MG MHB 0209

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Lynn, John A.: Battle: A History of Combat and Culture from Ancient Greece to Modern America (Boulder 2004)


Fundstellen und Daten

Das Werk bei Amazon.


Grund für die Auswahl

Die Forderung, die Militärgeschichte den sozial-, kultur- und mentalitätshistorischen Methoden zu öffnen, ist in Deutschland mittlerweile zum fast schon überholten Allgemeinplatz geworden - und das ist ein Glück. Denn diese Situation wurde dadurch erreicht, dass die Forderung seit anderthalb Jahrzehnten immer häufiger erfüllt wird und das mit zunehmender Selbstverständlichkeit.

In den USA hingegen sind die Vertreter der Drums-and-Trumpets-History immer noch fest im Sattel und verteidigen ihren Stil gegen die "neumodischen" Perspektiven von den Universitäten. Umso interessanter ist es also, wenn aus den Staaten ein Werk den Weg in unseren Buchhandel findet, das sich explizit der Idee verschrieben hat, den kulturhistorischen Aspekt in der Militärgeschichte zu verankern. Und noch einmal wird dieses Werk interessanter, wenn es von John Lynn ist - einem stilistischen Altmeister der gekreuzten Feder, der ein enormes Talent dafür hat, pointiert und angriffslustig zu schreiben, ohne jemals den Respekt vor dem Gegner oder dessen Ansichten zu verlieren oder das Sujet selbst aus den Augen zu verlieren. Es handelt sich also um eine anregende Kampschrift, die auch noch lehrreich ist - was kann man sich mehr wünschen. 464 englischsprachige Seiten kosten (momentan) 13,99.

Erste Eindrücke

Lynn schreibt eigentlich zwei Bücher gleichzeitig. Zum einen versucht er, in einem periodenübergreifenden Ansatz herauszuarbeiten, in welcher starken Abhängigkeit Krieg und Gesellschaft prinzipiell stehen. Er verneint die Idee des zeit- und eigenschaftenlosen "Universal Soldiers" und betont stattdessen in einem komplexen, aber benutzbaren Modell die starken sozialen und kulturellen Einflüsse, die sowohl die Idealbilder als auch Realitäten des Krieges je nach Region und Periode prägen. So bemüht er sich darum, durch Differenzierung den jeweiligen Kriegern einer Periode und Region ein individuelles Gersicht zu geben und außerdem en passant den (gerade in den USA) starken Glauben an die Technikdeterminiertheit in der Militärgeschichte gezielt zu dekonstruieren. Panzer sind für ihn bspw. nicht in erster Linie technische Gebilde, sondern physische Manifestationen der Ansichten und Ideen ihrer sie jeweils hervorbringenden Gesellschaften, was letztlich die Kultur über die Technik stellt - ein sympathischer Ansatz.

Damit eng verbunden ist seine zweite Stoßrichtung. Eine der seit einigen Jahren am meisten und heftigsten diskutierten Theorien ist Victor Davis Hansons Theorie des Western Way of Warfare. Dieses Modell konstatiert, dass es einen "unique style" der Kriegführung gäbe, der in der Kriegskunst der griechischen Poleis begründet wurde, sich linear bis heute fortsetzt und letztlich auch die europäische Dominanz in den letzten Jahrhunderten erklärt. Diese Theorie ist keineswegs simpel - sie ist im Gegenteil recht komplex und berücksichtigt bspw. sozialhistorische Aspekte. Sie konstatiert aber letztlich auch das, was Lynn bekämpft - den "Universal Soldier", den ewigen, eigentlich unveränderten Krieger, der in jeder Epoche in Hansons Modell im Prinzip gleich ist, nämlich ein Western Warrior.

Lynn respektiert explizit die Größe und den Wagemut dieser umfassenden Theorie, nicht aber ihren Inhalt und er arbeitet sich gezielt und Stück für Stück an ihr ab. So fließen in der spitzen Feder des Autors beide Stoßrichtungen letztlich zu einer Agenda zusammen: Kulturelle Vielfalt in der Militärgeschichte zu betonen, um Technikgläubigkeit und/oder Universal Soldier-Apologie (besonders der Hansonschen Form) zu dekonstruieren.

Leseimpressionen

"This is not so much a work about the why of war but the how of war." Lynn betrachtet in acht Kapiteln die prozessuale Interdependenz von gesellschaftlicher Idealvorstellung und faktischer Realität des Krieges in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten Region. Wie bestimmt eine Idealvorstellung die Kriegs- und Schlachtenrealität, wie wirkt die Realität auf die Idealvorstellung ein? Wie stellt sich beides inhaltlich dar? Dominiert die normative Kraft oder die faktische - und warum? Und wie geht die Gesellschaft mit der einen oder anderen Situation um? So wird eine interessante Verquickung möglich - große und abstrakte sozial- und kulturhistorische Linien einerseits werden sinnvoll mit der kleinsten und konkretesten Ebene der Militärgeschichte, den eigentlichen Kampf, verschränkt.

Es ist kaum ein besserer Auftakt denkbar, um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, als der, den die Zeitleiste und natürlich auch Hanson vorgeben: Die Kriegführung der griechischen Poleis und mit ihnen die Kämpfe der Hopliten, die unter dem Titel "Written in blood" das erste Kapitel (S.1-28) bilden. Denn an dieser Phase kann Lynn sofort und ohne großen Widerspruch befürchten zu müssen, sein Modell für den Fall "Dominanz des Normativen" durchexerzieren - und genau so einen Fall braucht er als Startschuss, damit seine Perspektive sinnvoll und nutzbar erscheint. Die Phalanxkriegführung ist dafür ideal - sie ist nicht ohne Grund schon an anderem Ort eine "wonderful, absurd conspiracy" genannt worden. Hier hat sich eine Gesellschaft ein Kriegsbild gegeben und auch konsequent umgesezt, das so hanebüchen von allen "Zwängen der Realität" abweicht, wie man heutzutage automatisch zu sagen versucht ist, dass es nur durch ein Mittel zur jahrhundertelangen Realität werden konnte: Den Konsens aller Beteiligten. Lynn dekliniert in gebotener Kürze, aber ohne Hektik oder Verkürzungen durch, wie bei den Griechen das Idealbild des Krieges geartet war - und wie nah sie die Realität des Krieges damit zur Deckung brachten. Eine ganze Liste von im Regelfall auch eingehaltenen Vereinbarungen zeigt deutlich, dass dieses Kriegsbild sich keineswegs irgendwelchen Zwängen untergeordnet sah, sondern dass hier vielmehr Realität geformt und gestaltet wurde. Die Kultur der Poleis formte hier aktiv und rein nach ihrem Willen den Krieg - und ist somit ein idealer Auftakt für Lynns Buch.

Was nun folgt, ist das, was oft so schön "tour de force" genannt wird. Lynn arbeitet sich durch diverse Jahrhunderte und Regionen und dekliniert dabei verschiedene Perspektiven auf das jeweilige Militär und dessen Kriegswesen durch. So werden für die Antike die chinesischen und indischen Schriften zum Krieg analysiert - und zwar weit weg von der in Amerika verbreiteten, völlig unreflektierten Lobpreisung Sun-Tzus als einmaliges Genie. Im Gegenteil werden die Texte in ihre historischen Zusammenhänge eingeordnet und quellenkritisch seziert. En passant erfährt man überraschendes über die chinesische und indische Kriegführung, und bekommt ein mehr als schlechtes Gefühl, wenn man sich ob der eigenen Unkenntnis einen klaren Eurozentrismus eingestehen muss.

So überraschend, fundiert und interessant bleibt das Buch nun dauerhaft, so dass ich mich im Interesse der Lesbarkeit sowohl des Buches als auch dieser Rezension kurz fassen will: Im Kapitel über das Mittelalter (S.73-110) beschreibt Lynn die Reaktionen auf die immer weiter aufklaffende Schere von Idealbild und Realität des Krieges, die sich im Turnierwesen und dessen Entwicklung ("perfected reality") manifestierten. Das Kapitel zur europäischen Lineartaktik (S. 111-144, Lynns Hauptepoche) verknüpft eine Vielzahl von verschiedenen Perspektiven und Fäden, und zeichnet so ein äußerst kompaktes Bild dieser militärhistorischen Epoche. Das Kapitel "Victories of the Conquered" (S.145-178) befasst sich mit den indischen Sepoy und wirft die Frage auf, ob und wie sehr diese Truppen trotz der militärischen Zwangsverwandlung durch das europäische Militärwesen eine eigene Identität bewahrt bzw. neu entwickelt haben. Das Kapitel "The Sun of Austerlitz" (S179-218) befasst sich mit dem Zusammenspiel von europäischer Romantik und Militärtheorie, das in "romantic visions of decisive battles" seinen Niederschlag fand. "The Merciless Fight" (S.219-280) beschäftigt sich am Beispiel des Pazifikkrieges mit dem Einfluss von Rassimus auf Kampfmotivation und Kriegsform. Nach diesen eher "klassischen" Feldern analysiert Lynn in "Crossing the Canal" (s.281-316) die Einflüsse der ägyptischen Militärkultur auf dessen Effizienz im Sechstagekrieg. Ein Epilog zum Krieg gegen den Terror (S.317-358) lässt das Buch ausklingen und beschreibt, wie eine überraschend hereingebrochene neue Realität des Krieges zu einem "forming a New Military Discourse on War" führt.

Abschließende Kritik

Lynns Buch ist das, was neudeutsch (oder altenglisch) als "must read" bezeichnet wird. Die vielfältigen Perspektiven, Regionen und Epochen verschmelzen sinnvoll zu einem überzeugenden Plädoyer für zwei verschiedene Punkte: Erstens, dass primär die Kultur Wesen und Form eines Krieges bestimmt, und nicht Technik und/oder überzeitliche, objektive "Zwangsläufigkeiten" oder gar "ewige Gesetze". Zweitens, dass die "Western Way of Warfare"-Theorie so dermaßen löcherig ist, dass sie eigentlich bereits stehend tot ist. Solange die Hanson-Schule kein Buch veröffentlicht, dass Lynns Angriffe widerlegt, so lange ist sie in der Defensive.

Anmerkung

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