1811,11.2.

Aus LernWerkstatt Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche

1811,11.2.: „Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes der Production, der Gewerbe und des Handels im Canton Rinteln.“ Darstellung durch den Cantons Maire Rinteln an den Unter-Präfekten des Distr. Rinteln. Ohne Datum, nach Aufforderung v. 5.12.1810.

STADTARCHIV RINTELN XIX A Nr. 16

„I. Ueberhaupt.

Der Grund und Boden ist teils kleiartig, teils Leimboden, teils steinigt. In den communen Rinteln, Möllenbeck, Hessendorf, Exten, Hohenrode, Rumbeck, Heslingen und Fuhlen fast durchgängig von guter Beschaffenheit und ersterer Qualitaet, so daß man im Durchschnitt auf das 7te Korn würde rechnen können, wenn nicht die fast jährlichen Überschwemmungen des Weserstrohms den gehofften Ertrage verminderten, und daher manche mit Winterfrucht bestellte Boden wieder umgebrochen und mit Sommerfrucht bestellt werden müssen. In den übrigen communen ist durchgängig bergigtes steinigtes Land, welches die Arbeit der cultivateurs nicht belohnt, und im Durchschnitt nur drei Körne aufbringt, weshalb man im ganzen canton den jährlichen Ertrag nur zu fünf Körner berechnen kann.

Die Einwohner cultivieren die Ländereien mit Fleiß, der Arbeitslohn beträgt für Tagelöhner täglich acht bis neun Mariengroschen und der gewöhnliche Zinsen Fuß fünf pro cent.

2. (!) Insbesondere

A Urproduction

I. überhaupt

Unbebautes Land ist im Canton fast gar nicht vorhanden, vielmehr seit mehreren Jahren durch häufige Ausweisungen aus den herrschaftlichen Waldungen und gemeinen Huden ein beträchtlicher Flächenraum urbar gemacht.

II. insbesondere

1) Landwirtschaft

a) überhaupt

Die Landwirtschaft wird im Ganzen von den cultivateurs mit allem Fleiße betrieben und hat sich seit zehn Jahren sehr gehoben. Da die benachbarten Provinzen im gleichen Verhältniß fortgeschritten sind, so finden gegen sie keine besonderen Vorzüge statt, den einzigen ausgenommen daß die Äcker durch Erdefahren mehr wie im benachbarten Lippischen und dem Waldeckischen verbessert sind. Die Bestellungsart geschieht so, daß alle sechs Jahre der Acker gebracht und gedüngt, und innerhalb dieses Zeitraumes noch einmal (im vierten Jahr) gedüngt wird. Weizzen, Rocken, Wicken, Gerste, Hafer sind in fünf Productionsjahren die gewöhnlichen in der Bestellung sich folgenden Fruchtgattungen. Indessen wird auch sehr häufig statt des durchgängig nicht ergiebigen Weizzens zwei Jahre nacheinander der Acker mit Rocken und nach der Wickensaat ebenfalls mit Rocken und sodann mit Gerste bestellt. Wo guter Boden ist, wird die Braach auch wohl mit Rübesaat oder Gartengewächsen bestellt. Stallfütterung ist in hiesigen Orten nicht eingeführt.

b) insbesondere aa) Feldbau

a) Getreide und sonstige zur menschlichen Nahrung dienende Pflanzen:

a) überhaupt: Der Canton zieht nicht nur seinen Bedarf selbst, sonders es kann auch in der Regel der Vierte Teil ausgeführt werden.

b) insbesondere a) Weizzen, das jährliche Erzeugniß kann nicht genau bestimmt werden, weil wie schon erwähnt, der Weserstrohm öfters veranlaßt, daß die [mit] Winterfrucht bestellten Aecker umgebrochen und mit Sommerkorn bestellt werden müssen. Ein Scheffel Aussaat lieferte in manchen Gegenden sieben Scheffel, in manchen auch nur drei bis vier Scheffel Ertrage.

b) Rocken, desgleich.

c) Gerste, desgleichen. d) Hafer, desgleichen.

e) Kartoffel, ein Scheffel Aussaat liefert gewöhnlich zehn Scheffel Ertrag, der Cartoffelbau wird im Canton stark betrieben.

f) Manufakturpflanzen

1) überhaupt: Manufacturpflanzen werden außer Flachs, Rübesaat und Runkelrüben im Canton nicht gezogen. Wenn auch der Boden den Anbau gestattet, so würde solcher doch nicht vorteilhaft sein, weil die gewöhnlichen Fruchtarten einen einträglichen Gewinn liefern.

2) insbesondere: a) Tabak, b) Krapp, werden im Canton nicht gebaut. c) Waid, d) Hopfen, e) Flachs. Der Flachsbau wird im Canton in der Art betrieben, als das Bedürfniß jedes Landhaushalts den Anbau nothwendig macht, und zur Verfertigung des zu einem Teil des Leggeleinens erforderlichen Garns.

f) Hanf wird nicht gebaut.

g) Rübesaat wird auf großen conductionen zum Verkauf gebauet; die Landleute erzeugen blos die zu ihrem Bedarf erforderliche Quantität, und haben dann bei einer guten Ernte wohl einige Malter zum Verkauf übrig. Unter die conductionen oder größeren Güter im Canton gehören die Conduction Möllenbeck und des von Wardenbergsche Gut in Exten.

h) Mohn wird im großen nicht gebaut.

i) Runkelrüben werden ebenfalls in großen Quantitaeten nicht gezogen, sondern blos als Fütterung für das Vieh. Andere ähnliche Zuckerstoffartige Pflanzen werden nicht gezogen.

k) Zichorien wird fast gar nicht gebaut.

bb) Gartenbau: unter den Gartengewächsen werden vorzüglich weisse Rüben und hoher brauner Kohl als Fütterung für das Rindvieh gezogen. Obstzucht wird im großen nicht betrieben.

cc) Wiesenbau: die am Weserstrohm belegenen Wiesen sind von guter Qualitaet und zweischürig und liefert bei einer guten Heuerndte das Schaumburgsche Morgen zwölf Centner Heu. Der größere Teil der Wiesen liefert aber saures Gras, das blos als Pferdefutter benuzt werden kann. Durch Abzugsgräben, Duxen und Umbrechen sind solche größtentheils sehr verbessert. Der Grund und Boden ist aber überall nicht dazu geeignet und in verschiedenen Gegenden sumpfig und nicht abhängig genug um das Wasser abzuleiten, wozu dann auch der jährlich austretende Weserstrohm das seinige beiträgt. Künstliche Wiesen sind nicht vorhanden.

Was den Anbau der Futterkräuter betrifft, so wird vorzüglich und fast durchgängig der gewöhnliche spanische Klee, als das dem local angemessenste und ergiebigste Futterkraut gebauet. Mit dem Anbau von Lucerne sind verschiedene Versuche gemacht. Da aber im Thale das Austreten des Weserstrohmes solchem nicht günstig, und das Bergland nicht von der dazu erforderlichen guten Qualitaet ist, so wird solche gar nicht mehr gebauet.

dd) Viehzucht.

1) überhaupt: Die Viehzucht ist in sehr gutem Zustande, indem vorzüglich gute Weiden der Rindviehzucht günstig sind. Man hat vor [=von] Hauptkrankheiten des Viehes nur seltene Beispiele.

2) insbesondere:

a) Rindviehzucht: diese ist in vorzüglich gutem Stande, besonders auf der conduction Möllenbeck und dem Gute Exten, wo man durch preußische Ochsen, das einheimische Vieh zu veredeln gesucht hat.

b) Pferdezucht: Eine eigentliche Pferdezucht gibt es im Canton nicht. Diejenigen, welche Pferde halten, kaufen gewöhnlich die Füllen auf benachbarten großen Viehmärkten.

c) Schafzucht: Die Schäfereien in Exten sind nicht beträchtlich. Auf der conduction Möllenbeck werden ohngefähr 400 Stück, auf dem Gute Exten 400 Stück, auf der Stadtschäferei Rinteln 400 Stück und in den Dorfschäfereien überhaupt 1200 bis 1400 Schafe gehalten, indem es an hinlänglichen und gesunden Huten fehlt. Das jährliche Erzeugnis der Wolle kann man nur auf 50 bis 55 Centner in Anschlag bringen.

d) Die Schweinezucht wird größtenteils blos zu eigener Consumtion betrieben, weil es an hinreichenden Huten fehlt.

e) Bienenzucht: Die Bienenzucht ist im Canton unbedeutend, und erträgt überhaupt nur 120 bis 130 Stand Immen, indem es an hinlänglicher Nahrung fehlt. Dieselbe kann daher nicht wohl erweitert werden, wenn auch zur Aufmunterung des Bienenhaltens allen Falls Prämien vom Staat ausgeszt würden. Das jährliche Erzeugnis an Honig und Wachs läßt sich daher nicht genau bestimmen. Im Durchschnitt rechnet man auf einen Stock der getödtet wird 20 Pfd. Honig und 3/4 Pfd. Wachs.

2) Fischerei.

Der Weserstrohm und der Exterfluß sind sehr fischreich. Ersterer liefert Hechte, Barsche, Karpfen, Aale, Brassen, Schleien, Schollen, Barben, R/Keilinge und Weißfische, letzterer Forellen, Gründeln, Grimpen und Krebse. Die Fischerei im Weserstrohm ist von Landesherrschafts wegen verpachtet, die im Exterfluß ist teils herrschaftlich, teils gehört sie privativ, und ist ebenfalls verpachtet. Der Ertrag kann nicht angegeben werden.

3) Bergwerke sind im Lande nicht vorhanden.1

4) Holzzucht. Die Waldungen sind zum Theil herrschaftlich, zum Teil Interessenten oder sogenannte Gemeindewaldungen. Ihre Cultur ist sehr vernachlässigt.

B) Industrielle Production

1. Überhaupt: Die Hauptzweige der industriellen production sind: Branntwein, Flachs, Garn-Leinen, Grand??, Wolle.

II. Insbesondere:

a) aus dem Pflanzenreiche:

1) Leinwand ist das stärkste und einträglichste Fabricat, wenn Handel und Wandel eine ungehinderte Circulation hat, weil der größte Teil des Materials im Canton gewonnen und verarbeitet wird. Ueber 250 Webestühle und mehr als dreimal so viel Arbeiter wurden vor einigen Jahren beschäftigt und der Werth des jährlichen Products ertrug in guten Jahren an 150000 Thlaer, kann aber jezt nicht auf den vierten Teil angeschlagen werden, weil viele Weber ihre Arbeit aus Mangel an Absaz aufgeben müssen, und vorzüglich die Commune Goldbeck durch das Sinken dieses ihres einzigen Nahrungszweigs ganz zurückgekommen ist.

2) Baumwolle wird im Land im Canton nicht fabricirt.

3) Papier; es ist nur eine Papiermühle vorhanden, der Eigenthümer aber in schlechten Vermögensumständen.

4) Bier: wird in der Stadt Rinteln und auf dem platten Lande dermalen bei dem Mangel des Absazzes der Früchte, mehr wie sonst und als ein guter Nahrungszweig gebraut und respective betrieben.

5) Branntwein: im canton sind nur vier Brennereien, worunter sich vorzüglich die von Wardenbergsche in Exten auszeichnet.

6) Essig: es ist nur eine Bieressigbrauerei im Canton von geringer Bedeutung. Der meiste Essig wird aus Carlshaven bezogen.

7) Oel. Größere Oelmühlen sind im Canton nicht: die geringen, welche durch Pferde größtenteils getrieben werden, dienen nur dazu, das Oel für Privatpersonen zu bereiten.

8) Zichorien wird im großen nicht gebaut noch weniger fabricirt.

9) Tabak wird nicht gebauet. Einige Tabaksfabricanten befinden sich im Canton, welche das Material auswärts beziehen, aber das Geschäft im Großen nicht betreiben.

10) Zuckerraffinerien sind im Canton nicht.

11) Stärke und Puder werden im Canton nicht fabricirt, weil der Preis des Weizzens zu hoch steht, um mit den Halleschen Fabriken die Concurrenz auszuhalten.

12) Krep, Maid und andere Färbematerialien werden im Canton nicht gezogen noch fabricirt.

13) Potasche wird wegen des gesteigerten Holzpreises nicht fabricirt.

14) Flachs und Garn werden wie schon bemerkt, zu der Leinwandfabrication verbraucht.

b) aus dem Thierreiche.

1) Wolle ist eines der vorzüglichsten Producte, wird aber nicht fabricirt, sondern roh versendet.

2) Leder, wird nur von wenigen Lohgerbereien zum einländischen Verbrauch verarbeitet.

3) Seide, wird nicht fabricirt.

4) Talg: es sind nur einige Siedereien vorhanden, welche Lichter und Seife blos zum einländischen Gebrauch fabriciren.

5) Wachs wird nicht verarbeitet.

6) Haare, es sind nur einige Huthfabricanten in der Stadt Rinteln, welche aber das Gewerbe in kleinen betreiben.

7) Mettwürste und Schinken werden zum Teil auswärts versendet.

c) aus dem Mineralreiche. Hierüber ist nichts anzugeben, weil sich im canton keine Mineralquellen befinden.

C. Commercielle Production

I. Überhaupt.

Der gegenwärtige Handel leidet mit dem vormaligen keine Vergleichung, weil alle Bestandtheile desselben fast ausschließlich auf der Weser versendet wurden. Dieses wichtige Mittel, um Geld in das Land zu ziehen, liegt durch die Seesperre ganz danieder. Die Hauptzweige des activ Handels sind Früchte, Br? , Leggeleinen und Wolle. Außer der von der Natur verliehenen Begünstigung des Weserstrohmes fehlt es fast ganz an allen Anstalten zur Belebung des Handels, weil die vielfachen, von der vorherigen in Rinteln bestandenen Communaldeputation geschehenen Vorschläge zu dessen Beförderung von der vormaligen Landesregierung nur wenig berücksichtigt sind. Canäle, Schleusen, Messen, Bankinstitute etc. fehlen gänzlich, sind auch zum Theil wohl nicht anwendbar und entbehrlich. Jahrmärkte sind jährlich in Rinteln drei und Chausseen - ein so notwendiges Bedürfnis - sind zwar von der vorigen Regierung am jenseitigen Weserstrohm und von Rinteln aus bis an die Lippische Grenze angefangen, aber noch nicht vollendet. Höchst nötig wäre für den Canton, ja für den ganzen District ein besserer Weg nach Pirmont und Höxter, so wie nach Lemgo, Detmold und Paderborn. Die Anlegung fahrbarer Landstraßen auf diesen Routen würde für die ganze Gegend von unübersehbaren Vorteil seyn, da sie das Bergische, den nördlichen Theils Frankreichs und das südliche Deutschland mit den nördlichen Handelsstädten in Verbindung sezzen. Käme dazu eine bessere Aufsicht auf die Fahrbarhaltung des Bettes des Weserstromes - das bei trockenen Sommern oft monatelang unfahrbar ist - bessere Schiffspolicei, Vereinfachung der Zölle und die Abschaffung des drückenden Stapelrechts in Minden - besondes für das Getreide, eine massive Brücke über den Weserstrohm bei Rinteln, so würde der Handel dadurch außerordentlich gewinnen.

Ein sehr wesentliches Bedürfnis wäre auch eine bessere communication der Posten. Die Stadt Rinteln hat eigentlich nur eine einzige Post, welche von Frankfurt, Cassel nach Bremen und Hamburg geht. Alles, was auf dieser Tour liegt, steht mit dem Canton und District Rinteln in Verbindung. Alle Correspondenz nach Hannover, Hildesheim, Braunschweig etc. etwa ist mit großer Unbequemlichkeit verknüpft, indem nur alle acht Tage eine Furbote nach Hameln geht, und dadurch die Briefe zum Nachtheil der Empfänger sehr verspätet ankommen. An Versendung von Effecten in diesen Gegenden ist nicht anders zu denken, als auf der Post durch Umwege, oder bessere Fuhren mit großen Kosten-Aufwand. Daher wäre die Anlegung einer fahrenden Post von Rinteln nach Hameln sehr wünschenswerth.

II. Groper oder Eigenhandel

a) überhaupt: Dieser Handel wird mit Leggelinnen, Wolle und Getreide betrieben. Letzteres wird aber größtentheils, sowie der Branntwein, zunächst nach Minden verkauft, weil das dasige Stapelrecht den hiesigen Kaufleuten zu nachtheilig ist. Wolle würde ein einträglicher Gewerbszweig werden, wenn mehre Aufsicht und Strenge bei deren Reinigung und Einbindung obwaltete, auch das Gewicht in besseres Verhältnis mit dem der Nachbarn gesezt würde.

b) insbesondere

- inländischer Handel.

aa) überhaupt.

bb) insbesondere mit

1) Getränke, damit beschäftigt sich vorzüglich ein Kaufmann,

2) Wolle, damit beschäftigt sich ebenfalls ein Kaufmann,

3) Leinwand: wird von vier Kaufleuten im Canton betrieben,

4) Branntwein, wird von den Brennern unmittelbar versendet.

3) Auswärtiger Handel

aa) überhaupt: der auswärtige Handel wird vorzüglich mit der Stadt Bremen betrieben, wohin die einländischen Producte versendet, und die ausländischen bezogen werden.

bb) überhaupt:

aaa) Exporte, a) überhaupt, b) insbesondere:

1) Leinwand, 2) Wolle, 3) Getreide, 4) Branntwein: Ueber diese Gegenstände ist schon vorhin das Nötige bemerkt.

bbb) Importe: a) überhaupt, ß) insbesondere: 1) Zucker, 2) Caffee, 3) Leder, 4) Färbewaaren, 5) ?, 6) Thee.

Alle diese articel werden zunächst von Bremen aus bezogen.

6) Transito- und Speditionshandel: ist von gar keiner Bedeutung und kann wegen Unbefahrbarkeit der Landstraßen in das Lippische fast auch nicht in Aufnahme gebracht werden.

c) Commissionshandel, fand sonst bei guten Jahren bei Einkäufen an Leinwand, Getreide und Branntwein statt. d) Fuhr- oder Zwischenhandel: Hierher kann man das im Lippischen verfertigte Leinwand rechnen, welches von den Leinenhändlern im Canton angekauft, appretiert und nach Bremen verschickt wird; desgleichen die im Auslande angekauft Wolle.“

Zurück zu Quellen Schaumburg