Der Maji-Maji-Krieg

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Inhaltsverzeichnis

Kurze Definition

Der Maji-Maji-Krieg 1905-1906 (1908) war die größte Widerstandsaktion von Afrikanern gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika. Etwa 20 Volksgruppen, vorwiegend aus dem Südosten, vereinigten sich, um gegen die fremden Herren zu kämpfen. Julius Nyerere, tansanischer Präsident von 1964 bis 1985, bezeichnete diese erstmalige Vereinigung von verschiedenen Volksgruppen als ein Wegbereiter der nationalen Einheit Tansanias, an deren Ende 1964 die Staatsgründung stand. Kritische Stimmen warnen allerdings davor, die Bedeutung des Maji-Maji-Krieges für die Erlangung der Unabhängigkeit überzubewerten: Sie merken an, dass die Einheit und Solidarität der Völker lediglich für die Ausbruchsphase gelten könne, die etwa einen Monat dauerte. Danach sei die Bewegung gegen die Fremdherrschaft wieder von Partikularinteressen bestimmt worden.

Postkarte. Zwangsarbeit in Ostafrika.

Die Ursachen des Maji-Maji-Krieges lagen vor allem in der strengen deutschen Kolonialpolitik, die der afrikanischen Bevölkerung wenig Freiheit ließ. So schränkten zum Beispiel drückende Abgaben oder Zwangsarbeit die eigene Landwirtschaft ein.

Es hatte bereits mehrere regionale Aufstände einzelner Volksgruppen während der kolonialen Eroberung 1884-1898 gegeben, aber keiner hatte so weitreichende Auswirkung vor Ort und in der weiteren Geschichte wie der Maji-Maji-Krieg. Zum Kriegsausbruch kam es, weil die deutschen Kolonialherren durch Zwangsmaßnahmen den Baumwollanbau in dem als rückständig geltenden Gebiet der Matumbi am Rufiji-Fluss verstärkt durchsetzen wollten. Die afrikanischen Bauern wehrten sich gegen die Einführung eines solchen Programms: Im Juli 1905 zerstörte eine Gruppe von Afrikanern eines der neuen aufgezwungenen Baumwollfelder und gaben damit ein symbolischen Zeichen zum Aufstand gegen die deutsche Fremdherrschaft.

Die ideologischen Grundlagen legte der Prophet Kinjikitile. Er predigte seit 1904 die Einheit der Ethnien des heutigen Tansanias. Als vereinigendes Mittel verteilte er das Maji, das heilige Wasser, das unter anderem die Krieger unverwundbar gegen deutsche Gewehrkugeln machen sollte.

Nach anfänglichen Erfolgen erlitten die Afrikaner im September 1905 die entscheidende Niederlage bei der versuchten Erstürmung des deutschen Militärposten Mahenge. Von da an verwandelte sich der Krieg zu einem Guerillakrieg. Die deutschen Truppen antworteten darauf mit der „Strategie der verbrannten Erde”: Diese Taktik sah vor, die Dörfer und Felder zu vernichten, um der Bevölkerung alle Lebensgrundlagen zu nehmen und damit den Aufstand zu beenden. Wegen dieser Strategie brach eine große Hungerkatastrophe aus, die unter der schwarzen Bevölkerung zu großen Verlusten und dadurch zum Sieg der Deutschen führte. In den betroffenen Regionen sind nach vorsichtigen Schätzungen etwa ein Drittel der Bevölkerung, rund 250.000 bis 300.000 Menschen, durch den Krieg und der anschließenden Hungersnot umgekommen.


Beteiligte und räumliche Ausdehnung

Ausmarsch der deutschen Schutztruppe in Ostafrika.

Seit dem Sommer 1904 hielt Kinjikitile seine Reden von der Einheit der Völker und der Macht des Maji. Seine Zuhörer pilgerten von weit her in das Dorf Ngarambe im Matumbiland im südlichen Küstenhinterland des heutigen Tansanias (siehe Karte). Durch die einsetzende Regenzeit war Ngarambe Ende des Jahres 1904 von der Außenwelt allerdings fast abgeschnitten. Deswegen schickte Kinjikitile Boten, um das Maji zu anderen Völkern zu bringen. Das Maji erreichte zuerst Völker im Südosten des heutigen Tansanias und wurde weitergetragen zu Volksgruppen des Hochlandes im Südwesten. Namentlich sind hier vor allem die Ngindo und die Ngoni zu nennen. Obwohl bereits Ende September des Jahres 1905 deutlich war, dass das Maji nicht gegen deutsche Kugeln schützen konnte, schlossen sich auch die Makonde aus dem Süden und die Mbunga aus dem Westen an. Auch nach der Niederlage vor Mahenge breitete sich das Maji weiter in der Kolonie aus: Nördlich des Rufiji-Flusses nahmen Luguru, Vidunda und Zaramo das Maji an. Die Unruhen erreichten sogar die Vororten der kolonialen Hauptstadt Dar es Salaam. Der Höhepunkt der regionalen Ausdehnung war Mitte Oktober des Jahres 1905 erreicht, als das Maji bis an das Südufer des Victoriasee gedrungen war.

Auf Seiten der Deutschen kämpften nur wenige deutsche Soldaten. Die Kolonialarmee bestand vor allem aus afrikanischen Soldaten, den sogenannten Askaris (siehe Abbildung). Anfang 1905 betrug die Stärke der „Schutztruppe” 2.360 afrikanische Soldaten, deren deutsche Befehlshaber und die Besatzung eines Kreuzers der kaiserlichen Marine. Als sich im August 1905 herausstellte, dass der Krieg größere Ausmaße annehmen würde als vermutet, forderte der damalige Gouverneur Adolf Graf von Götzen weitere Kriegsschiffe und verstärkte die Anwerbung von afrikanischen Söldnern. Für die deutschen Truppen kämpften zu einem kleinen Anteil auch Askaris, die aus dem Aufstandsgebiet stammten. Einige Askaris wiederum solidarisierten sich mit den Aufständischen, wurden dafür allerdings von den Deutschen mit harten Strafen belegt.


Kinjikitile und der Maji-Maji-Kult

Die Besonderheit des Maji-Maji-Krieges lag zum einen darin, dass sich verschiedene Ethnien vereinigten, um gemeinsam gegen die deutsche Kolonialherrschaft zu kämpfen. Diese Einheit wurde durch den Propheten Kinjikitile und dem Maji-Maji-Kult geschaffen. Die Bedeutung Kinjikitiles geht auf ein Ereignis im Juni/Juli 1904 zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt war Kinjikitile ein eher unauffälliger Mensch: Er lebte in dem Dorf Ngarambe im Matumbiland, hatte mehrere Frauen, zahlreiche Kinder und bezog seinen Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft. Aber eines Morgens wurde er, der mündlichen Überlieferung zufolge, von einem Geist besessen. Er fiel plötzlich auf den Bauch, kroch mit ausgestreckten Armen vorwärts und verschwand in einem Teich, obwohl seine Familie versuchte, ihn zurückzuhalten. Sofort begannen die Dorfbewohner, nach ihm zu tauchen, aber er war spurlos im Wasser verschwunden. Am Ufer wurde auf sein Wiederauftauchen gewartet. Am nächsten Morgen um die selbe Zeit tauchte er wieder auf und begann von da an, prophetische Reden zu halten.

Gebiet des Maji Maji-Krieges mit dem Matumbi-Hügeln an der Küste.

Dieser Verwandlungsprozess des Kinjikitile war derart außergewöhnlich, dass er als Prophet im Dorf und der Region anerkannt wurde.

Die Botschaft Kinjikitiles beinhaltete drei Punkte: Er versprach zum einen die Rückkehr der verstorbenen Ahnen. Der Ahnenkult der Bantu-Religionen hat einen großen Einfluss auf das Leben und den Glauben der Afrikaner. Eine Rückkehr der Ahnen bedeutete Schutz und Hilfe und gab Mut, um gegen die deutschen Kolonialherren zu kämpfen.

Außerdem beschwor Kinjikitile die Einheit der verschiedenen Volksgruppen. Er verkündete, dass die Rivalitäten untereinander ein Ende haben müssten, um dann gemeinsam die deutsche Fremdherrschaft zu beenden.

Schließlich verkündete Kinjikitile, dass er eine Medizin von Bokero, dem mächtigsten Gott im Gebiet des Rufiji-Flusses, erhalten habe, das Maji.

Das Maji bestand aus Wasser des Rufiji-Flusses, das mit Hirse und Mais gekocht werden musste. Es sollte vor Krankheit schützen, Felder fruchtbar machen und unter anderem auch gegen deutsche Gewehrkugeln unverwundbar machen. Die Rolle des Maji wandelte sich im Verlauf des Krieges: Zuerst war es ein allgemeines Wundermittel, dann Kriegsmedizin, bis es schließlich zum Symbol für den gemeinsamen Kampf gegen die Fremdherrschaft wurde.

Dies wird vor allem daran deutlich, dass zum einen auch Ethnien das Maji annahmen, die keine Anhänger des Bokero-Kultes waren, und zum anderen es sich weiter verbreitete, als bereits bekannt war, dass das Maji nicht unverwundbar machte.


Hintergründe und Ursachen

Von einem gemeinsamen Nationalbewusstsein der Afrikaner konnte zur Zeit der kolonialen Eroberung durch das Deutsche Reich (1884 – 1898) keine Rede sein. Gerade die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts (Militarisierung der Ethnien, Einbindung ins kapitalistische Weltwirtschaftssystem) forcierten die Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern. So stießen die Deutschen auf Seiten der afrikanischen Bevölkerung bei der Kolonisierung auf wenig Widerstand. Carl Peters und andere Vertreter der Gesellschaft für deutsche Kolonisation schlossen mit einigen lokalen Herrschern sogenannte Schutzverträge ab und leiteten daraus ihren völkerrechtlichen Anspruch auf das spätere Deutsch-Ostafrika ab.

Im Zuge der kolonialen Eroberung setzten das Deutsche Reich 1890 eine Kolonialregierung ein, die damit begann, Deutsch-Ostafrika in Verwaltungseinheiten aufzuteilen. Die afrikanische Bevölkerung musste an die fremden Herren Abgaben bezahlen, z. B. die Hüttensteuer, und Zwangsarbeit verrichten. Die deutsche Kolonialregierung wollte seit der Jahrhundertwende die Baumwollproduktion vorantreiben und verordnete deshalb, dass die Bevölkerung auf dörflichen Plantagen gegen geringen Lohn und zu harten Bedingungen arbeiten musste. Als diese Maßnahmen im Gebiet der Matumbi durchgesetzt werden sollte, wehrten sich Bewohner: Zwei Männer und eine Frau zerstörten am 20. Juli 1905 ein Baumwollfeld – dies war der Auslöser für den Maji-Maji-Krieg.


Kriegsverlauf

Postkarte.

Die Zerstörung eines Baumwollfeldes verursachte bei den Deutschen nur geringe Beunruhigung: Sie verstärkten weder ihre sowieso schon geringen Truppen noch führten sie Strafmaßnahmen durch. Somit konnte sich der Aufstand auch außerhalb des Gebietes der Matumbi ausbreiten (siehe Punkt 2). Die Militärstation in Liwale wurde erobert und die Militärstation Songea belagert. Die versuchte Erstürmung von Mahenge scheiterte. Diese Angriffe führten dazu, dass das etwa 1.000 Mann starke Söldnerheer durch Truppen aus dem Kaiserreich verstärkt wurde. Drei große Expeditionen wurden ausgeschickt, um die Gruppen von Guerilla-Kämpfern, die sich nach der Niederlage bei Mahenge gebildet hatten, zu vernichten. Dabei zeigte sich, dass die Guerilla-Taktik für die Bevölkerung in vielen Gebieten verhängnisvoll war, denn sie erleichterte es den Deutschen, ihre „Strategie der verbrannten Erde” anzuwenden. Bei der Ankunft der kolonialen Truppen flüchtete die gesamte Bevölkerung eines Landstriches in die Berge oder andere unwegsame Gebiete. Die Deutschen zündeten die leeren Dörfer und Felder an. Die Existenzgrundlage war somit zerstört: Hunger, Krankheiten und Verzweiflung zwangen die Afrikaner schließlich zur Aufgabe. Die ersten Gebiete waren bereits im Oktober 1905 zurückerobert und als letzte Volksgruppe gaben die Ngindo im Juni 1906 auf. Einige Anführer führten noch zwei weitere Jahre den Guerillakrieg weiter, bis auch sie im Juli 1908 gefangengenommen und hingerichtet wurden.


Bedeutung für die Geschichte des heutigen Tansanias

Nach dem Maji-Maji-Krieg folgten keine weiteren bewaffneten Widerstandsaktionen gegen die Deutschen in Ostafrika; zu schwer waren die Folgen gewesen, die die Bevölkerung nach diesem Krieg erleiden musste. Die Erfahrung des gemeinsamen Handelns erlosch bald darauf in den schon vorher beherrschen Rivalitäten der einzelnen Ethnien.

Allerdings setzte mit der Unabhängigkeitsbewegung seit dem 2. Weltkrieg eine Neubewertung der Ereignisse ein: Der Maji-Maji-Krieg wurde als Beginn des Kampfes für die Unabhängigkeit gesehen, wie Staatspräsident Julius Nyerere in einer Rede vor den Vereinten Nationen betonte. Der Zusammenhang zwischen der Unabhängigkeitsbewegung der 50er Jahre und Maji-Maji bestehe darin, dass Afrikaner die Initiative ergriffen hätten, um sich von der Kolonialherrschaft zu lösen.

Insgesamt gesehen war der Maji-Maji-Krieg für die Bevölkerung Tansanias eine bedeutsame historische Erfahrung. Er wurde zum Motor war der Vereinigung von Menschen aus allen Regionen des Landes mit dem Ziel die Unabhängigkeit zu erreichen.


Überlegungen zur Behandlung des Maji-Maji-Krieges im Unterricht

Wie durch die Erläuterungen im Text und in den Quellen bereits deutlich wurde, nimmt der Maji- Maji-Krieg einen bedeutenden Platz in der tansanischen Geschichte ein. Schon aus diesem Grund könnte der Krieg für eine Behandlung im Unterricht in der Kursstufe geeignet sein. Darüber hinaus ist der Maji-Maji-Krieg ein Schnittpunkt zwischen der deutschen und der tansanischen Geschichte - ein Vorteil für die Schüler. Sie können vom Vertrauten ausgehen und mit mehr Verständnis an die außereuropäische Geschichte herangeführt werden als wenn es sich zum Beispiel um ein Thema handelte, das den Schülern vorher noch nie bekannt gewesen wäre. Um allerdings die Gefahr auszuschließen, das Thema aus allzu eurozentristischer Sicht zu behandeln, möchte ich, ausgehend von einigen Vorgaben der Rahmenrichtlinien, Beispiele und Intentionen für die Behandlung im Unterricht geben.

Der Maji-Maji-Krieg und die Situation in Deutsch-Ostafrika geben den Schülern Anlaß, über die Verhaltensweisen der deutschen Kolonialmacht nachzudenken. Durch eine angemessene Behandlung im Unterricht könnten die Schüler die Kolonialpolitik und ihre Folgen für das heutige Tansania reflektieren und Verständnis für die aktuelle Situation gewinnen. Somit erfüllt dieses Thema das Ziel des Geschichtsunterrichtes, ein reflektiertes Geschichtsbewußtsein zu bilden und verantwortliches Handeln in privaten, gesellschaftlichen und politischen Bereichen zu ermöglichen. Die Formen der historischen Untersuchung zu diesem Thema sind äußerst vielfältig. Ich werde einige aufführen.

Titelbild eines Jugendbuches über den Majimaji-Krieg, geschriebenen von einem deutschen Soldaten 1907.

Längsschnitt: In einem Längsschnitt könnten die Schüler den kolonialen Widerstand im Gebiet des heutigen Tansanias untersuchen bis hin zur Erlangung der Unabhängigkeit. Tansania wäre somit ein Beispiel für einen historischen Prozeß, der sich in vielen Staaten vollzogen und dieses Jahrhundert stark beeinflußt hat.

Querschnitt: Für einen Querschnitt könnte der Lehrer die Situation in anderen Kolonien in Bezug auf Verwaltung, Behandlung der Afrikaner oder wie die Afrikaner auf die Kolonialmacht reagierten einander gegenüberstellen. Damit wird den Schülern ermöglicht, Zusammenhänge zu erkennen.

Biographie: Biographische Untersuchungen würden sich zu dem Propheten Kinjikitile anbieten. Dies hätte den Vorteil, daß besonders auf die Religion eingegangen wird und von dieser Richtung aus Erklärungsversuche für die Entstehung des Maji-Maji-Krieges angestellt werden könnten. Die Schülern könnten sich durch das Beispiel des Kinjikitile an das sensible Thema Religion annähern und ihre Sicht auf afrikanische Verhältnisse dadurch verschärfen.

Gerade der Maji-Maji-Krieg bietet sich für eine Regionalstudie und einen „Blick von unten“ an. Die Schüler bekommen somit Einblick in afrikanische Strukturen und können, gemäß den Vorgaben für das Rahmenthema 3 der Rahmenrichtlinien, einen weniger distanzierten Blick zu den Verhältnissen außerhalb Europas gewinnen und ihr Denken somit gegebenenfalls korrigieren. Dies ermöglicht ein erweitertes Geschichtsbewußtsein und ein Verständnis für aktuelle Probleme, die sich im Zuge der Globalisierung und der Entwicklung zur Einen Welt ergeben.


Quellen

Ebrahim N. Hussein „Kinjikitile”.
In: Joachim Fiebach (Hrsg.) Stücke Afrikas,
Ostberlin Henschelverlag 1974.

Das Bühnenstück „Kinjikitile“ von Ebrahim Hussein hat den Maji-Maji-Krieg zum Thema. In der folgenden Szene treten der Prophet Kinjikitile und Kitunda, der Heerführer der Aufständischen, auf. Die Deutschen haben beide Männer in einen Raum gesperrt. Kinjikitile soll das Volk zum Aufgeben zwingen:

Kitunda: Wirst du morgen, wie sie wollen, deine Worte zurücknehmen?

Kinjikitile: Darüber möchte ich nicht sprechen.

Kit: Du mußt.

Kinj: Ich will nicht!

Kit: Du wirst müssen.

Pause

Kinj: Ich soll sagen, daß das Wasser eine Lüge war? Wo aber war die Lüge?

Kit: Was du uns lehrtest – war alles Wahrheit? Glaubtest du an das Wasser?

Kinjikitile lacht lange und bitter. Pause

Kinj: Weißt du, was morgen los sein wird? Der Offizier wird allen verkünden: Ihr wart im Irrtum, in einem schrecklichen Irrtum. Noch euren Kindern wird der weiße Mann erzählen, wie falsch es war, gegen ihn zu kämpfen. Immer wieder wird er verkünden, überall: Seht doch, es ist unsinnig, gegen uns zu kämpfen. Es wird heißen: Für sein Land zu kämpfen, ist ein Fehler, ist dumm und fruchtlos. Und er will, daß ich dabei helfe. Er will, daß ich sage: Das Wasser war nur ein Betrug, eine Lüge. Weißt du, was das bedeutet? Wenn ich das sage, im selben Augenblick hören unsere Leute auf zu kämpfen, überall, im Norden, im Süden, im Osten, im Westen. Sie werden in hoffnungslose Verzweiflung verfallen. Aufgeben werden sie, für eine lange, sehr lange Zeit. Und immer wieder wird es der weiße Mann unseren Kindern erzählen, immer wieder: Seht, es ist dumm und sinnlos, gegen uns zu kämpfen. Nein, ich werde nichts sagen. Ein Wort wurde geboren. Wir haben eine Schlacht gekämpft. Der weiße Mann hat vor uns gezittert. Davon werden unsere Kinder noch ihren Kindern erzählen. Noch unsere Enkel werden davon hören, sie werden wissen, der weiße Mann kann zittern, er ist nicht unbesiegbar. Und eines Tages wird dieses Wort, werden unsere Hoffnungen kein Traum mehr sein. Sie werden Wirklichkeit.

Der Offizier und die Askari erscheinen.

Askari: Seid ihr fertig?

Kinj: Ja.

Kit: Der Entschluß?

Kinjikitile antwortet nicht.

Offizier: Ist er einverstanden? Nimmt er seine Worte zurück?

Kitunda schüttelt den Kopf. Licht aus.


Die „Strategie der verbrannten Erde“ – zwei Aussagen

Adolf Graf von Götzen war zur Zeit des Maji-Maji-Krieges kaiserlicher Gouverneur in Deutsch-Ostafrika und somit auch Befehlshaber über die deutschen Truppen. Um den Krieg zu beenden, ordnete er an, im Krisengebiet Dörfer und Felder zu verwüsten, die Ernte zu verbrennen, die Brunnen zuzuschütten, das Vieh zu töten – kurz, den Einheimischen alle Lebensgrundlagen zu nehmen und sie dadurch zu besiegen („Strategie der verbrannten Erde“). In seinem Buch über den Maji-Maji-Krieg rechtfertigt er diese Taktik folgendermaßen:

„Wie in allen Kriegen gegen unzivilisierte Völkerschaften, sei es nun in Marokko oder in Natal, in Java oder im tropischen Afrika, war auch im vorliegenden Fall die planmäßige Schädigung der feindlichen Bevölkerung an Hab und Gut unerläßlich. Die Vernichtung an wirtschaftlichen Werten, wie das Abbrennen von Ortschaften und Lebensmittelbeständen, erscheint wohl dem Fernstehenden barbarisch. Vergegenwärtigt man sich einerseits, in wie kurzer Zeit afrikanische Negerhütten wieder entstehen und wie rasch die Üppigkeit der tropischen Natur neue Feldfrüchte hervorbringt, andererseits, daß in den meisten Fällen, wie auch dieser Aufstand bewiesen hat, ein solches Vorgehen einzig und allein den Gegner zur Unterwerfung zwingen vermag, dann wird man zu einer milderen Auffassung dieser ‚dira necessitas‘ gelangen.“

Die Zerstörungen blieben nicht ohne Folgen: In dem Kriegsgebiet brach eine katastrophale Hungersnot aus, der etwa 250 000 bis 300 000 Menschen zum Opfer fielen, rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Die ökologischen: Nachwirkungen sind bis heute spürbar Landwirtschaftliche Flächen wurden wieder zu Buschland, wilde Tiere breiteten sich aus. Der Augenzeuge Camelius Kiango äußert sich:

„Es kamen drei Jahre Hungersnot ... Diese Hungersnot wurde ‚Fugufugu‘ genannt. Nie hatte es vor oder nach dem Maji-Maji-Krieg etwas derartiges gegeben. Andere Hungersnöte sind vielmehr Babies gegenüber der Hungersnot nach Maji-Maji. Menschen starben in Massen, und die Leichen wurden zum Verwesen liegen gelassen, weil niemand in der Lage war, sie zu beerdigen. Die Menschen schliefen im Freien, denn es gab keine Hauser mehr, und die Löwen fraßen einen nach dem anderen. Es gab kein Saatgut, um zu pflanzen... Vor dem Krieg war die Besiedlung sehr dicht, und es war sehr schwierig, ein Stück Land zu finden, auf dem Nahrung wachsen konnte. Wenn du ein kleines Stück Land hattest, danktest du Gott – es gab zu viele Menschen. Ach weh, jetzt siehst du überall nur viel Busch.“


In dem folgenden Gedicht läßt der Autor Yusuf Kassam einen alten Mann seine Erinnerungen an den Maji-Maji-Krieg ausdrücken:


Sitting on a stoole outside his mud hut

The mzee scratched his head in a slow motion,

Trying to recall

His dim grey eyes quiveringly stared into the distance

And with a faint foltering voice he spoke

Of the wind that stirred sinister feelings

Of the leaves that rustled with forebording,

Of the men who talked of deliverance and freedom,

And of the warriors who pledged to fight.

Then he paused and snuffed some tobacco

„The Germans" He shook his head and shuddered:

„Yes, they came – with guns, to be sure –

Many guns.”

His glance slowly shifted in a broken semi-circle

At each of the few listeners who squatted on the ground.

He pointed to the distant hills on his right:

„For many days,

They resounded with drum-beats and frenzied cries;

Then with the spirit of alien ancestors

They thundered with strange unearthly sounds.”

Placing both his hands on his head,

He looked down on the earth and pronounced,

„They fired bulls, not water, no, not water.”

He looked up, with a face crumpled with agony,

And with an unsteady swing of his arm, he said,

„Dead, we all lay dead."

While the mzee paused, still and silent,

His listeners gravely looked at each other

Seeming to echo his last words in chorus.

Finally, exhausted, he sighed,

„The Germans came and went,

And for many years

No drums beat again.”



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