Dorf in der Neuzeit

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Das niedersächsische Dorf in der Neuzeit

Karl H. Schneider

Inhaltsverzeichnis

"Bauernbefreiung" 1800-1860

Zeitleiste "Bauernbefreiung"

1808 Aufhebung der persönlichen Unfreiheit, aber Einführung einer Ablösungsmöglichkeit für alle anderen des Werts der Abgabe für den Feudalherrn, Umrechnung in eine Geldleistung, Umwandlung in eine jährliche Rente oder Kapitalisierung (bei 4 % Zinsen durch Bezahlung des 25 fachen Jahresbetrags)
1814 Aufhebung aller westfälischen Gesetze im neuen Königreich Hannover
1830
  • Carl Bertram Stüve aus Osnabrück veröffentlicht seine Schrift: „Ueber die Lasten des Grundeigenthums und Verminderung derselben in Rücksicht auf das Königreich Hannover“.
  • In Frankreich kommt es zur Juli-Revolution; der letzte Bourbonenkönig wird abgesetzt.
  • Am 6. September wird das Braunschweiger Schloß in Brand gesetzt, der Herzog flieht.
1831 In Hannover erscheint nach Rücktritt des Ministeriums Münster ein Ablösungsgesetz
1833 Eine hannoversche Ablösungsordnung erscheint, die die genauen Regeln für die Ablösungen festhält.
1834 Das Herzogtum Braunschweig erhält eine Ablösungsordnung, außerdem erhalten die Bauern sofort günstige Kredite aus der Kasse der Herzoglichen Leihbank
1840 Im Königreich Hannover wird eine Landeskreditanstalt gegründet, die den Bauern günstige Kredite zur Verfügung stellt.
1868 Abschluß der Ablösungsgesetzgebung


In zwei Phasen wurden die herrschaftlichen oder feudalen Bindungen der Bauern aufgehoben, zunächst zwischen 1808 und 1813 während der Zeit des französisch dominierten Königreichs Westfalen, und dann nach 1830. Die erste Phase hatte keine direkten Folgen, denn erstens blieben die tatsächlich durchgeführten Befreiungen gering und zweitens wurden die Reformen nach 1814 wieder zurückgenommen. Gleichwohl waren sie nicht folgenlos, denn das ab 1808 angewandte Prinzip der Ablösung wurde nach 1830 weiter entwickelt. Das Scheitern der französischen Gesetzgebung lag nicht allein an der kurzen Dauer der Herrschaft, sondern auch daran, daß die agrarischen Verhältnisse derart komplex waren, daß einfache Lösungen kaum funktionieren konnten. Gleichzeitig legte man sich auf ein Verfahren fest, welches zwischen den direkten persönlichen Bindungen der Leibeigenschaft oder Eigenbehörigkeit, und der Grundherrschaft sowie die damit verbundene Nutzung des Landes unterschied. Erstere sollten entschädigungslos aufgehoben, für letztre die Grundherren dagegen entschädigt werden. Für die Bauern war eine derartige Unterscheidung schwer nachvollziehbar, so daß sie durchweg alle Leistungen verweigerten.

Die französische Zeit blieb Episode. Zunächst wurde nach 1814 so getan, als sei nichts geschehen, als habe es die französische Zeit nicht gegeben. Nach schlechten Ernten mit hohen Getreidepreisen in den Jahren 1816/17 sanken zu Beginn der 1820er Jahre die Getreidepreise infolge sehr günstiger Ernten extrem stark ab, so daß die bäuerlichen Betriebe mit ihrer hohen Marktquote in existentielle Nöte gerieten. Da die hannoversche Regierung 1825 zudem ein neues Grundsteuersystem einführte, zeichnete sich immer stärker ab, daß grundlegende Reformen unausweichlich waren. Gleichwohl bedurfte es politischer Veränderungen, um die Blockade vornehmlich des Adels gegen Reformen aufbrechen zu können. Die Julirevolution von 1830 in Frankreich wirkte sich schnell in Deutschland aus, sie motivierte Proteste und Eingaben der ländlichen Bevölkerung und stärkte damit den bürgerlichen Reformkräften den Rücken. Mit dem Rücktritt des alten, konservativen Ministeriums Münster wurde im Königreich Hannover der Weg frei für ein Ablösunsgesetz, welches die 1808 entwickelten Verfahrensweisen weiter entwickelte. Die Ablösungsordnung von 1833 nannte schließlich die konkreten Regeln für die Bauernbefreiung.

Die Bauern wurden zwar von feudalen Lasten befreit, aber keineswegs entschädigungslos, sondern gegen Bezahlung einer Geldrente oder einer Kapitalisierung der bisherigen Lasten. In letzterem Fall mußten sie den 25fachen Jahresbetrag des Wertes ihrer Abgaben bezahlen. Bei der Wertberechnung wurden allerdings Kosten des Grundherrn, etwa Verköstigung der Bauern während des Dienstes, mit berücksichtigt. Gleichwohl konnten sich erhebliche Belastungen ergeben, die ohne Kredithilfen kaum bezahlt werden konnten. So brachte erst die Einrichtung einer Landeskreditanstalt 1842 den Durchbruch für eine intensive Ablösungstätigkeit der Bauern. Landabtretungen waren nur in sehr geringem Umfang bei der Zehntablösung vorgesehen.

Dennoch sollte der Eindruck des Jahres 1831/33 nicht überschätzt werden. Die Ablösungen wurden keineswegs gleichförmig durchgeführt, sondern selektiv: erst die Dienste vielleicht oder die Zehnten, dann kleinere Abgaben. So zog sich das Ablösungsgeschäft dahin; Anfang der 1850er Jahre, 20 Jahre nach dem Erlass der Ablösungsordnung und elf Jahre nach der Einrichtung der Landeskreditanstalt, waren von den Bauern erst ca. 40% der Abgaben und Dienste abgelöst worden. 1865, ein Jahr vor dem Ende des Königreichs Hannover, waren es 75%.

1867, nun schon unter preußischer Herrschaft, wurde am 28. September die „Verordnung betr. die Ablösung der Reallasten, welche dem Domänenfiskus im vormaligen Königreich Hannover zustehen” erlassen. Sie erlaubte im Gegensatz zu den gesetzlichen Bestimmungen von 1831/33 jetzt auch dem Berechtigten, eine Ablösung zu beantragen (§ 2). In diesem Fall mußten die Pflichtigen statt des 25fachen Jahreswertes der betreffenden Abgabe nur den 18fachen Betrag zahlen. Konnte der Pflichtige eine Kapitalzahlung nicht vornehmen, so wurde die Abgabe in eine Jahresrente umgewandelt, die 41,5 Jahre lang bezahlt werden mußte. Nach Ablauf dieser Zeit galt die Schuld als erloschen. Damit waren die Voraussetzungen gegeben, um innerhalb von 10 Jahren die Ablösungen abzuschließen. Bauernbefreiung kennzeichnet damit 1. eine Befreiung unter erheblicher Selbstbeteiligung der Bauern, und 2. einen etwa 50jährigen Prozeß.

Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen

Zeitleiste Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen

1768 Kurhannover: Verordnung, „wie in Landes-Oeconomie-Angelegenheiten zu verfahren“, danach viele freiwillige Teilungen
1785 Markenteilungsordnung in Osnabrück
1802 Lüneburgische Gemeinheitsteilungsordnung
1822 Gemeinheits-und Markenteilungsordnung für das Fürstentum Osnabrück, 1835 auf Arenberg-Meppen, Bentheim und Vogtei Emsbüren ausgedehnt, 1838 Niedergrafschaft Lingen
1824 Teilungsordnungen für die Fürstentümer Calenberg, Grubenhagen, Göttingen und Hildesheim, Grafschaften Hoya und Diepholz
1825 Ordnung über die „Teilung der Allmenden und Verkoppelung der zerrissenen Felder für die Herzogtümer Bremen und Verden“
1834 Braunschweig: Richtlinien für Gemeinheitsteilungen und Verkoppelung in der Ablösungsordnung
1842 „Gesetz über die Zusammenlegung der Grundstücke oder die Verkoppelung“ für das Königreich Hannover
1858 Verkoppelungsgesetz für das Großherzogtum Oldenburg
1872 Verkoppelungsgesetz in Schaumburg-Lippe
1935 Reichsumlegungsordnung
1953 Flurbereinigungsgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, die vielen genossenschaftlichen Bindungen in der Land- und Feldnutzung aufzuheben. Dies betraf einerseits die vielen Rechte, die auf Gemeinweiden, Wäldern, Heiden oder Mooren lagen, andererseits solche, die auf dem Ackerland ruhten, und schließlich die Gemengelage der vielen Parzellen auf dem eigentlichen Ackerland mit ihrem Zwang zur gemeinsamen Bewirtschaftung des Landes. Die Motive für diese Bewegung waren sehr unterschiedlich.

  • Dörfliche Gruppen drängten auf eine größere Verfügungsfreiheit über das Land; dies galt etwa für marktorientierte größere Bauernbetriebe, die sich von einer individuellen Nutzung eine intensivere Bewirtschaftung und damit höhere Erträge erhofften.
  • Von Seiten des Landesherrn wurden ebenfalls solche Reformen unterstützt, weil man sich davon nicht nur eine erhöhte Produktivität erhoffte, sondern auch mehr Einwohner, die beispielsweise auf den Heiden der nordwestdeutschen Geest angesetzt wurden.
  • Agrarwissenschaftler forderten ohnehin eine umfassende Reform, weil sie die geringe Effizienz der alten Wirtschaftsweise bemängelten. Ihre Vorschläge zielten auf eine rationelle Landwirtschaft, in der das Land individuell und intensiv unter Einsatz modernster Methoden bewirtschaftet wurde.

Wichtig sind die Rahmenbedingungen dieser frühen Reformen. Sie fanden statt in einer Phase, als die Staaten versuchten, ihre Einkünfte deutlich zu steigern, und hierzu vorrangig auf eine „Peuplierung” des Landes setzten. Das ohnehin vorhandene Bevölkerungswachstum wurde dadurch weiter verstärkt, führte zu einer steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln und steigenden Agrarpreisen. Die große Hungersnot von 1771/72 im Gefolge einer europaweiten Agrarkrise führte deutlich vor Augen, daß ohne eine Erhöhung der Produktivität die angestrebten Ziele nicht zu erreichen waren.

Gleichwohl begannen die ersten Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen nur zögernd, weil keine gesetzlichen Grundlagen vorhanden waren. Erst mit der Lüneburger Gemeinheitsteilungsordnung von 1802 gelang der Durchbruch; 1824, 1842 und 1856 folgten weitere Gesetze im Königreich Hannover, vergleichbare Regelungen erfolgten auch im Herzogtum Braunschweig und im Großherzogtum Oldenburg. Schon die Daten zeigen, daß auch Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen keineswegs in kurzer Zeit abgeschlossen waren. Vielmehr zogen sie sich über das gesamte Jahrhundert hin.

Selbst für die einzelne Gemeinde konnten sich Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen über einen langen Zeitraum hinziehen. Meist wurde eine Gemeinheitsfläche von mehreren Gemeinden genutzt, so daß deren Anteile im Rahmen der sogenannten Generalteilung erst aufgeteilt werden mußten; anschließend wurden die Anteile der Gemeindemitglieder im Rahmen der Spezialteilung festgelegt. Naheliegend war angesichts des mit der Aufteilung des Landes verbundenen Aufwandes eine gleichzeitige Verkoppelung, also eine stärkere Zusammenlegung der Felder. Beides geschah auch seit den 1840er Jahren in vielen Fällen. Damit wurde eine grundsätzliche Neuaufteilung der gesamten Feldmark erreicht, die damit einen grundlegenden Wandel erfuhr. Anstelle der Differenzierung in parzelliertem Ackerland, Heide, Wald oder Moor mit teilweise integrierten privaten Kämpen, sowie einem den naturräumlichen Bedingungen angepaßtem Wegenetz, trat nun eine einheitlich aufgeteilte Feldflur, in der genossenschaftliche Elemente keine größere Rolle mehr pielte. Die neuen größeren Landstücke konnten über ein völlig neues Wegenetz erreicht werden.

Umfassende und eine ganze Region erfassende Maßnahmen konnten nicht in wenigen Jahren vollzogen werden; insbesondere dort, wo die naturräumlichen Voraussetzungen denkbar ungünstig waren, wie in den Geest- und Moorgebieten, verzögerten sich die Maßnahmen bis um die Jahrhundertwende.

Eine Einschätzung dieser Entwicklung ist nicht einfach, denn die strukturellen Veränderungen waren erheblich, jedoch zeigen andererseits Untersuchungen zum Landschaftswandel, daß die Zerstörung von Biotopen insbesondere in den Jahrzehnten nach 1945 wesentlich tiefgreifender war als im gesamten 19. Jahrhundert. Dennoch basierten diese gleichsam rezenten Wandlungen auf den Vorgaben des 19. Jahrhunderts.

Neben den ökologischen Substanzverlusten, die mit der Modernisierung einherging und den Produktivitätsfortschritt dieser Jahrzehnte begleitete, dürfen die mentalen Veränderungen nicht übersehen werden. Während in der genossenschaftlichen dörflichen Welt vor den Reformen die Kooperation im Dorf von entscheidender Bedeutung, verlor sie diese nach und nach; sicher nicht abrupt, aber doch erkennbar. Lediglich der hohe Arbeitskräftebedarf der Landwirtschaft schützte vor einer vollständigen Individualisierung, wie sie sich seit 1960 durchgesetzt hat.

Auswanderungen

Zwischen 1832 und 1886 wanderten aus dem Königreich bzw. der Provinz Hannover offiziell 183.355 Menschen nach Übersee aus, davon die meisten in die USA. Von den sechs hannoverschen Landdrosteien war davon Osnabrück am stärksten betroffen, mit 77.056 oder 42 % stellten sie den größten Teil der Amerikaauswanderer. Am anderen Ende der Skala stand das Fürstentum Hildesheim mit lediglich 11.767 Auswanderern. Betrachtet man den Verlauf der Auswanderung, so wird deutlich, daß es drei Hauptphasen gab: um die Mitte der 1840er Jahre, Mitte der 1860er Jahre und in den 1880er Jahren.

Der Höhepunkt der hannoverschen Auswanderung bildeten die 1860er Jahre. Für alle drei Phasen gibt es ökonomische Gründe entweder im Auswanderungsland oder im Zielland. Mitte der 1840er Jahre förderte eine allgemeine Mißernte die Auswanderungswilligkeit vorrangig der Unterschichten, durch den Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs 1860 gingen die Werte stark zurück, stiegen aber danach wieder schnell an, zumal in den USA mit dem Homestead-Actvon 1862 die Einwanderer 160 Acre Land (oder 256 Morgen) praktisch kostenfrei erhielten. Anfang der 1870er Jahre direkt nach der Reichsgründung gingen die Zahlen nahezu gegen Null, die „Gründerjahre“ mit ihrem ökonomischen Boom ließen viele Auswanderungswillige ihr Glück in Deutschland versuchen. Als dem Gründerboom der „Gründerkrach“ folgte, versuchten noch einmal viele ihr Glück in Übersee. Die starke Amerikaauswanderung weist mithin darauf hin, daß die Erwerbsmöglichkeiten in Niedersachsen und allgemein in Deutschland um die Jahrhundertmitte nicht günstig waren.

Auswandererzahlen im Königreich Hannover Auswan Henkel.gif

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts dominierte neben der Landwirtschaft ein breites und differenziertes dörfliches Gewerbe. Ein Großteil der ländlichen Bevölkerung konnte längst nicht mehr von der Landwirtschaft leben, sondern dank der Erwerbsmöglichkeiten als Leineweber, Dorfhandwerker oder Wanderarbeiter existieren. Wanderarbeit und Leinenweberei basierten darauf, daß es eine starke Nachfrage nach billiger Arbeit in den Niederlanden oder handgewebtem Leinen in Übersee gab. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts lockerte sich diese Basis: die Niederlande benötigten immer weniger billige deutsche Wanderarbeiter zum Heumachen oder Torfstechen. Zur gleichen Zeit standen die deutschen handgewebten Leinenwaren in Konkurrenz zur neuen, billigeren und besseren Baumwollkleidung. Zusätzlich litten die dörflichen Unterschichten an den Folgen der ersten Agrarreformen, denn sie verloren meist ihre Rechte an den Gemeinweiden, ohne bei der Spezialteilung berücksichtigt worden zu sein. Erst die späteren gesetzlichen Regelungen schufen hier eine Abhilfe.

Die Frage nach den sozialen Folgen der Agrarreformen ist lange Zeit diskutiert worden. Angesichts der Krise, in der sich die ländlichen Unterschichten um die Jahrhundertmitte befanden, war und ist es naheliegend, nach den Ursachen zu fragen. Kurzfristig verschärften die Reformen ohne Zweifel die Situation der durch den Niedergang der Leinenweberei schon betroffenen Unterschichten. Mittelfristig hatten Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen aber auch positive Auswirkungen. Zunächst allerdings gerieten die Unterschichten in eine existentielle Notlage, die sich in einer Auswanderungswelle aus Deutschland widerspiegelte. Insbesondere in den Gebieten mit größeren Anteilen von Wanderarbeitern und Leineweber verließen die Menschen zu Hunderten die Dörfer. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts änderten sich jedoch die Verhältnisse. Einerseits war der demographische Überschuß abgewandert, andererseits boten sich neue Erwerbsmöglichkeiten in der Landwirtschaft und dem Gewerbe. Die durch die Agrarreformen ermöglichte Mobilisierung des Bodens und die Neuordnung der Feldmark erwiesen sich nun teilweise als Chance, denn damit waren Beschäftigungsmöglichkeiten ebenso verbunden wie Grunderwerb für den Hausbau.

1850-1914: Industrialisierung und Landwirtschaft

Anreize

Die Industrialisierung setzte in Nordwestdeutschland erst allmählich ab 1840 ein, sie äußerte sich in der Entstehung neuer Gewerbe (Maschinenbau, Montanindustrie, Textilindustrie) und verbesserten Verkehrsverhältnissen durch den Eisenbahnbau. Die Industrialisierung wurde begleitet von sich herausbildenden regionalen und städtischen Zentren, die nicht nur Arbeitsplätze für Dorfbewohner bereitstellten, sondern wichtige Abnehmer agrarischer Produkte wurden.

Dank der Eisenbahnen gelang der kostengünstige Absatz von Getreide und Vieh zu weiter entfernt liegenden Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet und Berlin. Beispielsweise wurde im Oldenburger Münsterland, welches bis 1850 stark unter dem Niedergang der Leinenweberei und der Hollandgängerei zu leiden hatte, eine neue exportorientierte Landwirtschaft aufgebaut, die sich vor allem auf Veredelungswirtschaft (Schweinemast) stützte. Eine vergleichbare erfolgreiche Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen stellte der Übergang zum Zuckerrübenanbau in der Calenberger Börde dar. Die speziell ab den 1880er Jahren möglichen hohen Einkommen spiegeln sich bis heute in den repräsentativen „Rübenburgen“ dieser Region wider.

Individualisierung der Feldnutzung, Fruchtwechselwirtschaft, neue Feldfrüchte (Kartoffeln, Rüben), verbesserte Viehzucht und Viehmast, moderne Ackerwirtschaft und besserer Dünger, ab den 1880er Jahren Kunstdünger, bewirkten eine erhebliche Steigerung der Erträge. Dank der steigenden Nachfrage durch städtische Verbraucher wurden die Produkte zu relativ hohen Preisen abgesetzt. Die Zeit zwischen 1850 und 1900 gehört damit zu den goldenen Jahrzehnten der deutschen und niedersächsischen Landwirtschaft.

Getreidepreise in Hannover

Diese erfolgreichen Jahre spiegeln sich in vielen Dörfern wider. Nun konnten die Bauern ihre Betriebe um- oder gar neu bauen, wie im Gebiet der Calenberger Börde. Nur dort, wo erst wenige Jahrzehnte zuvor aufwendige Bausubstanz entstanden war, wie im Osnabrücker Artland, kam es nicht zu einer umfassenden Neubautätigkeit.

Auch für die „kleinen Leute“ boten sich neue Möglichkeiten, die sich in zahlreichen Neubauten insbesondere am Rande des Dorfes an den neu entstandenen Feldwegen niederschlugen. Die „kleinen Leute“ blieben wichtig für das Dorf. Viele von ihnen arbeiteten nach und nach im Hauptberuf außerhalb der Landwirtschaft, behielten aber ein Stück, das von den Bauern bewirtschaftet wurde. Als Gegenleistung waren Arbeitsdienste auf den Bauernhöfen zu erbringen. Es gab also weiterhin wechselseitige Arbeitsbeziehungen zwischen den Dorfbewohnern. Als dritte Gruppe konnten sich die Kleinbauern noch behaupten, da sie bei den gestiegenen Erträgen und vergleichsweise hohen Preisen genug Einnahmen auch aus Betriebsgrößen von 10 ha erhielten. So ist es nicht verwunderlich, daß der Anteil der kleinen Betriebe mit weniger als 20 ha Land schon 1885 44 % der Gesamtbetriebszahlen ausmachte. Bis Mitte der 1920er Jahre nahmen alle Betriebsgrößengruppen noch weiter zu.

Auch wenn der Begriff Industrialisierung etwas anderes suggeriert: Mechanisierung, und damit Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen, fand vor 1900 nur ansatzweise statt. Lediglich Großbetriebe konnten sich die neuen Maschinen, etwa Lokomobile, leisten. Für die meisten Arbeitsabläufe wurden weiterhin Menschen in großer Zahl benötigt. Zwar wanderten insbesondere Landarbeiter und Gesinde in größerer Zahl aus dem Land ab, da die Einkommen hier im Vergleich zur Industrie zu niedrig waren, aber dies geschah nicht in einem Ausmaß, welches eine schnelle und umfassende Mechanisierung erzwang.

Landwirtschaft blieb in dieser Phase trotz vieler Modernisierungen personalaufwendig. Die Abwanderung von Arbeitskräften in die Industrie wurde teilweise durch saisonale Wanderarbeiter kompensiert, deutliche Mechanisierungsfortschritte gab es erst seit der Jahrhundertwende (Dreschmaschine, Drillmaschinen, Zentrifugen). Insofern waren die Befürchtungen einiger Zeitgenossen, daß durch die Individualisierung der Feldnutzung die Auflösung der Dorfgemeinschaft eintreten würde, übertrieben. Allerdings wurden die alten Geselligkeitsformen durch neue ersetzt, wobei das bürgerliche Vereinswesen für dörfliche Zwecke umgestaltet bzw. angepaßt wurde. Zugleich veränderte sich die soziale Zusammensetzung der Dörfer, die breite gewerbliche Schicht der vorindustriellen Phase, also insbesondere die Leineweber, verschwand häufig, Dörfer wurden damit „bäuerlicher”. Allerdings fanden in einigen Teilen Nordwestdeutschland dörfliche Unterschichten neue Erwerbsmöglichkeiten, etwa in der Korbmacherei oder in der Zieglerarbeit. Damit schuf die Industrialisierung neue Erwerbsmöglichkeiten. Dies galt erst recht in der Nähe der Großstädte oder ländlicher Industriereviere wie im Schaumburgischen, bei Barsinghausen oder der Ilseder Hütte. Gleichwohl blieb der Bezug zur Landwirtschaft bestehen, denn auch die Arbeiter bewirtschafteten – häufig mit Hilfe der Bauern, den sog. Pflugbauern – ein wenig Land. Als Gegenleistung hatten sie, bzw. ihre Frauen, bei den Bauern zu arbeiten. Damit war speziell für die mittleren Betriebe das Arbeitskräfteproblem weitgehend gelöst.

Das alles änderte nichts daran, daß der schnelle Bevölkerungsanstieg der Industrialisierung an den Dörfern weitgehend vorbeiging. Nur in einigen Arbeiterdörfern gab es zwischen 1850 und 1914 ein starkes Wachstum, in Regionen ohne gewerbliche Impulse blieb das Wachstum stark begrenzt, so daß allein deshalb das dörfliche Leben einen ruhigen Eindruck machte. Das darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, daß wichtige Modernisierungen stattfanden; neben den erwähnten Hausbauten zählten dazu innerhäusliche Modernisierungen, Neubau von Schulen, Einrichtung von Postämtern, Errichtung von Kolonialwarenläden. Damit änderte sich das Erscheinungsbild vieler Dörfer innerhalb einer Generation. Dank eines Neubaubooms bei Kleinbahnen, der nach dem Erlaß des preußischen Kleinbahngesetzes von 1892 einsetzte, erhielten nun viele ländliche Siedlungen einen günstigen und vergleichsweise schnellen Anschluß an die städtische Welt.

Eine weitere Folge der Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft war eine erhebliche Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Zwischen 1800 und 1900 ging insbesondere der Anteil der extensiv genutzten Flächen und des sog. Ödlandes drastisch – wenngleich nicht in gleichem Maße wie nach 1950 – zurück.

Die Vergrößerung der landwirtschaftlich genutzten Fläche bedeutete in erster Linie eine Zunahme des Ackerlandes: durch Aufteilung der Gemeinheiten, durch Kultivierung von Ödland und durch Nutzung des bisherigen Brachlandes. Der Zuwachs war speziell in den Geestgebieten hoch, in den Bördegebieten dagegen deutlich niedriger. Außerdem setzte eine intensive Grünlandwirtschaft ein, ermöglicht durch Bewässerung bzw. Trockenlegung von Wiesen. In Niedersachsen läßt sich eine erkennbare Zunahme des Waldes verzeichnen, der erst nach den Reformen, insbesondere den Gemeinheitsteilungen, eine systematische Pflege erfuhr; in den nordöstlichen Gebieten Niedersachsens fanden in großem Stil Aufforstungen statt. Insbesondere diese Tatsache verweist darauf, daß die Landschaft Niedersachsens um 1800 keineswegs eine naturnahe war, sondern unter menschlichen Eingriffen teilweise erheblich zu leiden hatte. Bodenerosionen, je regelrechte Devastierungen gab es in den Heide- und Geestgebieten Norddeutschlands. Hier hatte etwa de Plaggenhieb zu einem regelrechten Raubbau an der Landschaft geführt.

Eine der großen Aufgaben und Herausforderungen der Landwirtschaft des 19. Jahrhunderts bildete die Versorgung einer schnell wachsenden Bevölkerung. Daß dies nicht nur gelang, sondern die Qualität der Ernährung erheblich gesteigert werden konnte, gehört zu den großen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Gegenüber der vorindustriellen Phase bedeutete dies das Ausbleiben der bis dahin üblichen periodischen Hungerkrisen. Die letzte große Hungerkrise in Europa endete 1845, danach gab es zwar noch einzelne Mißernten, aber keine Massenkrise. Gleichzeitig verbesserte sich die Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln wie Obst, Gemüse und Fleisch.

Dies gelang durch den Anbau neuer Früchte für die menschliche und tierische Ernährung und durch Ertragssteigerungen. Unter den neuen Früchten sind die Kartoffel und die Zuckerrübe besonders hervorzuheben. Zwar war die Kartoffel schon wesentlich länger bekannt, aber erst im 19. Jahrhundert erfolgte deren allgemeine Einführung sowohl für die menschliche als auch tierische Ernährung (etwa als Schweinefutter). Im 19. Jahrhundert begann zudem der Siegeszug der Zuckerrübe. Dank einer Erhöhung des Zuckergehalts und besseren Produktionsmethoden konnte seit den 1860er Jahren die Produktion erheblich ausgedehnt werden. Wurden 1860/61 erst 126.000 t produziert, so waren es 1910/11 fast 2,6 Mill. t, so daß Deutschland zu einem der wichtigsten Zuckerexportländer wurde. Der Zuckerrübenanbau war allerdings auf einzelne Regionen Deutschlands begrenzt, zu denen die Calenberger Börde gehörte. Hier war außerdem die Fruchtfolge so angelegt, daß sie mit der Viehzucht optimal harmonierte; die Abfälle konnten direkt als Viehfutter weiterverwertet werden.

Ohnehin bedeutete die Ausdehnung der Viehzucht einen erheblichen Fortschritt gegenüber der vorindustriellen Phase, denn sie ermöglichte eine hochwertige Eiweißversorgung der Bevölkerung. Dabei gab es erhebliche Verschiebungen: innerhalb eines Jahrhunderts wurde die zuvor so bedeutsame und die Viehzucht zumindest hinsichtlich der Größenverhältnisse dominierende Schafhaltung bedeutungslos, stagnierte die Rindviehzucht und expandierte die Schweinehaltung und Schweinemast. Da zudem sich die Schlachtgewichte bzw. die Milchleistung erhöhten, konnten die tierischen Produkte zur Versorgung der Menschen innerhalb der ersten 80 Jahre des Jahrhunderts verdreifacht werden, während im gleichen Zeitraum die Bevölkerung sich verdoppelte. Diese bedeutete, daß innerhalb eines Jahrhunderts der Fleischverbrauch pro Kopf der Bevölkerung von 17 auf 52 kg anstieg.

Die Verbesserung der Produktivität bezog auch das neue Ausbildungssystem der Landwirtschaftsschulen mit ein. Schon früh war an der Universität Göttingen eine systematische landwirtschaftliche Ausbildung eingeführt worden, im 19. Jahrhundert entstanden dann landwirtschaftliche Schulen überall im Land, wie in Hildesheim, Ebstorf oder Quakenbrück. Hinzu kamen Winterschulen und für die Mädchen landwirtschaftliche Haushaltungsschulen in nahezu allen Regionen des Landes.

Die Probleme beginnen

Bis etwa um die Jahrhundertwende war die Situation der Landwirtschaft relativ günstig; danach, teilweise schon zuvor, verschlechterte sie sich nach und nach. Diese Verschlechterung lag vorrangig daran, daß die deutsche Landwirtschaft sich plötzlich Konkurrenten gegenüber sah. Seit den 1870er Jahren wurde eine weitere Seite der Industrialisierung sichtbar: die immer stärkere Verbindung von internationalen Märkten. Wichtige Impulse gingen dabei von den USA aus. Dort konnten nach dem Ende der Sezessionskriege die Anbauflächen für Getreide erheblich ausgedehnt werden. Mit dem schon während des Krieges erlassenen Home-Stead-Act von 1862 wurden auch deutsche Einwanderer in den Mittleren Westen geholt. Da es aber an ausreichenden Arbeitskräften für die riesigen Flächen in den USA fehlte, gab es schon früh eine im Vergleich zu Deutschland viel stärkere Tendenz zur Mechanisierung, was wiederum zu einer erhöhten Produktivität führte. Für die steigenden Produktionsmengen gab es in den USA bald keinen ausreichenden Mark mehr. Mit dem Ausbau eines nationalen Eisenbahnnetzes in den USA und dem Aufkommen der atlantischen Dampfschiffahrt wurden außerdem die Frachtkosten drastisch gesenkt. Nun drängte amerikanisches, bald aber auch russisches oder indisches Getreide auf den europäischen Markt.

Hierauf war die deutsche Landwirtschaft kaum vorbereitet. Obwohl es seit den 1880er Jahren eine erkennbare Abwanderung in die Städte gab, reagierten darauf weder die ostelbischen noch die westelbischen Betriebe mit einer höheren Rationalisierung und Mechanisierung. Für viele der kleinen und mittleren westlichen Betriebe war eine solche allerdings auch kaum denkbar, denn für die vorrangig mit familieneigenen Kräften arbeitenden Betriebe fehlten die finanziellen Voraussetzungen. Erst unter dem massiven Druck der Abwanderung vieler Landarbeiter setzte um die Jahrhundertwende eine stärkere Mechanisierung auf den Gütern ein.

Statt auf eine gezielte Modernisierung setzte insbesondere die ostelbische Landwirtschaft auf eine Veränderung der politischen Rahmenbedingungen: durch erhöhte Einfuhrzölle und eine grundlegende Agitation gegen eine industrialisierte Gesellschaft sollten die eigenen Positionen gefestigt werden. Damit hatte die Agitation eine weitreichende Folge für die weitere Entwicklung der deutschen Gesellschaft. Die ländliche Gesellschaft wurde zum Gegenmodell zur scheinbar schlechteren urbanen und industriellen Gesellschaft gesehen; die vielen Vorteile, die sie von letzterer hatte, wurden hingegen verneint und geleugnet. Statt dessen wurden immer wieder negative Konsequenzen angeprangert: neben den hohen Preisen für Getreide speziell die Abwanderung der Landarbeiter in die Städte.

1914-1945: Dorfentwicklung zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg

Die Weimarer Zeit

Die 20er Jahre stehen bislang im Schatten des 19. Jahrhunderts und der Entwicklung nach 1933 bzw. nach 1945. Dies ist nicht recht verständlich, denn sie stellen eine wichtige Übergangsphase dar, die allerdings hinsichtlich ihrer Wirkungen durch die NS-Zeit wieder in Frage gestellt wurden.

In den Dörfern setzte sich der Modernisierungsprozeß des Kaiserreichs weiter fort. Hierzu zählten neben Neubauten vorrangig infrastrukturelle Maßnahmen wie die Elektrifizierung des flachen Landes, Einrichtung von Genossenschaften oder örtlichen Spar- und Darlehenskassen. Wichtige Verbesserungen für die Menschen fanden auch im Schulwesen statt, neue Medien wie der Film wurden hier nach und nach ebenfalls eingesetzt.

Für den ländlichen Raum spielte die Anfang der 1920er Jahre einsetzende Siedlungspolitik auf der Grundlage des Reichssiedlungsgesetzes von 1920 eine wichtige Rolle. Sie hatte zwar einen Schwerpunkt in Ostdeutschland, war aber auch in Niedersachsen bedeutsam, etwa im Emsland. Damit verbunden war eine erneute Wertschätzung des ländlichen Lebens, denn angesichts von Massenarbeitslosigkeit schien das Land die besseren Zukunftschancen zu eröffnen.

Gleichwohl blieben viele Elemente ländlichen Soziallebens bestehen, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatten. Zwar hatte es eine Hinwendung zum Marktgeschehen gegeben, aber nicht auf Kosten des dörflichen Soziallebens. Wolfram Pyta schreibt dazu in seinem 1996 erschienenen Buch: „Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933”:

„Daß sich die ökonomische Eigenbrötelei der Bauern durchaus mit einer gemeinschaftlichen Veranlagung im Sozialverkehr vertrug, ist vor allem darauf zurückzuführen, daß das Bauerndorf im Regelfall eine Wirtschaftsgemeinschaft im kleinen bildete. Die Bearbeitung des Bodens geschah in Form der gegenseitigen Kooperation: diejenigen Dorfbewohner wie Handwerker und Arbeiter, die Landwirtschaft nur im Nebenberuf betrieben, stellten die Arbeitskraft ihrer Familien den Vollerwerbsbauern zur Verfügung, welche diese bei der Bewältigung der vor allem in der Erntezeit anfallenden Arbeitsspitzen nicht entbehren konnten. Im Gegenzug bestellten die Haupterwerbslandwirte mit ihren Gespannen oder Maschinen die Felder ihrer nicht gepannfähigen Dorfgenossen. Da fast jeder Dorfinsasse ein Stück Land sein eigen nannte, entstand auf diese Weise eine das ganze Dorf umspannende Arbeitsbeziehung.” (Pyta, Dorfgemeinschaft, 47f)

Diese dörflichen Beziehungen waren nun keineswegs gleichwertig, d.h., in diesem System hatten die Bauern bessere Chancen, ihre Positionen durchzusetzen als die „kleinen Leute”. Gleichwohl bestand ein Aufeinanderangewiesensein. Weitere Klammern im Dorf bildeten die Verwandtschaftsverhältnisse, die Bauern und „kleine Leute” ebenso miteinander verbanden wie die Nachbarschaften. Letztere funktionierte dort besonders gut, wo die Mitglieder der Nachbarschaft weitgehend gleich gestellt waren, so daß ein ausgewogenes Verhältnis von Leistung und Gegenleistung bestand.

Damit hatte die dörfliche Struktur in den 1920er Jahren einen unübersehbar statischen Charakter, der durch die weiterhin bestehende Dominanz der dörflichen Eliten – Pastor, Lehrer, Großbauern – noch betont wurde. Allerdings wirkten sich teilweise die neuen Impulse eines allgemeinen Wahlrechts – nach dem preußischen Klassenwahlrecht bis 1918 – dort auf die dörflichen Verhältnisse aus, wo eine stärkere und selbstbewußte Arbeiterschaft existierte. Die Politisierung des dörflichen Lebens nahm damit zu, und öffnete gegen Ende der Weimarer Republik den Nationalsozialisten die Tür, indem sie eine Abwehr aller modernen Lebenserscheinungen versprachen – und wohl nicht einzuhalten gewillt waren.

Ökonomisch bedeuteten die Weimarer Jahre vorrangig eine Krisenzeit, die sich am Ende der 1920er Jahre zuspitzte. Die Verkaufserlöse der deutschen Landwirtschaft stagnierten in der gesamten Nachkriegsphase, die Verschuldung nahm dagegen beständig, und nicht nur im Osten, zu. Zwar gelang durch massiv erhöhte Einfuhrzölle eine Stabilisierung der Getreidepreise, aber die Spuren der Krise blieben noch lange Zeit bedeutsam.

Nationalsozialismus und Krieg

Die dörfliche Entwicklung zwischen 1933 und 1945 ist bis heute zumindest im lokalen Rahmen stark tabuisiert. Als Grund ist nicht nur die Tatsache anzusehen, daß die persönliche Kenntnis auf dem Dorf ausgeprägter ist, sondern auch darin, daß speziell Dorfgeschichte eine hohe aktuelle politische Bedeutung hat und es an Interpretationsansätzen für die soziale und ökonomische Entwicklung im Nationalsozialismus mangelt.

Die politische Entwicklung ist in unterschiedliche Phasen aufzuteilen: Die „Machtergreifung“ bedeutet auch für die Dörfer eine Phase der Polarisierung, wobei die Mechanismen von Verfolgung und Einschüchterung hier ebenfalls griffen. Besonders in protestantischen Bauerndörfern war die Akzeptanz der Nationalsozialisten anfänglich sehr hoch. Sie schwächte sich offenbar in der zweiten Hälfte der 30er Jahre weiter ab, wozu das Reichserbhofgesetz und die Zwangsbewirtschaftung landwirtschaftlicher Produkte erheblich beitrugen. Der Nationalsozialismus zerschlug im übrigen auch auf dem Land ein teilweise ausgeprägtes Milieu der Arbeiterbewegung (in den ländlichen „Industrialisierungsinseln“).

Hinsichtlich der sozialen Verhältnisse kann von einem Scheitern der nationalsozialistischen Politik vor allem deshalb gesprochen werden, weil die Land-Stadt-Wanderung keineswegs gestoppt, sondern dank der Aufrüstungspolitik eher beschleunigt wurde. Damit wurde eine der Erwartungen der konservativen Dorfbevölkerung in den Nationalsozialismus nicht erfüllt. Andererseits blieb die dringend notwendige Modernisierung des Dorfes in Ansätzen stecken. Das Reichserbhofgesetz blockierte eine marktwirtschaftliche Orientierung, führte statt dessen planwirtschaftliche Elemente ein und verhinderte eine stärkere Mechanisierung der Landwirtschaft. Durch den Abzug von Arbeitskräften infolge der Aufrüstungspolitik wurde das Arbeitskräfteproblem noch verstärkt. Bescheidene „Modernisierungseffekte“ traten in unterschiedlichen Bereichen auf, wie der Land-Stadt-Wanderung, der Lockerung vorhandener Statusgruppen innerhalb des Dorfes und der verstärkten Mobilisierung der dörflichen Bevölkerung. Insgesamt waren aber diese Effekte nicht einheitlich.

Ein Hauptziel des Nationalsozialismus war eine Erhöhung der Produktivität, um Deutschland autark werden zu lassen. Dies Ziel wurde nicht erreicht; zwar stieg die Produktion vor dem Krieg um etwa 10 % an, aber das war weniger als in der Weimarer Republik und es wurde durch den Bevölkerungszuwachs wieder aufgewogen. Durch die weiterhin nicht angetasteten Großbetriebe und die unzureichenden finanziellen Voraussetzung für eine Modernisierung wurden die vorhandenen Möglichkeiten für eine weit stärkere Modernisierung nicht genutzt.

Der Krieg führte zu einer erheblichen Verschlechterung der Rahmenbedingungen: die Versorgung mit künstlichem Dünger fiel weit unter die Vorkriegswerte herab, die Viehbestände wurden verringert, Arbeitskräfte abgezogen. Dadurch wurde die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft erheblich beeinträchtigt. So bedeutete die Verringerung der Viehbestände nicht nur, daß sich die Fleischversorgung (speziell mit Schweinefleisch) der Bevölkerung verringerte, sondern daß Dünger und Zugvieh fehlten (letztere waren vorrangig von der Wehrmacht beschlagnahmt worden).

Obwohl die Versorgungssituation im Krieg konstant schlechter wurde, trat keine extreme Unterversorgung wie im Ersten Weltkrieg auf, da in den besetzten Ländern systematisch die dortigen Ernten für die Versorgung der deutschen Bevölkerung requiriert wurden.

Mehrdeutig erscheinen die individuellen und kollektiven Erfahrungen der Kriegsjahre. Sicher dürfte sein, daß der Kriegsausbruch zu keiner Begeisterung der Landbevölkerung führte. Inwieweit wurde aber das dörfliche Normengefüge in Frage gestellt? Welche Konsequenzen ergaben sich aus den stark abweichenden individuellen Erfahrungen der Dorfbewohner, die nicht mehr einen einheitlichen räumlichen Bezugspunkt hatten (Frauen und Kinder blieben im Dorf, Männer wurden eingezogen), während gleichzeitig der Zuzug von Fremden (Evakuierten einerseits, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen andererseits) nicht nur im Gegensatz zu bisherigen Erfahrungen stand (bis dahin waren kaum Menschen in das Dorf gezogen), sondern auch die Selbstwahrnehmung der Dorfbewohner und deren Status änderten?

1945-1990: Strukturwandel und Modernisierung

Nachkriegszeit

Der Krieg endete in mancher Hinsicht nicht abrupt, sondern in einer längeren Übergangsphase, die durch starke Veränderungen hinsichtlich der Bevölkerung (Evakuierte, Fremdarbeiter, zurückkehrende Soldaten, Flüchtlinge) und eine anhaltende wirtschaftliche Krisenphase (unzureichende Versorgung mit Dünger, Kraftstoff und Material, Zwangsbewirtschaftung) gekennzeichnet war. Zudem fand das Kriegsende in den verschiedenen Gebieten Deutschlands zu einer unterschiedlichen Zeit statt. Ein deutlicher Bruch läßt sich bei der Gemeindeverwaltung feststellen, da die vorhandenen Gemeinderäte durch die jeweilige Besatzungsmacht abgelöst wurden.

Damit verschärfte sich ein Problem für die Landwirtschaft, welches schon während des Krieges akut geworden war: der Arbeitskräftemangel. Bis 1945 konnte man ihn noch durch den Einsatz von Kriegsgefangenen begrenzen, ab April/Mai 1945 war das nicht mehr möglich. Zwar kamen nach und nach die Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zurück, aber damit war das Arbeitskräfteproblem nicht zu lösen. Die Situation war kurios: zwischen 1945 und 1949 verdoppelte sich in vielen Dörfern die Bevölkerung, aber es mangelte an Arbeitskräften für die Landwirtschaft. Die Flüchtlinge dienten lediglich als Ersatz, aber schon früh wurde sichtbar, daß nur eine schnelle Mechanisierung eine nachhaltige Lösung bringen würde. Die allgemeine Abwanderung aus der Landwirtschaft war damit schon in Ansätzen vor 1950 zu erkennen.

Die ersten Jahre nach dem Kriegsende waren äußerst konfliktreich, nicht zuletzt aufgrund der Zuwanderung durch die Flüchtlinge. Die teilweise heftige Gegenwehr der einheimischen Bevölkerung gegen die Zuweisung der Flüchtlinge überrascht, denn an Fremde im Dorf hätte man nach den Erfahrungen der Nachkriegszeit eigentlich gewöhnt sein müssen. Der Kleinkrieg um Wohnen, Essen und andere Dinge des Alltags überschattete lange Zeit die Beziehung zwischen eingesessener und neuer Bevölkerung. Unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man im Dorf leben sollte, verstärkten die Disharmonien. Viele Flüchtlinge waren selbst Landwirte gewesen oder stammten aus den Städten. Beide Gruppen weigerten sich, die Hierarchien im Dorf ohne weiteres anzuerkennen. Schon während des Krieges hatten die Bauern geklagt, daß evakuierte Frauen sich nicht an den Feldarbeiten beteiligen würden. Flüchtlingsfrauen halfen zwar bei den Bauern auf dem Feld, aber nur notgedrungen, nicht freiwillig. Das dörfliche Sozialgefüge und die von den Bauern dominierten Wertvorstellungen lösten sich langsam auf.

Modernisierung

Die 1950er Jahre bilden eine wichtige Übergangsphase in der Entwicklung der Dörfer und der Landwirtschaft. Im sozialen Bereich bedeuteten sie den Übergang von der geschlossenen bäuerlichen Gemeinden mit der Dominanz der alten Eliten (Gutsherr, Großbauern, Bauern, Pastor, Lehrer) zu einer offenen Gemeinde, sowie die starke Zunahme der Gesamtbevölkerung bei gleichzeitiger Differenzierung der sozialen Gruppen. Diese Effekte traten vor allem dort ein, wo die Abwanderung der Flüchtlinge sich in Grenzen hielt, während in Dörfern mit einer starken Abwanderung der Flüchtlinge die Sozialstruktur sogar einheitlicher werden konnte.

Damit spiegelt die demographische Entwicklung der 1950er Jahre Entwicklungsmöglichkeiten wider. Nur bei günstigen Erwerbs- und Baumöglichkeiten blieb ein nennenswerter Teil der Flüchtlinge im Dorf wohnen, ansonsten wanderte ein Großteil von ihnen schon in kurzer Zeit in die Städte wieder ab.

Seit Beginn der 1950er Jahre begann, in unterschiedlichem Umfang, die Integration der Flüchtlinge, wofür es eine Reihe von Indizien gibt. So nahmen die Heiraten mit Einheimischen zu, wurden Flüchtlinge in die dörflichen Vereinen integriert. Allerdings bleibt es fraglich, wie weit diese Integration ging und ob sie nicht zuweilen überschätzt wird. Für eine eher skeptische Bewertung einer nach 1950 schnellen Integration sprechen mehrere Gründe: Zum einen bedeutete die Niederlassung im Dorf zumeist das Wohnen in Neubaugebieten und damit die räumliche Abgrenzung zur älteren Dorfbevölkerung. Hinzu kam, daß in vielen niedersächsischen Gemeinden die Flüchtlinge einer anderen Konfession angehörten, zumeist waren sie katholisch, die dörfliche Mehrheit aber protestantisch. Schließlich organisierten sich die Flüchtlinge zunächst in eigenen Vereinen, um ihre Interessen besser vertreten zu können. Vermutlich war die Integration ein wesentlich längerer, allmählicher Prozeß als zumeist angenommen wird.

Neben der Integration der Flüchtlinge war die Modernisierung des Dorfes die große Herausforderung dieser Zeit. Nach den unterbliebenen Verbesserungen in den letzten 20 Jahren bestand ein erheblicher Nachholbedarf, der durch den Flüchtlingszuzug noch verstärkt wurde. Zudem waren die Anforderungen an dörfliches Leben noch erheblich gestiegen. Damit setzte eine Welle von verschiedenen Maßnahmen ein, die vom Schulneubau bis zur Kanalisation reichten und den Lebensstandard im Dorf wesentlich aufwerteten. Insbesondere der Schulneubau spielte eine wichtige Rolle, wurden doch damit nicht nur die bis dahin zuweilen unerträglichen räumlichen und hygienischen Verhältnisse beendet, sondern auch deutlich der Anspruch gezeigt, die Bildungschancen auf dem Land gegenüber der Stadt aufzuwerten. 1948 gab es in Niedersachsen 4.659 Volksschulen mit 11.750 Klassenräume (oder 2,52 Klassenräume je Schule), bis 1956 war die Zahl der Volksschulen zwar nur auf 4.838 gestiegen, jetzt aber mit 17.380 Klassen (3,59 Klassen je Schule). 148 betrug die durchschnittliche Klassengröße bei den Volksschulen 46,1, auf jeden Lehrer kamen 64 Schüler; bis 1956 hatten sich die Verhältnisse schon erheblich entspannt; die Klassengröße war auf 32,8 gesunken, die Relation Lehrer – Schüler auf 34,9.

Die Hauptausbauphase bei den Volksschulen lag zwischen 1948 und 1954, danach ging sowohl die Zahl der Schüler als auch die der Lehrer zurück. Darin drückt sich vorrangig die Abwanderung der Flüchtlinge aus den Dörfern und aus Niedersachsen aus und erst in zweiter Linie die stärkere Hinwendung zu den höheren Schulen.

Neben den Schulen war die Schaffung eines verbesserten Wohnstandards durch den Bau von Wasserleitungen und Kanalisation ein weiteres wichtiges Anliegen der Dorfmodernisierung. Hierdurch wurden nicht nur die hygienischen Verhältnisse erheblich verbesserte, sondern auch die Voraussetzung für innerhäusliche Modernisierungen, insbesondere den Einbau von Badezimmern geschaffen. Dadurch konnte bis Mitte der 1960er Jahre der erhebliche Rückstand gegenüber städtischem Wohnen stark vermindert werden.

Die Modernisierung der Landwirtschaft gehörte gleichwohl zu den herausragenden Herausforderungen dieser Phase. Sie zielte auf eine leistungsstärkere, technisierte Produktion und versuchte sowohl den vollbäuerlichen als auch den kleinbäuerlichen Betrieben eine Existenzsicherung zu geben. Die Wege dorthin waren unterschiedlich. Mit dem Flurbereinigungsgesetz von 1953 war die Grundlage für eine neue Phase der Flurbereinigung geschaffen worden. Im Bezirk der Landwirtschaftskammer Weser-Ems wurden zwischen 1948 und 1962 131 Verfahren mit 50-676 ha durchgeführt, im Kammerbereich Hannover waren es sogar 334 Maßnahmen mit 168-381 ha. Die Flurbereinigung bezweckte eine „umfassende Neuordnung und Umgestaltung einer Gemarkung, bei der neben der Zusammenlegung der Schaffung genügend großer Feldstücke und günstiger Planformen angestrebt wird, ferner die Regelung der Wasserwirtschaft und die Neuanlage und den Ausbau des Wirtschaftswegenetzes“ (Landwirtschaft Niedersachsens, 246 und 252). Die Neuordnung der Feldmark umfaßte damit neben der Zusammenlegung auch die Regelung der Wasserverhältnisse und der Vorflut sowie der Dränage. Zugleich wurden in größerem Umfang Aufstockungen und Aussiedlungen vorgenommen, um den Betrieben eine bessere Existenzgrundlage zu verschaffen. Mit der Flüchtlingssiedlung wurde versucht, auch Flüchtlingen eine bäuerliche Existenzgrundlage zu verschaffen.

Schließlich ist auf regionale Förderprogramme hinzuweisen, insbesondere den Emslandplan und den Küstenplan, die die genannten Maßnahmen in einem räumlichen Kontext bündelten und durch weitere Maßnahmen wie Straßenbau ergänzt wurden. Im Emsland wurde darüber hinaus die Moorkolonisation und die Neuanlage von Bauernhöfen systematisch gefördert. Damit gelang zumindest eine erhebliche Hebung des Lebensstandards in dem bis dahin benachteiligten Gebiet im Westen Niedersachsens.

Die vielfältigen Maßnahmen zur Stärkung des agrarischen Sektor, die enormen Produktionsgewinne und die dramatische Mechanisierung konnten nichts daran ändern, daß der Strukturwandel in der Landwirtschaft in den 1950er Jahren massiv einsetzte. Er fand gleichsam in zwei Schüben statt. Im ersten Schub verschwanden die Arbeitskräfte. Dies betraf zuerst die Landarbeiter, während die teilweise mithelfenden Dorfbewohner, darunter die Flüchtlinge, noch in den 1950er Jahren in größerer Zahl zur Verfügung standen. Durch die Einbeziehung dieser Arbeitskräfte und durch eine schnelle Mechanisierung reagierten die Betriebe auf diese Entwicklung. Dennoch ist der Rückgang der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zwischen 1949 und 1950 mit 300.000 enorm und zeigt deutlich die Abwanderungstendenzen schon in dieser frühen Zeit. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich dieser Trend fort. Bemerkenswert für die Zeit zwischen 1949 und 1960 ist das Auseinanderklaffen zwischen den Beschäftigten im sekundären und tertiären Sektor im Vergleich zum primären Sektor.

Betriebsaufgaben in größerer Zahl fanden dagegen noch nicht statt. Diese setzten erst gegen Ende der 1950er Jahre vermehrt ein und verstärkten sich in den folgenden Jahrzehnten nahezu ungehemmt. Zunächst gaben die kleinen Betriebe auf, deren Zahl noch bis Mitte der 1920er Jahre angestiegen war, sich aber schon zwischen 1925 und 1949 um etwa ein Viertel verringert hatte. Je größer die Betriebe waren, desto verhaltener war die Entwicklung; die über 10 ha großen Betriebe wiesen sogar alle bis 1960 Zuwachszahlen auf. Der Trend zu wenigen großen Betriebseinheiten zeichnet sich aber schon früh ab.

Die Folgen dieses Prozesses für die Landwirtschaft und für das Dorf können gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Hoffnung, daß sich auf Dauer traditionelle, „bäuerliche“ Strukturen behaupten können, dürfte insbesondere durch den andauernden Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe und die verstärkte Nutzung des Dorfes als Wohnstandort als verfehlt erscheinen.

Das Ende der Selbständigkeit

In den 1950er und 1960er Jahren erlebten viele Dörfer eine Renaissance. Nachdem das NS-Regime auch in der Gemeindeverwaltung das „Führerprinzip“ eingeführt hatte, wurde mit einer demokratischen Selbstverwaltung ein neuer Weg beschritten. Der Ausbau der Infrastruktur ließ ebenfalls erwarten, daß die Dörfer eine neue erfolgreiche Zukunft vor sich hatten. Zugleich bewirkten diese Maßnahmen eine zunehmende Verschuldung der Dörfer und förderten die Abhängigkeit von der staatlichen Verwaltung, welche für die Mittelvergabe zuständig war. In den 1960er Jahren zeichnete sich schon ab, daß die Entwicklung in eine andere Richtung ging. In der Schulpolitik wurde früh eine Konzentrationspolitik betrieben, die dann in den 1970er Jahren in die Gebiets- und Verwaltungsreform mündete, welche vielen Gemeinden ihre Existenzgrundlage raubte. Zugleich führte dies zu einem Abbau demokratischer Mitspracherechte und einer Professionalisierung der Verwaltung, somit auch zu einer gewissen Bürgerferne. Die ungebrochenen Zentralisierungstendenzen etwa im Einzelhandel hat den negativen Effekt dieser Maßnahmen noch verstärkt.

Damit gingen die in den 1950er und 1960er Jahren gewonnenen Kompetenzen der Kommunen zunächst schrittweise (Schulen), dann schlagartig durch die Gebiets- und Verwaltungsreform verloren. Zusammen mit dem durch den Strukturwandel der Landwirtschaft einhergehenden sozialen und ökonomischen Veränderungen bedeuteten sie einen tiefgreifenden Bruch dörflicher Identität. Die Dorferneuerung der 1980er und 1990er Jahre versucht die negativen sozialen Folgen dieser Entwicklung zu beseitigen.

Als Folge der ökonomischen und sozialen Veränderungen beginnt sich das dörfliche Milieu gegenüber neuen Einflüssen zu öffnen. Die sozial und politisch dominante bäuerliche Bevölkerung verliert ebenso an Bedeutung wie die „klassischen“ Dorfeliten (Pastor, Lehrer); das Vereinswesen wird vielgestaltiger, „kleine Leute“, Arbeiter und Flüchtlinge sind zunehmend an ihnen beteiligt. Durch das Fernsehen und das Ende der gemeinsamen Feldarbeit lösten sich die alten innerdörflichen Kommunikationsstrukturen auf und wurden nur teilweise durch neue ersetzt (etwa in den Vereinen).

Gegenüber den 1970er Jahren hat sich die aktuelle Situation weiter verändert. Zwar verschwanden vor 20 bis 30 Jahren schon die Bauernhöfe nach und nach aus dem Dorf. Aber die alten Wahrnehmungsformen bestanden weiterhin, die Erinnerung an bis vor kurzem bestehende Hierarchien, Eliten war frisch; dörfliche Mentalität noch ungebrochen. Inzwischen lebt aber nicht nur eine neue Generation von jungen Dorfbewohnern auf dem Land, welche diese alten Verhältnisse nicht mehr kennt, sondern mit dem massiven Zuzug von Stadtbewohnern ist eine neue soziale Schicht dominant geworden, welche keine Beziehung mehr zum realen alten Dorf hat, sondern nur noch zu einem „idealtypischen“, fiktiven Dorf.

Diesen strukturellen Veränderungen und Brüchen versucht besonders die Dorferneuerung zu begegnen. In mittlerweile 20 Jahren hat sie eine Reihe von Veränderungen erlebt, wandelte sich vom reinen Bauprogramm zu einer umfassenden Entwicklungsmaßnahme, ohne dabei bislang den Schwerpunkt auf die baulichen Maßnahmen zu verlieren.

2000: Wie kann es weitergehen?

Der Blick auf die Geschichte der Dörfer und der Landwirtschaft in den letzten knapp 200 Jahren zeigt eine komplexe Entwicklung. Sie war weder „einfach“ in dem Sinn, daß es dem ländlichen Raum in den vergangenen beiden Jahrhunderten grundsätzlich besser ging als heute, noch war sie „einfach“ im Sinn einer geradlinigen Entwicklung.

Die Agrarreformen des 19. Jahrhunderts haben zwar viel gemeinsam mit einigen heutigen Modernisierungsmaßnahmen, aber sie unterscheiden sich gleichwohl in einigen Punkten von diesen. Ebenfalls taugt „die“ Industrialisierung nicht grundsätzlich als Feindbild für negative Entwicklungen im Bereich der Landwirtschaft. Zwischen beiden gab es vielmehr eine lange Symbiose, die erst in den 1950er Jahren aufbrach. Wenn wir nach dem „alten“ Dorf fragen, so ist es dieses Dorf der Industrialisierung vor 1950 oder vor 1940, auf welches sich Leitbilder beziehen, nicht das Dorf vor den Agrarreformen.

Mittlerweile hat es wichtige strukturelle Brüche vor über einer Generation gegeben, sie spielen damit im Erfahrungshorizont einer jungen Generation keine größere Rolle mehr. Damit wird auch der Frage nach der Zukunft des Dorfes eine neue Bedeutung zugewiesen. Die alten Bilder und Leitbilder verblassen allmählich, stereotype Bilder vom „alten“ Dorf hoffentlich auch. Das schafft neuen Gestaltungsspielraum für den ländlichen Raum, in dem dann – vielleicht – auch eine veränderte, nachhaltig wirtschaftende Landwirtschaft ihren Platz haben kann.

Literatur

Allgemeine Literatur

Henning, Friedrich-Wilhelm: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland. Bd. 2. 1750 bis 1986. 2. Auflage, Paderborn 1988.

Bietet einen guten Überblick, der auch die Nachkriegszeit angemessen berücksichtigt.

Henkel, Gerhard: Der Ländliche Raum. Gegenwart und Wandlungsprozesse in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert. Stuttgart 1993. 2. überarbeitete Auflage 1995.

Ebenfalls gute Darstellung aus der Sicht des Geographen.

Henkel, Gerhard: Das Dorf: Landleben in Deutschland - gestern und heute. 2011.

Neueste Darstellung eines der besten Kenner der neueren Dorfgeschichte.

Seedorf, Hans-Heinrich; Hans-Heinrich Meyer: Landeskunde Niedersachsen. Natur- und Kulturgeschichte eines Bundeslandes. Bd. 1: Historische Grundlagen und naturräumliche Ausstattung. Neumünster 1992. Bd. 2: Niedersachsen als Wirtschafts- und Kulturraum. Bevölkerung, Siedlungen, Wirtschaft, Verkehr und kulturelles Leben. Neumünster 1996.

Eine Fundgrube für unterschiedlichste Aspekte, insbesondere der zweite Band ist sehr stark historisch ausgerichtet.

Troßbach, Werner und Clemens Zimmermann, Hrsg.: Geschichte des Dorfes. (UTB  8324). Stuttgart (Hohenheim) 2006.

Wichtigste neuere Arbeit zum Thema, unverzichtbar.

Wächter, H. H.: Die Landwirtschaft Niedersachsens vom Beginn des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. (Veröffentlichung des Instituts für Landesplanung und niedersächsische Landeskunde an der Univ. Göttingen) Bremen-Horn 1959.

Die Arbeit von Wächter ist inzwischen veraltet, enthält aber viele wichtige Daten speziell für Niedersachsen bereit.

Agrarreformen

Zu den Agrarreformen in Niedersachsen gibt es mehrere Darstellungen, allerdings fehlt eine neuere Gesamtdarstellung. Einen guten Überblick der deutschen Entwicklung bietet:

Dipper, Christof: Die Bauernbefreiung in Deutschland. 1790-1850. Stuttgart u.a. 1980.

Achilles, Walter: Deutsche Agrargeschichte im Zeitalter der Reformen und der Industrialisierung. Stuttgart 1993.

Neuestes Handbuch, das allerdings vorrangig den älteren Forschungsstand wiedergibt, dennoch unverzichtbar.

Brakensiek, Stefan: Agrarreform und ländliche Gesellschaft. Die Privatisierung der Marken in Nordwestdeutschland 1750-1850. (Forschungen zur Regionalgeschichte 1) Paderborn 1991.

Die Untersuchung enthält u.a. eine Zusammenfassung der niedersächsischen Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen.

Schneider, Karl Heinz; Hans Heinrich Seedorf: Bauernbefreiung und Agrarreformen in Niedersachsen. (Schriften zur Heimatpflege 4). Hildesheim 1989.

Knappe Zusammenfassung mit Hilfen für den Heimatforscher.

Schneider, Karl H.: Geschichte der Bauernbefreiung. Stuttgart 2010.

Schlumbohm, Jürgen: Lebensläufe, Familien, Höfe. Die Bauern und Heuerleute des Osnabrückischen Kirchspiels Belm in proto-industrieller Zeit, 1650-1850. Göttingen 1994. 2. durchges. Auflage 1997.

Die Arbeit von Jürgen Schlumbohm stellt eine differenzierte Analyse in einer engeren Region dar, gleichwohl werden viele Aspekte angesprochen, die auch in anderen Gebieten Niedersachsens anzutreffen waren.

Henkel, Anne-Katrin: „Ein besseres Los zu erringen, als das bisherige war”. Ursachen, Verlauf und Folgewirkung der hannoverschen Auswanderungsbewegung im 18. und 19. Jahrhundert. Hameln 1996.

Neueste Zusammenfassung der Amerikaauswanderung.

Schildt, Gerhard: Tagelöhner, Gesellen, Arbeiter. Sozialgeschichte der vorindustriellen und industriellen Arbeit in Braunschweig 1830-1880. Stuttgart 1986.

Wichtige Regionalstudie, die den Übergang vom Tagelöhner zum Arbeiter behandelt.

Industrialisierung und Landwirtschaft

Siehe grundsätzlich die oben angegebene Literatur.

Achilles, Walter: Die niedersächsische Landwirtschaft im Zeitalter der Industrialisierung 1882-1914. Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 50/1978. S. 7-26.

Knappe, instruktive Übersicht.

Festschrift zum 150jährigen Bestehen der Königlichen Landwirtschafts-Gesellschaft Hannover. 1764-1914. Hrg. Landwirtschaftskammer Hannover. Hannover 1914.

Eine zeitgenössische Darstellung, die allerdings reichhaltiges Material bereithält.

Hansen, Nils; Tillmann, Doris: Dorferneuerung um 1900. Heide in Holstein 1990.

Diese Arbeit bezieht sich zwar auf Schleswig-Holstein, enthält aber eine gute Übersicht der strukturellen Veränderungen während des Kaiserreichs.

Mütter, Bernd; Robert Meyer: Agrarmodernisierung im Herzogtum Oldenburg zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg: Marsch und Geest im intraregionalen Vergleich (Ämter Brake/Elsfleth und Cloppenburg) (Quellen und Untersuchungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Niedersachsens in der Neuzeit; 18) Hannover 1995.

Behandelt die Region Niedersachsens, welche im Kaiserreich eine beeindruckende Entwicklung erlebt hat.

Zwischen Weltkrieg und Nationalsozialismus

Pyta, Wolfram: Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933. Die Verschränkung von Milieu und Parteien in den protestantischen Landgebieten Deutschlands in der Weimarer Republik. Düsseldorf 1996. Neueste Studie, die insbesondere das dörfliche Milieu behandelt; zwar nicht auf Niedersachsen begrenzt, dieses aber auch berücksichtigend.

Thomsen, Johann Wilhelm: Landleben in der Weimarer Republik. Heide 1989. Betrifft erneut Schleswig-Holstein, aber Vergleiche mit Niedersachsen sind möglich.

Saldern, Adelheid v.: Mittelstand im „Dritten Reich”. Handwerker - Einzelhändler - Bauern. Frankfurt/M-New York 21985.

Inzwischen klassische Studie zu diesem Thema.

Herlemann, Beatrix: Der Bauer klebt am Hergebrachten. Bäuerliche Verhaltensweisen unterm Nationalsozialismus auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsen. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen XXXIV) Hannover 1993.

Zusammenfassende und wegweisende Darstellung zum Thema.

Münkel, Daniela: Nationalsozialistische Agrarpolitik und Bauernalltag. Frankfurt/New York 1996.

Daniela Münkel hat sich in mehreren Arbeiten mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Strukturwandel und Modernisierung

Zur Entwicklung des ländlichen Raumes nach 1945 gibt es zwar eine Fülle zeitgenössischer Schriften, aber nur wenig zusammenfassende Darstellungen. Die folgenden Titel stellen nur eine knappe Auswahl dar.

Bade, Klaus Jürgen, Hrg.: Fremde im Land: Zuwanderung und Eingliederung im Raum Niedersachsen seit dem Zweiten Weltkrieg. (Schriften des Instituts für Migrationsforschung Bd. 3) Osnabrück 1997.

Neueste Gesamtdarstellung zum Thema Flüchtlinge in Niedersachsen.

Albrecht-Thaer-Gesellschaft, Hrg.: Die Landwirtschaft Niedersachsens 1914-1964. Celle 1964.

Enthält eine gute Übersicht zur Entwicklung der niedersächsischen Landwirtschaft im 20. Jahrhundert.

10 Jahre Niedersachsen im Spiegel der Statistik. Statistisches Jahrbuch für Niedersachsen 1956. Hannover 1956.

Die Statistik enthält wichtiges Datenmaterial für die ersten 10 Jahres des Landes Niedersachsen.

Bauerkämper, Arnd: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in der Bundesrepublik in den 50er Jahren. In: Schildt, Axel; Sywottek, Arnold, Hrg.: Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre. Bonn 1993, S. 188-202.

Neuere knappe Übersicht mit weiterführenden Literaturhinweisen.

Deenen, B. van u.a.: Lebensverhältnisse in kleinbäuerlichen Dörfern 1952 und 1972. (Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie e.V. Bonn) Bonn o. J. (1975).

Basis sind zwei Erhebungen in zehn kleinbäuerlichen Dörfern; inzwischen liegt eine dritte Untersuchung von 1992 vor.

Hauptmeyer, Carl-Hans: Zum Funktionswandel niedersächsischer Dörfer in der Nachkriegszeit - das Calenberger Land als Beispiel. In: Neues Archiv für Niedersachsen Bd. 33, 1984, S. 75-98.

Knappe instruktive Übersicht.

Hauptmeyer, Carl-Hans; Henckel, Heinar; Ilien, Albert; Reinecke, Carsten; Wöbse, Hans Hermann: Annäherungen an das Dorf. Geschichte, Vergangenheit und Zukunft. Hannover 1983.

Hier ist insbesondere auf den Aufsatz von Carsten Reinecke über Barneberg hinzuweisen, der den Strukturwandel nach 1945 zum Gegenstand hat.

Saalfeld, Diedrich: Die Landwirtschaft Niedersachsens. Ihre sozialen und wirtschaftlichen Wandlungen seit 1945 und ihre Entwicklungstendenzen. (Schriftenreihe der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung Reihe B, Heft 9) Hannover 1965.

Enthält die wichtigsten Daten.

Schneider, Karl H.: Der Krieg, das Dorf und die Flüchtlinge. In: Marlis Buchholz u.a., Hrg.: Nationalsozialismus und Region. Festschrift für Herbert Obenaus zum 65. Geburtstag. (Hannoversche Schriften zur regionalgeschichte Bd. 11) Bielefeld 1996, S. 295-314.

Die Entwicklung in zwei Dörfern wird für die 1950er Jahre vorgestellt.

Schneider, Karl H.: Der langsame Abschied vom Agrarland. In: Bernd Weisbrod, Hrg., Von der Währungsreform zum Wirtschaftswunder: Wiederaufbau in Niedersachsen. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 38, 13) Hannover 1998, S. 133-160.

Darstellung der niedersächsischen Agrarpolitik, u.a. der regionalen Entwicklungsprogramme.

Windhorst, Hans-W. (Hg): Industrialisierte Landwirtschaft und Agrarindustrie: Entwicklungen, Strukturen und Probleme. Vechta 1989.

Das Beispiel einer sich schnell entwickelnden industrialisierten Landwirtschaft im Oldenburger Münsterland.

Becker, Heinrich; Herbert Oberbeck; Rainer Opperman: Geht der Landwirtschaft die Puste aus? - Zukunftsprobleme des primären Sektors. In: SOFI - Mitteilungen, 20 (1993), H. 1, S. 52-60.

Knappe Zusammenfassung eines Forschungsprojektes, welches u.a. die gewandelte Stellung der Landwirtschaft im Dorf behandelt.

Becker, Heinrich: Dörfer heute : ländliche Lebensverhältnisse im Wandel ; 1952, 1972 und 1993/95. Bonn 1997. (Schriftenreihe der Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie e.V. ; 307)

Neueste Vergleichsstudie von zehn kleinbäuerlichen Dörfern. Wichtig.

Henkel, Gerhard, Hrg.: Kommunale Gebietsreform und Autonomie im ländlichen Raum. (Essener Geographische Arbeiten 15) Paderborn 1986.

Enthält wichtige Aufsätze zum Thema „kommunale Gebietsreform“.

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