Kolonialismus und Landwirtschaft

Aus LernWerkstatt Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche


Dass es eine vorkoloniale Geschichte landwirtschaftlicher Entwicklung in Afrika gegeben hat, ist wenig bekannt. Dabei war die Landwirtschaft in der vorkolonialen Zeit in mancher Hinsicht besser dazu in der Lage, die Bedürfnisse großer Bevölkerungsgruppen zu befriedigen als dies seit der Etablierung des modernen Staates in Afrika möglich wurde. Während früher die Bauern größere Freiräume dafür hatten, sich und ihre Landwirtschaft wechselnden gesellschaftlichen Verhältnissen und unterschiedlichen Umweltbedingungen anzupassen, wurden sie seit dem Entstehen kolonialer Herrschaft zunehmend Reglementierungen und dirigistischen Eingriffen unterworfen. Sehr viel von diesen Strukturen hat sich bis in die nachkoloniale Phase fortgesetzt. Der folgende Beitrag erörtert wichtige historische Voraussetzungen und macht Zusammenhänge bis in die Gegenwart deutlich.

Das Thema "Kolonialismus und afrikanische Landwirtschaft" verleitet einem schnellen Vorurteil bei Entwicklungspessimisten wie -optimisten mit dem Durchsetzen der Kolonialwirtschaft sei im Guten wie im Bösen eine vollständige neue Dynamik in bis dahin weitgehend statischen, meist sehr zersplitterten afrikanischen Agrargesellschaften wirksam geworden.

Im Guten: durch den Anschluss an den Weltmarkt sei, gestützt auf neue Verkehrswege und -mittel, gefördert durch neue Nutzpflanzen wie Sisal, Kaffee und Kakao, eine Dynamisierung von Landwirtschaft in Gang gekommen. Sie hätte, wenn auch mit vielen Rückschlägen - wie Unzulänglichkeiten von Kolonialherrschaft, Krisen der Weltwirtschaft und mangelnde soziale Ausweitung der landwirtschaftlichen Modernisierung - die afrikanischen Agrargesellschaften erfasst. Die agrarischen Exportprodukte hätten die - wenn auch oft durch die Weltmarktpreise gefährdeten - Deviseneinnahmequellen geschaffen, mit denen Industrieansiedlungen, neue städtische Zentren, Infrastruktur und Bildungssysteme der Länder seit der Kolonialzeit trotz aller Rückschläge vorangebracht worden seien.

Im Bösen: gerade dieser Prozess einer mehr oder weniger zwangsweisen Integration der afrikanischen Agrarwirtschaften in den Weltmarkt zu Bedingungen, die die Kolonialherrschaft diktierte, sei hauptverantwortlich für die gegenwärtige Agrar- und Gesellschaftskrise in Afrika. Endergebnis der Exportabhängigkeit der afrikanischen Landwirtschaft sei die Notwendigkeit geworden, Nahrungsmittel einzuführen und mit Devisen zu bezahlen. Die autonomen Wirtschaftssysteme der gesicherten agrarischen Selbstversorgung des vorkolonialen Afrika, die durch einen internen Handel mit Textilien, Metallen, Salz und anderen handwerklichen Produkten ergänzt wurden, seien letztlich mehr zerstört als erweitert worden. Das Abziehen der Investitionsmittel vom Lande in die Stadt, das auch durch die Binnenwanderung der jungen Generation verursacht wurde, hätte ein übriges zur Schwächung der Agrarsysteme getan und tue das heute noch. Der maßgebliche Grund für diese Entwicklung sei gewesen, dass die Kolonialpolitik mit direkten und indirekten Zwangsmethoden die Arbeitskräftebedürfnisse der Kolonialwirtschaft befriedigte.


Inhaltsverzeichnis

Vorkoloniale Agrargeschichte

Beiden Vorstellungen unterliegt die irrige und unhistorische Annahme, dass die afrikanischen Agrargesellschaften bis zum Durchsetzen der kolonialen Exportwirtschaft keine oder nur unwesentliche Impulse zur Entwicklung der Agrarwirtschaft gekannt haben. Selbstverständlich gibt es eine vorkoloniale afrikanische Agrargeschichte.

Die Staaten- und Fernhandelsgeschichte etwa der Sudanstaaten des Sahararandes, aber auch Äthiopiens, der Anrainerstaaten des Viktoriasees und des Oberlaufs des Nils oder der Küstenbevölkerung Ostafrikas setzte Veränderungen in der Agrarproduktion voraus. Je größer die Anzahl städtischer Zentren, die Beschäftigung von Reiterarmeen und Kanuflotten, die Entwicklung von Hofhaltung und Gewerbe war, desto mehr Überschüsse agrarischer Art mussten erwirtschaftbar sein – und dies ging nicht ohne Veränderung der Agrarwirtschaft selbst ab. Neue Nutzpflanzen, neue Austauschverhältnisse etwa zwischen Viehzucht, Getreideanbaugebieten und Gebieten der Agrarwirtschaft des Waldes wurden erforderlich. Entscheidend wurde immer wieder, welche soziale Gruppe über die engen Hilfsverpflichtungen der Verwandtschaftssysteme hinaus zusätzlich und mehr Arbeitskraft anderer in Anspruch nehmen konnte: durch Tribut, Steuer, Abhängigkeit oder gar Versklavung. Selbst der innerafrikanische Sklavenhandel setzte – ebenso wie der Transsaharahandel mit Sklaven und in großem Stil dann der transatlantische Sklavenhandel – voraus, dass sich die Agrarsysteme dem Aderlass der Rekrutierung anpassten.

Die Frage ist also nicht, wie entwickelte sich die Dynamik der afrikanischen Agrarwirtschaft durch den Kolonialismus, sondern, in welche agrarhistorische Situation griff der Kolonialismus ein – welche Tendenzen schwächte er, welche förderte er, was war neu, was Fortsetzung älterer Vorgänge.

Zunächst einmal: Bereits mit der Ausweitung des transatlantischen Sklavenhandels in Westafrika und mit dem Ausbau von Kapstadt als Verbindungsstation nach Indien und Indonesien, aber auch durch den Handel Ostafrikas mit Indien und dem Nahen Osten verringerte sich die Isolation des afrikanischen Kontinents. Wichtigste Folge war, dass – wie 500 Jahre zuvor die asiatischen Nutzpflanzen Banane, Reis und Kokosnuss und die lateinamerikanischen Nutzpflanzen seit dem 17. Jahrhundert in Afrika zunehmend Verbreitung fanden – vor allem Maniok, darin die Erdnuss und vor allem im 19. Jahrhundert in wachsendem Maße der Mais bekannt wurden. Die Bauernkulturen erwiesen sich als sehr anpassungsfähig, diese neuen Pflanzen den ökologischen Bedingungen Afrikas einzupassen. In den Teilen Westafrikas, die schon länger am Rande des Weltmarkts Kontakte hatten, zunächst über die marokkanisch-mauretanische Verbindung, dann durch den europäischen Küstenhandel, wurde ein Teil dieser Pflanzen für den Export verwandt. Am bekanntesten wurden die Initiativen der Bauern in Senegal, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Erdnuss, die sie zunächst für Nahrungszwecke anbauten, exportierten. Dabei benutzten sie bestehende Karawanenwege zu den Flusshäfen des Senegal und des Gambia. Spätere, weitgehend spontane, jedenfalls ohne administrativen Druck forcierte Exportprodukte, die durch Bauern in der vorkolonialen Periode des 19. Jahrhunderts und in der Anfangszeit der Kolonialherrschaft angebaut und vermarktet wurden, waren die Baumwolle in Uganda, das Palmöl in Nigeria und der Kakao zunächst in der Goldküste.


Eingriffe der Kolonialwirtschaft

Diese Prozesse liefen ab, als in den ersten Jahrzehnten der Kolonialherrschaft vor 1900 die Europäer vor allem Jagd- und Waldprodukte, also Elfenbein, Straußenfedern und wildes Gummi suchten sowie das Palmöl, das ebenfalls mehr Wildprodukt als Bauernprodukt war. Hier herrschte zunächst Plünderung und Raubbau der Reserven vor. Planmäßige Kolonialwirtschaft ließ auf sich warten. Außerdem blieb die Viehwirtschaft eine rein innerafrikanische Angelegenheit. In komplizierten Nutzungs- und Tributbeziehungen weidete zum Beispiel das Vieh der Fulbe auf abgeernteten Feldern der Haussa: Nahrung für das Vieh im Austausch für Dung für die Bauern. Ähnliche Beziehungen bestanden in Uganda. In Namibia kam sogar ein Viehhandel mit Kapstadt – vorübergehend, d.h., bis 1823, sogar mit der Exilresidenz Napoleons auf St. Helena – zustande. Auch hier also erster Anschluss an den Weltmarkt und den Spezialmarkt Südafrikas.

Die Kolonialwirtschaft griff in diese spontanen, teils vorkolonialen Antworten afrikanischer Bauern auf die Marktmöglichkeiten zunächst mit einem nahezu unstillbaren Bedarf nach Trägern für das Transportwesen ein. Es ist eine Legende, die bis heute weiterlebt, aber durch neue Agrargeschichtsforschung vielfältig widerlegt wird, dass im Agrarsystem Afrikas die Menschen unterbeschäftigt und dass vor allem die Trockenzeiten ungenutzte Zeiten gewesen wären, so dass deshalb mindestens für Saisonarbeit reichlich Arbeitskräfte bereit gestanden hätten. Die bäuerliche Bevölkerung war ausgelastet durch viele Arbeiten, die nicht in unserem Sinne bäuerliche Tätigkeiten waren: die Suche nach Feuerholz, der Hausbau, die Töpferei, die Reisen, um Verwandtschaftsbeziehungen für Heirat und Altersversorgung zu pflegen. Koloniale Arbeitskräfteanforderungen beeinträchtigten in der Regel derartige wichtige Funktionen in der Arbeits- und Sozialwelt der Afrikaner, insbesondere, wenn sie rücksichtslos und ohne Kenntnis der Zusammenhänge durchgesetzt wurden.

Der Sklavenhandel setzte voraus, dass sich die Agrarsysteme dem Aderlass der Rekrutierung anpassten.

Afrikaner haben die Möglichkeiten der Trockenheit planmäßig ausgenutzt – so die Nyamwezi beim Aufbau ihrer Karawanenroute zur Küste Ostafrikas. Die Bereitschaft afrikanischer Bauern, neue Pflanzen oder Tätigkeiten zu akzeptieren, hing ausschlaggebend davon ab, ob sich dies mit dem Pflanz- und Ernterhythmus der Hauptnahrungspflanzen vereinbaren ließ. Zu einer Überlastung dieser bäuerlichen Wirtschaft kam es, wenn Bergbaukomplexe und Plantagen sowie weiße Farmgebiete mit Arbeitskräften versorgt werden sollten.


Unterschiedliche Wirtschaftsgebiete

Afrika zerfiel in unterschiedliche Wirtschaftsgebiete und wurde dementsprechend verschieden schwer und in unterschiedlicher Weise vom Kolonialismus getroffen. In großen Teilen West- und Ostafrikas herrschte während der gesamten Kolonialzeit die Bauernwirtschaft vor. Europäische Plantagenwirtschaft, die immer wieder versucht wurde, erwies sich aus ökonomischen Gründen in weiten Teilen Afrikas als nicht durchsetzbar und letztlich auch als ökonomisch unterlegen. In den afrikanischen Bauernwirtschaften erwies sich das Instrument der Steuer für sämtliche Haushalte, mitunter auch Methoden des Zwangsanbaus – so im Kongo – als wirkungsvolles Mittel, afrikanische Agrarprodukte für den Export auf den Markt zu bekommen, weil nur auf diese Weise der Bargeldbedarf für die Steuer gedeckt werden konnte. Selbstverständlich war auch der Konsum von Importwaren ein Anreiz, Exportprodukte anzubauen. Aber man sollte dieses oft genannte Argument mit Vorsicht benutzen. Haushaltuntersuchungen von Bauern in Nigeria noch in den 70er Jahren unseres Jahrhunderts weisen nach, dass 80 % des Geldeinkommens für die eigene Nahrungsmittelversorgung verwandt wurden: Arme Leute müssen zunächst vor allem für die ausreichende Ernährung auch durch Zukauf sorgen.

Im südlichen Afrika setzten sich Bergbaukomplexe und eine europäische Farmwirtschaft, zum Teil auch Plantagenwirtschaft durch. So in Südafrika, Namibia, in großen Teilen Angolas, Mozambiques und in Zimbabwe, außerdem in wichtigen Enklaven in Kenia, wo die »Weißen Hochländer« die Kolonialwirtschaft prägten, aber auch in Teilen Sambias, Tansanias und Zaires. Dort ist der Eingriff der Kolonialwirtschaft in die afrikanische Landwirtschaft eine Geschichte des Landraubs und vielfältiger Zwangsmaßnahmen, um die afrikanischen Bauern zu Landarbeitern zu machen. Wo Bergbaukomplexe mit der Landwirtschaft um Arbeitskräfte konkurrierten, wurde die Lage um so schärfer. Weiße Großlandwirtschaft und Bergbauzonen stillten ihren Hunger nach Arbeitskräften auch aus den umliegenden Bauernländern. Aus diesem Grund sind auch die Bauernländer Zentral- und Südafrikas von diesen Zonen weißer Vorherrschaft durch Wanderarbeitssysteme und Landflucht geprägt.

Die Geschichte des Kampfes um Land und Arbeitskräfte zum Beispiel in Südafrika selbst zeigt die außerordentlich starke Anpassungs- und Produktionsfähigkeit afrikanischer Bauern gegenüber der weißen Konkurrenz. In Teilen Südafrikas konnten die weißen Landbesitzer das mit Gewalt enteignete Land gar nicht zureichend bewirtschaften. Sie mussten zulassen, dass Afrikaner als »wild« siedelnde Bauern einfach weitermachten oder in eine Art Pachtverhältnis übergingen. Auch auf eigenem, verteidigtem Land gelang es den Afrikanern, erfolgreich für die städtischen Märkte des südlichen Afrika zu produzieren. Die europäische Landwirtschaft konnte sich nur mit massiver staatlicher Hilfe, Subventionen, staatlicher Landbeschränkung für Afrikaner, Verbot der grundbuchrechtlichen Absicherung, Zwangsrekrutierungen usw. erwehren. So wurde während der Weltwirtschaftskrise 1929-34 nur die weiße rhodesische Maiswirtschaft gestützt, nicht die afrikanische; ähnliche Methoden, bis zum Verbot des Kaffeeanbaus, wurden in Kenia angewandt.


Export des modernen Staates nach Afrika

In den afrikanischen Kolonien, in denen die bäuerliche Wirtschaft vorherrschte, vor allem in Westafrika, prägte sich der koloniale Eingriff in die Landwirtschaft indirekter aus. Nach etwa drei Jahrzehnten der Experimente mit Exportprodukten hatten sich für eine Vielzahl von Kolonien ein, mitunter mehrere Exportprodukte als Hauptausfuhrprodukt herauskristallisiert. Die europäischen Firmen, oft auf der Ebene der Mittelsmänner durch Minderheiten wie Inder, Libanesen und andere unterstützt, sicherten sich das Exportmonopol. Seit dem Zweiten Weltkrieg traten Aufkaufmonopole des Staates hinzu. Die bäuerliche Welt geriet in systematische Außenabhängigkeit.

Die Konzentration auf staatliche Instanzen, auf das Eintreiben der Steuer und das Forcieren der Exportprodukte – denn nur das zählte für den Staatshaushalt und für die heimische Regierung –, belastete je länger je mehr das Verhältnis von Kolonialverwaltung, ihren Agrarexperten und den afrikanischen Bauern. Ihnen wurden ständig Vorschläge und nicht selten Zwangsmaßnahmen bei Sortenwahl, Bewässerungsmethoden, Vorratshaltung und Vermarktung zugemutet, die nur zu häufig mit den Erfahrungen und Interessen der Bauern nicht übereinstimmten. Der Kolonialismus war auf schnelle Erfolge aus, hatte eine Tendenz zum Schematismus und zur Anwendung von Zwang. Die Bauern dagegen mussten dafür sorgen, dass ihre Familien auch in Krisenzeiten, den Dürren, Viehseuchen und Zeiten der Niedrigstpreise, überlebten. Da empfahl sich wesentlich sorgfältigeres Verhalten, Ausweichen vor staatlicher Reglementierung, die nur zu oft alle paar Jahre in eine andere Richtung wies. Viele bäuerliche Haushalte wurden ohnehin überlastet, weil immer mehr Arbeitszeit gerade der jüngeren Generation durch Wanderarbeit, Militärdienst, im Grunde auch durch die Schulausbildung – also Zeit und Chancen, Neuerungen zu erproben – verloren ging. Diese ständige Intervention von oben, ohne die Interessen vor Ort – das »Überleben in der Krise« – zu beachten, scheint neben der einseitigen Exportabhängigkeit, der Vernachlässigung der Investitionen auf dem Land zugunsten der Städte und der Industriebetriebe sowie der Infrastruktur der wichtigste Eingriff von Kolonialherrschaften in die Agrarwirtschaft Afrikas zu sein. Auch die unabhängigen Regierungen setzen mit ihren um ein Vielfaches vergrößerten Anforderungen an die Bauern, aber auch einer Vielzahl von internen und externen Experten, diesen Druck fort.

Der Kolonialismus hat den modernen Staat nach Afrika gebracht, der in die Agrarwirtschaft eingreift, ohne die Interessen der Bauern wahrzunehmen. Damit prägt eine obrigkeitsstaatliche Tendenz das Verhältnis von Staat und ländlichen Produzenten. Die afrikanische Landwirtschaft wird den Interessen der staatlichen Institutionen, den Städten, der Industrie und damit je länger je mehr einer städtischen und ländlichen Oberschicht unterworfen. Dieses erweist sich deshalb als ein besonders problematisches Erbe, weil der bäuerliche Widerstand und produktive Antworten der bäuerlichen Welt auf die anderen Belastungen, die parallel zur Kolonialzeit vorherrschend wurden, damit geschwächt bleiben: die ungleichen Bedingungen des Weltmarktes und der wachsende Bevölkerungsdruck.



zurück zur Afrikanischen Geschichte