Historische Geographie

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Von Dr. Balbina Bäbler Nesselrath

Was ist Historische Geographie und womit beschäftigt sie sich?

Die historische Geographie befasst sich mit dem vielfältigen Wechselverhältnis zwischen Mensch und Landschaft in der griechisch-römischen Antike. Im Vordergrund steht eine doppelte Fragestellung: Wie beeinflusst der Faktor Raum das menschliche Leben? Wie prägt der Mensch durch seine Eingriffe in die Umwelt die ihn umgebende Landschaft?

Zudem beschäftigt sich die Historische Geographie mit den geographischen Kenntnissen und Vorstellungen der Griechen und Römer und versucht, die geographischen Verhältnisse der Antike zu rekonstruieren. Letzteres geschieht mithilfe der sog. retrogressiven Methode, bei der der heutige Zustand der Landschaft als Ausgangspunkt dient, um schrittweise eine be­stimmte historische Landschaftsbeschaffenheit zu rekonstruieren. (Seltener ist die retro­spektive Methode, die den jetzigen Landschaftszustand aus der Vergangenheit herleitet.) Bei diesen Fragestellungen wird zuerst die naturgeographische Grundlage der Landschafts­gestaltung (Klima, Gewässer, Böden, Pflanzen) untersucht, dann anthropogene Veränderun­gen in diesem Umfeld aufgespürt, z. B. sog. „Wüstungen“ (Stätten verlassener Siedlungen bzw. Spuren ackerbaulicher Bodenbearbeitung), Ruinen, Steinbrüche, Wallanlagen, Straßen-Trassen, Graben- und Kanalsysteme und Dämme. Ein wichtiges Thema ist dabei die räumli­che und zeitliche Verteilung der Siedlungsbevölkerung und die Aufteilung der Siedlungs­räume nach politischen Gesichtspunkten.

Historische Quellen sind in erster Linie die antiken Historiker und Geographen (eine strikte Trennung ist nicht möglich, da sich antike Historiker auch immer intensiv mit geogra­phischen Fragen befasst haben). Einige wichtige Vertreter: Hekataios von Milet (2. Hälfte 6. Jh. – 1. Hälfte 5. Jh. v. Chr.) verfasste eine Erdbeschreibung (Perihegesis oder Perihodos Ges), der er eine Karte (die wahrscheinlich auf seinen älteren Landsmann Anaximander zurückging) beigab; für ihn war die Erde eine kreisrunde, vom Okeanos (aus dem der Nil entspringt und in den sich Mittelmeer, Rotes und Kaspisches Meer öffnen) umflossene Scheibe, in der das Mittelmeer die beiden Erdteile Asien (das hier auch Afrika umfasst) und Europa trennt. Der Historiker Herodot (484 - nach 430 v. Chr.) hatte die ganze damals bekannte Welt (Schwarzes Meer, Mesopotamien, Ägypten, Kyrene, Unteritalien, Griechenland mit Makedonien) bereist; geographische Exkurse bilden einen wichtigen Teil seines Werks. Bereits Herodot überlieferte, dass das Kaspische Meer ein Binnensee ist; Nil und Donau fließen nach seiner Auffassung von ihrer jeweiligen Quelle im Westen nahezu parallel zueinander in östliche Richtung. Strabon aus Amaseia (Pontos; 64/3 v. - 25 n. Chr.) hinterließ eine Beschreibung der ganzen damals bewohnten Erde in 17 Büchern. Pausanias (2. Jh. n. Chr.) verfasste eine Beschreibung von ganz Griechenland; für ihn stehen antiquarische Interessen im Vordergrund, so dass er vor allem Kunstwerke eingehend beschreibt.

Periploi (Sing. Periplus) sind Verzeichnisse von Schifffahrtsrouten; da die antike Seefahrt in erster Linie Küstenschifffahrt war, geben sie Auskunft über Ankerplätze, Häfen, Gefahren von Meeresuntiefen und die Landschaftsformationen der Küste. Die wohl früheste (in einer griechischen Übersetzung erhaltene) Beschreibung dieser Art ist die des Karthagers Hanno, der eine Expedition an die Westküste Afrikas – von den Säulen des Herakles (Gibraltar) bis zum heutigen Sierra Leone – unternahm. Skylax von Karyanda unternahm im Auftrag des persischen Königs Dareios (522-486 v. Chr.) eine Erkundungsfahrt durch den Indischen Ozean von der Indus-Mündung aus und dann an der Arabischen Halbinsel entlang bis Suez. Die drei Bücher umfassende Schrift De Chorographia (43/44 n. Chr.) des Pomponius Mela stellt die erste vollständig erhaltene römische Geographie in Form eines Periplus – von Mauretanien über Ägypten, den Bosporus, das Schwarze Meer, die westliche Ägäis, die Adria, das Tyrrhenische Meer nach Gades, den (Atlantischen) Ozean bis zur Ostsee, das Kaspische Meer, den Persischen Golf über den afrikanischen Süden zurück nach Mauretanien – dar. Flavius Arrianus, Historiker und legatus pro praetore der Provinz Kappadokien, unternahm im Auftrag Kaiser Hadrians eine Inspektionsreise von Trapezus bis nach Dioskurias, die er in seinem Periplus Ponti Euxini beschrieb.

Auch in dichterischen Werken werden oft aktuelle geographische Kenntnisse verarbeitet; so findet etwa die enorme Erweiterung des antiken Gesichtskreises durch die Eroberungen Alexanders in den Argonautika des Apollonios Rhodios oder den exotischen Schauplätzen hellenistischer Romane ihren Niederschlag. Zahlreiche geographische Werke sind verloren bzw. nur in Fragmenten erhalten.

Eine weitere Quelle ist die Epigraphik; so nennen z. B. die Tributlisten des Ersten Attischen Seebundes, die seit 454 v. Chr. in Athen geführt werden, insgesamt 341 Gemeinden bis zu entlegensten am Kimmerischen Bosporus (Meerenge zwischen den Halbinseln Krim und Kertsch), woraus man Schlüsse auf die Ausdehnung des Bündnisses, seine Entwicklung und seine politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ziehen kann. Römische Meilensteine (miliaria), von denen bislang über 5000 gefunden wurden, datieren vom 2. Jh. v. Chr. (als mit der Anlage des Reichsstraßennetzes begonnen wurde) bis zum Zerfall des Westreichs in der Spätantike und wurden Meile für Meile postiert. Sie geben die Entfernung zum Hauptort der Straße (caput viae), manchmal auch bis nach Rom an.

Münzen mit Stadtansichten geben oft Hinweise zur topographischen Lage der Stadt und zu (heute verlorenen) Bauwerken; in gleicher Weise können Reliefs als Quelle dienen.

Für topographische Erkenntnisse über die Lage von Plätzen und Bauten einer Stadt, oder die Anlage einer Siedlung in der Landschaft sind auch die archäologischen Methoden des Survey und der Luftbildarchäologie wichtig.

Aus Itineraria (Routenbeschreibungen) entwickelten sich Straßenkarten, von denen sich ein (wie heute meist angenommen wird, aus der Zeit Theodosius’ II. stammendes) Exemplar in einer Kopie des 12. oder frühen 13. Jh.s erhalten hat, die sog. Tabula Peutingeriana. Sonst haben sich aus der Antike nur sehr wenige Karten (griech. Pinakes, sing. Pinax; lat. Formae) erhalten.

Eine wichtige Rolle als Quelle können schließlich frühneuzeitliche Reiseberichte spielen, da sie noch vor Einbruch des Industriezeitalters in die Mittelmeerländer verfasst wurden und geographische Gegebenheiten, antike Stätten und Überreste beschreiben, die heute durch Massentourismus, Autobahn- und Staudammbau unwiederbringlich verloren sind.

Literaturhinweise

  • FGrHist: Die Fragment der Griechischen Historiker, hrsg. v. F. Jacoby, III A-C („Geschichte von Städten und Völkern. Horographie und Ethnographie“)
  • GGM: Geographi Graeci Minores, 2 Bde., hrsg. von C. Müller (Paris 1882)
  • GLM: Geographi Latini Minores, hrsg. von A. Reise (Heilbronn 1878)
  • U. Fellmeth / P, Guyot / H. Sonnabend (Hrsgg.), Historische Geographie der Alten Welt: Grundlagen, Erträge, Perspektiven. Festgabe für Eckart Olshausen aus Anlass seiner Emeritierung (Hildesheim 2007)
  • E. Olshausen, Einführung in die historische Geographie der Alten Welt (Darmstadt 1991)
  • E. Olshausen / H. Sonnabend (Hrsgg.), Stuttgarter Kolloquium zur historischen Geographie des Altertums: 1, 1980 (Bonn 1997); 2, 1984: Flussveränderungen in der antiken Welt (Bonn 1991); 3, 1997: Raum und Bevölkerung in der antiken Stadtkultur (Bonn 1991); 4, 1990: Grenze und Grenzland (Amsterdam 1994); 5, 1993: Gebirgsland als Lebensraum (Amsterdam 1996); 6, 1996: Naturkatastrophen in der Antiken Welt (Stuttgart 1998); 7, 1999: Zu Wasser und zu Land. Verkehrswege in der antiken Welt (Stuttgart 2002); 8, 2002: ‚Troianer sind wir gewesen’. Migrationen in der antiken Welt (Stuttgart 2006); 9, 2005: Die Landschaft und die Religion (Stuttgart 2009)
  • J. S. Romm, The Edges of the Earth in Ancient Thought: geography, exploration, and fiction (Princeton 1992)
  • A.-M. Wittke, E. Olshausen, R. Szydlak, unter Mitarbeit von V. Sauer, Historischer Atlas der Antiken Welt (Stuttgart u. a. 2007)

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