Allgemeine Hinweise

Aus LernWerkstatt Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche
DIE ABSCHLUSSARBEIT


Eine große schriftliche Arbeit über mehrere Monate stellt eine qualitativ vollkommen andere Herausforderung dar als eine Hausarbeit – selbst wenn es sich dabei um eine forschungsorientierte Hausarbeit von mehreren Wochen Dauer handelt. Eine wissenschaftliche Abschlussarbeit stellt eine Belastungssituation dar, die durch ihren dauerhaften Charakter ganz andere Probleme hervorbringt, als es die bloße Aneinanderreihung von fünf Hausarbeiten täte. Gleichzeitig bietet diese Situation aber natürlich auch ein ungeahntes Potential, denn Sie tauchen zum ersten Mal wirklich lange in das selbstorganisierte, wissenschaftliche Arbeiten ab und erreichen dadurch Tiefen, die Ihnen ansonsten nicht zugänglich wären. Es ist also lediglich nötig, diese neue Erfahrung sinnvoll zu organisieren und zu verwalten, um den Gefahren aus dem Weg zu gehen und bestmögliche Ergebnisse zu erreichen.


Inhaltsverzeichnis

Themenfindung

Erster Schritt zur Abschlussarbeit ist im Regelfall die Themenfindung. Hier ist es kaum möglich, verbindliche Tipps zu geben, da es zu viele Varianten gibt, so ein Thema zu finden.

Der bequemste und gleichzeitig seltenste Weg ist, sich von einem/einer Lehrenden, den man schätzt, einfach ein Thema zuteilen zu lassen. So etwas kann passieren, ist aber ein zweischneidiges Schwert. Auf der Habenseite steht, dass man ein Thema bekommt, dass den /die Dozierenden interessiert und das im Rahmen einer Abschlussarbeit auch auf jeden Fall sinnvoll bearbeitbar ist. Allerdings, und das ist der immanente Nachteil, kann es ein Thema sein, dass einen nicht wirklich mit Leib und Seele interessiert, und das ist bei einer mehrmonatigen Bearbeitung ein kaum tragfähiges Fundament. So eine Situation kann durch Fleiß und Disziplin zu einem guten Teil ausgeglichen werden – ganz wird es kaum gelingen.

Der häufigste Weg ist, zumindest ein Thema einzugrenzen und zu benennen, das im Studium als interessant und spannend empfunden und bereits bearbeitet wurde. In Absprache mit einem/einer Dozierenden wird dieses vage Thema dann immer weiter eingegrenzt und konkretisiert, bis (nach Anmeldung) der Übergang zur eigentlichen Bearbeitung erfolgt. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Themenwahl interessengeleitet ist, so dass in der Regel trotz aller notwendigen Eingrenzungen und Veränderungen eine Grundmotivation zur Bearbeitung des Themas erhalten bleibt.

Das andere Ende des Spektrums ist, dass Studierende selbstständig ein Thema finden und so weit vorbereitend eingrenzen, dass nur noch angemeldet werden muss. Dieses Szenario ist natürlich für alle Beteiligten ideal, kommt aber naturgemäß nur sehr selten vor und darf keinesfalls als anzustrebendes Normalverfahren betrachtet werden.


Vorbereitung

Es gilt die Regel: Legen Sie nicht zu viel Arbeit in die Vorbereitungsphase. Der Drang, monatelang vorher Literatur zu recherchieren, Quellen zu bearbeiten und gar Kapitel vorzuformulieren, ist natürlich – aber kontraproduktiv, da es das Projekt über die sinnvollen Maße aufbläht. Die Bearbeitungszeit für Ihre Abschlussarbeit ist durch die Prüfungsordnung und (durch die Themenwahl) durch die Prüfenden bewusst bemessen worden und vollkommen ausreichend. Die einzige sinnvolle inhaltliche Vorbereitung ist ein Einlesen, das primär zur Themeneingrenzung dient und natürlich mittelfristig auch nützlich für die Arbeit ist – die eigentliche Bearbeitung hingegen sollte dennoch in der Bearbeitungszeit stattfinden. So bleibt ein kohärentes, zielgerichtetes Arbeiten gewährleistet, dass bei zu exzessiver Vorbereitung organisatorisch, inhaltlich und vor allem psychologisch unterminiert wird.


Arbeitsorganisation

Zwei wichtige Hinweise:

  1. Klären Sie im Vornherein, was Sie alles bewältigen müssen.
  2. Bedenken Sie, dass Sie Freiräume brauchen werden.

Der erste Punkt bezieht sich darauf, dass eine wissenschaftliche Arbeit oftmals Arbeitsschritte erfordert, die Ihnen in Hausarbeiten eventuell nicht begegnet sind. Neben der gewohnten Lektüre von Literatur kann das beispielsweise sein: Suchen und Einsehen von Quellen, Transkribieren von handschriftlichen Quellen, quantitative und/oder empirische Arbeitsschritte und so weiter. Derlei Arbeitsschritte müssen im Voraus zeitmäßig eingeschätzt und organisatorisch geplant werden. Darüber hinaus muss natürlich auch die Literatur gelesen werden und alle Punkte zeitlich in Einklang gebracht werden mit dem Kernarbeitsschritt, nämlich dem eigentlichen Schreiben der Arbeit. Für diese Arbeitsschritte sollte ein konkreter Zeitplan entwickelt werden, damit Sie nicht von einer Arbeit überrascht werden, die Ihren Arbeitsprozess ausbremst.

Der zweite Punkt hängt eng damit zusammen. Eine Vielzahl von Arbeiten muss kontinuierlich über mehrere Monate bewältigt werden. Im Gegensatz zu Hausarbeiten, bei denen man sich (je nach Arbeitsweise) auch mal mit Kaffee und Traubenzucker einen signifikanten Teil der Bearbeitungszeit zusammenreißen kann, so ist dies bei mehrmonatigen Arbeiten nur unter akuter Gesundheitsgefährdung zu erreichen – von qualitativen Aspekten mal gar nicht zu sprechen. Mit anderen Worten: Es wird immer wieder Phasen von einigen wenigen oder auch mal mehreren Tagen geben, in denen Sie überhaupt nichts schaffen oder nur in der Lage sind, Fleißarbeiten wie Bibliographieren oder Korrekturlesen zu bewältigen. Damit Sie in diesen Situationen nicht in Panik geraten, die sich zu Schreibblockaden auswachsen können, sollten Sie in Ihrem Arbeitsplan unbedingt ein bis zwei Wochen Pufferzeit einplanen. Wenn nun während des Schreibens ein Wochenende kommt, an dem Sie keine einzige kreative Leistung hinkriegen (und das WIRD passieren), dann können Sie dank der Pufferzeit die Bücher wirklich beiseite legen, sich entspannen und nach einiger Zeit wieder mit frischer Motivation in den Arbeitsprozess einsteigen.

Weiterhin kommen kleinere, taktische Aspekte ins Spiel. Wenn Sie eine Arbeit von 70 oder gar 100 Seiten produzieren, dann sollten Sie davon bereits WÄHREND des Schreibens Kapitel an Kommilitonen und/oder andere qualifizierte Freunde und Bekannte zum Korrekturlesen herausgeben. Denn wenn Sie erst am Ende das Gesamtwerk an diese Personen geben, treten zwei Probleme auf. Erstens können die KorrekturleserInnen beim besten Willen nicht in kürzester Zeit einen derartigen Text hochkonzentriert durcharbeiten – während einzelne Kapitel über mehrere Wochen eher kein Problem darstellen. Zweitens gilt, dass es auch für Sie deutlich schwieriger ist, bei drastischen Mängeln ein bereits fertiges Produkt zu überarbeiten. Werden diese Mängel hingegen während des Schreibprozesses offenbar, können Sie auch schon während des Schreibprozesses, also während das Werk noch im Fluss ist, gegensteuern.


Technische Aspekte

Falls Sie während Ihres Studiums den Umgang mit Literaturverwaltungen vermieden haben, sollten Sie spätestens jetzt diesen Standpunkt aufgeben. Die schiere Quantität an Literatur und (ggfs.) Quellen wird händisch bei einer solchen Arbeit nicht mehr sinnvoll verwaltbar sein. Hier ist eine der für HistorikerInnen seltenen Möglichkeiten, durch technische Hilfsmittel Arbeitszeit freizuschaufeln und ein besseres und professionelleres Produkt abzuliefern – mal abgesehen davon, dass Sie nebenbei noch zusätzliche Kompetenzen einsammeln.

Das Benutzen eines solchen Programmes erlaubt es Ihnen überhaupt erst, den wachsenden Berg an Literatur und Quellen in den Griff zu bekommen. Je nachdem, mit welchen Quellen Sie arbeiten, können Sie gegen Ende Ihrer Arbeit hunderte von Datensätzen haben - das ist auch mit dem aufgeräumtesten Word-Dokument nicht mehr zu überblicken.

Dazu kommt, dass das Verwenden einer Literaturverwaltung oder einer ähnlichen Datenbank es Ihnen auch ermöglicht, Ihre Exzerpte sinnvoll strukturiert zu sammeln und untereinander zu verknpüfen. Wenn Sie nach hunderten und tausenden gelesener Seiten sich vage an ein wichtiges Stichwort irgendwo in diesem Papierberg erinnern, erlaubt es Ihnen die Datenbank nicht nur, dieses Wort und seine Fundstelle zügig wiederzufinden - sie finden auch automatisch dazu passende Stellen in anderen, von Ihnen bearbeiteten Werken; oft sogar Stellen, an die Sie sich ohne das elektornische Gedächtnis der Datenbank überhaupt nicht erinnert hätten.

Literaturverwaltungen, die auf den OPAC zugreifen können, stellen darüber hinaus sicher, dass ein Maximum an Daten zu jedem Werk vorhanden ist - und zwar korrekt. Vorbei die Zeiten zerknüllter oder verlorener Zettel, die dann ohnehin wichtige Informationen dann irgendwie doch nicht drauf haben.

Auch im Bereich der eigentlichen Textverwaltung ist spätestens jetzt das Nutzen der technischen Möglichkeiten dringend angeraten ist. In einer Hausarbeit von 20 Seiten kann man problemlos ein wenig "ferkeln", wie es manchmal heißt: Eingefügte Leerzeichen für Absätze oder neue Seiten, selbstgemachte Kapitelüberschriften, Tabulatoren für die Optik, selbstgebastelte Inhaltsverzeichnisse. All das funktioniert nicht mehr bei Arbeiten von 70-100 oder (in Ausnahmefällen) gar noch mehr Seiten. Werden diese Arbeitsweisen aufrechterhalten, so wächst sich der Aufwand, das Dokument auch nur bezüglich der Durchnummerierungen in den Kapiteln und dem Inhaltsverzeichnis richtig zu halten, zu einem enormen Zeitfresser aus - mal ganz abgesehen davon, dass das Endergebnis sets eine optische Katastrophe sein wird. (Das sind Hausarbeiten mit solchen Mitteln auch, aber da fällt es nicht so sehr auf.) Hier heißt es, die von den Programmen mitgelieferten Angebote zu erlernen und einzusetzen - automatisch (und optish ansprechende) Inhaltsverzeichnisse, die sich auf Knopfdruck aktualisieren. Kapitelüberschriften, die bei Änderung eines Unterpunkte ALLE Unterpunkte anpassen. Seitenumbrüche, die fest bleiben, und nicht beim Einfügen oder Löschen eines Absatzes zehn Leerzeilen irgendwo im Text offenbar werden lassen. Formatvorlagen, die etliche Meter Fließtext einheitlich erscheinen lassen.

All diese technischen Sachen sind keine besondere Herausforderung und sind auch keine Domäne von Computernerds. Die Programme sind mittlerweile leicht zugänglich und oft kostengünstig oder gar gratis. Das Finden und Erlernen solcher Programme ist eine ideale Tätigkeit für die Vorbereitungsphase, wenn es nicht vorher geschehen ist. Wenn die Abschlussarbeit langsam näherrückt. sollte man sich die Programme besorgen, installieren und einfach und (noch) entspannt damit herumspielen, bis man die Mechanismen begriffen hat. Vielleicht kann man ja zum Einstieg ein erstes Exposé von drei oder vier Seiten schreiben, dann kann man beinahe alle technischen Aspekte an diesem Dokument üben - und das Exposé hilft auch noch, die Gedanken zu ordnen.

Motivation und Psychologie

Ihre Motivationslage wird sich ob der langen Dauer der Bearbeitungszeit im Normalfall mehrfach drastisch ändern. Der wichtigste Punkt, um eventuelle Motivationskrisen zu überstehen, ist oftmals, sich in irgendeiner Form von Netzwerk zu verankern. Damit ist kein familiäres Netzwerk oder ein Freundeskreis gemeint, obwohl diese Netzwerke natürlich auch höchst hilfreich sind. Gemeint ist vielmehr eine Gruppe von Personen, die sich zeitgleich in derselben Situation befinden. Dazu haben sich am Historischen Seminar die Examenscolloquien als sehr wirkungsvolles Mittel etabliert. In diesen Colloquien werden in Gesprächen Probleme besprochen und gelöst – oftmals schon durch das reine Besprechen an sich, da den Schreibenden bewusst wird, dass sich die KomillitonInnen in exakt gleichen Situationen befinden und/oder befunden haben, was die Schwere des Problems deutlich relativiert.