MA Urkunden- und Aktenlehre

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Zum Wesen und Quellenwert:

Für die mittelalterliche Geschichte haben gerade Urkunden und Akten eine besondere Bedeutung, nicht zuletzt, weil sie die häufigsten und wichtigsten Quellen zur Geschichte darstellen. Beim Mittelalter spricht man auch von der "Urkundenzeit", wohingegen die Neuzeit oftmals als "Aktenzeit" bezeichnet wird.

Urkunden und Akten sammeln die schriftliche Geschäftstätigkeit im rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Sektor. Meist handelt es sich um Dokumente zu Recht und Gesetzgebung, nationalen und internationalen Beziehungen, Krieg und Frieden und auch zur Verwaltung.

"Die Urkunde ist ein unter Beobachtung bestimmter Formen ausgefertigtes und beglaubigtes Schriftstück über Vorgänge von rechtserheblicher Natur." (A. v. Brandt S. 82).

Im 10. und 11. Jahrhundert gibt es in "Deutschland" keine schriftlichen Stammesgesetze, wir haben es mit einem Gewohnheitsrecht zu tun. Immer wenn ein Urteil zu fällen ist, wird das Recht aus der Erinnerung an vergangene Urteile hervorgeholt und bildet dann den neuerlichen Urteilsspruch. Wird es dann auch schriftlich fixiert, so geschieht dies mittels einer eigens ausgestellten Urkunde. Inhalt von typischen Urkunden ist beispielsweise eine Schenkung, also eine Übertragung von Eigentum. Damit der neue Eigentümer beweisen kann, dass ein bestimmtes Stück Land ihm und seinen Nachkommen gehört, kann er die entsprechende Schenkungsurkunde vorweisen. Dass es naturgemäß auch zu Fälschungen bei der Ausfertigung und Erstellung von Urkunden kommt, entspricht wohl dem Naturell des Menschen. Eine der bekanntesten Fälschungen der mittelalterlichen Geschichte ist wohl die Konstantinische Schenkung.

Urkunde beispiel.jpg
Münzprivileg Herzog Ottos von Braunschweig an die Stadt Hannover vom 2.2.1322

(Für die Bereitstellung der Reproduktion danken wir dem Stadtarchiv der Landeshauptstadt Hannover)

Die Rechtskraft einer Urkunde wird mit der Beglaubigung (vgl. den heutigen Beruf des Notars) erzeugt. Eine bekannte und auch heute absolut übliche Form der Beglaubigung ist die Schreibunterschrift, auch wenn inzwischen Dokumente Gültigkeit besitzen, obwohl sie nicht unterschrieben sind aber darauf hingewiesen wird, dass eine solche Unterschrift nicht notwendig ist (vgl. Semesterticket). Typisch für das Mittelalter ist die Beglaubigung mittels eines Siegels, welches die Rechtskraft der Urkunde be"siegelt". Eine ebenfalls noch heute übliche Form der urkundlichen Vollziehung sind Siegel und Unterschrift.

Eine klassische Urkunde des Mittelalters ist nach einem bestimmten Formenapparat aufgebaut, der im Folgenden angegeben ist:

Protokoll:

Invocatio (Anrufung Gottes; In nomine sancte et individue trinitatis)
Intitulatio (Name und Titel des Ausstellers; H. (= Henricus), dei gratia rex francorum)
Inscriptio (Nennung des Empfängers)
Arenga (Allgemeine redensartliche Begründung)

Text (Kontext):

Promulgatio oder Publicatio (Verkündungsformel)
Narratio (Erzählung oder Auflistung der einzelnen Umstände, die die Ausfertigung der Urkunde veranlasst haben)
Dispositio (Ausdruck der Willenserklärung und materieller Inhalt der Rechtshandlung)
Sanctio (Androhung einer Strafe bei Zuwiderhandlungen)
Corroboratio (Angabe der Beglaubigungsmittel)

Eschatokoll (Schlussprotokoll):

Subscripotiones (Unterschriften des Ausstellers sowie der anwesenden Zeugen, meist geordnet nach geistlichen und weltlichen Würdenträgern und hier dann jeweils nach der Rangfolge)
Datierung (Tages- und Ortsangabe; Actum est...oder Datum est...)