Archäologie

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Von Dr. Balbina Bäbler Nesselrath

Was ist Klassische Archäologie und womit beschäftigt sie sich?

Klassische Archäologie befasst sich mit der materiellen Hinterlassenschaft der griechischen und römischen Kultur, deren Ausdehnung auch der geographische und zeitliche Raum des Faches entspricht, also Griechenland, Italien, Kleinasien und die Küsten des Schwarzen Meeres, in römischer Zeit zudem die darüber hinausgehenden Provinzen des römischen Reiches (Syrien, Palästina, Jordanien im Osten; Gallien, Teile Germaniens und Britanniens, das heutige Rumänien). Die Grenzen sind aber offen, da es zu allen Zeiten zu einem interkulturellen Austausch kam.

Zeitlich umfasst die Klassische Archäologie die Perioden von der mykenisch-minoischen Epoche (2. Jt. v. Chr.) bis zum Beginn des Mittelalters ca. 500 n. Chr. Allerdings haben sich im Lauf zunehmender Spezialisierung chronologische bzw. regionale Teilfächer von ihr abgetrennt: Ägäische Archäologie (für die minoische und mykenische Kultur der Bronzezeit), Etruskologie und Provinzialrömische Archäologie (für die römische Kultur in Germanien); auch die Architekturgeschichte ist inzwischen ein eigenes Fach und wird meist an Technischen Universitäten gelehrt.

Die Klassische Archäologie befasst sich mit verschiedenen Materialgattungen; eine der zentralen ist die antike Skulptur, die in großer Zahl überliefert ist. Griechische Statuen stellen meist Götter und Heroen dar; viele sind nicht im Original erhalten, da ihr Material – Bronze, oder, wie z. B. bei den Kolossalstatuen der Athena Parthenos auf der Akropolis bzw. dem Zeus von Olympia, Gold und Elfenbein – später neu verwertet wurde; überliefert sind aber römische Kopien in Marmor, die von den Archäologen verglichen werden, um dem Original möglichst nahe zu kommen (sog. „Kopienrezension“). Original erhalten ist Bauplastik (Giebel, Friese, Metopen). Porträts von historischen Persönlichkeiten (Dichter und Dichterinnen, Feldherrn, Priester und Priesterinnen, Philosophen und Philosophinnen, Herrscherpaare) sind aus dem Hellenismus und aus der römischen Kultur überliefert. Trotz der individuellen Erkennbarkeit bieten die Porträts kein wirklichkeitsgetreues Abbild. Ihre Gestaltung folgt vorherrschenden gesellschaftlichen Konventionen, die sich dem modernen Betrachter nicht unmittelbar erschließen. Auch Grabreliefs zeigen idealisierende Tendenzen, können aber gleichzeitig wichtige Selbstzeugnisse der Dargestellten sein. Da sie oft mit Namensinschriften und Lebensalter versehen sind, bilden sie eine wichtige Quelle der demographischen Forschung.

Auch Gebäude (Wohnhäuser, Brunnenhäuser, Tempel, Theater, Thermen etc.) und Stadtstrukturen (z.B. Marktplätze, griech. Agorá, lat. Forum) bilden Gegenstände der klassischen Archäologie. Zu den neueren Teilgebieten gehört die Siedlungsarchäologie mit ihren groß angelegten surveys, mit denen versucht wird, die Siedlungsentwicklung einer Regionen über mehrere Jahrhunderte zu rekonstruieren.

Die in der Antike hochgeschätzte Malerei ist vor allem in der Form von Wandfresken erhalten; die wichtigsten Fundorte sind die Häuser in den 79 n. Chr. vom Vesuv verschütteten Städte Pompeji und Herculaneum. Wie in diesen Wandmalereien wurden auch in den Bodenmosaiken, die ebenfalls ein wichtiges Zeugnis für Wohngeschmack und Lebensgefühl der Villenbesitzer darstellen, berühmte, heute verlorene Gemälde hellenistischer Zeit kopiert (z. B. im sog. „Alexandermosaik“).

Die am häufigsten überlieferte antike Materialklasse ist die Keramik, nach der daher meist die Schichten in den Ausgrabungen datiert werden. Vasen waren Gegenstände der täglichen Gebrauchs, dienten aber auch rituellen Zwecken (Hochzeit, Totenkult); Vasen aus Athen und Korinth fand man vor allem in etruskischen Gräbern. Ihre Bilder stellen mythologische Szenen, aber auch solche des täglichen Lebens dar; oft signierten die Maler ihre Werke. Zur Kleinkunst gehören Schmuck, Glas, Gemmen und Kameen.

Forschungsrichtungen in der Klassischen Archäologie sind daher vielfältig: Kunstgeschichte, Ikonographie, Topographie, Urbanistik; Fragen nach Handel, Gesellschaft, Funktion von Artefakten u. v. a. Die Interessen der Forschung sind oft auch von ihrer eigenen Zeit beeinflusst. Standen früher mehr stilistische und kunstgeschichtliche Fragen im Vordergrund, so sind heute stärker übergreifende Fragestellungen nach gesellschaftlichen Zusammen­hängen und Hintergründen, kulturellem Austausch zwischen Zentrum und Peripherie („Randregionen“), Formen von Selbstdarstellung und Wahrnehmung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen u. a. aktuell.

Literaturhinweise

  • J. Bergemann, Orientierung Archäologie. Was sie kann, was sie will (Hamburg 2000)
  • R. Bianchi Bandinelli, Klassische Archäologie. Eine kritische Einführung (München 1978)
  • A. Gorys, Wörterbuch Archäologie (München 1997)
  • T. Hölscher, Klassische Archäologie. Grundwissen (Darmstadt 2002)
  • R. Lullies / W. Schiering, Archäologenbildnisse (Mainz 1988)
  • S. L. Marchand, Down from Olympus. Archaeology and Philhellensim in Germany 1750-1970 (Princeton 1996)
  • H. G. Niemeyer, Klassische Archäologie, DNP 14, 2000, 901-923
  • C. Renfrew, Basiswissen Archäologie. Theorien, Methoden, Praxis, Darmstadt 2009

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