1792

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Die ökonomische Situation der Höfe, Halbmeierhof 1, Jetenburg 1792

Aussagen über die ökonomische Situation der Bauernhöfe sind nicht einfach zu treffen. Eine umfangreiche Spezialforschung hat sich in den letzten Jahren dieser Frage immer wieder angenommen. Für Niedersachsen ist auf die Arbeiten von Walter Achilles besonders hinzuweisen.[1] Der folgende Beleg stammt aus einer Untersuchung über die Situation eines geäußerten Hofes in Jetenburg (heute Ortsteil von Bückeburg).

Von besonderer Bedeutung für das Verständnis der folgenden Akten ist ein spezielles Entschuldungsverfahren, die „Äußerung“, welche in der zwangsweisen Verpachtung von Land und Hof über einen Zeitraum von 6, 12 oder ein Mehrfaches von 6 Jahren bestand. Der Hofinhaber lebte in dieser Zeit auf der „Leibzucht“, d.h. er lebte von den Ressourcen des Hofes (Wohnraum, Land, sonstige Ausstattung), die normalerweise ihm erst zustanden, wenn er den Hof an den Anerben abgegeben hatte.[2]

1792, Juni 14., Bericht Kammerrat Reiche über die feudalen Verpflichtungen des Hofes Nr. 1 in Jetenburg (Auszug)

1792, Juni 14., Bericht Kammerrat Reiche über die feudalen Verpflichtungen des Hofes Nr. 1 in Jetenburg (Auszug)

Dieser Bericht bezieht sich auf die Verhältnisse vor 1747, als der Hof an den damaligen Präsidenten von Lehenner verschenkt worden war.

„1. Die Landesherrschaft hatte

a) das Recht, den Hof mit eigenbehörigen Leuten zu besetzen. Hieraus folget

- das Recht, von den Besitzern des Hofes naturale Dienste zu fordern.

Diese wurden größten Theils an das herrschaftliche Domänengut Maschvorwerk geleistet und waren überhaupt folgende:

1) Spanndienste 104 2) Eggetage 2 3) Spannburgfesten 12 4) Handdienste 52 5) Erntetage 7 6) Weihnachsfuhren 7) Commandantenfuhren

- Das Recht, Abgaben, welche aus Leibeigenschaft entspringen, zu fordern:

1) Malschweingeld, 2) Michaelis-Schatz, 3) ein Rauchhuhn, 4) Sterbfall.

- Das Recht, daß der Hof nach dem Abgange des Besitzers ohne Kinder und Geschwister, vermöge Leibeigenthums der Landesherrschaft anheim fiel, und alsdann verkauft und wieder besetzt werden könne.

Ferner b) vermöge der Landeshoheit stand der Landesherrschaft das Recht zu, von den Besitzern, wie den übrigen Unterthanen ordinäre und extraordinäre Dienste und Abgaben zu fordern, nämlich 1.) Landfolgen, 2.) Jagden, 3.) Waldarbeit, 4.) Wachten, 5.) Einquartierung, 6.) Bergwar, 7.) Rottzins, 8.) Zehnten, 9.) Contribution, 10.) Kuhschatz.

Woneben c) der Hof zu den gemeinen Dorfs-Lasten und zu den Abgaben der Kirche und Schule und an dieh Gohe concurrieren mußte.

2.) Die von Münchhausen zu Rinteln erhielten vom Hof

a) an Zinskorn 20 Himten Roggen 20 Himten Gerste 24 Himten Hafer

b) 6 Hüner,

c) 2 Mgr. Hofzins.“


1794, Januar 4., Ertragsanschlag des geäußerten Meierhofes in Jetenburg Nr. 1, Amt Bückeburg.

„Überschlag.

Ob? und wie viel? wird ein genauer Haushälter, wenn er zuvor die Ländereyen in gehörig ergiebiegen Zustand gesetzt, und eine nur mittelmäßig zahlreiche Familie von etlichen Kindern hat, nach Abzug der notwendigen Haushaltskosten und anderen unentbehrlichen Lebensbedürfnissen unter natureller Ableistung der Wochen- auch sonstigen Nebendiensten, im Durchschnitt mehrerer Jahre alljährlich zur Belohnung seiner und seiner Familien Arbeit auf dem Meierhof Nr. 1 zu Jetenburg erübrigen kann.

Es gehören zu diesem kaum mittelmäßigen Meierhof inhalts der Amts-Meßregister nur:

a) Wiesenwachs 2 ½ Morg. 9 Ruth.

b) Hudeland, die Kreuzbreite 9 – Morg. 19 ½ Ruth.

c) Gartenland 2 ¼ “ 22 “

d) Saatland 60 ¼ “ 2 ½ “

a) und b) ist nicht hinreichlich zur Ausfütterung des Viehs. Ebensowenig kann von c) ein zeitiger colonus etwas zum Verkauf erübrigen, sondern es wird dasjenige, was an Gemüsen und weniger Morgens- und Abends-Viehfütterung darinnen kann gezogen werden, in der Haushaltung aufgezehrt.

Dasjenige, was er dagegen nur aus dem Vieh jährlich lösen kann, besteht höchstens in dem Verkauf einer Kuh und eines Paars kleiner Schweine, wovon der Werth unten wird zum Anschlag mit gebracht werden. Er muß auch an Fleisch in natura einen Schinken an die Oberpfarre und eine Schulter an den Küster jährlich geben.

Die zu 61 Morgen aufzunehmende Saatländereyen muß er nach Local-Gebrauch so verteilen, daß jährlich

1) In reiner Braach 6 Morgen

2) in Rübensaatsbrache 3 “

3) in Wicken- und Bohnensaat 10 “

4) in Roggensaat 19 “

5) in Weizensaat 6 “

6) in Gerstensaat 6 “

7) in saare Gersten- und Mengelkorn und Habersaat 9 “

8) in Flachssaat für seine Familie seine gewisse Tagelöhner 2 “

Summa 61 “

fallen.

ad 1.) nichts ausgesäet.

2.) der oft ohnehin in saarem Land kaum Mühe und Arbeit verlohnende Ausfall von Rübensaat in der Haushaltung aufgebrennt und aufgezehrt, auch überdies an der hierauf wieder ergiebig ausfallenden Roggenernte wieder eingebüßt.

3.) Von der Wicken- und Bohnen Ernte außer der Unterhaltung des Viehs, höchstens nur die künftigjährige Aussaat und etwa die Schweinebohnen Mast mit 2 Malter erübrigt und aus der Flachsaussaat bei einem solchen Meierbauer, außer dem Linnen, was er mit seiner Familie in der Haushaltung jährlich aufreißt, und er bei seinen fremden Arbeitsgehülfen an barem sonst auszugebenden Tagelohn einspart, nichts gewonnen wird, so kann von den Arten dieser Ländereyen nichts, was nach Abzug des Haushaltsbedürfnisses einen zeitigen Colonus davon zu gute kommen, angerechnet werden.

4.) Von den 19 Morgen Roggen muß er dem Großknecht 1 Morgen statt des Winterlohns erndten lassen. Auf den übrigen 18 Morgen kann er, wenn der Zehnte in natura gezogen wird, und das jetzt durchs Aussaaren und Nichtbracken zu leicht werdende Land vorher in gehörige Geile und Ordnung gebracht ist, im Durchschnitt der Jahre und der verschiedenen Ausstellung der Roggenfelder in der Jetenburger Feldmark jährlich von jedem Morgen 3 Malter ernten, beträgt von 18 Morgen = 54 Malter.

Hiervon gehen ab:

an v. Münchhausen Zinskorn 20 Himten an die Oberpfarre 3 Brode 1 Himten an den Küster 1 Himten Schweinehirte 3 ½ Himten zum Brotkorn wenigstens 132 Himten Es gibt Vollmeier-Haushaltungen, die jährlich 30 Malter verbrauchen. Zur künftigjährigen Einsaat 38 Himten

195 ½ Himten = 32 Malter 3 ½ Himten

Bleibt Vorrath zum Verkauf = 21 Malter 2 ½ Himten

ad 5.) von 6 Morgen Weizen können unter den von Nr. 4 hierher zu wiederholenden Voraussetzungen von jedem Morgen geerndtet werden

13 Himten bringt 15 Malter

davon gehen ab in die Haushaltung 8 Himten zur künftigjährigen Aussaat 9 Himten

17 Himten 2 Malter 5 Himten

Bleibt Vorrath zum Verkauf 12 Malter 1 Himten

6.) Auf jeden der 6 Morg. geile Gerste, wovon er den Großknecht statt des Sommerlohns 1 Morg. und dem Kleinknecht statt des Jahrlohns excl. 3 Rtlr. Gelds ebenfalls 1 Morgen abgeben muß, können unter ebenmäßigen Voraussetzungen jährlich 3 Malt. geerndtet werden, folgl. auf 4 Morgen 12 Malter.

Es gehen ab

für Schweinehorten 3 ½ Himten zur Schweinegerste, Mastung, Grütze, Fütterung der Gänse wenigstens 18 Himten zur künftigjährigen Aussaat 12 Himten Summe 33 ½ Himten 5 Malter 3 ½ Himten

Bleibt Vorrath zum Verkauf 6 Malter 2 ½ Himten


7.) Wenn ein zeitiger Hauswirth von diesen 9 Morgen Sommerkorn an von Münchhausen

20 Himten ZinsGerste denselben 24 Himten Zinshaber den Cantor 1 Himten dergleichen den Gohgräve 1 Himten dergleichen

und die künftigjährige Einsaat zu 9 Morgen abnimmt und seine Pferde in dienstbarem Stand erhalten will, so muß er alles, was übrigens noch im Stroh bleibt, zu der ad 3. angeführten Wicken- und Bohnenfütterung für die Pferde verschneiden.

Bei ziemlich hohen Fruchtpreisen kann er

A) Aus den Verkaufs-Vorräten lösen

aus ad 4. 21 Mltr. 2 ½ Himt. Roggen á 27 Gr. 95 Rtlr. 13 Gr. 4 Pf.

aus ad 5. 12 Mltr. 1 Himt. Weizen á 1 Rtlr. 73 Rtlr.

aus ad. 6. 6 Mltr. 2 ½ Himt. Gerste á 20 Gr. 21 Rtlr. 14 Gr.

B) Aus dem Verkauf einer Kuh á 12 Rtlr. und eines Paar Schweine á 5 Rtlr. 17 Rtlr.

Es kann also nach Abzug der Consumtion seiner eigenen Haushaltung ein zeitiger Colonus aus dem zum Verkauf übrig bleibenden Einkünften des Hofs jährlich lösen in

Summa 206 Rtlr. 27 Gr. 4 Pf.

Hiervon muß er jährlich betreiben

Rtlr. Gr. Pf.

I. An Abgaben

6 Zinshühner á 3 Gr - 18 - Hofzins - 2 - ordinäre Contribution 10 7 4 1 Rauchhuhn - 3 - Malschweingeld 2 18 - Michaelisschatz 2 8 - Bergwaar3 1 - - Rottzins - 30 7 agio - 1 5 Kuhschatz 2 - - Zuschuß auf 7 Himten Lohn an den Schweinehirten - 21 - Wächtergeld - 6 - Extraordinäre Kontribution und Kriegssteuer 5 3 6 Brandsteuer 1 - -

II. Zur Unterhaltung

a) des nothdürftigsten Inventarii muß er unter Beobachtung der genauesten Sparsamkeit im Durch­- schnitt anwenden

für Wagen- und Pferdebeschlag 18 - - - Sattlerarbeit 1 - - - Rademacherarbeit, da der Colonus … keine eigene Holzung hat 12 - -

b) der Gebäude wenigstens jährl. 10 - - ohne daß dabei auf den Fall dermaleinsten ein oder das andere Gebäude ganz neu aufführen zu müssen, etwas mitgerechnet worden.

III. An jährlichen Ackerwirtschaftsausgaben allerwenigstens

dem Kleinknecht neben 1 Morgen Gerste an Lohn 3 - - Dienstjungenlohn 8 - - Schuhgeld an dieselben 2 24 - An Groß- und Kleinmagdlohn 14 - - Wagenschmiere 5 - - Salz 3 - - Branntwein und Bier in der Ernte, beim Erde- fahren allerwenigstens 10 - - Linnenweberlohn 5 - - Holz 10 - - An Heu muß er zu dem, was ihm zuwächst, zum allermindesten noch kaufen 10 - -

IV. Die Zinsen von dem im Inventario steckenden Capital

betragen, wenn man solches á 7 Pferde, 6 Kühe, 3 Rinder, 3 Kälber, 7 Schweine, Einsaat und Geile, ingl. 3 Wagen, 3 Pflüge, 6 Eggen, etliche Kessel, nur sehr mittelmäßig zu 600 Rtlr. anschlägt 24 - - Summe 162 17 6 Diese Summe von dem Einkommen herabgezogen 206 27 4 bleibt Überschuß an reinen Ertrag 44 9 6 welche á 4 Procent den Kapitalwerth des Hofes zu 1.100 Rtlr. bestimmen würden.

Da aber ein zeitiger Colonus für seine und der Seinigen Arbeit hierbei nun erst seine Mundportion und folglich noch nicht einmal zur Bestreitung anderer Lebensbedürfnisse dasjenige gewonnen hat, was doch jedem fleißigen, anderen Arbeiter, er sei Professionist, oder auch nur einliegender Tagelöhner, seine Mühe und Arbeit einbringen muß, so ist es billig, dem reinen Ertrag noch folgende kaum zur Nothdurft gerechnete jährliche Ausgaben abzusetzen, als

für Schuhe für sich und seine mitarbeitende Familie 7 - - Schneiderlohn 3 - - Waare zu Kleidungsstücken 10 - - Färberlohn, Seife, Schulgeld, Krankheit, Hochzeiten Wochenbett, Begräbnis, Böttger Arbeit, irden Geschirr allerwenigstens 25 - - darunter kleine Ausgaben z.B. die jährl. 25 Pfd. Trahn erfordernde Schuhschmiere in einer Meierhaushaltung im Ganzen viel ausmacht Summe 45 - -

Es ist also der Ertrag dieses geringen und daneben sehr onerierten Meierhofes kaum dazu hinreichlich, daß ein zeitiger Colons für sich und seine Familie mit möglichster Einschränkung nur diejenige Bedürfnisse davon genießt, ohne welche sein Dasein zum Zweck der Dienstleistung und gutsherrlilchen Prästation nicht bestehen kann.

Zur Wiederholung, daß die Verkaufs-Vorräthe äußerst hoch und dagegen die Ausgaben möglichst gering angeschlagen sind, ist noch hierher anzuführen, daß nur selten sogar von Halbspännern, die gleich begütert sind, ein solcher Vorrat von 3 Fudern Korn und drüber zum Verkauf erübrigt und etwa nur ein Jahr um das andre eine Kuh zum Verkauf angezogen wurde.

Ingleichen, daß wenn ein Colonus nur einige Bequemlichkeit mit anderen Vollspännern gemein haben wolle, er auch noch jährlich einen so genannten Lütjungen mit 5 Rtlr. lohnen und nach dem zeugnis anderer Jetenburger Ackerständigen zur Unterhaltung seines Viehes in dienstfähigem Stande nicht – angesetztermaßen für 10 Rtlr. – sondern für 20 Rtlr. Heu von andern hinzukaufen müßte, auch daß der Mangel an Weide bei diesem Hofe die Zuzucht alles Viehs so erschwere, daß ein colonus ein Fohlen für baares Geld zuweilen zu kaufen nicht entübrigt bleiben könne. Siehet man außer den veranschlagten Bedürfnissen auch noch auf diejenigen Obliegenheiten, die ein zeitiger Colonus obschon nur nach dem Maß der Policey-Ordnung seinen Kindern beim Heiratsfalle leisten muß und auf den Fall der Möglichkeit, daß ein Colonus durch allerhand widrige Schicksale den Hof mit einigen zutragenden Kapitalien zu belästigen in die Nothwendigkeit geraten kann, so bestätigt sich hierdurch dasjenige, was noch in ganzem von einem solchen mit ppter. allein 12 Maltr Zinsfrucht onerierten Kleinen Meierhof, der in allem 5 Morgen mehr wie der Jetenburger erste Halbmeierhof hält, anzuführen ist, daß nämlich solcher praestitis praestandis nicht einmal seinen Bebauer ernähren, sondern dieser noch von auswärtigem Verdienst e.g. durch Pachten einiger fremden Ländereyen sich und die Seinigen ein ordentliches Auskommen zu verschaffen suchen müßte.“

Belege

  1. Achilles, Walter: Die Lage der hannoverschen Landbevölkerung im späten 18. Jahrhundert. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 34, 9). Hildesheim 1982.
  2. Karl H. Schneider: Äußerungswesen und bäuerliche Wirtschaft in Schaumburg-Lippe 1700-1800. In: Schaumburg-Lippische Mitteilungen 25/1982. S. 55-84.



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