Schichten.

Als neueste Schicht bilden sich die Neubausiedlungen der letzten Jahrzehnte ab; ihr Kennzeichen ist die reine Reduktion auf das Wohnen und das Fehlen jeglicher landwirtschaftlicher Nutzung; selbst der Nutzgarten ist bei ihnen häufig nicht mehr zu finden, statt dessen dominieren Rasenflächen und Zierpflanzen. Ähnlich sieht es bei den Häusern der vorhergehenden Periode aus; jedoch kann ihnen häufig noch angesehen werden, daß sie ursprünglich noch der Selbstversorgung dienen sollten, worauf größere Gartenflächen und Nebengebäude hindeuten. Die Flüchtlingssiedlungen sollten zwar in erster Linie der Schaffung von Wohnraum dienen, aber in den 1950er und 1960er Jahren war es noch üblich, daß ein größerer Teil der benötigten Nahrung selbst angebaut wurde. Abbildung Flüchtlingssiedlung

Weder die Neubausiedlungen der 1980er und 1990er Jahre noch die Flüchtlingshäuser der Nachkriegszeit dienten jedoch einer landwirtschaftlichen Produktion; neugebauten oder umgebauten Bauernhöfen begegnen wir erst in der nächsten älteren Schicht, wobei zwei unterschiedliche Gruppen unterschieden werden müssen: Nebenerwerbsbetriebe der ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts, erkennbar an dem weitgehenden Fehlen von Nebengebäuden und der großen Diele. Die meisten größeren Bauernhöfe im Dorf entstammen dagegen meist der Zeit zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg, sie bilden außerdem das Zentrum des alten Dorfes, während die bislang beschriebenen Gruppen am Rande liegen. Diese älteren Höfe, unter denen auch einige wenige sein können, die aus Fachwerk bestehen, sind durch starke Unterschiede gekennzeichnet: kleinere Höfe mit engem Hofraum stehen neben größeren mit weitem Hofraum. Bei diesen Gebäuden werden auch die regionalen Unterschiede am ehesten erkennbar: in den reichen Bördegebieten finden sich die sogenannten Rübenburgen, das sind Drei- und Vierseitanlagen um einen geschlossenen Innenhof, die z.T. an das mitteldeutsche Haus in Südniedersachsen erinnern; im Norden dagegen stehen noch viele Hallenhäuser, teilweise sogar noch als reine Fachwerkbauten wie im Osnabrücker Artland.

Die alten Höfe weisen noch weitere Besonderheiten auf: sie sind von einem Kranz von Obstwiesen und Grünflächen umgeben und liegen häufig in direkter, aber nicht zu großer Nähe zum Wasser, also einen Fluß oder einen Bach. Bei ihnen ist noch die alte optimale Siedlungslage zu erkennen, die auf ein hohes Alter schließen läßt. Und schließlich dürfte bei diesem Siedlungsteil auffallen, daß das Wegenetz „anders” aussieht: keine geraden, breiten Wege, sondern verwinkelte, mal breitere, mal schmalere. Schließlich sollte der Blick auch auf andere Gebäude fallen, etwa die Schule, die Kirche, die Post, Molkerei und Läden. Abgesehen von der Kirche, die in der Nachbarschaft der alten Höfe liegt, dürften in vielen Dörfern manche dieser Einrichtungen heute stillgelegt sein. Aber neben der Trauer über den Verlust der Post oder des Dorfladens oder der Schule lohnt ein Blick auf diese Gebäude und ein Abschätzens ihres Alters. Häufig werden wir feststellen, daß diese Gebäude zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg oder manchmal noch in den 1920er Jahren gebaut wurden. Eine Ausnahme bilden zuweilen die Schulen, denn neben der ersten Schule, die vielleicht 1905 entstand, stehen inzwischen in nicht wenigen Dörfer Schulgebäude leer oder werden anderweitig genutzt, die in den 1950er Jahren gebaut wurden.

Fassen wir an dieser Stelle die ersten Eindrücke des Dorfes zusammen:

1.In den letzten 50 Jahren hat es in vielen (aber nicht in allen!) Dörfern eine rege Neubautätigkeit gegeben, wobei in der ersten Phase noch eine landwirtschaftliche Nutzung der Grundstücke und Häuser vorgesehen war.

2.Zwischen 1870 und 1914, ja noch bis in die 1930er Jahre gab es eine Neubautätigkeit, die landwirtschaftliche Gebäude betraf, welche sowohl Vollerwerbsbetriebe als auch Kleinbauernbetriebe sein konnten. In der Phase zwischen 1870 und 1914 wurden viele Einrichtungen der Infrastruktur geschaffen: Post, Bahnhof, Schule, Handwerksbetriebe.

3.Die alten, vor 1870 schon bestehenden Gebäude, bilden das historische Zentrum, welches durch eine abweichende Siedlungsstruktur und eine günstige Lage zum Wasser und zum Ackerland geprägt ist. Drei grobe Phase bilden sich damit im heutigen Erscheinungsbild unserer Dörfer ab, sie sollen in der folgenden Übersicht näher vorgestellt werden, wobei das soeben angewandte Prinzip, von der Gegenwart schrittweise in die Vergangenheit zurückzugehen, beibehalten wird.

Der Grund für dies Vorgehen ist folgender: Während die Entwicklung nach 1950 Teil unserer eigenen Lebensgeschichte ist, ist die Zeit um 1900 noch aus den Erzählungen der Eltern, Großeltern oder Großeltern bekannt, außerdem haben wir von alten Fotos noch eine gewisse Vorstellung dieser Zeit. An die Phase davor gibt es keine Erinnerungen, weder direkte, noch indirekte, aus Erzählungen vermittelte, auch fehlen Bilder an diese Zeit. Zwar ist diese Phase noch heute in vielen Objekten im Dorf präsent, aber nicht mehr in unserer Vorstellung als gelebte und erlebte Vergangenheit. Wollen wir dieser Vergangenheit begegnen, so müssen wir nach Quellen suchen, die zumeist nicht mehr im Dorf existieren, und die außerdem Teil einer Gesellschaft sind, welche anderen Gesetzen und Regeln gehorchte als unsere Zeit.

Wir beginnen also mit dem Vertrauten und nähern uns schrittweise der älteren Vergangenheit, um zum Schluß den Kreis wieder zu schließen und nach der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart fragen.

1950 – 1997: das alte Dorf verschwindet

Die jüngste Phase der Dorfentwicklung ist uns allen bekannt: Die Älteren haben die letzten vier Jahrzehnte bewußt erlebt; die Mittleren wurden in den 1950er Jahren geboren, die Jüngeren kennen nur die letzte Phase. Kennzeichen prägen die Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind:

I.das Verschwinden der Landwirtschaft,

II.der Verlust wichtiger Einrichtungen wie Schule, Post, Läden und nicht zuletzt die Gemeindeverwaltung,

III.die neue Karriere der stadtnahen Dörfer als Wohnorte. Kurz: wichtige Elemente der alten Dörfer verschwinden aus unseren Dörfern, zu allererst die Landwirtschaft. Sie existiert weiter, gewiß, aber in welcher Form?

Die Landwirtschaft verschwindet aus unseren Dörfern, womit viele bis dahin prägende Elemente verloren gehen. Wie dramatisch gerade in diesem Punkt die Entwicklung verlaufen ist, zeigt ein Blick auf die ersten Nachkriegsjahre. Damals strömten die Menschen in die Dörfer, weil sie ihre Heimat im Osten Deutschlands verlassen mußten, die Städte zerbombt waren, oder weil sie einfach hungrig waren. Das Land wurde mit einem Mal wichtig für eine geschlagene Nation, aber all das veranlaßte die Menschen nicht, nun dauerhaft in die Dörfer zu ziehen und in der Landwirtschaft zu arbeiten.

Das hätte tatsächlich auch weitreichende Folgen gehabt: Die Landwirtschaft wie sie die Evakuierten und die Vertriebenen erlebten, war ein Lebensbereich, der von strengen Regeln beherrscht wurde. Die Lebensverhältnisse waren einfach, manche sagten damals „primitiv”, die Arbeitszeiten lang, die Abhängigkeiten auf den Höfen groß. Es war eine Männerwelt und eine, in der Traditionen das Leben bestimmten. Abweichungen wurden kaum geduldet: „Nicht die sittliche Persönlichkeit selbst trifft selbst die Entscheidung, sondern Dorf und Familie stellen gewisse relativ enge Normen auf, denen man sich zu fügen hat.” [1]

Zu den ungefragten Regeln gehörten krasse soziale Unterschiede: großbäuerliche Betriebe und Mittelbauern standen auf der einen Seite, Kleinbauern und besonders Arbeiter und Tagelöhner ohne Grundbesitz auf der anderen. Die Löhne waren niedrig, und den Arbeitsverpflichtungen auf den Bauernhöfen konnten sich die „kleinen” Leute, wie sie hießen, selten entziehen. Sie waren andererseits auf die Bereitschaft der Bauern angewiesen, das eigene Land mit dem Pferdegespann zu bewirtschaften. Wie das Verhältnis zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen aussah, hing von den jeweiligen Menschen ab. Es gab neben Bauern, die ihre Machtposition offen auslebten, auch solche, die in einem eher freundschaftlichen Verhältnis zu den anderen Dorfbewohnern standen.

Schon vor dem Krieg, nicht zuletzt im Nationalsozialismus hatte eine Abwanderung aus dem Dorf eingesetzt, die nun nach einer nur kurzen Übergangszeit der Not nicht nur wieder einsetzte, sondern ungeahnte Dimensionen einnahm. Denn das wurde schon schnell erkennbar: Unter den gegebenen Bedingungen waren trotz aller Not nur wenige bereit, sich den vorhandenen Verhältnissen anzupassen. Die Evakuierten wollten möglichst schnell wieder in die Städte ziehen, während die Vertriebenen und Flüchtlinge bald erkennen mußten, daß ihnen ihre Heimat verschlossen blieb. Sie mußten andere Wege gehen. Als Mieter auf den Bauernhöfen, die trotz aller äußeren Größe nur wenig Wohnraum für die neuen Bewohner hatten, war eine Zukunft kaum denkbar. So war es davon abhängig, ob der Gemeinderat bereit war, neues Bauland auszuweisen, um den neuen Siedlern eine Zukunft im Dorf zu sichern. Nur einer Minderheit der Flüchtlinge gelang der Übergang in die Landwirtschaft, obwohl der Staat mit vielen Mitteln versuchte, neuen Betrieben eine Chance zu geben. Jedoch entstanden auf diese Weise vornehmlich Nebenerwerbsstellen, kaum Vollerwerbsbetriebe.

Damit trugen die Flüchtlinge dazu bei, das äußere Erscheinungsbild ebenso zu verändern wie die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Nicht nur die Landwirtschaft befand sich schon in den 50er Jahren auf dem Rückzug, sondern auch die alten Verhältnissen begannen sich zu wandeln. Wissenschaftler kamen schon in den ersten Jahren dieses Jahrzehnts zu dem Ergebnis, daß „städtische” Einflüsse erheblich zunahmen. Dies war eine Folge der größeren Zahl von Pendlern, die auf dem Dorf nur noch einen Nebenerwerbsbetrieb bewirtschafteten, aber ansonsten in der nächstgelegenen Stadt arbeiteten. Es war aber auch das Ergebnis verbesserter Massenkommunikation, wodurch die Dorfbewohner in die sich allmählich entwickelnde Wirtschaftswunderwelt integriert wurden und an ihr teilnehmen konnten.

Der Soziologe Herbert Kötter beschrieb 1952 die Veränderungen wie folgt:

„Es war früher so, daß etwa während der Heu- und Getreideernte der Bauer die beladenen Wagen in den Hof fuhr und dort stehen ließ, weil er genau wußte, daß er am Abend mit der Hilfe von 2-3 Arbeitern rechnen konnte. Dafür konnten die Arbeiter sicher sein, daß ihnen die notwendigen Gespanndienste geleistet wurden, ohne daß eine geldliche Aufrechnung auf beiden Seiten erfolgte. Heute hält nur die ältere Generation noch an diesem Brauch fest. Bei den jüngeren Nebenerwerbslandwirten leisten im allgemeinen nur noch die Frau oder die Kinder Saisonhilfe. Im allgemeinen aber versucht man, sich von dieser Verpflichtung freizumachen.” [2].

Gegenüber der industriellen Welt geriet die Landwirtschaft in diesen Jahren in einen immer stärkeren Rückstand. Nachdem die ersten großen Versorgungsprobleme der Nachkriegszeit überwunden waren, setzte zu Beginn der 1950er Jahre eine intensive Diskussion über die Zukunft der deutschen Landwirtschaft ein. Während die einen eine dem freien Markt unterworfene Landwirtschaft forderten, argumentierten andere, daß die Produktionsbedingungen grundsätzlich andere seien als in der Industrie, und deshalb die Landwirtschaft eine spezielle Förderung benötige. Diese Position konnte sich durchsetzen. Mit dem Flurbereinigungsgesetz von 1953 und dem Landwirtschaftsgesetz von 1955 gelangen wichtige Weichenstellungen für eine moderne Landwirtschaft. 1957 wurde außerdem die soziale Absicherung der Landwirte erheblich verbessert.

All das die Abwanderung aus der Landwirtschaft nicht stoppen. Die Zahl sind eindrucksvoll: Zwar nahm in Niedersachsen zwischen 1939 und 1950 die Zahl der Erwerbspersonen in der Landwirtschaft leicht zu (von 860.000 auf 909.000), blieb damit aber hinter der Zunahme bei der landwirtschaftlichen Bevölkerung und erst recht hinter der Zunahme der Erwerbstätigen insgesamt und in den anderen Bereichen zurück. So stieg die Zahl der Erwerbspersonen im Produzierenden Gewerbe zwischen 1939 und 1950 von 772.900 auf 1.088.000 an. Geradezu dramatisch war der weitere Verlauf: 1960 waren nur 589.000 Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, 1970 327.000 und 1987 noch 151.000. Damit einher ging eine stetige Verringerung der Bauernhöfe, insbesondere der kleineren.

Die Agrarpolitik hat schon früh versucht, durch eine Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen die Betriebe zu modernisieren. Speziell die Flurbereinigung hat das Gesicht der Dörfer und die Landwirtschaft entscheidend verändert. Neben der Zusammenlegung der Felder führte sie zu einem systematischen Wegebau, zu einer „Aufstockung” kleinerer Betriebe, damit diese wieder konkurrenzfähig wurden und teilweise auch zu Aussiedlungsmaßnahmen. Sie förderte damit erheblich eine mechanisierte Landwirtschaft. Der Grad der Mechanisierung läßt sich vor allem am Traktorenbesatz gut ablesen, der allein innerhalb eines Jahrzehntes drastisch zunahm: gab es 1949 erst 17 129 meist kleinere und schwächere Mähdrescher in Niedersachsen Niedersachsen, so waren es zehn Jahre später schon 102.000! Ähnliches läßt sich bei anderen Maschinen beobachten: so erhöhte sich die Zahl der Drescher im Bezirk der Landwirtschftskammer Hannover innerhalb von sechs Jahren zwischen 1954 und 1960 von 928 auf 5.800 Stück! Das führte zu einer erheblichen Steigerung der Arbeitsproduktivität: eine Arbeit, für die zuvor bei reiner Handarbeit noch 100 Arbeitsstunden aufgebracht werden mußte, konnte nun innerhalb von drei bis fünf Stunden ausgeführt werden. Neben allgemeinen Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur und der Agrarstruktur im Rahmen des sog. „Grünen Plans” ab 1955, waren es große regionale Förderprogramme, die das Land veränderten. Letztere sorgten dafür, daß benachteiligte Regionen den Anschluß an das übrige Niedersachsen nicht verloren. Eine solche Region war etwa das Emsland, wo bis Anfang der 1950er Jahre aufgrund der ungünstigen naturräumlichen Bedingungen und der unzureichenden Infrastruktur die ländlichen Lebensbedingungen extrem schlecht waren. In einem großen, vom Land und dem Bund, getragenen Entwicklungsprogramm, dem Emsland-Plan, gelang es, sowohl die Bedingungen für die Landwirtschaft als auch allgemein für die Dörfer erheblich zu verbessern. Als Folge davon erscheint dem heutigen Betrachter das Emsland wie eine junge Region, da die große Zahl aller dörflichen Bauten erst in den letzten Jahrzehnten entstanden ist. Im Gegensatz dazu findet sich in besser gestellten Regionen etwa der Börde noch ein hoher Anteil älterer Bausubstanz, der speziell aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Mit den Flüchtlingssiedlungen am Dorfrand war ein Anfang gemacht. Das Besondere dieser Siedlungen war, daß sie den Anforderungen einer Existenz genügen mußten, in der die Selbstversorgung noch eine große Rolle spielte. Also waren die Baugrundstücke und die Nutzgärten relativ groß, und gehörten zu den Häusern auch immer noch Nebengebäude, in denen Stallungen für ein oder zwei Schweine untergebracht waren. Nicht nur hierdurch, sondern auch durch eine einheitliche Bauweise haben diese Siedlungen ihr typisches Erscheinungsbild erhalten, welches aber in den letzten Jahren durch eine Fülle von Umbauten und sonstigen Veränderungen zunehmend verschwindet.

In den 1960er und stärker noch in den 1970er Jahren setzte eine zweite Bauwelle ein, die letztlich bis heute anhält. Mit der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse, vor allem der Ausdehnung des Individualverkehrs und der Misere der deutschen Städte, setzte ein Zug der Stadtbevölkerung aufs Land ein, um hier Ruhe und Natur zu finden. Die Siedlungen dieser Phase verloren immer stärker die Einheitlichkeit der ersten Flüchtlingssiedlungen, ihnen fehlte der Garten, es war ihnen anzusehen, daß deren Bewohner aus einer nichtländlichen Welt stammen.

Die Jahre seit 1950 bildeten eine Phase steigenden Wohlstandes, was u.a. auch an den geschilderten Neubaugebieten ablesbar ist; aber dieser Wohlstand hatte weitere Folgen, die das Dorf veränderten. Die eine bestand darin, daß zunehmend attraktive Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft entstanden, die die Abwanderung vor allem für die Landarbeiter und die Kleinlandwirte lohnenswert machten. Zwar wurde versucht, durch eine Modernisierung der Kleinbetriebe dieser Abwanderung zu begegnen, aber spätestens zu Beginn der 1960er Jahre wurde erkennbar, daß die Kleinen keine Zukunft mehr hatten. Denn das war die andere Seite dieser Entwicklung: Die Produktivität der Landwirtschaft stieg in diesen Jahr in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß an. Dank einer schnell einsetzenden Mechanisierung, der Verwendung von Kunstdünger und chemischen Mitteln konnten schon bald die Hungerjahre überwunden und die Vorkriegsernten überschritten werden. Entsprechend fielen die Preise für landwirtschaftliche Produkte, wurde der Kleinbetrieb immer unrentabler, war es immer weniger sinnvoll, Lebensmittel im eigenen Garten anzubauen. Die Landwirtschaft hatte das alte Dorf gleichsam zusammengehalten, sie war die Verbindung zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, sicherte den sozialen Zusammenhalt, schuf Räume und Gelegenheit für gemeinsame Aktivitäten. Damit war das Dorf aber auch ein nach außen abgeschlossener Lebensbereich, in dem ausgeprägte Hierarchien bestanden, wo neben den Inhabern der großen Bauernhöfe vor allem dem Pfarrer und dem Lehrer ein hohes Prestige zustand. Das alles löste sich mit den beschriebenen Veränderungen auf, zwar nicht sofort, aber doch schon früh erkennbar.

Das Dorf wurde moderner und das was auch an anderen Beispielen erkennbar. So wurden in vielen Dörfern neue Schulen gebaut, nachdem aufgrund des Krieges ohnehin ein Nachholbedarf bestand und wegen der großen Schülerzahlen nun dringend gehandelt werden mußte. Die unzureichenden hygienischen Verhältnisse führten zum Ausbau der Dorfstraßen, zur Anlage der ersten Kanalisation, zur Wasserleitung. Damit näherte sich der Lebensstandard des Dorfes allmählich dem der Stadt an.

Aber in den 1960er Jahren zeichnete sich die entscheidende Wende allmählich ab: die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ging nun dramatisch zurück, weil viele Kleinstellen aufgaben; die Schulreform mit der Förderung von Mittelpunktschulen ließ den Sinn der erst wenige Jahre zuvor gebauten Schulen fragwürdig werden; die Gemeindefinanzen hatten durch die vielen Baumaßnahmen gelitten.

Die Wende traf die Dörfer in den 70er Jahren als die Vorstellung dauernden Wachstums dank Ölkrise ohnehin gebrochen war; und nun verloren viele Dörfer ihre Selbständigkeit, wurde erkennbar, daß auch die Infrastruktur zu leiden begann. Das Dorf hatte nicht nur seine Landwirtschaft verloren, sondern verlor seine Schulen, verlor die Selbstverwaltung, verlor seinen Dorfladen.

Nur Verluste? Eine solche Perspektive ist einseitig. Der Lebensstandard ist heute auf dem Land so hoch wie noch nie. Dorfbewohner sind nicht mehr gegenüber Stadtbewohnern benachteiligt, sondern schon zuweilen privilegiert. Aber auch das Dorf als Produktionsort ist nicht tot, sondern bietet neuen, innovativen Unternehmen eine Fülle von Standortvorteilen gegenüber der Stadt. Öffentliche Förderprogramme helfen bei der Umgestaltung der Dörfer. Die neuen Möglichkeiten schaffen aber auch neue Probleme: So werden die vorhandenen Siedlungsstrukturen besonders im Umfeld der Ballungsgebiete durch neues Bauland massiv zerstört.

All der Fortschritt der letzten Jahrzehnte kann nicht überdecken, daß er mit teilweisen erheblichen Verlusten erkauft wurde und zu starken Unterschieden zwischen den Dörfern führte. Zu den Verlusten gehört die immer stärkere Abhängigkeit der Dörfer von ihrem städtischen Umfeld, denn dort konzentrieren sich Dienstleistungen, Verwaltung und Einkaufsmöglichkeiten. Das alles wäre ohne die Motorisierung der ländlichen Bevölkerung nicht möglich gewesen, setzt diese aber nun dem Zwang aus, auf jeden Fall mobil zu bleiben.

Der gesellschaftliche Strukturwandel, teilweise auch die Kommunalreform der 1970er Jahre hat zudem erhebliche Unterschiede zwischen den Gemeinden befördert, die sich vereinfacht auf die Formel bringen: die größeren und in Stadtnähe liegenden Dörfer waren eher die Gewinner, die kleineren und stadtferneren die Verlierer. Aber kann man so einfach von „Gewinnern und Verlierern” sprechen? Gewiß, die größeren Dörfer hatten in den 1970er Jahren eher die Chance, Sitz einer Gemeindeverwaltung zu bleiben, sie hatten eine bessere Infrastruktur, behielten vielleicht auch die Schule, sind bis heute attraktive Wohngebiete. Aber sie erkauften diese Vorteile mit Verlusten in ihrer Identität, mit sozialer Segmentierung, mit Zerstörung ihrer alten Siedlungsstrutktur. Wo 1 500 oder 2 000 Menschen leben, kann nicht mehr jeder jeden kennen, bilden sich im Dorf Untergruppen mit eigenen Vereinen und eigenem Umfeld. Wo der Anteil Zugezogener zunimmt, verstärken sich die Außenbeziehungen, wird das Dorf Wohnort, aber verliert selbst im Freizeitleben an Attraktivität.

Dramatisch können die Entwicklungen in Stadtnähe erfolgen, besonders wenn aus alten Dörfer städtische Vororte werden. Das ist gewiß kein neuer Vorgang, sondern er setzte mit der Industrialisierung und Urbanisierung im 19. Jahrhundert ein. Aber er führt zur nachhaltigen und unumkehrbaren Zerstörung dörflicher Strukturen. Ganz sieht es in den sogenannten „peripheren” Regionen weitab von den Zentren und dort besonders in kleinen Dörfern aus. Sie haben ihren Bewohnern nur wenig zu bieten: wenig Infrastruktur, keine eigene Gemeindeverwaltung, wenig und schlechter bezahlte Arbeitsplätze in der nächstgelegenen Kleinstadt. Kein Wunder, daß hier die Landwirtschaft immer noch vergleichsweise stark ist, da es zu wenig gewerbliche Arbeitsplätze gibt. Zuzug gibt es ebenfalls nicht, allenfalls bauen „Einheimische” ihr neues Haus am Dorfrand.

Allerdings kann der äußere Eindruck täuschen, denn es gibt weit in das Umland hinausstrahlende Industrialisierungsinseln in Niedersachsen wie die Volkswagenwerke in Wolfsburg und in Emden, die in einem größeren Umkreis den Dorfbewohnern Beschäftigung bieten.

Das größte Problem unserer Dörfer dürfte aber sein, daß die strukturellen Veränderungen in wenigen Jahrzehnten erfolgt sind, so daß unsere Bilder vom Dorf und dessen tatsächliche Erscheinung nicht mehr übereinstimmen. Dabei sollten wir aber mit mehr Gelassenheit dem Dorf und seinen Veränderungen, denn die in unserer Generation erfolgten Brüche sind nicht die ersten, welche die Dörfer erreicht haben. Woher stammen aber unsere Vorstellungen vom „richtigen” Dorf, in welcher Phase sind sie entstanden oder handelt es sich nur um Trugbilder?

1850–1950: Das Dorf in seiner besten Phase

Die Suche nach den Ursprüngen unserer Dorfbilder wird schon wenige Jahrzehnte vor dem großen Umbruch erfolgreich enden. Es handelt sich genauer um die Jahre des Kaiserreiches, die Zeit etwa zwischen 1850 und 1900, vielleicht auch 1914. In dieser Phase begegnen wir Dörfern, die in vielen Punkten unseren heutigen Vorbildern vom „richtigen” Dorf entsprechen. Das bedeutet insbesondere:

  • viele große und kleine Bauernhöfe,
  • eine enge Verbindung zwischen Dorfleben und Landwirtschaft,
  • eine Infrastruktur mit Schule, Post, Läden und eigener Gemeindeverwaltung.

Es ging nicht nur den wenigen großen, sondern auch den vielen kleinen und mittleren Bauernhöfen gut, was sich u.a. daran ablesen läßt, daß speziell die Zahl der Kleinbetriebe bis zur Jahrhundertwende anwuchs. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen hatten die Agrarreformen mit der Befreiung aus grundherrlichen Abhängigkeit und den ersten Flurbereinigungen, den Verkoppelungen und Gemeinheitsteilungen, dafür gesorgt, daß die Bauern alle Eigentümer ihres Landes und Hofes waren, über den sie weitgehend frei verfügen konnten. Sie konnten nun neue Feldfrüchte anbauen, ohne vorher den Grund- oder Zehntherrn befragen zu müssen. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, um sogenannte „späträumende” Feldfrüchte anbauen zu können, wie die Zuckerrübe.

Der Einsatz moderner Bewirtschaftungsformen führte zu einem schnellen Anstieg der Produktivität. Die Ernteerträge verdoppelten sich binnen weniger Jahrzehnte.

Aber was wären die besten Produktionsvoraussetzungen gewesen, wenn es an Abnehmern gemangelt hätte? Die aber waren reichlich vorhanden. Mit der Industrialisierung nahm die Zahl der Stadtbewohner und somit auch der Konsumenten deutlich zu, dank der Eisenbahn ließen sich die Nahrungsmittel günstig in die Großstädte transportieren. Da es keine Konkurrenten für die einheimische Landwirtschaft gab, konnte sie auch vergleichsweise hohe Preise verlangen, während die Arbeitslöhne auf dem Land noch gering waren. Selbst kleine Betriebe ließen sich auf diese Weise noch rentabel bewirtschaften, zumal sie sich auf Bereiche wie Gemüseanbau oder Milchwirtschaft spezialisieren konnten. Selbst an Arbeitskräften für die größeren Betriebe mangelte es noch nicht in größerer Zahl. Die Inhaber der Kleinbetriebe benötigten die Hilfe der großen Bauern, weshalb sie diesen als Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Allerdings verstärkte sich mit der Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Städten der Sog in die Stadt. Dennoch nahm die Dorfbevölkerung auch in dieser Phase langsam zu, allerdings weit weniger schnell als die Stadtbevölkerung, geriet die Landwirtschaft gegenüber der Industrie zunehmend ins Hintertreffen. Hier daten nach Wächter

Dennoch profitierte die Landwirtschaft in vielerlei Hinsicht von der Industrialisierung, die ihr nicht nur die Abnehmer ihrer Produkte sicherte, sondern auch technische Mittel wie die ersten Maschinen und chemische Hilfen wie den Kunstdünger lieferte, um die Produktivität weiter zu steigern.

Die steigenden Einnahmen kamen dem Dorf in mehrfacher Hinsicht zugute. So setzte eine starke Neubautätigkeit ein, denn die vorhandenen Gebäude, speziell das niederdeutsche Hallenhaus, genügte den höheren Erträgen und der veränderten Wirtschaftsweise nicht mehr. Besonders in den Bördegebieten, denen der Zuckerrübenanbau große Gewinne bescherte, wurden die alten Fachwerkhäuser beinahe rigoros durch Neubauten, die sogenannten Rübenburgen ersetzt. Außerdem wurde eine größere Zahl von Kleinbauernstellen angelegt, die häufig nach den Verkoppelungen und Gemeinheitsteilungen am Dorfrand auf neuem Baugrund entstanden.

Nicht nur neue Häuser wurden gebaut, sondern die Inneneinrichtungen der Häuser möglichst stark städtischen Vorbildern angepaßt. Die „gute Stube” ist eine Erscheinung dieser Zeit, und sie war zumindest in den größeren Höfen anzutreffen. Das Flett mit dem offenen Herdfeuer verschwand zwar nicht völlig, aber in den reicheren Landschaften bildete es schon um die Jahrhundertwende die Ausnahme, nicht mehr die Regel. Die Bautätigkeit förderte das Bauhandwerk und das übrige örtliche Handwerk in nicht geringem Maße, so daß es neben der Landwirtschaft zu einem zweiten wichtigen Element dörflichen Lebens wurde.

Nicht nur die Bauernhöfe und Kleinstellen entstanden in diesen Jahren. Dank staatlicher Initiativen wurden in den meisten Dörfern Schulen erbaut; entweder handelte es sich um die erste Schule überhaupt oder es wurde ein Gebäude ersetzt, welches schon einige Jahrzehnte erlebt hatte. Die neuen Gebäude waren geräumig angelegt, enthielten Lehrerwohnungen und Lehrmittelräume, der Unterricht war modern und mutet uns nur heute veraltet an. Bildung nahm im Dorf um die Jahrhundertwende ohnehin an Bedeutung zu, denn zu den Volksschulen gesellten sich die Winterschulen, die speziell der landwirtschaftlichen Bevölkerung eine bessere Ausbildung sichern sollten. In fast jedem Dorf wurde auch eine Post erbaut, die verbesserten Verkehrsbeziehungen und die 1869 eingeführte Gewerbefreiheit bildeten die Voraussetzungen dafür, daß eine größere Zahl an Gaststätten und Läden entstanden. Molkereien wurden gegründet und Handwerksbetriebe, die Ackergeräte reparierten.

Ein großer Teil des Alltags fand im Dorf statt, da nahezu jeder Dorfbewohner in irgendeiner Weise Landwirtschaft betrieb. Dies war auch notwendig, denn für die „kleinen Leute” kam es weiterhin darauf an, die benötigten Lebensmittel weitgehend selbst anzubauen, da die Löhne nur gering waren. In den Fabriken der Kleinstädte war es bis in unser Jahrhundert noch üblich, daß während der Kartoffelernte die dörflichen Arbeiter nicht zur Arbeit kamen, sondern auf dem eigenen Feld arbeiteten.

Das Dorf bildete gleichwohl keine abgeschlossene Welt, es war auf vielfältige Weise mit der Industriegesellschaft verbunden und profitierte in vielfacher Hinsicht von ihr, und war ganz konkret dank der Eisenbahn, meist war es eine Kleinbahn, die zwischen 1890 und 1910 entstand, verbunden.

Wenn das Dorf in dieser Zeit außerdem den Eindruck der kleinen, abgeschlossenen und funktionierenden Welt macht, dann lag das auch daran, daß es kaum Zuwanderer gab, und die Einwohnerzahlen nur langsam anstiegen, da manch ein Dorfbewohner lieber sein Glück in der Stadt suchte. Neue Ideen, wie die Arbeiterbewegung fanden denn auch nur selten Eingang in das dörfliche Leben, höchstens dort, wo die Mehrzahl der Dorfbewohner Arbeiter in einem Großbetrieb waren, wie im Steinkohlenbergbau. Ansonsten hatten die Dorfeliten das Sagen: Neben den Inhabern der größten Höfe waren dies der Pastor und der Lehrer, die als Autoritäten nicht nur in ihrer eigentlichen Amtstätigkeit geachtet (und zuweilen auch gefürchtet) wurden. Diese beiden Personen spielten auch im sich entwickelnden Vereinsleben eine wichtige Rolle. Vereine waren eine „Erfindung” des deutschen Bürgertums, aber sie gern im Dorf übernommen, wo sie besonders nach 1870 eine Blütezeit in den Kriegervereinen, dann auch den Sportvereinen erlebten.

Der Eindruck der Eigenständigkeit des Dorfes wurde auch dadurch gestärkt, daß es eine politische Selbstverwaltung gab. Seit der Revolution 1848 waren in mehreren Schüben die Selbstverwaltungsrechte der Landgemeinden erweitert worden, so daß seit 1870 die Dorfbewohner ihren Gemeinderat und Ortsvorsteher selbst wählen konnten. Es gehörte aber auch zu den Kennzeichen dieser Zeit, daß im Rahmen eines Klassenwahlrechtes gewählt wurde, daß den großen Landbesitzern wesentlich mehr Stimmenanteile gewährte als den Landarmen.

Das Dorf der Jahrhundertwende gehörte einer Zeit schnell wachsenden ländlichen Wohlstandes an, aber auch der ausgeprägten regionalen Unterschiede.

Das Dorf der Jahrhundertwende enthielt also viele Elemente, die wir bei heutigen Dörfern vermissen, es scheint das Idealbild des Dorfes. Dies Idealbild hat sich in unseren kollektiven Erinnerung festgesetzt, weil es uns in vielfacher Weise vermittelt wurde: von den Eltern, Großeltern und Urgroßeltern über Erzählungen und Berichte, über die ersten Fotos und nicht zuletzt über Elemente, die bis in die 50er und 60er Jahre überlebt hatten. Was allerdings dabei meist vergessen wird, ist die Tatsache, daß es sich nur um eine wenige Jahrzehnte andauernde Phase handelt, die einer krisengeschüttelten Phase folgte, der wir uns anschließend zuwenden wollen. Zuvor seien aber einige Blicke auf die weitere Entwicklung zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg geworfen. Diese Jahre, besonders die der Weimarer Republik, sind weitgehend aus der Erinnerung verschwunden, vielleicht weil sie mit keinen besonderen Ereignissen verbunden werden können. Für die Landwirtschaft waren besonders die letzten Jahre von Weimar gewiß keine guten, schlechte Preise und hohe Schulden förderten eine Radikalisierung der Landwirte, die schon im Kaiserreich hatten erleben müssen, daß die gute Zeit langsam zu Ende ging, da mit schnell sinkenden Frachtraten auch billiges amerikanisches und russisches Getreide auf den deutschen Markt drängte und nur mit hohen Schutzzöllen abgehalten werden konnte. Daß es der Landwirtschaft schlechter ging, ist auch daran ablesbar, daß in den 20er Jahren beginnend bei den Kleinstellen die Abwanderung aus der Landwirtschaft einsetzte.

Es gab aber auch Erfreuliches. In den Schulen wehte ein neuere Geist, nicht mehr die alte Obrigkeitsschule, sondern eine Reformschule, die die Schüler mit unterschiedlichen Methoden an den Unterrichtsstoff führen sollte und den Schulgarten ebenso ernst nahm wie das neue Medium des Films, setzte sich langsam, wenngleich nicht überall durch. Die modernen Zeiten fanden auch ihren Widerhall im Dorf, wenngleich dieser manchmal nur symbolisch war und im Schwärmen für die neuen Kinostars und der Übernahme der neuen Schuhmode bestand. Dennoch war es unverkennbar, daß sich das Dorf nach außen stärker öffnete und die früher geschlossenen Lebenskreise an Bedeutung verloren. Der Nationalsozialismus änderte daran, trotz aller Blut- und Boden-Ideologie nur wenig. Allerdings verhinderte das Reichserbhofgesetz eine Modernisierung der Landwirtschaft, was nach dem Kriegsende zu einer um so schnelleren Mechanisierung führte. Die Nachfrage der Rüstungsindustrie nach Arbeitern förderte die Abwanderung in die Städte, der Krieg schließlich zwang nicht nur die Männer und viele Frauen zum Verlassen des Dorfes, sondern verstärkte eine Zuwanderung, die teilweise schon vorher mit den Pflichtjahrmädchen und Wehrmachtseinheiten begonnen hatte. Doch insgesamt hielten sich die Veränderungen in Grenzen und sind nicht mit dem Modernisierungsschub der Kaiserzeit zu vergleichen. Gerade weil sie so gering waren, bedeuteten die eingangs beschriebenen Veränderungen der 1950er Jahre einen derart umfassenden Umbruch.

Vor 1850: Das alte Dorf

An die jüngeren Entwicklungsphasen des Dorfes gibt es noch vielfältige Erinnerungen, sei es aus eigener Erfahrung oder aus den Erzählungen der Eltern oder Großeltern. Dagegen verschwimmt das alte Dorf vor den Agrarreformen in einer diffusen Vergangenheit. Zwar gibt es aus dieser alten Phase noch Erinnerungen und Zeugnisse, aber sie sind vieldeutig und können häufig nicht eindeutig interpretiert werden. Ohne Fachkenntnisse ist diesem Dorf kaum beizukommen.

Dabei kann ein aufmerksamer Beobachter schnell erkennen, daß die Lage unserer Dörfer bzw. der alten Höfe und der in ihrer Nähe liegenden Kirche von ganz bestimmten Faktoren abhängig war. Diese Höfe lagen alle in großer Nähe zu Wasserläufen, aber so, daß sie sich oberhalb von Überschwemmungsbereichen befanden, der hohe Grundwasserstand in der direkten Nähe der Höfe war günstig für Hofweiden, auf denen besonders das Jungvieh weiden konnte. Ebenfalls nicht weit entfernt lag das fruchtbare Ackerland, meist schon etwas weiter weg waren gemeinsam genutzte Heide- und Waldgebiete. Damit befanden sich die Höfe in einem System welches gekennzeichnet war durch 1.„eine Nährfläche, d.h. ein lehmiger bis anlehmiger Boden für die Brotgetreideerzeugung, 2.Wasser für Mensch und Tier, 3.ein trockener Baugrund für das Haus, 4.Grünland für die Winterfutterversorgung (Heugewinnung) und hofnahe Nachtweiden (Wischhöfe), 5.Sommerweideflächen für Rinder, Schafe, Schweine (anfangs Waldweide, die vielfach zu Heide- und Bruchfläche wurde)” (Seedorf)

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Je nach den naturräumlichen Verhältnissen ergab sich ein unterschiedliches Muster aus diesen Elementen. In den Geestgebieten mit ihren schlechten Böden gab es nur einen relativ kleinen Esch (d.h. altes Ackerland), der zum Ackerbau diente, während der größte Teil der Feldflur als Gemeinweide als Viehweide, zum Heidestechen, zum Holz schlagen oder als Torfstich genutzt wurde. Teilweise waren in den Gemeinheitsflächen Kämpe als Ackerland gerodet worden (vgl. Abb. unten).

Dort, wo die Böden besser waren, gab es zwar auch die beschriebenen Flurelemente, aber die Gemeinheitsflächen waren kleiner, das hochwertige Ackerland wesentlich größer, die Höfe standen dicht gedrängt aneinander, um wertvollen Boden nicht unnötig zu bebauen.

Die Gemeinheiten wurden von den Gemeindemitgliedern und häufig von Nachbargemeinden gemeinsam genutzt (Koppelweide), wobei die Rechte der einzelnen Genossenschaftsmitglieder genau geregelt waren; Streitigkeiten ließen sich dennoch nicht vermeiden.

Das Ackerland konnte zwar grundsätzlich individuell genutzt werden, aber das es stark parzelliert und manche Ackerstreifen nicht breiter als ein paar Meter waren, mußten sich die Landbesitzer absprechen, was sie wann anbauen wollten. Dort, wo der Zugang zu den eigenen Feldern nur über Nachbarfelder möglich war, war ein genau geregelte Zusammenarbeit notwendig, die deshalb als Flurzwang bezeichnet wird. Nach der Ernte lagen aber auch auf diesen Feldern genossenschaftliche Rechte, denn der abgeerntete Acker diente als Viehweide, wodurch der wertvolle Viehdünger auf das Land kam.

Genossenschaftliche Reche prägten damit in starkem Maße das Dorf. Wirklich individuell konnten nur die beim Haus liegenden Gärten bewirtschaftet werden.

Innerhalb des Dorfes gab es aber auch eine genaue Ordnung, die sich ebenfalls aus den beschriebenen Voraussetzungen ländlicher Siedlung ergaben. Noch heute kann in den meisten Dörfern beobachtet werden, wie sich die ältesten Höfe dadurch auszeichnen, daß sie besonders günstig zu Acker und Wasser liegen, während die jüngeren Höfe meist entweder zu dicht am Wasser oder zu nahe am Feld angesiedelt wurden (vgl. folgende Abbildung). Weshalb letzteres ungünstig sein soll, mag auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar erscheinen. Jedoch muß bedacht werden, daß Landwirtschaft ohne Wasser nicht auskam, so daß die weiter vom Wasser liegenden Höfe entweder das Wasser herantragen mußten oder tiefe Brunnen zu setzen hatten, was beides arbeitsaufwendig war. Die optimalen Plätze waren bald vergeben, was zunächst nicht problematisch war, da die meisten frühen Dörfer eigentlich nur kleine Siedlungsplätze, bestehend aus drei, vier Höfen waren.

Die älteren Höfe hatten aber noch weitere Vorteile gegenüber den jüngeren, denn sie konnten das Land noch großzügig unter sich aufteilen, wozu auch das Hofland gehörte. So zeichnen sie sich häufig bis heute dadurch aus, daß sie von weiten Hofflächen, zuweilen noch von großen Eichen bestanden, umgeben sind, während die jüngeren Stellen dicht beieinander liegen.

Allerdings muß das nicht immer so sein, denn in weiten Teilen Niedersachsens gab es bis in das 16. Jahrhundert hinein noch die sogenannte Realteilung, wonach ein Hof unter zwei Erben geteilt werden konnte. Das war durchaus wörtlich zu nehmen, denn nicht nur das Land wurde geteilt, sondern auch der Hof selbst, so daß auf der Fläche des alten Hofes nun zwei standen.

Die kleinen Siedlungen verschwanden mit dem Bevölkerungszuwachs des hohen Mittelalters: die Zahl der Menschen nahm zu und schlug sich sowohl in einer Vergrößerung der vorhandenen Siedlung als auch der Siedlungen überhaupt nieder. Doch der Aufschwung des 12. bis 14. Jahrhundert endete in der Katastrophe der Pest und einer umfassenden Agrarkrise. Als sich 200 Jahre später die Bevölkerung wieder vergrößerte, geschah dies in erster Linie durch eine Zunahme der Dorfbevölkerung, neue Dörfer wurden dagegen nur in geringer Zahl errichtet.

Zunächst kam es zu Hofteilungen, aber schon bald griffen die Landesherren ein, die aus Sorge um die von den Bauern zu leistenden Diensten und Abgaben weitere Teilungen verboten und damit zwar eine gleichbleibende Anzahl von größeren Höfen sicherten aber nicht das Anwachsen einer zahlreichen kleinbäuerlichen Schicht verhindern konnten. Der Hinweis auf die Landesherren zeigt, daß die Dörfer vor 1850 keineswegs von obrigkeitlicher Kontrolle frei waren. Im Gegenteil: Die Dörfer und mehr noch die Dorfbewohner befanden sich in einem Geflecht herrschaftlicher Abhängigkeiten, die wir heute vereinfachend als Feudalismus bezeichnen. Der Grundsatz war einfach: die alte Gesellschaft basierte in erster Linie auf der Verfügungsgewalt über Grund und Boden. Nicht die Bauern, sondern die Herren, Adelige wie die Kirche, verfügten über das Land und damit auch lange Zeit über die Menschen, die das Land bebauten. Diese mußten für das Recht der Landnutzung Abgaben in Form von Getreide, Vieh oder Geld entrichten oder Dienste für die unterschiedlichsten Zwecke leisten. Im Laufe des Mittelalters splitteten sich diese Rechte immer weiter auf. Neben den Grundherren hatten Gerichtsherren und Leibherren, Zehntherren und Dienstherren Rechte an den Bauern, die zwar unter der Vielzahl der daraus resultierenden Pflichten und Abgaben litten, aber sich auch zunutze machten, daß die Herren Konkurrenten waren und damit gegeneinander ausgespielt werden konnten.

Doch das änderte nichts daran, daß große wie kleine Bauern ihre Herren hatten, die ihre Rechte einforderten, auf Dienstleistungen und Abgaben ebenso bestanden, wie auf dem Recht, über nahezu jede persönliche wie betriebliche Veränderung ihre Genehmigung geben zu müssen. Die Bauern waren teilweise nicht einmal Herren ihrer persönlichen Lebensverhältnisse, sondern als Eigenbehörige mußten sie bei Heiraten den Leibherrn fragen und bei ihrem Tod erhielten die Erben nur einen Teil ihres Vermögens.

Aber auch dort, wo es seit dem 15. Jahrhundert keine Eigenbehörigkeit mehr gab, vornehmlich in den Gebieten östlich der Weser, konnten die Bauern nicht über ihren Hof frei verfügen, sondern waren an weitgehende Auflagen gebunden. So heißt es in einem Meierbrief des 17. Jahrhunderts der Meier dürfe vom Land des Hofes, ohne das „Vorwissen und ausdrückliche Einwilligung” des Grundherren, „nicht verändern, beschweren, verkauffen, vertauschen, verpfänden, zur Abtheilung, Aussteuer, Mitgift, Leibzucht und Gegen-Vermächtnisse, es sey gäntzlich oder auf eine Zeitlang, verschreiben, oder in einige andere Wege veräusern, noch Stellungs- oder Arts-weise andern Leuthen abtreten, und in fremde Hände kommen lassen, sondern vielmehr dasselbe beysammen verwahren und selbst cultiviren.”2 Er war also hinsichtlich seiner Wirtschaftsführung weitgehend gebunden und außerdem noch zu einer Reihe von Abgaben verpflichtet.

Die feudale Abhängigkeit durchzog das gesamte Leben des Dorfes, es galt praktisch für alle Hofbesitzer, wobei der Geltungsbereich des nordwestdeutschen Meierrechts nicht nur für die Meier, sondern für alle Hofbesitzer, auch die Kötner oder Brinksitzer galt.

In den letzten Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß bei allen Abhängigkeiten immer noch Freiräume für die Bauern bestanden, da die Herren nicht die Möglichkeit hatten, jedes Details zu regeln und vor allem genaue Aufsicht zu führen. Die Dorfbewohner waren keineswegs herrschaftlicher Willkür ausgeliefert, sondern konnten sich mit rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen. Andererseits gelang es besonders den kleinen adeligen Herren kaum, die tatsächlichen Verhältnisse im Dorf einzuschätzen, so daß sie viele wichtige Informationen nicht erhielten. Was aber war das Dorf? Man möchte meinen, daß die Antwort hierauf besonders leicht fällt, denn viele glauben, daß das alte Dorf sich deshalb vom heutigen unterscheide, weil damals die Bauern und die Landwirtschaft vorherrschten. Eine solche Annahme trifft zwar grundsätzlich zu, jedoch gibt es entscheidende Unterschiede.

Schon im Mittelalter begann sich die Dorfbevölkerung in unterschiedliche Gruppen zu unterscheiden. Unterscheidungsmerkmal war der Landbesitz. Neben älteren Höfen, die wir heute als Vollerwerbsbetriebe bezeichnen könnten, gab es schon kleinere Stellen, die durch Nachsiedlung entstanden waren, und anhand ihres Namens von den älteren abgegrenzt wurden: Kötner, Köter oder Kötter wurden sie genannt, womit ein Hinweis auf ihre Behausung, die kleine Kate, verbunden war. Diesen Kötner gelang es in den folgenden Jahrhunderten meist, durch Neurodungen im Wald oder auf Heideflächen, ihre Betriebe so zu vergrößern, daß mittelalterliche Kötnerstellen im 17. oder 18. Jahrhundert genau so viel Land bewirtschaften konnten, wie Meierhöfe.

Ländliche Siedlung bedeutete aber bis um 1300 vornehmlich die Neuanlage von Dörfern bzw. kleinen Siedlungen, die in bis dahin gemiedenen Lagen, vor allem feuchteren Niederungsgebieten, gegründet wurden. Besonders die regelmäßig angelegten Hagenhufen- und Waldhufendörfer wie östlich und nördlich von Hannover oder die ostfriesischen Aufstrecksiedlungen künden bis heute von dieser Phase und stellen wichtige Elemente unserer Kulturlandschaft dar. Da dank neuer Techniken und eines günstigen Klimas die Erträge deutlich stiegen, konnte auch eine größere Bevölkerung ernährt werden, die selbst nicht mehr landwirtschaftlich tätig war. So war die Zeit zwischen 1100 und 1300 nicht nur eine Phase der ländlichen Siedlung, sondern auch der Stadtgründung; Städte wie Nienburg, Peine oder Stadthagen entstanden in dieser Phase. Stadt und Dorf stehen demnach in enger zeitlicher Nähe, waren aber auch funktional aufeinander bezogen, denn die Stadt sollte die Versorgung mit gewerblichen Produkten sichern, das Land die mit Nahrungsmitteln. Die Realität sah bald anders aus, denn einerseits waren viele Stadtbürger auch Landwirte, andererseits wurde in den Dörfern Handwerk ausgeübt.

Die Ausbauphase des Mittelalters endete mit der Katastrophe des 14. Jahrhunderts, als Pest (ab 1348) und Agrarkrise zusammenkamen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung starb damals, viele Dörfer wurden von ihren Bewohnern verlassen, so daß diese entweder vollständig wüst fielen oder teilweise (wenn die Felder vom Nachbardorf weiter genutzt wurden). Für die Überlebenden bedeutete speziell das 15. Jahrhundert eine Zeit des Wohlstands, denn menschliche Arbeit wurde, da sie knapp war, gut bezahlt, Nahrungsmittel, vor allem Fleisch, waren überreichlich vorhanden und entsprechend billig.

Als im 16. Jahrhundert die Bevölkerung wieder anstieg, mußten Weiden zu Ackerland umgebrochen werden, um genügend Getreide anbauen zu können. Doch viele neue Stellen blieben zu klein für einen landwirtschaftlichen Betrieb und ihre Inhaber fristeten als Handwerker und Tagelöhner ihre Existenz. Der Dreißigjährige Krieg bedeutete langfristig nur eine kurze Unterbrechnung in der Vergewerblichung der Dörfer, denn im 18. Jahrhundert stieg die Zahl der Unterschichten weiter drastisch an. Als Wanderarbeiter, Garnspinner oder Leineweber fanden sie jetzt ein Unterkommen, konnten Familien gründen und damit das Bevölkerungswachstum verstärken.

Die Produktivität der Landwirtschaft mußte unter diesen Umständen dringend gesteigert werden, so daß in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begonnen wurde, die alten Formen der Feldwirtschaft aufzulösen. Als entscheidendes Hindernis für eine Intensivierung der Produktion wurden die genossenschaftlichen Nutzungsrechte an den Feldfluren gesehen. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es weder eindeutige Grenzen zwischen den Gemeinden, noch einen ausschließlich zu nutzenden individuellen Besitz. Insbesondere die teilweise großen genossenschaftlich genutzten Flächen sollten nun durch eine individuelle Nutzung ertragreicher werden, die stark parzellierte Feldflur durch Zusammenlegungen (Verkoppelungen) ebenfalls intensiver genutzt werden können.

Dagegen wagte man sich lange Zeit nicht so recht an die vielen Abhängigkeiten zu Grund-, Gerichts-, Zehnt- oder Dienstherren heran. Vor allem der Adel verteidigte seine Rechte, da seine besondere Stellung in der Gesellschaft eng mit diesen Herrschaftsrechten verknüpft war. Erst in zwei revolutionären Schritten, 1808 bis 1813 und 1831 bis 1833, gelang eine Aufhebung der feudalen Abhängigkeit, die im zeitgenössischen Sprachgebrauch recht unspektakulär „Ablösung” hieß, und die wir heute als „Bauernbefreiung” bezeichnen. Indes wurden die Bauern nicht einfach frei, sondern sie mußten für den Wegfall der vielen Lasten teilweise erhebliche Summen aufbringen, man könnte auch sagen, sie mußten sich „freikaufen”.

Damit unterschied sich die niedersächsische Bauernbefreiung erheblich von der preußischen, wie sie 1807 im Oktoberedikt formuliert wurde; hier verloren die Bauern kein Land an die Großgrundbesitzer, Niedersachsen war und blieb bäuerlich geprägt. Etwa zur gleichen Zeit wurden die Verkoppelungen und Gemeinheitsteilungen auf eine bessere gesetzliche Grundlage gestellt, so daß sie im weiteren Verlauf des Jahrhunderts in fast allen Dörfern durchgeführt werden konnten.

Verlierer waren aber die kleinen Leute, die Leineweber und Landhandwerker, die Hollandgänger und Heuerlinge. Ihre Existenzformen zerbrachen in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts, sie wurden von einigen Zeitgenossen als die große soziale Gefahr angesehen. Gleich mehrere Faktoren trafen zusammen, um die Existenz der „kleinen Leute” in Gefahr zu bringen. Im 18. Jahrhundert war die Zahl dieser Menschen stark angestiegen, weil sie reichlich Arbeit fanden, sei es als Leineweber oder als „Hollandgänger”, im 19. Jahrhundert hatte sich deren günstige Lage zunächst unterschiedlich entwickelt: Nach 1816 waren die Getreidepreise stark angestiegen, aber in den 1820er Jahren schnell gesunken, so daß viele von ihnen in der Erwartung besserer Zeiten heirateten und Familien gründeten. Aber der Schein trog, die Zeit des Leinens war vorbei, die Niederlande verloren ihren Reichtum und beschäftigten immer weniger Saisonarbeiter, die beginnenden Gemeinheitsteilungen schmälerten die innerdörfliche Existenzgrundlage. Besonders in Westniedersachsen blieb vielen nur noch ein Ausweg: die Auswanderung. Bis zu einem Drittel der Dorfbevölkerung machte sich damals auf den weiten Weg nach Übersee.

Literaturhinweise

-folgt-

Quellen

  1. Struktur und Funktion von Landgemeinden im Einflußbereich einer deutschen Großstadt. (Schriften des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung Darmstadt Bd. 1) Darmstadt 1952, S. 138
  2. Kötter, Struktur, 135 f