Borussia

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Die Borussia auf hoher See (1855)
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Das Schwesterschiff, die "Hammonia"

Das Dampfschiff Borussia war eines der ersten Dampfschiffe im Linienverkehr der HAPAG. Bevor es diese Aufgabe wahrnehmen konnte, wurde es jedoch auf englischer Seite zum Truppentransport im Krimkrieg eingesetzt. Infos zur Borussia, vor allem aber weiterführende Links gibt die Wikipedia.

Die erste Fahrt der Borussia als Auswandererschiff

Eine Ankündigung der Borussia als Auswandererschiff gibt die Allgemeine Auswandererzeitung (AAZ) Nr. 26 am 04. April 1856.

Hamburg, 26. März. Von den beiden für die Fahrt zwischen hier und Newyork bestimmten neuen Dampfschiffen der "Hamburg-Amerikanischen-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft" wird die "Borussia," wie wir aus sicherer Quelle erfahren, schon in den nächsten Tagen in England ankommen, um daselbst sofort aus dem mit der englischen Regierung abgeschlossenen Contract entlassen zu werden und alsdann hier einzutreffen. Bald darauf wird auch die Ankunft des anderen Dampfschiffes, der "Hammonia," erfolgen, so daß dieselben bereits im Juni d. J. ihre regelmäßigen Fahrten nach Newyork antreten werden.

Eine erste Anzeige in der AAZ bzw. im Beiblatt "Der Pilot" (Nr. 15) datiert auf den 09. April 1856

[...] Die beiden prachtvollen, eisernen Schrauben- Dampfboote der Gesellschaft:

Borussia, geführt vom Capitain Ehlers,

Hammonia, geführt vom Capitain Hendtmann,

eröffnen ihre regelmäßigen Fahrten direct nach New-York am 1. Juni und 1. Juli.

Dieselben haben sich auf ihren sehr beschwerlichen Probefahrten auf das Glänzendste bewährt und lassen, was Solidität der Bauart, Raschheit und sonstige Vorzüge anbelangt, durchaus nichts zu wünschen übrig.

Die auf das Eleganteste eingerichtete I. Kajüte fast 56, die II. Kajüte 136, das Zwischendeck 350 Passagiere. Preise der Plätze: Reichsthaler. 120. R 75. R 50. (Kinder verhältnismäßig).

Nach den Erfahrungen, die in Betreff der Solidität und Güte der Schiffe erworben sind, können dieselben allen Passagieren als eine Gelegenheit zur Ueberreise empfohlen werden, wie man anderweitig kaum annähernd zu bieten vermag. [...] Schon wenige Ausgaben später findet sich schließlich eine detaillierte Beschreibung des Schiffes bei der ersten Einfahrt in den Hamburger Hafen.

Hamburg, 8. April. Von den beiden großen eisernen Schrauben-Dampfschiffen der "Hamburg-amerikanischen Packerfahrt-Actien-Gesellschaft" traf die 'Borussia,' Cpt. Ehlers, am 4. Nachmittags um 3 3/4 Uhr im hiesigen Hafen ein, was eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit in der ganzen Hafengegend hervorrief. In 40 Stunden hatte das prachtvolle Schiff die Reise von Portsmouth bis nach Cuxhaven zurückgelegt. Das Schiff hatte auf seinen Reisen keinen Mann an Krankheit verloren und befand sich im vortrefflichsten Zustande. Das ankommende Dampfschiff, welches durch das Dampfboot "Elbe" herauf bugsirt wurde, da es wegen seiner Länge auf den sandigen Stellen am Gebrauche des Steuers behindert wird, hatte festlich geflaggt, während der Hafen, sowie der Strom, wo ebenfalls alle Schiffe geflaggt hatten, einen festlichen Anblick darboten. Nachdem noch die zweite Cajüte, das Haus auf Deck etc. zur Passagierfahrt hergerichtet sein werden, wird das Schiff am 1. Juni nach Newyork in Fahrt treten. Dasselbe faßt 55 Passagiere in der ersten, 110 in der zweiten Cajüte und 300 im Zwischendeck, welches letztere die ungewöhnliche Höhe von 7 1/2 Fuß hat. Die Besatzung des Schiffes besteht aus circa 100 Mann. Die Eleganz der Form und die Schönheit des Baues erregten bei der am Hafen zahlreich versammelten Menschenmenge allgemeine Bewunderung. Auf den Reisen im mittelländischen Meere haben die "Borussia" und die "Hammonia" ihre Seetüchtigkeit auf's Glänzendste bewiesen, indem beide Dampfschiffe die schwersten Stürme bestanden haben, ohne an Schiff und Maschine den geringsten Schaden zu leiden, so daß man sich von ihren Reisen nach Newyork um so sicherer den besten Erfolg versprechen kann. – Gestern und heute war es dem Publikum gestattet, die "Borussia" zu besichtigen, eine Erlaubniß, welche von einem großen Theile der Bevölkerung benutzt wurde. Es ist wohl das größte unter der Hamburger Flagge. Die "Borussia" ist im Kiel 280 Fuß englisch lang, die Höhe des Zwischendecks beträgt 7 1/2 Fuß engl, Länge über Deck 330 Fuß, Tragfähigkeit 2000 Tons, Tiefe des Schiffes 21 Fuß. Die Maschine ist eine oscillirende von 375 Pferdekraft mit zwei Kesseln und einem Kohlenbehälter für 800 Tons Kohlen und einer Schraube von 8 Fuß Höhe. Sämmtliche Maschinentheile und besonders das große Triebrad, die Cylinder etc. sind Meisterwerke englischen Eisengusses und haben zusammen ein Gewicht von 280 Tons à 2120 Pfund, davon das große Triebrad allein von 24 und die beiden Kessel von 25 Tons. Das ganze Schiff wiegt 1080 Tons und ist mit vollständiger Takelage eines dreimastigen Schiffes ausgerüstet. Die erste Cajüte umfaßt einen großen Speise- und Aufenthaltssaal, an beiden Seiten mit großen Spiegeln und Gemälden geschmückt, welche Ansichten von Hamburg, Newyork, landschaftliche Bilder aus der sachsischen Schweiz etc. darstellen; ferner einen 56 Fuß langen, auf das Eleganteste decorirten und möblirten Damensalon, ein Rauchzimmer mit Maroquin-Mobiliar, Mamortischen und einer Bibliothek von 400 Bänden; endlich 15 Schlafkammern, welche durch Gänge von einander getrennt, zusammen 56, und zwar 30 feste und 26 Sophabetten, davon 13 jede 2 feste und 2 Sophabetten enthalten. Im Verhältniß nicht minder elegant und comfortabel ist die zweite Cajüte. Dieselbe enthält auf beiden Seiten Kammern und am äußersten Ende jeder Seite Sophabetten. Rechts und links angebrachte Fenster und von oben her Licht gebende Skylights sichern ihr ebenso wie der ersten Cajüte die erforderliche Wärme durch Röhren aus dem Maschinenraum. In derselben Weise wird die Heizung der Combüse und das Kochen der Speisen bewirkt, eine Einrichtung, welche außer manchen anderen Bequemlichkeiten vor allem dadurch sich empfiehlt, daß sie in jedem Augenblicke die Beschaffung fertig zubereiteter Speisen ermöglicht. Auf dem Spardeck des Schiffes befindet sich außer den zierlichen Hütten für die Officiere ein eigenes Eishaus. Um den Bedarf an frischer Milch zu genügen, wird auf jeder Reise eine Kuh mitgenommen, und eine ausgesuchte und umfassend eingerichtete Restauration an Bord kommt gegen mäßige Preise allen nur möglichen Bedürfnissen der Passagiere entgegen. Für di Aufwartung in der ersten Cajüte sorgen 6 Stewards und 2 Stewardesses. Die "Borussia" wird ihre regelmßigen Fahrten am 1. Juni, die "Hammonia" am 1. Juli d. J. beginnen. (Hamb. Blätter.)

Doch bevor die große Reise losgeht, begibt sich die Borussia noch auf eine erste Schaufahrt mit geladenen Gästen elbaufwärts nach Brunshausen, wobei Einrichtung und technische Neuerungen vorgestellt werden.

Hamburg, 3. Juni. Dem Antreten der ersten Reise, welche die "Borussia", Capt. Ehlers, als Packetschiff macht, verlieh die Direction der "Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft" dadurch eine festliche Weihe, daß mehrere Mitglieder in Begleitung einer zahlreichen Gesellschaft eingeladener Gäste das stattliche Fahrzeug vorgestern bis Stade begleiteten. Als sich das Schiff um 9 Uhr Morgens bei schwachem Ostwinde und schönem Wetter in Bewegung setzte, hatte sich längs dem Ufer, so wie auf dem Wasser in Böten eine große Zuschauermenge eingefunden, welche die abgefeuerten Salutschüsse durch Schwenken mit Tüchern erwiederte. Einen malerischen Anblick boten namentlich die Fenster der an der Elbe gelegenen Häuser, Fabriken und Speicher von St. Pauli und Altona dar, indem sie Kopf an Kopf mit Menschen besetzt waren, die sich des Anschauens des vorübergleitenden Schiffes erfreuten. Eine kurze Strecke wurde die "Borussia" von dem Bugsirdampfboot "Superb" ins Schlepptau genommen, dann folgte dieses dem Schiffe, um ihm nöthigen Falls an den seichten Stellen des Fahrwassers Hülfe leisten zu können. Der Capitän Herr Ehlers, welcher auf dem vordersten Theile des Hausdecks das Commando führte, wurde von dem Inspector der Packetfahrt, Hrn. Capt. Haucker, und von Hrn. Capt. Trautmann von der "Donau" unterstützt. Wegen der Länge des Schiffes wurden die schnell aufeinander folgenden Commandoworte von den Officieren nach dem Steuer hin oder nach der Maschine hinunter weiter gegeben. Das geschäftige Leben am Bord und der Anblick der reizenden Elbufer vereinigten sich für die Mitreisenden zu einem Genuß, der durch die bald eintretenden Regenschauer kaum beeintrchtigt wurde, denn sie trübten die frohe Stimmung der Gesellschaft keinen Augenblick, noch vermochten sie dieselben vom Deck zu verscheuchen. Die Landhäuser der am Bord befindlichen Directoren, zunächst des Hrn. C. Woermann und weiterhin dasjenige des Hrn. Ad. Godeffroy wurden jedes mit drei Kanonenschüssen begrüßt, während bei jedem Schuß die Flagge drei Mal gesenkt wurde. Was aber die Aufmerksamkeit besonders der zunächst Betheiligten hauptsächlich in Anspruch nahm, waren die Untiefen bei Neumühlen, Blankenese und Schulau. Mit voller Kraft arbeitete sich jedoch das Schiff, welches 16 Fuß und 10 Zoll tief ging, glücklich über dieselben hinweg, obgleich es an mehreren Stellen hart auf dem sandigen Grunde fortschleifte. Allgemeine Bewunderung erregte der ungewöhnlich ruhige Gang des Schiffes und die geräuschlose Bewegung der colossalen Maschine, so daß viele Fahrgäste, selbst als der "Superb" das Schiff längst verlassen hatte und die Maschine zuerst mit halber Kraft arbeitete, nich immer wähnten, daß die "Borussia" nur im Schlepptau geführt werde. Die Besichtigung der Maschine in voller Fahrt gewährte ebenfalls großes Interesse. Die Cylinder derselben haben 68 englische Zoll im Durchmesser. Die Welle, welche einen Durchmesser von 10 1/2 Zoll hat, dreht sich 70 Mal in der Minute. Auch mit der Dampfheizung der Zimmer des Hauses auf Deck, mittelst kleiner cylinderförmiger Oefen von etwa 2 Fuß Länge und 3 Zoll Durchmesser, wurden Versuche gemacht, die viel Vergnügen gewährten. Nach einer 2 1/2 stündigen Fahrt ging die "Borussia" unter 9 Salutschüssen, die von der Batterie am Lande erwiedert wurden, bei Brunshausen vor Anker. Hier war es wiederum eine neue Vorrichtung, mittelst welcher der Anker gehandhabt wird, welche das Interesse der Passagiere erregte. Sodann vereinigte ein einladendes Frühstück die Fahrgäste, Schiffscaptäne und die höheren Officiere der "Borussia" in dem Speisesaale der ersten Cajüte. Nachdem sich die Gesellschaft in froher Stimmung leiblich gestärkt hatte, begab sie sich zur Rückreise an Bord des Dampfboots "Superb", welches etwa eine halbe Stunde nach der "Borussia" auf deren Ankerplatz angelegt war. Unter Salutschüssen und dem Hurrah der Mannschaft von der "Borussia" steuerte die Gesellschaft noch einmal um das prächtige Dampfschiff herum und langte bei'm schönsten Wetter wieder in St. Pauli an. (H. R.)</span>

Die Schiffsnachrichten der Zeitung dokumentieren angekündigte, gesehene und angekommene Schiff an verschiedenen westeuropäischen und amerikanischen Häfen. Besondere Vorkommnisse werden in notizenhaft erwähnt, außerdem sind "in See gesprochene Schiffe" (Telegramme o.ä.) erwähnt.

Demnach hat die "Borussia" in Brunshausen erneut Kohlen und Passagiere sowie deren Ladung aufgenommen und ist am späten Nachmittag mit 365 Erwachsenen und 64 Kindern in See gekommen. Am 3. Juni wurde sie in Dover gesehen, eine gesprochene Nachricht (Telegramm) des Capitäns wurde am 6. Juni empfangen, demnach befand es sich auf 47° 52' Nördl. Breite und 19° 20' westl. Länge, also etwa 1000km von der englischen Küste entfernt. Die "Borussia" ist "nach einer äußerst schnellen und glücklichen Reise von 16 Tagen am 17. Juni in Newyork angekommen."

In den folgenden Monaten wiederholt sich die Anzeige für die Überfahrt regelmäßig, wobei der Kapitän gelegentlich wechselt. Auch die Preis für die erste Cajüte sollte sich noch um 30 Reichsthaler erhöhen.

Schiffsunglück vor New York 1856

Auf der Oktoberfahrt der Borussia 1856 ereignete sich ein Unglück, das jedoch glimpflich verlaufen sollte. Die Berichterstattung der AAZ und ein Augenzeugenbericht zeigen dabei deutliche Differenzen auf.

Der erste Artikel der Zeitung erscheint in Ausgabe 87 vom 7. November 1856:

Newyork, 18. Oct. Das Dampfschiff "Borussia," Cpt. Ehlers, am 1. Oct. von Hamburg abgegangen, erreichte unseren Hafen nach einer Fahrt von 15 Tagen und 17 Stunden, welche jedoch beinahe zu einer unglücklichen geworden wäre. Am Sonntag, den 12. d., nämlich brach während eines heftigen Sturmes ein Blatt der Schraube, welchem kurz darauf ein zweites folgte. Diese Beschädigung hinderte jedoch das Schiff nicht, tapfer seinen Weg fortzusetzen, in der Hoffnung, den Hafen zu erreichen, als plötzlich durch den Verlust dieser Schraubenblätter der den Schaft umgebende Kasten ein Leck erhielt. Auch dieser Schaden hinderte nicht wesentlich bis Donnerstag Nachts, wo das Wasser so schnell eindrang, daß das Schiff nur mit Mühe durch das vereinte Arbeiten aller Dampf- und Handpumpen flott erhalten werden konnte. Als das Schiff noch 170 Meilen von Newyork entfernt war, berathschlagte Capt. Ehlers, ob er dasselbe, um das Leben der Passagiere zu retten, auf den Sand rennen oder die Fahrt fortsetzen und den Hafen möglichst schnell zu erreichen suchen sollte. Ein Newyorker Lootse, Herr Wolf vom "Washington No. 3," welcher sich am Bord befand, rieth dem Capitän, fortzufahren und Nothsignale zu geben. Demnächst wurden Nothflaggen aufgezogen und Schüsse abgefeuert, während das Schiff mit voller Kraft vorwärts arbeitete. Es heißt, daß der französische Dampfer "Lyonnais" von Havre um diese Zeit vorbeipassirte, ohne jedoch auf die gegebenen Signale zu achten. Gestern Morgen ungefähr um 8 Uhr nahm der Schleppdampfer "Achilles" die "Borussia" außerhalb Sandy Hook ins Schlepptau und brachte sie glücklich am Nachmittag an ihren Landungsplatz. Die Einwanderungs-Commissare gestatteten den Passagieren, daselbst anstatt in Castle Garden zu landen. Heute geht die "Borussia" in den Dry Dock. Die Erhaltung dieses Schiffes ist nur der Bauart mit wasserdichten Abtheilungen zu verdanken. Hatte die ganze Reise rauhes Wetter.(x)"

(x) Eine genaue und authentische Darstellung des nur zum Ruhme des Schiffes dienenden Unfalls folgt in nächster Nummer. D. Red.

Eine Woche später erfolgt ein genauerer Bericht des Unglücks, bei dem New Yorker Zeitungen und der Agent der HAPAG zu Wort kommen.

Hamburg, 4. Nov. Newyorker Blätter entahlten in ihren Schiffs-Berichten folgende Notiz über das am 17. Oct. Morgens in Newyork von Hamburg angekommene Dampfschiff "Borussia": "Am Bord des Hamburger Dampfschiffs "Borussia"wurde am 12. October, als es bei den New-Foundland-Banks angekommen war, bemerkt, daß einer der Flügel seiner Schraube gebrochen war, wahrscheinlich weil es an einen gesunkenen Eisberg angestoßen war. Noch am nämlichen Abende brach ein anderer Flügel und der durch die unregelmäßige Bewegung des noch übrigen Flügels auf das Schiff ausgeübte Druck sprengte die Stopfbüchse und verursachte (am letzten Tage vor Ankunft in Newyork) einen Leck. In Folge davon wurden die Dampfpumpen in Thätigkeit gesetzt, der hintere Theil des Schiffes erleichtert und bei gutem Wetter langte heute Morgen die "Borussia" hier an. Bei Löschung der Ladung fand sich dieselbe unbeschädigt. Da das Dampfschiff in Abtheilungen gebaut ist, war für die Sicherheit des Schiffes keine Gefahr zu besorgen. Es liegt jetzt beim Pier No. 21 North River mit 3 Fuß Wasser in seiner hinteren Abtheilung." Aus dem Berichte des Newyorker Agenten der Hamburg-Amerik.-Packetfahrt-Actien-Gesellschaft fügen wir diesen Angaben noch folgende uns gefälligst mitgetheilte weitere Details bei: "Glücklicherweise hatte der aus dem Zerbrechen der Büchse an einer der zehn wasserdichten Abtheilungen entstandene Leck keine ernste Gefahr zur Folge. Nur wenn der Leck sich vergrößert und die Compartements dem Drucke des Wassers nicht länger widerstanden hätten, wäre solche eingetreten. Die Umsicht des Capitäns, die ausgezeichnete Disciplin an Bord und die thätige Beihilfe der Passagiere bei den Pumpen ließen es jedoch nicht dazu kommen. Die vollkommenste Ordnung herrschte bei den Arbeiten, kein Ingenieur oder Feuermann ging vom Platze und es wurde mit Hilfe sämtlicher Segel und des noch übrigen Flügels der Schraube so viel als möglich vorwärts gearbeitet. Unter andern Umständen hätte der Capitän sich vielleicht veranlaßt finden müssen, in einen Nothhafen einzulaufen; im gegebenen Falle war diese Nothwendigkeit nicht vorhanden und Capitän Ehlers durfte es getrost über sich nehmen, die Passagiere nach ihrem Bestimmungsziele zu führen. In der ersten Frühe des 17. Oct. zeigte sich ein Dampfboot, und um jedem noch etwa besorgenden Risiko vorzubeugen, engagirte Capitän Ehlers dasselbe, bei ihm zu bleiben. Vortrefflich bewährte sich der Bau des Schiffes in Compartements. Das durch den Leck in der Büchse eindringende Wasser blieb dadurch auf die hintere Abtheilung beschränkt und da die Pumpen fortwährend mit voller Kraft gearbeitet hatten, war selbst das Passagiergut trocken geblieben, und scheint die Ladung völlig unbeschädigt. Ebenso ist die Maschine in bester Ordnung und hat nicht den mindesten Schaden erlitten. Heute (18. Oct.), Morgens 9 Uhr geht die "Borussia" ins Dock." Sie hat auf dieser Reise die Dampfschiffe "Ericsson" und "Lyonnais," welche am 1. Oct. von Liverpool, resp. Havre abgingen, trotz eines um 2-3 Tage längeren Weges, geschlagen. Nach neuesten Berichten aus Newyork lag sie gegen Ende des Monats schon wieder in Ladung, um am 1. November wierder in See zu gehen.

Einen ganz anderen Eindruck als die offizielle Berichterstattung gibt ein Augenzeugenbericht, den die Zeitung gekürzt veröffentlicht hat.

"Das Ungemach, welches den Schraubendampfer "Borussia" gegen das Ende seiner October-Ueberfahrt von Hamburg nach Newyork betraf, erfährt in dem jüngst nach Darmstadt gelangten Schreiben eines Mitpassagiers auf jenem Boote, des Hofschauspielers Kornfeld, eine ebenso ausführliche und lebendige als getreue Schilderung. Die dort erscheinende "Muse" macht von der Erlaubnis Gebrauch, einen Auszug jenes Briefes mittheilen zu dürfen und setzt wohl mit Recht vorraus, daß den Lesern die Thatsache und ihr Verlauf überhaupt interessant sein dürfte. – – Dieses Schreiben aus Newyork vom 23. Oktober enthält u.a. folgende Stellen: 'Unter mannigfachen Mühseligkeiten nahte uns nun der 16. Oktober, den wir, so lange wir leben, als einen Schreckenstag bezeichnen und nie vergessen werden. Schon bei unserer Abreise von Hamburg hörten wir hie und da Aeußerungen dienlicher Art (x), daß die Maschine des Schiffes nicht in Ordnung sei, daß ein Flügel an der Schraube schon seit der letzten Reise von Newyork nach Hamburg fehle (die Schraube besteht nämlich aus zwei bis drei Flügeln) und dergleichen Sachen mehr, die uns bedenklich machten und die auch in dem unregelmäßigen Sange der Schraube, besonders Nachts und bei stürmischem Wetter, ihre Bestätigung fanden. Alles tröstete sich aber jetzt mit der baldigen Ankunft in Newyork, die nach der Aussage des Capitäns am nächsten Tage stattfinden sollte. Das Wetter war am 16. das herrlichste, heiterer Himmel, ruhige See. – Wir waren um 4 Uhr Nachmittags in der Gegend von Boston Vorübergekommen, Alles war in der frohesten Stimmung, denn der folgende Tag sollte uns ja nach Newyork bringen. Es wurde Abend, der Mond war herrlich aufgegangen, man lustwandelte auf dem Deck umher, als der Capitän sich wieder einfand, meine Tochter (wie schon früher geschehen) in die erste Cajüte und zum Gesänge einzuladen.' Diesem Wunsche wurde entsprochen, die Familie Kornfeld begab sich in die erste Cajüte, wo nun musicirt und gesungen wurde und wo, nachdem Fräul. Angelika Kornfeld auf Verlangen das "Waldvöglein" wiederholt hatte, "namentlich der Capitän in der heitersten Stimmung war, als plötzlich Jemand eintrat und ihm meldete, es sei Jemand draußen, der ihn sprechen wolle. Er begab sich sogleich hinaus, wir sangen noch fort, tranken dann Thee, als meine Tochter ängstlich wurde, weil der Capitän so plötzlich abgerufen worden war und nicht wieder kam, auch einige befreundete Herren den Salon verließen. Ich suchte Sie mit dem schönen Wetter zu beschwichtigen und ging mit ihr aufs Deck hinauf. Kaum hier angekommen, stellte sich uns eine Scene dar, die wir nie vergessen werden. Weinende und ohnmächtige Damen lagen auf den Bänken, uns kam ein junges Fräulein mit den Worten entgegen: 'Um Gotteswillen, wir sind verloren, das Schiff ist im Sinken, die Rettungsboote werden schon bereit gemacht!' Bei diesen Worten und bei dem Anblick, wie die Matrosen bereits die Boote loszumachen suchten, in dieselben Trinkwasser und Schiffszwieback legten, wurde Angelika ohnmächtig, und auch mir, der ich Aehnliches nur aus Büchern kannte, verging aller Muth und ale Hoffnung. Fünf Schritte vor mir stand der vor kurzem noch so vergnügte Capitän – es war jetzt halb 9 Uhr – zwei Pistolen in den Händen und rief einem Manne zu: 'Herr, ich gebiete Ihnen augenblicklich Ruhe! wer sich meinen Anordnungen widersetzt, den schieße ich auf der Stelle nieder! Noch ist nicht Alles verloren, wenn Jeder die nöthige Ruhe behält.' Die Pumpen waren mittlerweile bereits in Bewegung, denn das Schiff hatte einen Leck, lag mit seinem Hintertheil schon tief im Wasser und war im Sinken begriffen. Den Jammer und das Elend der Reisenden zu schildern, vermag ich nicht, man muß Aehnliches erlebt, um einen Begriff davon zu haben. Ich brachte nun meine Frau und Tochter, beide halbtodt vor Schrecken, in die Mitte des Decks, um die fürchterliche Katastrophe, die uns drohte, abzuwarten, als der zweite Officier zu mir kam und mir ins Ohr flüsterte: 'Nehmen Sie Alles, was Sie Werthvolles bei sich führen, zu sich und entfernen Sie sich nicht von Ihren Angehörigen; unsere Sache steht nicht gut.' Und auf diese zuverlässige Nachricht sollte ich nun den trostlosen Meinigen Trost zusprechen! Nach einer bange und schrecklich durchlebten Stunde brachte mir nun derselbe Officier einen Strahl der Hoffnung, indem er mir mittheilte, daß durch das anhaltende Pumpen das Wasser im Raume sich nicht vermehre. Der Captän – zum Glück war auch ein Lootse aus Newyork an Bord – hatte nun den Cours des Schiffes geändert, wir fuhren mehr der Küste von Long Island zu, um im Schlimmsten Falle das Schiff auf den Strand laufen zu lassen. Unter Angst und unsäglichen Besorgnissen verging nun die sonst schöne und heitere Nacht. Alles arbeitete an den Pumpen und so kamen wir morgens am 17. Newyork immer näher, als man zwei Dampfer in der Ferne gewahrte; der Capitän zog die Nothflagge auf und that Nothschüsse, worauf sich eines der Dampfschiffe näherte, dann ganz heran kam und uns zur Seite blieb, um im Falle der wachsenden Gefahr sogleich die Reisenden aufzunehmen, und so langten wir denn, Dank und Preis dem allgütigen Gott! gegen Mittag in Newyork als Gerettete an. Wir mußten zuletzt unsere Dampfmaschine zum Auspumpen des Wassers verwenden. Hatten wir das geringste stürmische Wetter, oder wäre das Unglück 24 Stunden früher eingetreten, so waren Menschen und Schiff verloren. (xx)

(x) Es dürfen bekanntlich nur solche Schiffe mit Passagieren von Hamburg und Bremen expedirt werden, welche von den betreffenden Hafen-Beamten zuvor untersucht und vollkommen seetüchtig befunden worden sind. Die oben erwähnten Gerüchte müssen daher ohne Zweifel unbegründet gewesen sein. D. Red.

(xx) Den ungerechtfertigten schließlichen Ausfall des obigen Berichtes auf die Rheder und Expedienten des Schiffes lassen wir unberührt. Der beste Beweis, daß die Maschine des Schiffes nicht beschädigt gwesen, ist wol seine schnelle und glückliche Rückkehr von Newyork, und die nahe bevorstehende Wiederabfahrt dahin. D. Red.

Die Überfahrt Sophie Meineckes

Datei:Anzeige Borrussia Oct1858.jpg
Die Anzeige kündigt die Überfahrt an, die auch Sophie Meinecke mit ihrer Familie angetreten hat.

Als Sophie ihre Reise antritt, ist die Borussia schon nicht mehr so besonders, wie noch 1856. Die Überfahrt mit Dampfseglern findet nach einem regelmäßigen Fahrplan statt. Den Anzeigen im Beiblatt der AAZ zufolge fährt die

Borussia am 15. Aug.
Austria am 1. Sept.
Hammonia am 15. Sept.
Saxonia am 1. Oct.
Borussia am 15. Oct.
Austria am 1. Nov.

Die Preise zeigen dass die Schiffe für Güterfracht, Personenbeförderung und Briefverkehr genutzt werden können.

Die AAZ berichtet in Ausgabe 38, dass die Borussia am 15. August von Hamburg abgefahren und am 31. in New York angekommen ist, die Fahrt also in "einer schnellen Reise von 12 Tagen 16 Stunden" absolviert hat. Da die Borussia am 15. September wieder von New York aus nach Hamburg fährt, befindet sie sich also kontinuierlich etwa zwei Wochen auf See und zwei Wochen im Hafen. In Ausgabe 40 wird die Ankunft am 1. Oktober in Hamburg genannt.

Auch die Fahrt am 15. Oktober, als sich Sophie und ihre Angehörigen an Bord befanden, wird in Anzeigen beworben und in den Nachrichten dokumentiert. In Ausgabe 43 belegen die Schiffsnachrichten die Beförderung von Auswanderern für den 15. Oktober:

Das Hamburger Dampfschiff Borussia, Capt. Trautmann, durch die Herren Aug. Bolten, mit 409 Passagieren, von denen 34 in der ersten, 71 in der zweiten Kajüte und 304 im Zwischendeck nach Newyork.

Am 31. Oktober ist die "Borussia" in New York angekommen. Über das Unwetter, das Sophie in ihrem Brief erwähnt, finden sich keine Nachrichten. Es wird allerdings erwähnt, dass das hamburger Schiff "Doctor Barth" zurück nach New York kam, "nachdem es am 25. Oct. in einem furchtbaren Sturme bedeutenden Schaden erlitten und leck geworden war." Zu diesem Zeitpunkt war es bereits sechs Tage von New York aus unterwegs.

Datei:Statistik Oktober PB 1858-45.jpg
Die Allgemeine Auswanderungszeitung führt monatliche Statistiken über abfahrende Schiffe und deren Passagiere.


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