Black Athena

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  • Autorin: Nina Melchers
  • Erstveröffentlichung: 01.10.2002 bei www.geschichte.uni-hannover.de


Inhaltsverzeichnis

Provokation der westlichen Historiographie

1987 veröffentlichte der britische, in den USA lehrende Historiker Martin Bernal den ersten und 1991 den zweiten Band seines mehrbändig angelegten Werkes "Black Athena" zum Einfluß der alten Hochkulturen Ägyptens und Phöniziens auf das antike Griechenland.

Der Ausgangspunkt Bernals ist die bis ins 18. Jahrhundert unbestrittene bedeutende, ja führende Rolle der ägyptischen und phönizischen Hochkulturen für die Entwicklung der westlichen Kulturlandschaft. Seiner Ansicht nach habe eine massive Geschichtsfälschung der westlichen Historiographie des 19. und 20. Jahrhunderts zu einer Eliminierung dieses Einflusses aus dem kulturellen Gedächtnis geführt. Dies sei gleichzeitig Ergebnis und Grundlage einer vorherrschenden imperialistischen und rassistischen Ideologie des Westens, zu der vor allem auch die deutsche Geschichtsschreibung entscheidend beigetragen habe.


Anstoß zu neuer Diskussion

Bernals provokante Thesen versetzten die Fachwelt vor allem in den USA in hellen Aufruhr und sind seit dem Gegenstand heftiger Kontroversen zwischen dem althistorischen, weitgehend "weißen", akademischen Establishment einerseits und vor allem afroamerikanischen Historikern und Politikern andererseits. Dabei geht es vor allem um folgende Fragen:


  • Welchen Einfluß hatten die beiden älteren Hochkulturen, die ägyptisch-afrikanische und die phönizische, auf die Herausbildung der griechischen Antike?
  • Waren sie die Mutterkulturen Griechenlands und damit die afro-asiatischen Wurzeln der europäischen Kultur?
  • Ist das alte Ägypten eine genuin (schwarz-)afrikanische Kultur?
  • Gab es einen Trend zur mythischen Überhöhung des antiken Griechenlands und zur Abwertung Ägyptens/Afrikas in der europäischen Neuzeit, und wenn ja, warum?
  • Wie steht es um den Ideologiecharakter der Geschichtswissenschaften in verschiedenen Epochen, also auch heute? Gibt es eine Berechtigung für "relative" Geschichte?
  • Welche Bedeutung hat Geschichte für die Identitätsbildung von Individuen und Gruppen?


Die Fragen sind eigentlich nicht neu, sondern werden in der afrikanischen und afroamerikanischen Fachliteratur schon seit langem der "imperialen" bzw. "weißen" Geschichtsschreibung entgegengesetzt und haben auch längst Eingang in schulische und universitäre Curricula gefunden ("Black Studies"). Es ist interessant, dass sich die etablierte Fachwelt erst mit Bernals Veröffentlichungen herausgefordert sah.

In der deutschen Fachwelt wird diese Debatte übrigens noch weitgehend ignoriert. Das ist sehr schade, denn an ihr wird wieder deutlich, wie abhängig Geschichtsschreibung vom gesellschaftlichen Diskurs, von politischen Großwetterlagen und Machtinteressen sein kann, wie sehr sie für imperiale Rechtfertigungsideologien instrumentalisiert werden kann - ein ewig aktuelles Problem. Gerade auch die deutsche Geschichtsschreibung zu Afrika bietet hier viel Anlaß zu sehr kritischer Auseinandersetzung. Die Heftigkeit und lange Dauer der Debatte zeigt auch, wie tief die geschichtlichen Klischees und Verletzungen sitzen, wie groß das Bedürfnis ist, sich mit seiner eigenen Geschichte auch positiv identifizieren zu können und wie leicht Geschichte zum Kampfplatz in multikulturellen, hierarchischen Gesellschaften werden kann.

Zumindest darin liegt auch die Aktualität dieser Kontroverse für uns: in einer multikulturellen Gesellschaft ist ein mehrperspektivischer, kritischer, wissenschaftlich fundierter und empathischer Geschichtsunterricht nicht nur ein Muss, sondern auch eine faszinierende und korrigierende Horizonterweiterung, aber keine ganz leichte Aufgabe. Und auf die damit angestoßenen Weiterentwicklungen der fachwissenschaftlichen Untersuchungen und Interpretationen darf man gespannt sein: War Ägypten nun eine genuin (schwarz-)afrikanische Hochkultur mit großem Einfluß auf die griechische, und wenn ja, hat das einen Einfluss auch auf unser Geschichtsbild? Welchen?


Weiterführende Literatur

  • Assmann, Jan: "Sentimental Journey zu den Wurzeln Europas. Zu Martin Bernals 'Black Athena'", in: Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 522/523 (1992), 921-931.
Eine der wenigen veröffentlichten Äußerungen deutscher Fachwissenschaftler zu Bernals Thesen.
  • Assmann, Jan: Weisheit und Mysterium. Das Bild der Griechen von Ägypten, München 2000.
In diesem kleinen Band setzt sich Assman implizit mit wichtigen Thesen der Black-Athena-Debatte auseinander, der Frage der wechselseitigen kulturellen Beeinflussung und Abgrenzung/Differenz.
  • Berlinerblau, Jacques: Heresy in the University. The Black Athena Controversy and the Responsibilities of American Intellectuals, New Brunswick, London 1999.
Sehr lesenswerte Auseinandersetzung mit beiden Seiten der Debatte, deren Wert er vor allem darin sieht, festgefahrene Bequemlichkeiten und fachspezifische Borniertheiten unter jeweils neuen Perspektiven zu überprüfen.
  • Bernal, Martin: Black Athena. The Afroasiatic Roots of Classical Civilization., Bd. 1: "The Fabrication of Ancient Greece 1785-1985", New Brunswick 1987, Bd. 2: "The Archeological and Documentary Evidence", London 1991.
Mit diesen beiden Bänden (ein dritter soll noch folgen) hat Bernal die gegenwärtige Debatte ausgelöst.
  • Bernal, Martin: Black Athena writes back - Martin Bernal responds to his critics, Durham, London 2001.
Dies ist nicht der angekündigte dritte Band, sondern eine Antwort auf die Kritiken zu den beiden ersten Bänden.
  • Diop, Cheikh Anta: Civilization or Barbarism. An Authentic Anthropology, New York 1991.
Der senegalesische Historiker und Poltiker gilt als der Klassiker unter den Afrozentristen. Sein Werk spricht eine Vielzahl von historischen, linguistischen und naturwissenschaftlichen Fachwissenschaften an.
  • Harding, Leonhard und Reinwald, Brigitte: Afrika. Mutter und Modell der europäischen Zivilisation? Die Rehabilitierung des schwarzen Kontinents durch Cheikh Anta Diop, Berlin 1990.
Bietet Textauszüge aus der Fülle von Diops Schriften zu seinen wichtigsten Thesen mit einleitenden Kommentaren der Herausgeber.
  • Howe, Stephen: Afrocentrism. Mythical Pasts and Imagined Homes, London, New York 1999.
Eine sehr kenntnisreiche, differenzierte, kritische und zum Teil auch sarkastische Auseinandersetzung mit den ideengeschichtlichen Wurzeln und wichtigsten Vertretern des Afrozentrismus und der aktuellen akademischen Gegner.
  • James, George G. M.: Stolen Legacy. Greek Philosophy is Stolen Egyptian Philosophy, Trenton 1954 (ND 1992).
Dies ist eines der grundlegenden und meistzitierten Bücher der afrozentristischen Historiker. Von den etablierten Althistorikern wird es für unseriös gehalten.
  • Lefkowitz, Mary: Not out of Africa. How Afrocentrism Became an Excuse to Teach Myth as History, New York 1996.
Mary Lefkowitz ist Althistorikerin und zu einer der bekanntesten akademischen Gegnerinnen Bernals und der afrozentristischen Historiker geworden. In diesem Buch setzt sie sich ausführlich mit "Stolen Legacy" von George G. M. James auseinander.
  • Lefkowitz, Mary R. und Rogers, G. MacLean (Hg.): Black Athena Revisited, Chapel Hill, London 1996.
In diesem Sammelband nehmen Althistoriker und historische Wissenschaftler verschiedenster Sparten zu einer Reihe von Bernals Thesen, die ja viele verschiedene Fachgebiete berühren, und im Endeffekt meist sehr kritisch Stellung.
  • Obenga, Théophile: Ancient Egypt and Black Africa. A Student's Handbook for the Study of Ancient Egypt in Philosophy, Linguistics and Gender Relations, London 1992.
Obenga gehört zu den modernen Klassikern der afrozentristischen historischen Schule.
  • Schmitz, Thomas: "Ex Africa lux? Black Athena and the debate about Afrocentrism", in: Göttinger Forum für Altertumswissenschaft 2 (1999), 17-76. [Unter http://www.gfa.d-r.de/2-99/schmitz.pdf als Volltext (pdf) herunterladbar.]
Der Autor gibt einen sehr aktuellen und kritischen Einblick in den Stand der Debatte und plädiert dafür, die von Bernal aufgeworfenen Fragen, nicht unbedingt seine Antworten, auch in Deutschland sehr ernst zu nehmen, vor allem bezüglich einer kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Historiographie.
  • UNESCO-General History of Africa, Bd. 2: Mokhtar, G. (Hg.): "Ancient Civilizations of Africa", überarb. Aufl., London, Berkeley 1990.
Cheikh Anta Diop gehört zu den Ko-Autoren dieses Bandes, und im ersten Teil ist die lebhafte und kontroverse Debatte dokumentiert, die seine Thesen auf einem internationalen wissenschaftlichen Kongress 1974 in Kairo dazu auslösten.


Kommentierte Links

Unter folgenden Internetadressen können Sie sich zu der Debatte informieren (die Suchmaschine "google" liefert für die Phrase "Black Athena" einen guten, aktuellen Einstieg mit ca. 60 Einträgen):

http://www.globlern21.de/weltgeschichte1.htm

Hier finden Sie eine Zusammenfassung der wesentlichen Thesen Martin Bernals und des senegalesischen Historikers Cheikh Anta Diop mit einer ausführlichen Literaturliste. Verantwortlich zeichnet die Schulberatungsstelle "Globales Lernen / Eine Welt" im Hessischen Landesinstitut für Pädagogik.

http://www.gfa.d-r.de/2-99/schmitz.pdf

Volltext (pdf) von Thomas Schmitz: "Ex Africa lux? Black Athena and the debate about Afrocentrism", in: Göttinger Forum für Altertumswissenschaft , 2 (1999), 17-76. Der Autor (Professor in Frankfurt a. M.) gibt einen sehr aktuellen und kritischen Einblick in den Stand der Debatte und plädiert dafür, die von Bernal aufgeworfenen Fragen, nicht unbedingt seine Antworten, auch in Deutschland sehr ernst zu nehmen, vor allem bezüglich der deutschen Historiographie.

http://www.sas.upenn.edu/African_Studies/Articles_Gen/afrocent_roth.html

Volltext: Building Bridges to Afrocentrism der Ägyptologin Ann Macy Roth, in dem sie sehr kluge und vorwärtsweisende Folgerungen aus ihren Lehrerfahrungen zur ägyptischen Geschichte in Kursen mit afroamerikanischen StudentInnen zieht.

http://www.augustana.ab.ca/~janzb/afphilpage.htm

"African Philosophy Resources" von Bruce B. Janz, der an der kanadischen Universität Augustana lehrt. Unter "Documents" gibt es eine Reihe von Volltexten eines der bekanntesten Afrozentristen, Dr. Molefi Kente Asante (Temple University, USA) zum Themenbereich von Black Athena, aber auch von Kritikern (James Palermo und Ibrahim Sundiata). Unter "Sites" gibt es den Link zu

http://www.swagga.com

"The Afrocentric Experience", das unter dem Stichwort "Why Black History" einen Aufsatz vom John Henrik Clarke (einer der bekanntesten afrozentristischen Historiker) im Volltext bietet: Why African History?

http://www.jazm.com/culture/culture_history.html

Dieser Link führt zum "Afrocentric Resource Centre", das der afroamerikanischen Bevölkerung ein breites Beratungs- und Informationsangebot macht, darunter auch zu "Black History" und Sklaverei.

http://www.blackathena.com

Die Homepage von Martin Bernal, des Autors von Black Athena. Man findet unter anderem 2 Volltexte von ihm, einmal eine kurze Zusammenfassung seines mehrbändig angelegten Hauptwerkes Black Athena und einen langen Aufsatz "Antiquity" zur Entwicklung der Landwirtschaft und kultureller Leistungen in der Antike und davor und der Rolle Afrikas dabei (ohne Datum).

http://www.julen.net/ancient/General_Resources/Egypt

"Ancient World Web". Es bietet eine Fülle von Materialien und bezieht mit dem link zu den enstprechenden Seiten bei World History Archives auch den afrozentristischen Darstellungsstrang ein.



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