Historische Anthropologie

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Womit beschäftigt sich die Historische Anthropologie?

Die Historische Anthropologie bildet keine eigene systematische Sparte neben Politik- und Sozialgeschichte, Wirtschafts- und Kulturgeschichte sowie Gender Studies; sie ist eher als Sichtweise denn als Sachgebiet zu verstehen. Politische, soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Phänomene sind ebenso unter einer historisch-anthropologischen Perspektive zu betrachten wie Fragen des Geschlechterverhältnisses oder der Religionsgeschichte. Anders als die traditionelle Politik- oder Sozialgeschichte richtet die Historische Anthropologie ihren Blick nicht auf die Rekonstruktion von Ereignissen, Prozessen oder Strukturen, sondern auf Formen und Bedingungen, unter denen politisches oder soziales und wirtschaftliches Handeln stattfindet. Kleine gesellschaftliche Einheiten (Familien, Dorfgemeinschaften, Korporationen etc.) und ihre Kommunikationsformen sowie einzelne Menschen stehen deshalb vorwiegend im Mittelpunkt des Interesses. Mit dieser Ausrichtung sind auch Themen wie Geburt, Heirat, Alter, Trauer, Schmerz, Gewalt, Tod ins Blickfeld der historischen Betrachtung geraten, die lange Zeit in der Geschichtswissenschaft als a-historische anthropologische Konstanten galten, aber inzwischen als ebenso dem historischen Wandel unterworfen gelten wie politische Verfassungen oder gesellschaftliche Ordnungen. Diese Orientierung auf die Erfassung von kleinen Wirklichkeitszusammenhänge hat daher auch der Untersuchung der individuellen Erfahrung gegenüber der Analyse anonymer Strukturen Priorität eingeräumt. Will man eine präzise Ortbestimmung vornehmen, so läßt sich die Historischen Anthropologie am ehesten im Spannungsfeld zwischen lebensgeschichtlicher Rhythmik und allgemeiner historischer Chronologie, zwischen Struktur und Handlung, Gesellschaft und Individuum ansiedeln. Methodisch ist die Historische Anthropologie zum einen von der neuen Kulturgeschichte beeinflußt, die sich mit Deutungs- und Wahrnehmungsmustern befaßt und der textlichen und semiotischen Dimension von Überlieferungen einen eigenen Wert einräumt. Zum anderen ist sie von den Methoden der Ethnologie und Sozialanthropologie geprägt, die seit dem Beginn der Feldforschung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts immer um die Rekonstruktion eines Mikrokosmos bemüht war und daher geeignet ist, der individuellen Erfahrungen Raum zu gewähren. Historisch-anthropologische Sichtweisen, die zunächst die Untersuchung vormoderner Gesellschaften (Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit) verbreitet waren; haben über die Adaption von Methoden der Oral History auch Eingang in die Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Zeitgeschichte, insbesondere der NS-Forschung gefunden.

Literaturhinweise

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