Im Krieg Struktur

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Inhaltsverzeichnis

Form des Seminars

Leitlinie des Seminars war selbstständiges Arbeiten der Gruppe. Um den Charakter der Veranstaltung als Projektseminar hervorzuheben, wurden alle wichtigen Entscheidungen der Gruppe überlassen. Vorgegeben waren nur die Ausgangslage in Form der Literatur und die Zielvorstellung, dass die Ergebnisse in Youtubevideos statt in Referaten festgehalten werden sollten. Das Seminar wurde in einer Auftaktsitzung in zwei Teile gespalten.

Die Lesephase erstreckte sich dabei über das gesamte Wintersemester. In dieser Phase mussten die Studierenden pro Person mindestens zwei Bücher aus einer vorgegebenen Literaturliste auswählen und intensiv durcharbeiten. Dabei wurde von Anfang an Wert darauf gelegt, dass gewissenhaft exzerpiert wurde, damit die in den Büchern gefundenden Aspekte auch nach der mehrmonatigen Lesephase auch wiedergefunden und belegt werden konnten.

Zur "Halbzeit" der Lesephase wurde eine Präsenz-Besprechungsrunde eingefügt. In dieser Sitzung am 20.12.2010 wurden bisherige Erkenntnisse gesammelt, abgestimmt, verknüpft und in ergänzende Fragestellungen geformt. Gleichzeitig wurde überlegt, an wen sich die Video-Endprodukte richten sollten, was das für ihre Inhalte und Formen bedeuteten würde und wie sich das auf die weitere Gestaltung der Lesephase auswirken würde.

Während der gesamten Lesephase stand das Seminar ständig per Stud.IP in Verbindung. Hier wurde über Zielgruppen, Videoformen, Buchinhalte und Fragestellungen diskutiert.

Die eigentliche Kernarbeit wurde in einer einwöchigen Intensivarbeitsphase (14.-18.02.2011) durchgeführt. Diese zeitliche und räumliche Begrenzung stellte den Projektcharakter der Arbeit heraus und förderte ein Selbstverständnis als „Redaktion“ innerhalb des Seminars. Zwar wurde diese "Redaktion" vom Dozenten durchaus geleitet, aber die inhaltliche Diskussion und die Formulierung der Arbeitsstrategien wurde in der Gruppe vorgenommen. Hierbei stellte sich heraus, dass die Idee eines einwöchtigen Blockseminares sehr fruchtbar war.

Die ersten beiden Tage standen ganz im Zeichen der inhaltlichen Arbeit.Hierbei wurden zuerst die von den Studierenden über die Wochen gesammelten Informationen in einem sehr breiten Brainstorming gesammelt. Leitlinie war dabei die Überlegung, das Youtube-Publikum durch besonders unerwartete Aspekte für den scheinbar trockenen, wissenschaftlichen Ansatz an das Thema zu begeistern. Gleichzeitig konnte aber natürlich nicht punktuell gearbeitet werden, sondern es musste mit den Themen ein verklammerndes Gesamtkonzept und ein inhaltlich logischer Aufbau der Lerneinheit erreicht werden.

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Brainstorming-Ergebnis der Schwerpunkte

Schnell stellte sich dabei heraus, dass der Blick auf die Schlacht allein nicht ausreichend sein konnte. Eine breitere, historische Kontextualisierung war nötig, um dem Thema die nötige Relevanz zu geben. Daher wurde das Konzept deutlich erweitert: Es wurden die Themen "Motivation zum Krieg" (Folge 2: Aufbruch) und die Ausbildung (Folge 3: "Lernen") hinzugefügt. Außerdem wurde deutlich, dass die Phasen zwischen den Kämpfen psychologisch mindestens genauso interessant und relevant für die Kampferfahrung sind wie die Kampfhandlungen selber. Daher wurde der Aspekt "Verarbeitung" hinzugefügt (Folge 6: "Verarbeiten"). Schließlich entschied sich das Seminar auch dazu, die Konstruktion des "Schlacht-Narratives" zu thematisieren, weil die Wirkung dieser Erzählungen für die Schlachterfahrung der jeweils nächsten Generation nicht überschätzt werden kann.

Insgesamt wurden neun Episoden geplant; die Option für eine zehnte Episode (Gefangennahme) wurde offengehalten. Für jede geplante Episode wurde eine Person als inhaltlich verantwortlich und ausführend bestimmt; die sehr zentrale Folge 5 (Erfahrung der Schlacht) wurde von zwei Personen bearbeitet. Die Studierenden machten sich nun daran, konkrete Inhalte für die Drehbücher der einzelenen Episoden zu sammeln und Konzepte dafür auszuarbeiten.

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Redaktionsraum während der Inhaltsphase

Gleichzeitig wurde ein Dreh- und Arbeitsplan entwickelt, der sicherstellen sollte, dass alle Episoden wirklich in der vorgegebenen Zeit fertiggestellt werden würden.

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Der Dreh- und Arbeitsplan am Donnerstag

Entwicklung von Format und Inhalten

Bei der Entwicklung von Inhalten wurde eine ganze Reihe von Überlegungen berücksichtigt. Die Struktur des Gesamtkonzeptes richtete sich an Studierende und war relativ leicht zu entwickeln. Gleichzeitig sollten aber auch Zufalls-Zuschauer bedient werden, welche die Videos durch Zufall und bei der Suche nach ganz anderen Videos entecken würden.

Eine wichtige Leitlinie das Erhalten des Kompetenzvorsprungs. Youtube wurde früh als chaotisches, stellenweise zügelloses und aggressives Medium identifiziert, in dem der Kampf um Deutungshoheiten mit sehr niedrigen Fallhöhen, aber harten, verbalen Bandagen ausgetragen wird. Da mit dem Thema Militärgeschichte ein Thema angegangen wurde, dass allzumal viele Pseudoexperten anzieht UND das oft auch noch einen hohen Grad emotionaler Involviertheit aufweist, wurde es von Anfang an als essentiell bewertet, einen Kompetenzvorsprung zu kommunizieren und aufrechtzuerhalten. Dazu sollte offensiv mit der Wissenschaftlichkeit der Projektes und der Qualität der verwendeten Literatur "getrommelt" werden, um den Zuschauern präventiv klar zu machen, wo die Kompetenz liegt und so "Flamewars" zu vermeiden.

Diese Überlegung erklärt auch die Existenz des Vorwort-Videos. Dieses soll alle möglichen "offenen Flanken" im Vorfeld abdecken und die Videos so gegen viele denkbare Angriffe schützen bzw. diesen den Wind aus den Segeln nehmen.

Eng damit verknüpft war der Ansatz, den typischen Youtube-Nutzer dort abzuholen, wo er sein Vorwissen her hat: Also bei den Klischees aus Filmen und Computerspielen. Aus didaktischen Gründen wurde entschieden, diese nicht als falsch zu deklassieren und den Nutzer so vielleicht gegen das Video-Projekt einzunehmen. Stattdessen wurde das Proiblem indirekt angegangen: Es wurden gezielt Inhalte in die Videos integriert, welche die typischen Klischees konterkarieren - OHNE diese jedoch explizit anszusprechen. So sollte bei den Zufallszuschauern eine kognitive Dissonanz erzeugt werden, welche zum Weiterschauen oder (im Idealfall) zum Weiterlesen führt.

Wichtig erschien auch, ausreichend oft zu betionen, dass die Videos bewusst generalisieren und verallgemeinern und dass jede individuelle Erfahrung ganz eigen und oft völlig anders ist – denn es wird Afghanistan-Veteranen geben, welche die Videos schauen werden, und diese dürfen nicht den Eindruck gewinnen, dass ihnen ihre Kriegserlebnisse vom Schreibtisch aus diktiert oder korrigiert würden.

Ausgestaltung der Videos

Es wurde eine ganze Reihe von Möglichkeiten zur Gestaltung der Videos in Betracht gezogen. Als Konstellation Videos mit mehreren Teilnehmern vor der Kamera (Debatte), Interviews mit zwei Teilnehmern vor der Kamera (Dialog), direkter Blick in die Kamera mit Zuschaueransprache, Interview mit der Kamera bzw. mit einem unsichtbaren Interviewer, etc. Schließlich wurde für die Masse der Videos die letzte Variante gewählt, weil die Studierenden dieses Setup als dasjenige empfanden, was die größtmögliche Kontrolle über die Situation bot und gleichzeitig Seriosität ausstrahlte. Lediglich ein Video brach aus diesem Schema aus und präsentierte sich als Doppel-Interview. Das Experiment gelang; auch diese Struktur funktionierte gut.


Videobeispiel in Kamera.png
Direkte Zuschaueransprache
Videobeispiel zum Kameramann.png
Interview mit Unsichtbarem
Videobeispiel Dialoginterview.png
Doppelinterview

Die Länge der Videos war durch die Youtube-Regeln ohnehin auf 10min begrenzt, aber das Seminar kam darüber hinaus zu dem Schluss, auch freiwillig die Inhalte noch weiter zu kürzen und zwar auf ca. 3-6min reine Sprechzeit (ohne Vor- und Abspann etc.). Grundlage der Überlegung war, dass auch bei hohem Interesse das Konsumieren von längeren und gleichzeitig komplexen Videos für Nutzer des Mediums Youtube nicht üblich sei. Daher fiel schnell die Entscheidung, lieber neun kurze Videos als (wie ursprünglich auch angedacht) fünf lange Videos zu produzieren.

Der Drehort wurde durch räumliche Zwangsläufigkeiten des Historischen Seminars bedingt.


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Drehzeit

Die Dauer der Produktion der ersten Folge (Folge 2 "Aufbrechen") zog einen interessanten Lerneffekt nach sich. Die Folge sollte in einem Stück in die Kamera gesprochen werden. Da der gesprochene Teil allerdings mehrere Minuten lang war, schlichen sich bei jedem Dreh früher oder später Versprecher, inhaltliche Fehler oder ähnliches ein. Der Dreh dauerte dadurch weit über eine Stunde. Die folgenden Videos wurden daher grundsätzlich so konzipiert, dass sie in mehrere Teile gegliedert waren, die durch Texttafelen verbunden wurden. So mussten im Falle von Fehlern nur kleine Teile neu gedreht werden. Die Produktionszeiten sanken dadurch deutlich.

Eine weitere Erkenntnis war, dass freies Sprechen in der Theorie zwar sehr gut klang, in der Praxis aber durch massive Kameraphobie bei allen beteiligten erschwert wurde. Daher gingen die Teilnehmer ab dem dritten Video dazu über, mit Papier-Telepromptern zu arbeiten. Sie hängten sich dazu die Inhalte der Videos als großen Ausdruck neben die Kamera - so dienten sie gleichzeitig als Struktur, Formulierungshilfe und Blickrichtpunkt. Der Grad der Ausformulierung variierte.

Das Rohmaterial wurde mittels des Windows Movie Makers mit Vor- und Nachspännen sowie Texttafeln und Musik versehen. Für komplexere technische Lösungen mit Open Source Programmen fehlte dem Seminar sowohl die Zeit als auch die Manpower.

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Bearbeitung des Rohmaterials


Die Musik stammt vom amerikanischen Musiker Jason Shaw, der seine Werke dankenswerterweise völlig frei zur Verfügung stellt. (www.audionatix.com)

Episodentitel

Die Titel der Lerneinheit waren Inhalt langer Diskussion. Von reltiv technischen und trockenen Titel kam das Seminar schnell auf einfache und "knackige" Betitelungen - ausgehend von der Überlegung, dass nur so ein Wiedererkennungs- und Weiterempfehlungswert entstehen würde. Schließlich wurden die Episodentitel gar auf relative einheitliche Ein-Wort-Titel zusammegedampft. Gleichzeitig wurde der Titel der Lerneinheit von "Die Erfahrung der neuzeitlichen Schlacht" zu "Im Krieg" geändert. So war er strukturell knackiger und leichter erinnerbar, gleichzeitig inhaltlich aber erheblich erweitert, um die neuen Blickwinkel abzubilden.

  • Folge 1: Einführung (Ralf Raths)
  • Folge 2: Aufbrechen (Christopher Folkens)
  • Folge 3: Lernen (Bernd Wehrenpfennig)
  • Folge 4: Warten (Michael Karsch)
  • Folge 5: Erfahren (Felix Höfinghoff und Annika Röttinger)
  • Folge 6: Verarbeiten (Christopher Folkens)
  • Folge 7: Aushalten (Felix Höffinghoff)
  • Folge 8: Zusammenbrechen (Jan Ludwig Antoni)
  • Folge 9: Erzählen (Matthias Mühe)


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