1826 Glasmacher Bericht

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1826, 17.6.: Bericht des Kreisamtes Rinteln über die Glasmacher in Obernkirchen

STAB H2 III 7, 198.

„An Kurfürstliche Regierungs-Deputation allhier. erstattet das Kreisamt Schbg. wegen Gestattung des ferneren Aufenthalts ausländischer Glasmacherfamilien auf der Glasfabrik Schauenstein in Obernkirchen

gehorsamsten Bericht.

Die beiden Schwierigkeiten, welche sich der Vollziehung der Verordnung vom 29. Novbr. 1823 in Ansehung der Hinwegweisung zum Aufenthalt nicht berechtigter Personen entgegengesetzt haben, sind zwar nunmehr größtentheils überwunden, in Ansehung der verheiratheten Glasmacher bei der Fabrik in Obernkirchen haben sie sich aber schlechterdings nicht beseitigen lassen, ob ich gleich mich deshalb vielfältig mit dem Fabrikherrn berathen und dadurch und durch eigenes Zureden bei den Arbeitern auf Erbringung der gesetzlichen Vorschriften anstatt die Arbeiter hinwegzujagen zu wirken gesucht habe.

Dieses Völkchen hat nämlich in der Rücksicht viel Ähnlichkeit mit den Zigeunern, daß sie ihre Wohnungen bald hier bald da, wo eine Glasfabrik raucht, und Gelegenheit zum Verdienst ist, aufschlagen und selten ein anderes forum als das forum originis haben, dessen Ermittelung noch dazu nicht immer möglich ist, da einestheils der Producent eines Geburtsscheines nicht immer die Identität seiner Person nachzuweisen vermag, anderntheils der Geburtsort öfters eine, in einem Walde liegende Glashütte ist, welche einer bestimmten Gemeinde nicht einmal zugehört. Dabei sind die Glasmacher ungebildeter und roher als andere Leute ihrer Art und bei ihrem guten Verdienst ziemlich verwegen, so daß der Fabrikherr bei einer ungewöhnlichen - geschweige denn wirklich lästigen – Anforderung seine Noth mit ihnen hat und nur Gefahr läuft, daß sie seinen Dienst verlassen und dadurch seine Fabrik lahm legen. Zu der harten Arbeit der Glasmacher lassen sich nämlich nur die Kinder der Arbeiter an und nur nach einer langen, mühevollen, schon im siebten Jahre anfangende und vielleicht im zwanzigsten erst vollendeten Lehrzeit, wenn letztere gleich nach den Handwerksbräuchen in fünf Jahren vollendet sein soll - ist der Glasmacher zu allen Geschäften geschickt. Der Fabrikherr muß demnach seine Arbeiter auf alle Weise schonen, da er sie nur mit so großer Schwierigkeit anziehen kann, und andre Fabrikherrn mit offenen Armen geschickte Glasmacher aufnehmen, weil bei allgemeiner Gelegenheit zum Absatz der Nutzen des Fabrikherrn mit der Anzahl brauchbarer Arbeiter im Verhältnis zunimmt.

So wie nun in diesen Umständen nicht zu beseitigende Hindernisse liegen, die ausländischen Arbeiter neben Schonung des Flors der Fabrik zu vermögen, sich um die Bescheinigung ihrer Obrigkeiten, daß sie mit ihren Familien an ihrem Geburtsorte stets wieder aufgenommen werden sollen, zu bemühen, so zeigen auch jene Obrigkeiten, wohl wissend, daß der Glasmacher dennoch nicht leicht an seinen Geburtsort zurückkehrt, so lange er etwas mit seinem Gewerbe verdienen kann, überall Unwillfährigkeit, mit jenen Bescheinigungen den Bittstellern an Hand zu gehen.

Es dürfte daher eine Ausnahme vom Gesetz hinsichtlich der Glasmacher aus den Familien in Obernkirchen nothwendig seyn, wenn die Fabrik erhalten werden soll.

Eine Gefahr für die Stadt Obernkirchen und hiernächst für den Staat, sich eine Menge Arme aufzuladen, ist dabei meines Erachtens nicht vorhanden, denn die Glasmacherfamilien sind nicht arm, im Gegentheil gewöhnlich mit einem beträchtlichen baaren Capital versehen, was bei dem guten Verdienst, der sich bei einer tüchtigen Arbeiterfamilie jährlich auf 500 bis 600 rt. belaufen kann, nicht zu verwundern ist. Dabei sind sie von einem eheliebenden Handwerksgeist beseelt und würden es sich zur Schande rechnen, einen Bettler zu dulden, das auch nur selten vorkommen dürfte, da die Kinder beiderlei Geschlechts schon von frühen Jahren an ihr Brod verdienen können.

Sobald dagegen der Fabrikherr selbst verarmt und die Fabrik eingehet, so ziehen die Arbeiter mit ihren Familien – wie die Erfahrung in Obernkirchen bei der eingegangenen Stormschen Fabrik gelehrt hat – von dannen, ohne daß auch nur die geringste Last für die Stadt zu befürchten wäre.

Da nun die Glasfabrik in Obernkirchen - vielleicht die bedeutendste in den Kurstaaten - ein sehr ansehnliches Capital umsetzt und gerade der ärmeren Classe der Einwohner Gelegenheit zu einem vielfältigen Verdienst hauptsächlich ans Handwerks-, Fuhr- und Tagelohn pp giebt, mithin alle Beachtung und Unterstützung verdient, und der in seinen Vermögensumständen durch seine ungemeine Betriebsamkeit und die vortheilhafte Verbindung mit dem Kaufmann Heye in Bremen täglich zunehmende Fabrikeigenthümer Becker in dem anliegenden Gesuch sich zur Ernährung der Arbeiter und deren Familien - die er uneigentlich Dienstboten nennt - auf den Fall, daß sie verarmen sollten, verbindlich macht, so trage ich kein Bedenken, Kurfürstlicher Reg.-Dep. anheim zu geben:

eine Ausnahme von den Vorschriften der Verordnung vom 29. Novbr. 1823 und des Ministerial-Ausschreibens vom 20. Novbr. 1825 hinsichtlich des Aufenthalts und der Verheirathung ausländischer Glasarbeiter auf der Glasfabrik zu Obernkirchen unter der Bedingung zu erwirken, daß der Fabrikherr Becker einen förmlichen Revers über seine übernommene Verbindlichkeit, verarmte Arbeiter und deren Familien zu ernähren, so daß sie niemals der Stadt Obernkirchen zur Last fallen sollen, und daß diese Arbeiter sich sonst über ihre gute Aufführung gehörig ausweisen.

Mit größter Verehrung besteht

Kreisamt Rinteln

Rinteln, 17. Juny 1826.“

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