Epigraphik

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Von Dr. Balbina Bäbler Nesselrath

Inhaltsverzeichnis

Was ist und womit beschäftigt sich die Epigraphik?

Der Begriff stammt vom griechischen epigraphé (Aufschrift). Die Epigraphik befasst sich mit dem gesamten unmittelbar (d. h. nicht durch mittelalterliche Handschriften und antike Papyri) überlieferten antiken Schrifttum (außer den Münzinschriften, die zur Numismatik, und den in Ägypten gefundenen Tonscherben, Holz- und Wachstafeln, die aufgrund der Herkunft zu Papyrologie gehören). Anders als bei der antiken Literatur ist die Überlieferung nicht durch das Interesse der Leser, sondern durch den Zufall bzw. die archäologischen Ausgrabungen bestimmt; es gibt immer noch zahlreiche Neufunde. Inschriften haben einen bestimmten Anlass und dienen einem konkretem Zweck (Weihung, Grabinschrift, Volksbeschluss, Inventar u. a.) und sind daher meist nur einmal vorhanden (selten wurden z. B. Dekrete in mehreren Exemplaren aufgezeichnet), und dies oft auch nur lücken- und trümmerhaft. Zur Erschließung ihres Kontextes ist die Einbeziehung literarischer oder archäologischer Zeugnisse nötig.

Epigraphische Quellen tragen zur Kenntnis von Dialekten und der Sprache und Schreibweise einer bestimmten Epoche bei. Sie geben zudem Zeugnis von Angehörigen von Bevölkerungsschichten (Sklaven, „Barbaren“, Frauen), die sich sonst kaum (literarisch) artikulieren konnten. Träger von Inschriften können alle Arten von Material sein: Eine Inschrift kann aufge­schrieben, eingehauen, eingeritzt oder in erhabenen Buchstaben (durch Stempel) angebracht sein. Der wichtigste Schriftträger ist Stein (Monumente, Bauten, Statuen), dann Metall (Gerä­te, Gewichte, Ringe, Lampen), ferner Vasen, Gemmen und Siegel. Sind griechische Inschriften oft auffällig unbekümmert angebracht und werden einfach nach unten „umgebogen“, wenn der Platz nicht ausreicht, so verwenden die Römer Schrift als ornamentale Dekoration. In antiken Inschriften werden nur Großbuchstaben und keine Satzzeichen verwendet, und die Wörter werden ohne Trennung aneinander geschrieben (sog. scriptio continua).

Inschriften auf Gebrauchsgegenständen (z. B. Ziegel, Amphoren, Lampen, Gefäße aller Art) sind für die Wirtschaftsgeschichte wichtig; das Material ist meist von bescheidenem Wert, vermag aber Auskunft zu geben über Produktion und Verteilung von Gütern in der vorindustriellen Gesellschaft, worüber man in antiker Literatur nur wenig findet.

Wesen und Inhalt von Inschriften:

  • Grabinschriften auf verschiedenen Denkmälerformen (Stelen, Sarkophagen) machen zwei Drittel aller erhaltenen griechischen und lateinischen Inschriften aus und sind daher eine wichtige Quelle für Sozialgeschichte, Prosopographie und Onomastik.
  • Weihinschriften finden sich auf unscheinbarsten Gebrauchsgegenständen ebenso wie auf kostbarsten Kunstwerken. Verbreitet war die Weihung von errungenen Sieges- und Ehrenpreisen und Kriegsbeute an eine Gottheit, oder Heilvotive an Asklepios (lat. Aeskulap) oder Heilheroen.
  • Dekrete und Gesetze weisen meist bestimmte Formeln auf (Nennung des Magistrats, des Monatstages, des Schreibers, Inhalt des Antrags). Sie werden an öffentlichen Plätzen gut sichtbar aufgestellt.
  • Ehreninschriften stehen meist auf den Sockeln von Statuen, was in Griechenland erst in nachklassischer Zeit gebräuchlich wird; hingegen wird in Rom bei Beamten meist die ganze Ämterlaufbahn genannt. Bei Ehreninschriften für Herrscher konnte sich auch der Stifter ruhmreich hervorheben.
  • Bauinschriften liefern umfangreiche Informationen über Planung, Finanzierung und Errichtung öffentlicher Bauten. Am Parthenon etwa sind dadurch von jedem einzelnen Ele­ment (Friese, Giebel, Metopen, Kultbild) die genaue Datierung und Umstände der Errichtung (beteiligte Arbeiter, Sklaven, Löhne, Material, Kosten) bekannt.
  • Vaseninschriften sind auf allen griechischen Vasen seit dem 8. Jh. v. Chr. gebräuchlich und ein Phänomen, das sonst in keiner Kultur eine Parallele hat. Bisweilen wurden historisch belegte Personen verewigt, was einen entscheidenden Anhaltspunkt für die Datierung der Keramik bildet (sogenannte kalos-Inschriften).
  • Bildhauerinschriften: Die Rekonstruktion der Geschichte der antiken Künstler beruht auf den Signaturen der Bildhauer, die sie auf ihren Werken anbrachten.

Geschichte der Epigraphik

Eine erste, noch unsystematische Sammlung griechischer Inschriften erfolgte durch Cyriacus von Ancona (Ciriaco de' Pizzicolli, 1391-1455), der zahlreiche weite Reisen durch Griechenland, Kleinasien und Ägypten unternahm. Im 15. und 16. Jh. wurden vor allem lateinische Inschriften gesammelt, da die griechische Welt nur schwer zugänglich war; vom 17. Jh. an erfolgten Forschungsreisen durch Franzosen und Engländer. Angesichts der Fülle des Materials begann man zu erkennen, dass systematische Sammelwerke (corpus (pl. corpora) nötig waren.

Begründer der modernen Epigraphik ist August Boeckh, der seit 1811 an der Berliner Universität lehrte; auf seinen Antrag entschloss sich die Berliner Akademie 1815, eine „Sammlung aller dem griechisch-römischen Altertum angehörigen Inschriften“ herauszuge­ben, die nach geographischen Prinzipien geordnet war. Nach der Herauslösung Griechenlands aus dem Osmanischen Reich und der Schaffung des unabhängigen Königreiches Griechenland intensivierte sich die Suche nach Inschriften: die vielen neuen Funde machten eine Neubearbeitung dringend nötig, woraus das Corpus Inscriptionum Atticarum (1873-88, unter Leitung von A. Kirchhoff, U. Köhler, W. Dittenberger) entstand.

Andere Werke dieser Zeit waren: Collection of Ancient Greek Inscriptions of the British Museum (BMI, 1874-1916), Inscriptiones antiquae orae septentrionalis Ponti Euxini Grae­cae et Latinae (IPE, W. Latyschev, seit 1885), Tituli Asiae Minoris (TAM, Wiener Akademie, seit 1901). Ab 1902 lag die Leitung des Berliner Inschriftenwerks unter dem neuen Titel Inscriptiones Graecae (IG) bei U. v. Wilamowitz-Moellendorff; die Einzelbände wurden mit einer einheitlichen Nummerierung mit römischen Ziffern versehen und den einzelnen Inschriften alle historischen Zeugnisse sowie Literaturübersichten beigegeben. Wilamowitz-Moellendorff begründete zudem das epigraphische Archiv bei der Berliner Akademie, sodass es von jedem in den IG edierten Stein eine Photographie oder einen Abklatsch gibt. Neufunde im griechischen Bereich werden heute vor allem durch das Bulletin épigraphique (in der Revue des Etudes Grecques) und das Supplementum Epigraphicum Graecum dokumentiert.

Für die lateinischen Inschriften wurde von Th. Mommsen 1853 nach dem Modell von Boeckh das CIL (Corpus Inscriptionum Latinarum) gegründet, das ebenfalls geographisch geordnet ist; die meisten Bände erschienen zwischen 1870 und 1890 und werden seither durch Supplemente aktualisiert.

Bereits im antiken Rom wurden Inschriften gefälscht (Livius beklagte sich bitter über die falsi imaginum tituli, mit denen ehrgeizige Römer ihre Ahnen glorifizierten); vor allem aber in der Renaissance gab es einige berühmte Fälscher, die das Metier zur Kunst erhoben: der Neapolitaner Pirro Ligorio (1510-83), Nachfolger Michelangelos beim Bau des Petersdoms in Rom, verfasste etwa 3000 lateinische Inschriften (Ligorianae). Fälschungen sind in CIL VI 5 (Falsae) gesammelt.

Literaturhinweise

  • J. Bodel (Hrsg.), Epigraphic evidence. Ancient history from inscriptions (London 2001)
  • W. Eck, Lateinische Epigraphik, in: F. Graf (Hrsg.), Einleitung in die lateinische Philologie (Stuttgart / Leipzig 1997) 92-111
  • G. Klaffenbach, Griechische Inschriften (Göttingen 1961)
  • W. Krenkel, Pompejanische Inschriften (Leipzig 1961)
  • G. Petzl, Epigraphik, in: H.-G. Nesselrath (Hrsg.), Einleitung in die griechische Philologie (Stuttgart / Leipzig 1997) 72-83
  • M. G. Schmidt, Einführung in die lateinische Epigraphik (Darmstadt 2. Aufl. 2011)

Links

Epigraphische Datenbank Heidelberg Epigraphische Datenbank Eich­stätt Corpus Inscriptionum Latinarum Informationen zu Veranstaltungen und Neufunden aus dem Bereich der Epigraphik Académie des Inscriptions et Belles-Lettres Centre for the Study of Ancient Documents der Universität Ox­ford

Wichtige Sammelwerke und Zeitschriften

  • IG: Inscriptiones Graecae
  • CIL: Corpus Inscriptionum Latinarum
  • ILS: Inscriptiones Latinae Selectae (Berlin 1892-1916)
  • TAM: Tituli Asiae Minoris
  • IPE: Inscriptiones antiquae orae septentrionalis Ponti Euxini Graecae et Latinae
  • SEG: Supplementum Epigraphicum Graecum
  • AE: Année Epigraphique
  • BE: Bulletin Epigraphique
  • ZPE: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik