Fürstenkinder?

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Das Land der Fürstenkinder?

Karl H. Schneider

Weshalb ist die SPD eigentlich so stark in Schaumburg?[1] Liegt es daran, dass es sich um eine Partei handelt, die traditionell in Niedersachsen dominiert oder weil sie sich derzeit auf einer breiten Welle euphorischer Zustimmung befindet? Nein, die SPD ist in Schaumburg so stark, weil sie hier auf eine nahezu einhundertfünfzigjährige Tradition der Arbeiterbewegung aufbauen kann, weil in Schaumburg schon um die Jahrhundertwende die Mehrheit der Bevölkerung Arbeiter und Angehörige von Arbeitern waren. [2] Sie waren damals die Nachfahren der „kleinen Leute“ der agrarisch-vorindustriellen Gesellschaft. Ihre Väter und Großväter hatten sich häufig mit Tagelohn, Leinenweberei und Wanderarbeit durchschlagen müssen. Ihre Existenzbedingungen waren zuweilen regelrecht ärmlich. Von den in den fürstlich schaumburg-lippischen Wäldern beschäftigten Tagelöhnern wissen wir, dass sie so wenig verdienten, dass es selbst den fürstlichen Beamten schleierhaft blieb, wie sie von dem wenigen Geld leben konnten. Armut war durchaus ein vertrauter Anblick in diesem kleinen Ländchen, das allerdings im 19. Jahrhundert nicht nur von den Bodenschätzen profitierte, sondern auch davon, dass hier die wichtige Bahnlinie Berlin-Hannover-Minden-Köln durchführte.

Mit der beginnenden Industrialisierung erweiterte sich das Spektrum der Arbeitsmöglichkeiten. In den neu gegründeten Glashütten arbeiteten zwar zunächst vorwiegend Auswärtige als Glasmacher, aber für die einfachen Tagelohnarbeiten oder für die Korbmacherei wurden auch gern Einheimische genommen. Die Glashütten beschäftigten immerhin um 1900 fast so viele Arbeiter wie der heimische Bergbau, der einer zunehmenden Zahl von jungen Schaumburg-Lippern die Chance zu einer geregelten und vergleichsweise gut bezahlten Arbeit gab. Andere zogen Jahr für Jahr im Frühjahr zu den Nordseehäfen, um sich dort als Heringsfänger zu verdingen. Wieder andere waren in den heimischen Holzbetrieben oder den Ziegeleien beschäftigt. Wenn es auf der Homepage der Schaumburger Landschaft heute heißt:

„Früher“ seien „die meisten Menschen dort blieben, wo sie geboren wurden und aus dieser Geborgenheit nicht heraus gingen. Die weite Welt war auch weit weg,“[3] so traf dies nur in begrenztem Maße zu, denn in der vorindustriellen Phase mussten viele Schaumburg-Lippe als Wanderarbeit nach Holland gehen, später als Heringsfänger zur See fahren; Glasmacher kamen aus vielen Gegenden Deutschlands und Europas hierher, Bauarbeiter mussten ohnehin wandern. Zugleich aber wanderten viele Schaumburger aus: nach Amerika und später in die deutschen Industriereviere. Allerdings gab es zum Schaumburger Bergbau offenbar kaum Zuwanderung. Dennoch sollte man sich die Mobilität der Schaumburger im 19. Jahrhundert nicht zu gering vorstellen.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterbevölkerung waren keineswegs günstig, die Löhne waren niedrig, die Lebenshaltungskosten vor allem nahe den Industriestandorten recht hoch. Bei dem Bergarbeiterstreik von 1872 musste selbst der Landrat in Rinteln zugeben, dass die Bezahlung der Bergleute nicht ausreichend war. Doch danach setzte allmählich eine Besserung ein: Nimmt man die vorliegenden statistischen Daten, so erfreute sich die schnell zunehmende Arbeiterbevölkerung vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eines durchaus erkennbaren bescheidenen Wohlstands, der sich vor allem darauf gründete, dass viele neben ihrer Arbeit Grundbesitzer waren und so die Versorgung mit den Grundnahrungsmitteln keine Ausgaben verursachte. Von „Wohlstand“ kann man allerdings nur dann sprechen, wenn zum Vergleich die Lebensverhältnisse um 1850 herangezogen werden. Im Vergleich zu den heutigen Bedingungen waren der Arbeitsalltag und das häusliche Leben von überaus großer Härte, Anspruchslosigkeit und Armut geprägt. Es gibt bis heute das beliebte Bild von den schaumburg-lippischen „Fürstenkindern“, die sich brav an ihrem Fürsten orientierten, keinen Widerspruchsgeist zeigten und überhaupt glücklich und zufrieden waren. Mit einem solchen Bild ist aber kaum in Einklang zu bringen, dass Arbeitsniederlegungen oder Streiks auch in Schaumburg und besonders in Schaumburg-Lippe beinahe zum Alltag gehörten. In zwei großen Streikaktionen, 1872 und 1912, wehrten sich zum Beispiel die Bergleute gegen schlechte Bezahlung und herablassende, bevormundende Behandlung seitens der Vorgesetzten. Im benachbarten Schaumburger Ort Obernkirchener kämpften Glasmacher gar ein ganzes Jahr für bessere Rechte in ihren Betrieben. Das war nur möglich, weil die gewerkschaftliche Bewegung in Schaumburg seit den 1890er Jahren systematisch ausgebaut wurde und ihr ein großer Teil vor allem der Fabrikarbeiter und der Bergleute beitrat. So ist es auch kein Wunder, wenn schon 1912 die SPD auch in Schaumburg-Lippe zur größten Partei wurde. Das Bild von den „Fürstenkindern“ suggeriert nicht nur, dass die bodenständigen Bergleute keinerlei radikalen Ansichten zuneigten, sondern auch, dass sie sich patriarchalischer Fürsorge seitens ihres Landesherrn erfreuten. Es gibt in der Tat Belege dafür, dass etwa die polizeilicher Überwachung gewerkschaftlicher Aktivitäten in Schaumburg-Lippe geringer war als in der (seit 1866 preußischen) Grafschaft Schaumburg. Das zurückhaltende Verhalten der schaumburg-lippischen Sozialdemokraten während der Novemberrevolution 1918, als sie erst auf Drängen der Genossen aus Bielefeld den Fürsten zur Absetzung drängten, bestätigt dies Bild ebenfalls. Dennoch sollte die Kritikfähigkeit schaumburg-lippischer Arbeiter nicht unterschätzt werden. Die Entlassung mehrerer hundert streikender Bergarbeiter 1912, die anschließend vor allem im Ruhrgebiet neue Arbeit suchen mussten, blieb noch lange in der Erinnerung hiesiger Arbeiter.

In der Weimarer Republik wurde der Kleinstaat zu einer Hochburg der Arbeiterbewegung. In Schaumburg-Lippe sowie im benachbarten Obernkirchen einschließlich der Nachbardörfer Liekwegen, Röhrkasten und Krainhagen sowie im Wesertal konnten sich die SPD und die KPD etablieren. Insbesondere die jüngeren Sozialdemokraten drängten auf eine aktive Auseinandersetzung mit den Rechtsparteien. Einige der damals führenden Männer blieben bis weit in die Bundesrepublik angesehene Politiker in Schaumburg-Lippe, wobei neben dem älteren Heinrich Lorenz besonders Erwin Loitsch von der SPD, Karl Meier und Karl Abel (zeitweilig niedersächsischer Minister) von der KPD erwähnt werden müssen. Sie alle fühlten sich nicht als Fürstenkinder, sondern entwickelten ihre eigene Identität aus der Situation und den Lebensbedingungen einer Arbeiterbevölkerung, die sich innerhalb ihrer Betriebe gegen Vorgesetzte und an ihren Wohnorten gegen die bäuerliche Bevölkerung zu behaupten hatten. Es war auch diesmal keine Arbeiteridylle, sondern es waren harte, dabei oft dürftige Lebensbedingungen, die diese Generation prägten, und die sie in ihrem politischen Handeln beeinflusste. Das zeigte sich erst recht am Ende der Weimarer Republik, als auch hier die Arbeitslosenzahlen schnell anstiegen, nachdem etwa der Bergbau seine Produktion drosselte und in Stadthagen die Oldenburgische Glashütte schließen musste. Schaumburgische Sozialdemokraten blieben konsequente Gegner der NSDAP bis 1933, was sich auch darin zeigt, dass Schaumburg-Lippe noch im Frühjahr 1933 zu den wenigen Ländern des Deutschen Reiches gehörte, die noch eine demokratische parlamentarische Mehrheit aufzuweisen hatte. Während das Bürgertum auch hier in Schaumburg bereitwillig zu den Nazis überlief, bröckelte der Wählerstamm der SPD und der KPD nur sehr langsam.

Mit dem Wiederaufbau nach 1945 und dem Wirtschaftswunder seit den 50er Jahren verlieren diese Erfahrungen offenkundig an Bedeutung. Die Generation derjenigen, die sowohl die Erfahrung von Armut und Ärmlichkeit, von Unterdrückung und Widerstand gemacht hat, ist inzwischen ausgestorben. Die Erfahrung jahrzehntelangen Wohlstands scheint die Bereitschaft, sich dieser Geschichte unseres Volkes zuzuwenden, noch weiter schwinden zu lassen. Dabei sind es die Stätten der Arbeit und die Arbeiter, die Schaumburg in den letzten 100 Jahren geprägt haben.

Quellen

  1. Bei den Bundestagswahlen 2005 erreichte die SPD 51,62 % der Erststimmen, die CDU 36,8 %; bei den Zweitstimmen betrugen die Werte: 46,96 % zu 32,52 %; <http://www.schaumburg.de/page.php?page_ID=427> (26.11.05).
  2. Das folgende weitgehend nach: Schneider, Karl H., Schaumburg in der Industrialisierung. Teil 1. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Reichsgründung. Teil 2. Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg. Melle 1994/1995.
  3. Www.schaumburgerlandschaft.de



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