Basismodul Lektion11

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Inhaltsverzeichnis

Protokoll und Rezension

Und wie zu jedem guten Essen die Frage gehört, wie es denn geschmeckt habe, darf in der Wissenschaft die Rezeption nicht fehlen. Sie stellt einen wesentlichen Teil der wissenschaftlichen Arbeit dar. Forscher tauschen hier ihre Meinungen aus, diskutieren über Thesen und entwickeln gemeinsam neue Ideen.


Das Protokoll

Das Protokoll dokumentiert den Verlauf (Verlaufsprotokoll) bzw. die Ergebnisse (Ergebnisprotokoll) einer Sitzung und produziert keine eigenen Inhalte. In den meisten Fällen ist ein Ergebnisprotokoll die angemessene Form, eine Seminarsitzung festzuhalten.

Das Protokoll sollte so kurz wie möglich und so lang wie nötig ausfallen und Anwesenden wie Nicht-Anwesenden der Sitzung die Möglichkeit geben, Sitzungsinhalte im Wesentlichen nachzuvollziehen oder zu erinnern. Der Hauptgegenstand der Sitzung, unterschiedliche Auffassungen, die im Laufe einer Sitzung vertreten wurden, offene Fragen etc. sollten festgehalten werden.

Die Ergebnisse einer Sitzung sollten aus einem Protokoll deutlich ersichtlich werden. Da die Ergebnisse im Vordergrund des Protokolls stehen, kann es durchaus sein, dass der Protokollant/ die Protokollantin Notizen, die während der Sitzung gemacht wurden, umstrukturieren muss. Davon sollte aber so wenig wie möglich Gebrauch gemacht werden.

Je nach Präferenz des Protokollanten/ der Protokollantin kann sie/ er mit Stichworten arbeiten oder stringent ausformulieren. Auf jeden Fall sollte ein Protokoll sinnvoll in einzelne Abschnitte untergliedert sein. Eine eigene Meinung, persönliche Kommentare, Stellungnahmen und Interpretationen des Protokollanten/ der Protokollantinnen gehören nicht in ein Protokoll. Zu den wichtigen formalen Angaben in einem Protokoll zählen der Titel des Seminars, Name des Veranstalters, Anwesende, Datum der Sitzung, Thema der Sitzung, Namen der Referentinnen, Name des Protokollanten. Achtung: Trotz des Dokumentationscharakters eines Protokolls haben Protokollant/innen eine starke Definitionsmacht über die Sitzung. Sie entscheiden, welche Details in ein Protokoll an welcher Stelle aufgenommen werden. Allerdings wird die Definitionsmacht des Protokollanten dadurch eingeschränkt, dass jedes Protokoll genehmigt werden muss.


Die Rezension

Rezensionen bieten einen Überblick über neuere Veröffentlichungen und eine inhaltliche Einschätzung der besprochenen Werke aus der Perspektive des Rezensenten. Sie geben wichtige Hinweise auf neuere Veröffentlichungen und helfen bei der Einschätzung solcher Arbeiten. Rezensionen informieren sich über die benutzte Literatur, den Aufbau und die Hauptthesen der rezensierten Darstellung. Für eine eigene kritische Einschätzung sollten Sie am besten gleich mehrere Rezensionen aus verschiedenen Zeitschriften suchen.

Wollen Sie selbst eine Rezension verfassen, so gibt es einige Punkte, an die man sich halten kann. Wichtig ist, dass Autor(en) oder Herausgeber angegeben werden und Titel der Publikation, ebenso Hinweise auf bisherige Veröffentlichungen. Ordnen Sie das Werk in die entsprechende Textsorte ein. Kurz sollten Sie den Inhalt des besprochenen Werks wiedergeben. Dabei arbeiten Sie auch die Absicht des Autors heraus und in welchen Kontext die Publikation erschienen ist - ist sie vielleicht inzwischen eine Art Bestseller oder ist das Thema von besonderer Aktualität. Nach dem Inhalt können Sie sich dem methodischen Vorgehen des Autors widmen, das heißt ist die Publikation sinnvoll gegliedert, wie ist der wissenschaftliche Apparat beschaffen und hat das besprochenen Werk eine bestimmte methodische Absicht. Interessant ist ebenfalls der Stil der Darstellung - wie lesbar ist der Text, kann man ihn nachvollziehen oder sind auch Vorkenntnisse erforderlich.

Der Erscheinungsweise ist für Sie ebenso wichtig. Ist das vorliegende Werk eine völlig überarbeitete Neuauflage - und wenn ja, wie unterscheidet sie sich von den älteren Auflagen. Auch Hinweise zu Parallelveröffentlichungen können Sie mit in Ihre Rezension aufnehmen und sie gegebenenfalls miteinander vergleichen. Weiter wichtige Gesichtpunkte sollten für Sie sein, ob dieses Thema vielleicht häufig bearbeitet worden ist - und welchen Stellenwert nimmt es in diesem Kontext ein? Sie sollten vielleicht auch ein paar Worte über die Ziel- und Lesergruppe verlieren: hat es einen begrenzten Interessentenkreis und ob es nur für eine spezielle Gruppe von Lesern geeignet ist.

Abschließend dürfen Sie noch die eigene Empfehlung angeben. Wenn Sie die genannten Punkte ausgeführt haben, können Sie auch begründen, warum Sie das rezensierte Werk weiterempfehlen können - oder auch nicht.


Beispielrezensionen

Hier haben wir für Sie drei Rezensionen ausgesucht. Lesen Sie diese und versuchen Sie sich ein Urteil über beide zu bilden. Am Ende haben wir kurze Anmerkungen, wie wir darüber denken.


Erstes Beispiel

Rainer Pöppinghege: Rezension zu: Küttner, Sibylle: Farbige Seeleute im Kaiserreich. Asiaten und Afrikaner im Dienst der deutschen Handelsmarine. Erfurt 2000. In: H-Soz-u-Kult, 14.02.2002

Der Einsatz von ausländischen Arbeitskräften in der deutschen Wirtschaft ist schon lange üblich. Jahrzehnte vor den offiziell angeworbenen "Gastarbeitern" der Bundesrepublik waren Land- und Fabrikarbeiter im Kaiserreich für deutsche Unternehmen tätig. Dass dies zu einem großen Teil auch die Handelsmarine betraf, war von der Forschung bisher nur am Rande berücksichtigt worden. Diese Lücke hat Sibylle Küttner mit ihrer auf einer Magisterarbeit der Universität Hamburg basierenden Studie über "Farbige Seeleute im Kaiserreich" nun geschlossen. "Was für die deutsche Industrie und Landwirtschaft Polen und Italiener waren, waren für die weltweit agierende Seeschifffahrt hauptsächlich Asiaten und Afrikaner." (S. 8). Gegen Ende des Kaiserreichs betrug der Anteil farbiger Seeleute in der Handelsmarine rund elf Prozent. Die Zunahme der farbigen Mannschaften ist durch den Einsatz von Dampfschiffen und die stärkere Frequentierung tropischer Fahrtrouten zu erklären: "Spätestens ab 1897 fuhren die meisten Dampfer östlich des Suezkanals mit farbigen Mannschaften." (S. 9). An dieser Stelle wäre ein genauerer Blick auf die deutschen Schutzgebiete in Übersee interessant. Sie ließen den Bedarf an Schiffsverbindungen tatsächlich wachsen, doch scheinen sie eine eher untergeordnete Rolle bei der Entwicklung der Handelsschifffahrt insgesamt und hinsichtlich der behandelten Problematik im Besonderen gespielt zu haben.

In ihrer sozialhistorisch - und weniger kulturgeschichtlich - angelegten Untersuchung verbindet die Autorin profunde Kenntnisse aus der Seefahrtspraxis des 19. und 20. Jahrhunderts mit einer behutsamen und abgewogenen Quellenanalyse. Als Quellen standen ihr neben zeitgenössischen Veröffentlichungen u.a. die Bestände der Hamburger Senatskommission sowie der Seemannsämter Bremen und Bremerhaven zur Verfügung. Eingeschränkt wird ihre Forschungsperspektive zweifellos dadurch, dass so gut wie keine Selbstzeugnisse der farbigen Seeleute vorliegen, ein Manko, dessen sich die Autorin bewusst ist.

Dennoch gelingt es ihr, die Lebensverhältnisse der asiatischen und afrikanischen Seeleute mit denen aus Europa in Beziehung zu setzen. Denn die Verwendung der Farbigen hing ganz entscheidend von externen Faktoren ab. Zum einen wollten die Reeder ihre Personalkosten senken - Seeleute aus Asien und Afrika erhielten nur rund ein Drittel der üblichen Heuer. Schlechte Arbeitsbedingungen gab es - mit entsprechend erhöhter Suizidrate unter den Heizern - aber auch für europäische Seeleute. Auf der anderen Seite hatte der Einsatz politische Gründe, wenn mit den politisch vermeintlich inaktiven Farbigen das sozialdemokratische Element an Bord geschwächt werden sollte. Schließlich galt es noch, die unter der europäischen Mannschaft besonders unattraktiven Arbeitsplätze an den Dampfkesseln zu besetzen. Die bessere Verwendungsmöglichkeit von farbigen Seeleuten unter den extremen klimatischen Bedingungen in den Tropen wurde im zeitgenössischen Diskurs mit medizinischen, nicht aber kulturellen Argumenten bekräftigt. Demnach seien farbige Seeleute aufgrund ihrer körperlichen Konstitution besser an die große Hitze gewöhnt. Die Autorin erkennt in dieser Argumentation rassistische Anklänge, ohne diese jedoch genauer zu definieren. Überhaupt bleibt der von ihr verwendete Rassismusbegriff diffus, so etwa, wenn den Farbigen durchaus eine kulturelle Entwicklungsfähigkeit seitens der Zeitgenossen zuerkannt wird (S. 119). Ist allein die verstärkte Verwendung - und schlechtere Bezahlung - von Asiaten und Afrikanern ein Indiz dafür, dass man sie als Menschen zweiter Klasse ansah? Immerhin gingen die Zeitgenossen auf der Basis der damaligen Erkenntnis doch mehrheitlich tatsächlich davon aus, dass Farbige die Arbeitsbedingungen besser aushielten.

Schließlich wäre zu fragen, wie das Phänomen modernisierungstheoretisch bzw. innerhalb des Migrationsdiskurses einzuordnen ist. Gab es eine deutlich akzentuierte Rassepolitik politischer bzw. ökonomischer Kreise, wirkte sich die tägliche Praxis auf Konzepte von "Rasse" und "Nation" in Deutschland über die eng begrenzten Kreise der Akteure wie Reeder und Arbeitnehmervertreter aus? Diese Fragen werden nur ansatzweise gestreift. Doch immerhin kamen mit dem Einsatz farbiger Seeleute Klassenbegriffe der Sozialdemokratie ins Wanken. Der offiziell propagierten internationalen proletarischen Solidarität stand das Vorgehen gegen die asiatischen Seeleute als Streikbrecher gegenüber. Auf der anderen Seite erwies sich auch die Vorstellung einer klassenlosen "weißen" Vorherrschaft für die Zeitgenossen als schwer nachvollziehbar. Im Prinzip waren damit sowohl klassenkämpferische als auch chauvinistische Konzepte an ihre Grenzen gestoßen.

Widerstand gegen den Ausländereinsatz formierte sich in unterschiedlichen Lagern: Dies betraf vor allem das Lohndumping, aber auch die Tatsache, dass die Position der deutschen Arbeitnehmerorganisationen unterlaufen wurde. Bedenken kamen auch aus der nationalen Ecke: Durch die Erhöhung des Ausländeranteils in der Handelsschifffahrt könnten künftig nicht mehr genügend ausgebildete Kräfte für die Kriegsmarine rekrutiert werden - ein wohl eher "deutsches" Argument. Sibylle Küttner ist es mit ihrer Untersuchung gelungen, die sozial- und arbeitsgeschichtliche Forschung zu einer zahlenmäßig keineswegs unbeträchtlichen Gruppe mit neuen Ergebnissen zu inspirieren. Aus sozialgeschichtlicher Perspektive lässt ihre Studie kaum Wünsche offen. Dabei bemüht sie sich immer wieder, die international vergleichende Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren, denn die Personalpolitik der deutschen Reeder war diesen zuvor schon von ihren britischen Kollegen vorgemacht worden. So hatten die Briten damit begonnen, aus Verständigungsgründen und um den sozialen Frieden an Bord zu sichern, ethnisch einheitliche Mannschaften anzuheuern und diese strikt von den europäischen Seeleuten zu trennen (S. 37). Der internationale Vergleich kann dank der vorliegenden Arbeit über die farbigen Seeleute in der deutschen Handelsmarine nun voran getrieben werden.


Zweites Beispiel

Ravi Ahuja: Rezension zu: Kundrus, Birthe: Moderne Imperialisten. Das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien. Wien 2003. In: H-Soz-u-Kult, 18.11.2003.

Im Jahre 1912, so berichtet Birthe Kundrus, wurde am Geburtstag des Kaisers in Windhoek ein Kriegerdenkmal zu Ehren der in den Kriegen gegen Nama und Herero gefallenen deutschen Soldaten enthüllt. "Der eherne Reiter der Schutztruppe", so wurde auf der Einweihungsfeier erläutert, "[…] verkündet der Welt, daß wir hier Herren sind und bleiben werden" (S. 216). Das viereinhalb Meter hohe Reiterstandbild war Resultat eines mehrjährigen Prozesses kolonialen Räsonierens, einer Suche nach einer Denkmalform, die geeignet war, die deutschen Kriegstoten zu ehren, ohne "daß die Eingeborenen in der Darstellung einen Triumph für sich erblicken können" (S. 214). Im Ergebnis wurden nun keine gefallenen Schutztruppler dargestellt, und auch die Nama und Herero fanden weder als kämpfende noch als besiegte Gegner Eingang in die Denkmalsgestaltung. Diese verwies, wie Kundrus treffend bemerkt, "die Kolonisierten […] visuell nach außen" (S. 218). Die Kolonisierten besaßen in dieser Darstellung weder Gesicht noch Gliedmaßen, sie als denkende und handelnde Subjekte anzuerkennen, wollten die Denkmalstifter ja gerade vermeiden. Dies scheint ein generelles Charakteristikum aller Kolonialdiskurse zu sein, nicht nur des wilhelminischen, den Kundrus untersucht. Auf die Konsequenzen dieses Phänomens für die Geschichtsschreibung werden wir noch zu sprechen kommen.

Zunächst wollen wir uns aber den Intentionen der Autorin zuwenden, die eingangs klarstellt, dass ihre Studie nicht als Beitrag zur Geschichte der Kolonisierten in "Deutsch-Südwestafrika", sondern als Versuch der "Integration kolonialer Vorstellungswelten in eine Mentalitäts- und Kulturgeschichte des Kaiserreiches" (S. 26) verstanden werden solle. Sie begreift Kolonialismus als "reflexive[n] kulturellen[n] Vorgang" (S. 10) und interessiert sich besonders für jene Spuren, die "der Imperialismus bei den Imperialisten und zwar in deren individueller und kollektiver Identitätsbildung" hinterließ (S. 17). Kundrus erkundet also in theoretischer Anlehnung an gegenwärtige Trends der Kolonialforschung im englischsprachigen Raum den deutschen "Kolonialdiskurs". Die Stärke des Buches besteht darin, aus einer Fülle schriftlich überlieferter deutscher Stellungnahmen zur Kolonialpolitik Argumentationsmuster und Debatten zu rekonstruieren. "Kolonialinteressierte" oder "Kolonialräsonierende" nennt die Autorin diejenigen, deren Stimmen sie in ihrer Studie hörbar macht: Männer und (in geringerem Umfang) Frauen, die großenteils dem Bildungsbürgertum, zum Teil auch dem Adel entstammten und ein vorwiegend, aber nicht ausschließlich konservatives politisches Spektrum repräsentierten.

Die Studie widmet sich vier wichtigen Problemfeldern des "Kolonialräsonierens", nämlich der Ansiedlungspolitik, der Naturbewältigung, dem "kulturellen Arrangement in der Fremde" und schließlich der "Rassenpolitik" hinsichtlich so genannter "Mischehen". In den Debatten über diese Problemfelder scheinen drei zentrale Themen immer wieder aufgenommen worden zu sein. Erstens scheint über alles deutsche Kolonialräsonieren der Schatten des britischen Imperialismus gefallen zu sein. Das präsentierte Material lässt bei einem Historiker, der über die britische Kolonialgeschichte arbeitet, den Eindruck entstehen, dass deutsches Kolonialräsonieren sich gewöhnlich in Denkbahnen bewegte, die von britischen Kolonialideologen seit dem späten 18. Jahrhundert angelegt und ausgetreten worden waren. Das gilt für die Ansiedlungspolitik, in der (wie in "Britisch-Indien") Positionen dominierten, die eine Ansiedlung von "auserlesenen Söhne[n] aus den tüchtigsten Kreisen unseres Volkes" (S. 69; gemeint sind die Mittelschichten) befürworteten, um das Prestige der Deutschen unter den "Eingeborenen" nicht zu gefährden. Das gilt ebenso für die strapazierten Denkfiguren kultureller und "rassischer" Segregation. Die Übernahme "fremder" kultureller Praktiken, vom Tragen asiatischer Kleidung bis hin zur Konversion zu einer "orientalischen" Religion, war seit dem späten 18. Jahrhundert im britischen Kolonialdiskurs zunehmend schärfer als "going native" verurteilt worden, und die Politik der "kulturellen Selbstvergewisserung" in "Deutsch-Südwest", welche die "Heimatverbundenheit" deutscher Schulkinder mit ausgestopften Igeln und die der Erwachsenen mit patriotischen Feierlichkeiten kultivierte, scheint ganz diesem Muster gefolgt zu sein. Der Schatten des britischen Empires machte sich allerdings nicht nur in Form von Imitation bemerkbar, sondern auch im ständigen Messen am britischen Beispiel, oft verbunden mit dem Hinweis, dass "der Deutsche" seine "Ebenbürtigkeit" erst noch beweisen müsse. In der Forderung "neben anderen ebenbürtig zu herrschen auch über den Wogen" (S. 1) hallte das "Rule Britannia" des "free-born Englishman" nach. "[W]ir besitzen leider nicht den Rassestolz jener Nationen [der Engländer], sondern leiden an nationaler Weichheit und Nachgiebigkeit gegen alles Fremde und unter Gefühlsdusel, der das Rassebewusstsein oft unterdrückt" - so die Klage eines Alldeutschen aus dem Jahre 1912 (S. 259), die mit zahlreichen gemäßigteren Aussagen in der gefährlichen (und beunruhigend an aktuelle Ergüsse erinnernden) Diagnose übereinstimmte, die Deutschen litten im Vergleich zu den Engländern an einem "Gefühl nationaler Minderwertigkeit" (S. 284).

Das zweite zentrale Thema klang bereits an: Die Bewahrung kultureller und ethnischer "Reinheit", ein "Diskurs", in dem sich Kulturchauvinismus und zunehmend biologistischer Rassismus auf inkohärente Weise miteinander verbanden und eine Politik der "Rassentrennung" legitimierten. Wie in britischen Kolonien wurde der "Import" von Frauen aus der Metropole für ein besonders effizientes Mittel gegen die kulturelle "Assimilation" der Siedler oder, wenn wir den gängigen zeitgenössischen Terminus bemühen wollen, gegen das "Verkaffern" angesehen. Sexuelle Kontakte zwischen europäischen Männern und afrikanischen Frauen wurden von der Mehrheit der Kolonialräsonierenden als "unschön", Ehen in dieser Konstellation als "gemeinschaftsgefährlich", Beziehungen zwischen deutschen Frauen und afrikanischen Männern aber als "niederträchtiger Verrat am eigenen Volk" (S. 223) bewertet. Auch hier wurden britische Denkfiguren nachexerziert, wenngleich entsprechendem Fehlverhalten in deutschen Kolonien nicht nur durch gesellschaftliche Ächtung und administrative Methoden, sondern auch durch gesetzliches Verbot entgegen gewirkt wurde. Auch gab es offenbar keine Versuche, aus dem legitimen oder illegitimen Nachwuchs europäischer Männer und "eingeborener" Frauen eine "Zwischenethnie" (wie etwa die "Eurasians" in Indien) zu konstruieren und dieser in einem ethnisch kompartimentierten Herrschaftssystem eine Mittlerstellung zuzuweisen. Kundrus betont Kontroversen und Inkohärenzen in Segregationsdebatten, betont Differenzen zu späteren ideologischen Konstrukten und insbesondere, dass sich kein "geschlossen rassistisches Menschenbild" herausbildete, "wie es die Nationalsozialisten später perfekt entwickelten" (S. 276). Die Frage nach der langfristigen Wirkung dieser im deutschen Kolonialkontext erzeugten oder umgeformten geistigen Unterströmung ist damit jedoch nicht beantwortet.

Drittens wird in den Debatten der Kolonialräsonierenden die Kolonie immer wieder als positives Gegenbild zu einer bedrohlich empfundenen "Moderne" dargestellt; nicht selten geraten sie zum Schauplatz einer gegen "sozialistische Gleichmacherei" gerichteten Utopie. Auf dem Hintergrund der Umwälzungsprozesse kapitalistischer Modernisierung in der Metropole wurde der "Farmer" als Idealbild des deutschen Siedlers konstruiert, dem eine "Mischform adeliger und bürgerlicher Lebensstile" (S. 66) zugeschrieben wurde. Den Gefahren der Industrialisierung, die "gefährliche Klassen" hervorbrachte und "wirtschaftlich und mental selbständige Existenzen bedrohe" (S. 76), wurde das Bild eines neuen "Herrentums" entgegengestellt, in dem wahrhafte "Freiherren" und "Hirtenfürsten" paternalistische Herrschaft über afrikanische Bedienstete ausübten und eine harte Natur bezwangen. Kundrus betont, dass diese kolonialen Gesellschaftsentwürfe nicht als "rückwärtsgewandter antimoderner antiindustrieller Agrarromantizismus" (S. 76) eingeordnet werden dürften, zitiert aber an anderer Stelle den liberalen Journalisten M. J. Bonn, der die Beamten, die er 1906/07 in Windhoek traf "als Sprösslinge preußischer Junkerfamilien [charakterisierte], die in Afrika so als Herren auftreten würden, wie sie es in Hinterpommern schon lange nicht mehr dürften" (S. 134). Auch für den britischen Kontext ist bemerkt worden, dass Mitglieder der aristokratischen und bürgerlichen Oberschichten in Kolonien patriarchalische Herrschaftsverhältnisse zu etablieren versuchten, die in der Metropole zunehmend unter Beschuss gerieten.

Der besprochene Band ist zweifellos gründlich recherchiert und präsentiert in differenzierter Weise eine Fülle von Material, das neues Licht auf die koloniale Seite der deutschen Geistesgeschichte wirft. Kundrus selbst verweist in den letzten Zeilen ihrer Studie darauf, wie sehr sich "viele deutsche Kolonialkonzepte" an denen anderer Imperialmächte orientierten - man könnte von einem weitgehend "abgeleiteten Diskurs" sprechen. Für die britischen Kolonien liegen hierzu zahlreiche Veröffentlichungen vor; diese Thematik in der deutschen Forschungsdiskussion zur Geltung zu verhelfen, ist aber zweifellos ein nützlicher Beitrag. Die Schwäche der Studie liegt allerdings in einer historischen Perspektive, die Kolonialideologie weitgehend unabhängig von der Gesellschaftsgeschichte der Kolonien untersucht. So wie die Nama und Herero beim deutschen Kriegerdenkmal "visuell nach außen" verwiesen wurden, ergeht es der afrikanischen Bevölkerung "Deutsch-Südwestafrikas" letztlich auch in Kundrus' Monografie. Diese Externalisierung deutet sich bereits im Titel der Studie an: Die Kolonien werden als "Spiegel" des Kaiserreiches angesehen, anderenorts wird ihnen der Status einer "Folie" (S. 281) oder "Projektionsfläche" (S. 9) zugewiesen. Damit wird implizit davon ausgegangen, dass die Kolonisierten bei der Entstehung des Kolonialdiskurses eine rein instrumentelle, passive Rolle spielten - das von Kundrus scharfsinnig analysierte Phänomen der "Unsichtbarmachung" des "Eingeborenen" schleicht sich so in die Prämissen ihrer eigenen Arbeit ein. Deshalb kann die Autorin zwar den Anspruch einlösen, einen Beitrag zur Ideengeschichte des Kaiserreiches geleistet zu haben, die ideologischen Effekte der zeitweiligen Verflechtung einer metropolitanen Gesellschaft in Europa mit einem kolonialen Sozialgefüge im Süden Afrikas lassen sich aus dieser Perspektive allerdings nur sehr eingeschränkt ermessen: Selbst die Kriege gegen die Nama und Herero scheinen für den deutschen Kolonialdiskurses nur eine marginale Rolle zu spielen, während das alltägliche soziale Kraftfeld, auf dem Kolonialherren und Kolonisierte einander begegneten, fast gänzlich ausgeblendet bleibt. So finden etwa die kolonialen Debatten um "Eingeborenverordnungen" und die Kontrolle afrikanischer Arbeitskräfte keinen Eingang in Birthe Kundrus' Geschichte deutschen Kolonialräsonierens. Das von afrikanischen und deutschen Akteuren konstituierte Kraftfeld, die hierdurch bedingten Erfahrungen, die im "Kolonialdiskurs" verarbeitet wurden, werden nicht sichtbar: Der Blick kann sich vom Reiterdenkmal nicht lösen; was verborgen werden sollte, bleibt unscharf. Die Untersuchung bleibt so letztlich Gefangene ihres Gegenstandes.

Drittes Beispiel

Peter Schaefer: Rezension zu: Zimmerer, Jürgen; Zeller, Joachim (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin 2003. In: H-Soz-u-Kult, 20.04.2004.

Vor 100 Jahren begann der Krieg gegen Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, ein besonders dunkles Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte. Auf verdienstvolle Weise nutzen die Autoren des hervorragend illustrierten Buches die verstärkte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für dieses Thema zu einer lesenswerten historischen Aufarbeitung der Ereignisse, Zusammenhänge und Folgen des wohl schlimmsten deutschen Kolonialkrieges. Die beiden Herausgeber und die 12 anderen Autoren sind in der Mehrzahl ausgewiesene Kenner der Kolonialgeschichte bzw. der Geschichte Namibias. Einleitend skizziert Gesine Krüger die Situation in Namibia während des 19. Jahrhunderts und beschreibt die Herero-Gesellschaft nomadisierender Viehzüchter "als Gesellschaft von Rinderhaltern par excellence" (S. 18). Anschließend widerlegt Jürgen Zimmerer die Auffassung, Deutsch-Südwestafrika sei ein kolonialer Musterstaat gewesen und beleuchtet die seitens der deutschen Kolonialverwaltung angestrebte Rassentrennung.

Im nächsten Komplex des thematisch geordneten Buches wird der Kolonialkrieg von 1904 - 1908 behandelt, einer "der blutigsten und zerstörerischsten Kolonialkriege der Geschichte" (Jürgen Zimmerer, S. 45), der heute in der historischen Forschung allgemein als Genozid bewertet wird. Bei der Niederwerfung der Hereros, die auf deutscher Seite mit einem zynisch dokumentierten Vernichtungswillen gegenüber diesem Volk betrieben wurde, hetzten Offiziere und Mannschaften der deutschen "Schutztruppe" die besiegten Herero, Männer, Frauen und Kinder in das wasserlose Gebiet der Omaheke-Wüste, wo sie auf elende Weise starben. Diese "humanitäre Katastrophe" (S. 51) kostete einige 10.000 Hereros das Leben, zumal ein beträchtlicher Teil der Angehörigen dieses Volkes in Konzentrationslagern interniert wurde, in denen es eine hohe Sterberate gab. Das Leiden in den Konzentrationslagern in Swakopmund und auf der Haifischinsel wird von Joachim Zeller und Casper W. Erichsen in zwei gesonderten Beiträgen sichtbar gemacht, wobei die Fotodokumente aus den Lagern eine besondere Beachtung verdienen.

Zimmerer u.a. Autoren verweisen auf den Zusammenhang von Völkermord in Deutsch-Südwestafrika mit den Massenverbrechen im Dritten Reich, insbesondere mit dem Holocaust. Diese Analogie soll nicht bestritten werden, doch schiene es mir wichtig, die deutschen Kolonialgräuel jener Zeit mit den gleichzeitigen Untaten anderer Kolonialmächte Europas und Übersees in einen Zusammenhang zu stellen, so etwa mit den Kongogräueln König Leopold von Belgiens, mit der Praxis der britischen Kolonialherrschaft in Indien oder der Niederwerfung der philippinischen Befreiungsbewegung unter Aguinaldo durch die USA in der Zeit Präsident McKinleys. Die ersten Konzentrationslager wurden - was vielleicht doch hätte stärker thematisiert werden müssen - um die Jahrhundertwende durch Spanien in Kuba, Großbritannien in Südafrika und den USA auf den Philippinen errichtet, bevor dann auch die deutsche Kolonialmacht sich dieses Mittels zur Sicherung kolonialer Herrschaft bediente. Mit besonderer Aufmerksamkeit, ja Spannung wendet man sich der Lektüre des folgenden Themenkomplexes zu, der "Leid, Widerstand und Neubeginn: Die afrikanische Perspektive" überschrieben ist. Nochmals werden darin die soziokulturelle Entwicklung der Herero-Gesellschaft vor dem Kriege sowie die Folgen der Kolonisierung untersucht (Jan-Bart Gewald). Es folgt die Beschreibung des parallel im Süden der Kolonie als Guerillakrieg für beide Seiten verlustreich geführten Krieges der Nama (Werner Hillebrecht). Gesine Krüger ist mit einer weiteren detaillierten Studie zum Thema "Bestien und Opfer: Frauen im Kolonialkrieg" vertreten. "Frauen waren in die Kämpfe verwickelt, sie gehörten zu der in Kriegen immer auch betroffenen und bedrohten Zivilbevölkerung, und schließlich waren sie Mittelpunkt von Propaganda und Phantasieprodukten." (S. 142) Dabei nimmt Krüger besonders die Gräuelpropaganda der Kolonialmacht in den Blick, welche die Herero-Frauen "als rachedurstige und entfesselte Bestien" schilderte (S. 150).

Der letzte Komplex des Buches "Erinnern und Vergessen" wendet sich einer heute bevorzugten Forschungsproblematik zu, der Erinnerungskultur in Namibia und der unterschiedlichen Einstellung zum Krieg von 1904 bei Afrikanern und weißen, oft deutstämmigen Siedlern. Dabei gerät die Beerdigung des Herero-Chiefs Samuel Maharero 1923 in Okahandja (Jan-Bart Gewald) zu einer aufschlussreichen Fallstudie für die Bedeutung des Totenkults in kolonial unterdrückten Ländern. Das Begräbnis wurde nämlich zum Ausgangspunkt einer neuen Herero-Identität, einer neuen Erinnerungstradition dieses Volkes. "Die Beerdigung", bestätigt auch Gesine Krüger, "war eine Rückeroberung eines historischen Ortes, eine machtvolle politische Demonstration und eine spirituelle Bestätigung der Nation."FN1 Joachim Zeller macht in diesem Komplex Anmerkungen zur kolonialdeutschen Erinnerungskultur, wobei er sich hauptsächlich den in der Kolonie bzw. in Deutschland errichteten Denkmälern als Teil dieser Erinnerungskultur zuwendet. Sein Verdikt, die deutsche Geschichtsschreibung habe nach 1945 der Vernichtung der Herero und Nama kaum Aufmerksamkeit gewidmet (S. 198) gilt wohl für die ersten Nachkriegsjahrzehnte der Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik, für die Geschichtsschreibung in der DDR trifft diese Aussage nicht zu. Ich war als junger Historiker in den 1950er-Jahren Zeuge, wie der aus der englischen Emigration zurückgekehrte Helmut Stoecker (1920-1994) am Institut für Allgemeine Geschichte der Humboldt-Universität eine kolonialgeschichtliche Arbeitsgruppe ins Leben rief, deren damalige Veröffentlichungen zu den deutschen Kolonien in Afrika - trotz ihrer weltanschaulich-methodischen Einseitigkeiten - noch heute von Belang sind. FN2

Der Rostocker Historiker Horst Drechsler veröffentlichte einige Zeit später, gestützt auf Akten des Reichskolonialamtes, eine erste kritische Arbeit zum Krieg der Herero und Nama von 1904 bis 1907 .FN3 Zu erwähnen wären schließlich die in Leipzig in den 1950er-Jahren beginnenden kolonialgeschichtlichen Studien Walter Markovs und seiner Schüler.

Als letzter Autor kommt Andreas Eckert zum Thema "Namibia - ein deutscher Sonderweg in Afrika?" zu Wort. Sein Beitrag wirft einige generelle Fragen des Krieges von 1904 bis 1908, seines historischen Kontextes und seiner internationalen Einordnung auf. Man kann ihm nur zustimmen, wenn er den Krieg des kaiserlichen Deutschlands gegen Herero und Nama "zu den dunkelsten Kapiteln des europäischen Kolonialismus in Afrika" zählt (S. 231). Ebenso stimmt der Rezensent ihm zu, wenn er diesen Krieg mit seiner deutscherseits gewollten Brutalität nicht als einen "kolonialen Sonderweg" des Deutschen Reiches, also gewissermaßen als einen kolonialen Ausnahmefall wertet, sondern auf die Ängste und das Gewaltpotential "kolonialer Siedlergesellschaften" (S. 236) zurückführt. Dieses Potential habe sich auf ähnlich totalitäre Weise wie in Deutsch-Südwestafrika 1904 im Mau-Mau-Krieg der britischen Kolonialmacht in Kenia in den 1950er-Jahren manifestiert.

An dem insgesamt lobenswerten Buch waren noch weitere Autoren, darunter Ulrich van der Heyden ("Die ‚Hottentottenwahlen' von 1907"), beteiligt. Der Sammelband spiegelt den heutigen Stand der Forschung zum Krieg von 1904 wider. Er verbindet eine kritische kolonialgeschichtliche Sicht auf die Ereignisse mit dem Blick auf die afrikanische Perspektive, d.h. er erfasst auch das quellenmäßig weniger sichtbare Handeln und Sein der Herero und Nama und betrachtet ihre Rolle nicht lediglich als Objekt der Kolonialpolitik. Dabei werden sowohl soziokulturelle als mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen eingebracht. Reserven der Darstellung des Sammelbandes bestehen - abgesehen vom letzten Kapitel - in der nur ansatzweise erfolgenden komparativen Berücksichtigung der Vorgänge und Zustände der Kolonialpolitik anderer europäischer und überseeischer Mächte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Herausgebern und Autoren ist zu danken, dass sie mit ihrer Wortmeldung sowohl für die weitere kolonialgeschichtliche Forschung als auch für die künftige Geschichte Südafrikas - nicht zuletzt im Blick auf ein noch zu schreibendes "Schwarzbuch des Kolonialismus" - einen wichtigen Beitrag geleistet haben.


Anmerkungen

Zu Beispiel 1


In seiner Rezension gelingt es Rainer Pöppinghege, nicht nur einen kurzen Überblick über den Inhalt des Buches zu geben, sondern auch das Interesse des Lesers zu wecken. Er zeigt die Schwächen und Stärken der Autorin auf, empfiehlt aber leider (wie auch die anderen Verfasser ) das Buch nicht einer besonderen Leserschaft.


Zu Beispiel 2


Die Rezension von Ravi Ahuja ist eine besonders kritische Rezension, die dem Leser zeigt, dass nicht jedes Buch als gut bewertet werden muss. Mit Formulierungen wie:"...wollen wir uns..." wirkt die Rezension sehr persönlich, Wie man zu diesem Schreibstil steht, ist natürlich jedem selbst überlassen. Er stellt aber in jedem Fall eine Alternative dar.


Zu Beispiel 3


An der Rezension von Peter Schäfer über das Buch "Völkermord in Deutsch - Südwestafrika" überzeugt die kleine Einleitung, die einen aktuellen Bezug herstellt. Zusätzlich geht der Verfasser auf den Aufbau des Buches ein. Die eigene Meinung von Peter Schäfer kommt sehr stark zum Ausdruck, dass es sich dabei um seine eigene Meinungen handelt wird aber immer in seinen Formulierungen deutlich.