Albrecht Daniel Thaer

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Albrecht Daniel Thaer


Karl-Christian Weinbrenner

Inhaltsverzeichnis

Sein Leben

Am 14. Mai 1752 wurde Albrecht Daniel Thaer in Celle geboren. Sein Vater war Johann Friedrich Thaer, der als Hofmedicus in Celle einen guten Ruf hatte. Die Vorfahren stammten aus Liebenwerda in Sachsen und waren dort als Juristen tätig gewesen. Die von Albrecht Daniel Thaer sehr verehrte Mutter, Sophie Elisabeth geborene Saffe, verstarb als er zehn Jahre alt war. Sie war die Tochter des Landrentmeisters der Lüneburgischen Landschaft in Celle. Ein Großvater und Urgroßvater waren Ärzte gewesen und stammten vermutlich aus dem Elsaß. Albrecht Daniel Thaer wuchs mit drei jüngeren Schwestern auf. Zwei seiner Brüder wa-ren in frühester Jugend bereits verstorben.

Ab einem Alter von dreizehn Jahren besuchte Thaer die städtische höhere Bürgerschule in Celle. Vorher war er von Hauslehrern ausgebildet worden, von denen er den ersten sehr verehrte, bei dem zweiten aber froh war, von ihm nach einem Jahr wieder befreit zu sein. Die ablehnende Haltung gegen Lehrer blieb dann aber wegen der ihm verhassten „pietistischen Frömmelei“ bestehen. Seine schulischen Interessen galten der Mathematik, der neueren Ge-schichte und modernen Sprachen.

1770 nahm er im Alter von 18 Jahren das Studium der Medizin an der Universität in Göttin-gen auf. Hier machte er so gute Fortschritte, dass er bereits nach nur einem Jahr an prakti-schen medizinischen Kollegs teilnehmen durfte und das mit Erfolg. Der damalige Leibmedicus Schröder erteilte ihm Privatunterricht und ließ ihn noch im Studium einen Teil seiner Patienten behandeln. 1774 beendete er das Studium mit einer Dissertation. Sie trug den Titel „De actione systematis nervos in febribus“ (Über das Verhalten des Nervensystems bei Fieberanfällen) und löste beträchtliches Aufsehen in Fachkreisen, auch im Ausland aus. Fieber hatte man bis dahin für eine Erkrankung des Nervensystems gehalten.

Nach dem Studium wurde er in der Praxis seines Vaters als Arzt tätig, aber bei den Celler Ärzten wegen seiner neueren Behandlungsmethoden als Besserwisser abgetan, bis seine Er-folge nicht mehr zu übersehen waren. Er übernahm bald die Praxis des Vaters und wurde nach dessen Tode 1778 zum Stadtphysikus und Zuchthausarzt ernannt. 1780 erhielt er den Titel „Hofarzt“ verliehen. Damit war die Aufsicht über die Apotheken und Hebammen in Celle verbunden.

1786 heiratete er Philippine von Willich, die Tochter des Vizepräsidenten des königlich-braunschweigisch-lüneburgischen Oberappellationsgerichts. Durch die Heirat stieg er von der zweiten Gruppe der Celler Gesellschaft in die erste auf und erlangte damit wesentlich größe-res Ansehen. Aus der Ehe gingen vier Söhne und zwei Töchter hervor.

Nachdem er 1794 den Behörden eine Denkschrift zur Errichtung einer Landesmedizinal-Anstalt vorgelegt hatte, wodurch eine Ausbildungs-, Berufs- und Arbeitsordnung der Ärzte und Apotheker erreicht werden sollte, wurde er 1796 vom Landesherrn zum königlich-kurfürstlichen Leibarzt ernannt. Die Erkenntnis, vielen Patienten trotz aller Bemühungen nicht immer helfen zu können und seine sehr große Sensibilität verleideten ihm seinen erfolg-reichen Arztberuf zusehends. Er wandte sich mehr und mehr seinen botanischen Neigungen zu. Vor den Toren der Stadt erwarb er ein vier Hektar großes Grundstück und begann in sei-ner Freizeit mit landwirtschaftlichen Experimenten.

Seine vertieften theoretischen Kenntnisse der Landwirtschaft erwarb sich Thaer durch das Studium einschlägiger Literatur. Mit dem halbstaatlichen englischen Landwirtschaftsaus-schuss Board of Agriculture führte er regen Gedankenaustausch und wurde dort 1797 korrespondierendes Mitglied. Er war auch Mitglied der Celler Landwirtschaftsgesellschaft seit 1780 und wurde dort 1784 in den engeren Ausschuss berufen. Thaer entwickelte sich zusehends vom Mediziner zum Agrarwissenschaftler. Seinen Ruf als führender Wissenschaftler der Deutschen Landwirtschaft erreichte er mit der Veröffentlichung des ersten Bandes der Englischen Landwirtschaft. Für seine landwirtschaftlichen Experimente diente ihm bald eine Mus-ter-Landwirtschaft in einer Größe von 32 ha vor den Toren Celles in der Nähe der Aller.

In Celle gründete Thaer ein landwirtschaftliches Lehrinstitut, das 1802 seinen Lehrbetrieb aufnahm. Dabei handelte es sich um die erste akademische landwirtschaftliche Ausbildungsstätte in Deutschland.

1804 erhielt er wiederholt ein Angebot des späteren preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg, in Preußen ein landwirtschaftliches Lehrinstitut und einen Musterbetrieb aufzubauen. Das Angebot nahm er an. Ausschlaggebend mag dafür gewesen sein, dass Hannover, das damals in Personalunion mit England regiert wurde, von Frankreich besetzt war. Er wurde vom König zum Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften ernannt und bei der Anschaffung des Mustergutes Möglin (ca. 300 ha.), bei Bad Freienwalde unterstützt, wo die Familie bald ihren Wohnsitz nahm.

Im Jahre 1806 wurde der Lehrbetrieb der Akademie in Möglin, wenn auch mit Hindernissen, aufgenommen. Thaer und der aus Celle mit übergesiedelte Apotheker Einhof, der ebenfalls an der Akademie lehrte, wurden zu Professoren ernannt.

Thaer wurde auch an den preußischen Agrarreformen beteiligt. Er bemängelte, dass die Aufhebung der Erbuntertänigkeit und die Freiheit des Güterverkehrs allein nicht ausreichten, um die Lage der Landwirtschaft zu verbessern und verfasste Arbeiten, um die preußischen Gemeinheitsteilungen vorzubereiten. 1810 wurde er an der Berliner Universität zum außerordentlichen Professor für Kameralwissenschaften berufen, wo er seitdem jeweils im Winter lehrte. Diese Lehrtätigkeit gab er 1819 im Alter von 67 Jahren in Berlin wieder auf, weil er hier die für das Landwirtschaftsstudium notwendige Vereinigung von Theorie und Praxis nicht gegeben sah und konzentrierte sich auf seine Aufgaben in Möglin.

Hoch geehrt verstarb Albrecht Daniel Thaer am 26. Oktober 1828 im Alter von 76 Jahren auf seinem Landgut Möglin im Oderbruch.

Literatur

- Klemm, Volker; Meyer, Günther: Albrecht Daniel Thaer, Pionier der Landwirtschaftswissenschaften in Deutschland, Halle / Saale 1968. - Körte, Wilhelm: Albrecht Thaer, sein Leben und Wirken als Arzt und Landwirth, 1839; Neudruck, Herausgeber: Albrecht-Thaer-Gesellschaft, Hannover 1975.

Thaers Wirken

Im 18. Jahrhundert war die Landwirtschaft der wichtigste Zweig der Deutschen Volkswirt-schaft. Von den damals 20 Millionen Einwohnern lebten etwa 75 % auf dem Lande. Aber die Wirtschaftsweise der Landwirtschaft war wenig ertragreich und extensiv. Auch wenn sich kein einheitliches Bild für die damalige Lage der Landwirtschaft in Deutschland zeichnen lässt, was auf die vielen damals selbständigen Territorien innerhalb Deutschlands zurückzuführen ist, so galt als Hemmnis doch die Unfreiheit der Bauern, sei es, dass sie der Leibeigen-schaft unterlagen, oder einen Grundherren und Zehntherren hatten, dem sie abgaben- und dienstleistungspflichtig waren. Diese Unfreiheit konnte sich bis zu Entscheidungen über den Anbau auf den Feldern auswirken. Genossenschaftliche Weiderechte, Allmende und Gemen-gelagen wirkten sich hinderlich auf Intensivierungen aus. Das galt auch für das Fehlen einer gemeinsamen Außenzollgrenze, zahlreiche Binnenzölle und oft einem schlechten Wegenetz. Die verschiedenen Bauernklassen bewirtschafteten meist ohne fremde Arbeitskräfte 75 – 80% der landwirtschaftlichen Fläche auf meist kleinen Höfen, deren Fläche oft nicht 10 ha erreich-te. Für nötige Innovationen fehlte den Bauern der Freiraum und oft auch die Kenntnisse. Gut hundert Jahre sollte es dauern, bis sich die Lage der Deutschen Landwirtschaft vor allem durch die Bauernbefreiung geändert hatte.

Etwas anders als in Deutschland waren die Verhältnisse der Landwirtschaft in England. Hier gab es zu der Zeit keine Grundherren mehr, deren Weisungen zu befolgen waren und die Leibeigenschaft war durch Bauernrevolution seit dem späten Mittelalter verschwunden. Die Verkoppelungen hatten in England schon lange eingesetzt. Um die Jahrhundertwende zum 18. Jahrhundert zeichnete sich in England eine Konzentration der landwirtschaftlichen Fläche bei einigen hundert Familien ab, die das Land zum Teil verpachteten. Kleinere Bauern bewirt-schafteten etwa ein Fünftel der verfügbaren Fläche. Die in der englischen Landwirtschaft her-vorgebrachten Innovationen hatten in den Jahren von 1760 bis 1830 dort zu einer regelrechten Agrarrevolution geführt. Es war eine Parallelerscheinung zur industriellen Revolution. Der Bau von Landmaschinen hatte bereits ein ansehnliches Stadium erreicht. In der Tierzucht gab es neue verbesserte Schaf- und Rinderrassen. Neue Feldfutterpflanzen, wie Luzerne, Kleearten und Rüben, hatten das Futter- und Düngerproblem verbessert. Durch deren Anbau konnte das Vieh das ganze Jahr über besser ernährt, die Bestände vergrößert werden und es stand mehr und besserer Dünger zur Verfügung. Für die bessere Bodennutzung hatte die Norfolker Fruchtwechselwirtschaft Berühmtheit erlangt, in der in fester Reihenfolge Klee, Weizen, Rüben und Gerste angebaut wurden. Diese Neuerungen waren in Deutschland längst nicht allen Landwirten bekannt und wurden, wenn überhaupt, nur zögernd angewendet.

Albrecht Daniel Thaer, der zunächst in Celle als erfolgreicher Arzt praktizierte, hatte sich durch das Studium der erreichbaren Fachliteratur und durch praktische Versuche auf seinen Mustergütern in Celle, später in Möglin, im Oderbruch (Preußen) sehr umfangreiche Kenntnisse der Landwirtschaft angeeignet. Durch sein Werk: Einleitung zur Kenntniß der englischen Landwirtschaft und ihrer neueren practischen und theoretischen Fortschritte in Rücksicht auf die Vervollkommnung deutscher Landwirtschaft für denkende Landwirthe und Cameralisten, dessen ersten Band er 1798 in Celle herausgab, wurde er sofort zur führenden Persönlichkeit in Fragen, die die wissenschaftliche Forschung in der Landwirtschaft betrafen. Den 2. Band veröffentlichte er 1800 und 1801 in zwei Teilbänden, der dritte und letzte Band folgte 1804. Eigentlich sollte der Titel nicht mit Einleitung sondern mit Anleitung beginnen. Es hatte sich um einen Druckfehler gehandelt, den Thaer aber tolerierte. Die englische Land-wirtschaft und hier besonders die Innovationen hatte er treffend beschrieben, obwohl er niemals in England gewesen war. Ziel des Werkes sollte es sein, den deutschen Landwirten zu zeigen, wie sie die Wirtschaftlichkeit ihrer Höfe anhand der englischen Vorbilder so entschei-dend verbessern konnten, dass sich erkennbare Gewinne erwirtschaften ließen. Thaer schrieb im zweiten Band: „Die Landwirtschaft ist ein Gewerbe. Der Zweck der Landwirtschaft ist also nicht, die möglichst höchste Produktion aus dem Boden zu erzielen, sondern den möglichst höchsten Gewinn daraus zu erhalten“.

Neben der Einleitung zur Kenntnis der englischen Landwirtschaft… hatte Thaer zahlreiche weitere landwirtschaftliche Fachliteratur zu sehr vielen Einzelproblemen verfasst, so auch seinen Leitfaden zur allgemeinen landwirtschaftlichen Gewerbs-Lehre, von 1815.

Ab 1799 gab er die landwirtschaftliche Fachzeitschrift Annalen der Niedersächsischen Land-wirtschaft heraus. Die Herausgabe der Annalen behielt er unter verändertem Titel auch in Möglin bei.

Die Aufnahmebereitschaft von Thaers Schriften durfte bei der lesefähigen Gesellschaft als groß angesehen werden, wobei es sich wohl um Landesherren, Gutsbesitzer und Pfarrer gehandelt haben dürfte. Dass aber auch einfache Bauern Thaers Kenntnisse von der kommerziellen Landwirtschaft erreichten, war daran zu sehen, dass Thaer einen großen Ansturm an Besuchern zu bewältigen hatte, die ihn um fachlichen Rat fragten, eben auch einfache Bauern und er musste zeitweilig dafür Sprechstunden einrichten. Die Korrespondenz schwoll manchmal bis zur Unerträglichkeit an.

Andere Schriftsteller waren vor Thaer auf die englischen Innovationen in der Landwirtschaft weniger eingegangen und lehnten deren Übernahme in Deutschland auch ab. So schrieb der Agrarschriftsteller Joachim Christian Bergen (verstorben nach 1781) in diesem Zusammenhang, dass Deutsche nur von Deutschen lernen sollten. Auch der Agrarschriftsteller Otto von Münchhausen (1716-1774) sowie der Göttinger Ökonomie-Professor und Agrarschriftsteller Johann Beckmann (1739-1811) zeigten eine deutliche Abneigung gegen die englische Landwirtschaft und lobten die Qualitäten der deutschen Landwirtschaft.

Neben seiner herausragenden schriftstellerischen und wissenschaftlich forschenden Tätigkeit für die Landwirtschaft widmete er sich mit großem Einsatz auch der Ausbildung des Nachwuchses durch die Einrichtung von landwirtschaftlichen Lehrinstituten zunächst in Celle und später in Möglin. Neben der Lehrtätigkeit an seinen Instituten hatte er auch eine Professur an der Berliner Universität.

Die Vollendung der Bauernbefreiung in Deutschland hatte Thaer, als er 1828 verstarb, nicht mehr erlebt, aber er hatte daran mitgewirkt und die Einführung der kommerziellen Landwirtschaft in Deutschland auf den Weg gebracht. Aber bis zum Jahre 2007 hat es noch gedauert, bis in Deutschland die erste Landwirtschafts-Aktiengesellschaft in Hamburg an die Börse ging.

Literatur

- Klemm, Volker; Meyer, Günther: Albrecht Daniel Thaer, Halle 1968. - Thaer, Albrecht Daniel: Leitfaden zur allgemeinen landwirtschaftlichen Gewerbs-Lehre, Berlin 1815; Neudruck, Herausgeber: Albrecht-Thaer-Gesellschaft, Celle 1967. - Ulbricht, Otto: Englische Landwirtschaft in Kurhannover in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Berlin 1980.

Werke Thaers:

Annalen des Ackerbaus. Hrsg.: A. D. Thaer, Berlin, Wien (ab 1806: Berlin) Jg. 1.1805 - 6.1811

Thaer, Albrecht, Einleitung zur Kenntniss der englischen Landwirthschaft und ihrer neueren practischen und theoretischen Fortschritte in Rücksicht auf Vervollkommnung teutscher Landwirtschaft. Bd. 1, 3. Auflage, Hannover 1806

Thaer, Albrecht, Einleitung zur Kenntniss der englischen Landwirthschaft und ihrer neueren practischen und theoretischen Fortschritte in Rücksicht auf Vervollkommnung teutscher Landwirtschaft, Bd. 2., Hannover 1801.

Thaer, Einleitung zur Kenntniss der englischen Landwirthschaft und ihrer neueren practischen und theoretischen Fortschritte in Rücksicht auf Vervollkommnung teutscher Landwirtschaft. Bd. 3, Hannover 1804.