Gründung des Deutschen Holzarbeiterverbandes

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Die Gründungsversammlung der Zahlstelle Münder des DHV fand am Sonnabend, dem 22.01.1894 in der Gaststätte Kunrich, in der Osterstraße 5 in Münder statt. Der erste Vorstand setzte sich aus dem Bevollmächtigten, einem zweiten Vorsitzenden, einem Kassierer, einem Schriftführer und drei Revisoren zusammen, auf der Mitgliederliste standen 26 Mitglieder, 24 aus Münder und zwei aus Flegessen, bemerkenswert ist, daß alle Mitglieder in Münder in zusammenhängenden Straßen im Stadtkern wohnten. (s.Anlage). Sechs der Gründungsmitglieder hatten bereits dem Deutschen Tischlerverband angehört, die Mitgliederliste des Deutschen Tischlerverbandes in Münder ist ein Beleg für die hohe Mobilität der Arbeiterschaft in dieser Zeit, die Mehrzahl der Mitglieder stammt nicht aus Münder.

Die Mitgliederversammlungen der Zahlstelle Münder fanden im Untersuchungszeitraum immer in der Gastwirtschaft Osterstr. 5 statt, der Inhaber wechselte aber häufiger. Arbeiterwirtschaften erfüllten im Kaiserreich mehrere Funktionen, sie dienten als Ort der Kommunikation und Entspannung für die Arbeiter, dort waren sie unter sich, sie boten Unterkunft für Reisende und sie dienten als Versammlungsort. Die Inhaber dieser Wirtschaften waren meist selbst ehemalige Arbeiter, denen wegen ihrer gewerkschaftlichen Betätigung gekündigt worden war, da die Gaststätte in der Osterstraße während des durch die Akte dokumentierten Zeitraumes ununterbrochen als Versammlungsort des DHV in Münder diente, ist anzunehmen, daß es sich um eine Arbeiterwirtschaft gehandelt hat, ein weiteres Indiz ist die 1899 dort erfolgte Gründung des Arbeitergesangsvereines “Liedertafel” der Glasmacher.

Die Versammlungen des DHV mußten beim Magistrat nach damaliger Rechtslage spätestens 24 Stunden vorher schriftlich angemeldet werden. Der Magistrat stellte dann die gesetztlich vorgeschriebene Anmeldebescheinigung aus und beauftragte einen Gendarmen, die Versammlung zu überwachen. Dieser hatte dem Magistrat dann schriftlich Bericht zu erstatten. Die Versammlungen in Münder fanden in der Regel alle zwei Wochen, sonnabends um 19.30 Uhr statt. Die Zahl der Anwesenden schwankte zwischen 25 und 80.

Auf der Tagesordnung standen konkrete gewerkschaftliche Fragen, wie z. B. Streiks und Löhne in den Münderschen Möbelfabriken, die allgemeine wirtschaftliche Situation, Vorteile der Gewerkschaftsorganisation und die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Holzindustrie. Zu einzelnen Themen sprachen Referenten des DHV aus Hannover und einmal auch der zweite Vorsitzende des DHV Theodor Leipart aus Stuttgart. Die Versammlungen endeten laut Bericht der Gendarmen fast immer mit der Aufforderung der Gewerkschaft beizutreten, was darauf hinweist, daß auch Nichtmitglieder bei den Versammlungen anwesend waren.

Diese Mitgliederwerbung war auch notwendig, denn auch in Münder war die Mitgliederfluktuation beträchtlich, so waren z. B. von 64 Mitgliedern im April 1906 nur noch 47 im Dezember des selben Jahres noch Mitglied, die Gesamtmitgliederzahl war allerdings vermutlich in Zusammenhang mit einem der ersten Streiks in der Stuhlindustrie im Deister-Süntel-Raum des iulsten, dem Streik für die Durchsetzung eines allgemeines Lohntarifes in der Stuhlfabrik Banneitz & Co. in Springe auf 144 Mitglieder angestiegen. Lediglich zwei der im Dezember 1906 aufgelisteten Mitglieder waren bereits bei der Gründung der Zahlstelle Mitglied geworden: Paul Pollmer und Heinrich Becker, allerdings wird in der Mitgliederliste vom Dezember 1906 bei beiden das Eintrittsdatum 1906 genannt, so daß nicht ganz sicher ist, ob es sich wirklich um dieselben Personen gehandelt hat. Ebenfalls auf der Mitgliederliste aus dem Dezember 1906 findet sich noch der Name Karl Schriber, der ebenso wie Heinrich Becker bereits auf der Mitgliederliste des Deutschen Tischlerverbandes gestanden hatte. Nur eine Frau Minna Wiederholt ist im April und Dezember 1906 als Mitglied aufgeführt, damit liegt der Frauenanteil in Münder unter dem reichsweiten Frauenanteil des DHV (1,6 bzw. 0,69 zu 2,5 % im Reich, allerdings sind Vergleiche wie man unschwer erkennen kann, aufgrund der Mitgliederfluktuation nur sehr schwer zu ziehen).

Da in einem Zeitraum von 13 Jahren nur drei Wahlergebnisse von Vorstandswahlen überliefert sind, können, außer der Tatsache, daß es sich bei den Gewählten immer um andere Personen gehandelt hat, keine Aussagen zur personellen Kontinuität auf Vorstandsebene gemacht werden.


Der DHV in Münder bemühte sich im Jahre 1896 um die Einrichtung einer Herberge, der Gastwirt Kappmeier hatte sich nach langwierigen Verhandlungen bereitgefunden, eine Herberge des DHV zu betreiben. Die Preise für Unterbringung und Verpflegung wurden genau festgelegt, ein fünfköpfiges Kontrollgremium des DHV sollte die Einhaltung überwachen, der DHV bat den Magistrat die Einrichtung der Herberge zu genehmigen, als Grund nannte er die Förderung des Fremdenverkehrs, das dürfte jedoch nicht der tatsächliche Beweggrund des DHV gewesen sein, sondern zum einen hätte er mit einer eigenen Herberge eine im Statut des DHV festgelegte Aufgabe erfüllt, zum anderen hätte eine eigene Herberge auch handfeste Vorteile für den DHV gebracht, z. B. die direkte Kontaktaufnahme mit reisenden Gesellen zum Zweck der Mitglieder werbung und zur Verbreitung von gewerkschaftlichen und politischen Informationen, denn vermutlich wären wandernde Gesellen sehr gern in so einer Herberge abgestiegen, die in der Tradition der Gesellenbruderschaften stand, weil sie dort sicher sein konnten auf Gleichgesinnte zu stoßen. Leider ist nicht bekannt, ob es in Münder zur Einrichtung dieser Herberge gekommen ist.