Basismodul Lektion4

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Inhaltsverzeichnis

Die Forschungsdebatten

Allgemeines

Mit den Orientierungen in der Historiografie folgt der zweite Schritt im etwas längeren Prozess des Auspackens und Sichtens. Wenn Geschichteschreiben wie Kochen ist, stellt sich Ihnen die Frage, nach welchem Rezept Sie vorgehen wollen: Kochen nach Großmutterart oder Nouvelle Cuisine? Bevor Sie sich in Ihr Thema verbeißen und bevor Sie sich einer endgültigen Fragestellung zuwenden, sollten Sie unbedingt herausfinden, wie andere Köche an das Thema herangegangen sind, das nun das Ihre werden soll. Von Spezialisten kann man lernen - man muss Spagetti Bolognese nicht neu erfinden. Warum aber nicht Spagetti Bolognese mit einem neuen Pfiff versehen? Auch dann informieren Sie sich am besten, welche Art der Zubereitung in der Branche üblich ist. Vielleicht kommen Sie mit den Experten ins Gespräch! Doch rufen Sie nicht unmittelbar an, sondern orientieren Sie sich zunächst eigenständig.

Für die Erarbeitung eines Themas, das Sie wissenschaftlich bearbeiten wollen, suchen Sie somit eine Auseinandersetzung mit der Historiografie zu suchen. Es ist klar, dass sich im Lauf der Zeit und durch fortwährende Forschung die Sichtweise auf ein Thema verändert. Manchmal werden neue Quellenkorpora erschlossen, manchmal verändern neue Zugangsweisen den Blickwinkel. Historiografie ist ein dynamischer Prozess, der unter anderem auch erkennen lässt, warum Menschen sich mit einer bestimmten Thematik beschäftigen. Fragestellungen und Arbeitshypothesen früherer Historikergenerationen unterscheiden sich aller Voraussicht nach von Ihren Fragestellungen und Arbeitshypothesen. Zögern auch Sie deshalb nicht, sich über Ihre eigenen Perspektiven klar zu werden, wenn Sie sich mit den wichtigsten Forschungssträngen zu einem Thema beschäftigen. Historiografie entwickelt sich häufig im Kontext einer Forschungsdebatte. Solche Debatten lassen sich verfolgen und sollten später in einer schriftlichen Hausarbeit oder einem Vortrag darstellt werden. Sie werden dann darauf achten müssen, dass Sie die Forschungsdebatte nicht nur rekonstruieren, sondern unter einem Blickwinkel darstellen, der für Ihre Arbeit und Ihren Ansatz besonders wichtig ist. Doch zu den Details des Vortrags und der schriftlichen Darstellung später.


Formen

Debatten können sowohl mündlich (z. B. bei Tagungen, Kongressen, unter Kollegen etc.) als auch schriftlich (in der Forschungsliteratur) geführt werden. Zunächst mündlich geführte Debatten sind ab einem bestimmten Punkt häufig in wissenschaftlichen Zeitschriften und Monografien dokumentiert. Sie können sich über mehrere Jahre, sogar Jahrzehnte erstrecken. Die Debatten können sich aus schnell aufeinander folgenden Beiträgen ebenso ergeben wie aus der Wiederaufnahme und Modifikation eines älteren Ansatzes oder aber über eine längere Phase nicht weiter diskutiert werden.

Debatten verändern im Lauf der Zeit ihre Schwerpunkte, nicht nur, weil neue Erkenntnisse die Sichtweisen der Wissenschaftler beeinflussen, sondern auch, weil Wissenschaftler Fragestellungen und Perspektiven im Kontext der Herausforderungen ihrer eigenen Gegenwart entwickeln (siehe: Fragestellung).

Charakteristisch für jede Debatte ist, dass die Teilnehmer sich aufeinander beziehen. Die Teilnehmer an einer Debatte nehmen dabei eine jeweils eigene Position ein und grenzen diese gegen Positionen der Vorgänger oder Mitstreiter ab. Häufig stimmen sie mit den Positionen bestimmter Teilnehmer zumindest teilweise auch überein. Damit Sie für Referate und Hausarbeiten Forschungsdebatten sinnvoll aufbereiten, müssen Sie die Forschungspositionen anderer kritisch reflektieren (siehe: Forschungsposition referieren) und unter Einbringung Ihres eigenen Materials und Ihrer eigenen Lektüre bewerten.

Die Auseinandersetzung mit einer Debatte zu Beginn einer für Sie neuen Thematik ist für den Anfänger zwar oft mühselig, bietet aber einen soliden Zugang, um selbst Stellung zu beziehen und die Beiträge einzuschätzen, die Sie im Verlauf der Arbeit an einem Thema auswerten werden. Achten Sie bei Ihrer Textlektüre darauf, wer sich auf wen bezieht und welche Forschungspositionen ein Autor jeweils berücksichtigt. Reihen Sie dabei nicht nur eine Forschungsposition an die nächste, sondern stellen Sie den Zusammenhang zwischen den Positionen her, denn erst auf diese Weise arbeiten Sie den Debattencharakter heraus.


Forschungsposition erarbeiten

Unterschiedliche Autoren betonen in der Regel unterschiedliche Aspekte eines Sachverhaltes. Sie rekonstruieren Geschichte in Bezug auf eine eigene Fragestellung und kommen zu bestimmten Ergebnissen, die sich mit den Erkenntnissen anderer Autoren decken, diesen aber auch entgegenstehen können. Ihre Aufgabe bei der Einarbeitung eines Sekundärtextes in ein Referat, Vortrag oder schriftliche Arbeit, ist deshalb das kritische Lesen und das Referieren der jeweiligen Forschungsposition aus dem Text.

Es handelt sich bei dieser Arbeit also um mehr als eine Zusammenfassung vorhandener Forschungspositionen. Eine Forschungsposition zu referieren, heißt insbesondere, diese angemessen einzuordnen. Zum Referieren einer Forschungsposition können deshalb folgende Aspekte gehören:


  • die Forschungsposition zusammenzufassen
  • sie möglichst präzise auf den Zusammenhang zu beziehen, in dem Sie sie gelesen haben und anwenden wollen
  • die Positionen zu bewerten. Wenn Sie eine Forschungsposition referieren, können Sie auf folgende Kennzeichen eingehen:
  • was sind die Hauptaussagen in der zu referierenden Forschungsposition?
  • wann entstand die Forschungsposition?
  • vor dem Hintergrund welcher existierenden Positionen arbeitet der Wissenschaftler?
  • welche Quellen benutzt der Wissenschaftler?
  • wie geht der Wissenschaftler in seiner Darstellung methodisch vor?


Das Referieren von Forschungspositionen erfolgt selbstverständlich unter Angabe der Literatur, die Sie verwendet haben. Das heißt: Sie arbeiten auf jeden Fall mit Fußnoten! Beim Referieren einer Forschungsposition ist es manchmal angebracht, sich begrifflich nah an die Ausdrücke zu halten, die der Autor benutzt. Wörtliche Übernahmen sind in solchen Fällen als Zitat zu kennzeichnen!

Achten Sie immer auch auf den Zeitpunkt der Publikation, mit der Sie sich gerade befassen. Das Jahr der Publikation bietet oft eine Hilfestellung, um einzuschätzen, ob eine Forschungsposition inzwischen weiter entwickelt wurde.



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