Epochen der Antike

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Inhaltsverzeichnis

Das minoisch-mykenische Griechenland (3200-1050 v. Chr.)

Ab ca. 3000 v. Chr. bildete sich die nach dem sagenhaften König Minos benannte minoische Kultur auf Kreta heraus. Die Kultur wird nach ihren archäologischen Zeugnissen in drei Phasen (früh-, mittel- und spätminoisch) unterteilt und gehört ihrem Charakter nach zu den großen Hochkulturen Vorderasiens, die durch die Entwicklung der Schrift und der Verarbeitung von Metalle gekennzeichnet ist. Aufgrund der Verarbeitung von Kupfer und Zinn zu Bronze hat sich zur Kennzeichnung dieser Epoche auch der Begriff „Bronzezeit“ eingebürgert. Die ökonomische Basis dieser Hochkulturen blieb trotz der weiträumigen Handelsbeziehungen, die zur Erlangung von Zinn (Afghanistan; Britannien) und Kupfer (Zypern, Anatolien) geknüpft werden mußten, durch die Agrarwirtschaft geprägt. Neben Getreideanbau, der schon seit dem 7. Jahrtausend für Griechenland nachgewiesen ist, bildeten Rebbau und Olivenbaumkultur die Grundlage der griechischen und später auch römischen Landwirtschaft. Hinzu kam im 2. Jahrtausend v. Chr. die Züchtung von Schafen für die Gewinnung von Wolle.


Hochkulturen und Schriftentstehung

Die älteste Schrift entstand um 3000 v. Chr. in Ägypten und wird nach dem griechischen Autor Clemens Alexandrinus (um 150 n. Chr.) Hieroglyphen-Schrift (wörtlich: „heilige Zeichen“) genannt. Die letzte hieroglyphische Inschrift stammt aus dem Jahr 294 n. Chr. Es handelt sich eine Denkmälerschrift, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem Franzosen Champollion entziffert wurde. Hieroglyphen bringen nicht die Lautung des Wortes, sondern nur dessen Sinn zum Ausdruck. Aus Mesopotamien (heute: Irak) stammt die Keilschrift, die zwischen 3000 und 600 v. Chr. benutzt wurde. Der letzte uns erhaltene Keilschrifttext stammt aus der zweiten Hälfte des 1. Jh. n. Chr. Die Keilschrift setzt sich (1) aus dem Wortzeichen (= Ideogramm), aus (2) lautlichen Zeichen und (3) aus Determinativen zusammen. Das Wortzeichen kann in verschiedenen Sprachen gleich geschrieben, aber jeweils anders gesprochen werden. Kombiniert wurden diese Ideogramme mit Lautzeichen. Lautliche Zeichen stellen Silben mit Vokalen dar, entweder in der Kombination „Konsonant und Vokal“ oder „Konsonant, Vokal, Konsonant“. Determinative definieren das Bedeutungsfeld, z.B. Mann, Frau, Gott, Stadt, Land, Baum, Metall etc. Ein senkrechter Keil steht für einen männlichen Personennamen oder für ein männliches Tätigkeitsfeld, eine Vulva für einen weiblichen Personennamen oder ein weibliches Tätigkeitsfeld, ein Stern für einen Gott. Auf Kreta war um 2000 v. Chr. eine hieroglyphisch-piktographische Schrift in Gebrauch, die auf Siegeln zu finden ist und heute weder phonetisch lesbar noch inhaltlich verständlich ist. In der Zeit zwischen 1650 und 1450 entstand eine neue Schrift, die Linear A-Schrift und die daraus abgeleitete Linear B-Schrift. Unterschieden wird bei der Linear A-Schrift zwischen Linearzeichen, zusammengesetzten Ligaturen und metrischen Zahlzeichen. Die Linearzeichen werden unterschieden in Zeichen, die als Lautzeichen gelesen werden, und solchen, die nur einen ideographischen Wert wiedergaben. Auch die Linear B-Schrift besteht aus Silbenzeichen, Ideogrammen und Zahlzeichen; hinzu kommen Maß- und Gewichtseinheiten. Ideogramme beziehen sich auf Personen, Tiere, landwirtschaftliche Produkte, Gegenstände wie Waffen und Werkzeuge. Silbenzeichen kombinieren Vokal und Konsonant; allerdings werden silbenschließende Konsonanten nicht geschrieben; auch sind die Silbenzeichen in Bezug auf ihre Lautwiedergabe mehrdeutig. Die Linear B-Schrift wurde in den 1950er Jahren entziffert; für die Linear A-Schrift liegt noch keine gesicherte Lesart vor. Diese Linear B-Schrift stand im Dienst der Buchhaltung und nicht im Dienst des gesprochenen Wortes wie die spätere Alphabetschrift, deren Vorteil es ist, dass sie mit weniger Zeichen auskommt. Anstelle von 91 Silben wie die Linear B-Schrift benötigte die phoinikische Alphabetschrift, die sich im arabischen und indischen Raum verbreitete und im 8. Jahrhundert v. Chr. von Griechen übernommen wurde, nur 22 Buchstaben. Die ältesten Zeugnisse der griechischen Alphabetschrift stammen aus Naxos, Ischia, Athen und Euboia und gehören in die Zeit um 770/740 v. Chr. Auch die phoinikische Schrift war ursprünglich eine Konsonantenschrift, die für alle Silben mit denselben Konsonanten, aber verschiedenen Vokalen nur ein Zeichen besaß. Die Griechen und später auch die Phoiniker fügten Vokalzeichen hinzu, die zwischen die Konsonantenzeichen gesetzt wurden; im Hebräischen und Aramäischen werden die Vokale durch besondere Zeichen über und unter den Konsonanten angezeigt. Im Prinzip ermöglicht die griechische Buchstabenschrift, die sowohl Konsonant als auch Vokal verschriftet, eine lautgetreue Wiedergabe des Gesprochenen.


Das minoische Kreta

In der mittelminoischen Phase (2000-1600) entstanden in Knossos, Phaistos, Mallia usw. größere Gebäudekomplexe, die um einen Zentralhof angelegt wurden. Sie wurden von den Ausgräbern ursprünglich als Paläste, heute auch als Tempelanlagen gedeutet. Sie enthielten Vorrats-, Kult- und Wohnräume sowie Werkstätten für Ton- und Metallarbeiten. Der archäologische Befund zur spätminoischen Zeit (um 1450) läßt eine dominierende Rolle von Knossos erkennen. Nach der mythischen Überlieferung der Griechen war der Palast von Knossos der Aufenthaltsort des Minotauros, eines Mischwesens, halb Mensch – halb Stier, das von der Gemahlin des Minos, Pasiphaë, geboren wurde. Minos selbst gilt als Sohn des Göttervaters Zeus und der phönikischen Königstochter Europa, der Zeus in der Gestalt eines Stieres nachstellte. Europa floh nach Kreta und gebar dort neben Minos zwei weitere Söhne, Rhadamanthys und Sarpedon, die der Sage nach in Phaistos und Mallia bzw. Lykien herrschten. Stierdarstellungen auf Wandmalereien und Funde von Tieridolen in den Kulträumen der Paläste bestätigen einen Stierkult; die Verehrung des Zeus als Göttervater ist indes eine nachminoische Entwicklung. Funde von Kultidolen sowie Abbildungen auf Fresken und Siegel(ringen) weisen auf eine Dominanz weiblicher Gottheiten hin; auf den Linear B- Schrifttafeln halten sich weibliche und männliche Gottheiten die Waage. Aufgrund von Darstellungen auf Siegeln und Fresken geht die archäologische Forschung heute davon aus, daß in dem sogenannten „Thronraum“ von Knossos Kulthandlungen vorgenommen wurden, die um die Epiphanie einer Göttin kreisten.


Das mykenische Griechenland

Ab 1600 entwickelte sich auf dem griechischen Festland die nach dem Fundort Mykene benannte mykenische Kultur. Die Forschungsrichtung, die sich mit den schriftlichen Hinterlassenschaften dieser Kultur beschäftigt, nennt sich Mykenologie. Kennzeichnend für die frühe Zeit ist die Anlage größerer Grabanlagen, der Schacht- und Kuppelgräber des 17. und 16. Jahrhunderts. Die Gräber waren zum Teil mit reichen Grabbeigaben wie Goldschmuck, Bronzewaffen, aufwendig verarbeiteten Tongefäßen und Bronzegerät ausgestattet und dokumentieren eine deutliche soziale Differenzierung. Erst ins 13. Jahrhundert zu datieren sind die großen „Burganlagen" u.a. von Mykene, Tiryns und Pylos auf der Peloponnes. Einige unterscheiden sich von den kretischen Anlagen durch die Errichtung kyklopischer Mauern (vor allem Tiryns und Mykene). Die sowohl auf dem Festland als auch auf Kreta im 13. Jahrhundert benutzte Linear B-Schrift, die 1952 entziffert wurde, weist auf eine starke Ähnlichkeit in der administrativen Organisation hin. Die auf Tontafeln eingeritzten Schriftzeichen geben eine frühe Form des Griechischen wieder und bieten vor allem Einblick in die Organisation der „Paläste“ von Knossos und Pylos (Peloponnes) sowie neuerdings Theben, aus deren Archiven der größte Teil der bekannten Texte stammen. Die Tontafeln enthalten lange Listen von Gegenständen, Tieren und Personen, darunter Opfergaben an die Gottheiten, Textilien, Getreiderationen, Waffen, Streitwagen, Schafe, Hirten, Textilarbeiterinnen, Schlüsselträgerinnen und Badeingießerinnen sowie Priester und Priesterinnen. Rekonstruiert wurde daraus eine tendenziell hierarchische Gesellschaft mit militärischen und kultischen Funktionsträgern, an deren Spitze vermutlich eine mit dem Titel „wa-na-ka“ (griech. ánax) bezeichnete Person stand. Eine Aufgabe lag in der Organisation einer zentralen Vorratshaltung, wobei ein Teil der gelagerten bäuerlichen Überschüsse für die Versorgung der Handwerker und Textilarbeiterinnen verwendet wurde, deren Erzeugnisse für die Organisation eines überregionalen Ressourcentausches (zur Erlangung von Metallen wie Kupfer und Zinn zur Herstellung von Bronze) genutzt worden sein wird. Auch weisen Herkunftsbezeichnungen darauf hin, daß nicht nur die einheimische Bevölkerung zu Arbeitsdiensten und Abgaben verpflichtet waren, sondern auch Fremde aus dem kleinasiatischen Milet oder anderen Regionen als „Sklaven“ für den „Palast“ Dienste leisteten. Über die sozialen Verhältnisse in den Dörfern ist wenig bekannt. Aus der Inschrift von Gortyn, einer kretischen Gesetzessammlung aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, die zu den umfangreichsten ihrer Zeit gehört, werden zum Teil Rückschlüsse auf die minoische Zeit gezogen. Die Inschrift enthält vor allem Aussagen zu erb- und eherechtlichen Fragen, aus denen die Wichtigkeit verwandtschaftlicher Beziehungen und eine starke wirtschaftliche Autonomie der kretischen Frau gegenüber ihrem Ehemann hervorgehen.


Der Übergang von der subminoisch-mykenischen zur geometrischen Epoche

Um 1200 kam es zu einem Verfall der Palastkultur auf dem Festland (auf Kreta vermutlich schon früher). Archäologisch faßbar ist der Niedergang in Brandzerstörungen, in der Auflassung von Siedlungen und im Verschwinden des Schriftgebrauchs. Als Ursache kommen endoge wie exogene Faktoren in Frage. Archäologisch nachgewiesen sind Zerstörungen infolge von Erdbeben. Kriegerische Auseinandersetzungen mit den „Seevölkern“, die in ägyptischen Quellen erwähnt werden, können ebenfalls zu den Zerstörungen beigetragen haben. Als endogene Faktoren gelten innergesellschaftliche Konflikte um die Verwendung von Abgaben oder um die als drückend empfunden Verpflichtungen zu Arbeitsleistungen. Aufgrund der relativen Fundarmut und des Fehlens von schriftlichen Zeugnissen wird die Zeit zwischen dem Ende der mykenischen „Paläste“ und der Entwicklung der griechischen Poliskultur auch als die Dunklen Jahrhunderte („Dark Ages“) bezeichnet. Goldfunde in dem Heroengrab von Lefkandi auf der Insel Euboia, das ins 11. Jahrhundert datiert wird, relativieren allerdings die früher angenommene Verarmung der materiellen Kultur. Auch deutet sich eine stärkere Orientierung der Austauschbeziehungen in Richtung der italischen Halbinsel mit seinen reichen Eisenerzvorkommen an, so daß auch die Abkehr vom Bronzegebrauch und die Hinwendung zum Eisengebrauch zu den Veränderungen im Herrschaftssystem beigetragen haben kann. Die materiellen Zeugnisse zeigen vor allem Veränderungen im Bereich der Keramikproduktion, der Metallverarbeitung und der Architektur. Eisengefäße und Geräte lösen langsam Gegenstände aus Bronze ab. Andere Handwerksarbeiten wie die Steinschneiderei, die elaborierte Goldschmiedekunst oder Ingenieurleistungen wie Brücken- und Dammbauten existierten dagegen nicht mehr. In der Vasenmalerei treten an die Stelle floraler Muster nunmehr geometrische Muster. Von daher sprechen Archäologen für die Dauer der Verbreitung dieser Stilrichtung von einer geometrischen Epoche (1000-700 v. Chr.).


Die griechische Poliskultur

In Ostgriechenland und auf der Peloponnes kam es im ersten vorchristlichen Jahrtausend zur Herausbildungen von politischen Gebilden - (sg.) pólis bzw. (pl) „póleis“ genannt -, die im Deutschen als „Stadtstaaten“ bezeichnet werden. Die Polisbildung ist gleichbedeutend mit der Entwicklung einer institutionalisierten Sphäre des Politischen, die sich in der Entfaltung eines dauerhaften Ämterwesens und kontinuierlich tagender Gremien wie Volksversammlung, Rat, Volksgerichte etc. an einem zentralen Ort manifestiert. Archäologisch faßbar ist dieser Vorgang zunächst in der Anlage von Heroengräbern und Tempeln an Wegen und in Randzonen der Siedlungsgebiete bzw. an Kreuzungspunkten von Wegen, wo größere Siedlungen entstanden, die sich zu kultischen und politischen Zentren einer Region entwickelten. Im Verlauf des 6. und 5. Jahrhunderts kam es hier zum Bau von Brunnenhäusern, Versammlungsgebäuden, Sportkampfstätten und Theaterbauten. Vom Stadtbild ausgehend konnte daher der griechische Reiseschriftsteller Pausanias die Polis als einen Ort definieren, der mit einem Versammlungsplatz, einer agorá, einem Theater, einem Brunnenhaus, einer Sportkampfstätte, einem gymnasion, und Amtsgebäuden ausgestattet ist. Für die Region Attika besaß Athen seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. diese Zentralortfunktion; in Lakonien erlangte die Stadt Sparta diese Rolle, ohne jedoch je eine bauliche Ausgestaltung wie Athen zu erfahren. In manchen Regionen – so in der Argolis auf der Peloponnes und im mittelgriechischen Boiotien - stritten über Jahrhunderte mehrere Siedlungen um diese Rolle. Im Westen Griechenlands kam es nie zur Herausbildung von Poleis, sondern nur zur Bildung loser (Kult-)Verbände, die éthnos (pl. éthnê) genannt wurden. Im antiken Sprachgebrauch bezeichnet pólis jedoch nicht nur den mit diesen Bauten ausgestatteten Zentralort, die ásty („Burg“, „Stadt“), sondern auch das agrarische Umland, die chôra. Organisatorisch bestanden diese Poleis aus einzelnen Hauswesen (sg. oîkos, pl. oîkoi), aus verschiedenen Typen von Mahlgemeinschaften sowie aus Verbänden mit militärischen Funktionen. Kennzeichnend für die Entwicklung der athenischen Polis ist die Integration weiter Teile der Bewohner Attikas in die Prozesse der politischen Entscheidungsfindung, die allerdings auf den Kreis der waffentragenden Männer beschränkt blieb. Über die Ausübung von Kulthandlungen, die der Schaffung eines politischen Zusammenhalts dienten, besaßen Frauen eine Art Kultbürgerschaft. In anderen Poleis wie z.B. in Sparta war die politische Partizipation auf eine kleine Elite beschränkt.


Die frühgriechische Dichtung

In die Zeit um 1200/1183 v. Chr. gehört nach antiker Datierung der Trojanische Krieg, der in den Epen Homers besungen wurde. Es handelt sich um einen Feldzug der Griechen, in den Epen „Achaier“, „Danaer“ und „Argeier“ genannt, der unter der Führung von Agamemnon, des Herrschers von Mykene, gegen das an den Dardanellen am Eingang zum Schwarzen Meer gelegene Troja erfolgte. Nach antiker Überlieferung zielte der Feldzug auf die Wiedergewinnung der schönen Helena, die ihren Gatten Menelaos, Bruder des Agamemnon, verlassen bzw. von dem Trojaner Paris geraubt worden war. Die Epen wurden nach einer Phase der mündlichen Überlieferung vermutlich um 750/700 aufgezeichnet; manche Forscher vermuten eine endgültige Verschriftlichung erst im 6. oder sogar erst im 4. Jahrhundert v. Chr. Trotz bewußter Archaisierungstendenzen in der materiellen Kultur - bronzene Waffen, Streitwagen etc. - wird heute davon ausgegangen, daß die Epen hauptsächlich die Lebensverhältnisse des 8. Jahrhunderts wiedergeben. Gestritten wird in der Forschung, ob die Gesänge von einem Dichter mit dem Namen Homer verfaßt wurden, dessen Heimat im ionischen Kleinasien lag, oder ob mehrere Dichter am Werk waren. Verbreitet wurden die Epen zunächst durch fahrende Sänger; im 6. Jahrhundert wurde in Athen eine öffentliche Rezitation der Epen im Rahmen der Panathenaien, des Festes zu Ehren der Stadtgöttin Athena, eingeführt. Durch die gesamte Antike galt Homer als Vater aller Bildung. Für die Griechen galt Homer zudem als Schöpfer der Olympischen Götterfamilie, die eine Vereinheitlichung und Zusammenfassung verschiedener Lokaltraditionen darstellt. Den einzelnen Göttern wurden dabei bestimmte Lebensbereiche wie Krieg (Ares), Liebe (Aphrodite), Herrschaft (Zeus), Ehe (Hera), Handwerk und Kunst (Athena) usw. zugeordnet. Vom Werden der Götterwelt berichtet Hesiods Dichtung „Theogonie“, die etwa zur gleichen Zeit, um 700, entstand. Während die Epen vor allem von den kriegerischen Taten berichten, tritt in einem anderen Werk des Hesiod, seinem Lehrgedicht Érga kaì Hēmérai (Werke und Tage), die bäuerliche Arbeitswelt ins Blickfeld. Auf die Zeit der Epen folgt das Lyrische Zeitalter mit den Werken der Sappho und der Korinna, des Alkaios, Semonides, des Bakchylides oder des Pindar(os). Der Vortrag lyrischer Gesänge gehörte im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. zum Ablauf von Trinkgelagen (Symposien) sowie kultischer Feste. An den Festen traten sowohl Frauen- als auch Männerchöre auf. Aus einem Wechselgesang von Chor und Einzelsänger anläßlich des Dionysosfestes entwickelte sich im 5. Jahrhundert die griechische Tragödie (wörtlich: „Bocksgesang“); als Kunst der Musen, mousikē téchnē, lebten Gesang und Tanz als Unterrichtsfach im griechischen Erziehungswesen weiter.


Die „Kolonisationszeit“

Das Verbreitungsgebiet der Griechen bildete nicht nur das griechische Festland mit den ägäischen und westionischen Inseln, sondern auch die kleinasiatische Küste mit den Städten Milet, Ephesos oder Halikarnassos. Die Ansiedlung der Griechen an der Küste Kleinasiens, auch als Ionische Kolonisation bezeichnet, liegt im Dunkeln, reicht aber – nach archäologischen Funden zu urteilen – bereits in die mykenische Zeit zurück. Von diesen Städten ausgehend, deren Bewohner einen ionisch-aiolischen Dialekt sprachen, erfolgte im 5. Jahrhundert die Gründung von „Pflanzstädten“ (Apoikien) an der Küste der Schwarzen Meeres. Von den ionischen Städten ging im 6. Jahrhundert die Verbreitung der Ionischen Naturphilosophie aus, die einen ersten Bruch mit dem bis dahin geltenden Glauben an Götter andeutet. Für die Entstehung des Kosmos wurden nicht mehr Gottheiten, sondern natürliche Stoffe wie Wasser (Thales) oder Feuer und Luft (Anaximander) verantwortlich gemacht. In der Philosophiegeschichte gelten die ionischen Philosophen daher als erste „Rationalisten“. Zu ihren Hilfsmitteln gehörten geometrische und astronomische Berechnungen, die von den Arabern tradiert und weiterentwickelt wurden, ehe sie in der frühen Neuzeit in den Wissensschatz europäischer Gelehrter gelangten. In das 8. Jahrhundert fällt auch der Beginn der sogenannten westgriechischen Kolonisation. Sie ist Ausdruck einer Verstärkung der Austauschbeziehungen zwischen Griechen und Bewohnern des westlichen Mittelmeerraumes, die ebenfalls bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Die älteste Siedlung (775 Pithekussai) entstand im Einflussbereich der etruskischen Kultur in Norditalien, die seit der Entdeckung reicher Eisenerzvorkommen auf Elba einen kulturellen Aufschwung nahm. Im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte erfolgten weitere Ansiedlungen in Süditalien und Sizilien, die man sich trotz der Überlieferung von fixen Gründungsdaten (735 Naxos, 723 Syrakus, 700 Tarent usw.) als einen wenig gesteuerten, langsamen Prozeß der Assimilation und Akkulturation vorstellen muß. Im Gegensatz zu den multiethnischen Handelsniederlassungen (Emporion), wie sie um 800 in Syrien (Al Mina) und um 610 in Ägypten (Naukratis) entstanden, entwickelten sich die ursprünglich ebenfalls multiethnisch geprägten italischen Niederlassungen allerdings im Laufe der Zeit zu politisch selbständige Einheiten, die den Kontakt mit den anderen griechischen Städten über den gemeinsamen Besuch von panhellenischen Spielen (vor allem Olympia) und über die Verbindung zum Delphischen Orakel pflegten, das seit dem 6. Jahrhundert zu einer gemeingriechischen Kultstätte herangewachsen war. Die dort ansässige Priesterschaft griff mit der Vermittlung eines Orakelspruchs aus dem Munde der Apollonpriesterin, der Pythia, vor allem in die späteren Kolonisationsbewegungen des 5. Jahrhunderts lenkend ein. Aufgrund der Einflüsse auf Keramikstil oder Sprachgewohnheiten (z.B. Übernahme semitischer Lehnwörter) spricht man für die Zeit zwischen 750 und 650 auch von einer Orientalisierenden Periode. Zu Kristallisationspunkten der Begegnung von Griechen unterschiedlicher Herkunft entwickelten sich im 6. Jahrhundert v. Chr. die panhellenischen Spiele, die auf der Halbinsel Peloponnes in Olympia, Nemea und am Isthmos sowie im mittelgriechischen Delphi abgehalten wurden. Die Spiele standen unter der Schirmherrschaft von Göttern und Heroen und umfassten neben Opfermählern zu Ehren der Götter sportliche und musische Wettkämpfe (agónes), an denen vorwiegend Jungen und erwachsene Männer teilnahmen. Ein Sieg brachte in der Heimatstadt politisches Prestige und Ehrenämter ein. Für junge Mädchen wurden in Olympia zu Ehren der Göttin Hera die Heraien abgehalten, in deren Mittelpunkt Wettläufe und die Weihung eines Gewandes für die Göttin standen. Unter den Olympischen Siegern von Wagenrennen befinden sich aber auch einige (königliche) Frauen aus Sparta und dem hellenistischen Alexandria. Aus der römischen Kaiserzeit sind Mädchenspiele auch in Nemea und Isthmia inschriftlich überliefert. Gleichzeitig besaßen diese Festspielorte auch Marktfunktion und dienten als Umschlagplatz von überregionalen Gütern, zumal Olympia und Delphi von den unteritalischen und sizilischen Städten aus per Schiff erreichbar war. In den dort errichteten Tempeln wurden zudem politische Vereinbarungen („Friedensverträge“) aufbewahrt, die zwischen den einzelnen Städten getroffen worden waren. In eigens errichteten Schatzhäusern wurden die Weihgaben an die Götter aufbewahrt, die zum Teil aus der Kriegsbeute stammten und daher von der militärischen Kraft der einzelnen Städte Zeugnis ablegten. Aufgrund der dort versammelten Reichtümer gerieten die Festspielorte zum Zankapfel benachbarter Städte, die um die Oberaufsicht über die Spiele stritten. Im Streit über Olympia gewannen im 5. Jahrhundert die Eleier die Oberhand; die ursprünglich phokische Kultsiedlung Delphi geriet unter den Einfluß des Bündnisses der Amphiktyonen, der nördlichen Anrainer der Region Phokis, von dem die Phoker ausgeschlossen blieben.


Spartas politische und soziale Ordnung

Archäologische Funde aus dem 9. Jh. v. Chr. im Bereich des Heiligtums der Artemis Orthia, der Schutzgöttin der Jugend, bilden die ersten Anhaltspunkte für eine Gründung Spartas (wörtlich: „die Gesäte“, „die Verstreute“) in der Eurotasebene in Lakonien. Aus mykenischer Zeit stammt die Siedlung Amyklai, die nur wenige Kilometer südlich von Sparta liegt und am Ende des 8. Jahrhunderts von Sparta erobert wurde. Die in offiziellen Dokumenten benutzte Selbstbezeichnung „Lakedaimônioi“ schloß auch die Bewohner anderer Siedlungen Lakoniens ein. Bekannt ist die Bezeichnung auch aus den homerischen Epen, wo Lakedaimon das Herrschaftsgebiet des Menelaos meint. Dieser hatte zusammen mit Helena in der Nähe Spartas ein Heiligtum. Aus Amyklai stammt der Kult des Apollon Hyakinthos, der neben der Göttin Artemis zu den wichtigsten Gottheiten Spartas gehörte. Die Spartaner legitimierten im 5. Jahrhundert ihre dominante Rolle mit der Sage von der Rückkehr der Herakliden. Ihr zufolge wurde der griechische Held Herakles von dem mykenischen König Eurystheus von der Peloponnes vertrieben. Die Söhne des Herakles kehrten jedoch zurück und teilten nach der Eroberung einen Großteil der Peloponnes, die Argolis, Lakonien und Messenien, unter sich auf. Die Aufteilung spiegelt die drei großen Machtblöcke der Peloponnes, wie sie in klassischer Zeit (5. Jh.) bestanden. Das Vollbürgerrecht besaßen nur die männlichen Bewohner Spartas, die Spartiaten, die eine Art Kriegerkaste darstellten. Gemeinsam durchliefen sie die agōgē, ein nach Altersklassen gegliedertes Erziehungssystem, nahmen als erwachsene Krieger an gemeinsamen Mahlzeiten (Syssitien) teil und befanden sich im Besitz eines ererbten Landloses (klâros), das von der unfreien Bevölkerung Lakoniens, den Heloten, bearbeitet wurde. In Kriegszeiten konnten die Heloten, die von manchen auch als Staatssklaven bezeichnet werden, zum Dienst als Waffenträger herangezogen werden. Eine dritte Bevölkerungsgruppe Lakoniens bildeten die Perioiken („Umherwohnende"), die zwar Kriegsdienste leisteten, aber eigenes Land besaßen und persönlich frei waren. Gemeinsam mit den Spartiaten trugen sie die Herkunftsbezeichnung lakedaimónios (lakedaimonisch).

Spätestens seit dem 6. Jahrhundert bildete sich in Sparta die politische und soziale Ordnung heraus, wie sie nach der Großen Rhetra (=„Spruch", „Verabredung“) des mythischen Gesetzgebers Lykurg(os) überliefert ist. Neben Gerusia („Ältestenrat") und Apella („Volksversammlung“) – beides typische Institutionen frühgriechischer Gemeinwesen – trat in Sparta die Doppelherrschaft zweier Archagetai („Heerführer“, „Könige“), deren Amt erblich war. Alle drei Institutionen teilten sich bestimmte Aspekte der Rechtsprechung. Die Geronten bestimmten über Todesurteile und Ausweisungen, die Archageten waren für Adoptionen und Wegerechte zuständig; bei Thronstreitigkeiten fungierte die Apella als Gerichtshof. Von der Volksversammlung wurden auch die Geronten gewählt; wählbar waren Spartiaten ab dem 60. Lebensjahr. Das königliche Amt war mit einer Reihe von kultischen und wirtschaftlichen Privilegien ausgestattet. Dazu gehörten Priesterämter, Ehrenplätze bei Festen, eine doppelte Portion bei den gemeinsamen Mahlzeiten, das Recht, Gesandte zum Delphischen Orakel zu schicken, und Landbesitz im Perioikenland. Um 555 (1. Ephorat des Chilon) kam die Institution des Ephorats hinzu, die auch auf Kreta belegt ist und die möglicherweise auf ältere religiöse Gebräuche zurückgeht. Es handelt sich um ein Kollegium von fünf Ephoren („Aufsehern") – auf Kreta hießen sie Kósmoi („Wahrer des kósmos" = Ordnung) –, dessen Aufgabe darin lag, die Einhaltung des Gewohnheitsrechts zu überwachen, den Vorsitz in der Volksversammlung zu übernehmen und die Sterne zu beobachten und zu deuten. Vor allem oblag den Ephoren die Kontrolle der Könige, die bei militärischen Misserfolgen ihres Amtes enthoben werden konnten. – Auf Maßnahmen des Lykurg wurden in der Antike auch soziale Einrichtungen wie das spartanische Erziehungssystem oder die spartanischen Heiratsformen zurückgeführt. In Sparta heirateten alle jungen Leute eines Jahrgangs zum gleichen Zeitpunkt, wenn ihre Erziehung abgeschlossen war. Auch nach der Heirat verblieb der Mann im Kreis seiner Altersgenossen, während die Frau als déspoina („Herrin") des Landgutes tätig war. Erst im 4. Jahrhundert begannen die Spartaner, sich vermehrt auf ihre Landgüter zurückzuziehen.


Die Unterwerfung Messeniens

Um 740-720 v. Chr. und erneut um 650 v. Chr. kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Bewohnern Messeniens im Westen der Peloponnes, die als Messenische Kriege überliefert sind, obwohl ein Bewußtsein von einer messenischen Identität nicht vor dem 5. Jh. v. Chr. nachgewiesen werden kann. Der 1. Messenische Krieg fand unter Führung des Spartanerkönigs Theopompos statt und hatte die Helotisierung der messenischen Bevölkerung zur Folge. Aufgrund siedlungsarchäologischer Forschungen kann vermutet werden, daß die dörfliche Selbstorganisation erhalten blieb, aber die bäuerlichen Überschüsse an Sparta abgeliefert wurden. Trotz mehrerer Aufstände gelang es Sparta, die messenische Bevölkerung bis 371 in Abhängigkeit zu halten. Die Kriegserfolge wurden in den Liedern des Tyrtaios besungen, dessen Darstellung auch als erster Beleg für die Einführung einer neuen Kampfestechnik, der Hoplitenphalanx, gilt. Die dicht geschlossene Reihe (=phálanx) der mit einem Schild geschützten Krieger trat nunmehr an die Stelle des Einzelkämpfers, der bis zu diesem Zeitpunkt im Zweikampf mit dem Gegner den Ausgang der Kampfhandlungen bestimmte. Die neue Kampfesweise setzte sich in Griechenland bis etwa 600 überall durch und bildete die Grundlage für politische Umgestaltungen in den einzelnen Poleis der Griechen. In Sparta trug sie die Gemeinschaft der hómoioi („Gleichen"), wie sich die Spartiaten nannten, die nicht nur den Kampf, sondern auch den Alltag miteinander teilten. Mit dem Krieg gegen die arkadische Stadt Tegea (560-550), die im 2. Messenischen Krieg auf Seiten der Messenier gestanden hatte, setzte die spartanische Bündnispolitik ein, die schließlich in die Errichtung des Peloponnesischen Bundes mündete. Den Tegeaten wurden weitere Hilfeleistungen für die Messenier untersagt. Der Peloponnesische Bund war ein militärisches Schutzbündnis, das die Mitglieder in der Kriegführung an den Willen Spartas band. Kriegerische Auseinandersetzungen mit Argos unter der Herrschaft des Spartanerkönigs Kleomenes in der Zeit zwischen 520-490 sicherten den Spartanern für eine Generation die Neutralität von Argos in den Auseinandersetzungen mit anderen Stadtstaaten.


Athens politische Entwicklung in archaisch-klassischer Zeit

Bis auf das Jahr 683 v. Chr. reicht die Archontenliste, auf der die zunächst auf Lebenszeit, später auf zehn bzw. ein Jahr gewählten „Ersten" Athens verzeichnet waren. Die Liste ist eine Rekonstruktion aus späterer Zeit (4. Jh.). Überliefert ist ein dreiköpfiges Kollegium, bestehend aus einem Archōn basileús, einem Archōn epōnymos und einem Polémarchos, das im Laufe der Zeit um sechs Thesmotheten erweitert wurde. Alle neun Archonten erfüllten rechtliche Funktionen. Hinzu kamen kultische und militärische Pflichten. Der Basileus, der den alten Königstitel trug, war vor allem für die Durchführung religiöser Feste zuständig. Bei Blutgerichtsfällen übernahm er den Vorsitz. Der Polemarch („Anführer im Krieg") empfing auswärtige Gesandte und hatte die militärische Oberaufsicht. Der Archōn epōnymos („der, der dem Jahr den Namen gibt"), war mit Fragen des Landbesitzes und des Erbrechts befaßt. Die Thesmotheten überwachten die Gesetze. Die ehemaligen Archonten bildeten einen Rat, der nach dem Tagungsort auf dem Ares-Hügel „Areopag“ genannt wurde und vor allem als Gerichtshof fungierte. Die Archonten wurden aus den Phylen, den organisatorischen Grundeinheiten, in die die männliche Bürgerschaft Athens eingeteilt war, erwählt. Ab 487 wurden sie aus einem Kreis erwählter Kandidaten erlost. Obwohl die Archontenliste die Geschichte Athens im 7. Jahrhundert beginnen Iäßt, reicht die tatsächliche Siedlungsgeschichte der Stadt nach archäologischen Zeugnissen vor allem auf der Akropolis bis weit in die mykenische Zeit zurück. Die Einführung des Archontenamtes markiert von daher nur die Anfänge einer neuen politischen Organisationsform, der Polis. Entgegen den Spartanern betrachteten sich die Athener als autochthon, d.h. aus der attischen Erde geboren. Der mythischen Überlieferung zufolge stammten sie von dem schlangengestaltigen Erichthonios ab, einem Zögling der Stadtgöttin Athena. Beide besaßen auf der Akropolis ein Heiligtum.

Drakons Gesetze aus der Zeit um 621/4 v. Chr. stehen am Anfang einer schriftlichen Kodifizierung des Rechts in Athen. Über den Inhalt ist – abgesehen von ihrer sprichwörtlichen Härte – kaum etwas bekannt. Sie regelten die Blutgerichtsbarkeit. Die Darstellung über das Wirken Drakons gehört in den Zusammenhang mythischer Überlieferungen über die Festsetzung von Rechtsnormen durch große Gesetzgeber, wie wir sie auch aus Sparta (Lykurg) kennen. Ein kohärentes System, eine Kodifikation aller bestehenden Rechtsregeln impliziert diese Verschriftlichung des Rechts nicht. Gesetze behandelten stets nur Einzelaspekte des Erbrechts, des Strafrechts oder des Vertragsrechts. Auch wurde oft nicht die Regel behandelt, sondern der Verstoß und die Ahndung. Die Fixierung des Rechts ist die Folge der Zentrumsbildung und geht einher mit einer Entpersonalisierung, Verstetigung, Zentralisierung und Institutionalisierung von Macht. Autor von Gesetzen sind stets abstrakte Organe: Rats- und Beschlussorgane, die feste Verfahrensregeln entwickeln. Die Verschriftlichung der Gesetze diente weniger der Rechtssicherheit als vielmehr der Zurschaustellung der Autorität der Polis. Erst am Ende des Vorgangs der Verschriftlichung von Recht wird der idealtypische Gesetzgeber „erfunden“, der Nomothet, dem alle schriftlich fixierten Gesetze zugeschrieben werden. Diese Rolle nimmt in Athen Solon ein.

Die gesetzgeberischen Maßnahmen um die Wende des 6. Jahrhunderts v. Chr., die als Solonische Reformen überliefert sind, galten in den Augen der Philosophen des 4. Jahrhunderts als Beginn der demokratischen Entwicklung. Solons Reformen betrafen die Aufhebung der Schuldknechtschaft, die Einführung des timokratischen Prinzips (d.h. die Staffelung politischer Rechte nach Vermögensklassen) und die Einrichtung eines weiteren Rates, der Boulê, die aus vierhundert Mitgliedern bestand. Ähnlich wie Lykurg wurden auch Solon einige Eingriffe in soziale Belange wie das Ehe- und Erbrecht zugeschrieben, so z.B. die Einschränkung von Brautgeschenken oder von Grabaufwand. In diesen Zusammenhang gehört auch die Einführung der graphē, d.h. der Erhebung einer Klage für einen anderen z.B. im Fall von Ehebruch oder Vergewaltigung. Verhandelt wurden diese Fälle vor der Heliaia (Gerichtshof), die als Gegengewicht zum Areopag gebildet wurde und vermutlich aus Mitgliedern der Volksversammlung bestand. Die Gesetze waren auf den Seitenflächen hölzerner Vierkantpfeiler aufgeschrieben, die später durch Abschriften auf Papyrus ersetzt wurden, aus denen zahlreiche antike Historiker zitiert haben. Allerdings ist umstritten, wann die einzelnen „Gesetze“ tatsächlich eingeführt wurden. Ein Großteil der Gesetze wird heute ins 5. Jh. v. Chr. datiert und in Verbindung mit den Reformen des Ephialtes gebracht. Kommentiert wurden die Maßnahmen von Solon selbst, dessen Gedichte um den Gegensatz von Eunomia („gute Ordnung") und Dysnomia („schlechte Ordnung") kreisen.

561-510 v. Chr. Tyrannis der Peisistratiden Der Polisbildungsprozeß geht einher mit Konflikten regionaler Anführer um Prestige und Macht, der im 7. und 6. Jahrhundert in zahlreichen Poleis in die Errichtung einer dauerhafte Vormachtstellung (Tyrannis) mündete. Dies gelang unter Rückgriff auf auswärtige Bündnispartner, die mittels Heiratsallianzen und Gastfreundschaftsbeziehungen gewonnen wurden. Berühmte Tyrannen waren Pariandros von Korinth, Peisistratos und seine Söhne in Athen und Polykrates von Samos. Im Rückgriff auf die homerische Herrschaftspraxis der Freigebigkeit bei gleichzeitiger Einführung einer Bodenertragssteuer konnte in Athen Peisistratos seine Stellung sichern und die Zustimmung weiter Teile der Bürgerschaft gewinnen. In der Zeit der Tyrannis fallen eine Reihe von Baumaßnahmen, die der Herausbildung von Athen als kultischem Zentrum der Region Attika Rechnung trugen: ein Brunnenhaus zur Versorgung der Festbesucher und ein Zwölfgötteralter auf der Agora, der als Zentralmeilenstein fungierte. Um 556 v. Chr. erfolgte die Stiftung der Großen Panathenaien (Fest der Stadtgöttin Athena); die erste Tragödienaufführung fand 534 im Rahmen der Großen Dionysien, eines ursprünglich ländlichen Festes zu Ehren des Weingottes Dionysos, statt.

508/7 v. Chr. Demenreform des Kleisthenes Mit der Neugliederung Attikas in 10 statt vorher 4 Phylen (Grundeinheit der Organisation der Bürgerschaft), 30 Trittyen („Drittel") und rund 139 Demen („Gemeinden") wurde die Rolle Athens als politisches Zentrum von Attika festgeschrieben, die Rekrutierung von Hopliten formalisiert (d.h. „entprivatisiert“) und damit ein größerer Kreis von Bürgern an der politischen Entscheidungsfindung beteiligt. Die Ausübung Rechte wurde an die Zugehörigkeit zu einem Demos geknüpft. Die Gemeinden entsandten jährlich eine bestimmte Anzahl von Personen (50 pro Phyle) in die Boule („Rat“), deren Mitgliederzahl unter Kleisthenes von 400 auf 500 erhöht wurde. Den Phylen selbst kam militärische Bedeutung zu, da von ihnen jeweils eine Taxis („Regiment") von ungefähr 900 Hopliten aufgeboten werden musste. Mit der Einteilung in Trittyen wurde zugleich sichergestellt, dass in allen Phylen die städtische Bevölkerung vertreten war, da sich die Phylen aus je 3 Trittyen zusammensetzen, in denen jeweils Demen aus den Regionen „Stadt“, „Bergland“ und „Küste" vertreten waren. Noch im Zusammenhang mit der Neuordnung des Kleisthenes wurden 501 v. Chr. zehn Strategen aufgestellt, die aus den zehn Phylen erwählt wurden und an die Seite des Polemarchen, des obersten Kriegsherrn, traten. Das Amt des Strategos wurde im Laufe des 5. Jahrhunderts zu einem der einflussreichsten Ämter, da es als einziges eine mehrfache Wiederwahl nicht ausschloss. So übte der attische Politiker Perikles von 443 bis 429 dieses Jahresamt nahezu ununterbrochen aus. Die um 507 oder um 487 erfolgte Einführung des Ostrakismos („Scherbengericht“) ermöglichte die Verbannung von einflussreichen Persönlichkeiten ohne Angabe von Gründen für die Dauer von zehn Jahren. Die Abstimmung erfolgte mit Hilfe von Tonscherben, auf denen der Name des zu Verbannenden verzeichnet werden musste. Scherben dieser Art wurden von den Archäologen in großer Zahl im Zentrum Athens gefunden. Im gleichen Jahr (487) wurde die Loswahl für Archonten eingeführt.

461 v. Chr. Reformen des Ephialtes: Prozesse gegen eine Reihe von Areopagiten (Mitglieder des Areopags) wegen Missbrauch der Amtsführung leiteten eine Veränderung in der Verteilung rechtlicher Kompetenzen in Athen ein. Die aus der Volksversammlung (ekklēsía) hervorgegangenen Volksgerichte (dikastēria) wurden zu entscheidenden rechtlichen Instanzen. Beim Areopag blieb die Blutgerichtsbarkeit; politische Prozesse (Staatsklagen) und Privatklagen wurden vor den Volksgerichten ausgetragen, deren Neuorganisation (= Aufteilung der Solonischen Heliaia in einzelne Dikasterien) vermutlich Ephialtes zuzuschreiben ist. Diese Veränderungen machten die Organe des Demos („Volkes") zum politischen Zentrum.

458/7 v. Chr. Neben der Erweiterung des Archontats auf die Klasse der Zeugiten („Ochsengespannbesitzer") – bis dahin hatten nur die beiden obersten Vermögensklassen Zutritt zum Amt des Archonten – erfolgte unter dem Einfluss des Perikles die Einführung von Tagegeldern für die Wahrnehmung von Losfunktionen (z.B. boulê, Geschworenengerichte) und die Einrichtung einer Theaterkasse (theōrikón), aus der die Besucher von Theateraufführungen einen Obolos erhielten.


Perserkriege und Bündnispolitik

In das zunächst über persönliche Gastfreundschaften, später auch über zwischenstaatliche Verträge geknüpfte Netz außenpolitischer Beziehungen wurden gegen Ende des 6. Jahrhunderts zunehmend die Perser einbezogen, die sich im Laufe des 6. Jahrhunderts von der iranischen Hochebene ausgehend der Oberherrschaft über zahlreiche kleinasiatische Königreiche bemächtigt hatten. Zu diesen Beziehungen gehörte vor allem auch der Verleih griechischer Hoplitenkämpfer, deren Entlohnung die Perser aus den an sie abgeführten Tributen bestritten. Unter dem Perserkönig Dareios I. (521-485) wurde das auf „freiwilligen“ Geschenken beruhende Abgabensystem durch ein strenges Tributsystem abgelöst, dem seit dem persischen Zugriff auf das Lyderreich des Kroisos (547) auch die ionischen Städte der Griechen an der kleinasiatischen Küste mit der Verpflichtung zu Abgaben und Heeresfolge unterworfen waren. Die Furcht vor einer Ausdehnung des persischen Tributsystems, aber auch vor Usurpationsversuchen perserfreundlicher Fraktionen innerhalb der griechischen Poleis einte einen Teil der Griechenstädte auf der Basis einer eigens begründeten Schwurgenossenschaft 481 zum gemeinsamen Kampf gegen die Perser, als diese nach der Niederschlagung des Ionischen Aufstandes (499-493) unter der Führung von Xerxes (486-465) zum zweiten Mal nach Griechenland marschierten. Ein erster Feldzug gegen Athen und die euboiische Stadt Eretria – beide hatten die ionischen Städte militärisch unterstützt – war 490 von den Athenern unter Führung des Miltiades in der Ebene von Marathon zurückgeschlagen worden. Der Sieg des Feldherrn hatte in Athen ein Erstarken der Fraktion der pro-persisch gesinnten Tyrannenfreunde verhindert, die sich von den Persern eine Unterstützung ihrer Pläne zur Wiederherstellung der Peisistratidenherrschaft erhofft hatten. Nach anfänglichen Misserfolgen am Thermopylenpaß gelang es den verbündeten Griechenstädten unter der Führung der Spartaner im Verlauf des zweiten Feldzuges die Perser in mehreren Schlachten (480 Seeschlacht bei Salamis, 479 Plataiai und Mykale) zum Rückzug zu bewegen. Gegen einige Griechenstädte, die mit den Persern verbündet waren, wurden Sanktionen ergriffen (z.B. Theben). Die Erfolge der Athener in der Seeschlacht bei Salamis begründeten den Ruhm der attischen Polis als Seemacht. Mit dem Flottenbauprogramm des Themistokles (ab 483/2) wurde der Bau von Trieren (dreistöckigen Ruderschiffen) vorangetrieben, auf denen vor allem Angehörige der untersten Vermögensklasse der Athener, die Theten, aber auch Söldner Dienst taten. Die Finanzierung wurde durch den Abbau von Silber im Bergwerk von Laureion ermöglicht, wo 483 eine neue Silbermine entdeckt worden war. Der Abbau des Silbers war an reiche Athener verpachtet, die wiederum zahlreiche – in den Kriegen erbeutete – Sklaven für die Arbeit unter Tage beschäftigten.

Verlauf und Hintergründe der Kriegsereignisse sind in mehreren Lógoi („Erzählungen“) aufgezeichnet, die nicht mehr in Versen, sondern in Prosa verfasst waren. Autor ist der Grieche Herodot (485-425), der im kleinasiatischen Halikarnassos aufgewachsen war und als Vater der Geschichtsschreibung gilt. Die unter dem zentralen Thema der Perserkriege zusammengefassten lógoi basieren auf eigener „Erkundung" (historía) des Autors und enthalten nicht nur die Darstellung von Kriegsereignissen, sondern auch die Beschreibungen von Sitten und Gebräuchen einzelner Völker, die in dem von Herodot dargestellten Geschehen eine Rolle spielten. Insofern gilt Herodot nicht nur als Historiker, sondern auch als Ethnograph (Völkerkundler). Von der Form der mythischen Überlieferung unterscheidet sich das Werk Herodots durch kritische Reflexion des Wahrheitsgehaltes seiner Quellen.

477 v. Chr. Der Ausbau der Flotte sicherte Athen eine Vormachtstellung im Delisch-Attischen Seebund, der unter der Schirmherrschaft der Athener als militärisches Schutzbündnis gegen die Perser gegründet worden war und bis 404 existierte. Die Bündner zahlten Beiträge (phorá) in die Bundeskasse von Delos und mussten in zunehmendem Maße Einschränkungen ihrer Selbständigkeit (autonomía) durch Athen hinnehmen (z.B. Verlust von Teilen ihrer Münzhoheit, Besatzungen usw.). Ab 454/3 wurden auf der Akropolis von Athen, wohin nunmehr die Bundeskasse verlagert worden war, an großen Säulen Aufzeichnungen über die Weihegaben, welche die Städte als Bruchteil (1/60) ihres Bundesbeitrages an die Stadtgöttin Athens zu errichten hatten, angebracht. Diese Aufzeichnungen (Tributquotenlisten) sind uns zum Teil erhalten.


Athens Sozialordnung

451 v. Chr. Die auf Heiratsbeziehungen beruhenden Verflechtungen zwischen Angehörigen einzelner Poleis, insbesondere von Angehörigen der Gruppe der „Aristoi", erfuhren mit dem attischen Bürgerrechtsgesetz von 451 insofern eine Einschränkung, als das Bürgerrecht an den Nachweis einer legitimen Abkunft sowohl von einem attischen Vater als auch von einer attischen Mutter geknüpft wurde. Als legitim wurde ein Kind nur anerkannt, wenn die Eheschließung (gámos) und die Geburt der Phratrie („Bruderschaft") des Vaters gemeldet worden war. Mit 18 Jahren wurden die männlichen Nachkommen in die Demenliste (siehe Kleisthenes) des Vaters aufgenommen und erhielten das aktive Wahlrecht. Das passive Wahlrecht wurde erst nach Ableistung des Militärdienstes ab dem 30. Lebensjahr gewährt. An die Stelle von Brautgaben des Bräutigams an die Familie der Braut trat im 5. Jahrhundert die Mitgift des Brautvaters. Sie ging in das Erbe der Söhne des Ehepaars ein und förderte die Tendenz reicher Familien, untereinander zu heiraten (Endogamie). Brautgaben hingegen, die meist aus Vieh bestanden, waren mit dem Knüpfen weiträumiger Heiratsbeziehungen verbunden (Exogamie) und dienten dem Aufbau eines Netzes gegenseitiger Verpflichtungen; sie zeigen aber auch den Wert der Textilarbeiten der Frauen, die als Gastgeschenke Verwendung fanden und mit Brautgaben aufgewogen wurden. Dies gilt vor allem für die Gesellschaft Homers; im 5. Jahrhundert diente die Arbeit der Frauen am Webstuhl, die zu den wichtigsten Tätigkeiten einer griechischen Hausfrau gehörte, der Versorgung der Mitglieder eines Haushalts (oîkos) mit Kleidung. Über die Arbeitsteilung im Oikos berichtet eine Schrift des Xenophon (430-354) mit dem Titel Oikonomikós (Lehre über die Führung eines Hauses).

447 v. Chr. Baubeginn am Parthenon („Haus der Jungfrau"), dem Tempel der Stadtgöttin Athena, dem Wahrzeichen der Stadt. Im Verlauf des 5. Jahrhunderts wurde neben der Akropolis auch die agorá („Markt“, „Versammlungsplatz“), das politische Zentrum der Stadt, ausgebaut. Unter anderem entstanden hier das Hephaisteion/Theseion, der Tempel des Hephaistos oder Theseus (462), der im 5, Jahrhundert als mythischer Begründer der Polisordnung gefeiert wurde, sowie die Stoa poikilē, eine buntbemalte Säulenhalle, deren Wände Motive aus der realen und mythischen Vergangenheit der Griechen schmückten (z.B. Perserkriege und Amazonenkämpfe). Unter ihrem Schutz baten Händler und Marktfrauen ihre Produkte an und sammelten Philosophen ihre Schüler um sich, um ihnen die Kunst des Argumentierens beizubringen. Den Berufsstand der Philosophen begründeten die Sophisten, die selbst wiederum die Nachfolger der fahrenden Sänger (Rhapsoden) waren, die die Heldentaten der Ahnen besungen hatten. Das Bemühen der Sophisten war auf die Bildung des politischen Menschen abgestellt, der Vermittlung einer politikē téchnē („Kunst der Politik“), zu deren praktischer Seite vor allem die Redetechnik, insbesondere die Technik der Überredung (=Peitho, Göttin der Macht der Rede) gehörte. Reflexionen über die wahre Tugend (aretē) durch die nach Sokrates benannte Schule der Sokratiker und Reflexionen über den idealen Staat (z.B. Platons „Politeia" oder Aristoteles’ „Politika“) lösten die als utilitaristisch kritisierte Sophistik ab. Mit ihren neuen Lehren setzten sich die Sokratiker zugleich aber auch der politischen Kritik aus. 399 wurde Sokrates, Lehrer des Platon, wegen Verführung der Jugend angeklagt und zum Trinken des Giftbechers verurteilt.

Peloponnesischer Krieg

431-404 v. Chr. Die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts war vor allem von dem großen Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta beherrscht. - Spartanische Einfalle in Attika (431, 430, 428, 427), in deren Verlauf die attischen Felder verwüstet wurden, der Ausbruch der großen Pest (429 fiel ihr Perikles zum Opfer) und misslungene militärische Unternehmungen der Athener wie z.B. der Sizilische Feldzug von 413, bei dem ein Großteil der attischen Flotte vernichtet wurde, erschütterten die Vormachtstellung (hegemonía) der Athener unter den Bündnern. Spartas Aktivitäten fanden in Athen nicht nur Widerstand, sondern auch Sympathien bei einigen reichen Familien, die mit Hilfe Spartas den Einfluss des Demos zurückdrängen wollten. Ausdruck der positiven Einstellung gegenüber Sparta ist die Schrift des Xenophon über den Staat der Lakedaimonier, in der dieser die militärischen Tugenden der Spartaner preist. Der Krieg zwischen Sparta und Athen ist das Thema einer historischen Monographie des Thukydides (460-396), die nicht mehr – wie noch das Werk Herodots – zur Erinnerung an die heldische Vergangenheit, sondern zum Verständnis der Gegenwart aus den Abläufen der Vergangenheit heraus verfasst ist. Methodisch neu ist die bewusste Zurückstellung der eigenen Meinung und eine kritische Überprüfung seiner Gewährsleute. Seine Genauigkeit (akríbeia) und sein Streben nach historischer Wahrheit (alētheia) ließen ihn zum Vorbild für nachfolgende Historikergenerationen werden.


Demokratische Entwicklung im 4. Jahrhundert v. Chr.

392 v. Chr. Nach einem kurzen oligarchischen Zwischenspiel (Oligarchia =„Herrschaft der Wenigen") um 411 und 404, das von den Spartanern unterstützt wurde, entwickelte sich die attische Verfassung in der Kritik der Philosophien des 4. Jahrhunderts zu einer radikalen Demokratie, in der Demagogen („Volksführer") das politische Geschehen bestimmten. Bei den Bauern Attikas erfolgte eine Tendenz zur „Privatisierung" – der Besuch der Volksversammlung ging zurück –, die mit der Erhöhung von Tagegeldern (392) aufgefangen werden sollte. An Gewicht gewannen Ämter, die der finanziellen Verwaltung der Stadt dienten, wie das Amt des Theaterkassenverwalters. Die ökonomische Seite der Poliswirklichkeit unterzog Xenophon einer Kritik, in der er sowohl Vorschläge für eine gute Hauswirtschaft als auch Ratschläge für eine Verbesserung der Staatseinkünfte (Poroi) vorbrachte. Insbesondere forderte er eine stärkere Beachtung der Metoiken („Mitbewohner"), die sich im Laufe der 5./4. Jahrhunderts als Handeltreibende und Handwerker in Athen niedergelassen hatten und keine politischen Rechte genossen.

395-387 v. Chr. Die außenpolitischen Ereignisse des 4. Jahrhunderts waren von dem Widerspruch beherrscht, dass die griechischen Stadtstaaten einerseits bemüht waren, ihre politische Autonomie zu wahren, andererseits aber aus wirtschaftlichen und politischen Interessen darauf bedacht sein mussten, überstaatliche, hegemoniale Bündnissysteme aufzubauen. Die erste Etappe in diesem wechselvollen Prozess, der schließlich in die Errichtung der makedonischen Hegemonie über Griechenland mündete, bildete der Korinthische Krieg (395-387). Der Kampf der griechischen Städte Korinth, Argos, Theben und Athen gegen die spartanische Hegemonie endete zwar unter dem Einfluss des persischen Großkönigs 387 mit der Proklamation einer allgemeinen Friedenssituation (koinē eirenē) und der Bestätigung stadtstaatlicher Autonomie als Grundprinzip der politischen Ordnung in Griechenland, der Erfolg des Beschlusses wurde aber mit der Erneuerung alter Bündnissysteme (397: Boiotischer Bund unter der Führung Thebens; 377: Attischer Seebund unter der Führung Athens) in Frage gestellt. Erneute kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Hegemonialmächten Sparta und Theben führten für Sparta nach der Niederlage in der Schlacht von Leuktra (371) zum Verlust seiner Vormachtstellung und zur Auflösung des Peloponnesischen Bundes. 370 wurde Messeniens Unabhängigkeit wieder hergestellt.

Hellenismus

Makedonische Hegemonie

355 v. Chr. Der Zusammenbruch weiterer Bündnissysteme und der Aufstieg der Makedonen kennzeichnen die zweite Hälfte des 4 .Jahrhunderts. 355 wurde die Vorherrschaft Athens in der Ägäis erschüttert, nachdem der karische König Maussolos 357 einen Aufstand der Bundesgenossen initiiert hatte (Bundesgenossenkrieg). Attische Besitzungen im Norden Griechenlands wurden durch die beginnende makedonische Expansion bedroht (357: Amphipolis; 356: Poteidaia). Versuche Thebens, den Boiotischen Bund nach Norden zu erweitern, stießen auf makedonischen Widerstand.

338 v. Chr. Ausgehend von ihrem Kerngebiet im Tal des Vadar in Nordgriechenland hatten die Makedonen seit dem 5. Jahrhundert ihr Einflussgebiet zunehmend nach Osten in Richtung Thrakien und Süden bzw. Westen in Richtung Thessalien und Epirus ausgedehnt. Dabei spielten sowohl das Interesse an Bodenschätzen, den Silberminen in Thrakien, als auch Ansprüche auf Weidegebiete und Tribute eine Rolle. Die makedonische Gesellschaftsstruktur entsprach in weiten Teilen jener, die Homer für die frühgriechische Zeit wiedergibt. Die Stellung des Königs hing ebenso wie in der Zeit Homers wesentlich von seinem Rückhalt im Volk und seinen kriegerischen Leistungen ab. Versuche der Thebaner und Athener, sich den Makedonen entgegenzustellen, endeten 338 mit der Niederlage von Chaironeia und der Bildung des Korinthischen Bundes (337), dem die Makedonen und ihr König selbst nicht beitraten. In ihm waren alle Griechenstädte mit Ausnahme Spartas durch Vertreter in einem Bundesrat anteilmäßig vertreten. Feldherr des Bundes wurde der Sieger von Chaironeia, der makedonische König Philipp II. (359-336).

323-322 v. Chr. Die makedonische Vorherrschaft, die bis zur Eroberung Griechenlands durch die Römer andauerte, bedeutete nicht die Beendigung der Feindseligkeiten der griechischen Stadtstaaten untereinander; ebensowenig endete mit ihr der Widerstand der Griechen gegen die makedonischen Herrschaftsansprüche in Form von Tributzahlungen. 323/2 wurde der Aufstand Spartas im Lamischen Krieg durch den makedonischen Feldherrn Antipater niedergeschlagen; 287 hatte ein Aufstand Athens gegen die Herrschaft des Makedonenkönigs Demetrios Poliorketes Erfolg.

4. Jh. v. Chr. Der Konflikt zwischen der Wahrung des Ideals der autonomen Polis und der Bildung gemeingriechischer Bündnisse prägt das politische Schrifttum des Jahrhunderts. Während der attische Redner Isokrates (436-338) ein gemeingriechisches Bündnis unter Führung Philipps II. forderte, trat ihm in dem Redner Demosthenes (383-322) ein glühender Verfechter der Idee der griechischen Freiheit gegen eine makedonische Vorherrschaft entgegen. Der Kritik an den Missständen in der politischen Ordnung der Polis in der Alten Komödie (Aristophanes) weicht die Beschäftigung mit Fragen der Zugehörigkeit zum Bürgerverband und damit mit sozialen Themen wie Adoption, Stellung der Hetäre und der der Metoiken, Kindesaussetzungen etc. in der Neuen Komödie (Menander) in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts.


Alexanderzug

334-323 v. Chr. Außerhalb Griechenlands änderte sich das politische Weltbild entscheidend durch den von Philipp II. proklamierten und von seinem Sohn Alexander (356-323) durchgeführten Feldzug gegen die Perser. Das stets zwiespältige Verhältnis zwischen Griechen und Persern – der persische Großkönig wurde von den Griechenstädten sowohl als Bundesgenosse geschätzt, als auch als Feind bekämpft – erhielt mit dem Alexanderfeldzug eine folgenschwere Wende: In zehnjähriger Dauer gelang es Alexander mit seinem griechisch-makedonischen Heer, bis zum lndus vorzudringen und seinen eigenen Herrschaftsanspruch durchzusetzen. 330 starb der persische König Dareios, Alexander proklamierte sich als Nachfolger des Perserkönigs. In Anlehnung an makedonische Gebräuche (seine Mutter Olympia war die Tochter des Königs von Epirus) suchte er seine Stellung durch Heiratsbeziehungen mit lokalen Herrscherhäusern zu sichern; 324 heirateten er und zehntausend seiner Gefolgsleute persische Frauen (Massenhochzeit von Susa). Die Aufteilung des persischen Großreiches in Satrapien behielt er bei, ebenso das persische Tributsystem, dessen Namen er jedoch in Anlehnung an das nominell freiwillige Abgabensystem des 2. Attischen Seebundes abänderte. Wichtige Stationen seines Feldzuges waren: 324 – Überscheitung des Hellespont und Sieg am Granikos; 333 – Schlacht bei lssos und Flucht des Dareios; 332 – Eroberung von Tyros und Gründung von Alexandreia an der Westmündung des Nils: 331 –Entscheidungsschlacht bei Gaugamela in der Tigrisebene und Einzug in Babylon; 330 – Plünderung von Persepolis, Entlassung der griechischen Bundesgenossen; 329 – Überschreitung der Paropamisoskette (Hindukusch) und Eroberung der nordiranischen Satrapien Baktrien und Sogdiana (Usbekistan) und Heirat mit der sogdischen Fürstentochter Rhoxane; 327-325 Indischer Feldzug zur Gewinnung der Satrapie Pandschab, 325 Unterwerfung der lndustalebene und Rückkehr der Flotte unter Nearchos durch den persischen Golf; verlustreicher Rückmarsch des Landheeres mit Alexander nach Susa. Babylon wurde Hauptstadt des neuen Weltreiches. 323 starb Alexander in Babylon.


Hellenistische Königreiche

301 v. Chr. Nach einer kurzen Regierungszeit des Perdikkas, Feldherr unter Alexander, wurde das eroberte Gebiet nach dem Tode Alexanders politisch in einzelne Herrschaftsgebiete aufgeteilt. Die Entscheidung über die Aufteilung fiel nach jahrelangen Kämpfen zwischen den Nachfolgern Alexanders (Diadochenkämpfe) in der Schlacht von Ipsos von 301. Traditionelle, politisch gewachsene Einheiten bildeten das Grundmuster der neuen politischen Ordnung, die in zahlreichen weiteren Kriegen allerdings immer wieder in Frage gestellt wurde. Im Einzugsgebiet der Flüsse Euphrat und Tigris (Babylonien, Westsyrien, Südtürkei) bildete sich das Seleukidenreich heraus; im Osten das Partherreich und Baktrien. Beide gerieten zeitweise (unter der Herrschaft des Antiochos III. 223-187) unter seleukidische Herrschaft. In Kleinasien, der heutigen Türkei, entstanden um 275 selbständige Königreiche (Bithynien, Kappadokien und Pontos) sowie Stadtstaaten (Pergamon). Ägypten, unter Dareios den Persern tributpflichtig geworden, wurde von der Dynastie der Ptolemaier regiert, die von Ptolemaios, einem Feldherrn Alexanders, errichtet worden war. Im Kernland Makedonien richtete sich seit 279 die Dynastie der Antigoniden ein, die bis 167 regierte. Das dynastische Element kennzeichnet die neu entstandenen Königreiche, deren Herrscher sich nicht mehr auf traditionelle Herrschaftsrechte berufen konnten. Zum Teil waren die Diadochen miteinander über Heiratsallianzen verbunden (Exogamie), was zu Konflikten in der Nachfolgeregelung führte. Im ptolemäischen Ägypten befolgte man daher eine strikte Endogamie in Form der Geschwisterehe, mit der die Zahl der potentiellen Nachfolger reduziert wurde. Mit der Dynastienbildung traten auch die Ehefrauen der Herrscher in der öffentlichen Wahrnehmung stärker in den Vordergrund. Zum Teil trugen sie, wie z.B. Arsinoe II, die zweite Ehefrau Ptolemaios II., den Königinnentitel (basilíssa). Das öffentlich auf Statuen, Münzen oder Monumenten inszeniertes Bild der ptolemäischen Königin, das an ägyptischen wie griechischen Gottheiten orientiert war, trug zur Akzeptanz der Fremdherrschaft bei. Politische Stütze der neuen Herren wurde der Rat der Freunde, entstanden aus dem Rat der nahezu gleichberechtigten Gefährten der ehemaligen makedonischen Könige. Er setzte sich nunmehr aus Männern der griechischen Herrenschicht in den eroberten Ländern zusammen. Die Aufteilung der Herrschaftsgebiete führte nicht zur dauerhaften Befriedung. Die Stadtstaaten Koilesyriens (Palästina, Libanon) wurden zum Zankapfel zwischen Seleukiden und Ptolemaiern, um die in allein sechs Kriegen im Zeitraum von 274 bis 168 gestritten wurde (Syrische Kriege). Nach mehreren unentschiedenen Kriegen gelang es Ptolemaios IV. mit der Schlacht von Raphia (217) im 4. Syrischen Krieg, eine Entscheidung zu seinen Gunsten herbeizuführen; die Entscheidungsschlacht von Pareion (200) zwischen Ptolemaios V. und Antiochos III. brachte die reichen Handelsstädte Koilesyriens unter seleukidische Herrschaft.

3. Jh. v. Chr. Der griechischen Prägung der politischen Kultur, der Verbreitung griechischen Gedankengutes aus Bereichen von Philosophie, Literatur und Wissenschaft verdankt die Epoche vom Beginn des Alexanderfeldzuges bis zur Römerherrschaft ihren Namen Hellenismus. Aus der Sicht europäischer Geschichtsschreibung bedeutet sie einen Perspektivenwechsel vom Okzident zum Orient, vom klassischen Stadtstaat zum orientalischen Großreich. Der Historiker Johann Gustav Droysen, der den Begriff im 19. Jahrhundert prägte, hatte dabei vor allem die Durchdringung der orientalischen Kultur mit griechischem Bildungsgut vor Augen; heute wird stärker auf die kulturelle Eigenständigkeit der alten orientalischen Reiche auch im Hellenismus abgehoben. Neu ist in hellenistischer Zeit die weite Verbreitung griechischer Bildungsstätten wie Gymnasien und Bibliotheken auch außerhalb Griechenlands in den von den hellenistischen Herrschern neu gegründeten Städten. Hier wohnten vor allem Söldner der hellenistischen Könige. Alexandreia und Pergamon besaßen die größten Bibliotheken (mouseîon) der damaligen Zeit, in denen Schriften von Homer bis Aristoteles aufbewahrt und von Gelehrten mit Kommentaren (Scholien) versehen wurden. Die Museen waren den Musen, den griechischen Erfinderinnen der Künste und Wissenschaften, geweiht und beherbergten auch Gelehrte, die ihren medizinischen, philosophischen oder mathematischen Forschungen nachgingen. Eratosthenes berechnete im Museum von Alexandreia erstmals fast genau den Erdumfang; Euklid und Archimedes entwickelten hier Grundbegriffe der Mathematik und Integralrechnung.

3./2. Jh. v. Chr. Die innergriechischen Verhältnisse in der hellenistischen Epoche waren von der zunehmenden Tendenz geprägt, auch strukturell die Polisgrenzen zu überwinden: Institutionen wie die Proxenia (Verleihung von Bürgerrechten an Nicht-Polisbürgern). Sympoliteia (Zusammenschluss mehrerer Poleis) und Asylia (Gewährung von Schutz gegen Repressalien fremder Städte) machten den Austausch zwischen einzelnen Poleis einfacher. Nach innen blieben die Institutionen der Polis erhalten, dabei wurde Reichtum in zunehmendem Maße zu einem entscheidenden Kriterium für die Ausübung politischer Rechte. Trotz stärkerer Kooperation gehörten auch in dieser Zeit kriegerische Konflikte zum Alltag der griechischen Städte, in die die makedonischen Herrscher vermittelnd eingriffen.

86 v. Chr.: Seit dem Ende des 3. Jahrhunderts traten auch die Römer bei kriegerischen Auseinandersetzungen der Griechen in Erscheinung, teils als Schiedsrichter, teils als Eroberer und Bundesgenossen rivalisierender Poleis und Städtebündnisse. Mit ihrem Eingreifen verloren die griechischen Poleis nach und nach ihre politische Selbständigkeit, die ihnen unter dem Einfluss der Makedonenkönige verblieben war. Einen ersten Einbruch in die Unabhängigkeit der hellenistischen Staatenwelt bildeten die ersten beiden Makedonischen Kriege (211-205 und 200-197 v. Chr.) zwischen Rom und Philipp V. von Makedonien, die vor allem um den Einfluss in Illyrien kreisten. Die griechischen Städte waren mit beiden Parteien über unterschiedliche Koalitionen verbunden. Der Sieg, den die Römer im Bündnis mit dem Aitolischen Bund erzielten, fügte Makedonien den Verlust einiger Einflussgebiete, u.a. Thessalien, zu. Nach dem Sieg von Pydna (168) über Philipps Nachfolger Perseus teilten die Römer Makedonien in vier tributpflichtige und gegeneinander abgeschirmte Teilstaaten auf. 149 wurde Makedonien römische Provinz. Die mit dem Makedonenkönig verbündeten Städte des Achaiischen Bundes gerieten unter die Kontrolle des römischen Statthalters von Makedonien. Über die Deportation von rund 1000 führenden Köpfen aus den Achaiischen Städten suchten die Römer, Widerstandsbewegungen im Keim zu ersticken und ihre Tributherrschaft langfristig zu sichern. Andere griechische Poleis erlitten ein ähnliches Schicksal. Korinth, das römische Gesandte geschmäht hatte, wurde 146 aufgrund eines Senatsbeschlusses der Römer erobert und nahezu vollständig zerstört. 86 eroberte Sulla Athen. Auch die großen hellenistischen Königreiche, deren Herrscher mit Gesandtschaften und Unterwerfungsgesten den römischen Senat in ihrem Sinne beeinflussen suchten und um militärische Unterstützung in ihren zahlreichen Kriegen angingen, fielen im 1. Jahrhundert der römischen Expansion zum Opfer. 63 wurde Syrien, 30 Ägypten römische Provinz. Im mesopotamischen Kerngebiet des Seleukidenreiches richteten sich seit dem 2. Jahrhundert die Herrscher der ehemaligen – im Südosten des Kaspischen Meeres gelegenen – seleukidischen Satrapie (,,Verwaltungsbezirk") Parthia ein. Die Partherkönige trugen seit Mithridates I. (171-138) den ehemaligen persischen Titel „Großkönig‘‘. Ihr Versuch, ein ebensolches Großreich zu errichten, wie es unter der persischen Dynastie der Achaimeniden bestanden hatte, brachte sie in Konflikt mit Rom. Die immer wieder aufflammenden Partherkriege, die zunächst um den Einfluss über Armenien kreisten, fanden erst im 2. nachchristlichen Jahrhundert ihr vorläufiges Ende. 117 n. Chr. errichteten die Römer die Provinzen Mesopotamia und Assyria.


Römische Geschichte

Die römische Geschichtsschreibung: Annalistik

Am Anfang der Überlieferung zur römischen Geschichte stehen die öffentlichen Jahreschroniken, die annales maximi, die von dem obersten Priester, dem pontifex maximus, in dessen Amtssitz, in der Regia (Königshaus) aufbewahrt wurden und allgemein zugänglich waren. Es handelt sich um ein Verzeichnis solcher Tage, an denen es fâs (lat. Recht, Verhängnis, Schicksal), d.h. rechtlich gestattet war, Geschäfte zu tätigen. Niedergelegt waren daneben die Namen der jeweiligen Amtsträger (Magistrate) und wichtige Ereignisse des Jahres wie z.B. Finsternisse oder Triumphzüge von siegreichen Feldherren. Ihr Inhalt ist nur über Zitate in den Werken von Historikern greifbar, die für ihre Darstellung diese Jahresgliederung übernahmen. Als Kennzeichen der römischen Geschichtsschreibung gilt daher die Annalistik. Der erste römische Historiker ist Q. Fabius Pictor, dessen in griechischer Sprache geschriebenes Werk aus dem Ende des 3. Jahrhunderts allerdings nur in Form von Zitaten bei späteren Historikern überliefert ist. Das ist in erster Linie T. Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.) aus Padua (Patavium), der eine Geschichte Roms „ab urbe condita“ bis zum Jahre 9 n. Chr. schrieb. Sie ist bis zum Jahre 293 (Bücher 1-10) und für die Jahre 218-167 (Bücher 21-45) vollständig erhalten. Älteren Datums sind die Werke des Polybios, eines Griechen, der als Geisel nach Rom kam (200 – 110 v. Chr.) und aus älteren Berichten, so des Griechen Timaios von Tauromenion schöpfte, und des Dionysios von Halikarnassos. Dionysios, ebenfalls griechischer Herkunft, war ein Zeitgenosse des Livius. Er erzählt ebenfalls die Geschichte Roms von der Gründung der Stadt bis zu den punischen Kriegen. Sie wurde unter der Herrschaft des Augustus, um 7 v. Chr., veröffentlicht (Dion. 4,64-4,85). Das Werk des Polybios, das mit der Zerstörung Korinths im Jahre 146 v. Chr. endete, setzte Poseidonios fort, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte. Am Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. stammen die Werke von Diodor von Sizilien, der eine Universalgeschichte verfasste. Aus nachrepublikanischer Zeit, 2. und 3. Jh. n. Chr. stammen die Schriften des Appian (in Alexandria geboren), die von den Bürgerkriegen handeln, und Cassius Dio aus Nikaia in Kleinasien, der Mitglied des römischen Senats war und Aufschlüsse über die letzte Generation der Republik nach dem Jahre 69 v. Chr. bietet. Zu nennen ist daneben Plutarch(os) () aus Chaironeia in Böotien, der vergleichende Lebensbeschreibungen verfasste und aus zahlreichen Quellen schöpfte, die uns nicht mehr zugänglich sind, sowie Tacitus, der kritische Chronist der frühen Kaiserzeit. Zu den Zeugnissen außerhalb der römischen Geschichtsschreibung zählen Komödien des Plautus aus der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert v.Chr. In Stein gehauene Gesetzgebungswerke wie die Inschrift von Gortyn sind nicht vorhanden. In das 5. Jahrhundert wird die Zwölftafelgesetzgebung datiert, die allerdings ebenfalls nur durch Aussagen späterer Juristen und Historiker. Allerdings haben wir ab dem 2. Jahrhundert in Stein gemeißelte Senatsbeschlüsse und Volksbeschlüsse. Aus der Zeit der späten Republik, also aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. liegt das umfangreiche Werk des Cicero (106-43 v. Chr.) vor, dessen politische Reden eine aufschlussreiche Quelle über die Konflikte der damaligen Zeit bilden, sowie das Werk des Historikers und Redners Sallust (86-34 v. Chr.). Als Grundlage fungierten neben den Tafeln auch mündlich überlieferten Familienchroniken, deren Inhalte in öffentlich gehaltenen Leichenreden faßbar sind. Dennoch sind Kohärenz und Homogenität das Kennzeichen der römischen Geschichtsschreibung. Erklärt wird dies mit der Homogenität der Führungselite: publica memoria und privata memoria gehören zusammen.


Stadtentwicklung

Rom liegt auf sieben Hügeln (septem montes): Palatin, Kapitol, Quirinal, Esquilin, Caelius, Viminal, Aventin, die nicht aus separaten Felsformationen bestehen, sondern aus plateauförmigen Ausläufern eines größeren zusammenhängenden Massivs aus vulkanischem Tuffstein. Der Tuffboden seinerseits entstand durch eine Serie von Vulkanausbrüchen, die im zentralen Italien vor zehn Millionen Jahren begannen und erst vor 50 000 Jahren zum Abschluss kamen. Tuffplateaus sind für die Besiedlung gut geeignet, da die steil abfallenden Hänge ein natürliches Bollwerk wirken; auch bieten die Höhen Schutz vor der Malaria, die unten in den Feuchtgebieten der Täler ein Problem war. Außerdem ist der Tuffboden äußerst fruchtbar und bietet ertragreiches Ackerland, die Feuchtgebiete wiederum gutes Weideland. Verantwortlich für die Ansiedlung an dieser Stelle ist verkehrsgünstige Lage. Rom liegt an einer Tiberfurt, die Zugang zu den Salinen am jenseitigen Ufer in Ostia bot. Die Besiedlung der Hügel reichen bis ins 2 Jahrtausend zurück; griechische Funde stammen aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.; die Präsenz der Etrusker ist archäologisch für das 7. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar; von den Etruskern stammt auch der Name „Roma“, der sich rückwärts gelesen „Amor“ liest. Erste Siedlungsspuren auf dem Palatin, wo sich später die Kaiserpaläste befanden, sind bereits für das 8. Jahrhundert v. Chr. belegt. Dort soll ein latinisches Dorf, auf dem Quirinal ein sabinisches Dorf existiert haben. Der Bereich des in der Niederung zwischen Palatin und Kapitol gelegenen späteren Forum Romanum diente in dieser Zeit noch als Nekropole. Um die zwischen den Tuffplateaus liegenden Senken, das spätere Forum Romanum, zu bebauen, mußten erst umfassende Entwässerungsmaßnahmen ergriffen werden. Archäologisch ist dieses Zusammenwachsen der verschiedenen Siedlungen Roms zu einer „Stadt“, urbs, ab der Mitte des 6. Jahrhunderts (575/550) nachweisbar, als erste größere Sakralbauten, der Vestatempel und die Regia, der Königspalast, auf dem Forum entstehen und die Cloaca Maxima, ein über drei Meter breiter offener Entwässerungsgraben, angelegt wurde. Auf dem Kapitol (capitolium) wurde für Iuppiter gegen Ende des 6. Jahrhunderts ein Tempel errichtet, der etruskische Baulelemente (Reliefs und Skulpturen aus Terrakotta) aufweist.


753 v. Chr. Stadtgründungsmythos und Zeitrechnung

Die römische Zeitrechnung beruht eigentlich auf dem konsularischen Amtsjahr. Darin ähnelt die römische Zeitrechnung der griechischen Zeitzählung. Jahresbeamte geben sie vor. Chronographisch wirkte sich das Amtsjahr allerdings erst aus, als die ältere römische Geschichtsschreibung, die Annalistik, im 3. Jahrhundert v.Chr. begann, ihre Jahre nach Konsulpaaren zu zählen. Daneben war auch die römische Historiographie durch die Olympiadenzählung bestimmt, die sich in Griechenland im 3. Jahrhundert durchgesetzt hatte, um die verschiedenen Zeitzählungssysteme der griechischen Poleis zu koordinieren. Römische Historiker nahmen daneben die Datierungen nach der Gründung der Stadt Rom (ab urbe condita) vor. Diese wurde in Form von Intervallangaben vorgenommen (x Jahre nach der Gründung Roms). Eine durchlaufende Zählung ab urbe condita praktizierten erst die Humanisten der frühen Neuzeit. Das Datum für den Beginn der Ära ab urbe condita war in der Antike umstritten und es entstanden konkurrierende Systeme. Durchgesetzt hat sich die Auffassung von Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.), der die Stadtgründung in das Jahr 753 v. Chr. legte.

Der mythischen Überlieferung nach wurde Rom von Romulus und Remus gegründet, einem Zwillingspaar, das von einer Vestalin geboren und ausgesetzt, von einer Wölfin gesäugt und von einem Hirtenpaar aufgezogen wird. Romulus und Remus entstammen dem Königsgeschlecht von Alba Longa in den Albaner Bergen, das auf Aeneas, dem Sprößling des trojanischen Königshauses zurückgeführt wird. Daß Romulus und Remus nicht in Alba Longa Könige werden, sondern Rom gründen, wird in der Überlieferung auf einen Erbfolgekonflikt zwischen zwei Brüdern aus der Nachkommenschaft des Aeneas und der Lavinia zurückgeführt; Amulius macht seinem Bruder Numitor die rechtmäßige Nachfolge streitig, zwingt der Tochter des Numitor in die Rolle der Vestalin, diese aber wird von dem Kriegsgott Mars geschwängert und gebiert die Zwillinge. Obwohl der Frevel aufgedeckt wird und die Brüder von dem Großvater Numitor als rechtmäßige Erben anerkannt werden, sogar den Onkel vertreiben, zieht es sie fort nach Rom. Der Streit wiederholt sich, diesmal geht es um die Frage, an welcher Stelle die Stadt gegründet werden soll. Remus wird von seinem Bruder Romulus getötet. Rom ist nach dieser mythischen Rekonstruktion zunächst eine reine Hirtensiedlung Es fehlen die Frauen. Bei einem Fest, zu dem die Nachbarn eingeladen werden, kommt es zum sogenannten Raub der Sabinerinnen. Die Verwandten lassen sich diesen Frevel nicht gefallen; es kommt zum Krieg, in den schließlich die Frauen vermittelt eingreifen; in der Folge einigen sich Sabiner und Römer, was sich im Doppelkönigtum des Romulus und des Titus Tatius ausdrückte, das allerdings nur wenige Jahre währte. Romulus wird die Schaffung der zentralen politischen Strukturen zugeschrieben: Volksversammlung, Senat, Magistrate = Ämter: Konsuln, Prätoren, Ädile, Quästoren. Der Senat besteht aus 100 Männern, die den Ehrennamen „patres“ tragen, Väter. Sie bilden das Patriziat. Das Volk wird in 30 Kurien unterteilt, die nach den Namen der Ehefrauen benannt werden. Sechs weitere Könige folgen, in deren Regierungszeit die kultischen Einrichtungen und militärische Verfassung eingeführt werden. Gilt Romulus als Schöpfer der politischen Institutionen, so wird Numa die Begründung religiöser Einrichtungen zugeschrieben. Servius Tullius organisiert das römische Heer. Sieben Könige herrschen, dann kommt es – am Ende des 6. Jahrhunderts – zum Sturz der Königsherrschaft, zum Tyrannenmord, und zur Errichtung der Republik, die von der modernen Forschung als Prozeß, nicht als Ereignis gedacht wird, der in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts (570-450 v. Chr.) angesiedelt wird.


509 v. Chr. Die Anfänge der Republik

Die Anfänge der Republik sind eingebettet in die Geschichte von der Selbstopferung einer Frau, Lucretia, und der Tötung der weiblichen wie männlichen Nachkommenschaft. Die Selbstopferung der Lucretia ereignet sich im Jahre 509 v. Chr. Sie tötet sich selbst, nachdem sie von dem ältesten Sohn des Königs Tarquinius Superbus, Sextus Tarquinius, vergewaltigt worden war. Die Tat wird ihrem Ehemann Collatinus und ihrem Schwager Brutus gerächt: Sie vertreiben die Tarquinier und werden die ersten consules der Republik. Das heißt, man verdoppelt die Könige, nennt sie aber nicht reges, sondern consules, „Sorgende“, „Ratgeber“. Auch herrschen sie nicht dauerhaft, sondern immer nur für ein Jahr. Kollegialität und Annuität ist das Prinzip, nach dem die republikanische Ordnung gebaut wird. Nach der Vertreibung der Tarquinier schwört das Volk, keinen König mehr in Rom zu dulden. Kurz danach kommt es erneut zu Unruhen. Einige junge Leute verschwören sich und wollen die Tarquinier zurückholen. Darunter sind auch die Söhne des Brutus, des ersten Consuls, die des versuchten Vatermords überführt werden. Livius (2,1-5) und Dionysios (5.8.3) lassen beide den Vater als Consul in Ausübung sowohl der häuslichen Gewalt, patria potestas, als auch der magistralen Amtsgewalt, des imperiums, über die Söhne richten und das Todesurteil sprechen. Brutus tötet seine Söhne ohne Träne und bestätigt damit die Herrschaft der Gesetze über die Bande der häuslichen Gemeinschaft. Die Tötung der Nachkommen sichert die Republik, d.h. verhindert die Errichtung der Herrschaft eines Hauses. Hausväterliche und magistratische Gewalt sind in der Republik verwoben, das Haus herrscht nicht über das Gemeinwesen und das Gemeinwesen nicht über das Haus.


450 v. Chr. Zwölftafelgesetzgebung

60 Jahre später gibt sich die Republik ein Gesetzeswerk: die Zwölf Tafeln; mit ihnen beginnt die Zeit der sogenannten Ständekämpfe, die im 3. Jahrhundert abgeschlossen sind. Grundsätzlich ging es in der Zeit der frühen Republik um eine Einigung zwischen plebejischen und patrizischen Geschlechtern, die nach Meinung der Forschung über Rechtssicherheit, d.h. eben über die Schaffung des Zwölftafelrechts und über politische Partizipation, d.h. der Einrichtung einer weiteren Entscheidungsinstanz neben dem Senat, dem consilium plebis, dem Volkstribunen vorstanden und sukzessiven Öffnung der politischen Ämter, vor allem das des Konsuls, für die plebejischen Geschlechter hergestellt wurde. Ab 367 v. Chr. war das Konsulamt den Plebejern zugänglich; das ist für manche Forscher der Beginn der Kollegialität des Ämterwesens. Die Lex Hortensia von 287 macht die Beschlüsse des consilium plebis, der Versammlung der Plebejer bindend für alle. Das Resultat dieses Einigungsprozesses ist die Entstehung einer neuen Aristokratie, der Nobilität.


367 v. Chr. Entstehung der Nobilität

Anders als in Griechenland war die Aristokratie in Rom über die Teilhabe an politischen Ämtern und an der Zugehörigkeit zu dem entscheidenden politischen Gremium, zum Senat, definiert, und insofern mit der Senatorenschaft identisch. Konsuln und Prätoren, die für Kriegsführung und Rechtsprechung zuständig waren bilden die höchsten Ämter. Sie leiten den Senat, das oberste politische Gremium. Für die Finanzen, die Verwaltung der Kasse des Gemeinwesens, aerarium, waren die Quaestoren zuständig, für die Sicherung der Getreideversorgung und der Berufung der Tributcomitien sind die Aedilen verantwortlich. Hinzu kommen die Zensoren, die über die Sittengesetze wachen und über die Auswahl der Senatoren (lectio). Der Senat setzte sich aus den ehemaligen Amtsträgern zusammen, die zudem ein Mindestvermögen vorweisen mussten und umfasste zunächst 300, ab dem 1. Jh. v. Chr. 600 Mitglieder. Die Mitgliedschaft bestand zunächst lebenslänglich. Der Senat beriet die Amtsträger und fasste eigene Beschlüsse: senatus consultum/a. Ursprünglich übernahmen diese Ämter nur die Patrizier. Die Öffnung der Ämter für die Plebejer ist die Erfolgsgeschichte der römischen Republik. Ein rein plebejisches Amt ist das Volkstribunat. Die tribuni plebis leiteten das consilium plebis, dessen Beschlüsse ab 287 v. Chr. bindend für alle werden. Das Volk partizipierte an politischen und militärischen Entscheidungen über vier verschiedene Gremien: Als Heeresversammlung lassen sich die Zenturiatscomitien fassen, die über Krieg und Frieden entschieden und die Konsuln, Prätoren und Zensoren wählten. Sie tagten auf dem Marsfeld außerhalb der Stadtgrenze, dem pomerium. Sie waren in 193 Abstimmungseinheiten gegliedert: Es gab 18 Reiterzenturien, 170 Zenturien der Schwer- und Leichtbewaffneten, fünf Zenturien standen den unteren Schichten offen. Hier gaben die Besitzenden und die Älteren den Ausschlag. Jede der 193 Zenturien hatte eine Stimme; die Mehrheit den Zenturien brachte die Entscheidung. Die Reichen waren auf 18 Ritterzenturien aufgeteilt; dann folgte die erste Klasse mit 70 Zenturien. 97 Zenturien brachten die Mehrheit; also mussten nur noch elf Zenturien der 2. Klasse wie die erste Klasse stimmen. Aus den 70 Zenturien der ersten Klasse wurde zunächst immer eine centuria praerogativa ausgelost, die zuerst abstimmte. Diese Bürger gingen einzeln hintereinander auf einem Steg, der zur Urne führte, zur Abstimmung und hinterlegten ihr Stimmtäfelchen. Diese Stimmen wurden ausgezählt und das Ergebnis verkündet. Dann erst gaben die anderen Zenturien der 1. Klasse ihre Stimme ab, danach kamen die 18 Reiterzenturien dran. Nach jeder Abstimmung wurde das Ergebnis verkündet. Die Richtung war also vorgegeben. Die centuria praerogativa gab die Stimmung vor. Auch hatten die Älteren die strukturelle Mehrheit. Die Zenturien waren hälftig nach iuniores und seniores gegliedert; d.h. die halbe Stimmenzahl hatten die Jüngeren, die zahlenmäßig in der Mehrheit waren, die andere Hälfte stand der zahlenmäßig geringeren Anzahl der Älteren zu. Eine hierarchische, von Status und Alter bestimmte, Struktur ist unübersehbar. In den comitia tributa, die regional gegliedert waren in 31 ländliche und 4 städtische Tribus, wurden Gesetze beschlossen, soweit sie – bis 218 – nicht den Zenturiatscomitien vorbehalten waren. Hier wurden die Quästoren und Aedilen gewählt. Ort der Abstimmung war das Forum Romanum, bei Wahlen auch das Marsfeld. 35 Pferche standen auf dem Marsfeld dafür zur Verfügung, so dass alle tribus gleichzeitig zur Wahl aufgerufen werden konnten. Der Versammlungsleiter verkündete für jede tribus das Ergebnis. Sobald die Mehrheit erreicht war, wurde die Verkündigung abgebrochen. Es herrschte also die Mehrheit ohne Ansehen der Person. Bei Gesetzen rief man die tribus nacheinander auf, aber war die Reihenfolge nach Los bestimmt. Weder Alter noch Status wirkten sich bei der Abstimmung aus. Das consilium plebis, das Versammlungsorgan der Plebejer, war ebenfalls regional gegliedert und tagte auf dem Forum und dem Marsfeld; hier wurden die Gesetzesvorlagen der Volkstribune beraten und beschlossen. Ein traditioneller Versammlungstyp sind die comitia curiata, deren Mitglieder über Testamente und Adoptionen berieten. Diese Versammlung tagte auf dem Kapitol.


Sozialstruktur: familia und clientela

Die römische familia ist ein agnatischer Abstammungsverband, der alle männlichen Nachkommen eines noch lebenden „Hausvaters“, eines pater familias, (Söhne und Enkel) sowie die unverheirateten weiblichen Nachkommen bzw. die verheirateten weiblichen Nachkommen umfaßt, soweit sie nicht in die „Gewalt“ (manus) des Ehemannes übergegangen sind. Ideell bestand die familia aus all denen, die sich in männlicher Linie auf einen gemeinsamen Ahnen zurückführten. Drei Vorväter (parentes) aufzuweisen, war aristokratische Norm, jenseits davon lagen die Ahnen, das Reich der maiores. In der Kaiserzeit ging der Senatorenstatus ab der 4. Generation verloren. Deshalb wurde in dieser Zeit der Gründervater Aeneas mit seinem Vater Anchises und mit seinem Sohn an der Hand gezeigt. Mehrere familiae bildeten eine gens. Zur familia gerechnet wurden auch die Sklaven und Besitztümer, d.h. der bewegliche und unbewegliche Besitz. Ehefrauen gehörten nur dann zur familia, wenn sie eine manus-Ehe eingegangen waren. Anders als in Athen oder Sparta gelang es der römischen Elite, dauerhaft Gefolgsleute an sich zu binden. Diese Klienten fanden sich zur morgendlichen Aufwartung (salutatio) im Haus (domus) des Patrons ein und konnten mit Unterstützung in rechtlichen Angelegenheiten rechnen. Ihrerseits unterstützten sie ihren Patron in politischen Auseinandersetzungen und gaben ihm bei den Wahlen ihre Stimme. Im 1. Jahrhundert v. Chr. verschärfte sich die Konkurrenz um Gefolgsleute, was dazu führte, daß bei Wahlen die geheime Abstimmung eingeführt wurde.


Militärische Expansion und Weltreichsbildung

474 werden die Etrusker bei Cumae von den Griechen geschlagen, 426 erobern die Römer Fidenae, 396 Veji. Um 470 wurde Rom Mitglied des Bundes latinischer Städte, der 130 Jahre später aufgelöst wird. Rom annektiert Mitte des 3. Jahrhunderts Teile des Gebietes der Latiner; einige latinische Städte behalten ihre Selbständigkeit. In mehreren Kriegen werden zwischen 326 und 290 die Samniten unterworfen; mit den Samniten werden Bundesgenossenschaftsverträge geschlossen. Wirtschaftshistoriker vermuten, dass es um Auseinandersetzungen um Weideland ging bzw. um Konflikte um die Nutzung von Sommerweiden in den Bergen und Winterweiden an der Küste vor allem in Kampanien. Ab 282 v. Chr. beginnen die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den griechischen Städten, die in Unteritalien und Sizilien seit dem 7. Jahrhundert existierten. 272 kapituliert Tarent, 270 Rhegion. Konflikte um die Stadt Messana in Sizilien führen 264 zu Auseinandersetzungen mit Karthago, das ebenfalls auf Sizilien Fuß gefasst hatte, und münden in den Ersten Punischen Krieg, der bis 241 dauerte und die Vertreibung der Karthager aus Sizilien zur Folge hatte. Sizilien, Sardinien und Korsika werden 227/5 die ersten römischen Provinzen. Im Zweiten Punischen Krieg (218-201), der in Spanien seinen Ausgang nimmt, wo seit 237 die Karthager Fuß zu fassen versuchten, ist auch Italien Kriegsschauplatz (216 Schlacht bei Cannae); er mündet in die Errichtung von zwei römischen Provinzen in Spanien (197 v. Chr.). Mit den Punischen Kriegen ändert sich auch das politische Gefüge Italiens. Viele italische Städte hatten mit Hannibal kooperiert. Ihr Land wird nach dem Sieg über die Karthager konfisziert und als ager publicus zur Okkuppation freigegeben. Zwischen 149 und 146 findet der Dritte Punische Krieg statt, der zur Zerstörung Karthagos und zur Errichtung der römischen Provinz Africa führt. Ein anderer Kriegsschauplatz des 2. Jahrhunderts ist der griechische Osten: Die Makedonischen Kriege (200-194 gegen Philipp V., 171-168 gegen König Perseus) münden 145 in die Errichtung der Provinz Makedonien und der Unterstellung Griechenland unter den Statthalter Makedoniens. König Attalos III. von Pergamon vererbte 133 v. Chr. sein Reich an Rom; die daraufhin ausbrechenden Aufstände führten 129 zur Errichtung der Provinz Asia. Ende des 1. Jahrhunderts verlagern sich die Kriegsschauplätze gen Norden und finden Kämpfe gegen Kimbern und Teutonen. In der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. erobern Caesars Legionen Gallien (58-50). Im 1. Jahrhundert verlagern sich die Kriege nach Innen. Zu Beginn des ersten Jahrhunderts bricht der Bundesgenossenkrieg in Italien aus. 90 v. Chr. gewährt die lex Iulia de civitate den treu gebliebenen Italikern das römische Bürgerrecht. Zwischen 49 und 45 findet der Bürgerkrieg zwischen Caesars Truppen und den Truppen des Pompeius statt. Caesar bleibt siegreich, wird aber 44 v. Chr. ermordet. Seine Neffe Oktavian führt den Kampf weiter. Nach dem Auseinanderbrechen des Triumvirats zwischen Antonius, Oktavian und Lepidus und dem Sieg Oktavians über die Truppen des Antonius im Jahre 31 v. Chr. ist auch die Republik am Ende: Oktavian begründet im Gewand der republikanischen Ordnung – er übernimmt die tribunicia potestas auf Dauer – das/den Principat.


Prinzipat des Augustus

Anders als seinen Vorgänger gelang Augustus die Monopolisierung aller Gefolgschaftsbindungen: Die stadtrömische plebs und Soldaten waren ihm gleichermaßen verpflichtet. Die einen gewinnt er durch Getreidespenden, die anderen durch Landschenkungen. Der Chronist der frühen Kaiserzeit, der senatorische Historiker Tacitus, urteilt deshalb über das Prinzipat des Augustus: „Die Partei der Julier hatte nur noch einen Führer, Caesar (= Octavian), der nun den Triumvirntitel ablegte, das Konsulat übernahm und sich mit den tribunizischen Vollmachten zum Schutze des Volkes begnügte. Die Soldaten gewann er durch Schenkungen, das Volk durch Getreidespenden, jedermann durch die erfreuliche Ruhe.“ Die ökonomische Voraussetzung dafür bildete wiederum die Verfügung über die Provinzen. Der Verteilungskampf, der die späte Republik beherrscht hatte, wurde unter ihm dauerhaft befriedet. Die Provinzen wurden aufgeteilt in senatorische (befriedete Provinzen: Sizilien, Sardinien, Korsika, Hispania ulterior, Gallia Narbonensis, Dalmatien, Makedonien, Achaia, Asia, Bithynien, Pontos, Zypern, Kreta, die Cyrenaica) und kaiserliche (nicht befriedete Provinzen: imperium proconsulare für Spanien, Gallien, Syrien, Kilikien und Ägypten) Provinzen; der Verteilungskampf wurde in geordnete Bahnen gelenkt. Die Tribute fließen nicht mehr in die ‘Staatskasse’, sondern in die kaiserliche Kasse; damit etabliert er sein Haus als oberstes Ressourcenzentrum. Symbolisch sichtbar wird diese Rolle auch gegenüber den Senatoren, die sich bei ihm regelmäßig zur morgentlichen salutatio einfanden. Octavian wurde oberster Patron. Einher ging der Wandel in der Machtstellung mit dem Namenswechsel. Seit 27 v. Chr. ließ er sich Imperator Caesar Augustus nennen. Den Namen Caesar trug er kraft Adoption; er zeigt seine Zugehörigkeit zum Geschlecht der Iulier und seine Abkunft von Caesar an. Bereits 38 v. Chr. hatte er den Vornamen (praenomen) Imperator (griech. autokrator) gewählt. Er ist Ausdruck der Klientelbindungen zu den Soldaten, die die wichtigste soziale Stütze der Macht bildeten. Der Senat verlieh ihm den Ehrentitel Augustus (der „Erhabene“), eine Anspielung auf den mythischen Stadtgründer Roms, dem die Götter durch das heilige augurium die Aufgabe der Stadtgründung gewiesen hatten, in dessen Nachfolge sich Augustus sah. Seither überragte Augustus alle an auctoritas.


@ B. Wagner-Hasel (07.01.2008)