Hofakten Hagenburg

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Hofakten Hagenburg Nr. 12

Hier wird nur eine Akte wiedergegeben, zugegeben aus einem „persönlichem“ Grund, handelt es sich doch um ein Schreiben, das in besonders krasser Weise Lebensverhältnisse und Mentalitäten um die Mitte des 19. Jahrhunderts wiedergibt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schreiben dieser Zeit wurde es von dem betreffenden Mann selbst geschrieben und nicht, wie sonst üblich, von einem Schriftkundigen, der zugleich eigene bürgerliche Formulierungen und Wertvorstellungen in das Schreiben einfliessen lässt.

1850, Oktober 18., Eingabe Anerbe Behling von Hagenburg Nr. 12

„Ich würde mich zu dem höchsten Dank erfülten Gesinnungen verpflichtet fühlen, wenn meiner nach folgenden Vorstellung von Ew. So Huldreich aufgenommen würde, als es von mir in Tiefster Ehrfurcht ausgesprochen wird, Und in der vorausgesetzten Hoffnung das dieselbe nicht zu tauben Ohren gesprochen sondern eine willige Aufnahme finden möge, lege ich dieselbe volgender gestaldt dar. Ich bin Anerbe auf der Stätte No. 12 in Hagenburg und bin noch nicht Volljährig und Militaie pflichtig habe jedoch einen Stellvertreter gekauft so dass ich willens bin zu Heirathen; meine Eltern sind beide schon seit einer Reihe von Jahren verstorben, mein Grossvater ein dem Truncke ergebener Mann hat sich zum zweiten mahle Verheirathet mit seinen Alter damals einer unpasslichen Persohn welcher bei der Ehebeschreibung da die selbe nichts in die Stätte gebracht hat nichts ist zugesichert worden als einen freien Sitz im Hause bis das jüngste Kind: Confirmirt gewesen ist welche Zeit schon lengst verflossen ist und nun hat dieselbe durch Bittschriften welche an die fürstliche Rentkammer gerichtet sind zu wege gebracht dass Ihr für 4 rt. ist Wohnung und land ist zugesichert worden welches zum wenigsten 12 rt. an werth sind. Da mein Grossvater nun nichts hat nach gelassen als zerbrechliche Gebäude welche dem Einsturz nahe sind und über welche gleichsam die Branntweins-Gluth gezogen und nur noch in trümmern laut um Rache schrein und dem vorüber gehenden nur mahnend zu rufen sich für solchen gefährlichen Feind zu hüten ja es ist nicht übertrieben wenn ich sage dass die vorübergehenden stehen bleiben und erstaunend einer zu dem andern spricht was macht doch der Brantwein wenn gleich die Wahrheit der Bibel in Erfüllung geht dass die sünden der väter an den Kindern heimgesucht werden so ist es der Kinder heiligste Pflicht die Schulden der Väter zu bezalen und diesen vesten Vorsatz mit allen meinen Kreften dahin zu streben diese schlechten Gebäude aus zu bessern und meine Güter nach und nach an zu nehmen welche noch unter Vormunds händen stehen so erlaube ich mir der frohen Hoffnung hingeben zu können Ew. Hochfürstliche Durchlaucht wolle Gnädigst verfügen geruhen mir die Wohnung und ein par Stück Gartenland welches die Wittwe Behling in Besitz hat gegen Erlegung der 4 rt. Mithe zu überlassen da ich doch näheres Recht dazu habe.“

Vier Jahre zuvor hatte die angesprochene Witwe Behling in einer nicht selbst verfassten und geschriebenen Eingabe ihre Situation beschrieben:

1846, August 24., Eingabe der Witwe des Colons Behling, Hagenburg Nr. 12

„Vor einiger Zeit habe ich, aber leider vergebens, um fernere unentgeltliche Gestattung eines Wohnsitzes auf der Stätte meines verstorbenen Ehemannes unterthänigst gebeten, kann diese mir nun nicht einmal bewilligt werden, so werden doch die vorliegenden Verhältnisse wenigstens in einiger Masse berücksichtigt werden können, und ich hoffe es getrost, bey Ew. Durchlaucht auch Berücksichtigung finden.

Als mir vor etwa 29 Jahren mein nun verstorbener Ehemann die Ehe antrug, konnte ich mich längere Zeit gar nicht dazu verstehen, ihm solche zuzusichern, da er bereits aus erster Ehe 6 Kinder hatte und sein Lebenswandel leider bis dahin nicht der beste gewesen war. Allein man redete mir von zu vielen Seiten zu und sprach mir Hoffnung ein, dass es mir recht gelingen werde, ihn auf eine andere Bahn zu führen, und so gelang es ihm endlich ein Eheversprechen von mir zu bekommen. Habe ich nun gleich der frohen Tage nur wenige verbracht, so habe ich das Bewusstseyn, meine Pflichten als Ehegattin und Stiefmutter gewissenhaft erfüllt zu haben, und diess erkennen meine 3 noch lebenden Stiefkinder auch heute durch ihr Betragen gegen mich noch an. Aber Unterstützungen können sie mir, so gerne sie diess vielleicht auch wohl thäten, nicht zu Theil werden lassen, so wenig wie mein 4 leiblichen Kinder. Ich bin nun bereits 56 Jahre alt und habe weiter Nichts, als was ich mir durch meiner Hände Arbeit noch erwerben kann. Zwanzig Jahre lang habe ich alle Trübsahl mit meinem verstorbenen Mann ertragen, meine besten Kräfte zum Wohl der Stätte aufgewandt, und hierfür wäre mir doch denn wohl ein geringer Ersatz zu gönnen, bestünde dieser auch nur darin, dass ich bis zum Colonatsantritte des jetzt 16jährigen Anerben einen Wohnsitz auf der Stätte gegen Bezahlung eines billigen Miethzinses behielte. Gewiss wird der Anerbe, und ich glaube, auch dessen Vormund hiermit recht zufrieden sein, um so mehr, da die Aeusserungskasse sich in ganz günstigen Umständen befindet. Ich wage daher die unterthänigste Bitte: gnädigst zu genehmigen, dass ich meine bisherige Wohnung und die von mir benutzten 3 kleinen Gartenstücke gegen Bezahlung eines jährlichen Miethzinses von 4 Rtlr. bis zum Colonatsantritte des Anerben behalte.“