Gnade vor Recht

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Inhaltsverzeichnis

„Gnade vor Recht“

Ein Blick auf die Wirkungsintensität von Gesetzen und die Handlungsmöglichkeiten von Untertanen im frühneuzeitlichen Rechtssystem anhand von Quellenbeispielen aus der Regierungszeit des Celler Herzogs Georg Wilhelm

Christiane Müller

Zum Umgang mit Gesetzestexten als historischem Quellenmaterial

Die Gesetzgebung der Frühen Neuzeit mit ihren zahlreichen Policeyordnungen wird häufig als zentrales Kennzeichen des modernen Staates angesehen.[1] Nicht selten wird bei dieser Einschätzung der moderne Gesetzesbegriff zugrunde gelegt. Allerdings existiert die allgemeine und gleichförmige Geltung von Gesetzen, wie wir sie aus der heutigen Zeit kennen, erst seit dem 19. Jh.[2] Das frühneuzeitliche Rechtssystem war eher von Partialität und Selektivität geprägt.[3] Die Frage, ob die proklamierten Gesetze und Normen der Frühen Neuzeit die historische gesellschaftliche Realität widerspiegeln, lässt sich nur erforschen, wenn neben den Gesetzestexten auch das darauf bezogene Verhalten der Untertanen, die häufig Gegenstand der Gesetzgebung waren, mit einbezogen wird. Eine sinnvolle Vorgehensweise wäre, möglichst viele verschiedene Quellengattungen miteinander „ins Gespräch“ zu bringen, um annähernd einen Eindruck der komplexen historischen gesellschaftlichen Realität zu erhalten. Nun ist es nicht immer einfach, häufig sogar völlig aussichtslos, Quellen aller Gesellschaftsgruppen zu finden. Ein Großteil der frühneuzeitlichen Bevölkerung konnte weder schreiben noch lesen und somit keine eigenen schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Dennoch findet man in den Akten Quellen, anhand derer Agitationsmöglichkeiten von Untertanen im frühneuzeitlichen Rechtssystem erkennbar sind. Supplikationen[4], Dispensationen[5] oder Visitationsprotokolle[6] sind Quellenarten, die Interessen und Anliegen von Untertanen im Rahmen der Gesetzgebung in der Frühen Neuzeit widerspiegeln. Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden ein exemplarischer, regional begrenzter Blick auf den Handlungsspielraum von Untertanen im frühneuzeitlichen Gesetzgebungssystem geworfen werden. Wie ging die Bevölkerung in der Frühen Neuzeit mit Gesetzen um, die nicht in ihrem Interesse ergingen oder die sie aus bestimmten Gründen nicht einhalten konnten? Hatten Untertanen die Möglichkeit, sich zu wehren, wenn sie meinten, ungerecht behandelt worden zu sein? Kann man überhaupt davon ausgehen, dass die gesamte Bevölkerung den Inhalt der Gesetzestexte bzw. die Ge- und Verbote kannte, wo doch in der Frühen Neuzeit Analphabetismus in ärmeren Gesellschaftsgruppen weit verbreitet war? Und wie war der Status der Amtmänner in den lokalen Verwaltungseinheiten zu bewerten, die als Zwischeninstanz zwischen Obrigkeit und Untertan agieren mussten? Wie war für sie die Rolle des Herrschaftsadressaten und Herrschaftsträgers zu vereinen? Anhand von Quellen aus dem Raum Celle soll diesen exemplarischen Fragen nachgegangen werden und die historische Realität der Gesetzgebungspraxis und der Umgang der Bevölkerung damit erhellt werden. Dabei geht es hier weniger um die Publikationspraxis, Form und Sprache der Quellen, als um Reaktionen einzelner Untertanen auf die Gesetzgebung, ihre Gründe dafür und ihre Vorgehensweisen. Aufgrund des kleinen Rahmens dieser Untersuchung kann dabei nur fragmentarisch vorgegangen werden. Die Quellen stammen aus der Zeit um 1700, also aus der Regierungszeit des Celler Herzogs Georg Wilhelm. Als Quellen werden zwei verschiedene Quellengattungen verwendet: Amtsanweisungen[7]- und Edikte bzw. Verordnungen[8] (im folgenden wird zusammenfassend und vereinfachend der Begriff Verordnung verwendet) sowie Beschwerdebriefe bzw. Bittgesuche (hier unter dem Begriff der Supplikation zusammengefasst) benutzt: Die Amtsanweisungen, Edicte, Verordnungen wurden von der Obrigkeit, in diesem Fall also von Georg Wilhelm und seiner Regierung bzw. seinen Räten verfasst. Die schriftlich fixierten Anweisungen oder Verordnungen erhielten dann die Amtsleute der lokalen Verwaltungseinheiten. Sie mussten nach angeordneter Art und Weise die Gesetze proklamieren und Anweisungen ausführen. Als Quellenbeispiel wird eine Amtsanweisung an den Amtmann von Eicklingen aus dem Jahr 1700 herangezogen, in der es um die Rekrutierung von Soldaten geht. Als weitere Quellen werden Supplikationen verwendet. Sie wurden von der Bevölkerung verfasst. Nicht selten wurde das Anliegen einem Amtsschreiber diktiert, wenn der Supplikant nicht selbst schreiben konnte. Als Quellenbeispiel wird ein Antwortentwurf der Celler Kanzlei aus dem Jahre 1703 verwendet, der offensichtlich als Reaktion auf eine Beschwerde eines Untertanen anzusehen ist. Beschwert wurde sich über einen Amtmann, der mit Mitteln des Freiheitsentzuges, eine Rekrutierung durchzusetzen versuchte. Die Supplikationen waren Reaktionen der Untertanen auf Gesetze und Anordnungen und bilden somit wertvolle Quellen hinsichtlich der Frage nach den Handlungsmöglichkeiten von Untertanen im frühneuzeitlichen Rechtssystem.

Inhalte der Amtsanweisungen/Verordnungen und Supplikationen

In den Verordnungstexten bzw. Amtsanordnungen, die hier als Quellenauswahl zugrunde gelegt werden, geht es um einzelne, ganz konkrete und teils saisonale Sachverhalte oder aber Änderungen bestehender Policeyordnungen. In der kleinen Auswahl der für diese Arbeit durchgesehenen Verordnungen befinden sich Quellen zu folgenden Themen: Brauwesen, Getreidehandel, Steuern, Münzwesen, Pferdehandel, Handwerkerverordnung, Reglementierungen für Beamte, Rekrutierungen für den Kriegsdienst.[9] Die schriftlich fixierten Verordnungen erhielten in der Regel die Amtsvögte der lokalen Verwaltungseinheiten mit einem Anschreiben, welches festlegte, wie der Gesetzestext proklamiert werden sollte oder wie der angeordnete Auftrag ausgeführt werden sollte. Diese Amtsanordnungen betrauten die Amtsleute häufig mit einem konkreten Auftrag beispielsweise, wie im später folgenden Quellenbeispiel, mit der Erfassung von Soldaten. Je nach gegebenem Sachverhalt sollten sie die Untertanen anweisen oder ihnen Nachricht geben.[10] Üblich war es auch, Verordnungen an Wirtshaustüren anzuschlagen oder sie von der Kirchenkanzel verlesen zu lassen, damit sich niemand durch Unwissenheit entschuldigen konnte. Da die lokalen Amtsträger gleichzeitig Herrschaftsträger und Herrschaftsadressaten waren, hatten sie nicht selten einen schwierigen Status inne, insbesondere dann, wenn Interessenunterschiede zwischen der landesherrlichen Gesetzgebung und den Untertanen bestanden. In Form von Supplikationen oder bei den regelmäßig stattfindenden Visitationen hatte die Bevölkerung die Möglichkeit, direkt auf die Gesetzgebung zu reagieren. Untertanen baten auf diesem Wege um Straferlass, Steuererlass, Ausnahmeregelungen bezüglich bestimmter Gesetze oder sie beschwerten sich über Missstände jeglicher Art, auch mal über ihren Amtmann oder aber über andere Ungerechtigkeiten. Holenstein beschreibt das Supplizieren als „systemadäquates Verhalten“, denn die landesherrliche Gnadengewalt fand noch in der Frühen Neuzeit ein großes Wirkungsfeld.[11] So waren die Gesetzgebungs- und Gnadengewalt beim Landesherrn vereint.

Quellenbeispiele aus den Ämtern Eicklingen und Ehrenburg

Zur Einordnung der Quellen

Das Herzogtum Celle war zur Regierungszeit Georg Wilhelms und seiner Vorgänger in eine komplexe Bündnispolitik involviert.[12] Um 1700 herrschten in Europa u.a. der Nordische Krieg (1700-1720) und der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714), beide Auseinandersetzungen bedeuteten für das Herzogtum Celle, Bündnispartner zu unterstützen und Truppen zu entsenden bzw. das eigene Heer und die eigenen Grenzen zu stärken. Aus dieser Zeit stammen sehr viele Kontributionserhebungen sowie Verordnungen und Anweisungen, die der Rekrutierung von Soldaten dienen sollten und den Einzug von Pferden und Knechten veranlassten.[13]

Die Amtsanweisung / Verordnung

In einer Amtsanweisung vom 16. März 1700, die zur Rekrutierung von Soldaten[14] dienen sollte, wird der Amtmann von Eicklingen angewiesen, „abgedanckte oder mit einem Lauff=Paß“[15] versehene Soldaten zu erfassen: „Ihr wollet Euch desen genau erkundigen / und fals sich einige daselbst auffhalten sollten / dieselbe vor Euch kommen lassen / und von ihnen vernehmen / unter was Regiment und wie lange sie gedienet? Ob Sie beweibet oder noch ledige Kerls seyn / ob Sie blessiret oder sonsten Schaden im kriege bekommen; Und da noch einige unter ihenen verhanden seyn sollten / welche keine Höfe angenommen / und also in Krieges=Diensten gebrauchet werden könnten / deren Namen / an was Ort und bey wem sie sich auffhalten / specificiren / und mit dem fordersamsten anhero einsenden...“[16] Die Aufgabe des Eicklinger Amtmannes war eine Bestandsaufnahme der sich in seinem Amt aufhaltenden geeigneten Soldaten. Wie der Amtmann von Eicklingen im einzelnen vorgegangen ist, um seinen Auftrag zu erfüllen, lässt sich nicht genau ermitteln. Ob er die Rekrutierfähigen so einfach „vor sich kommen lassen konnte“, wie es in der Quelle heißt? Vielleicht musste er aber auch mit seinen Bediensteten von Haus zu Haus gehen, um herauszufinden, wo sich ehemalige Soldaten aufhielten. Möglicherweise sprach es sich in kleineren Gemeinden auch herum, wer Soldat war oder wer einen abgedankten Soldaten beherbergte. Denkbar wäre auch, dass sich einige ehemalige Soldaten aufgrund ihrer Lebensumstände freiwillig wieder zum Kriegsdienst meldeten, um Geld zu verdienen. Fest steht allerdings, dass nicht alle Soldaten diesem Aufruf ohne Widerstand folgten. Und wie wird der Amtmann mit Soldaten verfahren haben, die sich weigerten, sich wieder zum Kriegsdienst zu melden, die nicht mehr als Söldner in den Krieg ziehen wollten?

Die Supplikation (bzw. in diesem Fall das Antwortschreiben darauf)

Der Amtmann von Ehrenburg zumindest schien um 1703 in einem ähnlichen Fall drastisch vorgegangen zu sein. Aufgrund einer Beschwerde des Johann Rodenburg gegen den Amtmann von Ehrenburg zeigt sich, dass dieser Rodenburgs Stiefsohn, Johan Strahmann zum Kriegsdienst zwingen wollte und dieses sogar mit Mitteln des Freiheitsentzuges seiner Angehörigen durchzusetzen versuchte. Aus einem Antwortentwurf der Celler Kanzlei[17] geht hervor, dass sich Johann Rodenburg vermutlich schriftlich über den Amtmann zu Ehrenburg beschwert haben muss. Folgende Beschwerde über den Amtmann wurde laut: Johann Rodenburg, der Stiefvater des ehemaligen Soldaten, hat sich: „… über Euch beschweret, daß ihr ihn und seine ehefrau aufs ambt citiret, und sie dahin nötigen wollen seinen, respective Stiefs. und wollen, ihren sohn Johan Strahmann, welcher vor einiger Zeit., da er wieder willen unter des Haubtman Donnerbergs compagnie zum Dragoner geworben, auch wieder dimittiret worden, nicht da weniger hin wieder und bey jetztbesagter compagnie zu sistiren und zu stellen, auch gar dieser wegen Supplicantin gedachte ehefrau beym ambt in arrest behalten habt.“[18] Der Stiefvater und die Mutter des zu rekrutierenden Soldaten Strahmann wurden offensichtlich zum Amtmann bestellt und genötigt, ihren Sohn wieder zum Kriegsdienst zu entsenden. Auf eine Beschwerde hin wurde, wie es scheint, die Ehefrau und Mutter in Arrest genommen. (Es ist nicht ganz klar, ob Rodenburgs Ehefrau oder die des Sohnes in Arrest genommen wurde, evtl. als eine Art Pfand, vielleicht war J. Strahman abwesend). Der Amtmann von Ehrenburg hat offenbar seine auferlegte Anweisung der Rekrutierung ernsthaft verfolgt und von der Strafausübung Gebrauch gemacht. Ob der persönliche Arbeitseifer des Amtmannes hier eine Rolle spielte oder ob es üblich war, die Arreststrafe in so einem Fall schnell zu verhängen, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Vielleicht gab es auch Zeiten, in denen ein Soldatenmangel herrschte, vermutlich nach längeren Kriegszeiten. Denkbar wäre es, dass in diesen Zeiten die Amtsleute bei der Rekrutierung von Soldaten drastischer vorgingen. Aus der Quelle geht aber auch hervor, dass Johan Strahmann, der Stiefsohn Johann Rodenburgs, scheinbar schon einmal „wieder willen zum Dragoner“ geworben wurde. Vor diesem Hintergrund erscheint seine offensichtlich erneute Verweigerung nicht ungewöhnlich. Johann Rodenburg, der Stiefvater, war sich über sein Beschwerderecht bewusst und machte Gebrauch davon. Die Unrechtmäßigkeit, die ihm und seiner Frau nach seinem Ermessen widerfahren war, ließ er sich nicht gefallen. Die Angelegenheit geht zugunsten J. Rodenburgs aus:[19] „ihr wollet die arrestatin solchen fals sofort aus der haft erlassen“[20]. Denn: „Wan man den in fall der geklagte arrest aus keiner anderen erheblichen Uhrsache angeleget, auch die Implorante in dasiger Ambt gesessen sein sollen ein folglich man ihrer (bedürftenden?) fals allemahl habhaft werden könnte (…) nicht sie hat wie dieselbe deshalb mit personellen arest beleget werden können.“[21] Da also kein weiterer Inhaftierungsgrund vorlag und die Inhaftierte ortsansässig war, man ihrer im Zweifelsfalle also jederzeit habhaft werden konnte, war der auferlegte Arrest unrechtmäßig. Ob die Angelegenheit Konsequenzen für den Ehrenburger Amtmann hatte, muss unklar bleiben. Ungewiss ist auch, ob Johann Strahmann wieder als Soldat in den Krieg ziehen musste. Deutlich wird aber, dass die Amtsausübung der Amtsleute nicht ohne Widerspruch geduldet wurde und sich die Bevölkerung zur Wehr zu setzten wusste.

Weitere Quellenbeispiele aus dem Raum Celle

In den Celler Akten finden sich einige Beispiele dieser Art: Die Bewohner von Sulingen beispielsweise beschweren sich 1701 über den Amtmann von Ehrenburg, dass dieser an ihren Schweinen und Rindern das Vorkaufsrecht beansprucht hat.[22] Dietrich Meyer, Occulist und Bruchschneider beschwert sich 1697 über den Amtmann Friedrich August zu Ahlden, dass ihm dieser wegen Karten- und Würfelspiels 10 Rtl. Strafe auferlegt hat.[23] 1698 bittet der abgedankte Soldat Johann Philipp Lüders aus Celle um die Erlassung des „Schutzgeldes“.[24] August Warnicke, Bürger und Schlachter aus Celle beschwert sich 1700 über die ihm zugemuteten steuerlichen Abgaben.[25] Auch Handwerker erbitten sich häufig Ausnahmen bezüglich der ergangenen Handwerker- und Marktordnungen.[26] Beispielsweise beschwert sich der Celler Bäcker Heinrich Herbst um 1695 bei Bürgermeister und Rat, dass ihm auf dem Jahrmarkt sein Weißbrot weggenommen und aufs Rathaus gebracht wurde.[27] Hinter allen diesen Beispielen verbirgt sich ein komplexer Verwaltungsvorgang, der die „Aushandlung“ von gesetzlichen Ausnahmeregelungen bzw. die Revidierung eines gesetzlichen Strafvollzuges (wie auch im Quellenbeispiel) beinhalten kann.

Schlussbetrachtung

Die Gesetzgebungspraxis der Frühen Neuzeit mit ihrem erkennbaren partiellen und selektiven Charakter erscheint weniger als eine „Vorform eines Späteren, sondern als etwas Eigenständiges“, den zeitgenössischen Umständen Entsprechendes.[28] Es ist also um so wichtiger, wie bereits einleitend erwähnt, sich vom modernen Gesetzesbegriff zu distanzieren und ihn nicht oder nur bedingt für die Frühe Neuzeit anzuwenden. Vielmehr wurden Gesetze in der Frühen Neuzeit als „verhandelbare und formbare Grundsätze und weniger als absolut zwingende Norm“ aufgefasst.[29] Belegt wird diese These durch die häufigen Gnadengesuche der Untertanen, denen oft stattgegeben wurde (Gnadenautorität des Landesherrn).[30] Die Beispiele zeigen, dass die Untertanen im Rechtssystem der Frühen Neuzeit einen Handlungsspielraum hatten, der nicht unterschätzt werden sollte. Das Supplizieren erwies sich für die Bevölkerung als Instrumentarium, individuelle Rechtsvorstellungen und Interessen zu verfolgen. Die recht große Anzahl der Supplikationen, welche, zumindest für den Raum Celle aus der Frühen Neuzeit in den Akten vorhanden ist,[31] zeigt, dass diese Praxis offenbar ein wichtiger und systemimmanenter Teil des Rechtssystems war. Man könnte Norm und Praxis auch als zirkulären Prozess betrachten, in dem nicht die Befolgung oder Nichtbefolgung von Normen von Interesse ist, sondern der Umgang der Bevölkerung damit.[32] Interessant ist, dass bei Interessenkongruenzen zwischen Obrigkeit und Bevölkerung, wie beispielsweise dem Brandschutz, die Normenbeachtung sehr hoch war,[33] während es bei Divergenzen häufiger zu Supplikationen bzw. Dispensationen kam. „Auf Anordnung der Feuerpolicey wurde wesentlich anders reagiert als auf Anweisungen zur Sperrstunde von Wirtshäusern.“[34] Jedes Gnadengesuch, jede Beschwerde zeugt von der Tatsache, dass ein bestimmtes Ge- oder Verbot von Seiten des Bittstellers zur Kenntnis genommen wurde.[35] Das Wissen von Gesetzesinhalten scheint die Bevölkerung zu einem hohen Grad durchdrungen zu haben. Anhand des Quellenbeispiels wird auch deutlich, dass Untertanen so etwas wie eine Kontrollfunktion über ihren lokal ansässigen Amtmann ausüben konnten und somit als sog. Kontrollinstanz einen einflussreichen Faktor im Rechtssystem der Frühen Neuzeit darstellen konnten. Darüber hinaus müssen nach wie vor viele Detailfragen, beispielsweise über den weiteren Verlauf der Beschwerdeangelegenheit J. Rodenburgs, die Auswirkungen für den Ehrenburger Amtmann oder für J. Strahmann, den unwilligen Soldaten, unbeantwortet bleiben. Waren es im übrigen Untertanen aller Schichten, die als Supplikanten auftraten? Über den Supplikanten Johann Rodenburg aus dem Quellenbeispiel lässt sich leider nicht sagen, aus welchem sozialem Umfeld er stammte. Einige der oben erwähnten Beispiele nennen häufig Handwerker, die sich über Rahmenbedingungen beschweren, welche die Ausübung ihres Handwerks betreffen. Aber auch andere Personengruppen sind in den Quellen zu finden, eine genaue Erfassung dieser muss jedoch einer weiteren Quellenstudie überlassen werden. Auch die Position des Amtmannes scheint eine Schlüsselrolle im frühneuzeitlichen Gesetzgebungsprozess darzustellen und verdient eine detaillierte Betrachtung. Denn von der Bekanntmachung der Gesetze bis hin zur Erkenntniserlangung von Gesetzesübertretungen verkörpert der Amtmann doch den Hauptakteur in der administrativen Handhabung des frühneuzeitlichen Gesetzessystems.

Fußnoten

  1. Vgl. Holenstein, Andre, Die Umstände der Normen – die Normen der Umstände. Policeyordnungen im kommunikativen Handeln von Verwaltung und lokaler Gesellschaft im Ancien Regime. In: Härter, Karl (Hrsg.) Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft. Reihe:IUS COMMUNE, Studien zur Europäischen Rechtsgeschichte, Sonderheft, Bd. 129. Frankfurt/Main 2000.S.1. (Wird weiterhin zitiert: Holenstein) / Schlumboom, Jürgen, Gesetze, die nicht durchgesetzt werden- ein Strukturmerkmal des frühneuzeitlichen Staates? In: Geschichte und Gesellschaft 1997 S.659 (Wird weiterhin zitiert: Schlumbohm).
  2. Holenstein, S.8.
  3. Schlumbohm, S. 660 / Holenstein S.44.
  4. Supplikation = Bittgesuch.
  5. Dispensation = Befreiung von einer Verpflichtung, Ausnahmebewilligung.
  6. Besichtigung, Nachprüfung oder Kontrollbesuch von Delegierten der Regierung (periodisch erfolgend) oder aber auch von kirchlichen Vorgesetzen.
  7. Anweisungen an die Amtsleute, besondere Anliegen der Regierung, regionale oder saisonale Sachverhalte, zu reglementieren.
  8. Edikte und Verordnungen waren Gesetzestexte, die öffentlich, häufig durch Aushang oder Verlesung , proklamiert wurden.
  9. Vgl. Bestand NHStAH/Hann 74 Celle Nr.16.
  10. Bestand NHStAH/Hann 74 Celle Nr.16 (1700-04-27) /(1700-10-06).
  11. Holenstein, S. 45.
  12. Vgl. hierzu die sehr detaillierte historische Darstellung von Wilhelm Havemann, Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg. 3. Band. Göttingen 1857.
  13. Vgl. NHStAH/Hann 74 Celle Nr.16 (1700-04-18), (1700-04-27), (1700-10-6).
  14. Ob in erster Linie ehem. Söldner rekrutiert werden sollten oder aber Wehrfähige aus der Bevölkerung, bleibt unklar. Das hannoversche Heer bestand beispielsweise aus geworbenen Freiwilligen, den Söldnern, eine Dienstpflicht hingegen bestand in der Bevölkerung für den jeweils achten Mann der Wehrfähigen, sie bildeten die sog. Landmiliz. Zum Heerwesen am Beispiel des Kurfürstentums Hannover siehe Schnath, Georg, Geschichte Hannovers im Zeitalter der neunten Kur und der englischen Sukzession 1674-1714. Band 2: 1693-1698. Hannover 1999.
  15. „Briefe oder Schreiben genennet, vermittelst welcher denen beurlaubten Soldaten, als Krafft und vermöge eines glaubwürdigen Attestats von ihren commandirenden Officirern ausdrücklich vergönnet wird, daß sie sich auf eine gewisse Zeitlang von ihren Regimentern oder Compagnien zu entfernen Erlaubniß bekommen.“ J.H. Zedler, Grosses Vollständiges Universal –Lexikon. Bd. 26 , Sp. 1150. Leipzig/Halle 1740.
  16. Ebd. (1700-03-16) (Amtsanweisung vom 16. März 1700).
  17. Leider ohne Expeditionsvermerk.
  18. NHStAH Celle Br. 61a /3617 (Vollständiger Inhalt der Quelle im Anhang).
  19. Wenn man davon ausgehen kann, dass der Entwurf nicht noch einmal geändert wurde.
  20. NHStAH Celle Br 61a /3617.
  21. Ebda.
  22. NHStAH Celle Br 61a /3616.
  23. NHStAH Celle Br 61a /92.
  24. NHStAH Celle Br 61a / 3075.
  25. NHStAH Celle Br 61a / 3080.
  26. NHStAH / Hann 74 Celle 15/ (1695-05-03).
  27. NHStAH Celle Br 61a /3070.
  28. Schlumbohm, S.658.
  29. Holenstein, S. 19.
  30. Holenstein, S. 45.
  31. Auch für den badischen Raum im 18. Jh. kann Holenstein nachweisen, dass Beratungen und Entscheidungen über Supplikationen „...ein quantitativ ins Gewicht fallendes Tätigkeitsfeld...“ von Regierungsbeamten darstellten. Holenstein, S. 11.
  32. Landwehr, Achim, Policey vor Ort. Die Implementation von Policeyordnungen in der ländlichen Gesellschaft der Frühen Neuzeit. In: Härter, Karl (Hrsg.) Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft. Reihe:IUS COMMUNE, Studien zur Europäischen Rechtsgeschichte, Sonderheft, Bd. 129. Frankfurt/Main 2000.S. 50. (Wird weiterhin zitiert: Landwehr)
  33. Landwehr, S. 58.
  34. Landwehr, S. 57.
  35. Holenstein, S. 19.

Literaturliste

Wilhelm Havemann, Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg. 3. Band. Göttingen 1857.

Van den Heuvel, Gerd, Niedersachsen im 17. Jahrhundert (1618-1714). In: Van den Heuvel, Christine / von Boetticher, Manfred (Hrsg.), Geschichte Niedersachsens. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von der Reformation bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Band 3,1. Hannover 1998.

Holenstein, Andre, Die Umstände der Normen – die Normen der Umstände. Policeyordnungen im kommunikativen Handeln von Verwaltung und lokaler Gesellschaft im Ancien Regime. In: Härter, Karl (Hrsg.), Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft. Reihe: IUS COMMUNE, Studien zur Europäischen Rechtsgeschichte, Sonderheft, Bd. 129. Frankfurt/Main 2000.

Landwehr, Achim, Policey vor Ort. Die Implementation von Policeyordnungen in der ländlichen Gesellschaft der Frühen Neuzeit. In: Härter, Karl (Hrsg.) Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft. Reihe: IUS COMMUNE, Studien zur Europäischen Rechtsgeschichte, Sonderheft, Bd. 129. Frankfurt/Main 2000.

Schlumbohm, Jürgen, Gesetze, die nicht durchgesetzt werden – ein Strukturmerkmal des frühneuzeitlichen Staates? In: Geschichte und Gesellschaft 1997, 647-663.

Schnath, Georg, Geschichte Hannovers im Zeitalter der neunten Kur und der englischen Sukzession 1674-1714. Band 2: 1693-1698. Hannover 1999.

Quellen

Amtsanweisung vom 16. März 1700

Antwortentwurf der Celler Kanzlei