Lineartaktik

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Bezeichnet eine im Europa des ausgehenden 17. Jahrhunderts entstehende und im 18. Jahrhundert dominierende Methode, Schlachten zu führen.

Der Name leitet sich davon ab, dass beide Parteien zwei lange, gegenüberstehende Linien gebildet haben. Diese Linien waren zwar zwei bis drei Personen (militärisch: Glieder) tief, aber viele Hundert bis Zehntausende Personen breit, so dass tatsächlich der Eindruck einer Linie entstand. Je nach taktischer Lage konnte sich ein Heer auch in mehreren solcher Linien hintereinander aufstellen (militärisch: Treffen).

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Auslöser der Entwicklung dieser Entwicklung war ein technisches Problem. Die Musketen der Epoche schossen sehr ungenau, waren aber leicht zu produzieren und schnell zu laden. Um den Nachteil der Ungenauigkeit auszugleichen, wurden sie massenweise in einer Feuerlinie eingesetzt. Ziel war es, durch möglichst breite (und daher zwangsläufig dünne) Linien möglichst viel Feuerkraft in Richtung des Gegners zu projizieren.

Technik allein reicht zur Erklärung der Entstehung dieser Kampfweise aber nicht aus. Die Entwicklung der Linienformation hatte auch starke soziale (Sozialdisziplinierung durch die Fürsten, Disziplinarzwänge) und kulturelle (Orientierung an mechanistischer Weltsicht, Faszination für Symmetrie und Formationen) Aspekte des Zeitalters.

Mehr noch: Aus diesen Wurzeln entwickelte sich über die Jahrzehnte eine eigenständige Kampfkultur des Aushaltens ("culture of forebearance"), die zu einem Wert an und für sich wurde. Die Soldaten mussten im Feuer des Gegners stehend ausharren und gleichzeitig ihre komplexen Ladevorgänge auf Befehl durchführen. Das war nur durch eine enorm rigide Disziplin erreichbar - der Soldat hatte von seinen Vorgesetzten bei Flucht buchstäblich Schlimmeres (den sicheren Tod) zu erwarten als vom Gegner (den potentiellen Tod).

Beide Linien bewegten sich aufeinander zu und führten ab Erreichen der entsprechenden Distanz ein Feuergefecht, bis auf einer Seite die Verluste so hoch waren, dass die Disziplin kollabierte und sie die Flucht antrat. Unter Umständen wurde dieses letzte Brechen der Moral durch einen Bajonettangriff der Gegenseite forciert.

Filmische Interpretationen von Linienschlachten. Trotz vieler dramaturgischer Freiheiten ausreichend für einen ersten Eindruck.

Obwohl das eigentliche Gefecht scheinbar sehr einfach strukturiert war, so gilt auch: Das Entfalten von mehreren Zehntausend Soldaten zu einer Linie und das Zusammenhalten dieser Linie auf dem Schlachtfeld war ein äußerst komplexer Vorgang.

Die Verluste in diesen Schlachten waren im diachronen Vergleich sehr hoch, wobei die bei weitem meisten Verluste bei der Seite entstanden, welche die Flucht antrat.

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