Fastnachtsverbote um 1700

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1592 – 1734

Werner Trolp

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Wenn alljährlich in Niedersachsen ansässige Karnevalsgesellschaften Rosenmontagszüge und Prunksitzungen veranstalten, stellt sich manchen die Frage, ob dies „närrische Treiben“ Wurzeln im heimischen Brauchtum hat oder nur Import aus dem Rheinland ist. Eine Antwort findet sich in der Dissertation von Ingeborg Böhnke über das „Fastnachtsbrauchtum im niederdeutschen Raum bis zur Aufklärung“. Dieser ausführliche Forschungsbemühung vertritt die Auffassung, „dass der niederdeutsche Raum keineswegs ärmer an den verschiedenartigsten Ausformungen des Fastnachtsbrauchtum ist als das übrige Deutschland“.[1] In Nordwestdeutschland habe über lange Zeit sein sehr lebendiges und vielfältiges Maskentreiben geherrscht. Wenn auch im städtischen Festbrauchtum und in den Residenzen[2] mit Wechselbeziehungen zu anderen Regionen zu rechnen ist, ist für Ingeborg Böhnke erwiesen, dass das Maskenbrauchtum im niederdeutschen Raum heimisch war.

Dieses Brauchtum geriet im Lauf der Zeit in Gegensatz zu den Vorstellungen der Obrigkeit. Städtische und der fürstliche Herrschaften versuchten seit dem 14. Jahrhundert, zunächst eine Einschränkung zu erreichen; später wurden diesen Bräuche gänzlich verboten. Unter dem Einfluss der Reformation ließ das Treiben nicht spürbar nach. Allerdings wurden die Verbote nun mit anderen Argumenten begründet. Die ersten Verordnungen richteten sich auf die Bewahrung der öffentlichen Sicherheit und wollten besonders die „Vollsäuferei“ unterbinden. Ebenso sollte durch das Verbot von Masken u. a. ein Eindringen von Verbrechern verhindert werden. Nach der Reformation wurden die Fastnachtsitten insgesamt als Überbleibsel aus päpstlicher oder heidnischer Zeit und somit als unvereinbar für rechte Christen bezeichnet. Das energische Eingreifen der Obrigkeit gelang aber erst in der Aufklärungszeit, was nicht verhindern konnte, dass sich derartiges Brauchtum in Einzelfällen[3] bis in die Gegenwart erhalten hat. Die Arbeit von Ingeborg Böhnke bringt eine Fülle von Belegen. Darunter ist eine Fastnachtsordnung aus Celle vom Jahre 1567. Ausgehend von dieser Verordnung soll nun im folgenden in Verbindung mit den im Hauptstaatsarchiv erhaltenen Verboten gezeigt werden, auf welche Weise das Fürstentum Celle den Auswüchsen der Fastnacht begegnet ist. Versuche der Obrigkeit, den Fastelabend zu verbieten

Verordnung zur Reglementierung

In dieser Verordnung von 1567 Fastnachtsordnung 1567 erlässt die Obrigkeit genaue Vorschriften für den Fastelabend, um zu erreichen, dass „Zucht und Ehrbarkeit bei der Freude“ sei. Zunächst wird den Männern verboten, nur in Hosen und Wams zu tanzen. Röcke oder Mäntel sind während des Tanzes zu tragen. Das Tanzen selbst soll „züchtig“ geschehen, die Frauen dürfen nicht ungebührlich „verdreht“, also nicht übermäßig im Kreis herumgedreht oder gar umgeworfen werden. Eine weitere Auflage bestimmt, dass nur in den jeweiligen Nachbarschaften der Stadt getanzt werden darf. Mit Nachbarschaften sind genau festgelegte Teile der Stadtviertel gemeint. Trotz dieser Einschränkungen ist Mummenschanz (Maskeraden) nicht verboten. Er ist allerdings wie der Tanz nur innerhalb der eigenen Nachbarschaft erlaubt. Bei Verstößen ist ein Gulden Strafe an den Fürsten und drei Groschen an die Nachbarschaft zu zahlen, ersatzweise ein Tag und eine Nacht Gefängnis. Wenn die Nachbarschaften nachsichtig über derartige Zuwiderhandlung hinwegsehen, müssen sie den Strafgulden selbst an den Fürsten entrichten. Schließlich wird das Feiern in den Häusern begrenzt: Abends um 6 Uhr sind die Nachbarn „auszukündigen“, d. h. sie haben das Haus zu verlassen. Es darf auch kein Bier mehr für sie gezapft werden.

Bei dieser bis in Einzelheiten gehenden Verordnung ist nicht zu erkennen, wie sie der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Die zeitlich nächste Quelle ist gerade hierfür ein Beleg. Spätere Verordnungen haben die Abkündigung von den Kanzeln veranlasst. Den Wortlaut einer solchen Abkündigung hat sich im Hauptstaatsarchiv aus dem Jahre 1592 erhalten:

Abkündigungstext aus dem Kirchspiel Groß-Hehlen aus dem Jahre 1592

Bei diesem Text Groß Hehlen 1592 fällt zunächst die Sprache auf, in der er verfaßt ist: Niederdeutsch! Dies wird z. B. im Gebrauch von „ji (gi)“ und „jue“ anstelle von „Ihr“ und „Euch“ deutlich. In dieser für die Bewohner des Kirchspiels von Groß-Hehlen (Verweis auf die Karte von Mellinger) vertrauten Sprache wird das Verbot des „Vastelabend“ mit ausführlicher Begründung vorgetragen.

Am Beginn steht die bisherige Erlaubnis, am Fastelabend nach altem Brauch und Herkommen, „etlich“ Bier aufzulegen und den „Fastelabend zuhalten“. Dann wird auf den Tod des Landesherrn[4] hingewiesen, über den das ganze Land berechtigterweise trauere. Der Herzog solle ein christliches Mitleid in Anbetracht der von ihm vielfältig erwiesenen Wohltaten, derer die Landeskinder nun beraubt seien, erfahren.

Dann wird der Fastelabend als unordentlich [5], unchristlich und teuflisch bezeichnet und es werden die Folgen des „Dull- und Fullsupens“ herausgestellt: Sünde, Schande, Totschlag. Darüber hinaus wird aber Gott zu Ungnade und Strafe veranlasst. Als Beleg hierfür werden die Worte Christi im Lukasevangelium8 und eine Warnung des Apostels Paulus[6] angeführt.

Schließlich sei es die Pflicht der Obrigkeit, solch‘ sündiges und „unordentliches“ Leben zu verbieten, damit man sich der Seligkeit nicht selbst beraube und Lebensunterhalt („naringe“) und Wohlfahrt erhalten bleiben möge.

Aus diesem Grund hat der regierende Herzog[7] den Fastelabend verboten. Das Verbot umfasst auch das Auflegen des Biers und Umzüge mit Trommeln und Pfeifen. Die Gemeinde wird dazu in dieser „gefährlichen Zeit“[8] zu Buße und Bekehrung ermahnt. Ein jeder solle ein stilles, nüchternes Leben führen und seinen Beruf mit Fleiß wahrnehmen „zum Besten seiner Arbeit und Nahrung“. Durch ein solches Verhalten werde ernstliche Strafe vermieden.

Der Text bringt in seinem Schlussteil eine Begründung und eine Bekräftigung:

Diese Anordnungen sind ausnahmslos zu befolgen, um Schaden zu verhüten.

Der Burgschließer Niclas Freitag[9] hat diese Bekanntmachung befehlsgemäß und aus eigener Überzeugung nicht unterlassen hat.

Im letzten Satz wird die Zuversicht ausgedrückt, dass die gehorsamen Untertanen wissen, wie sie sich nach schuldiger Gebühr zu verhalten haben. Von diesem moralisch und theologisch begründeten Verbot unterscheidet sich die nächste Quelle wesentlich. Es ist ein eigenhändig vom Herzog unterzeichnetes Schreiben an den Burgschließer zu Celle:

Schreiben an der Burgschließer zu Celle vom 25. November 1616 Schreiben 1616

Mehrere Monate vor der Fastnacht wird dem Burgschließer zu Celle (wie allen anderen im Fürstentum) auf Hochdeutsch vom Landesherrn persönlich befohlen, das Halten des Fastelabend aus Sorge um die Lebensmittelvorräte zu unterbinden. Ebenso soll er das Schlagen von Fastnachtsbäumen verhindern.

Der Fastnachtsbaum wurde in den bisherigen Verboten nicht erwähnt. Aus dem Text geht nicht unmittelbar hervor, welchen Zweck ein Fastnachtsbaum erfüllt. Ingeborg Böhnke erwähnt den Brauch, die Häuser zu Fastnachtszeit mit Tannengrün zu schmücken. Nach Kurt Mantel[10] durften die Frauen eines Dorfes den schönsten Baum fällen und vom Erlös eine Feier ausrichten. Möglicherweise handelt es sich hier jedoch um einen bisher unbekannten anderen Brauch. Der Herzog gibt als Begründung an, daß seine Holzungen verschont und unverwüstet bleiben sollen. Er will hier also größere Schäden verhüten. Eine weitere bisher nicht so ausführlich gehaltene Begründung sieht er in der Sorge um die Vorräte seiner Untertanen. Damit diese auch weiterhin zur „rechten Zeit“ ausreichen, soll die Verschwendung durch das Halten des Fastelabend unterbunden werden. Diese Verbote sollen von den Kanzeln abgekündigt werden und die Befolgung soll vom Burgschließer mit „allem Ernst“ überwacht werden. Bei Bedarf ist mit gebührender Strafe einzuschreiten und an den Herzog Bericht zu erstatten.

Auch dieses Schreiben hatte keinen dauerhaften Erfolg. Wenige Wochen vor der Fastnacht 1618 erfolgte ein Hinweis auf das bestehende Verbot:

==Schreiben an den Burgschließer vom 3. Februar 1618== Schreiben 1618

Hier wird der Burgschließer aufgefordert, Vorkehrung zutreffen, daß kein Fastelabend gehalten wird. Zuwiderhandelnde sind unnachsichtig zu bestrafen. Als Begründung werden die aus der Fastelzeit entstehenden „allerley unordnungen“ angeführt. Aber auch dieses Verbot hatte keine dauerhafte Wirkung. Ein Beleg hierfür ist aus dem Jahr 1705 erhalten:

Schreiben an den Hofamtmann in Celle vom 5.2.1705 Schreiben 1705

Die Obrigkeit stellt immer noch Fastnachtsspiele in den Vorstädten fest. Sie erwähnt die Verkleidung der Weibsleute. Der Mummenschanz aus der Fastnachtsordnung von 1567 hat folglich überlebt. Diese aus dem nach der Meinung der Obrigkeit aus dem Heidentum herrührenden Possen sowie die Freß- und Saufgelage sollen nun abgestellt werden. Ausdrücklich wird beanstandet, daß diese „bis in die nacht continuiret werden“. Dies war bereits in der Fastnachtsordnung von 1567 untersagt worden. Neu ist der Hinweis auf liederliches Gesindel, das sich verkleidet. Damit ist wohl die Annahme verbunden, daß sich diese Personen unerkannt unter die Feiernden mischen und eine Gefahr für die öffentlich Ordnung darstellen. Als besonderes Ärgernis wird erwähnt, daß sich eine Frau an den Feiern beteiligt, die Geld aus dem Armenkasten bezieht. Zur Durchsetzung des Verbot hat der Hofamtmann Zuwiderhandelnde ins Gefängnis zu bringen und der Regierung Meldung zu erstatten.

Verordnung vom 17.12.1734

Mit den bisher dargestellten Verboten wurden nur Bräuche zum Fastelabend behandelt. Insgesamt gab es, wie eine Verordnung aus dem Jahre 1734 zeigt, weitere Gelegenheiten zu ausgelassenen Feiern, die von der Obrigkeit beanstandet wurden. Die im Text erwähnten Pfingstgelage bzw. das Pfingstbier waren eine Verlagerung von Fastnachtsbräuchen in die Pfingstzeit[11]. Als Begründung des Mißfallens nennt der Text, daß „solche und dergleichen abergläubische, theils Päbstliche, theils Heydnische Mißbräuche Unserer Kirchen- und Sabbats-Ordnung zuwider lauffen, und zu vielen Aergernissen, Unordnungen und Excessen Anlaß geben“. Hiergegen wird mit „landesherrlicher Macht“ eingeschritten. Die erwähnten und auch ähnliche, nicht ausdrücklich genannte Bräuche sollen ebenfalls verboten werden. Verstöße sollen mit Strafen von zwei oder mehr Reichstalern und sogar mit Gefängnis bei Wasser und Brot geahndet werden. Nach diesem umfassenden Verbot und Strafandrohung stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit.

Schlußgedanke

Mit den dargestellten Maßnahmen versuchte die Obrigkeit, anfangs durch Reglementierung und später Unterdrückung, der Fastnachtsbräuche zu erreichen, um „Unordnungen“ (Ausschweifungen) zu verhindern. Auch wenn nach 1734 vom Verfasser bisher keine weiteren Verordnungen gefunden wurden, bedeutet das kein Ende der Fastnachtsbräuche. Ingeborg Böhnke führt aus, daß diese erst mit dem Vordringen der Aufklärung verschwunden seien.[12] Dies gilt allerdings nur allgemein. In verschiedenen Orten Niedersachsens haben sich einzelne Bräuche bis in die Gegenwart erhalten.[13] So hat das Brauchtum zur Fastnachtszeit also auch in Niedersachsen alte und langlebige Wurzeln. Damit ist der eine Teil der eingangs gestellten Frage beantwortet. Für den mit „Import“ bezeichneten Teil muss kurz auf die Entwicklung im Rheinland eingegangen werden.

Die katholischen, geistlichen Landesherren sind nicht allgemein gegen die ebenfalls ausschweifenden Bräuche vorgegangen. Auch in der französischen Zeit wurden sie nicht unterbunden, wie ein drastischer Bericht aus den Jahren 1801/1802 zeigt. Erst unter preußischer Herrschaft sollte sich dies ändern. Die neue Obrigkeit versuchte, das Treiben zu beenden, in dem sie auch eine politische Gefahr sah. Parallel dazu reformierte eine akademisch gebildete Elite den Karneval, um ihn zu erhalten. Diese Reform von 1823 wandelte den bisherigen Karneval in ein organisiertes Fest unter verantwortlicher Leitung, das neben der Unterhaltung auch ein Ventil zu Kritik an öffentlichen Verhältnissen enthielt. Allmählich erkannte die preußische Regierung ihre durchaus vorhandenen Kontrollmöglichkeiten und billigte die Entwicklung. So entstand der „rheinische Karneval“.[14]

Diese (reformierte) Form wurde vereinzelt in andere Regionen Deutschlands übertragen. In Celle wurde z. B. 1926 eine „Rheinische Gesellschaft“ gegründet. Sie und ähnliche Vereinigungen können also nach den Ergebnissen dieser Ausarbeitung als „Import“ bezeichnet werden. Der Import wurde allerdings in eine Gegend eingebracht, in der jahrhundertelang zur Fastnachtszeit fröhliche, ausgelassene Feiern üblich waren.


Belege

  1. Böhnke, S. 2.
  2. Zitat aus Zedlers Unversalllexikon, Bd. 5 Spalte 898: „Zu Ausgange des 17. Seculi hat man auch an unterschiedenen Protestantischen Höfen die Carnevals-Lustbarkeiten aufgebracht. Sonderlich ist das Carneval zu Hannover, bey Lebzeiten des Chur-Fürsten Ernesti Augusti, in grossem Ruff gewesen.“
  3. Hinweis von Herrn Eberhardt Ebeling aus Ingeln-Össelse (im Großraum Hannover): Auch in der Gegenwart ziehen noch die jungen Burschen am Sonnabend vor der Fastnacht lärmend durch den Ort.
  4. Wilhelm der Jüngere, *1535, Regierungsantritt 1559, † 20. August 1592
  5. Hinweis auf Zedlers Definition „unordentlich“ (Bd. 49, Spalte 1911): „weil der Mensch in die größte Unordnung geräth, wenn er dem Sauffen nachgeht, sondern auch den Verlust seiner Gesundheit, Ehre, Vermögens, Gewissen und Seele darüber sich zuzieht“
  6. Lukas 21,34
  7. Herzog Ernst II. 1564-1611
  8. Unklar bleibt, ob damit die damalige Gegenwart oder die Fastenzeit gemeint ist.
  9. Burgschließer = unterste Ebene der fürstlichen Verwaltung. Nicolaus Freitag wird bei Ohe S. 210 und S. 245 mit dem Hinweis „1582“ erwähnt.
  10. Mantel, S. 118.
  11. Böhnke, S. 97, 240.
  12. Böhnke, S. 148.
  13. Böhnke, S. 80.
  14. Müller, S. 207-223


Literaturverzeichnis

Andree, Richard: Braunschweigische Volkskunde, Braunschweig 1901

Böhnke, Ingeborg: Das Fastnachtsbrauchtum im niederdeutschen Raum bis zur Aufklärung, Dissertation Philosophische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1965

Eckart, Rudolf: Aus dem alten Niedersachsen. Bd. 1-3 Bremen 1907, Bd. 4 Bremen 1909

Hucker, Bernd Ulrich; Ernst Schubert und Bernd Weisbrod (Hg.): Niedersächsische Geschichte, Göttingen 1997

Mantel, Kurt: Wald und Forst in der Geschichte: ein Lehr- und Handbuch, Alfeld Hannover 1990

Müller, Michael: Karneval als Politikum. Verhältnis zwischen Preußen und dem Rheinland im 19. Jh., in: Kurt Düwell und Wolfgang Köllmann (Hg.): Von der Entstehung der Provinzen bis zur Reichsgründung, Rheinland-Westfalen im Industriezeitalter Band 1, Wuppertal, S. 207-233.

Ohe, Hans Joachim von der: Die Zentral- und Hofverwaltung des Fürstentums Lüneburg (Celle) und ihre Beamten 1520-1648, Celle 1955

Schoof, Friedrich Wilhelm: Der Glaube und das tägliche Brot. Pastoren und ihre Gemeinde (Groß Hehlen) im Spiegel von fünf Jahrhunderten, Celle 1991

Zedler, Johann Heinrich: Großes vollständiges Universal-Lexikon, 2., vollständiger photomechanischer Nachdruck der Ausgabe Halle u. Leipzig 1732 - 1754, Graz 1993


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