1772 Westfeld

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1773 Juli 12. und 16.

siehe auch 1776

Preisschrift des Hrn. Kammerrath Westfeld zu Bückeburg: Beantwortung der, von der K. Societät der Wissenschaften zu Göttingen für den Nov. 1772 aufgegebnen ökonomischen Frage: Ist es rathsam, in einem Lande die Frohndienste abzuschaffen? und welches sind die vortheilhaftesten Mittel sowohl die Abschaffung einzurichten, als den Unbequemlichkeiten, welche die Sache haben kann und den Folgen davon zu begegnen? [gekürzt] Hannoverisches Magazin, 56tes und 57tes Stück, Montag, den 12ten Julius 1773 und Freytag, den 16ten Julius 1773, Sp. 881-912.

[...]

Inhaltsverzeichnis

I.

Die Frohndienstbarkeit ist ohne Rücksicht auf den Dienstherrn und den Dienstpflichtigen dem Staate selbst nachtheilig. Sie verursacht dem arbeitenden Theile des Volks einen großen Verlust an Zeit, sie vermehrt die Consumtion und hindert die gute Cultur der Ländereyen.

1) Sie verursacht dem arbeitenden Theile des Volks einen großen Verlust an Zeit.

Es ist eine Erfahrung die jeder Dienstpflichtige selbst eingesteht und die an den meisten Oertern durch die Observanz zum Gesetze geworden ist, daß die Arbeit welche die Dienstpflichtigen sowohl selbst als mit ihrem Vieh an einem Diensttage zu verrichten haben, oft nicht halb so groß seyn darf, als die, welche sie in ihren eignen Geschäfften oder für Geld verrichten würden. Dieser Zeitverlust ist gänzlicher Verlust. Es wird Niemanden, nicht einmal den Dienst¬pflichtigen selbst, zum Vortheile. Denn daß sie oder ihr Vieh in diesen Tagen weniger Kräfte anzuwenden brauchen, was könnte ihnen das für Vortheil bringen? [...] Und es ist nicht dieser Verlust an Zeit allein, auf den man rechnen muß. Eine viel schlimmere Folge davon ist die Verringerung der Industrie ), an die sich der Arbeitsmann bey dieser Gelegenheit gewöhnt. [...]

2) Sie vermehrt die Consumtion? Die Consumtion ist wegen der we¬nigern Arbeit, die an den Diensttagen geschieht, nicht geringer. Wenn ich nach dem Ansatze den ich einmal zum Grunde gelegt habe, fortrechne, so geht durch die Frohndienstbarkeit jährlich die Consumtion von 5000 Diensttagen für einen Menschen und von 1500 Tagen für ein Gespann und zwey Menschen, denn ihrer zween sind gewöhnlich bey einem Dienstspann, verloren. [...]

3) Sie hindert die gute Cultur der Ländereyen. Ich will mich hier nicht weitläuftig über den Verlust den die Meyerländereyen des Spanndienstes wegen an Dünger leiden, erklären. [...] Ein viel größerer Schaden entsteht daher, daß der Dienst die Dienstpflichtigen oft zur ungelegensten Zeit von ihren eignen Arbeiten ab an die dienstherrlichen ruft. [...] In allen niedersächsischen Gegenden, die ich kenne, ist der Dienstpflichtige schuldig, die dienstherrliche Arbeit auf Verlangen seiner eignen vorzuziehen. In einigen Dienstord¬nungen ist es ausdrückliches Gesetz. Wenn man keine Klagen über die Folgen davon hört, so liegt es gewiß daran, daß die Gewohnheit die Dienstpflichtigen geduldig gemacht hat, aber darum sind doch diese Folgen nicht weniger drückend und wahrhaftig größer als man denkt. [...] Also auch auf diese Weise leidet der Staat durch die Frohndienstbarkeit, durch dieses gleichsam privilegirte Mittel wider die Beförderung des Ackerbaues. Und allen den Schaden, den der Staat von dieser Einrichtung hat, ersetzt ihm die Frohndienstbarkeit durch keinen einzigen Vortheil, den sie an und für sich gewähren könnte. [...] Die Frohndienstbarkeit ist also wider das Interesse des Staats und es ist darum nicht allein rathsam, es ist die Pflicht, sie in einem Lande abzuschaffen. [...]

II.

Für den Dienstherrn ist die Frohndienstbarkeit allerdings eine vortreffliche Einrichtung. Er kann seine Arbeiten ohne die geringste Beschwerde verrichten, seinen Ackerbau bey der besten Witterung betreiben, seine Frucht zur rechten Zeit verfahren lassen. Er kann bey der größten Wirthschaft seinen Haushalt ganz ins Kleine zu¬sammen ziehen. Auch in der Theurung kostet ihm sein Ackerbau nicht mehr, als in der wohlfeilsten Zeit. Er braucht weder Menschen noch Pferde in den Monaten, und in den Tagen in welchen sie seine Arbeiten nicht erfordern, zu unterhalten. Wer eigne Arbeitsleute und Pferde hält, muß sie wenigstens an den heiligen Tagen unterhalten, ohne Vortheil von ihrer Thätigkeit zu haben. Diese Last hat ein Dienstherr nicht. Er kann seine Güter noch einmal so hoch verpachten, als wenn sie mit eigenen Gespannen bearbeitet werden müßten. Er steht nicht das geringste Risico, das er für eigne Arbeitsleute und Pferde zu tragen hätte. Auf seiner Seite ist aller Gewinn und auf der Seite der Dienstpflichtigen ist aller Schaden. Er kann seiner Dienste wegen manche große Unternehmung für die Oekonomie wagen, die er ohne sie nicht wagen würde, er kann wüste Felder urbar machen, Deiche zu Wiesen oder Weiden ausfüllen, manchen guten Handel treiben. [...]

III.

Die Frohndienstbarkeit ist also in Absicht des Dienstpflichtigen zwar nicht unbillig, aber doch lastbar und höchst nachtheilig. Sie hindert ihn, sich in den Wohlstand zu versetzen, in welchen er sich nach seinen Umständen versetzen könnte, reicher, nützlicher, fleißiger zu werden. In den Gliedern des Staats schadet sie dem Staate selbst. Es ist hier die Stelle wo gezeigt werden muß, was die Frohndienstbarkeit den Dienstpflichtigen kostet: aber freylich kann man wegen der unendlichen Mannigfaltigkeit der Umstände keinen allgemeinen zuverläßigen Anschlag davon machen. a) Nach dem hergebrachten Dienstgelde darf man nicht rechnen. Das wurde zu einer Zeit gewöhnlich, da der Rocken 2 bis 3 höchstens 4 gr. kostete und der Werth der übrigen Bedürfnisse damit im Verhältnisse stand. Wenn man den Rocken für jene Zeit zu 4 gr. und für jetzt zu 18 gr. an¬nimmt, so müßte das Spanndienstgeld da, wo es zu 7 gr. steht, eigentlich zu 31 gr. 4 pf. und das Handdienstgeld statt 1 gr. 4 pf. zu 5 gr. 2 pf. stehen. Das würde für einen Vollmeyer, der wöchentlich 2 Spanntage und 2 Handtage und jährlich 7 Erntetage zu thun hätte, alle Jahr 104 Rthl. 15 3/4 gr. betragen. b.) Man hat anderswo die Unkosten die der Dienst einem solchen Meyer verursacht, auf 270 Rthl. angeschlagen, aber diese Rechnung ist unstreitig zu groß. c.) Da die Unterhaltung eines vollen Gespannes mit allem Zubehör und Risico in Niedersachsen auf dem Lande nicht über 300 Rthl. kommt, so möchte sie für ein ordinaires Dienstspann höchstens nur auf 250 Rthl. und für einen Menschen zum Handdienste 60 [Rthl.] = 310 Rthl. kommen.

Es beschäfftigt aber die Frohndienstbarkeit einen solchen Vollmeyer etwa den dritten Theil des Jahrs, folglich würde sie ihm 310:3 = 103 1/3 Rthl. kosten. Dagegen müßte man aber freylich erwägen, daß ihm beydes, das Gespann und der Handdienstmann, die übrige Zeit des Jahrs aus Mangel an Gelegenheit zu Verdienste oder wegen der schlechten Witterung ihre Unkosten auch nicht aufbringen könnten, und dadurch das Dienstgeld um ein beträchtliches aufschlüge. Aus allen diesen dreyen Anschlägen läßt sich nunmehr doch das folgern, daß ein solcher Vollmeyer die Unkosten seiner Dienstbarkeit, nicht geringer als 100 Rthl. rechnen kann, im Falle er auch mit noch zween andern zusammen Pferde und Menschen besonders auf den Dienst halten wollte, welches sich jedoch wegen vieler Umstände nicht thun läßt. Da sich aber jeder für sich entweder einige Pferde, Geschirre und Menschen zum Dienste halten oder soviel von seiner eignen Arbeit abbrechen muß, als er beym Dienste verrichtet: so sieht man, daß er dadurch mehr baare Ausgabe oder Schaden am eignen Ackerbau haben müsse. Am meisten trifft das die geringern Meyer und die halben Meyer. Einige leiden hingegen auch nicht viel, zumal wenn sie es so einrichten können, daß sie sich des Dienstes wegen weder mehrere Pferde noch Menschen zu halten brauchen. Noch giebt es Gegenden, wo die Frohndienstbarkeit unerhörte zufällige Unkosten verursacht. Das sind besonders diejenigen, in welchen den Menschen nach der Observanz so viel an Speise mit in den Dienst gegeben werden muß, daß drey andere davon unterhalten werden könnten, diejenigen in welchen die Dienstpflichtigen fern von den Diensthöfen wohnen, diejenigen wo die Wege sehr schlecht sind u.d.g.

IV.

So hoch aber auch die Frohndienstbarkeit dem Dienstmanne kom¬men mag, so kann doch der Dienstherr den Vortheil, den er davon hat, nicht eben so hoch anschlagen. Denn da der Dienstmann mehr nach der Zeit die er im Dienste zu seyn schuldig ist, als nach der Arbeit, die geschieht, rechnen muß, der Dienstherr aber umgekehrt nach der Arbeit und nicht nach der Zeit rechnet: und schon oben gezeigt worden ist, daß man diese Arbeit gegen solche, die man durch eigne Leute oder für Geld verrichten läßt, nur auf die Hälfte oder höchstens auf drey Viertheile anschlagen kann: so folgt, daß der Dienstherr aus diesem Grunde 50 oder wenigstens 25 von Hundert auf den Aufwand des Dienstmannes zurück zu rechnen hat. Und denn geschieht ihm auch durch Dienste manche Arbeit viel schlechter als sie ihm auf die andre Art geschehen würde. Endlich da er für die Tage die er nicht abdienen lassen kann, der Observanz zufolge nur ein geringes Dienstgeld nehmen darf: so muß er den Schaden, den er daher leidet, von dem anderweitigen Vortheile wieder abrechnen. [...]

V.

Ich nähere mich nunmehr der Auflösung der Frage. Sie wird beym ersten Anblicke Niemanden schwer scheinen. Alle werden sagen, schaffet die Frohndienstbarkeit auf solche Bedingungen ab, daß der Dienstherr nicht dabey leide und der Dienstmann den ganzen unnützen Aufwand, den sie ihm bisher gekostet, gewinne. Der Dienstherr rechne aus was ihm der Naturaldienst bishero würklich werth gewesen, und fordere dem Dienstmanne so viel dafür ab. Wenn er ihm nach dem zum Grunde gelegten Beyspiele 50 Rthl. werth gewesen ist (ich hoffe aber, er wird ihn in diesem Beyspiele auf das höchste nur auf 40 Rthl. rechnen können) so wird der Dienstmann dem dieser Naturaldienst 100 Rthl. Aufwand verursachte, 50 Rthl. gewinnen. Dieser Preis müßte freylich für jedes Amt, für jeden Diensthof besonders und mit Erwägung aller möglichen Nebenumstände aus-gemittelt werden. Das würde auch gewiß die allerbilligste Auskunft seyn: Niemand soll verlieren und der Dienstpflichtige den Aufwand, der keinem zu gute gekommen ist, gewinnen.

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