Klassische Philologie

Aus LernWerkstatt Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche

Von Dr. Balbina Bäbler Nesselrath

Was ist Klassische Philologie und womit beschäftigt sie sich?

Klassische Philologie (auch „Altphilologie“) genannt, umfasst die „klassischen“ Sprachen Latein und Griechisch. Ihr Gegenstand ist das literarische Erbe des griechisch-römischen Altertums von Beginn der schriftlichen Überlieferung ca. 800 v. Chr. (Homer) bis zum Ausgang der antiken Kultur ca. 600 n. Chr. Dazu zählen die uns heute vertrauten literarischen Formen wie Epos, Tragödie, Komödie, Roman, Rede, Ode, Idylle. Im Unterschied zu neueren Literaturwissenschaften beschäftigt sie sich auch mit fachwissenschaftlichen Texten wie etwa historische Werke (Geschichtsschreibung), philosophische Traktate, ökonomische Schriften (Hauswirtschaftslehren) oder geographische Handbücher.

Die Klassische Philologie befasst sich mit der Edition, Kommentierung und Interpretation der antiken Texte. Die Herstellung eines möglichst verlässlichen Textes ist ihre erste Aufgabe; da sich durch das immer neue Abschreiben im Lauf der Jahrhunderte Fehler eingeschlichen haben und die Überlieferung oft nicht einheitlich ist, versucht sie herauszufinden, welche Variante den korrekten Originaltext überliefert (sog. „Textkritik“). Für das Verständnis des Inhalts werden Textform, Erzählerperspektive, Komposition, Gattung, kulturelle und historische Voraussetzungen analysiert.

Die Klassische Philologie entstand bereits im 3. Jh. v. Chr. als selbständige wissenschaftliche Disziplin, als griechische Dichter sich bemühten, das literarische Erbe der früheren Zeit, die „Klassiker“, zu bewahren und zu nutzen. Diese Wissenschaft wurde zuerst systematisch an der Bibliothek von Alexandria (später auch in Pergamon und Rom) betrieben; die meisten der alexandrinischen Dichter waren gleichzeitig Gelehrte, oft Leiter der Bibliothek und manchmal auch Erzieher der ptolemäischen Prinzen, die wiederum als Könige die Wissenschaften förderten. Die meisten der sog. textkritischen Zeichen – z. B. Klammern, mit denen der Herausgeber anzeigt, dass er ein Wort einfügt oder ein überliefertes ausscheidet, oder der „Obelos“, ein kleiner Pfeil (wörtl. „Spieß“), mit dem eine ganze Verszeile als unecht erklärt wird – gehen auf die alexandrinischen Philologen zurück.

Die klassische Philologie fand in Byzanz ihre Fortsetzung, wo auch die meisten griechischen Texte bewahrt wurden, die im Mittelalter im Westen unbekannt waren. Sie wurden erst in der Renaissance, zunächst in gelehrten Kreisen in Florenz, wieder entdeckt. Nach dem Fall von Konstantinopel kamen zahlreiche Gelehrte von dort nach Westeuropa, wodurch die Klassische Philologie einen großen Aufschwung nahm, der aber im nördlichen Europa durch den Dreißigjährigen Krieg eine deutliche Unterbrechung erfuhr. Ein erneutes Aufblühen der Wissenschaft erfolgte im 18. Jh. mit der „Wiederentdeckung“ Griechenlands, das zunehmend auch bereist wurde; Pioniere der Klassischen Philologie an der Universität waren der in Göttingen lehrende Johann Matthias Gesner (1691-1761) und sein Nachfolger Christian Gottlob Heyne (1729-1812), der eine Erschließung der antiken Kultur in allen ihren Aspekten anstrebte.

Zum Arbeitsbereich der Klassischen Philologie zählt auch die Antikenrezeption, da die behandelten Stoffe der klassischen Literatur, vor allem die Mythen, bis in die Gegenwart nicht nur in der Literatur, sondern auch in bildender Kunst und Musik weiterleben.

Literaturhinweise

  • E. Frenzel, Stoffe der Weltliteratur: (9. Aufl., Stuttgart 1998)
  • F. Graf (Hrsg.), Einleitung in die lateinische Philologie (Stuttgart / Leipzig 1997)
  • G. Jäger, Einführung in die klassische Philologie (3. Aufl., München 1990)
  • P. Krafft, Orientierung klassische Philologie. Was sie kann, was sie will (Hamburg 2001)
  • H.-G. Nesselrath (Hrsg.), Einleitung in die griechische Philologie (Stuttgart / Leipzig 1997)
  • R. Pfeiffer, Geschichte der klassischen Philologie. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus (München, 2. Aufl. 1978)
  • R. Pfeiffer, Die klassische Philologie von Petrarca bis Mommsen (München 1982)

Links