1831 1

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1831,26.9., Schöttelndreyer, Regulierung bäuerlicher Lasten betreffend

STAB L 11 I, Nr. 1.


Vorbemerkung

Die Geschichte der Agrarreformen des 19. Jahrhunderts, besonders der Aufhebung feudaler Pflichten und Leistungen im Rahmen der sogenannten Bauernbefreiung ist meist eine Geschichte "von oben". Sie wird dargestellt aus der Perspektive der Verwaltung und bürgerlicher Politiker und Publizisten. Zuweilen meldeten sich aber auch Bauern zu Wort wie in diesem Fall des schaumburg-lippischen Landtagsabgeordneten Schöttelndreyer.[1] In Schaumburg-Lippe war wie in anderen deutschen Staaten 1831 der Versuch zum Erlaß eines Ablösungsgesetzes seitens der Landstände zwar unternommen worden, aber die Regierung bzw. der Landesherr Fürst Georg Wilhelm hatte das Gesetz nur in stark reduzierter Form realisiert. [2] Schöttelndreyer sah sich in den Jahren zwischen 1831 und 1847 als Anwalt der Bauern, besonders der Höfe, die zwar nominell zu den größeren gehörten (wie der Klasse der Meier oder Halbmeier), aber nur über kleine Betriebsflächen verfügten und deshalb durch die geplanten Ablösungen deutliche Nachteile zu erwarten hatten. Sein Versuch, durch eine sogenannte "Regulierung" im Vorfeld der Ablösungen die Belastung der Bauern anzugleichen, war allerdings zum Scheitern verurteilt. Dennoch handelt es sich um einen bemerkenswerten Text, der zeigt, dass auch die Bauern eigenständige Positionen entwickeln konnten.



„Abschrift Regulierung bäuerlicher Lasten betreffend.

Es ist ein beklagenswerter Uebelstand und eine unleugbare Wahrheit, daß im hiesigen Lande, die auf den bäuerlichen Kolonaten haftenden gutsherrlichen Lasten, besonders in Ansehung der Frohndienste, so verschieden und ungleich vertheilt sind, daß man nicht zu begreifen im Stande ist, wie in alten Zeiten, wenn es näml. von daher so bestanden, ein solch‘ unbilliger Ansatz möglich gewesen sey. So giebt es z.B. Kolonate, wie wol nur wenige, wo von jeden Morgen angehörigen Grundbesitze, wenn nämlich die Last auf die Morgenzahl repartirt würde, jährlich mehr an gutsherrlichen Prästanden gegeben und geleistet werden müssen, als solche an Pachte jährlich werth sind; und dennoch wird von dessen Besitzer außer dieser übergroßen Belästigung, gleich den minder Belasteten, Contribution, Landfolgen, Forst-, Jacht-, Mühlen-, -Dorfs-Gemeinenarbeit usw. geleistet, wenn derselbe auch für alle diese Pflichtleistungen nicht den geringsten Nutzen hat noch haben kann. Gegen diese stark belastete Kolonate lassen sich nun aber wieder einige finden, die in Ansehung ihrer Größe und Belästigung gegen jene den größten Contrast bilden. Nämlich Colonate, wobey der Grundbesitz so zusammengehäuft, die Morgenzahl bei Hunderten zu zählen ist, wo Saatländerei, Wiesen, Holzungen, Weide- und Gemeinheistplätze, alles zur Nutznießung für den Besitzer auf das vorteilhafteste harmoniert, und doch die davon gehenden Lasten im Verhältnis der Größe nur sehr niedrig stehen.

Ja es mach(!) das bestehende Abgaben-Verhältnis mit einem Werte ohngefähr so sein, daß, wenn bei dem minder Belasteten von jeden Morgen jährlich ungefähr 18 Mgr.1 bis 24 höchstens 1 Rtlr. geht, so geht von den meistbelasteten Colonien von jedem Morgen jährlich 2 bis 3 Rtlr. Zwischen diesen beiden hohen und niedern Abgaben-Verhältnisse balancieren nun die Uebrigen insgesammt und es würde kaum möglich sein, von allen Kolonaten im Lande kaum zwei im gleichen Abgabenverhältnis zu finden.

Ich würde im Stande sein, wenn man das Gesagte im Zweifel ziehen wollte, mehrere Colonate namentlich anzuführen, wobei ein dergleichen Abgaben Miß-Verhältnis obwaltete. Da mir dieses aber überflüssig erscheint, so will ich bloß noch bemerken, daß ich im Amte Bückeburg gleich drei Kolonate kenne, dessen Besitzer zugleich drei leibliche Brüder, und auch unter sich die nächsten Verwandten sind. Der eine Bruder, der die im Verhältnis ihrer Größe am mindesten belastete Colonie besitzt, hat nach genauer Berechnung für jeden in Besitz habenden Morgen, an Geld und Naturalien, alles zu barem Gelde veranschlagt, jährlich höchstens nur 27 bis 3o Mgr. zu prästieren.

Der zweite Bruder, nach eben solcher Berechnung für jeden Morgen jährl. ohngefähr 1 Rtlr. 12 Mgr. zu entrichten. Der dritte Bruder, der aber die am meisten belastete Colonie besitzt, muß, wenn alles so eben berechnet und zu barem Gelde veranschlagt wird, für jeden Morgen Grundbesitz jährlich 2 1/2 bis beinahe 3 Rtlr. geben.

Der Umstand des Mißverhältnisses beweiset sich ferner, und zwar auf eine schlimme Weise, noch dadurch, daß, wenn solche belastete Colonate manchmal, gewiß ohne Verschulden ihrer Wirthe in Conkurs gerathen und veräußert werden müssen, dann die jährl. Pacht sämtl. Habe nicht einmal zureicht, die gutsherrlichen Gefälle damit zu decken, viel weniger Schulden tilgen zu können. Was ist dieses für ein Abgaben Miß-Verhältnis? – können sich dabei die Besitzer der schwer belasteten Colonate wohl glücklicher schätzen, als wenn sie noch in der strengsten Leibeigenschaft ständen? Nein! gewiß nicht viel, denn was sind sie und was haben sie? – Sie sind zwar Bauern und keine Leibeigenen, sind Besitzer eines zu schwer belasteten Eigenthums und haben in wahren Sinn des Wortes fast weniger als gar nichts. Sollte auch ein solch beklagenswertes Abgaben-System der bäuerlichen Grundstücke in ganz Deutschland sonst wohl vorzufinden sein; selbst in Ländern wo die Unterthanen mit hoher Grundsteuer, Mauthsystemen, Schlachte-, Mahl-, Trang-, - Fenster-, Gewerbesteuern usw. gedrückt werden? Und wie nachteilig wirkt endlich dieses Abgaben-Mißverhältnis auf die gutsherrnpflichtigen Untertanen, auf die Gutsherrn und selbst auf die Landes-Regenten zurück.

Krieg, Mißwachs und andere Unglücksfälle sind für den schwer Belasteten unerträgliche Übel, weil sie mit aller Anstrengung kaum ihre gewöhnliche Last zu tragen vermögen. Solche Bedrückte erheben denn bei dergleichen Calamitäten die jämmerlichsten Klagen zu den Ohren des Regenten und ihrer Gutsherrn, und dessen Gnade und Beistand in Anspruch zu nehmen.

Sollten diese nun auch sehr gerne den Hilfsbedürftigsten mit nöthiger Hülfe beistehen wollen, so läßt es sich doch sehr schwer ermitteln, welche von so vielen die Hilfsbedürftigsten und Meistbelasteten sind. Es wird also in solchen Falle gewöhnlich im allgemeinen ein gnädiger Nachlaß an irgend einem Gutsherrngefälle bewilligt, so erntet dann der mindest Belastete die Früchte der Gnade eben so viel, und öfters, vermöge der Verhältnisse noch mehr als der schwer Belastete, der sie mit seiner gegründeten Klage erbettelt hat, wie es in letzt vergangenen unglücklichen Mißjahre durch Erfahrung bekannt geworden ist.

Wie blickt ferner der schwer Bedrückte mit Hader erregenden Neid auf seinen minder Belasteten Nachbarn hin, und dieser Neid erhält sich auch noch bei vielen mäßig Bedrückten ohne Grund, indem solche wissen, daß einmal ein solch Mißverhältnis existiert, so glauben sie ohne weiteres, daß sie schwerer wie ihre Nachbarn bedrückt würden, ohne sich davon eine richtige Überzeugung zu geben. Ist es nicht auch ein beneidenswerther Umstand, daß solche Colonen, die ihre Güter durch schlechte Wirthschaft herunter gebracht haben, bei diesen ungleichen Abgaben Verhältnisse der Obrigkeit und jeden Andern verschwatzen können, es manchmal gar auch selbst glauben, daß die Schuld des Herunterkommens nicht an ihnen selbst läge, sondern an der stärkeren Belästigung ihrer Stätte, was doch öfters nicht der Fall ist.

Sollte es nun endlich nicht bald an der Zeit sein, daß solche, ich möchte sagen verworrenen Uebelstände einigermaßen abgeholfen und in bessere Gleise gestellt würden?

Ein jeder also, der mit den äußersten Zweigen der Staatsverwaltung nur einigermaßen in Berührung käme, und darauf Einfluß nehmen könnte, sollte aus eigenen Antriebe nach Billigkeit und Recht mit allen Kräften dahin zu wirken streben, daß nämlich eine bessere Regulierung der bäuerlichen Lasten, so weit es irgend möglich sei, bezwecket und in Ausführung gebracht würde, und Vorschläge dieser Art, auf was für eine billige und gerechte Weise diese thunlich sei, ergrübeln.

Nun ist es aber wohl gewiß, daß große Beschwerdepunkte damit verknüpft und besondere spezielle Fälle dabei zum Vorschein kommen würden, wo selbst der Einsichtsvollste an der Möglichkeit den größten Zweifel findet.

Aber alles dieses sollte den guten Vorsatz keinen Einhalt thun, und wo es nicht anders möglich sei, lieber durchgreifende Maßregeln angewandt werden, um die im Wege stehenden Hindernisse weg zuräumen und zu beseitigen. Auch könnte sehr angemessen sein, wenn eine dazu geeignete Kommission im Lande ernannt würde, die bei schwierigen Ablösefällen, welche besonders bei einzelnen Privat-Berechtigten am ersten vorfallen könnten, ins Mittel trete und die Schwierigkeiten, unter Berücksichtigung beider Interesse mit beseitigen hülfe. Ja sind nicht auch alle Pfade, die zum Guten führen, für den Wanderer schmal und lästig, und sollte man darum gleich umkehren wollen, wenn man aus weiter Entfernung eine mäßig steile Klippe sähe? Nein, man muß unablässig auf der unsanften Bahn des Guten fortschreiten, um endlich desto gewisser zum Ziele zu gelangen.

In soweit es meine beschränkten Geisteskräfte nun erlauben, werde ich hiernächst in Untertänigkeit einen Vorschlag nachfügen, der meiner Meinung nach, bloß nur in Ansehung der Dienstleistung eine‘ Ablöse und Regulierungs-Gesetz zugleich bezweckte, und auch wohl ohne auf Unmöglichkeiten zu stoßen, in Aktivität gebracht werden könnte. Nämlich: Alle Dienstpflicht würde zu Gelde veranschlagt, und auf die vom Dienstespflichtigen in Besitz haben(den) sämtl. Morgenzahl repartirt.

Wieviel nun ein einzelner Morgen an barem Geld für Dienstpflicht jährl. tragen müsse, ließe sich, wo nicht anders vielleicht folgender Art herausmitteln.

Es würde nämlich einer oder mehrere Gutsherrn, welche bedeutend viele Dienstpflichtige hätten angenommen, und genau veranschlagt, wieviel dessen sämtliche Dienste an barem Geld jährlich wert sein. Wäre diese Summe nun gefunden, so würde sie auf die ganze Morgenzahl sämtlicher Dienstpflichtigen, wenn es kein angekauftes oder sonst erworbenes freies Grundstück wäre, gezählt, oder nötigen falls durch Vermessung herausgebracht. Wäre diese nun ebenfalls gefunden, so würde gar leicht vermittelst Berechnung sich ergeben, wieviel von jener gesamten Summe auf jeden einzelnen Morgen ah baren Gelde zu reparieren sei:

Diese auf einen einzelnen Morgen zu treffende Geldsumme wäre nun die Normalsumme für einen dienstpflichtigen Morgen jährlich. Wollte nun ein Dienstpflichtiger seine schuldigen Dienste den berechtigten Dienstherrn abkaufen, was jedoch einer der Verpflichteten freier Wille bleiben müsse, so hieß es im Ablösungs-und Regulierungsgesetze: Dein einzelner dienstpflichtiger Morgen kostet so und so viel, wieviel solcher Morgen hast du, so viel muß du auch die Summe der einzelnen Morgen verdoppeln, daraus erwachse dann eine jährliche Geldrente, willst du diese jährlich so bezahlen so bist du von deiner Naturalleistung frei. Willst du Dienstpflichtiger aber auf immer und ganz von Dienen Diensten befreit sein, so besagte das Ablöse-und Regulierungsgesetz ferner: verdoppele die schuldige jährliche Geldrente so und so viel mal, so bist du auf ewig von deiner Dienstpflicht befreit.

Dieses wäre nun in Ansehung der Frohndienste ein Ablöse-und Regulierungsgesetz im Lande, welches sich meiner Meinung nach wohl einführen ließe. Alle dienstpflichtige Colonate würden dadurch in ein gleiches Verhältnis treten, ihre Dienste ablösen zu können. Nun würden freilich aber solche, die große Güter besessen, vielleicht aus Eigensinn nicht sofort ablösen wollen, obgleich sie es immer noch am leichtesten und besten könnten, weil ihnen die Ablösesumme höher zu stehen käme, wie ihren schwach begüterten Nachbarn. Aber man lasse sie auch so lange es ihnen beliebt, bei der Naturalleistung, oder einer für den Gutsherrn angemessenen Verpachtung, die sie auch viel leichter als die schwach begüterten verrichten und bestreiten könnten, ausharren, und fragt den weiter nach, ob nicht auch der sehr große Vollmeier schwerere Diensttouren schuldig sei als der schwache Vollmeier, muß er nicht Reisen machen und sich schwere Fuhren gefallen lassen, was der Schwächere vielleicht nicht nöthig hat. Eben so verhält es sich auch bei den Handdiensten. Muß der stark begüterte Großköter nicht mähen, Korn rein machen, Häckelse schneiden und sonst schwere Handdienste leisten, die von Schwächern nicht gefordert werden pp.

Und wieviel Unrecht haben die Schwächern, in Betracht des letzterwähnten Arbeitsverhältnisses seit den langen Pachtzeiten schon gelitten, da sie bei Bezahlung der Dienstpachtgelder mit den Stärkeren vielleicht immer über einen Kamm geschoren sind? Und wieviel würden dieselben noch leiden müssen, wenn ein Ablösegesetze der Art, wie es in den preußischen Rheinprovinzen schon lange bestanden, hier ebenfalls eingeführt würde, was nicht zu gleicher Zeit eine so nötige Regulierung mit bezwecke? Könnte bei den Ablöse-und Regulierungsgesetz der Frohndienste noch auf andere Prästanden, als Zehnten, Zinsfrüchte und andere sehr hohe Abgaben, sowie auf gute und schlechte dienstpflichtige Grundstücke Rücksicht genommen werden, so würde der beabsichtigte Zweck noch besser erreicht, und die begangene Wohltat noch herrlicher sein. Alle bäuerliche Unterthanen würden denn in gleiches Abgaben-Verhältnis treten.

Krieg und andere Unglücksfälle würden, weil Ebenmaß im Abgabenverhältnis herrschte, leichter und besser zu tragen sein, und das Ablösen der Gutsherrngefälle würde für die schwach begüterten dabei schwer belasteten auch eine Möglichkeit werden, worauf solche ohne Regulierung nie hätten Hoffnung machen können

Zuverlässig läßt sich endlich auch hoffen, daß sowohl die stark begüterten Dienstespflichtigen als vorzugsweise die berechtigten Gutsherrn dieser schönen Sache und der Billigkeit ein großes Opfer zollen werden.

Kirchhorsten d. 26ten Septbr. 1831

Schöttelndreyer Deputirter des Bauernstandes beim Landtag.“



Quellen

  1. Schneider, Karl H., Politische Partizipation dörflicher Abgeordneter in Schaumburg-Lippe, in: Ruth Dörner; Franz, Norbert, Mayr, Christine, Hrg., Lokale Gesellschaften im historischen Vergleich. Europäische Erfahrungen im 19. Jahrhundert. Trier 2001, S. 357-377.
  2. Schneider, Karl Heinz, Die landwirtschaftlichen Verhältnisse und die Agrarreformen in Schaumburg-Lippe im 18. und 19. Jahrhundert. (Schaumburger Studien 44) Rinteln 1983.