... ungewöhnliche Dienste

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Inhaltsverzeichnis

"ungewöhnliche dienste wieder dem herkommen"

Untersuchung eines Briefwechsels aus dem Raum Celle um 1690

Christian Barth und Tim Wegener


Einleitung

Wie war es wirklich mit den Diensten? Diese Frage stellt sich dem Leser eines frühneuzeitlichen Briefwechsels aus dem Raum Celle um 1690, in dem Teile einer Auseinandersetzung um bäuerliche Dienste dokumentiert sind.

Um dieser Frage nachzugehen, wurden die Quellen analysiert und im Kontext der Forschungsliteratur interpretiert. Im Anschluss an einen chronologischen Überblick mit Inhaltsangaben der einzelnen Schreiben werden die beteiligten Parteien mit ihren Standpunkten und Argumenten vorgestellt. Danach werden die grundsätzlichen Begriffe und Kategorien des frühneuzeitlichen Dienstwesens erläutert und anschließend auf den konkreten Fall bezogen. Im folgenden wird die Bedeutung von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Gewohnheit für Auseinandersetzungen dieser Art diskutiert und ebenfalls auf den konkreten Fall bezogen. Schließlich wird in einem kurzen Exkurs über die mögliche Rolle der Bauern in diesem Konflikt reflektiert.

Chronologie

Gegenstand des untersuchten Briefwechsels ist die Auseinandersetzung um zu leistende Dienste von Bauern die zum Gut Offensen bei Eicklingen gehören. Der verstorbene Kammerrat Philippi war Besitzer dieses Gutes. Er hat zwei Söhne hinterlassen. Einer ist minderjährig, seine Interessen und Geschäfte werden von einem Vormund wahrgenommen. Der ältere Sohn befindet sich in „fürstlicher Verschickung“ in Schweden.

Grundlage der Auseinandersetzung sind verschiedene Auffassungen über die von den zum Gut gehörenden Bauern zu leistenden Dienste. Konkret geht es darum, welche Leistungen und Tätigkeiten der sog. Oberdienst umfasst. Bevor dieser Fall vom Vormund des minderjährigen Erbens an die Kammer herangetragen wurde, haben sich schon verschiedene gerichtliche Instanzen mit der Auseinandersetzung beschäftigt. Der älteste Sohn Philippis hat den Fall vor etwa drei Jahren (ca. 1687) beim Fürstlichen Hofgericht zur Anzeige gebracht. Dieses Verfahren ist zum Zeitpunkt des hier untersuchten Briefwechsels noch anhängig. Vor ungefähr einem Jahr (1689) hat Tornemann Bauern, die von ihm geforderte Dienste nicht geleistet hatten, vor das Eicklingische Landgericht gebracht, von dem sie zu einer Geldstrafe verurteilt worden sind. Als der Vormund den Fall an die Kammer heranträgt, schreibt diese an den Amtsvogt Tornemann und eröffnet den Briefwechsel:

Schreiben der Kammer an Tornemann, 1690-10-03

Die Kammer fordert Tornemann auf, zu den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen Stellung zu nehmen. Das Schreiben des Vormundes ist beigefügt und soll zurückgesandt werden.

Schreiben Tornemanns an die Fürstliche Kammer, 1690-10-24

Tornemann zeigt sich verwundert über die Vorwürfe und verwehrt sich gegen sie, denn er hält sie für eine „ungegründete[n] und gantz unbefugte[n] Klage“. Aus seinem Schreiben wird ersichtlich, dass der Vormund ihm vorwirft, dass er den Kötern aus Offensen „ungewöhnliche dienste wieder dem herkommen, alß Beume zu hauen, undt Dorn auszugraben“ auferlegt hat. Tornemann hält diese Dienste für berechtigt, da er sie als Bestandteil des Oberdienstes betrachtet. Der zweite Vorwurf ist, dass durch die Ableistung der Dienste und die Klage vor dem Eicklingischen Landgericht der wirtschaftlichen Lage des Gutes und der einzelnen Höfe großer Schaden zugefügt wird. Auch dagegen verwehrt sich Tornemann entschieden.

Philippis Schwiegersohn an Tornemann, 1690-01-26

Nachdem die Köter des Guts Offensen bei ihm vorstellig geworden sind, wendet sich der Schwiegersohn des verstorbenen Kammerrats Philippi an den Amtsvogt Tornemann. Unter dem deutlichen Hinweis darauf, dass es sich bei ihm um einen Außenstehenden handelt, will er Tornemann die Problematik seinerseits deutlich machen und verweist auf drei für ihn zentrale Punkte: zuerst nennt er auf die dramatische Lage der Köter, die sich aus Tornemanns Handeln ergeben hat (Leistung arbeitsaufwendiger Dienste und Pfandung bei Nichtleistung). Des Weiteren weist er darauf hin, dass es im ganzen Land unüblich ist, zu einem Gut gehörende Bauern zu „ordinairen Amtsdiensten“ heranzuziehen. Abschließend erwähnt er Dokumente, die der älteste Sohn Philippis bei ihm unter Verschluss deponiert hat, die die „Freyheiten des Guths zu ofensen“ belegen könnten und bittet deshalb die Angelegenheit aufzuschieben, bis diese Dokumente zugänglich sind.

Vormund an Kammer, 1691-05-22

Der Vormund des jüngsten Sohnes Philippis teilt der Kammer mit, dass er am 24.10.1690 eine Bittschrift der Offenser erhalten habe, in dem diese ihm mitteilen, dass Tornemann sein Verhalten nicht geändert habe, und weiterhin gegen sie „gar herbe verfahre“, d.h. „sie zu allerhandt diensten eigenem Gefallen verablade“. Leisten sie die Dienste nicht, pfände Tornemann und drohe, die Pfände zu verkaufen. Darüber hinaus teilt der Vormund der Kammer mit, dass er Tornemanns Stellungnahme zu den Vorwürfen nie erhalten habe, obwohl er sich darum bemüht hat. Er bittet die Kammer, Tornemann anzuweisen, mit dem Verkauf der Pfande solange noch einzuhalten, bis er sich nach Erhalt der Ausführungen Tornemanns ein Bild von der Lage machen kann.

Kammer an Tornemann, 1691-05-28

Die Kammer sendet Tornemann anbei eine Kopie des letzten Schreibens des Vormundes und fordert ihn auf, von einem Verkauf der Pfände vorerst Abstand zu nehmen oder innerhalb der nächsten 14 Tage zu erklären, warum dies nicht geschehen könne.

Tornemann an die Kammer, 1691-06-04

Tornemann fügt sich, zeigt sich jedoch verwundert, dass der Vormund seine ausführlichen Erklärungen nicht erhalten hat. Er weist darauf hin, dass er hier ausführlich dargelegt hat, dass es ausschließlich sein Ziel war, „das jus des oberdienstes der Gnädigsten Herrschaften zu confessiren“ [confessiren?]. Er verweist auf seinen ersten Bericht und bittet die Kammer, die Pfände zur Veräußerung freizugeben, um so endlich zu einer Bezahlung zu kommen.

Standpunkte und Argumente

Aus dem Briefwechsel wird ersichtlich, dass an der Auseinandersetzung um die zu leistenden Dienste drei Parteien beteiligt sind. Die erste Partei bilden die zum Gut gehörenden Bauern, der Vormund bzw. die Söhne Philippis und Philippis Schwiegersohn. Ihnen gegenüber steht der Eicklinger Amtsvogt Tornemann. Die dritte Partei ist die Fürstliche Kammer in Celle, die eine Lösung des Problems finden soll.

Bauern, Vormund, Schwiegersohn

Diese Partei vertritt den Standpunkt, dass die von Tornemann geforderten Dienste nicht Bestandteil des Oberdienstes sind. Ihrer Meinung nach ist der Oberdienst durch Ableistung von „Burgvesten, Krieger Reisen, Landfolgen und Similia“ erfüllt. Die geforderten Dienste sind also unzulässig. Diese Seite liefert keine Beweise im eigentlichen Sinne. Der Vormund scheint nur auf Betreiben der Bauern hin aktiv geworden zu sein. Wie die Bauern zu der Ansicht gekommen sind, dass die ihnen auferlegten Dienste unrechtmäßig sind, lässt sich nicht nachvollziehen. Einzig der Schwiegersohn stellt schriftliche Beweise in Aussicht, zu denen er aber erst Zugang erhält, wenn der älteste Sohn Philippis aus Schweden zurück ist, bzw. die beiden miteinander in Kontakt getreten sind.

„So könten auch desfalß genügsame Documenta herbey gebracht werden, alleine es hat selbige der Elteste Herr Philipi in Schweden solche bey mir verschlossen und versiegelt, daß vor deßen Zurückkunft dieselbe schwerlich zuerhalten seyn werden.“[1] Verordnungen der Zeit zeigen, dass es durchaus denkbar wäre, dass der Amtsvogt Dienste für den eigenen Gebrauch forderte.[2]

Tornemann

Tornemann vertritt den Standpunkt, dass die vom ihm geforderten Dienste rechtens, d.h. Bestandteil des Oberdienstes seien. Im Gegensatz zur ersten Partei versucht Tornemann seine Position auf vielfältige Weise zu belegen. Er führt sowohl schriftliche Belege als auch Erinnerungen an um zu zeigen, dass sein Handeln rechtmäßig ist und er keine Neuerungen oder Veränderungen eingeführt hat. Er zitiert aus dem Spann- und Handdienste-Verzeichnis, dass in der Amtsregistratur aufbewahrt wird. Dieses Verzeichnis ist von seinen Amtsvorgängern Schlüter und Heimburg angelegt worden, die in den 60er bzw. 70er Jahren des 17. Jahrhunderts als Amtsvögte tätig waren.[3] Es heißt dort: „Ernst Meldau, Hinrich Twichman, Eggeling Reinecke, Henrich Tielmann, Wilhelm Bockelberg und Ernst Heße zu Offensen, diese sindt Juncker Marrettigs Köhter, müssen den oberdienst in allen thun, so oft es angedeutet wirdt.“[4]

Tornemann weist darauf hin, dass die Dienste immer ordnungsgemäß verrichtet worden seien, und dass es weder von gutsherrlicher noch von bäuerlicher Seite jemals Beschwerden gegeben hätte. Die zweite Beweisebene, und somit Argumentationsebene, ist die der mündlichen Überlieferung und der Erinnerung, die dann bemüht wird, wenn keine schriftlichen Aufzeichnungen vorhanden sind. Im vorliegenden Fall wird auf dieser Ebene argumentiert, weil Tornemanns Amtsvorgänger Stubenrauch[5] sich mit dem verstorbenen Philippi über eine Reduzierung der zu leistenden Dienste verglichen hat, und es darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt.[6] Als Beleg für eine dem Vergleich entsprechende Fortführung des Oberdienstes führt Tornemann die Erinnerung des Untervogtes Ludolff Christoph Reinecke an, wobei er ausdrücklich auf die langjährige Tätigkeit des Untervogtes hinweist. Auch nach dem Vergleich hätte es nie Beschwerden oder Unregelmäßigkeiten gegeben. Darüber hinaus verweist Tornemann mehrmals auf die „lange observantz des offengeführten Oberdienstes in hiesiger Amtsvogtey“, die seinem Handeln entspräche.

Fürstliche Kammer

Die Kammer hat keinen klar identifizierbaren Standpunkt, denn ihre Aufgabe ist, zwischen den Parteien zu vermitteln und den Parteien die Äußerungen der jeweiligen Gegenseite zugänglich zu machen. Dementsprechend bringt sie weder schriftliche Quellen noch Erinnerungen in die Diskussion ein.

Das Dienstwesen

Stand der Forschung

„Eine neuere Gesamtdarstellung der Agrarverfassung Niedersachsens fehlt“[7], diese bereits Jahre 1989 getroffene Feststellung hat leider nach wie vor Gültigkeit. Die einzige umfassende Betrachtung der nordwestdeutschen Grundherrschaft in der Frühen Neuzeit ist noch immer die Veröffentlichung von Werner Wittich aus dem Jahre 1896.[8] Darüber hinaus existieren zahlreiche Untersuchungen, die sich mit ländlichen Lebensverhältnissen im norddeutschen Raum auseinandersetzen, doch meist geschieht dies am Beispiel einer konkreten Region, oft auch eines Ortes, oder aber in Reflexion einer ausgewählten Fragestellung. Dass der Überblicksdarstellung Wittichs im wesentlichen Einzeluntersuchungen und Mikrostudien gefolgt sind, liegt dabei durchaus an den sich regional und lokal doch stark unterscheidenden Lebens- und Arbeitsbedingungen der frühneuzeitlichen Landbevölkerung, die einer vereinheitlichenden bzw. umfassenden Darstellung entgegenstehen. Auch die Forschungsbeiträge, die sich mit den Diensten und Abgaben der bäuerlichen Bevölkerung befassen, orientieren sich meist an konkreten Territorien, Verwaltungsbezirken oder Orten. An ausgewähltem Quellenmaterial stellen sie die Dienstverpflichtungen der jeweiligen Bauernschaft dar und zeigen so sehr deutlich, dass sich die Gepflogenheiten oft stark unterscheiden, selbst wenn in den Quellen die gleichen Begriffe und Bezeichnungen verwendet werden. Die vorliegende Untersuchung kann folgerichtig auch nur einen grundsätzlichen Überblick bieten. Im Sinne einer möglichst konsensfähigen „Minimaldefinition“ werden daher die zentralen Kategorien des Dienstwesens erläutert und mit dem hier untersuchten Briefwechsel verglichen.

Die Dienste

„Unter Diensten wird die auf Anordnung beruhende, von Bauern […] zu erbringende Arbeitsleistung verstanden.“[9] Diese Arbeitsleistung muss der Bauer für seinen Grundherren und für seinen Landesherren erbringen. Aus dieser Doppelverpflichtung ergibt sich eine organisatorische Zweiteilung:

Verpflichtungen gegenüber dem Grundherren

Haben Bauern einen adeligen (oder kirchlichen) Grundherren, so müssen sie für diesen Dienste verrichten. Hierbei handelt es sich in aller Regel um landwirtschaftliche Arbeiten auf den Eigenbetrieben der Grundherren. Diese werden mit der Hand oder aber mit Pferdegespannen durchgeführt. Die Dienste sind in Dauer und Häufigkeit begrenzt und werden daher als „gemessen“ bezeichnet. Sie werden regelmäßig durchgeführt und daher auch „ordinäre“ Dienste genannt. Unter Umständen kann der Grundherr von den Bauern auch zusätzliche, d.h. „extraordinäre“ Dienste fordern. Diese werden nur im Bedarfsfall verlangt und sind deshalb „ungemessen“, also zeitlich nicht begrenzt.[10]

Verpflichtungen gegenüber dem Landesherren

Auch dem jeweiligen Landesherren müssen Dienste geleistet werden. Auch hier wird grundsätzlich zwischen ordinären und extraordinären Diensten unterschieden. Bei den ordinären Diensten handelt es sich um Spann- und Handdienste. Diese werden zu verschiedenen Amts- und Forstarbeiten gebraucht. Dienstdauer und Umfang sind festgelegt, d.h. der Dienst ist gemessen. Meier haben für den Spanndienst ihre Pferdewagen, Köter für den Handdienst ihre Arbeitsgeräte mitzubringen. In der Regel handelt es sich um Feld- und Gartenarbeit, Tätigkeiten im Stall und Ausbesserungsarbeiten auf dem Amtshof.[11] Die extraordinären Dienste werden oft unter dem Begriff Landfolgen zusammengefasst. Sie sind ungemessen und können im Bedarfsfall eingefordert werden. Im einzelnen handelt es sich dabei um Kriegerreisen (Transport von Soldaten, Kriegsgütern, Verpflegung etc.); Burgfesten (Errichtung und Instandhaltung von landesherrlichen Gebäuden und Anlagen); Jagdfolgen (Unterstützende Tätigkeiten bei der Durchführung von landesherrlichen Jagdausflügen); Wegebesserung (Instandhaltung von Verkehrsverbindungen); Wachdienste (Verschiedene Formen von Wach- und Bewachungsaufgaben). Auch diese Dienste werden unter Umständen auf dem Amtshof geleistet.[12]

Die Dienste im Fall „Philippi“

Im Zentrum des hier zu untersuchenden Briefwechsels steht die Frage, welche Dienste die Köter des adeligen Gutes Philippi in Offensen dem Landesherren zu leisten haben. Konkret geht es dabei um jene Leistungen, die im Rahmen des sogenannten „Oberdienstes“[13] zu absolvieren sind. Die Rechtsvertreter der Familie Philippi verstehen unter der Bezeichnung „Oberdienst“ scheinbar ausschließlich die extraordinären Landfolgedienste:

"Hiebey anzuführen kan Ich nicht unterlaßen, daß der Advocat welcher denen Philippischen Erben in puncto servitutis bedient gewesen, den alßo genanten Oberdienst dahin expliciren wollen, daß es BurgVesten, Krieger Reise, Landfolgen und Similia wehren."[14]

Der Vormund des minderjährigen Sohnes des verstorbenen Kammerrates Philippi beklagt sich über die Anordnung von Arbeiten, wie „Beume zu hauen und Dornen auszugraben“[15], welche nach seiner Einschätzung kein Bestandteil des Oberdienstes sind. Der Eicklinger Amtsvogt Tornemann möchte in seinem Erklärungsschreiben deshalb noch mal deutlich machen, was unter Oberdienst zu verstehen sei und formuliert folgende Passage:

"Damidt aber die Philippischen Vormündere eigendlich wißen mögen, was der Oberdienst sey und heiße, so will Ich par charitè, und damit sie Ihren unmündiges Pupillen viele unnötige Process kosten spahren können, hiebey auß einer von undencklichen Jahren steten observantz undt wolhergebrachter ruhigen possession, auch schriftlichen nachricht, der oberwehnten Herren Schlüters undt von Heimburgs, angeführet haben, alß nemblich wann die Junckern ihren leuten den dienst ankündigen laßen, undt wurde einem oder anderen von diesen Leuten, der dienst von der Herrschaft wegen angesaget, so muß derselbe der Herrschaft, und wan Er auch schon die pferde vor den wagen, aber doch nicht vom hoffe gefahren, undt nicht dem Junckern dienen, wene er aber außerhalb hoffes und begenete Ihm der botte, der Ihm wegen der Herrschaft den Dienst ankündigen wollte, so bleibt Er den selben Tag in der Juncker Dienst, sollte man aber die leute wegen der herrschaft 8. oder 10. Tage nach ein ander nötig haben, so muß sie der Juncker laßen biß der herren dienst zu ende oder aufgehoben, es muß aber gleichwoll damit derogestalt verfahret werden, daß die höffe dadurch nicht verdorben, sondern im stande erhalten werden; gleicher gestalt ist es mit dem Handdiensten.[16]

Für das Verständnis von Tornemanns Position ist vor allem der letzte Teilsatz von Bedeutung: „gleicher gestalt ist es mit dem Handdiensten“; deutet er doch darauf hin, dass es hier um ordinäre Spann- und Handdienste, nicht um extraordinäre Landfolgen geht.[17] Bestätigen lässt sich diese Interpretation mit einer Äußerung des ebenfalls an der Auseinandersetzung beteiligten Schwiegersohnes des verstorbenen Kammerrats Philippi. Auch dieser spricht von „ungewöhnliche[n] bishero nicht geleisteten Handdienste[n]“[18] und führt im weiteren aus:

"Nur habe, in favorem des ältesten H. Philippi uns in respect des Cammerraths Philippi als meines sehl. Schwiegervatern meinen Hochgeehrten Herrn demnach hiemit bestellen wollen, daß so wie mir bewußt, so woll in Ih. Durchl. übrigen Landen alß zu Ofensen, keinesmahls die Guthsherren Leute zu ordinairen Ambstdiensten gebrauchet werden, weill auff solche weise kein Guthsherr im Lande einen Meyer für sich dafür frey behalten könte, sondern es wird dergleichen beyerängende (?) begebenheit stets contradicirt, wie denn bey des sehl. CammerRaths Zeiten, angesehen der von Ihnen bey dem Guhte Ofensen mir in anderen, alß mich in diesem Stücke erhandelten Adelichen Freyheiten, kein Beamter zu Eicklingen denen Ofenschen Guths Leuten dergleichen anmuthung gethan."[19]


Er weißt also darauf hin, dass es durchaus nicht üblich sei, dass die Bauern eines (adeligen) Gutsherren zu ordinären Diensten herangezogen werden und spricht in diesem Zusammenhang von „Adelichen Freyheiten“.[20]

Der Streitpunkt im untersuchten Briefwechsel sind also die Pflichten und Freiheiten von Bauern, die keine landesherrlichen Bauern sind. Diese Bauern mussten zwar extraordinäre Dienste an den Landesherren leisten, waren in vielen Fällen aber von ordinären Arbeiten befreit.[21]

Im hier untersuchten Fall findet sich zumindest im Lagerbuch des Amtes Eicklingen aus dem Jahre 1669 ein Hinweis darauf, dass die erwähnten Köter dem Gutsherren und dem Landesherren ordinäre Dienste zu leisten haben:

"Dienet gleich der vorigen mit der Handt so wohl Seiner Hochfürst: durch: als dem Juncker, und muß mit in die Jagdt item 6 tage zu Zell burg Vesten."[22]

Alle davon abweichenden anderen Regelungen müssten folglich auf mündliche Einigungen zurückgehen und sind somit eine Frage der Kommunikation.

Die Bedeutung von Mündlichkeit, Schriftlichkeit und Gewohnheit

Die einzelnen Schreiben des untersuchten Briefwechsels zeigen, dass sowohl schriftliche Quellen als auch Erinnerungen als Beweise für einen bestimmten Sachverhalt herangezogen wurden. Das Einbringen von schriftlichen und mündlichen Belege lässt sich nicht prinzipiell bestimmten Ständen zuordnen. Der Amtsvogt führt neben dem erwähnten Register die Erinnerung seines Untervogtes an. Ob und wenn ja, mit welcher Art von Beweisen die Seite der Bauern ihre Beschwerden beim Vormund und beim Schwiegersohn Philippis begründeten, lässt sich nicht nachvollziehen, doch wird aus dem Schreiben des Vormundes Bahrenburg vom 22. Mai 1691 deutlich, dass auch von dieser Seite mindestens eine schriftliche Äußerung eine Rolle in der Auseinadersetzung spielte, denn in diesem Schreiben heißt es, dass die Einwohner Offensens ihm eine Bittschrift („Supplicata“) übergeben hätten. Es ist allerdings auch nicht nachvollziehbar, ob die Bauern bzw. einer unter ihnen die Bittschrift eigenhändig verfasst hat, oder ob sie von einem Schriftgewandten stammt, z.B. einem Geistlichen. Es wäre aber prinzipiell denkbar, das ein des Schreibens kundiger Bauern das Schreiben verfasst hat, denn zu dieser Zeit waren mehr Bauern des Schreibens kundig, als dies im allgemeinen vermutet wird.[23] Die Beherrschung der Schrift konnte von Vorteil für die Bauern sein, wenn z.B. in Quittungsbüchern der Amtsvogt die Ableistung von Diensten bestätigte. Die Bauern hatten so einen gewissen Schutz vor willkürlichen Eingriffen.[24]

Genauso wenig wie sich schriftliche und mündliche Beweise bestimmten Ständen zuordnen lassen, genauso wenig lässt sich sagen, dass sie prinzipiell unterschiedlich bewertet worden sind. Spätestens seit der Mitte des 16.Jahrhunderts nahmen zwar schriftliche Dokumente zur Regelung von Rechtsangelegenheiten auf Dorf- und Vogteiebene zu, und die Bedeutung von Erinnerungen nahm immer mehr ab, sie waren aber noch im 17. Jahrhundert durchaus gerichtsfähig.[25] D.h. eine Partei konnte im Falle eines etwaigen Prozesses evtl. auch dann auf der sicheren Seite sein, wenn sie nur mündliche Beweise vorzubringen hatte.

Schriftliche und mündliche Beweise, Erinnerungen also, konnten durchaus gleichberechtigt nebeneinander stehen. Besonders in Fällen und Sachverhalten, die schriftlich nicht ausreichend geregelt waren, war man auf Erinnerungen angewiesen. Ein Schreiben der Fürstlichen Kammer aus dem Jahr 1688 an die Vögte, in dem Berichte über Regelungen die Flachsspinndienste betreffend angefordert werden, verdeutlicht dies. Dort heißt es:

"Als haben Wir vor nöhtig erachtet dieser Beschaffenheit wegen einen gründlichen Bericht zu erfordern/ Befehlen euch demnach und wollen/ daß ihr nicht nur in dortigen Ambts= und Erbbüchern/ sondern auch in der Registratur fleissig nachsehet/ auch sonst euch bey alten Leuten erkündiget/ (1) was vor Dorffschafften in dem euch anvertrauten Vogtey diese Schuldigkeit ob sich gehabt/ und (2) ob dann alle und jede Unterthanen ohne Unterscheid/ es seyn Hand= oder auch Spandienste/ dieselbe verrichten müssen."[26]

Deutlich ist hier die Aufforderung, sich „bey alten Leuten“ zu erkundigen, denn je weiter Erinnerungen zurückreichen, desto sicherer ist man auf seinem Rechtsgrund.[27] In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder aus Quellen ersichtlich, welches Ansehen alte Leute als Träger von Erinnerungen genossen. Auch Tornemann erwähnt die lange Dienstzeit des Untervogts, der „nunmehro über die vier undt Zwantzig Jahren alhie in Officio gestanden“ ist. Überhaupt versuchte die Obrigkeit, wenn auch zur Zeit unseres Falles nicht mehr in dem Maße wie noch im 16. Jahrhundert, das „bäuerliche Erinnerungsvermögen abzuschöpfen“, eine Bestätigung für die Wichtigkeit von Erinnerungen.[28]

Trotz der nach wie vor vorhandenen Bedeutung von Erinnerungen wurde die schriftliche Form immer wichtiger. Z.B. erforderte die dorfinterne Regelung von Konflikten zunehmend die „rechtssichernde Qualität des Schriftzeugnisses“.[29] Auch nahm die Zahl der dörflichen Register zu, in denen Rechte und Pflichten schriftlich fixiert wurden, so z.B. das erwähnte Spann- und Handdienste Register. Der festgehaltene Zustand war oft das Ergebnis eines schwer gefundenen Kompromisses, der z.B. durch das Verblassen der Erinnerung nicht gefährdet werden sollte.[30] Das geschriebene Wort diente als „Stütze der Erinnerung“, weshalb es mitunter ausreichte, das nur Wenige lesen konnten. Genauso musste sich der genaue Wortlaut der schriftlich fixierten Regelung wohl nur selten vor Augengeführt werden, dies konnte z.B. durch Verlesen bei Dorfversammlungen geschehen.[31]

Dies könnte u.a. evtl. erklären, warum es auch dann zu Konflikten kommen konnte, wenn eigentlich alles schriftlich fixiert gewesen schien. Insbesondere wenn die geübte Praxis von dem, was niedergeschrieben stand, abwich bzw. im Laufe der Zeit immer mehr abwich. Denn gerade große oder größere zeitliche Differenzen machten die Nachvollziehbarkeit der einmal festgelegten Regelungen schwierig.[32] Es konnte also eine Art Gewohnheitsrecht entstehen, das von den schriftlich fixierten Regelungen abwich und von den Parteien als verbindlicher Zustand angesehen werden konnte.

Das Verhältnis und das Nebeneinander von Schriftlichkeit und Mündlichkeit im untersuchten Briefwechsel und die Rolle, die die Gewohnheit spielt, wird im Schreiben Tornemanns vom 24. Oktober 1690 und im Brief des Schwiegersohns des verstorbenen Philippi vom 26. Januar 1691 deutlich. Tornemannschreibt, es sei

"ohnstreitig, daß sothane Guths Leute, der gnädigsten Herrschaft vor undencklichen Jahren, mit dem Oberdienst sindt verwandt gewesen, und anietzo damit keine neuerung gemachet worden, wie solches in mehren, eine, von Herrn Hanß Schlütern itzigen Churfürst. Brandenburg. Ambts Rath, wie auch eine von dem Sehl. Herrn Heimburg alhie, jener vor dreyßig undt dieser von [?] drey undt zwantzig Jahren gewesene Ambts Voigt hinterlaßene Spann und Handdienste Verzeichnis, welche bey hiesieger AmbtsRegistratur annoch sich findet, außweißet."[33]

In dieser Textstelle bringt Tornemann gleich Argumente auf zwei Ebenen: er sagt, dass die Bauern „vor undencklichen Jahren“ Oberdienst geleistet haben, verweist also auf die Gewohnheit, außerdem bezieht er sich auf das bereits erwähnte Spann- und Handdienste-Verzeichnis. Er zitiert dann aus dem Register (s.o.) und weiter:

"solcher dienst ist auch beständigst wen es von nöhten gewesen, abgestattet worden, wogegen niemahls einige Contradiction weder von dem Guhtsherrn noch den Leuten sich ereuget, undt alßo Continuiret".[34]

Wieder ein Verweis auf die Gewohnheit.

Tornemann kommt jetzt in seiner Schilderung auf den Vergleich zu sprechen, den sein Amtsvorgänger Stubenrauch mit Philippi getroffen hat. Um zu zeigen, dass es auch über die neue Regelung keine Beschwerden gegeben hat, verweist Tornemann auf die Erinnerung des Untervogtes:

"Es berichtet hiebey der hiesige Untervoigt, Ludolff Christoph Reinecke der nunmehro über die vier undt Zwantzig Jahren alhie in Officio gestanden, daß der Oberdienst bey seiner Zeit von den Philippischen Guhtsleuthen beständigst verrichtet, Hernachmahls noch [?] dem Vergleich, wie jetzo angeführet, geleistet worden, undt deswegen sich niemahls streit erhoben."[35]

Auch hier wieder zwei Ebenen: Tornemann nutzt die Erinnerung, um die Gewohnheit darzustellen. Weiter heißt es:

"Wegen des itz angeführten Vergleichs aber ist alhie keine schriftliche nachricht zu finden."[36]

Da er keine schriftlichen Belege für den getroffenen Vergleich anführen kann, bezieht er sich, wenn er im Weiteren den Inhalt des Vergleiches schildert, also auf die eigene Erinnerung. Dies könnte in seinem Fall ein entscheidender Vorteil gewesen sein, denn die professionelle Stellung des, im übertragenen Sinne, Befragten war mitunter ausschlaggebend, wenn es z.B. darum ging, sich an Dinge zu erinnern, die sich auf eigene Amtshandlungen bezogen.[37] Er gibt dann den Standpunkt des Anwaltes der Erben Philippis den Oberdienst betreffend wieder und kommt zu dem Schluss:

"Er wird aber dieses wenig behaupten und mit hochgelahrten Rechtsgelehrten bestätigen können, zumahlen die lange observantz des offengeführten Oberdienstes in hiesiger Ambtsvogtey ein gantzes Contrarium lehret."[38]

Die vor Ort geübte Praxis, die Gewohnheit also, soll juristische Grundsätze widerlegen. Die folgende Schilderung des Oberdienstes leitet Tornemann so ein:

"so will Ich [...] hiebey auß einer von undencklichen Jahren steten observantz undt wolhergebrachter ruhigen possession, auch schriftlichen nachricht, der oberwehnten Heren Schlüters undt von Heimburgs, angeführet haben" [berichten?].[39]

Hier bekräftigt er seinen Standpunkt in einem Satz auf beiden Ebenen: die gewohnheitsmäßige Praxis deckt sich mit den schriftlich fixierten Regelungen, beide Ebenen unterstützen sich hier gegenseitig. Der Schwiegersohn Philippis argumentiert in seinem Schreiben auch auf allen geschilderten Ebenen. Er schreibt:

daß [?] so wie mir bewußt, so woll in Ih. Durchl. übrigen Landen alß zu Ofensen, keinesmahls die Guthsherren Leute zu ordinairen Ambstdiensten gebrauchet werden, weill auff solche weise kein Guthsherr im Lande einen Meyer für sich dafür frey behalten könte, sondern es wird dergleichen beyerängende (?) begebenheit stets contradicirt, wie denn bey des sehl. CammerRaths Zeiten, angesehen der von Ihnen bey dem Guhte Ofensen mir in anderen, alß mich in diesem Stücke erhandelten Adelichen Freyheiten, kein Beamter zu Eicklingen denen Ofenschen Guths Leuten dergleichen anmuthung gethan So könten auch desfalß genügsame Documenta herbey gebracht werden[40]

Er bezieht sich auf die eigene Erinnerung („so wie mir bewußt“), verweist auf die allgemein geübte Praxis („weill auff solche weise kein Guthsherr im Lande [...] sondern es wird dergleichen beyerängende (?) begebenheit stets contradicirt“) und auf die in der Amtsvogtei Eicklingen geübte Praxis („kein Beamter zu Eicklingen denen Ofenschen Guths Leuten dergleichen anmuthung gethan“). Schließlich stellt er dann auch schriftliche Dokumente in Aussicht, die den Sachverhalt restlos aufklären sollen. Der Schwiegersohn macht in seinem Schreiben einen recht optimistischen Eindruck, vielleicht ist es gerade die Kombination der verschiedenen Ebenen, die ihn so sicher macht. Dass die geübte Praxis von der schriftlich fixierten Regelung abweichen kann, und dass es deshalb zu Konflikten kommen kann, zeigt auch ein weiterer Fall aus Tornemanns Amtsbereich aus dem Jahr 1710.[41] Inhalt ist die angebliche Befreiung vom Burgvest-Dienst von Bauern in der Probstei Wienhausen. Die Bauern scheinen sich diesem Dienst entziehen zu wollen. Der Aufforderung, über die Angelegenheit Bericht zu erstatten, nachkommend schreibt Tornemann, dass die Bauern laut Erb-Register nicht vom Burgvest-Dienst befreit sind:

Wie dann da Sie auch vermöge solchen ErbRegisters [Marg.] welches dann dass fundament von den? alhier zu verrichtenden Dienst sein müssen und laut anliegenden Extracts über solchen ordinairen Dienst daß Burgvesten zu Zelle gleich andern Dienstpflichtigen mit zu verrichten schuldig, Sie auch davon von Ambtswegen nicht befreyet bleiben.[42]

Im darauf folgenden Schreiben aus Celle wird Tornemann aufgefordert, zusätzlich zu der Schilderung des Soll-Zustandes auch noch den Ist-Zustand, also die geübte Praxis, zu schildern. Er schreibt, dass zwar diese Dienstleute solche Burgveste vor dehm woll nicht mögen verrichtet und von dehm vorigen Alten abgelebten Untervoigte nicht mag observiret worden sein, dieses ihnen demnach deshalb nicht wirdt zustatten kommen noch auch der Gnädigsten Herrschaft prejudiciren können, Weilen man aber bey abschreibung und einsendung deß allhiesigen Hausbuchs oder Erb-Registers auch unter andern gefunden daß Sie die Burgvestdienste gleich denen anderen mit zu verrichten schuldig.[43]

Tornemann schreibt ganz deutlich, dass die geübte Praxis von der schriftlich festgelegten Regel abwich. Er sagt aber auch ebenso deutlich, dass dies nichts daran ändert, dass die Bauern verpflichtet sind, Burgvest-Dienst zu leisten. Wenn die Bauern also versucht haben sollten, aus der Gewohnheit, die von der Regel abweicht, ein Recht abzuleiten, scheinen ihre Bemühungen in diesem Fall fruchtlos. Exkurs: Die Bauern als Auslöser?

Welche Rolle die zum Gut Offensen gehörenden Bauern in der Auseinandersetzung um die zuleistenden Dienste spielten, lässt sich, wie gesagt nicht nachvollziehen. Sicher ist aber, dass sie in irgendeiner Form aktiv geworden sind. Im Schreiben des Schwiegersohnes Philippis an die Kammer heißt es:

"Es haben die Köther des Guths Ofensen sich heute bei mir angegeben und vorgebracht, wie Ihnen anitzo zu Abstattung ungewöhnlicher und bishero nicht von Ihnen geleisteten Handdienste Hefftig zugesetzet würde, so daß sie nicht alleine die pfandung leiden, sondern auch von wircklichen execution stündlich gewertigen müßten."[44]

Die Bauern haben sich also offensichtlich von sich aus an den Schwiegersohn Philippis gewandt. Dieser sagt eindeutig, „Zwar gehet uns Ofensen nicht an“, dass werden wahrscheinlich auch die Bauern gewusst haben, er sieht sich dennoch veranlasst, sich in die Auseinandersetzung einzuschalten. Die aktive Rolle der Bauern wird im Schreiben des Vormunds an die Kammer noch deutlicher:

"Demnach [?] mir alß Vormund des H. Cammer Rath Philippi seh. jüngsten Sohnes für einigen tagen allererst deroselben uns der Einwohner zu Offensen übergeben Supplicata gebenes Bescheid unterm 24t Xbris 1690. Jahrs zugekommen und ietzo cum consternatione gleichsamb vernehme, daß der H. Ambtvogt Torneman zu Eicklingen wieder gedachte Eingeseßene als Supplicanten gar herbe Verfahre, Sie zu allerhandt diensten eigenem Gefallen verablade, uf deren Ausbleiben Sie pfande und nunmehr im procmetu wehre die pfande zuverkaufen."[45]

Beide, Schwiegersohn und Vormund, scheinen nur auf das Bestreben der Bauern hin aktiv geworden zu sein, und zumindest der Vormund scheint seine Informationen nur von den Bauern erhalten zu haben. Aus der „Supplicata“ erfährt er den aktuellen Stand der Dinge. Wenn es weiter heißt,

"Eß kann aber selbigem Ambt so kein großer Schade ex mora modici Semporis nicht zuwachsen, alß denen Eigenbehörigen Leuthen wann man die Ihnen wegen unterlaßener new angemuhteten dienste abgenommene pfande würcklich verkauffen"[46] ist es nicht nachvollziehbar, wie der Vormund zu dieser Einschätzung kommt. Es ist aber durchaus möglich, dass der die Lage nicht aus eigener Einschätzung kennt, denn er ist nicht, oder zumindest nicht dauerhaft, vor Ort,[47] und auch seine Einschätzung auf Aussagen der Bauern beruht. Es ist durchaus denkbar, dass der Auslöser der ganzen Auseinandersetzung eine Initiative der Bauern war. Dafür spricht die Tatsache, dass sie sich mit ihrem Anliegen an verschiedene Personen gewendet haben. Ihre Motivation ist nicht nachvollziehbar. Möglich wäre es, dass sie sich tatsächlich ungerecht behandelt fühlten, und dass sie das Vorgehen des Amtsvogts Tornemann als nicht Rechtens betrachteten. Genauso möglich wäre es aber auch, dass sie sich schlicht und einfach einen Vorteil verschaffen wollten, wobei sie versuchten, sich etwaige Unstimmigkeiten oder nicht eindeutige Aussagen in den schriftlich fixierten Regelungen die zuleistenden Dienste betreffend zu nutze zu machen. Auch bei eindeutigen schriftlichen Aufzeichnungen wäre es vorstellbar, dass die Bauern trotzdem versucht haben, sich einen Vorteil zu verschaffen. Hierfür könnte auch die Art ihres Vorgehens sprechen, nämlich, dass sie, s.o., versuchten, ihr Anliegen durch Mithilfe verschiedener mehr oder weniger außenstehender Personen durchzusetzen. Da die Bauern gewusst haben könnten, dass ihre Erinnerungen Beweiskraft haben können, könnten sie evtl. versucht haben, aus einer Gewohnheit, die nicht der schriftlich fixierten Regel entsprach, besondere Rechte und Freiheiten abzuleiten.[48]

Schluss

Wie war es nun wirklich? Obwohl an die Geschichtswissenschaft immer wieder die Forderung nach handfesten Ergebnissen gestellt wird, gehört es zur täglichen Erfahrung des Historikers, dass sich aus den untersuchten Materialien keine Tatsachen ermitteln lassen. Vielmehr geht es darum, durch Vergleichen und Interpretieren verschiedenster Quellen sich den Ereignissen und Personen der Vergangenheit schrittweise anzunähern und so in Einzelergebnissen ein möglichst realistisches Bild der Geschichte zu rekonstruieren. So auch in diesem Fall.

Die Analyse des hier untersuchten Briefwechsels kann also keinesfalls klären, welche Partei wirklich im Recht war, d.h. ob die Bauern den Dienst nun tatsächlich zu leisten hatten. Trotzdem führt die Untersuchung zu Ergebnissen, es sind jedoch andere:

Das Dienstwesen bot, obwohl es auf den ersten Blick geregelt schien, Platz für Widersprüche und Konflikte. Durch den bloßen Verweis auf Dokumente, in denen eine vermeintlich verbindliche Regelung festgelegt war, konnten Konflikte nicht beigelegt werden, weil die schriftliche Fixierung eines Sachverhalts nicht unbedingt mit einer eindeutigen und endgültigen Regelung gleich zu setzten war. Schriftliche Dokumente konnten durchaus in Widerspruch zu anderen schriftlichen Vereinbarungen, mündlichen Absprachen oder schleichenden Veränderungen in der Praxis stehen.

Um einen Konflikt beilegen zu können, musste zwischen den verschiedenen Einschätzungen eines Sachverhalts vermittelt werden. Diese Vermittlung war ein kommunikativer Prozess auf mündlicher und schriftlicher Ebene.

Bauern verhielten sich in Angelegenheiten die sie betrafen nicht passiv. Sie fanden Möglichkeiten, ihre Interessen zu vertreten bzw. vertreten zu lassen. Trotz der großen und zunehmenden Verbreitung schriftlicher Dokumente waren nach wie vor auch Erinnerungen und mündliche Zeugnisse von Bedeutung. Die Untersuchung des Briefwechsels hat also zu vielfältigen Einblicken in verschiedene Aspekte der frühneuzeitlichen Gesellschaft geführt. Wie diese Gesellschaft die Frage nach den zu leistenden Diensten zu lösen versucht hat, konnte gezeigt werden, wie und ob es ihr schließlich gelungen ist, muss offen bleiben.

Belege

  1. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1691-01-26.
  2. Siehe z.B. NHStAH Hann 74 Celle 368, 1685-06-02.
  3. Bettinghaus, W.: Heimatkunde der Kirchengemeinde Wienhausen. Celle 1901. Zitiert nach: Gemeinde Eicklingen (Hg.): Eicklingen. Beiträge zur Geschichte und den aktuellen Verhältnissen der ehemals selbständigen Gemeinden Groß Eicklingen, Klein Eicklingen, Sandlingen, Schepelse, Paulmannshavekost. Ein Lese- und Nachschlagebuch. o.O. 1991. S. 29-30. (Bettinghaus gibt für Tornemann eine Amtszeit von 1687-1690 an, in Gemeinde Eicklingen (Hg.) heißt es, nach Akten des NHStAH dauerte seine Amtszeit bis etwa 1705, in NHStAH Hann 74 Celle 374 finden sich Schreiben an und von Tornemann aus dem Jahre 1710.)
  4. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1690-10-24. Dem im Zitat erwähnten Juncker Marrettig gehörte das Gut von 1647 bis 1680. Wie es in den Besitz der Familie Philippi gelangte, ist ungeklärt. Vgl. Pröve, Heinrich: Wathlingen. Geschichte eines niedersächsischen Dorfes. Celle 1925. Nachdruck Celle 1985. S. 31.
  5. Amtszeit um 1681 (Bettinggaus/Gemeinde Eicklingen, dort heißt er Stuenrauch).
  6. Aus dem selben Schreiben wird ersichtlich, dass Tornemann sich bewusst war, dass es eigentlich eine schriftliche Fixierung des Vergleiches geben müsste, weil dieser von übergeordneter Stelle hätte bestätigt werden müssen, was aber offensichtlich nicht geschehen ist.
  7. Schneider, Karl Heinz u. Hans Heinrich Seedorf: Bauerbefreiung und Agrarreform in Niedersachsen. Hannover 1989. S. 31.
  8. Wittich, Werner: Die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland. Leipzig 1896.
  9. Steinborn, Hans-Christian: Abgabe und Dienste holsteinischer Bauern im 18. Jahrhundert. Neumünster 1982 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins 79). S. 22.
  10. Vgl. Risto, Ulrich: Abgaben und Dienste bäuerlicher Betriebe in drei niedersächsischen Vogteien im 18. Jahrhundert. Göttingen 1964. S. 4-12.
  11. Begemann, Ulrike: Bäuerliche Lebensbedingungen im Amt Blumenau (Fürstentum Calenberg) 1650-1850. Dargestellt anhand der Eheverträge, der Kirchbücher des Kirchspiels Limmer und deren registerförmiger Quellen. Hannover 1990 (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens 104). S. 56-57.
  12. Vgl. Voß, Werner: Das Dorf Buchholz im Spiegel alter Urkunden. Bauern und Höfe, Dienste und Abgaben. Rosengarten-Sottorf 1997 (= Sottorfer Hefte 2). S. 22-26.
  13. Der Begriff „Oberdienst“ findet sich in der einschlägigen Forschungsliteratur nicht.
  14. NHStAH Hann 74 Celle 15, 1690-10-24.
  15. NHStAH Hann 74 Celle 15, 1690-10-24.
  16. NHStAH Hann 74 Celle 15, 1690-10-24.
  17. Erstaunlicherweise benutzt Tornemann hier die Bezeichnung „herren dienst“.
  18. NHStAH Hann 74 Celle 15, 1690-01-26.
  19. NHStAH Hann 74 Celle 15, 1690-01-26.
  20. NHStAH Hann 74 Celle 15, 1690-01-26.
  21. So stellt z.B. Ulrike Begemann bei ihrer Untersuchung der bäuerlichen Lebensbedingungen im Amt Blumenau fest: „Hatten Blumenauer Bauern adelige Grundherren, so waren sie diesen gegenüber auch zu Dienstleistungen verpflichtet, besonders dann, wenn die grundherrliche Eigenwirtschaft nahe an den Höfen lag. Deutlich geringer war dann die Dienstverpflichtung dieser Bauern dem Amt gegenüber. Folglich wurden sie in einigen Quellen, wie zum Beispiel dem Lagerbuch von 1600, noch als „freie“ bzw. „Junker“-Bauern bezeichnet, im Gegensatz dazu hießen die dem Amt hauptsächlich verpflichteten Bauern „dienstpflichtige“ Ackerleute […] Die freien Bauern waren nicht von den regelmäßigen Wochendiensten betroffen.“ Vgl. Begemann: Bäuerliche Lebensbedingungen. S. 55-56.
  22. NHStAH Hann 74 Celle 51. Das Amt Eicklingen Lagerbuch 1669. Offenser Hauß Buch. De Anno 1669.
  23. Siehe z.B. Lorenzen-Schmidt, Klaus-J.: Schriftliche Elemente in der dörflichen Kommunikation in Spätmittelalter und Früher Neuzeit: das Beispiel Schleswig-Holstein. In: Rösener, Werner (Hg.): Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne. Göttingen 2000. (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte: 156) S. 169-187. S. 169-182.
  24. Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum (Hg.): Schrift und Schriftlichkeit. Ihre Geschichte im ländlichen Raum. Cloppenburg 1990. (S. 4).
  25. Lorenzen-Schmidt: Schriftliche Elemente. S. 181, 186-187; Trossbach, Werner: >>Mercks Baur<<. Annäherung an die Struktur von Erinnerung und Überlieferung in ländlichen Gesellschaften (vorwiegend zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts). In: Rösener: Kommunikation. S. 209-240. S. 235.
  26. NHStAH Hann 74 Celle 15, 1688-06-24.
  27. Lorenzen-Schmidt: Schriftliche Elemente. S. 182.
  28. Trossbach: >>Mercks Baur<<. S. 215, 220.
  29. Lorenzen-Schmidt: Schriftliche Elemente. S. 186.
  30. Lorenzen-Schmidt: Schriftliche Elemente. S. 184.
  31. Lorenzen-Schmidt: Schriftliche Elemente. S. 183.
  32. Schlögl, Rudolf: Bedingungen dörflicher und Kommunikation. Gemeindliche Öffentlichkeit und Visitation im 16. Jahrhundert. In: Rösener: Kommunikation. S. 241-261. S. 243-244.
  33. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1690-10-24.
  34. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1690-10-24.
  35. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1690-10-24.
  36. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1690-10-24.
  37. Trossbach: >>Mercks Baur<<. S. 222.
  38. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1690-10-24.
  39. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1690-10-24.
  40. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1691-01-26.
  41. NHStAH Hann 74 Celle 374, 1710-09-06, 1710-10-03, 1710-10-16, 1710-11-17.
  42. NHStAH Hann 74 Celle 374, 1710-10-03.
  43. NHStAH Hann 74 Celle 374, 1710-11-17.
  44. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1691-01-26.
  45. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1691-05-22.
  46. NHStAH Hann 74 Celle 375, 1691-05-22.
  47. Siehe Absender des Schreibens vom 1691-05-22: „Dietrich Volbecks Ambtmans zu Bahrenburg und Pachts Einhabern des Ambst Stolzenau Tutorio Nomine Weil. Herrn Cammer Rath Philippi jüngsten Sohnes“.
  48. Trossbach: >>Mercks Baur<<. S. 235-236.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

NHStAH Hann 74 Celle 15

NHStAH Hann 74 Celle 51

NHStAH Hann 74 Celle 368

NHStAH Hann 74 Celle 374

NHStAH Hann 74 Celle 375

Literatur

Begemann, Ulrike: Bäuerliche Lebensbedingungen im Amt Blumenau (Fürstentum Calenberg) 1650-1850. Dargestellt anhand der Eheverträge, der Kirchbücher des Kirchspiels Limmer und deren registerförmiger Quellen. Hannover 1990 (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens 104)

Gemeinde Eicklingen (Hg.): Eicklingen. Beiträge zur Geschichte und den aktuellen Verhältnissen der ehemals selbständigen Gemeinden Groß Eicklingen, Klein Eicklingen, Sandlingen, Schepelse, Paulmannshavekost. Ein Lese- und Nachschlagebuch. o.O. 1991

Lorenzen-Schmidt, Klaus-J.: Schriftliche Elemente in der dörflichen Kommunikation in Spätmittelalter und Früher Neuzeit: das Beispiel Schleswig-Holstein. In: Rösener, Werner (Hg.): Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne. Göttingen 2000 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte: 156). S. 169-187

Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum (Hg.): Schrift und Schriftlichkeit. Ihre Geschichte im ländlichen Raum. Cloppenburg 1990

Pröve, Heinrich: Wathlingen. Geschichte eines niedersächsischen Dorfes. Celle 1925. Nachdruck Celle 1985

Risto, Ulrich: Abgaben und Dienste bäuerlicher Betriebe in drei niedersächsischen Vogteien im 18. Jahrhundert. Göttingen 1964

Schlögl, Rudolf: Bedingungen dörflicher und Kommunikation. Gemeindliche Öffentlichkeit und Visitation im 16. Jahrhundert. In: Rösener, Werner (Hg.): Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne. Göttingen 2000 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte: 156). S. 241-261

Schneider, Karl Heinz u. Hans Heinrich Seedorf: Bauerbefreiung und Agrarreform in Niedersachsen. Hannover 1989

Steinborn, Hans-Christian: Abgabe und Dienste holsteinischer Bauern im 18. Jahrhundert. Neumünster 1982 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins 79)

Trossbach, Werner: >>Mercks Baur<<. Annäherung an die Struktur von Erinnerung und Überlieferung in ländlichen Gesellschaften (vorwiegend zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts). In: Rösener, Werner (Hg.): Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne. Göttingen 2000 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte: 156). S. 209-240

Voß, Werner: Das Dorf Buchholz im Spiegel alter Urkunden. Bauern und Höfe, Dienste und Abgaben. Rosengarten-Sottorf 1997 (= Sottorfer Hefte 2)

Wittich, Werner: Die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland. Leipzig 1896.