Amt Bünde 1850

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Wirtschaftliche und soziale Verhältnisse im Amt Bünde um die Mitte des 19. Jahrhunderts


Norbert Sahrhage


1. Landwirtschaft und ländliches Heimgewerbe

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war das Amt Bünde[1] noch eindeutig von der Landwirtschaft geprägt. Lediglich die Stadt Bünde, von 1816 bis 1832 Verwaltungssitz des eigenständigen Kreises Bünde, wies bereits ein differenzierteres Wirtschaftssystem auf und besaß damit nicht nur für die Gemeinden des Amtes eine zentralörtliche Funktion. In der Agrargesellschaft lebten ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit- und nebeneinander. An der Spitze der Hierarchie standen die Kolone, spannfähige Großbauern, die auf einer Vollerwerbsstelle saßen. Der Landbesitz der Kleinbauern, Erbpächter und Neubauern reichte dagegen nicht zum Vollerwerb aus. Sie waren neben ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit noch auf ein zusätzliches Einkommen aus der heimgewerblichen Garn- oder Leinenproduktion angewiesen. Am unteren Ende der agrargesellschaftlichen Hierarchie standen die Heuerlinge, die die Kotten der größeren Bauern bewohnten und Pachtland bewirtschafteten, dafür aber den Verpächtern zur Ableistung von Tagelöhnerdiensten verpflichtet waren. Die Heuerlinge waren in besonderem Maße von der heimgewerblichen Tätigkeit abhängig.

Neben diesen Pächter-Heuerlingen hatte seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Zahl der Mieter-Heuerlinge zugenommen, die nahezu landlos ganz oder überwiegend von ihren Einkünften aus dem Heimgewerbe lebten.[2]

Diese Verflechtung aus Agrarproduktion und der anfangs mehr auf den Eigenbedarf ausgerichteten Herstellung heimgewerblicher Leinentextilien besaß in Ravensberg eine lange Tradition, die bis in das Mittelalter zurückreichte. Als sich seit dem späten 15. Jahrhundert die Exportmöglichkeiten für ravensbergisches Leinen verbesserten, war die Produktion gesteigert worden. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die ravensbergische Garn- und Leinenfertigung eine bedeutende Position auf dem Weltmarkt inne: Ravensbergisches Leinen wurde nicht nur in verschiedene west- und osteuropäische Staaten, sondern auch nach Nord- und Südamerika exportiert.

Die enorme Produktionsausweitung war möglich geworden, als die größeren Bauern im Zusammenhang mit den im ausgehenden 18. Jahrhundert durchgeführten Markenteilungen zusätzliche Wohnmöglichkeiten für die unterbäuerliche Bevölkerung geschaffen hatten, die nunmehr, ohne im Besitz eigenen oder angepachteten Landes zu sein, durch heimgewerbliche Tätigkeit ein ausreichendes Einkommen erzielen konnte. Die Folge hiervon war, daß die unterbäuerliche Bevölkerung stark anwuchs, da das neue Gewerbe die Möglichkeit früher Familiengründung bot, ohne daß der Nachweis bäuerlicher Existenzfähigkeit erbracht werden mußte. Die Heranziehung der Kinder zur heimgewerblichen Produktion stellte dabei einen notwendigen Beitrag für das Familieneinkommen dar. Die Basis für die heimgewerbliche Garn- und Leinenherstellung bildete der Flachs, der von den Bauern und den Pächter-Heuerlingen selbst angebaut wurde. Die Heuerlinge waren allerdings i.d.R. auf Zukauf von Flachs angewiesen.


Tab. 1: Sozialstruktur der Bevölkerung des Amtes Bünde (1847)[3]


von den Familien lebten:
Bevölkerung insgesamt Anzahl aller Familien als Beamte incl. Geistlichkeit von Gewerben vom Ackerbau vom Acker-bau u. Hand-arbeiten von Hand-arbeiten allein
Stadt Bünde
1.506
335
67
123
19
24
102
Ahle
461
96
1
3
26
16
50
Dünne
1.046
220
1
6
43
65
105
Ennigloh
945
219
4
13
34
47
121
Holsen
717
163
2
8
23
40
90
Hüffen
414
80
1
1
10
19
48
Hunnebrock
322
65
3
2
9
16
36
Muckum
860
186
2
12
27
22
123
Spradow
901
184
2
9
38
40
95
Südlengern
935
209
2
7
31
44
125
Werfen
391
100
2
8
15
14
61
Amt Bünde insges.
8.498
1.857
87
192
275
347
956

Im Bereich des Amtes Bünde lebte nur etwa ein Fünftel der ländlichen Bevölkerung ausschließlich von der Landwirtschaft, vier Fünftel waren - in allerdings unterschiedlichem Maße - auf Zuverdienste aus dem Leinengewerbe angewiesen. Auch verschiedene Kolone, die - wie Karl Heinrich Rüter, von 1814 bis 1861 Bürgermeister der Stadt und Amtmann des Amtes Bünde, dem Landrat des Kreises Herford am 19.1.1847 mitteilte - "sich auf schlechte(n) Markengründe(n) angebauet haben" und trotz "einer bedeutenden Morgenzahl nicht das liebe Brodt im Schranke haben", kamen ohne zusätzliches Einkommen aus der Leinenproduktion nicht aus.[4]

Lediglich in der Stadt Bünde hatte sich ansatzweise ein tertiärer Sektor entwickelt. Bis 1849 war Bünde Sitz des Landgerichts, daneben befanden sich in der Stadt u.a. eine Apotheke, verschiedene Gastwirtschaften und eine größere Anzahl von Handwerksbetrieben sowie mehrere Kolonialwaren- und Garnhandlungen. Der Anteil der Bevölkerung, der nicht in den agrarisch-heimgewerblichen Bereich eingebunden war, lag in der Stadt Bünde bei über 50 Prozent, während in den übrigen Gemeinden zumindest 90 Prozent der Bevölkerung von der agrarischen oder agrarisch-heimgewerblichen Tätigkeit lebte.


Tab. 2: Entwicklung des Viehbestandes im Amt Bünde 1852 - 1897[5]


P f e r d e
R i n d v i e h
Z i e g e n
S c h w e i n e
1852
1867
1897
1852
1867
1897
1852
1867
1897
1852
1867
1897
Stadt Bünde
51
58
162
207
165
80
131
210
379
156
188
591
Ahle
48
49
46
164
200
212
19
20
52
44
168
317
Dünne
89
135
99
462
721
595
65
34
148
237
460
914
Ennigloh
75
92
118
349
439
382
43
65
476
228
231
1.039
Holsen
39
59
62
174
263
270
41
46
114
26
219
490
Hüffen
26
30
27
135
125
143
26
25
92
66
112
264
Hunnebrock
21
20
25
124
112
131
12
31
134
27
78
342
Muckum
101
108
108
329
419
440
42
18
30
127
291
602
Spradow
75
90
75
331
423
397
44
39
223
93
280
695
Südlengern
55
63
68
288
293
285
70
95
301
216
250
742
Werfen
35
42
43
139
216
187
31
19
40
92
157
257
Amt Bünde insges.
615
746
833
2.702
3.376
3.122
504
602
1.989
1.312
2.434
6.253

Die Zahl der Pferde und des Rindviehs stieg zwischen 1852 und 1897 - mit Ausnahme der Stadt Bünde - in den meisten Gemeinden nur leicht an. Das spricht für eine relative Konstanz der großbäuerlichen Strukturen. Die starke Zunahme von Pferden und die deutliche Abnahme von Rindvieh in der Stadt Bünde zwischen 1867 und 1897 weisen allerdings auf einen raschen Strukturwandel hin. Die Bedeutung der Landwirtschaft nahm in der Stadt Bünde weiter ab, die ansteigende Zahl der Pferde ist durch die Gründung von Fuhrgeschäften und durch den Erwerb von Pferden durch das Bürgertum als Reit- und Kutschenpferde zu erklären.

Die enorme Zunahme von Ziegen konzentrierte sich vermutlich auf die unterbäuerlichen und auf die ansteigende Zahl der Arbeiterhaushalte. Die Tabelle zeigt zudem, daß die Großbauern im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Schweinemästung übergingen. Die in den 1850er Jahren erfolgte Anbindung Bündes an die Eisenbahn erleichterte dabei den Export der landwirtschaftlichen Produkte.


2. Die Bevölkerungsentwicklung

Im ausgehenden 18. und während des gesamten 19. Jahrhunderts war auch im Amt Bünde die Bevölkerung stark angewachsen.[6] Allein in den dreißig Jahren zwischen 1818 und 1849 hatte die Bevölkerung um nahezu 45 Prozent zugenommen. Die Gemeinden Hunnebrock, Hüffen, Spradow und Dünne hatten dabei einen überdurchschnittlichen Anstieg zu verzeichnen gehabt. In den meisten Gemeinden des Amtes Bünde stagnierte die Bevölkerungsentwicklung allerdings in den 1850er Jahren. Zwischen 1852 und 1858 nahm die Bevölkerung insgesamt sogar ab.


Tab. 3: Bevölkerungsentwicklung in den Gemeinden des Amtes Bünde 1818 - 1905[7]


1818 1834 1843 1849 1852 1858 1861 1867 1871 1885 1895 1905
Stadt Bünde 974 1.301 1.485 1.435 1.528 1.545 1.674 1.904 2.052 2.940 4.158 5.102
Ahle 388 367 419 451 455 462 509 546 528 502 587 858
Dünne 725 863 986 1.125 1.196 1.165 1.242 1.313 1.340 1.426 1.525 1.848
Ennigloh 734 895 1.023 926 925 977 1.178 1.269 1.395 2.156 3.160 4.539
Holsen 550 666 761 760 792 736 767 826 842 894 1.031 1.289
Hüffen 263 283 323 414 435 404 391 401 426 578 704 733
Hunnebrock 165 265 303 334 321 323 369 427 448 635 824 1.198
Muckum 591 720 823 883 853 800 774 814 792 715 784 850
Spradow 600 757 865 936 940 881 918 1.043 1.026 1.106 1.344 1.860
Südlengern 687 751 858 989 922 894 980 1.082 1.132 1.533 1.742 2.382
Werfen 380 392 448 414 486 517 541 511 519 480 472 522
Amt Bünde insges. 6.057 7.260 8.294 8.667 8.853 8.704 9.343 10.136 10.500 12.965 16.331 21.181

Da sich im Amt Bünde zwischen 1852 und 1858 ein durchschnittlicher jährlicher Geburtenüberschuß von ca. 110 Menschen nachweisen läßt, hatte der Bruch in der Bevölkerungsentwicklung seine Ursache nicht in einem Rückgang der Geburten und/oder in einem Anstieg der Sterbefälle. Verantwortlich für die Entwicklung war vielmehr die Tatsache, daß seit den ausgehenden 1840er Jahren zahlreiche Menschen das Amt Bünde verließen und in andere deutsche Regionen ab- oder nach Übersee auswanderten.[8] Diese Emigrationsbewegung resultierte aus der langdauernden Krise der heimgewerblichen Leinenproduktion, die große Teile der Bevölkerung hatte verarmen lassen. (Vgl. dazu Abschnitt 3)


Tab. 4: Bevölkerungsbewegung im Amt Bünde 1818 bis 1884[9]


Anzahl d. Anzahl d. Geburten-überschuss tatsächliches Anwachsen d. Bevölkerung Bevölkerungs-

gewinne u.

-verluste d. Zu- u. Abwand.

Anzahl der legalen Amerika-auswanderer Anzahl der illegalen Amerika-auswanderer
== Zeitraum ==
Geburten
Sterbefälle
insges.
p.a.
insges.
p.a.
insges.
p.a.
insges.
p.a.
insges.
p.a.
1818-1833
4.904
3.550
1.354
84,6
1.203
75,2
-151
-9,4
24
1,5
0
0,0
1834-1842
3.310
2.312
998
110,9
1.034
114,9
+36
+4,0
9
1,0
23
2,6
1843-1848
2.047
1.506
541
90,2
373
62,2
-168
-28,0
52
8,7
98
16,3
1849-1851
1.107
640
467
155,7
186
62,0
-281
-93,7
37
12,3
40
13,3
1852-1857
1.991
1.493
498
83,0
-149
-24,8
-647
-107,8
338
56,3
83
13,8
1858-1860
1.104
592
512
170,7
639
213,0
+127
+42,3
35
11,7
9
3,0
1861-1866
2.385
1.621
764
127,3
793
132,2
+29
+4,8
37
6,2
13
2,2
1867-1870
1.717
1.167
550
137,5
364
121,3
-186
-46,5
9
2,3
7
1,8
1871-1884
7.039
4.279
2.760
197,1
2.465
176,1
-295
-21,1
150
10,7
2
0,1

Die Emigrationsbewegung nach Übersee erreichte in den Jahren 1852 - 1856 und 1881 - 1883 ihre Höhepunkte. Im Unterschied etwa zu den Ämtern Enger, Herford-Land und Spenge[10] hielten sich im Amt Bünde die Folgen der Krise in Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung allerdings in Grenzen. Die langanhaltenden Bevölkerungsverluste in den Ämtern Enger und Spenge resultierten aus einer überdurchschnittlich hohen Bevölkerungsdichte in der Blütephase der heimgewerblichen Garnherstellung und dem anhaltenden Fehlen alternativer Erwerbsmöglichkeiten. Das Amt Bünde besaß dagegen bereits seit den 1850er Jahren mit der Zigarrenindustrie einen expandierenden Industriezweig, der als Palliativ gegen weitere Bevölkerungsverluste wirkte. So lassen sich etwa in den ausgehenden 1850er Jahren und in der ersten Hälfte der 1860er Jahre Zuwanderungen in das Amt Bünde feststellen. Da sich die Zigarrenindustrie als ein Gewerbezweig erwies, der relativ krisenanfällig war, kam es in Zeiten schlechter Konjunktur, wie z.B. am Ausgang der 1870er Jahre, auch im Amt Bünde zu weiteren Auswanderungsschüben.


3. Die Krise des Leinengewerbes

Der Oberbehmer Rittergutsbesitzer Wilhelm von Laer hatte sich im Jahre 1851 mit einem alarmierenden Bericht an das Königlich Preußische Landes-Ökonomie-Kollegium gewandt: „Die Heuerlinge in unserm Kreise ... befinden sich ... in höchst drückender Lage. (...) Sie können trotz des ausdauerndsten Fleißes und der größten Sparsamkeit selten etwas zurücklegen, um sich ein sorgenfreies Alter zu sichern; dann fallen sie im Alter der Gemeinde zur Last, da die Kinder ... nicht imstande sind, sie zu unterstützen. Dazu wird ein Teil der jetzigen Jugend förmlich zum Bettler erzogen. Manche Eltern sehen sich genötigt, die Kinder fortzuschicken. Bringen dieselben nicht genug mit, so gibt's Schläge. Da prügeln sich die Kinder oft abends auf den Straßen um das Erbettelte. So wächst ein Geschlecht von Proletariern heran, die arbeitsscheu und an liederliches Leben gewöhnt eine trübe Zukunft verheißen.“ Am Ende seines Berichts wies der Rittergutsbesitzer auf die weitere Verschlechterung der Situation hin: „Trotz so ungünstiger Verhältnisse nimmt die Bevölkerung fortwährend zu. (...) Aus allem diesem geht hervor, daß wohl kein Teil des Preußischen Staates so sehr der Hilfe, der kräftigsten schleunigsten Hilfe bedarf, als der Kreis Herford.“[11]

Von Laers Bericht beschreibt die Folgen der Wirtschaftskrise, die den Landkreis Herford seit den 1820er Jahren erfaßt hatte, als den ravensbergischen Leinenprodukten die Konkurrenz der in England maschinell hergestellten Garne und Textilien aus Baumwolle immer mehr zu schaffen machte. Bei den handgefertigten Leinenprodukten kam es - bei zunächst nicht eingeschränktem Produktionsvolumen - zu einem mehr oder weniger stetigen Preisverfall.[12] Wie der Bünder Kaufmann Ernst Höpker dem Herforder Landrat am 30.11.1847 schrieb, „standen die Preise (für ravensbergisches Leinen) mehr denn 100 % höher als gegenwärtig ...“[13]

Mit dem Niedergang der Preise war auch ein starkes Absinken der Löhne für die heimgewerblichen Produzenten verbunden. Die selbständigen Spinner und Weber, zumeist Heuerlinge ohne oder mit nur wenig eigenem Land, waren nicht in der Lage, das zurückgehende Einkommen aus der heimgewerblichen Produktion zu kompensieren. Sie verarmten immer mehr. Das Verhalten der Heuerlinge, in jungen Jahren zu heiraten, in der Blütezeit der Garn- und Leinenfertigung durchaus rational, veränderte sich auch in der Krisenzeit nicht und ließ die Bevölkerung weiter stark anwachsen, auch als keine hinreichenden Beschäftigungsmöglichkeiten mehr vorhanden waren. Als Wilhelm von Laer seinen Bericht an das Königlich Preußische Landes-Ökonomie-Kollegium sandte, hatte die Krise ihren Höhepunkt erreicht.

Die Krise des Heimgewerbes wurde in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre noch durch Mißernten verstärkt. Rückblickend auf das Jahr 1846 vermerkt die Chronik des Amtes Bünde: „Das Jahr ... brachte eine vollständige Mißernte, so daß Getreide und Kartoffeln nur in äußerst geringen Mengen eingeheimst wurden. Ebenfalls war die Flachsernte in Qualität und Quantität ungenügend, wodurch der aus der Leinenindustrie sich sonst ergebende geringe Verdienst noch herabgedrückt wurde. Die Not und Arbeitslosigkeit stieg daher von Tage zu Tage, die Bettelei wuchs fortwährend und die Vergehen gegen das Eigentum häuften sich in erschreckendem Maße.“[14]

Auch das folgende Jahr brachte für das Amt Bünde keine Besserung der Verhältnisse: „Mit Beginn des Jahres 1847 pochte das Gespenst einer Hungersnot an die Thüren vieler Familien unserer Gemeinde. Die Verdienstlosigkeit war eine allgemeine und die Brot- und Flachspreise diesen Umständen nach sehr hohe. (...) Die mangelhafte Ernährung hatte zahlreiche Krankheiten und Todesfälle im Gefolge.“[15]

Wie Amtmann Rüter dem Herforder Landrat am 9. Januar 1847 mitteilte, konnten jene 956 Familien, die allein von der Handarbeit lebten (vgl. Tab. 1), d.h. kein eigenes Land bewirtschafteten, „sich wegen Mangel an Arbeits-Verdienst nicht ernähren, und versinken immer mehr in gänzliche Armuth.“ Im Amt Bünde benötigten zu Anfang des Jahres 1847 insgesamt 432 Familien finanzielle Unterstützung. Rüter bat den Landrat „in der jetzigen trüben Zeit“ um „möglichste Unterstützung“. In einem weiteren Brief, den Rüter wenige Tage später an den Landrat schickte, wies er darauf hin, daß unter denjenigen Gemeinden, „welche ihre Armen ohne Beistand nicht mehr zu ernähren vermögen, ... Hüffen die allerärmste Gemeinde“ sei.[16]


4. Die Bewältigung der Krise

Gegen die sich seit den 1830er Jahren immer mehr verschärfende sozioökonomische Krise wurden bis in die 1850er Jahre hinein nur konventionelle Maßnahmen ergriffen. In den Gemeinden wurden Unterstützungsfonds für die Bedürftigen gebildet, Colone und Kaufleute spendeten Roggen, Kartoffeln und Flachs und verschiedene Vereine sammelten Gelder, die den Notleidenden zur Verfügung gestellt wurden.[17] Für eine vorübergehende Dämpfung der Krise sorgte auch der Bau der Köln-Mindener Eisenbahn, da eine größere Anzahl erwerbsloser Heuerlinge zur Realisierung der durch das Gebiet des Kreises Herford führenden Streckenarbeiten eingestellt wurde. In der Hoffnung, durch eine verbesserte Qualität des Leinens die Krise überwinden zu können, wirkte der Staat bei der Einrichtung von Spinn- und Webschulen mit. Ähnlich wie der Verein für Leinen aus reinem Handgespinst forderte der Bünder Kaufmann Ernst Höpker im Jahre 1847, "das Fabrikat noch mehr zu vervollkommnen." Er hielt die Hilfe des Staates bei diesen Bemühungen für unerläßlich: „Ein großer Mangel, welcher der Weberei im Wege steht, sind veraltete, unregelmäßige Webstühle und Gerätschaften. Die Dürftigkeit der mehrsten Weber läßt diesen Uebelstand nicht heben und wäre es dankbar anzuerkennen, wenn von Seiten des Staats hierin Hülfe geschafft werden könnte.“[18]

Es zeigte sich jedoch, daß Qualitätsverbesserung und auch erhöhter Fleiß der heimgewerblichen Produzenten den Niedergang des Leinengewerbes nicht dauerhaft aufhalten konnten. Daraufhin begann die Suche nach Ersatzindustrien. Im Amt Bünde wurden hierbei verschiedene Wege beschritten. Die größte Förderung erfuhr zunächst zweifellos die Strohflechterei.[19] Auf Betreiben des Amtmanns Rüter wurde nach langen Vorverhandlungen im Jahre 1853 von mehreren Kaufleuten die Gesellschaft des gebildeten Strohflechterei-Gewerbes gegründet. Der Gesellschaft war vom preußischen Staat für mehrere Jahre eine finanzielle Unterstützung zugesagt worden, um die einheimische Bevölkerung durch einen auswärtigen Lehrmeister in die Herstellung von Strohhüten, Matten, Tischdecken etc. unterweisen zu lassen.

Die Strohflechterei erwies sich jedoch ohne staatliche Unterstützung als nicht konkurrenzfähig gegenüber einer ebenfalls neuen Industrie: der Zigarrenherstellung. Wie der Herforder Landrat von Borries den Kreisständen am 25. Juli 1861 vortrug, hatten gerade die Zigarrenmanufakturen[20] „einen besonderen Aufschwung ... genommen, welche namentlich in Bünde und Vlotho bedeutend sind und mit den auf den Dörfern eingerichteten Filial-Fabriken viele hundert Arbeiter mit gutem Verdienst beschäftigen. Dieser gefährlichen Conkurrenz hat auch die in Bünde mit Staats-Unterstützungen ins Leben gerufene Strohflechterei, welche einen Ersatz für die zurückgehende Handspinnerei gewähren sollte, weichen müssen, da dieser Fabrikations-Zweig seinen Arbeitern nicht so bedeutende Löhne zu geben vermochte, als die Cigarren-Fabriken, und daher tüchtige Arbeiter nicht dauernd fesseln konnte. Dieses ungünstige Resultat einer von den Unternehmern mit anerkennungswerther Opferwilligkeit eingeführten neuen Erwerbsquelle für die Arbeiter-Classe ist um so mehr zu beklagen, als die Strohflechterei ohne Zweifel moralisch und physisch eine weit ersprießlichere Thätigkeit ist, als die Cigarren-Fabrikation.“[21]

Die Anfänge der Zigarrenindustrie[22] im Kreise Herford gehen auf das Jahr 1842 zurück, als von Wilhelm Böckelmann in Herford und Georg Meyer in Bünde die ersten, noch kleinen Zigarrenmanufakturen eingerichtet wurden. Im Jahre 1843 begann auch der in Bremen zum Zigarrenmacher ausgebildete Tönnies Wellensiek in Ennigloh mit der Produktion von Zigarren. In den folgenden Jahren wurde das Wellensieksche Unternehmen u.a. durch den Zusammenschluß mit dem Unternehmer und Branchenkenner August Steinmeister im Jahre 1856 weiter ausgebaut und vergrößert.[23]

Im Jahre 1851 hatte zudem die zunächst in Osnabrück beheimatete Fa. Gebr. André eine Filiale in Bünde gegründet, wohin sie 1876 auch ihren Geschäftssitz verlegte. Von Bünde aus wurde die Zigarrenproduktion sehr rasch auf die umliegenden Gemeinden ausgeweitet. Auf der Suche nach billigen Arbeitskräften traf die Zigarrenindustrie dabei auf eine notleidende, durch den Niedergang der Textilindustrie tendenziell unterbeschäftigte ländliche Bevölkerung.[24] Im Jahre 1858 existierten in der Stadt Bünde bereits fünf Zigarrenmanufakturen mit insgesamt 532 Zigarrenarbeitern.[25]

Auch die Firma Steinmeister & Wellensiek gründete in den 1860er Jahren eine Vielzahl von Filialen in den Gemeinden des Bünder Landes. Durch die Einrichtung dieser Filialbetriebe konnten große Teile der ländlichen Bevölkerung des Kreises Herford an die Zigarrenherstellung herangeführt werden. In Bünde, dem Hauptsitz der meisten Unternehmen, konzentrierte sich dabei in der Regel die gesamte Verwaltung und die gutbezahlte Qualitätsarbeit: die Sortierung und die Herstellung der besseren Sorten.[26]

Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurde die Zigarrenindustrie im Kreise Herford von mittelständischen Unternehmen getragen. Die im Jahre 1878 im Zusammenhang mit der großen Tabakenquete gegründete Bezirkskommission in Minden faßte ihre angestellten Untersuchungen wie folgt zusammen: „Eine Ueberlegenheit der mit großer Kapitalkraft ausgestatteten Betriebe gegen die mittleren und kleineren hat sich nicht geltend gemacht; es ist der Mittelbetrieb zwar die überwiegende, aber auch der Kleinbetrieb nicht unbedeutend, da auch eine Anzahl selbständiger Cigarrenmacher ohne Herstellung von besonderen Fabrik-Etablissements im Laufe der letzten 25 Jahre sich etablirt haben. Aktiengesellschaften für Cigarrenfabrikation bestehen im Bezirke nicht.“[27]

Aufgrund der für die Zigarrenindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts insgesamt günstigen Konjunkturlage und ihrer im ländlichen Bereich bestehenden gewerblichen Monopolstellung, die mit einer äußerst niedrigen Lohnstruktur verbunden war, machte der neue Industriezweig außerordentlich gute Fortschritte. Bünde als eigentlicher Mittelpunkt der Zigarrenherstellung im Kreis Herford entwickelte sich in wenigen Jahren zu einem der wichtigsten Zentren der Zigarrenproduktion im Deutschen Reich.


Tab. 5: Anzahl der Zigarrenmanufakturen und der in der Zigarrenindustrie beschäftigten Arbeiter (1879)[28]


Anzahl der Manufakturen Anzahl der Arbeiter
Stadt Herford
5
281
Amt Bünde

(davon: Stadt Bünde

45
19
1.482
754)
Amt Enger
9
460
Amt Gohfeld
2
52
Amt Herford (Land)
1
26
Amt Hiddenhausen
13
788
Amt Mennighüffen
29
808
Amt Rödinghausen
6
200
Amt Spenge
7
608
Amt Vlotho
19
1.095
Insges.
136
5.800

Die enorme Bedeutung der Zigarrenindustrie für die Wirtschaft des Kreises Herford wurde von den Herforder Ständen am 9. Mai 1879 in einer an den Reichstag gerichteten Denkschrift zusammengefaßt: „Der Kreis Herford hat bei einem Flächenraum von nicht ganz 8 Quadratmeilen nach der letzten Volkszählung rund 71.000 Seelen in 62 politischen Gemeinden. Rechnet man nun, daß von dem Verdienst jener circa 6.000 Cigarrenarbeiter, welche in 37 verschiedenen Gemeinden wohnen, außer dem Arbeiter selbst mindestens noch je zwei Personen leben müssen, so ergibt sich, daß 18.000 Seelen der Arbeiterbevölkerung oder 1/4 der Gesamtbevölkerung direct von dem Verdienst in den Cigarrenfabriken ihren Unterhalt finden. Man wird nun nicht fehlgreifen, wenn man annimmt, daß ebenso viele Einwohner wieder auf die fortgesetzte Zahlungsfähigkeit jener Arbeiter, auf den nicht unterbrochenen Betrieb der Cigarrenfabriken durch Nebengewerbe, Vermiethen von Wohnungen und Land und Verkauf aller möglichen Lebensbedürfnisse an die Cigarrenarbeiter indirekt an dem Prosperiren der Cigarren-Industrie betheiligt sind und man kommt daher zu dem gewiß im Deutschen Reiche ziemlich vereinzelt dastehenden Resultate, daß die Existenz der halben Bevölkerung eines einzelnen westfälischen Kreises abhängig ist von der ... Cigarrenfabrikation.“[29]

Die überragende Bedeutung der Herford-Bünder Zigarrenindustrie für die gesamte Provinz Westfalen wird durch einen Vergleich mit den benachbarten Landkreisen besonders deutlich: Während im Jahre 1905 in den Krankenkassen des Kreises Herford bereits 16.278 Zigarrenarbeiter angemeldet waren, konnten für den Kreis Lübbecke 4.039, für den Kreis Minden 3.467, für den Kreis Halle 311 und für den Kreis Bielefeld nur 197 Zigarrenarbeiter gezählt werden.[30]

Die aus der Zigarrenindustrie resultierenden Steuern stellten um die Jahrhundertwende für viele Gemeinden des Kreises Herford den Hauptteil ihres Steueraufkommens dar; diese Steuern machten häufig mehr als 40 Prozent des gesamten Steuersolls aus. So umfaßte etwa im Jahre 1905 der Anteil der von Zigarrenfabrikanten und -arbeitern in der Stadt Bünde aufgebrachten Steuern 68,6 Prozent des gesamten Gemeindesteuersolls.[31]


  1. Der im Jahre 1843 gemäß der Landgemeindeordnung von 1841 geschaffene Amtsbezirk Bünde umfaßte die Stadt Bünde und die Gemeinden Ahle, Dünne, Ennigloh, Holsen, Hüffen, Hunnebrock, Muckum, Spradow, Südlengern und Werfen sowie den Gutsbezirk Steinlacke. Bis zum Jahre 1888 waren das Amt Bünde und das Amt Rödinghausen zudem als Verwaltungsunion verbunden, d.h. dem Bünder Amtmann oblag auch die Verwaltung des Amtes Rödinghausen. Im Jahre 1902 löste sich der Amtsbezirk Bünde auf, als die Stadtverordnetenversammlung die Stadt Bünde zur separaten amtsfreien Stadt erklärte. Die übriggebliebenen Gemeinden konstituierten das neue Amt Ennigloh. Vgl. Leesch, W., Geschichte der Verwaltung des Kreises Herford, in: Landkreis Herford Hg., 150 Jahre Landkreis Herford, Herford 1966, S. 17 f., u. Rumbke, H.W., Die Geschichte der Stadt Bünde i.W., Bünde 1928, S. 97 f.
  2. Vgl. Mager, W., Protoindustrialisierung und agrarisch-heimgewerbliche Verflechtung in Ravensberg während der Frühen Neuzeit, in: Geschichte und Gesellschaft 8. 1982, S. 435-74. Hier ist auch die gesamte relevante Literatur verzeichnet.
  3. KreisA HF, A, Nr. 1031.
  4. Ebd.
  5. Ebd., Nr. 201 (= 1852), 208 (= 1867) und 217 (= 1897).
  6. Vgl. Krull, R., Das Amt Enger im 19. Jahrhundert, in: Kreisheimatverein Herford Hg., Amerikaauswanderer aus den Ämtern Spenge und Enger (= Wittekindsland 1), Herford 1987, S. 63 ff., u. Stockhecke, K., Die Wirtschafts- und Sozialstruktur des Amtes Herford-Hiddenhausen im 19. Jahrhundert, in: Kreisheimatverein Herford Hg., Amerikaauswanderer aus Herford, Hiddenhausen und Vlotho im 19. Jahrhundert (= Wittekindsland 2), Herford 1988, S. 86 ff.
  7. Zahlen nach Reekers, St. u. J. Schulz Bearb., Die Bevölkerung in den Gemeinden Westfalens 1818 - 1850, Dortmund 1952, S. 71 ff.; Statistisches Landesamt NRW Hg., Gemeindestatistik des Landes Nordrhein-Westfalen. Bevölkerungsentwicklung 1816 - 1871 (= Sonderreihe Volkszählung 1961, Heft 3 d), Düsseldorf 1966, S. 190 ff.; KreisA HF, A, Nr. 1828.
  8. Dieser Zusammenhang zwischen der Krise des ländlichen Heimgewerbes und der Bevölkerungsentwicklung wurde u.a. auch in der im Jahre 1865 verfaßten Statistischen Darstellung des Kreises Herford angesprochen: "Diese Krisis ... hat schließlich zu einer vermehrten Auswanderung eines Theils der arbeitenden Klasse nach Nord-Amerika und den sich in großen Dimensionen rasch industriell entwickelten Gegenden der Grafschaft Mark und des Großherzogtums Berg geführt." Siehe: Statistische Darstellung des Kreises Herford 1865, Herford o.J., S. 34
  9. Zusammengestellt aus den Tauf- und Beerdigungsregistern der Kirchengemeinde Bünde, in: Landeskirchliches Archiv Bielefeld, Bestand 8, 3, Nr. 6, 7, 8, 9, 10, 15, 16 u. 17. Die in der Tabelle enthaltenen Geburten und Sterbefälle beziehen sich nur auf die Bewohner evangelischen Glaubens. Diese Einschränkung ist jedoch unbedeutend, da die Zahl der ortsansässigen Katholiken und Juden nur sehr gering war. Auswandererzahlen aus: KreisA HF, Auswandererkartei. Da nicht alle illegalen Auswanderer ermittelt werden konnten, ist die Zahl der Amerikaauswanderer noch etwas größer als in der Tab. 4 angegeben.
  10. Vgl. Krull u. Stockhecke, a.a.O.
  11. Von Laer, W., Bericht über die Lage der arbeitenden Klassen des Kreises Herford an das Kgl. Preuß. Landes-Ökonomie-Kollegium 1851, in: Jantke, C. u. D. Hilger Hg., Die Eigentumslosen, Freiburg/München 1965, S. 99/100.
  12. Bis in die Mitte der 1830er Jahre war die konjunkturelle Entwicklung jedoch nicht durchgehend negativ. Die Nachfrage nach Garn war z.B. in der ersten Hälfte der 1830er Jahre durchaus stark. Der Bielefelder Kaufmann Delius schrieb: "Das Garn fließt ab wie Wasser." In einem anderen Brief an seinen Bruder berichtete er: "Der große Begehr (aus dem Ausland) nach Garn läßt den (einheimischen) Webern nichts übrig." Vgl. Schmidt, H., Vom Leinen zur Seide. Die Geschichte der Firma C.A. Delius & Söhne und ihrer Vorgängerinnen und das Wirken ihrer Inhaber für die Entwicklung Bielefelds 1722 - 1925, Lemgo 1926, S. 97.
  13. KreisA HF, A, Nr. 1028. Auch in der Chronik des Amtes Bünde war für das Jahr 1847 vermerkt: "Sonst galt das Garn noch Geld; 10 bis 12 Stück kosteten durchschnittlich einen Thaler, jetzt müssen ca. 28 Stück für einen Thaler gegeben werden." Stadtarchiv Bünde, Chronik des Amtes Bünde, Bl. 131.
  14. Ebd., Bl. 128.
  15. Ebd., Bl. 128/29.
  16. KreisA HF, A, Nr. 1031.
  17. Ebd.
  18. Ebd., A, Nr. 1028.
  19. Siehe hierzu: Vahle, M., Die Strohflechterei, ein Glied in der Wirtschaftsgeschichte der Stadt Bünde, in: Ravensberger Blätter 36. 1936, S. 99/100 u. 37. 1937, S. 14-16.
  20. In zeitgenössischen Quellen werden die (größeren) Produktionsstätten für Zigarren i.d.R. als Fabriken bezeichnet. Die Verwendung dieses Begriffs steht jedoch im Gegensatz zur Terminologie der neueren Wirtschaftsgeschichte, die als wesentlichen Bestandteil einer Fabrik u.a. auch den Einsatz von Kraft- und Werkzeugmaschinen erachtet. Als Manufakturen werden dagegen zentralisierte, in der Regel auf Massenproduktion hin orientierte gewerbliche Großbetriebe mit vorhandener Handarbeit, keiner oder nur geringer Mechanisierung und mehr oder weniger stark ausgeprägter Arbeitsteilung definiert. Vgl. u.a. Kocka, J., Unternehmer in der deutschen Industrialisierung, Göttingen 1975, S. 13.
  21. Mittheilungen über die statistischen Verhältnisse und die Verwaltung des Kreises Herford während des Zeitraums vom Jahre 1838 bis zum Jahre 1860. Den Kreisständen vorgetragen in der Sitzung vom 25. Juli 1861 durch den Königlichen Landrath von Borries, Herford 1861, S. 21.
  22. Die Zigarrenherstellung als neuer Zweig der tabakverarbeitenden Industrie (Pfeifen- und Kautabak) hatte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den norddeutschen Hansestädten etabliert. Nach und nach hatte sich die Zigarrenindustrie, begünstigt durch neuerlassene Zollbestimmungen und durch ein niedriges Lohnniveau auch auf verschiedene binnen deutsche Gebiete ausgeweitet: Am Niederrhein wurde bereits um 1820, in Sachsen um 1825, in Westfalen um 1830 und in Baden in der ersten Hälfte der 1840er Jahre - oft nur in bescheidenem Umfange - mit der Zigarrenproduktion begonnen. Den entscheidenden Durchbruch erlebte die heimische Zigarrenindustrie in den Jahren 1852 - 1854 nach dem Beitritt des Steuervereins (Hannover, Braunschweig) zum Zollverein, als zur Förderung der inländischen Zigarrenproduktion einerseits die Importzölle für ausländische Fertigfabrikate drastisch erhöht und andererseits für Rohtabake gesenkt wurden. Vgl. etwa Bertram, E., Volkswirtschaftliche Probleme der Zigarrenindustrie unter besonderer Berücksichtigung der Verbreitung und der Wanderungen der Zigarrenindustrie, Diss. Greifswald 1931, S. 141; Wrede, J., Die Minden-Ravensberger Zigarrenindustrie unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlichen und sozialen Lage ihrer Arbeiter, Diss. Münster 1921, S. 4; jetzt auch: Thielking, Bernd-Friedrich, Die Entstehung und Frühphase der Minden-Ravensberger Zigarrenindustrie (1830-1875), in: Teuteberg, Hans Jürgen Hg., Westfalens Wirtschaft am Beginn des "Maschinenzeitalters", Dortmund 1989, S. 171-97.
  23. Vgl. Engel, G., Geschichte der Stadt Bünde, in: Paetow, K. Hg., Bünde im Widukindsland, Berlin/Holzminden 1953, S. 137.
  24. Wie die Zigarrenindustrie in den Gemeinden in der Umgebung Bündes Fuß faßte, wird z.B. aus einem an den Herforder Landrat gerichteten Brief des Spenger Amtmanns Becher vom 31.8.1858 deutlich: „Der seit mehreren Jahren in der Cigarrenfabrik der Gebrüder André zu Bünde beschäftigt gewesene Cigarren-Arbeiter Röthemeier von hier, will hier eine Cigarren-Fabrik anlegen und zwar in der Art, daß er den rohen Taback von Gebr. André erhält und die fertigen Cigarren an dieselben zurück liefert. Er arbeitet demnach eigentlich nur gegen Lohn für die Andrésche Fabrik.“ Stadtarchiv Spenge, I, Nr. 46/23: Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in den Fabriken, 1853 - 1874.
  25. Vgl. Thielking, S. 181.
  26. Vgl. Heydenreich, F., Die Finanzwirtschaften der Stadt Bünde und der Filialgemeinden Eilshausen, Hiddenhausen und Oetinghausen während der Jahre 1906 - 1912, unter bes. Berücksichtigung der durch die westfälische Zigarrenindustrie gegebene wirtschafts- u. finanzpolitischen Probleme, Diss. Münster 1914; siehe auch: Engel, S. 139.
  27. Bericht der Taback-Enquete-Kommission über den Tabackbau, den Handel mit Rohtaback, die Tabackfabrikation u. den Handel mit Tabackfabrikaten, sowie über die Tabackbesteuerung im Deutschen Reich, 5 Bde., Berlin 1879, hier: Bericht der Bezirkskommission in Minden.
  28. KAH, Kreis, Nr. 1360: Zollvereinsländischer Gewerbebetrieb, indirecte Steuern, 1865-1894.
  29. Ebd.
  30. Denkschrift der Handelskammer zu Minden und des Westfälischen Tabakvereins zum Gesetzentwurf wegen Änderung des Tabaksteuergesetzes, Minden 1906, Anlage 2.
  31. Ebd., Anlagen 6 u. 7.

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