Leben im Feudalismus

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Einleitung zu einer Quellensammlung

Karl H. Schneider, 1999

Die ursprüngliche Version findet sich hier.

Innerhalb der Agrargeschichtsschreibung gehörte die Untersuchung vorindustrieller Verhältnisse lange Zeit zu den Schwerpunktthemen, sie war jedoch vorrangig auf die rechtliche, normative Ebene, also der Gesetze und Verordnungen unter Ausklammerung der konkreten sozialen und ökonomischen Verhältnisse konzentriert. Erst mit den Forschungen von Wilhelm Abel erfolgte eine Hinwendung zu ökonomischen und demographischen Aspekten, insbesondere zur Untersuchung konjunktureller Phänomene.[1] Ansonsten blieb die deutsche Forschung bis Mitte der 1970er Jahre auf die Untersuchung rechtlicher Verhältnisse begrenzt. [2]

Neue Impulse erhielt die Forschung in den 1970er Jahren aus zwei Richtungen: Einerseits förderte die Erforschung bäuerlich-ländlichen Widerstandsverhaltens eine eher prozeßorientierte, kleinräumige Forschungsrichtung, die über die einzelnen Widerstandsaktionen (und die kritische Auseinandersetzung mit den Begriffen Widerstand, Resistenz etc.) hinaus, die soziale Realität in den Dörfern zum Gegenstand hatte.[3] Anderereits wurde mit dem Modell der Protoindustrialisierung[4] nicht nur eine heftige Forschungsdebatte initiiert, sondern zugleich eine breite, bis heute anhaltende internationale Forschungsaktivität, die die verschiedenen Elemente ländlicher Existenz, rechtliche, soziale, ökonomische und demographische, miteinander verknüpfte. Nicht unwichtig für die deutsche Agrargeschichtsschreibung ist die der DDR, deren Schwerpunkt u.a. in der Erforschung der Gutsherrschaft und der preußischen Bauernbefreiung lag.[5] Nach 1989 setzte jedoch eine entscheidende Wende ein, die in der Hinwendung zur „kleinen“ Geschichte, zur quellennahen Auseinandersetzung mit der Gutsherrschaft führte und dabei deutlich werden ließ, daß Gutsherrschaft ein komplexes soziales System darstellte.[6]

In dem Seminar sollen neuere Forschungsergebnisse exemplarisch betrachtet werden, das Hauptaugenmerk liegt aber auf der Quelleninterpretation. Diese basiert auf niedersächsischen, vorwiegend schaumburgischen Quellen, und soll unterschiedliche Aspekte ländlicher Existenz vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert darstellen. Es beginnt mit rechtlichen Quellen, die einige zentrale Begriffe klären sollen und die Rahmenbedingungen verdeutlichen. Zugleich sollen sie im Kontext der weiteren Quellen zeigen, daß eine ausschließliche bzw. vorrangige Benutzung von normativen Quellen nur einen engen und damit unzureichenden Einblick in ländliche Lebensverhältnisse zu geben vermag.

Bei der Quellenauswahl wurde Wert darauf gelegt, nicht nur unterschiedliche Aspekte darzustellen, sondern zugleich auch Zusammenhänge zu verdeutlichen. Deshalb wurden nur für wenige Sitzungen einzelne Quellen als Arbeitsgrundlage vorbereitet, während ansonsten entweder Quellen aus unterschiedlichen Regionen und unterschiedlicher Herkunft (Dienstwesen) kombiniert wurden, oder komplexere Überlieferungen (Bauernhöfe der von Münchhausen) ausgesucht bzw. nahezu komplette Akten (Hofakten Altenhagen Nr. 12) erfaßt wurden. Auf diese Weise soll einerseits der Vergleich erleichtert, andererseits die Auseinandersetzung mit den Quellen verbessert werden.

Eine Anmerkung zu den Abschriften: sie sind nicht vollständig noch einmal anhand der Quelle überprüft worden, so daß sich im Einzelfall durchaus Fehler ergeben mögen. Es wurde im übrigen möglichst die Schreibweise des Originals beibehalten.

Der Abdruck der Kartenausschnitte erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch das Niedersächsische Staatsarchiv Bückeburg. Es handelt sich um die Ämterkarte von 1754, Signatur: Staatsarchiv Bückeburg (STAB) A 100061


© KH Schneider, Universität Hannover 1999


Belege

  1. Abel, Wilhelm Agarkrisen und Agrarkonjunktur. Eine Geschichte der Land- und Ernährungswirtschaft Mitteleuropas seit dem hohen Mittelalter. Hamburg-Berlin 1978.
  2. Exemplarisch: Lütge, Friedrich: Geschichte der deutschen Agrarverfassung vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert. (Deutsche Agrargeschichte 3). Stuttgart 1967.
  3. Sehr eindrucksvoll die Studie von Peter Blickle, Deutsche Untertanen. Ein Widerspruch. München 1981. Siehe auch ders., Hrg., Bauernunruhen und Bürgerprotest in Mitteleuropa 1300 - 1800. Forschungsüberblick und Bibliographie. BlldtLG 126/1990, S. 593-623.
  4. Siehe etwa Cerman, Markus/Ogilvie, Sheilagh C.: Protoindustrialisierung in Europa. Industrielle Produktion vor dem Industriezeitalter. (Beiträge zur historischen Sozialkunde Bd. 5) Wien 1994
  5. Etwa Harnisch, Hartmut/ Heitz, Gerhard (Hg): Deutsche Agrargeschichte des Spätfeudalismus. Berlin 1986.
  6. Peters, Jan (Hrsg.): Konflikt und Kontrolle in Gutsherrschaftsgesellschaften: über Resistenz- und Herrschaftsverhalten in ländlichen Sozialgebilden der Frühen Neuzeit. Göttingen 1995. Ders., Hrg., Gutsherrschaft als soziales Modell: vergleichende Betrachtungen zur Funktionsweise frühneuzeitllicher Agrargesellschaften. München 1995. Neuerdings Peters, Jan, Hrsg, Gutsherrschaftsgesellschaften im europäischen Vergleich. Berlin 1997.